Kapitel 1
Naomi
»Du starrst das Blatt Papier jetzt seit fünf Minuten an, als sei es dein eigenes Todesurteil.« Paige musterte mich mit Sorge in ihrem Blick.
Zittrig stieß ich den Atem aus und schaute zu meiner Schwester, die, barfuß und mit einem Bein angewinkelt, auf meiner Designer-Couch saß. »Was soll ich mit einer Ranch? Außerdem, ist es nicht ein bisschen taktlos, über ein Todesurteil zu sprechen, kurz nach Granddads Beerdigung?«
Paige griff in eine Packung Cheetos. Auf halbem Weg zum Mund hielt sie inne. »Vielleicht hast du recht.« Genüsslich knabberte sie an ihren Chips. »Ich vermisse Granddad, wirklich, aber er hat uns die Ranch vermacht. Der Ort unserer Kindheit.« Ich erkannte eine Spur von Sehnsucht in ihren braunen Iriden, die meinen so ähnlich waren. »Ich könnte zukünftig mit Pferden arbeiten«, überlegte sie. »Platz genug hätten wir.«
»Wehe, du wischst die Krümel am Sofa ab.« Bei der Vorstellung, dass das rote Pulver der Cheetos auf meiner geliebten beigen Cordcouch klebte, stieg Ekel in mir auf. Und Frustration, weil ich diejenige sein würde, die den Stoff von dem Zeug befreite.
»Keine Sorge«, erwiderte Paige und leckte sich nacheinander demonstrativ die Finger ab.
Ich schüttelte halb belustigt den Kopf und las das Testament abermals durch. Die Diamond Cross Ranch war für alle Pferdeliebhaberinnen ein wahr gewordener Traum. Aber für mich? Ich wusste es nicht. Eine Chance? Mein finanzieller Ruin? Ein zweites Standbein?
Ich drückte mir das Schreiben des Notars an die Brust. All das Herzblut, das unser Granddad in den Aufbau der Farm gesteckt hatte, schrumpfte zu herzlosen, juristischen Absätzen zusammen, mit dem Ergebnis, dass ich das Haupthaus und Paige die Stallungen der Diamond Cross Ranch geerbt hatten. Jedes einzelne Wort hatte sich mir ins Gedächtnis gebrannt. Wilder Rivers’ letzter Wille war vom vielen Lesen und Falten weich geworden. Selbst die Tränenspuren hatten sich auf dem Papier verfestigt.
»Also, Schwesterherz, wann fahren wir los?« Paige legte die Packung auf den Tisch und drückte den Rücken durch. »Schließlich sollte ich mir die Stallungen ansehen.«
Ich schluckte gegen den Kloß in meinem Hals an. »Warum habe ich das Gefühl, dass du das nicht so ernst nimmst? Das ist Verantwortung. Und Zeit. Und Geld«, schob ich nach. Als ältere Schwester war es meine Aufgabe, mir rationale Gedanken zu machen und uns vor finanziellen Schwierigkeiten zu bewahren.
Paige stand auf, trat auf mich zu und legte mir ihre Hände auf die Schultern. »Naomi. Ich nehme das ernst. Allerdings überdenke ich nicht alles bis in Nanopartikel, so wie du. Funktioniert seit fünfundzwanzig Jahren. Wir kennen die Ranch, die Menschen, die in Jackson Hole leben, wir haben dort selbst gewohnt, bevor wir nach L.A. gezogen sind. Also. Das war unser Zuhause.« Sie ließ mich los, ging an mir vorbei ins Bad und wusch sich die Finger. Sie wusste, wie sehr ich Fettflecken hasste, die von Chips und anderem Süßkram herrührten. »Sei spontan und frei, so wie damals«, rief sie von dort.
»Du hast nur die Stallungen geerbt, du hast gut reden«, brummte ich. Und diese waren, soweit mir bekannt war, an Pferdebesitzende vermietet, die sich um die Instandhaltung, die Weiden und vor allem um die Tiere kümmerten. Ich hingegen hatte ein teilweise baufälliges Haupthaus vererbt bekommen, in dem unsere Granny wohnte. Mit zu vielen Zimmern und vermutlich zu hohen Renovierungskosten. Oder Sanierungskosten. Und die Idee, die mir in den vergangenen Tagen gekommen war, entpuppte sich als eine der exorbitanten Sorte. Mit dieser Idee – dieser Version – kamen zeitgleich die Ängste. Diese versuchte ich zu besiegen. Ich war fast dreißig Jahre alt und es war somit an der Zeit, mich zu behaupten. Dinge durchzuziehen. Mich selbst stolz zu machen.
»Mom und Dad freuen sich eh, wenn wir öfter da sind.« Paige lief um mich herum, schnappte sich das Testament aus meiner Hand und legte sich zurück auf die Couch.
»Ja, das stimmt.«
Unseren Eltern gehörte das bekannte Cowboy Coffee & Co im Stadtzentrum von Jackson und, zugegeben, ich freute mich, raus aus Los Angeles zu kommen und für ein paar Wochen die Landluft zu kosten.
Für mein Architecture-and-Interior-Studium an der UCLA war ich vor zehn Jahren von Wyoming an die Westküste gezogen und geblieben.
Paige räusperte sich theatralisch und zog die Beine in einen Schneidersitz. »Naomi River erbt das Haupthaus der Diamond Cross Ranch in Jackson Hole, Wyoming.« Jedes Wort war ein Stich in die Rippen und mein Mund wurde trocken. »Paige River erhält sämtliche Stallungen samt Boxen inklusive bestehender Mietverträge sowie Unterbringungsmöglichkeiten der Tiere und Weideflächen.« Meine Schwester blinzelte. »Warte, muss ich die Wiesen selber mähen?« Angst tropfte von ihren Worten.
»Du bist unmöglich.« Ich streckte den Rücken durch und lief in meinem Apartment auf und ab.
»Hatte Granddad nicht auch zwei Pferde?« Paige überlegte und ich blieb stehen.
»Dolly und Sternchen!« Ich schlug mir gegen die Stirn. Auf ihnen hatten wir das Reiten gelernt. Inzwischen mussten sie …wie alt sein? Zwanzig? Dreißig? Granny hätte uns sicher informiert, wenn sie gestorben wären. Oder?
Während Mom und Dad rund um die Uhr im Cowboy Coffee & Co arbeiteten, hatten wir den Großteil unserer Kindheit und Jugend auf der Ranch unserer Großeltern verbracht. Wärme durchflutete mich bei der Erinnerung daran.
»Wir waren mal richtige Pferdemädchen.« Meine Schwester ließ das Dokument sinken und ihr Ton nahm einen nostalgischen Klang an.
Waren.
»Ich weiß.« Nachdenklich tippte ich mir auf die Nasenspitze. »Früher, aber es ist viel zu lang her, dass ich im Sattel saß.«
»Das Wilde in dir muss nicht neu gefunden werden, Schwesterherz. Das Cowgirl muss nur wieder befreit werden. Ich weiß doch, wie sehr du die Ausritte geliebt hast.«
Bevor ich nach L.A. gezogen war.
Bevor ich mir ein Leben aufgebaut hatte und in einem der renommiertesten Architektenbüros – dem Golden Sunset Interior – arbeitete. Ich hatte mich an die Leichtigkeit der Großstadt gewöhnt. In Los Angeles gab es an jeder Straßenecke gefühlt alles. Und falls nicht, gab es Amazon Prime und Uber Eats. Ob es in Jackson Hole überhaupt einen Lieferservice gab?
»Naomi?« Fragend legte Paige den Kopf schief.
»Hm?«
»Bekommst du denn so lang frei?«
»Das ist kein Problem. Die anstehenden Projekte kann ich von der Ranch aus vorbereiten, ich brauche nur WiFi. Und das hat Granny eingeführt.« Das hatte ich abgesichert, bevor ich zugestimmt hatte, für die kommenden Wochen in meine Heimat zu reisen.
Meine Konzepte, die Planung und Kundschaft standen bei mir an höchster Stelle, vor allem jetzt, da Stella mir mehr Verantwortung anvertraut hatte. Ich beabsichtigte, weder sie noch die Kunden und Kundinnen zu enttäuschen. Weshalb einer der Gründe, das Erbe anzunehmen, war, dass ich aus der Diamond Cross Ranch mein eigenes Projekt machen wollte. Nach meinen Vorgaben und Ideen. Um zu beweisen, dass ich eine herausragende Innenarchitektin war.
Jackson Hole war ein Paradies für Touristen und Touristinnen und in mir keimte die Vorstellung, das Haupthaus der Ranch in ein Bed & Breakfast zu verwandeln und die Zimmer zu vermieten. Granny June würde weiterhin dort leben und die Einnahmen würden dazu beitragen, die Kosten für die Instandhaltung zu tragen. Denn ich wusste, dass meine Großeltern seit Jahren keine Renovierungen, Sanierungen oder irgendwelche Erneuerungen am Haus vorgenommen hatten. Granny hatte sich dazu bereit erklärt, den Gästen die Zimmer zu zeigen und für das leibliche Wohl zu sorgen. Darüber hinaus sah mein Plan vor, eine Reinigungskraft einzustellen, um Granny zu entlasten. Ich selbst würde an den Wochenenden, sofern es die Projekte in L.A. zuließen, vor Ort sein. Mein Kopf ratterte von all den Plänen, Ideen und Vorstellungen, die ich in den vergangenen Tagen und Wochen gesammelt hatte. Jede Faser in mir kribbelte vor Aufregung, weil ich das Projekt Diamond Cross Ranch & Lodge anging.
Vorher jedoch musste ich mir ein Bild von den Gegebenheiten auf der Ranch machen.
Mir graute es vor der Besichtigung. Paige war von meiner Idee semi-begeistert, weshalb ich ihr versicherte, dass unsere ehemaligen Kinderzimmer nicht vermietet werden würden und uns vorbehalten waren.
Falls wir Zeit in Jackson Hole verbringen wollten.
Was in den vergangenen Jahren lediglich an Thanksgiving, Geburtstagen und Weihnachten der Fall gewesen war. Aber die Vorstellung, einen zweiten festen Wohnsitz inmitten der atemberaubenden Natur der Grand Tetons zu besitzen sowie als Eigentümerin eines B&Bs tätig zu sein, trieb mich vermutlich öfter nach Wyoming als bisher.
»Denkst du wieder an dein Langweile-in-Beige-Projekt?« Paige nervte mich oft mit dieser lieblosen Bezeichnung und äffte mich regelmäßig nach. Sie meinte, ich sei in L.A. zu einem Bossbabe geworden und die Leichtigkeit wurde von Ernsthaftigkeit verdrängt.
»Das nennt sich Minimalismus und wird in Los Angeles bevorzugt.« Ich trank einen Schluck Wasser. Sie würde es nie verstehen.
»Minimalismus ist tot.« Sie tat, als würde sie gähnen. »Und langweilig.«
»In deiner WG vielleicht. Da riecht es schlimmer als auf unserer zukünftigen Ranch.« Ich beobachtete sie über den Rand des Wasserglases hinweg.
Sie zuckte kaum merklich zusammen, als ich es ausgesprochen hatte. Unsere Ranch. Ich durchwühlte einen Stapel Unterlagen auf der Küchentheke, um meine Finger zu beschäftigen. Wieso war ich so nervös?
Paige stand auf, durchquerte den offenen Wohn- und Essbereich und stützte die Ellenbogen auf die Theke. »Du hast Angst vor Jackson Hole.«
Verdammt, sie kannte mich viel zu gut.
»Habe ich nicht. Ich werde dort am Haus arbeiten, meinen langweiligen Traum in Beige verfolgen und dann nach Los Angeles zurückkehren.« Ich zupfte ein Blatt aus der Projektmappe hervor und tat, als würde ich lesen. Mein Herz raste.
Unsere Ranch.
Unser Zuhause.
Paige klaubte mir das Dokument aus der Hand und legte es mir richtig herum hin. Fuck. »Hat das etwas mit einem gewissen Jack aus Jackson–«
»Wag es dich«, unterbrach ich sie.
»Es hat etwas mit einem gewissen Jack aus Jackson Hole zu tun.« Ihr Grinsen brachte ihre Grübchen zum Vorschein.
Ich seufzte und stützte meinen Kopf in die Hände. »Er wohnt sicherlich eh nicht mehr da.« Zumindest hoffte ich das.
»Und was, wenn doch?«
Ich sah zu ihr auf. Warum nervten jüngere Geschwister immer so? »Nichts ist dann. Wir haben uns zuletzt vor …« Ich rechnete nach. »… sieben Jahren gesehen. Ich lebe in L.A. und arbeite als Innenarchitektin und Jack macht auch irgendwas. Irgendwo.«
»Hm, nee, schon klar.« Paige wandte sich ab und pfiff fröhlich. Wie recht sie doch hatte mit den Worten, die ungesagt zwischen uns hingen. War das dieser Elefant im Raum, von dem alle sprachen?
Jack und ich waren Jugendfreunde gewesen, bis wir in der Highschool zusammengekommen waren. Ein glückliches, junges Paar mit glücklichen Jahren. Gemeinsam hatten wir davon geträumt, eine eigene Ranch zu kaufen, Pferde auszubilden und Reitunterricht anzubieten. Jack hatte sich für Horsemanship-Kurse angemeldet und half zusammen mit meinem Granddad bei unseren Pferden.
Und ich?
Ich hielt diesen Traum für das, was es war: einen Traum. Eine Idee, in die man sich gern flüchtete.
Ein Traum, in den sich Verliebte steigerten, wohl wissend, dass dieser nie zur Realität werden würde.
Stattdessen hatte ich mich an der UCLA um ein Stipendium beworben und war meinen eigenen Träumen hinterhergejagt.
Ende der Geschichte.
Ich ballte ein unwichtiges Notizblatt zu einem Papierball zusammen und schmiss ihn auf meine Schwester. »Sieh lieber zu, dass du deine Sachen packst. In zwei Tagen fahren wir los. Wenn du nicht pünktlich bist, bleibst du hier und kannst mit dem Zug nachkommen.« Paige hatte keinen Führerschein und es war mehr als einmal vorgekommen, dass ich sie mitten in der Nacht von irgendeiner Party abholen musste.
Sie stemmte die Hände in die Hüften. »Das würdest du nicht.«
Ich faltete die Dokumente zusammen und legte sie ordentlich in die Mappe. »Finde es heraus.« Dann schob ich hinterher, als müsste ich mich selbst überzeugen: »Wir waren Jugendliche. Jack und ich.«
»Und doch wart ihr glücklich.«
Ich starrte auf meine Hände, als läge dort die Antwort auf all die Fragen. »Jack Hardin ist Vergangenheit.« Ich schnappte mir den Autoschlüssel und sah auffordernd zu Paige. »Komm, ich fahr dich nach Hause. Ich muss später noch was für das Meeting vorbereiten.«
Meine Schwester hielt inne. »Es ist gleich acht Uhr abends. Da geht man feiern oder essen.«
Ich wuschelte über ihren Messybun. »Und ich bereite ein virtuelles Vorher-Nachher-Modell von einem Projekt in den Hollywood Hills vor.«
Auf dem Weg nach draußen tat Paige, als müsse sie sich übergeben. »Langweilig. Und ich bin auf einer WG-Party eingeladen. Ich feiere für dich mit.«
»Mach das, solange dein Kater in zwei Tagen verflogen ist. Ich lass mir sicherlich nicht die Autofahrt bis nach Wyoming die Ohren vollheulen, wie schlecht es dir geht.« Ich zog die Tür zu, verriegelte mein Apartment und legte einen Arm um Paiges Schulter. »Schließlich erwartet uns eine Zukunft in Jackson Hole.«
Sie lachte und das raue Lachen vertrieb für wenige Herzschläge all meine Sorgen.
Kapitel 2
Naomi
Mein Ford Explorer rollte über den Schotterweg, der zur Diamond Cross Ranch hinaufführte. Mit jedem Meter, den ich meinem Erbe näher kam, pochte mir das Herz lauter. Heftiger.
Vergangene Nacht hatten Paige und ich im Gästezimmer unserer Eltern verbracht und ich hatte erfolgreich prokrastiniert, indem ich eben nicht zur Ranch gefahren bin. Doch jetzt war ich hier.
Ich zog die Handbremse an und schaltete den Motor ab. Der Blick in den Rückspiegel verriet mir, dass meine Wangen gerötet waren, und ich schob das auf das warme Sommerwetter. Ich trank den letzten Schluck des Mountain Dew aus und stellte die Plastikflasche in den Getränkehalter. Ich kramte mein Handy vom Beifahrersitz und starrte auf den Verbindungsaufbau – und seufzte. Das Netz war quasi nicht vorhanden.
Ich öffnete die Tür, schnappte mir meine Tasche und trat hinaus.
Ruhe empfing mich. Nur das Zirpen einiger Zikaden mischte sich harmonisch unter die Stille. Im Hintergrund tauchten die Berge der Grand Tetons auf und es schien, als würden sie die Ländereien der Ranch beschützen. Es roch nach Sommergras, Sonnenstrahlen und Heu. In der Ferne hörte ich ein Pferd wiehern, aber da die Koppeln hinter dem Haupthaus lagen, blieb mir eine Sicht auf die Tiere vorerst verwehrt.
Dieses Fleckchen Erde war bis zu meinem siebzehnten Geburtstag alles, was ich mir gewünscht hatte. Mein Rückzugsort, mein Zuhause. Fluch und Segen zugleich. Ein Fluch, weil ich beinahe jeden Menschen in Jackson Hole kannte und im Umkehrschluss sie mich. Das war ein Nachteil, wenn man als Teenie begonnen hatte, seine Grenzen zu testen. Ein Segen wiederum deshalb, weil ich mich hier wohlgefühlt hatte. In Sicherheit. Das Familienleben auf der Ranch war beständig gewesen. Das Haupthaus und die angrenzenden Weiden und Wälder waren verknüpft mit den schönsten Erinnerungen, die ein Kind besitzen konnte.
Granddad hatte mir das Reiten beigebracht und ich hatte nach der Schule bei den anfallenden Arbeiten geholfen. Paige und ich hatten stundenlang auf den Wiesen gespielt oder Nachtwanderungen unternommen. Wir hatten Bären und Wölfe gesehen, Baumhütten gebaut und die Jahreszeiten dabei beobachtet, wie sie kamen und gingen. Selbst als meine Eltern in die Wohnung über dem Cowboy Coffee & Co im Stadtzentrum gezogen waren, behielten Paige und ich unsere Zimmer im Haupthaus. Bis heute.
Obwohl ich den Großteil meiner Kindheit hier verbracht hatte, sah ich das Haus der Ranch nach all den Jahren mit anderen Augen. Vermutlich lag das an meinem abgeschlossenen Studium. Dennoch: Es schrie nach Renovierungskosten.
Ein Lächeln ließ sich nicht vermeiden, als ich auf die Veranda zuging. Das war meine Kindheit. So viele Erinnerungen prasselten auf mich ein. Von Paige und mir, wie wir Fangen spielten, auf Heuballen kletterten oder versuchten, im Bachlauf unten Fische zu angeln – es hatte nie geklappt.
Für wenige Herzschläge schloss ich die Augen und strich über die Brüstung. Das Holz kann erneuert werden, dachte ich und sah anschließend an mir hinab. Ich trug eine ausgestellte weite Jeans, ein weißes Top und Sandalen. Kein Mensch in Jackson Hole trug Sandalen. Nervosität kribbelte mir in jeder Pore und ich rieb die schwitzigen Handflächen an der Hose ab.
Ein Hund bellte zweimal und kam um die Ecke der Veranda.
»Rusty, mein alter Freund.«
Der uralte Rhodesian Ridgeback kam schwanzwedelnd auf mich zu. Ich hockte mich hin, um ihm durch das Fell zu streicheln. Er schleckte mir über die Hand, ehe er sich umdrehte und sich hinlegte. Dass er noch immer da war, beruhigte mich.
Ich richtete mich auf und betrachtete das Haus. Geschichte klebte an jeder Holzdiele, an jeder Stufe und an den Wänden. Drinnen wie draußen. Lauwarmer Wind wehte auf und eine Brise touchierte mir die Wangen, als würde ein Hauch Vergangenheit nach mir greifen. Zumindest redete ich mir das ein und die Vorstellung gefiel mir.
Meine Vorfahren hatten das Grundstück im späten neunzehnten Jahrhundert gekauft und die Diamond Cross Ranch war im Besitz der Rivers in vierter Generation.
»Die Außenfassade benötigt definitiv einen neuen Anstrich und einige Ausbesserungen sollte ich dringend vornehmen.« Mit schief gelegtem Kopf musterte ich die Verkleidung und hörte imaginär die Dollarzeichen klingeln.
Ich klopfte anstandsmäßig an der Tür. Granny June wohnte noch hier und ich wollte sie nicht erschrecken, indem ich unangekündigt eintrat.
Ein, zwei Sekunden wartete ich, doch nichts regte sich im Inneren. Ich öffnete vorsichtig die Tür, die zu meinem Überdruss quietschte. Die muss geölt werden, schrieb ich gedanklich auf die Liste, die – obwohl ich das Haus nicht betreten hatte – bereits die ersten To-dos aufwies.
»Naomi! Schatz!« Granny schaute von der offenen Küche zu mir und lächelte mich breit an.
Ich überbrückte die Distanz zu ihr, wobei der Holzboden knarzte, als wolle er mich ebenfalls begrüßen. Oder mich daran erinnern, dass jede Menge Arbeit auf mich zukam.
Liebevoll schloss ich Granny in die Arme und vergrub mein Gesicht in ihrer Schulter. Ich erschrak, als ich merkte, wie zierlich sie geworden war. Dabei konnte ich es ihr nicht verübeln, schließlich hatte sie vor zwei Wochen ihren Mann verloren, der sein Leben lang an ihrer Seite gewesen war.
»Wie geht es dir, Liebling?« Sie hielt mich an den Oberarmen gefasst und betrachtete mich von Kopf bis Fuß.
»Gut, danke.«
Granny schnaubte. »Du konntest noch nie gut lügen.«
Ertappt zuckte ich zusammen. »Mag sein, wie geht es dir?«
»Gut«, wiederholte sie meine Worte und ich schmeckte die Lüge. »Möchtest du einen Kaffee?«
Dankend nickte ich und setzte mich auf einen Hocker vor den Küchentresen. Granny drehte das Radio leiser, aus dem bleierne Töne von Country-Musik drangen, und richtete dabei die Antenne neu aus. Anschließend widmete sie sich der Kaffeemaschine und der mir bekannte Duft beruhigte meine Nerven.
Wenig später stellte sie mir eine dampfende Tasse vor die Nase und ihre Augen, die den Ton von dunkler Schokolade hatten, musterten mich erneut. »Also, Kindchen, erzähl mir alles.« Sie nahm mir gegenüber Platz und ich trank einen Schluck von dem Kaffee, der mir neue Lebensgeister einhauchte. Ja, das mit dem bitteren Heißgetränk hatte meine Familie im Blut.
»Paige und ich sind gestern angereist und sie hilft heute im Laden aus. Ich denke mal, dass sie später vorbeikommt. Ansonsten wollte ich mir gleich eine Übersicht vom Haus verschaffen und dessen Zustand begutachten.« Ich schluckte hörbar und schalt mich eine Närrin bei der Geschäftigkeit in meinen Worten. Obwohl ich Grandma June in meine Pläne eingeweiht hatte, war es ein komisches Gefühl, diese in die Tat umzusetzen. War es Verrat?
Als hätte sie meine Gedanken gelesen, griff sie nach meiner Hand und drückte kurz, aber bestimmt zu. »Wilder wäre stolz auf dich. Und das Haus ist viel zu groß für mich.« Funkelnd musterte sie mich. »Und, Naomi-Schatz …«
»Mh?« Ich presste die Lippen zusammen.
»Du bist hier zu Hause. Entspann dich.« Sie zwinkerte mir zu und eine Last fiel mir von den Schultern, die sich wie ein unsichtbares Gewicht auf mich gelegt hatte.
Ich pustete mir eine Strähne meines blonden Haares aus dem Gesicht und steckte sie mit einer Klammer nach hinten, die ich aus der Tasche gefischt hatte. »Trotzdem ist es komisch.« Ich biss mir auf die Lippe. »Alles.«
»Na ja, ich bleibe hier wohnen und durch neue Gäste kommt wieder Leben auf die Ranch. Rusty und ich sind alleine, ein bisschen Abwechslung wäre nicht schlecht. Außerdem muss doch zukünftig jemand meinen Apple Pie essen.«
»Danke, Granny.« Ich trank die Tasse in einem Zug aus. Mein Handy vibrierte. Anscheinend hatte es sich mit dem WiFi verbunden und die Nachrichten trudelten ein. Das Display zeigte mehrere neue E-Mails an.
»Bist du wieder beschäftigt wie immer?«
Hitze schoss mir in die Wangen. »Ich helfe aktuell bei zwei Projekten in L.A. und die Kundinnen sind mit den ersten Entwürfen einverstanden. Ich muss nachher aber ein paar Verbesserungen vornehmen«, erklärte ich, und klopfte auf meine Tasche, in der sich Laptop, Terminplaner und einige Notizbücher befanden.
»Ich bin sehr gespannt, was du aus unserer Ranch zaubern wirst«, verkündete Grandma June und ehrliches Interesse blitzte in ihren Augen auf. »Ich bin so stolz auf dich.«
Wärme breitete sich in meinem Herzen aus. »Ich werde dich in alle Prozesse einweihen«, versicherte ich. Mein Kopf begann, zu rattern, als ich die offene Wohnküche sah und in den Flur hinausschaute, von dem mehrere Zimmer abgingen.
»Du bleibst auf jeden Fall unten wohnen.« Ich deutete den Flur hinab. »Die beiden Zimmer könnten vermietet werden und in der zweiten Etage sind nochmal zwei.« Wie war das mit dem geschäftigen Ton? War die Businessfrau so in mir verankert? Ich wusste nicht, ob mir das Sorgen bereitete.
Granny runzelte die Stirn. »Es sind sogar vier oben«, bemerkte sie.
Ich fächelte mir Luft zu und suchte die Klimaanlage. »Paige und ich wollen unsere alten Zimmer vorerst behalten. Wir werden zukünftig öfter auf der Ranch sein.«
»Das wäre toll«, sagte sie und schien zu bemerken, dass ich nach etwas Ausschau hielt. »Die Klimaanlage ist kaputt.« Bekümmert zuckte Granny die Achseln.
Ich wirbelte herum. »Wie hältst du das aus? Es ist Sommer!« Obwohl es erst kurz nach zehn war, staute sich die Wärme bereits.
»Ich glaube, mit fünfundsiebzig hat man sich allmählich an die heißen Tage in Wyoming gewöhnt. Wirst du auch irgendwann.«
»Granny, Los Angeles ist nicht besser. Da wird es ebenfalls bis zu vierzig Grad.« Weshalb ich Notizbuch und Kugelschreiber aus meiner Tasche zog und zu der Seite blätterte, die ich für To-dos vorbereitet hatte. Schnell kritzelte ich Renovierung der Fassade sowie Ölen der Tür hinein und vervollständigte den Eintrag um Reparatur der Klimaanlage.
Granny beobachtete mich und unterdrückte ein Kichern.
»Was?«, fragte ich halb lachend und trommelte mit dem Stift auf den Tresen.
Sie nahm ihre Brille von der Nase und polierte sie an ihrem T-Shirt-Saum. »Nichts, es ist nur komisch, dich beim Arbeiten zu beobachten.«
»Ich schreibe erst mal was auf, das ist noch kein Arbeiten.«
»In meinen Augen bist du zehn Jahre alt und lernst gerade das Reiten auf Dolly.«
Abrupt hielt ich inne. »Dolly und Sternchen … wie geht es ihnen?« Ich nahm mir vor, die beiden Stuten im Laufe des Tages zu besuchen, auch wenn ich mit der Zeit einen gewissen Respekt vor Pferden entwickelt hatte.
Grannys Stimme nahm einen sanften Ton an. »Denen geht es gut. Sie sind zwar schon älter, aber gesund und munter. Sternchen genießt ihre Rente und Dolly freut sich, wenn sie bewegt wird. Keine Sorge, um die beiden müsst ihr euch nicht zwangsläufig kümmern, das übernehmen unsere Cowboys und Cowgirls.«
Beinahe erleichtert atmete ich auf. Die Renovierungsarbeiten würden mir vermutlich alles abverlangen und in der Pferdeversorgung kannte ich mich nicht genügend aus.
Granny schien meine Gedanken zu erraten. »Sieh dich in Ruhe um, ich backe schon mal meinen berühmten Apple Pie.«
Bei der Erinnerung an das leckerste Gebäck meiner Kindheit und Jugend fing mein Bauch an, zu knurren. Ich drückte Granny einen Kuss auf die Wange. »Du bist die Beste!«
Und damit begann ich den Rundgang durch das Haus. Während ich die Räume begutachtete, durchdachte ich Konzepte, ging die Pantone-Farbpalette im Geiste durch und stellte mir vor, wie ich die Möbelstücke neu anordnete.
Der offene Wohn- und Essbereich eignete sich hervorragend für die künftigen Besuchenden, um selbst zu kochen oder abends zusammenzusitzen. Ein Trümmerteil eines rustikalen Schranks thronte an der rechten Wand. Mit dem nötigen Feinschliff würde er dem Bereich eine gemütliche Note verleihen und ich stellte mir vor, wie Gesellschaftsspiele und Bücher zukünftig dort Platz fanden. Ich notierte die Ideen fleißig in mein Notizbuch. Das L-förmige Wildledersofa sah genauso aus wie früher. Paige und ich hatten vor Jahren mal einen Zehndollarschein in den Ritzen gefunden und niemandem etwas gesagt. Stattdessen hatten wir uns davon im Zentrum von Jackson ein Eis gekauft.
»Wenn du die nächsten Monate durchhältst, bekommst du neue Zierkissen«, flüsterte ich dem Sofa zu und fuhr über den Stoff.
»Hast du was gesagt, Naomi?«
Ich zuckte zusammen. »Nein, Granny.«
»Deine Gedanken waren schon immer ein Möbelkatalog.«
Neue Zierkissen schrieb ich auf, was ein geringerer Kostenfaktor war. Immerhin etwas. Ich betrachtete den Kamin vor dem Sofa, der im Winter für ein heimeliges Ambiente gesorgt hatte. »Der Kamin funktioniert noch, oder?« Ich betete, dass dem so war.
Granny kippte gerade Mehl in eine Rührschüssel. »Im Februar hat er zumindest funktioniert.«
Ich nickte und ging in den Flur. Zwei der vier Zimmer, die sich unten befanden, verfügten über ein eigenes Badezimmer. Das machten sie perfekt, um sie zu vermieten. Das einzelne Bad sowie die anderen beiden Räume würden Granny gehören. Die Wände in den zukünftigen Räumen des B&Bs mussten definitiv neu verputzt und gestrichen werden und die Bäder benötigten neue Sanitäranlagen. Wenigstens sind die Holzdielen in Ordnung, schoss es mir durch den Kopf. Diese würde ich polieren lassen, sodass sie im frischen Glanz erstrahlten. Ich lief zur Treppe, die in den zweiten Stock führte. Einige der Stufen knarzten und quietschten, obwohl der dicke Teppich darauf die Geräusche verschlucken sollte.
»Der Teppich kommt runter, damit es moderner wirkt«, flüsterte ich, halb in Gedanken versunken.
Oben angekommen, biss ich mir auf die Lippen. Staubpartikel tanzten im Schein, der durch das Fenster drang. Mein Zimmer befand sich auf der linken Seite. Ein, zwei Herzschläge blieb ich davor stehen. Mach es wie ein Pflaster. Schnell abziehen. Ich straffte die Schultern und taumelte beinahe in mein altes Kinderzimmer. Das Gefühl, mich in der Zeit zurückkatapultiert zu haben, ergriff Besitz von mir. Stille hüllte mich ein und ließ mich mit Erinnerungsfetzen allein.
Hier war so viel passiert.
Ich sah mich selbst, wie ich am Fenster saß und die Wälder beobachtete. Wie kindliche Naivität mich hatte glauben lassen, dass alles für immer so blieb. Als wäre es gestern gewesen und nicht erst zwölf Jahre her. Tränen bahnten sich einen Weg meine Wangen hinab. Der Duft von Holz, Staub und Erinnerungen flutete mir die Sinne.
Mein Bett stand an der rechten Seite, die Matratze war mit weißen Laken abgedeckt. Unterhalb des riesigen Fensters hatte Dad mir eine Vorrichtung angebracht, auf der mehrere Kissen thronten. Dort hatte ich als Kind gelesen, Tagebücher gefüllt oder bis spät in die Nacht Skizzen von Zimmern und Räumen angefertigt. Mein Schreibtisch stand an der linken Seite und ein Poster hing noch an der Wand. Ich wischte mir die Tränen aus den Augenwinkeln. Als Teenie hatte ich Oscar Miller angehimmelt, ein Reining-Champion, der darauf abgebildet breit grinste. Das Poster war durch das Sonnenlicht der vergangenen Jahre stark ausgeblichen. Armer Oscar.
Ich lehnte mich an die Wand und ließ das Zimmer auf mich wirken. Die Erinnerungen an die Vergangenheit blendete ich aus, denn hier ging es um meine Zukunft.
»Keine Sorge, du wirst nicht vermietet. Nur aufgehübscht«, versicherte ich dem Raum. Irgendwie klangen die Worte schmerzhaft und mein Brustkorb zog sich zusammen.
Eine Tür führte in ein angrenzendes Badezimmer und ich schaltete die Lampe ein. Eine einsame Glühlampe spendete gespenstisches Licht. Ich hatte Angst, dass mir in dem alten Haus die Sicherungen um die Ohren flogen, sobald ich den Stecker meines Föhns einsteckte. Neue Elektrik schrieb ich in das Notizbuch. Eventuell konnte ich meine Organe verkaufen, um zusätzliches Geld einzunehmen? Das Bad war weiß und schlicht gehalten. Pantone 12-4401 TSX Antique Crinoline würde das Ganze optisch aufwerten. Hatte ich mich vielleicht doch übernommen? Waren die Ausgaben so hoch, dass sich der Aufwand nicht lohnte? Ein wirtschaftlicher Totalschaden, sozusagen?
Meine Hände zitterten. Ich ging aus dem Bad und ließ mich auf dem Schreibtischstuhl fallen. Niedergeschlagen vergrub ich meine Stirn in den Händen.
Naomi Wilder. Du schaffst das. Aufgeben war nie eine Option.
Ich musste nicht zwangsläufig alles auf einmal renovieren. Das Wichtigste zuerst und der Rest … danach? Nachdem die ersten Erträge erwirtschaftet waren, würde ich bei den Renovierungen weitermachen. Das dauerte zwar länger, war vermutlich aber die finanzierbarste Option.
Paiges Beschreibung von Langeweile in Beige kam mir in den Sinn. Zugegeben, der Country-Style des Ranchhauses sollte durchschlagen, immerhin kamen die Touristen und Touristinnen deshalb nach Jackson Hole: wegen des Cowboy-Flairs. Ich wollte mich hier austoben, mit Farben und Materialien spielen, die ich für passend befand und nicht der Kundenstamm aus L.A..
Schweiß rann mir die Wirbelsäule hinab und ich fächerte mir Luft und Mut gleichermaßen zu. Ich überflog die vollgeschriebenen Seiten des Notizbuchs und vervollständigte einige Stichpunkte. Dann betrachtete ich die Schublade am Schreibtisch, aus der durch den dünnen Spalt die Ecke eines Zettels hervorlugte. Neugierig runzelte ich die Stirn und zog die Schublade auf. Mein Herz setzte mehrere Schläge aus, als ich auf das Foto starrte, das all die Jahre hier verborgen gelegen hatte. Es zeigte mich, Paige und … Jack.