Leseprobe Wenn die Stille bricht | Der spannende Kriminalthriller, der dich nicht loslässt

Kapitel 1

Juli – Montag, ein Jahr später

Die Sonne zwängte sich hinter den dunklen Kiefern hervor, als Kriminalhauptkommissarin Stefanie Reuter blinzelte und nach ihrem Handy auf dem Nachttisch tastete.

Sie zog das Telefon zu sich, kniff zweimal die Augen zusammen und schirmte sie gegen die grellen Sonnenstrahlen ab. So früh am Morgen genoss sie die Wärme auf ihrer gebräunten Haut und atmete tief durch. Fünf Uhr dreizehn zeigten die hellgrünen LED-Zahlen, und ihr Kopf fiel dankbar ins Kissen.

Meistens war sie in den vergangenen zwölf Monaten ohne Wecker aufgewacht. Mit einem Klick stellte sie die Alarmfunktion ab. Schlaf hatte sich seit dem brutalen Mordanschlag vor genau einem Jahr zum Luxusgut entwickelt, und wenn es ihr doch einmal gelang, nicht schweißgebadet mitten in der Nacht aufzuwachen, wollte sie das Wunder nicht durch elektronisches Gepiepe verscheuchen.

Neben ihr grunzte Viktor und sie rümpfte die Nase. Im Gegensatz zu ihrem Mann liebte sie es, den Tag mit Sonnenstrahlen im Gesicht zu beginnen. Er konnte sich Besseres vorstellen, als unfreiwillig geweckt zu werden, aber da ihn die Helligkeit im Schlafzimmer nicht beim Schlafen störte, gönnte er ihr die Freude.

Als Eurofighter-Pilot war er es vor seiner Pensionierung gewohnt gewesen zu schlafen, wenn man Zeit zum Schlafen bekam, und nicht, wenn es Zeit war zu schlafen. Um diese Fähigkeit beneidete sie ihn. Im Gegensatz zu ihm war sie oft stundenlang damit beschäftigt, die Dämonen der Folter zu verdrängen, die sich seit der Zeit in dem feuchten Kellergewölbe in ihr Unterbewusstsein gefressen hatten.

Ein Jahr lag die Entführung jetzt hinter ihr, und sie war stolz darauf, Pillen und Alkohol los zu sein und von vorne beginnen zu können.

Mit seiner natürlichen Ruhe war Viktor ihr Fels in der Brandung gewesen. So klischeehaft sich das auch anhören mochte, seine Schultern waren breit genug für sie beide, und deswegen würde sie ihn immer lieben. Was machten da ein paar Schnarcher aus?

Heute, am ersten Juli, würde sich ihr neuer Lebensabschnitt öffnen.

Endlich.

***

»Mama!«, rief Liam aus dem Badezimmer im ersten Stock. »Mein Bauch tut weh!«

Steffi stand vor der Arbeitsplatte in der Küche und schüttelte die nassen Weintrauben im Sieb. War ja klar, dass heute Morgen irgendetwas nicht nach Plan laufen würde …

Zwischen ihren Augen bildete sich eine schmale Zornesfalte, und sie wusste, dass sie sich in zehn Jahren wegen der Falten hassen würde. Dann grinste sie über das Augenrollen ihrer Tochter Jette und stellte das Sieb ab.

»Simulation?«

Für einen Wimpernschlag unterbrach Jette die Kunst des Handy affinen Frühstücks und zuckte mit den Schultern. Zu einer konstruktiven Aussage konnte Steffi sie nicht animieren. Dazu war ihr vor Nachrichten überlaufender Bildschirm viel zu bedeutsam. Über den inflationären Handykonsum ihrer Tochter regte sie sich schon seit zwei Jahren nicht mehr auf. Erst hatte ihr der Job als Drogenfahnderin bei der Kölner Kriminalpolizei die Zeit gestohlen, und im vergangenen Jahr war sie durch die intensive Psychotherapie als Mutter ausgefallen. Welches Recht hatte sie also, ihrer Tochter etwas vorzuschreiben, wenn sie kaum Gelegenheiten gehabt hatte, mit ihr zu reden? Und ganz nebenbei half ihr das eigene Smartphone oft genug über die düsteren Wolken hinweg, die es weiterhin auf sie abgesehen hatten.

»Was gibt es denn so Dramatisches heute Morgen?«

»Och, nichts«, antwortete Jette ohne aufzublicken und schaufelte einen Löffel Porridge in sich hinein.

Steffi schüttelte sich. Dem schnöden Haferbrei konnte und wollte sie gar nichts abgewinnen. Da konnte ihre Tochter noch so viel Obst hineinschnippeln und es fotogen anrichten. Nein, mit gekochten, warmen, aufgequollenen Haferflocken konnte man sie jagen. Müsli war ja okay, aber es durfte nicht schwimmen, und kalt musste es sein.

»Wo bist du denn, Schatz?«

Sie griff nach ihrem Telefon, zuckte beim Anblick der Uhrzeit kurz und stiefelte die Treppenstufen hinauf. Wenn Liam simulierte, wäre es spätestens jetzt damit vorbei. Nichts brachte ihren dreizehnjährigen Sohn rascher auf die Palme als die Anrede Schatz.

»Im Bad«, grummelte er, und als Steffi die Tür aufschob, kauerte er zusammengerollt auf dem Boden, die Arme um den Bauch geschlungen.

»Was ist denn mit dir los, mein Kleiner?« Sie kniete sich neben Liam und streichelte ihm über den Kopf. »Hast du was Falsches gegessen?«

»Ich weiß nicht.«

»Hast du dich übergeben?«

»Ja«, stammelte er.

Sie zog seinen Oberkörper von den weißen Fliesen. Dann drückte sie seinen Kopf an ihre Brust. »Na ja. Kann ja mal passieren. Ich schlage vor, du gehst wieder ins Bett und ruhst dich aus.«

»Hey, ihr beiden«, sagte Viktor, zwängte sich an Frau und Sohn vorbei und stellte sich vor das Waschbecken. Dann strich er sich abschätzend mit der Hand über die Bartstoppeln und schüttelte den Kopf.

»Liam hat Bauchschmerzen«, erklärte Steffi ihrem Mann, der sich auf den Rand der Badewanne gesetzt hatte. Sie zwinkerte ihm zu. »Damit kann er selbstverständlich nicht in die Schule gehen.«

»Nein, auf keinen Fall. So etwas muss man auskurieren.«

»Ist natürlich dumm, dass er heute eine Mathearbeit schreibt.«

»Ach die, für die wir so viel gelernt haben?«

»Genau die.«

»Na ja, aber mit Bauchschmerzen kann man ja keine Leistung bringen.«

Steffi wusste, was kommen würde und küsste ihren Sohn aufs Haar.

»Und ich hatte mich schon auf das Trainingsspiel heute Abend gefreut«, warf Viktor ein und trat wieder vor den Spiegel. Als ob er alleine im Bad wäre, sprach er weiter und kratzte sich mit der Hand im Schritt.

Steffi verzog die Augen und drückte ihren Sohn an sich. Typisch Mann. Denkt der eigentlich auch mal daran, dass er nicht alleine ist?

»Ich werde gleich deinen Trainer anrufen und dich für das Spiel entschuldigen«, nuschelte Viktor und quetschte eine akkurate Zahnpastalinie auf die Borsten.

Sofort spürte Steffi, wie sich Liams Körper versteifte. So weit hatte er offenbar nicht im Voraus geplant. Sanft schob er sich von ihr und schaute sie so bemitleidenswert an, dass sie dicht davor war, ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Hatte er doch die Wahrheit gesagt?

Liam stöhnte und kniete sich auf die Fliesen. Dann legte er die Arme um ihren Hals und flüsterte kleinlaut: »Ich glaube, es geht mir schon etwas besser.«

***

»Abfahrt in zwei Minuten!«, rief Steffi und stopfte den Thermobecher in ihre Umhängetasche. Das schlanke dunkelblaue Gefäß mit dem schwarzen Trinkverschluss war bereits ihr dritter Versuch, Kaffee im Auto zu genießen. Bis jetzt tat der Becher, für den sie fünfundvierzig Euro ausgegeben hatte, was er sollte. Er hielt Milch und Kaffee heiß und war dicht. Das war gut für ihre Handtasche, die sie liebte und nur widerwillig in der Mülltonne entsorgen würde.

Sie lehnte sich gegen die schwere Haustür und verschränkte die Arme vor der Brust. An der Pünktlichkeit ihrer beiden Kinder würde sie noch arbeiten müssen. Im Gegensatz zu ihrem Mann trieb sie die Termintreue nicht ins Uferlose, aber sie kam äußerst ungern zu spät. Jette und Liam sahen das, gelinde ausgedrückt, entspannter.

»Kinder! Kommt schon! Ich habe es heute eilig!« Um zu wissen, dass sie bereits zehn Minuten hinter ihrem Zeitplan lag, brauchte sie nicht auf die Uhr zu schauen. Allerdings musste sie den beiden ja auch nicht auf die Nase binden, dass sie den Abfahrtstermin in weiser Voraussicht um eine Viertelstunde vorverlegt hatte.

Das schwarze T-Roc-Cabriolet hatte sie bereits gestern vor der Doppelgarage geparkt. Mit Regen war in den kommenden Tagen ohnehin nicht zu rechnen, und nachdem sich der Besuch bei ihrer Mutter am Abend zerschlagen hatte, war sie zu faul gewesen, das Auto in die Garage zu fahren.

Seit dem Umzug von Köln nach Niederhagen war der Schulweg zum Gymnasium in Wermelskirchen eine Spur komplexer. Zu Fuß würde es über eine Stunde dauern, und den Schulbus zu benutzen, hatte Jette ohne Diskussion abgelehnt. Sie zwänge sich doch nicht mit dem ganzen Gemüse in den Bus. Als fast Volljährige mit dem Bus zu fahren, schrammte knapp an einer Beleidigung vorbei, und bevor Steffi die Keule der Maßregelung geschwungen hatte, war Viktor eingeknickt.

Bei schlechtem Wetter hatte er vorgeschlagen, seine beiden Lieblingskinder hin und wieder zur Schule zu fahren. Dass aus diesem freundlichen Angebot ein Ganzjahres-Taxidienst werden würde, hatte er unterschätzt. Er war davon ausgegangen, dass die morgendlichen Autotrips mit Papa rasch zu peinlich werden würden und der Bus die bessere Alternative wäre. So konnte man sich täuschen …

Steffi drückte den Schalter für das Öffnen des Verdecks. Obwohl es so früh am Morgen bereits angenehm warm war, hatten beide Kinder gegen offenes Fahren opponiert. Der Wind zerstöre doch ihre Frisur, war die Top-Ausrede ihrer Tochter gewesen. Da Jette deutlich älter als ihr Bruder war, pochte sie darauf, vorne zu sitzen. Insofern hatte Steffi Verständnis für Liams Gemecker auf dem Rücksitz. Der T-Roc war beileibe kein kleines Auto, und sie liebte es, ohne Blech über dem Kopf zu fahren. Doch bevor sie zehn Minuten Dauerkritik ertragen musste, blieb das Verdeck während der Fahrt geschlossen.

Sie wählte ihren Lieblingssender WDR 2 und grinste beim Anblick ihrer Tochter, die sich AirPods in die Ohren steckte. Dauerbeschallung war ihr lieber, als den Nachrichten zu lauschen.

War sie früher genauso gewesen? Diese Frage beschäftigte Steffi jeden Morgen. Kaum saß Jette im Auto, verband sie ihr Handy mit dem CarPlay-System des T-Roc.

Wie, du willst Radio hören?Wie oldschool ist das denn?

Steffi würde ihre Mutter besser nicht fragen, wie nervig es für sie gewesen war, ihre Tochter den ganzen Tag mit Kopfhörern und Walkman sehen zu müssen. Mist!

Nachdem sie die Kinder vor der Schule abgesetzt und ihren unmotivierten Gang zum Gebäude begutachtet hatte, fuhr sie zusammen. Ein Blick auf die Digitaluhr zeigte, dass ihre fünfzehn Extraminuten zusammengeschmolzen waren und das Navi siebzehn Minuten bis zur Polizeiwache in Burscheid prognostizierte. Da würde sie die Geschwindigkeitsbegrenzungen auf der L 51 wohl als Empfehlung ansehen müssen.

Einen Kilometer später huschte sie über die gelbe Ampel und beschleunigte. Die Landstraße nach Burscheid war heute Morgen natürlich voller als sonst, und sie biss sich auf die Unterlippe. Na toll, da kam sie ja direkt am ersten Tag zu spät!

Sie schob die Sonnenbrille fester auf die Nase und drückte die Trinköffnung des Thermobechers auf. Als sie ansetzte, bremste der blaue Kombi vor ihr und ein heißer Schwall Milchkaffee brannte auf ihrer Zunge.

»Musst du genau jetzt bremsen?«, blökte sie und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. Wütend funkelte sie den Becher an und fummelte ihn zurück in die Ablage der Mittelkonsole. Aber worüber beschwerte sie sich? Eigentlich war es ja ihr Fehler gewesen. Sie hatte den Kaffee eine Spur zu heiß eingefüllt und strich sich nun mit der tauben Zunge über die Zähne.

Um die verlorene Zeit aufzuholen, trat sie das Gaspedal durch, blinkte und scherte aus. Sie flog an dem blauen Bremser vorbei und genoss den Wind in den Haaren.

Warum war das Leben nicht immer so schön, dachte sie, verfolgte die Kondensstreifen eines Flugzeugs am stahlblauen Himmel und kniff die Augen zusammen, als sie die roten Strahlen der Blitzersäule blendeten.

Kapitel 2

Um sieben Uhr dreiundzwanzig drückte Steffi auf das Verriegelungssymbol am Autoschlüssel und das Cabrio blinkte wie ein Weihnachtsbaum. Wo waren nur die Zeiten hin, in denen man ein Auto geräuschlos abschließen konnte, fragte sie sich und seufzte. Bei nächtlichen Überwachungen hatten sich die neumodischen Spielereien oft als Hindernis erwiesen. Fast immer schaute jeder automatisch hin, wenn ein Auto optisch und akustisch auf sich aufmerksam machte. Privat war sie allerdings dankbar für die Bestätigung, ihr Auto verschlossen zu haben.

Sie schwang die Tasche über die Schulter und marschierte auf die Eingangstür der Polizeiwache Burscheid zu. Nach dem unnötigen Fototermin auf der Landstraße war sie gut durchgekommen und hatte direkt einen Parkplatz hinter dem Gebäude gefunden. Jetzt blieben ihr noch sieben Minuten, um sich nicht gleich am ersten Tag zu verspäten.

Steffi klingelte. Ohne ihren neuen Dienstausweis musste sie die bürgerliche Variante wählen und schellen. Die Tage, an denen man einfach in Wachen spazieren konnte, waren lange vorbei.

Ein Summer ertönte, und sie zog sie Tür auf. Sekunden später erstarrte sie und zog die Augenbrauen hoch. Gut, bei dem modernen Neubau hätte sie darauf vorbereitet sein können, keinen trostlosen, miefigen und bürokratischen Eingangsbereich zu erwarten, aber das hier übertraf dann doch ihre Vorstellungen.

Helles, warmes Licht von LED-Leuchten unter der Decke, cremefarbene Fliesen, grüne lebendige Pflanzen und dazu ein freundliches Lächeln im Gesicht des Kollegen hinter dem Empfangstresen waren ein krasser Gegensatz zum Revier in Köln.

»Hallo, guten Morgen«, sagte sie und stellte sich vor den Tresen. Lässig legte sie die Unterarme auf die glänzende Holzplatte und verschränkte die Finger ineinander. »Ich bin Hauptkommissarin Stefanie Reuter und fange heute hier an.«

Danach tat sie etwas, was sie sich eigentlich in den letzten zwanzig Jahren hatte abgewöhnen wollen: Sie schüttelte ihre offenen braunen Haare locker aus und lächelte den jungen Brad-Pitt-Verschnitt an. Er hatte das gleiche markante, symmetrische Gesicht wie der Schauspieler. Dazu verliehen ihm ausgeprägte Wangenknochen eine jugendlich attraktive Aura. Und die Frisur erst. Ein moderner Seitenscheitel formte die dunkelblonden Haare, und ein Hauch Gel bändigte die schulterlange Mähne. Die Frage, ob er sich seines Auftretens bewusst war, grinste sie weg.

»Ja, hallo. Ich bin Markus. Markus Spott. Der Chef hat dich schon angekündigt.«

»Hallo, Markus, freut mich sehr, dich kennenzulernen.« Sie ergriff die ausgestreckte Hand und drückte sie. Der junge Polizeiobermeister lächelte sie an. »Ich soll mich um halb bei Hauptkommissar Mahler melden.« Sie spähte auf die Apple Watch am Handgelenk. Noch fünf Minuten. »Wo finde ich ihn denn?«

»Oben, im ersten Stock. Du gehst den Flur bis zum Ende durch, und da ist es das letzte Büro auf der rechten Seite.«

»Dann will ich mal …« Mit Schwung drehte sie sich um und strebte auf die Treppe zu. »Ich will ja nicht direkt am ersten Tag zu spät kommen.«

»Das wäre auch besser. Wenn der Chef etwas hasst, ist es Unpünktlichkeit.«

»Danke für den Tipp, Markus. Bis nachher.« Steffi streckte die Hand zum Dank in die Luft und trat auf die unterste Stufe. Wieder stutzte sie. Kein Schmutz lag in den Ecken, keine Stiefelabdrücke am weißen Putz. Hier herrschte Ordnung.

Vor der beschriebenen Bürotür blieb sie stehen und atmete tief durch. Sie war jetzt seit fünfundzwanzig Jahren bei der Polizei, aber ihre Knie schlotterten genauso wie damals, als sie mit sechzehn vor der Tür des Schuldirektors warten musste, nachdem sie einer Mitschülerin orange Farbe auf die Haare gesprüht hatte.

Kriminalhauptkommissar Thorsten Mahler stand auf dem DIN-A6- Schild neben der schmucklosen dunkelgrünen Tür.

Na dann mal los …

Nach drei dezenten, nicht zu fordernden Klopfern verharrte sie und wusste nicht so genau, was sie erwartete. Wäre es besser, niemand würde antworten? War sie schon bereit, wieder in den Polizeidienst zurückzukehren? Hatte sie die Entführung grundlegend verarbeitet? Was würde passieren, wenn sie in eine Stresssituation geraten würde?

Stundenlang hatte sie diese Fragen mit ihrer Therapeutin rauf und runter diskutiert, jedes Fitzelchen wieder und wieder durchgekaut. Ja, was …

»Herein!« Die kräftige, befehlsgebende Stimme durchkreuzte ihre Gedanken und sie drückte die Klinke herunter.

Steffi kannte ihren neuen Chef schon aus dem Internet, wobei Kennen natürlich übertrieben war. Im Internet lernte man niemanden kennen, sondern informierte sich lediglich. Thorsten Mahler war ein bodenständiger Polizist, der die Wache in Burscheid seit etwas mehr als zwei Jahren leitete. Allzu viele Details zum Privatleben waren naturgemäß nicht frei verfügbar gewesen, aber Steffi hatte das Foto gereicht.

Mahler wirkte wie ein durch und durch deutscher Beamter. Daran bestand kein Zweifel, und ihr Bild verfestigte sich, als sie vor seinen Schreibtisch trat.

»Ah, Frau Reuter«, sagte er und erhob sich. Mit seinen zwei Metern Körpergröße war Mahler eine imposante Erscheinung. Drahtig erschien er bei der Länge nicht, und bei einem geschätzten Gewicht von hundertzwanzig Kilogramm kam auch nicht der Eindruck auf, er könnte behäbig sein. Nein, er wirkte eher so agil wie ein Footballspieler, der mit dem Ball in der Hand jede Tür eintreten konnte und ganz sicher auch würde.

Förmlich umrundete er den Tisch und streckte ihr seine Pranke entgegen, die sie ihrem Mann am Abend als Bratpfanne beschreiben würde.

Steffi gehörte mit eins fünfundsiebzig zu den größeren Frauen in Deutschland, aber als sich Mahlers massiger Körper vor das Fenster schob, verdunkelte sich die Sonne, und sie betete, dass Dunkelheit nicht die Basis ihrer Zusammenarbeit werden würde.

»Guten Morgen«, erwiderte sie und bemühte sich, das Eis zu brechen, als sie merkte, dass ihr Chef darauf verzichtete, ihre Finger zu zermalmen. »Ich freue mich, dass ich hier sein darf.«

»Ja, guten Morgen und herzlich willkommen.« Er schielte auf die Uhr an der Wand. Die analogen Zeiger sprangen auf halb acht und er nickte. »Ich freue mich, dass Sie jetzt bei uns sind.« Zügig kehrte er zu seinem Drehstuhl zurück, und Steffi betrachtete das Büro. »Und wenn Sie nichts dagegen haben, gehen wir zum du über. Wir duzen uns hier alle. Ist irgendwie persönlicher, oder?«

Mahler war ein Familienmensch. Zahlreiche gerahmte Bilder von zwei Mädchen etwa Mitte zwanzig standen neben einem Foto mit den Kindern und einer zierlichen Frau auf einem Sideboard. An der Wand hingen Aufnahmen von Sportfesten, von Schießplätzen und mit weiteren Kollegen. Pokale, Diplome und präzise beschriftete Aktenordner rundeten den Eindruck des stolzen Polizisten ab.

Wow, was für ein akkurat aufgeräumter Schreibtisch. Hoffentlich führte er keine Spindkontrollen durch …

Mit einer eleganten Handbewegung bot er ihr einen der beiden Stühle vor dem Tisch an.

»Stefanie Reuter«, murmelte er. »Ich kenne deine Akte, weißt du?« Ohne Umwege kam er direkt zur Sache und legte seine Pranke auf eine Personalakte. »Bist du fit?«

»Ja«, antwortete sie einsilbig. Ihr Gegenüber hatte mit seinem Auftreten und dem Büro klargemacht, dass er ein Mann der Tat und nicht der überflüssigen Worte war. Das schätzte sie.

»Das ist gut.« Er lehnte sich zurück, und sein strenger Blick wurde für den Hauch einer Sekunde weicher. »Ich brauche dich hier als harte, faire und gefestigte Polizistin. Bist du das?«

»Ja.«

»Alles, was hier drinsteht …«, ungezwungen klopfte er mit dem Zeigefinger auf den Aktendeckel, »… interessiert mich nur dann, wenn du Mist baust. Sonst ist es mir völlig egal. Gib mir also keinen Grund, noch mal nachlesen zu müssen.«

»Danke.«

Mahler öffnete ihre Personalakte, zog einen Dienstausweis hervor und reichte ihn über den Tisch. »Du wirst sehen: Die Schutzpolizei macht die Arbeit, damit die Kripojungs glänzen können.« Nur seine Augen grinsten.

Bevor Steffi etwas erwidern konnte, sprang Mahler förmlich aus dem Sessel. »Hast du deine Waffe noch, oder benötigst du eine neue?«

Sie klopfte auf ihre Umhängetasche. »Ich habe meine Pistole noch. Danke.«

»Gut.« Zum Abschied hielt er ihr die Tür auf. Er hielt ihr zum Abschied die Tür auf. »Um acht ist die Dienstbesprechung. Da sehen wir uns. Lass dich von Oberwachtmeister Spott zu deinem neuen Partner bringen. Er wartet schon auf dich.«

»Ich freue mich auf die Zusammenarbeit«, hauchte Steffi leiser als erwartet. Die Kürze des Gesprächs hatte sie überrascht. Auch wenn Mahler ein Macher zu sein schien, hatte sie doch mit einer etwas ausführlicheren Begrüßung gerechnet. Aber sie war es gewohnt, die Kollegen so zu nehmen, wie sie waren. Ändern würde sie ihren Chef sowieso nicht, und das war auch nicht ihr Ziel. Sie hatte zurück in den Dienst gewollt, und genau das würde jetzt geschehen. Endlich.

***

»Wie lange fährst du schon Moped?« Matteo Ricci lehnte mit dem Rücken an einer der beiden Werkbänke, die in der Motorradgarage der Polizeiwache an der Wand standen. Für einen Mann italienischer Herkunft war er mit eins neunzig groß gewachsen. Dafür fehlte ihm der südländische, olivfarbene Teint. Das läge nur an seiner deutschen Mutter, bekräftigte er, bevor Steffi eine Anspielung loswerden konnte. Alle würden ihn eher für einen Deutschen als für einen Italiener halten. Was könne er denn dafür, dass er nicht so schmal sei, wie der Durchschnittsitaliener, aber immerhin habe er die dunkelbraunen Augen seines Vaters geerbt. Und er liebte Pizza.

Dann hielt er sich die Hände an die Wangen und grinste. »Habe ich nicht typisch italienische Gesichtszüge?«

Steffi lachte. Bevor sie Kollege Spott zu ihrem Arbeitsplatz begleiten wollte, war sie von ihm durch den Wachraum gezogen worden. Ehe sie in die Niederungen des Gebäudes absteigen und fortan nach Öl und Benzin duften würde, hatte er angemerkt, dass es doch schön wäre, den Rest der Truppe kennenzulernen. Dabei könnten sie in Ruhe einen Kaffee zusammen trinken, den er persönlich aufgesetzt hatte und der besser sei, als der übliche Polizeiwachenmuckefuck. Dann stünde die Dienstbesprechung an, zu der sie auf keinen Fall zu spät kommen durfte, und danach würde er sie ihrem neuen Partner vorstellen.

Oh, Mann. Brad legt sich aber ins Zeug, hatte sie gedacht, und dem Plan zugestimmt. Es war ihr erster Tag, und er gab sich größte Mühe, freundlich zu sein. Warum sollte sie ihm den Wunsch abschlagen, sie vorzustellen? Das war okay für sie, und damit hatte sie einen Verbündeten auf der Wache.

Der Kaffee war deutlich schlechter als versprochen, aber Trockenmilch und ein Haufen Zucker übertünchten die wässrige Lösung. Da würde sie sich noch etwas einfallen lassen müssen, hatte sie überlegt, und nach der Besprechung, die wie erwartet kurz und bündig abgelaufen war, Matteo Ricci kennengelernt.

»Du bist für mich DER Italiener«, hauchte sie ihm entgegen und lachte. »Und um auf deine Frage zurückzukommen: Ich fahre, seit ich achtzehn bin.«

»Das hilft mir jetzt nicht wirklich weiter.« Er zog eine Schnute, die bei einem Hünen mit schmalem Gesicht, scharfen Zügen und kräftigem Bartwuchs ungewollt komisch wirkte.

»Warum nicht?«

»Weil ich dann dein Alter schätzen müsste, und dabei kann man als Mann nur verlieren.«

»Ist dir wohl schon öfter passiert, dass du danebengelegen hast, was?«

Matteo brummte und zwinkerte ihr zu.

»Um mich nicht schon am ersten Tag komplett nackig machen zu müssen, sage ich nur so viel: Ich fahre seit über zwanzig Jahren.«

»Wow. Hast du privat auch `ne Karre?«

»Ja, klar. Was denkst du denn?« Sie zog die Augenbrauen hoch und spielte mit ihrem Pferdeschwanz.

»Bleibt das auch ein Geheimnis?«

»Nee. Angefangen habe ich mit einer XT.«

Matteo stieß sich von der Werkbank ab und trabte in einen Nebenraum.

»Erzähl ruhig weiter.« Einen Moment später lugte er aus der Tür und winkte ihr zu. »Im Moment habe ich nur den Anzug hier. Deine sind leider noch nicht geliefert worden.« Er hielt ihr einen blauen Motorradanzug hin. »Probier den hier mal. Das war der Zweitanzug deines Vorgängers. Klaus war einen Hauch größer als du, aber ansonsten sollte der passen. Wäre ja doof, wenn du jetzt noch ein paar Wochen nicht rausfahren kannst, weil die in Düsseldorf pennen.«

Damit hatte Steffi nicht gerechnet, aber sie war auch keine Mimose. Sie griff sich den Textilanzug und hielt ihn vor sich. Sollte passen.

»Sieht gar nicht so schlecht aus«, sagte sie und strich die Jacke mit der Hand glatt. »Na dann mal raus hier, oder willst du mir etwa zusehen?«

Matteo grinste und zog die Tür hinter sich zu.

»Ich habe noch ein Geschenk für dich«, rief er durch die geschlossene Tür.

»Was das wohl sein kann?«

»Du wirst es sehen.«

Der Anzug war an Armen und Beinen zu lang. An den Händen störte das mehr als an den Füßen, da Motorradhosen sowieso nie perfekt passten. Zumindest war sie bisher noch immer enttäuscht worden. Bis auf enge Lederhosen waren die Hersteller scheinbar nicht in der Lage, den Körper einer Frau einzukleiden. Meistens kam sie sich dick und klobig vor.

»Passt!«, rief sie und trat auf Socken in die Werkstatt. »Und jetzt will ich mein Geschenk sehen.«

»Eigentlich sind es ja drei.«

»Das wird ja immer besser. Her damit.«

»Steht alles auf der Werkbank da. Ich habe es aber nicht extra verpackt.« Er deutete auf drei Kartons. Helm, Stiefel und Handschuhe. »Ist alles letzte Woche angekommen.«

»Dann steht ja unserer ersten Ausfahrt nichts mehr … «

Eine Stimme aus dem Lautsprecher unterbrach sie.

»Matteo? Uns wurde eben ein Leichenfund in Dabringhausen gemeldet. Höferhof 30. Fahrt schon mal vor und sichert das Gelände ab! Wir kommen nach.«

Kapitel 3

Die Einweisung in die Funktionsweise der BMW war ausgefallen.

»Hast du ein Moped gefahren, kannst du alle fahren«, hatte Matteo gerufen und ihr noch eben die Schalter für Blaulicht und Martinshorn gezeigt. Dann hatten beide die schweren Motorräder aus der Garage geschoben, und knapp eineinhalb Stunden nach Dienstantritt war Steffi mittendrin in ihrem ersten Einsatz als Motorradpolizistin.

So konnte es weitergehen, hatte sie gedacht, und war ihrem Kollegen hinterhergerast. Mit Motorrad und Blaulicht unterwegs zu sein, war ein vollkommen anderes Gefühl, als im Streifenwagen zu fahren. Klar konnte man dort auch auf Sonderrechte zurückgreifen, und die allermeisten Verkehrsteilnehmer respektierten ein anfahrendes Polizeiauto mit Sirene, aber auf zwei Rädern war es viel cooler. Mal sehen, wie sie bei Regen darüber dachte …

Im Gegensatz zu Matteo kannte Steffi das Ziel und nutzte den kleinen Vorteil, um sich mehr auf die BMW als auf die Strecke zu konzentrieren. Beim Bau der Möbelfabrik hatte sich ihre Clique abends und an den Wochenenden dort getroffen und Party gemacht. Mann, war das lange her.

Ihre Gedanken schweiften einen Hauch zu sehr ab, als sie an ihren ersten festen Freund Tommi dachte. Er war ein Rebell gewesen, und genau das hatte sie damals angezogen. Ihr Vater dagegen war nicht sonderlich begeistert gewesen. Er hatte nie verstanden, was sie an Tommi gefunden hatte.

»Der macht nur Ärger. Du wirst schon sehen«, hatte sie hunderte Male zu hören bekommen und den Ratschlag in den Wind geblasen. Ja, ja, ihr Vater. Er war und würde immer ein Spießer bleiben, was nebenbei einer der Gründe gewesen war, nach Tommis Verschwinden in die Großstadt zu ziehen.

Die romantischen Gedanken an die Vergangenheit lösten sich schlagartig in Luft auf, als sie Matteos Geschwindigkeit und die Trägheit des Mopeds unterschätzte. Sie kannte die Einhundertachtzig-Grad-Kurve am unteren Ende der Hilgener Straße, seit sie denken konnte, aber das bewahrte sie nicht davor, die Luft anzuhalten und zu beten, mit beiden Reifen auf dem Asphalt zu bleiben.

Matteo hatte spät gebremst, und sie hatte rascher als erwartet zu ihm aufgeschlossen. Die Bremsen zwangen jetzt das Vorderrad in die Knie, das ABS ratterte, und sie legte sich weiter in die Kurve, als sie es in den letzten zehn Jahren je getan hatte.

Keine fünf Meter trennten sie von ihm. Die Fußrasten schliffen über den Asphalt, und sie behielt eisern die Schräglage bei. Da musste sie jetzt durch. Wenn sie aufgab, war sie tot.

Zum Glück entpuppte sich die BMW als gutmütig, verzieh ihr den Fahrfehler, hielt die Spur und richtete sich auf dem geraden Stück wieder auf.

Steffi bemerkte Matteos aufgerissene Augen im Rückspiegel und hoffte, dass er sich einen Kommentar verkneifen würde. Ja, es war ein Fahrfehler gewesen, aber dafür, dass sie mit einem unbekannten Motorrad in einem Höllentempo die steile Straße hinuntergerast war, hätte ein Haufen mehr schiefgehen können. An der Kreuzung nach Dabringhausen stoppte er kurz und nickte ihr zu, aber mehr würde nicht kommen. Das wusste sie und war ihm dankbar dafür.

An der Einfahrt Hölterhof stand ein Bauarbeiter, winkte mit seinem Helm und deutete mit hektischen Bewegungen die Straße entlang. Wie ein Einweiser. Da dachte endlich mal jemand mit.

Fünfzig Meter weiter wedelte der nächste Mann mit den Armen, den sie schon nicht mehr gebraucht hätten, denn zwischen einem Bauwagen und einem verschmutzten Lkw drängten um die zwanzig Personen auf das Gelände. Der Flurfunk schien hier ja ganz gut zu funktionieren.

Sie reduzierten das Tempo und rollten auf die Baustelle zu. Durch die Sirene stoppten die Schaulustigen und bildeten automatisch eine Gasse. Matteo parkte sein Motorrad neben Bauwagen und Lkw und versperrte dadurch den Zugang zum Grundstück. Er bedeutete Steffi, auf der anderen Seite genauso zu verfahren.

»In der hinteren rechten Seitenbox ist das Absperrband!«, rief er ihr zu und begann, die Einfahrt zum Fabrikgebäude mit rot-weißem Flatterband abzusperren. Dabei wies er die Passanten auf dem Gelände an, dieses zügig zu verlassen. Nicht alle folgten ihm bei der ersten Ermahnung, aber seine imposante Körpergröße und die markante, kräftige Stimme sorgten dafür, dass die Menschen den Rückzug antraten.

Steffi nahm die Rolle aus der Motorradbox, blickte auf das Backsteingebäude und stockte. War das jetzt schon über zwanzig Jahre her?

»Verlassen Sie bitte das Gelände«, forderte sie die restlichen Anwohner auf und hob das Flatterband an.

»Was ist denn passiert?«, fragte eine Frau, der sie eine knappe, nichtssagende Antwort entgegen nuschelte und sie schon vergessen hatte, bevor die nächste neugierige Fragestellerin auf sie zutrat.

»Stimmt es, dass man eine Leiche gefunden hat?« Eine Frau über sechzig legte ihre ganze Offenheit in die Frage und blieb vor ihr stehen.

»Das würde ich gerne herausfinden. Wären Sie also bitte so freundlich, das Grundstück zu verlassen?« Sie suchte den Blickkontakt zu Matteo und nahm befriedigt zur Kenntnis, dass er sich mit ähnlichen Problemen herumschlug.

Als sie das Gelände geräumt hatten, stellte sich Steffi neben ihren Kollegen.

»Kennst du die alte Fabrik?«, fragte er.

»Ja, sehr, sehr gut.« Sie deutete auf den Wald, der neben dem halb abgerissenen Gebäude begann. »Das ist aber schon eine Ewigkeit her.« Sie knetete ihre Unterlippe. »Da muss ich achtzehn oder so gewesen sein. Damals wurde die Halle gerade neu errichtet. Wir haben uns wochenlang abends hier herumgetrieben.«

»Hattet ihr nichts Besseres zu tun?«

»Wo kommst du noch mal her?«

»Aus Solingen.«

»Okay, dann bist du ja fast ein Großstadtheini.« Steffi lachte. »Damals gab es hier nicht so viel zu tun. Wir sind oft an der Dhünn gewesen, aber ab Herbst war es da abends schnell zu frisch.« Einen Augenblick hielt sie inne. »Hinter den Bäumen da war früher ein kleiner Fluss. Da haben wir geangelt.«

»Habt ihr was gefangen?«

»Keine Fische, aber uns.«

»Ach schau mal an. Das war also euer Liebesnest hier.« Mit zusammengekniffenen Augen blickte er auf Steffi hinab.

»Vielleicht«, flüsterte sie vielsagend und marschierte auf das Fabrikgebäude zu.

»Was hast du denn vor?«, fragte er hinter ihr.

»Ich gehe mal zu den Männern da und lasse mir ihren Fund zeigen.«

»Das ist aber eigentlich nicht unsere Aufgabe. Wir sollen hier nur das Gelände absperren und …«

»Genau das haben wir ja gerade getan, und jetzt spreche ich mal mit den Typen.«

»Nur so ein kleiner freundschaftlicher Tipp: Unser Chef steht gar nicht drauf, wenn man seine Anweisungen missachtet.«

»Mache ich das denn?«, überlegte sie und drehte sich zu ihm um.

»Hm …«

»Was genau hat er denn gesagt, als du mit ihm gesprochen hast?«

»Eigentlich habe ich gar nicht mit ihm gesprochen, sondern mit Walter.«

»Wer ist Walter?«

»Der stellvertretende Wachleiter.«

»Na, dann sind wir doch komplett aus dem Schneider.« Steffi grinste und marschierte los. »Komm schon. Wir müssen auf jeden Fall überprüfen, ob im Gebäude Gefahren lauern.«

Zaghaft folgte Matteo seiner Kollegin, die sich schon ein paar Meter von ihm entfernt hatte und auf drei Bauarbeiter zustrebte, die neben einem Loch in der Wand standen, das mal ein breiter Eingangsbereich gewesen sein konnte. Jetzt waren nur noch Reste einer Zarge zu erkennen, die von roten Backsteinen gestützt wurde.

»Hallo, guten Tag«, begann Steffi und zog einen Notizblock aus der Brusttasche ihrer einen Hauch zu großen Textiljacke. So richtig passte ihr die Kluft nicht, und bereits in der Fahrzeughalle war ihr die neue Uniform unangenehm aufgefallen. Mit den vielen silbernen Reflexstreifen blinkte sie bestimmt wie ein Weihnachtsbaum, und es würde ein paar Tage dauern, bis sie den leuchtend gelben Schulterbereich der Jacke lieben lernen würde.

»Optisch ist das dicht an meiner modischen Schmerzgrenze«, hatte sie Matteo noch aus dem Raum entgegengeworfen, in dem sie beides anprobieren musste. »Wenn meine Tochter mich so sieht, bin ich fünf Minuten später der Mittelpunkt einer Insta-Story.«

»Haben Sie uns angerufen?«, fragte sie in die Runde.

»Ja, ich war das«, meldete sich der älteste der Männer. Er war weniger verstaubt als seine Kollegen und warf seine Zigarettenkippe auf den Boden.

»Ist Ihnen bewusst, wie lange die Natur benötigt, um die Giftstoffe darin abzubauen?« Sie spitzte die Lippen, deutete auf den glimmenden Rest am Boden und blickte den Vorarbeiter finster an.

»Äh, nein. Tut mir leid.« Er bückte sich und hob die Kippe auf. Dann rieb er sie so lange an den Backsteinen, bis sie zerbröselt war und ließ danach alles aus der Hand gleiten.

»Das macht es jetzt nicht besser. Beim nächsten Mal lassen Sie die Zigarette am besten gar nicht erst fallen, sondern drücken sie aus und werfen sie in einen Mülleimer. Verstanden?«

Die Belehrung führte dazu, dass der Mann sie mit weit geöffneten Augen anstarrte. Offenbar war er das forsche Auftreten einer Frau nicht gewohnt. Er blickte abwechselnd zu seinen Kollegen, die aber keine Hilfe darstellten und Steine auf dem Boden fixierten.

Wie immer, dachte Steffi. Große Klappe und nichts dahinter. Sie hatte ihn eingeschüchtert. Unwirsch schüttelte sie den Kopf, als sie Matteos Stiefel hinter sich hörte.

»Kommen wir mal zu Ihrem Anruf zurück. Was haben Sie denn gefunden?« Sie reduzierte den belehrenden Tonfall um eine Nuance.

»Wir waren gerade dabei, den Aufzugsschacht im Keller aufzustemmen, und dann war da auf einmal diese Folie.«

»Folie?«

»Ja, die steckte da drin.«

Ihre vielfältige Erfahrung im Führen von Verhören ließ sie stumm bleiben. Wenn Menschen redeten, sollte man sie nicht unterbrechen.

Manchmal benötigten die Menschen aber auch etwas Führung, sonst dauerten Gespräche mitunter ellenlang. »Was steckte wo drin?«

»Also, die Folie steckte im Aufzugsschacht.«

Ein dezentes Nicken von ihr animierte ihn, weiterzureden.

»Die mussten wir ja erst rausziehen, bevor wir den ganzen Schacht einreißen konnten.«

Ein weiteres Nicken folgte.

»Die war aber so schwer. Da habe ich meine beiden Kumpels hergeholt, und wir haben sie dann zusammen rausgezogen.«

»Und dann?« Steffi holte tief Luft und stellte sich auf eine lange Aussage ein. Vielleicht war es doch ein Fehler gewesen, nicht einfach oben bei den Motorrädern geblieben zu sein. Wie sollte sie diese unzusammenhängende Erzählung in einem akkuraten Bericht zusammenfassen?

»Als die Folie dann auf dem Boden lag, haben uns zwei Augen angesehen.«

Jetzt war es mit Steffis Geduld vorbei, und sie drehte sich zu Matteo um, der bereits Anstalten machte, zu den BMWs zurückzumarschieren. Wahrscheinlich dachte er schon, genau wie sie, an den ganzen Schreibkram, der in der Wache auf sie warten würde.

»Zwei Augen?«, fragte sie mit einem Hauch Ironie in der Stimme. Dann hob sie den Block an, drückte die Mine am Kugelschreiber heraus und war bereit zu schreiben. »Welche Augenfarbe?«

Hinter ihr verkniff sich Matteo das Lachen.

»Kommen Sie bitte mit«, bot der Vorarbeiter an, und Steffi folgte ihm ins Gebäude. Sie wusste, dass ihr Kollege dicht bei ihr war. Seine schweren Schritte knirschten auf dem Betonfußboden.

Ein Stockwerk tiefer hielt sie sich die Hand vor den Mund, um den Staub in der Luft nicht einzuatmen. Durch Kellerschächte drang das Tageslicht in den mäßig erhellten Raum, und zwei grelle Baulampen waren auf einen halb eingerissenen Schacht gerichtet, vor dem etwas lag, das auf sie wie ein in Plastik gepackter Teppich wirkte.

»Ist das die Folie?«, fragte Matteo und stiefelte lustlos an ihr vorbei.

»Ja.«

»Liegt die noch so da, wie Sie sie abgelegt haben?«

»Ja.«

Matteo umkreiste den Folienhaufen und stellte sich an die Stirnseite. Dann bückte er sich und wischte mit dem Handballen den Baustaub weg.

»Scheiße. Da sind wirklich zwei Augen!«, rief er, und Steffi sprang mit großen Schritten auf ihn zu.

»Hör auf mit dem Mist!«, fluchte sie. Dann kniete sie sich neben den Haufen und blies die Wangen auf. Durch die Folie erkannte sie ein Gesicht. Es war ein unwirklicher Kopf, der verpackt auf dem Boden lag, aber es waren keine Augen, sondern zwei Löcher in einem Schädel.

»Das ist ’ne Leiche«, stellte Matteo fest. »Kein Zweifel, oder?«

»Und ich weiß, wer das ist«, flüsterte Steffi.