Leseprobe Verräterische Flut

Kapitel 1

Strater

Als Kriminalhauptkommissar Robert Strater erwachte, wünschte er sich augenblicklich wieder die friedvolle Ruhe des Schlafes herbei. Er wollte nichts spüren und nichts denken. Stattdessen krampfte sich sein Magen zusammen und sein Kopf pochte, als hätte ihn jemand in der Nacht mit dem Vorschlaghammer malträtiert. Seine Zunge fühlte sich pelzig an, der Mund trocken wie Sand. Nie wieder Korn, dachte er wie jedes Mal. Wenigstens ist heute mein freier Tag. Ein Lichtblick.

Er schob die Decke beiseite und setzte sich auf, was er allerdings sofort bereute. Ein Schwall Übelkeit überkam ihn und ließ ihn ins Bad stürzen. Doch schon an der Tür wurde ihm klar, dass er es nicht mehr bis zur Toilette schaffen würde. Neben der Badewanne sank er auf die Knie, drehte sich zur Seite und übergab sich in sie hinein. Die erniedrigenden Geräusche hallten in dem gefliesten Raum wider. Als nichts mehr kam, ließ er seinen Oberkörper einen Moment lang trotzdem noch weiter über den Badewannenrand hängen und atmete mehrmals tief durch. Es war erbärmlich. Schließlich stemmte er sich langsam auf die Beine und drehte sich zum Waschbecken. Sein Spiegelbild sah ihn aus geröteten Augen an. Der fahle Teint, die ausgeprägten Falten, der zurückweichende Haaransatz – er wandte schnell den Blick ab. Statt wie zweiundfünfzig kam er sich heute wie siebzig vor.

Nachdem er sich den Mund ausgespült und das Gesicht gewaschen hatte, fühlte er sich geringfügig besser. Nicht viel, aber immerhin genug, um wieder stehen zu können, ohne umzufallen.

In der Küche, die wie die ganze Dreizimmerwohnung, in der er seit zwei Wochen hauste, nur notdürftig eingerichtet war, wühlte er in einer Schublade nach den Kopfschmerztabletten. Er drückte zwei aus der Blister-Verpackung und spülte sie mit einem Glas Wasser hinunter. Als er die Augen schloss, überfielen ihn die Bilder, die in seinem Kopf Dauerschleife liefen und heiße Wut in ihm entfachten.

Er hatte wie jetzt an der Küchentheke gestanden, allerdings vor der in seinem Haus. Geräusche aus dem Flur drangen in sein Ohr. Die Haustür wurde aufgeschlossen. Saskia kicherte, ein Mann sagte etwas. Er wähnte sich in einem Albtraum. Wie ferngesteuert drehte er seinen Kopf zur Seite und für den Bruchteil einer Sekunde fing er den Blick des anderen Mannes auf, der gerade mit Saskia vorbeiging, um oben in ihrem Schlafzimmer zu verschwinden.

Er hatte eine Mischung aus Betretenheit und Überlegenheit in den Augen des braun gebrannten Schnösels erkannt. Noch am selben Tag war Strater ausgezogen. Die Alternative wäre gewesen, den Typen krankenhausreif zu schlagen. Strater knallte das Wasserglas auf die Anrichte und entnahm dem deprimierend leeren Obstkorb einen Bund Löwenzahn, den er gestern noch gesammelt hatte … vor seinem Absturz. Mit dem Grün in der Hand ging er in den Nebenraum.

Das Paludarium summte leise. Warmes Licht spiegelte sich auf Wasser und Glas. Die Gelbwangen-Schmuckschildkröte lag träge auf ihrem Stein, den Panzer halb im Licht, halb im Schatten. Sie blinzelte ihn an, als er näherkam.

»Na, Shredder«, murmelte Strater. Er öffnete die Scheibe und legte die Löwenzahnblätter vor die Schildkröte, die sein Sohn Christoph beim Auszug zurückgelassen hatte. Sofort streckte Shredder den Kopf vor und knabberte an dem Salat. Strater beobachtete das langsame und zufriedene Kauen, das wie immer eine beruhigende Wirkung in ihm entfaltete.

Was für ein friedliches, einfaches Leben, dachte er. Mampfen, dösen, schwimmen. Keine Frauen, die einen den letzten Nerv raubten … keine Leichen … keine offenen Fragen ohne Antworten.

Strater blieb noch einen Moment lang stehen, dann kehrte er in die Küche zurück. Erfahrungsgemäß würde etwas zu essen seine Übelkeit lindern. Er bestrich eine Scheibe Brot mit Butter und Nutella, anschließend ließ er sich mit seinem Frühstücksteller am Küchentisch nieder. Langsam und mechanisch kaute er, während er gedanklich schon wieder im Bett lag. Noch zwei, drei Stunden Schlaf, dann würde er sich hoffentlich wieder wie ein Mensch fühlen. Doch da vibrierte das Handy auf der Anrichte. Strater stieß einen unwirschen Laut aus, bereute es aber im selben Augenblick und fasste sich an den pochenden Schädel. Genervt stand er auf und angelte sich das Telefon. Ohne aufs Display zu schauen, nahm er den Anruf entgegen, um dem nervtötenden Vibrieren ein Ende zu setzen.

»Ja?«

»Guten Morgen, Robert«, flötete sein Kollege Enno Brunsen. »Tut mir wahnsinnig leid, dass ich dich an deinem freien Tag behellige«, sagte er, ohne sich im Entferntesten so anzuhören, als täte es ihm wirklich leid.

»Was ist los?« Strater erschrak fast selbst darüber, wie ruppig er sich anhörte. Offenbar zeigte sein Tonfall Wirkung.

»Du musst herkommen«, sagte Brunsen in etwas gedämpfterer Stimmlage, die ihm beinahe so etwas wie Seriosität verlieh. »Wir haben eine Leiche.«

Eine Viertelstunde später fuhr Strater in seinem silbergrauen Audi A6 vom Nordener Stadtteil Süderneuland I nach Norddeich. Den Gedanken, dass er womöglich noch gar nicht fahrtüchtig war, schob er konsequent beiseite. Er hoffte, der in aller Eile zubereitete Kaffee im Thermobecher würde ihn durch die kommenden Stunden bringen. Das gestern war das letzte Mal gewesen, dass er sich derartig abschoss, sagte er sich. Sonst wäre sein weiterer Absturz vorprogrammiert. Das Problem war nur, dass es ihm derzeit häufiger scheißegal war, was die Zukunft mit sich brachte.

Irgendetwas musst du tun, schrie eine Stimme in seinem Kopf. Die andere flüsterte träge, dass es doch keinen Sinn machte. Dass ihm nichts anderes blieb, als die Wut auf Saskia und den Schmerz wegen der gescheiterten Ehe ganz einfach herunterzuschlucken, und zwar mit Hochprozentigem.

Der bleierne Himmel hing tief über den weiten Feldern und Wiesen Ostfrieslands, auf denen ganze Heerscharen von Windrädern aufragten. Strater fuhr mit zusammengebissenen Zähnen die Küstenstraße entlang. Jeder Gullydeckel und jede Bodenwelle schoss ihm direkt bis in die Schläfen. Das dumpfe Pochen hinter den Augen war zäh und hartnäckig. Er nahm einen großen Schluck aus dem Thermobecher. Der lauwarme Kaffee war viel zu dünn und schmeckte bitter. Er vermochte das flaue Gefühl in seinem Magen nicht zu vertreiben.

»Gott, nun fahr doch«, stieß er hervor, als er bremsen musste, weil der Wagen vor ihm quälend langsam nach rechts abbog.

Gemäß den Anweisungen von Brunsen umfuhr Strater das Zentrum, um dann auf die Deichstraße abzubiegen und zum Parkplatz des Hundestrands zu gelangen. Dort war die Polizeipräsenz nicht zu übersehen, mehrere Einsatzfahrzeuge standen dicht an dicht. Strater parkte neben einem Streifenwagen. Bevor er ausstieg, schloss er für einen Moment die Augen und atmete tief durch.

Brunsen wartete, die Hände in die Taschen seines marineblauen Anzugs vergraben, neben dem Bulli der Spurensicherung. Der böige Wind zerzauste seine blonde Föhnfrisur. Die hellgrünen Gummistiefel machten sein Outfit zu einer optischen Körperverletzung. »Guck nicht so, Robert. Ich ruiniere mir doch nicht meine italienischen Designerschuhe.« Brunsen lachte und klopfte Strater auf die Schulter. Dieser zuckte bei der Berührung unwillkürlich zusammen. Die kurze Erschütterung hatte das Stechen in seinen Schläfen unangenehm verstärkt.

Sie gingen nebeneinander her und wie Strater es von seinem Kollegen gewohnt war, plapperte dieser ohne Punkt und Komma. »Ist kein schöner Fund«, sagte er schließlich überflüssigerweise.

»Leichen sind selten schön«, erwiderte Strater. Sie überquerten die Straße und stiegen die Treppen zum Deich empor.

Mir bleibt auch nichts erspart, dachte Strater.

»Na, Robert, nicht so gut in Form? In meinem Fitnessstudio sind gerade Aktionstage«, sagte Brunsen glucksend. Strater keuchte schon nach wenigen Metern und sparte sich eine Antwort. Oben angekommen biss ihm der vom Meer kommende kalte Wind sofort ins Gesicht. Er sah hinunter auf den Strand, der ein Stück links von ihnen in einen steinigen Abschnitt überging. An dessen Rand hatte sich bereits eine Gruppe Schaulustiger versammelt, die von einem Polizisten im Zaum gehalten wurde. Ihr Blick war auf einen grauen, kantigen Container gerichtet. Am Eingang hatten die Kollegen mit weißen Planen, die im Wind flatterten, ein provisorisches Vorzelt errichtet, abgestützt von Metallstangen. Als zwei Personen in weißen Overalls aus dem Gebilde traten, kam Strater unwillkürlich das Bild von einer Mondmission in einer unwirtlichen Kraterlandschaft in den Sinn.

Gemeinsam mit Brunsen stieg Strater den Deich herunter.

»Der Junge hat ihn gefunden.« Brunsen sah zum Rand des Strandes, wo ein schlaksiger Teenager in einer dunklen Jacke stand. Er hatte die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Eine blonde Streifenpolizistin redete leise auf ihn ein.

»Mit dem spreche ich später«, murmelte Strater und betrat das Steinfeld. Es erforderte seine ganze Aufmerksamkeit, um zwischen den glitschigen Steinen nicht steckenzubleiben oder die Balance zu verlieren. Brunsen hingegen bewegte sich elegant wie ein Tänzer voran.

»Ich geb Bescheid, dass du da bist. Drinnen ist es eng«, sagte Brunsen und verschwand in dem Vorzelt. Kurz darauf kam er in Begleitung einer mit einem Schutzanzug bekleideten Person zurück. Als diese ihre Kapuze zurückschlug, erkannte Strater die Rechtsmedizinerin Dr. Rosenfeldt, mit der er bereits einige Male zusammengearbeitet hatte. Ihre ernste Miene erhellte sich augenblicklich und eine charmante Zahnlücke blitzte auf. »Robert, lange nicht gesehen.«

Strater zwang sich zu einem Lächeln. Was Brunsen von ihm hielt, war ihm vollkommen egal. Dieser war seine missmutige Art gewohnt und schien sich auch nicht weiter daran zu stören. Oder aber, wie Strater schon seit Längerem vermutete, nahm er seine Launenhaftigkeit sogar zum Anlass, noch penetranter auf ihn einzuquatschen. Ihre Kollegin Ceylin hatte sie einmal mit Ernie und Bert aus der Sesamstraße verglichen. Ein Vergleich, der Strater gehörig gegen den Strich gegangen war. Aber seinen Kolleginnen gegenüber – und dazu zählte in gewisser Weise auch die Gerichtsmedizinerin – legte er Wert auf ein Mindestmaß an Freundlichkeit. Zumal er die patente Medizinerin, die bereits auf die Siebzig zuging und dennoch wie ein Jungbrunnen wirkte, sehr schätzte.

»Moin Paula. Frisch wie die Nordsee! Sie müssen mir irgendwann mal ihr Geheimnis verraten.« Strater schenkte ihr ein gewinnendes Lächeln. »Ist eine Weile her, dass wir uns gesehen haben. Schade eigentlich, dass wir uns nur bei solchen Anlässen über den Weg laufen.«

»Sie können mich gerne mal zum Kaffee einladen, Sie Charmeur.« Die Rechtsmedizinerin lachte, wurde aber sofort wieder ernst. »Sie können reingehen, aber die Schutzkleidung bitte nicht vergessen. Im Vorzelt liegt noch ein Päckchen parat.«

»Können Sie mir schon etwas zur Todesursache sagen?«

»Der Tote zeigt eine Kopfverletzung, die stark für eine Schussverletzung spricht. Ob das Schädel-Hirn-Trauma jedoch die tatsächliche, primäre Todesursache war, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt vor der Obduktion noch nicht abschließend sagen. Unter Berücksichtigung der ballistischen Spurenlage und des Verletzungsmusters schließe ich ein Suizidgeschehen jedoch weitestgehend aus.«

»Todeszeitpunkt?«, hakte Strater nach.

»Dem Zustand der Leiche und dem Stadium der Verwesung nach zu schließen, ist der Mann drei bis vier Tage tot. Genauer kann ich Ihnen das nach der Obduktion sagen. Wenn der Sturm nicht gewesen wäre, hätten wir ihn hier wohl niemals entdeckt.«

»Hatte er Papiere dabei?«

»Nein, leider nicht.«

Strater bedankte sich und wandte sich dem Container zu. Der schwere, süßliche Fäulnisgeruch schlug ihm schon in dem mit Brettern ausgelegten Vorzelt entgegen. Sofort rumorte sein Magen. Er hoffte inständig, dass er sich nicht wieder übergeben musste. Zum Gespött von Brunsen und den Kollegen zu werden fehlte ihm gerade noch. Er riss das Päckchen mit den Tatort-Utensilien auf, das auf einem Tischchen bereitgelegen hatte, und zog sich Overall, Handschuhe und Schuhüberzieher an. Dann betrat er den Container, der von einer mobilen Lampe hell erleuchtet wurde und in dem ein noch intensiverer Gestank herrschte. Strater schluckte die aufgestiegene Magensäure herunter und hielt den Atem an. Sein Blick flog über einen umgekippten Holzstuhl, etwas, das ihn an eine Autobatterie erinnerte, Überbrückungskabel, mehrere Ratschengurte und Klebeband. Nachdem er einige Schritte weiter hinein gemacht hatte, entdeckte er die Leiche hinter einer Holzpalette. Es war ein Mann, schätzungsweise um die vierzig, in einer grauen Arbeitshose und einem Fleece-Pullover, unter dem etwas hervorblitzte, das wie eine flache Rettungsweste aussah. Genauer war es unmöglich zu sagen, denn der Leichnam befand sich in einem starken Fäulnisstadium, was Strater an der grünlich verfärbten Haut sehen – und vor allem riechen konnte. Im feuchtwarmen Container, mutmaßte er, war die Verwesung schneller vorangeschritten als dies unter anderen Umständen der Fall gewesen wäre. Sein Körper war durch die Fäulnisgase stark aufgedunsen, die halbgeöffneten Augen waren grünlich-schwarz unterlaufen und traten nicht, wie er es erwartet hätte, aus ihren Höhlen hervor, sondern wirkten eingesunken, was Strater auf die Kopfverletzung zurückführte.

Er hatte lichte dunkelblonde Haare, an der rechten Schläfe klaffte ein blutverkrustetes Einschussloch, die Austrittswunde war deutlich größer und von einer graubraunen Masse benetzt. Die Kleidung des Toten ließ Strater unwillkürlich an einen Hafenarbeiter oder Matrosen denken. Die hochgezogenen Ärmel seines Overalls offenbarten stark tätowierte Arme. Unter der Leiche und hinter ihr an der Containerwand erkannte er eine eingetrocknete schwarz-braune Masse … Blut, das durch das Schaukeln des Containers im Sturm vermutlich die Wände hochgeschwappt war.

Strater atmete tief durch, aber die Übelkeit überkam ihn mit Vehemenz. Er verließ den Container, riss sich die Kapuze vom Kopf und saugte hektisch frische Luft in seine Lungen.

»Dich scheint der Anblick ja arg mitgenommen zu haben, Robert.« Brunsen beäugte ihn aufmerksam. »Dein erster Eindruck?«

»Der war vermutlich schon tot, als er in den Container gebracht wurde.«

»Dachte ich mir auch«, sagte Brunsen.

»Nun zu unserem Finder.« Sie gingen zu dem Jungen hinüber, der schüchtern aufsah, als sie näherkamen.

»Hallo ich bin Hauptkommissar Robert Strater«, sagte Strater ruhig, »und das ist mein Kollege, Kommissar Enno Brunsen. Und du bist?«

»Gerrit.« Der Junge räusperte sich. »Gerrit Krause.« Er wirkte verlegen, hielt den Blickkontakt nicht lange aufrecht.

»Du hast den Container gefunden?«, fragte Strater.

Gerrit bejahte. »Heute Morgen.«

»Warum bist du hier draußen gewesen?«

»Ich wollte«, Gerrit stockte einen Moment, »was sammeln.«

»Was denn?«

»Muscheln oder Meerglas.«

Strater sah ihn aufmerksam an. »Und was hast du gemacht, nachdem du den Container entdeckt hast?«

Gerrit zuckte vage mit den Schultern. »Ich wollte schauen, was drin ist. Hab einen Stock genommen und versucht, ob ich ihn aufbekomme. Ich wollte wirklich nur schauen, was da drin ist«, wiederholte der Junge. »Die Containertür ist ganz einfach aufgesprungen, ich musste eigentlich gar nicht viel tun.«

Strater wartete, ob der Junge noch etwas hinzufügen würde und hakte schließlich nach: »Und dann?«

»Ich bin rein und hab den Gestank bemerkt und dann die Leiche gesehen.« Gerrit schluckte schwer.

»Und dann hast du die Polizei angerufen?«

»Ja.« Die Antwort kam etwas zu schnell und Gerrit starrte auffällig auf den Sand zu seinen Füßen.

Strater ließ einen Moment vergehen. Der Wind rauschte, einige Möwen schrien. »Hast du da drinnen etwas angefasst?«

Gerrit zögerte. Nur einen Wimpernschlag, aber Strater war es dennoch nicht entgangen. »Nein.«

Strater nickte langsam. »Gut. Fürs Erste wars das.« Er wandte sich an Brunsen. »Seine Personalien haben wir?«

»Natürlich. Er wohnt mit seinen Eltern in einem Ferienhaus.«

»Kann ich gehen?«, fragte Gerrit.

Strater nickte knapp. Gerrit wandte sich ab und stapfte davon. Strater sah ihm nachdenklich hinterher. »Kümmere dich um die Herkunft des Containers. Wo kommt das verdammte Ding her?«

Brunsen nickte. »Wird gemacht.«

Strater zog die Jacke enger um sich. Der Tag hatte im wahrsten Sinne des Wortes übel angefangen und war sogar noch schlimmer geworden. Jetzt war er für die Ermittlung in einem Todesfall verantwortlich und sah auch noch ein Kompetenzgerangel auf sich zukommen, wenn geklärt war, woher der Tote stammte.

Ich

Ich bin schwerelos. Einen Wimpernschlag nur, dann kommt ein Ruck. Mit voller Wucht werde ich gegen den Boden gepresst. Wasser schwappt in meine Nasenlöcher. Es stinkt beißend. Nach muffigem Salz und altem Öl. Mir wird schlecht. Das Licht ist fahl, man kann fast nur Umrisse erkennen. Wieder ein Ruck. Unter mir schaukelt es.

Kapitel 2

Kante

»Fick dich!«

Strater blickte gelassen in die dunklen Augen, die im Gesicht der kleinen Tätowiererin Feuer zu speien schienen, und verkniff sich ein Grinsen. Sie stand barfuß vor ihm, trug eine schwarze Hose mit seltsamen roten und neongelben Kringeln und ein viel zu großes schwarzes T-Shirt, das ihre zierliche Statur verbarg. Darauf prangte ein nicht lesbarer Schriftzug, vermutlich das Logo irgendeiner dieser Metalbands, deren brachiales Gegrunze normalerweise das kleine Studio erschütterte. An ihrem Mundwinkel meinte er einen Rest Zahnpasta zu entdecken. »Du hast dich nicht verändert.«

»Was man von dir nicht behaupten kann!« Sie verschränkte die Arme vor der Brust und funkelte Strater weiterhin wütend an. »Dick bist du geworden«, fügte sie hinzu und grinste selbstgefällig. »Kocht deine Sara neuerdings wieder oder isst du mittlerweile täglich bei der Nordwurst-Bude?

»Saskia«, presste er zwischen seinen Zähnen hervor. »Sie heißt Saskia.« Er atmete einmal tief durch und zwang ein Lächeln auf sein Gesicht. Einundzwanzig. Zweiundzwanzig. Kantes Reaktion bewies ihm, dass es ihm offenbar wenig überzeugend gelungen war. »Hast du nervöse Zuckungen, Alter, oder was soll das werden?« Sie bewegte sich keinen Millimeter von der Stelle und blickte den Kommissar herausfordernd an. »Was willst du?«

Strater ließ seine Mundwinkel in die Ausgangsposition zurücksacken, die sie seit Wochen einnahmen und die nun mal seiner derzeitigen Stimmung am nächsten kam. »Deine Hilfe.«

Kante schnaubte. »Seit Monaten hab ich nichts mehr von dir gehört, nicht eine lausige Antwort auf meine Nachrichten!« Wütend fummelte sie in ihrer Hosentasche herum, fischte ein Smartphone heraus und stach mit ihren Fingerkuppen auf das eingeschlagene Display ein. »Da! Und das war nicht die einzige.« Wieder hieb sie auf ihr Telefon ein und drückte es Strater unter die Nase. »Aber was interessiert dich schon mein Kredit, oder?« Wutschnaubend blickte sie zu ihm auf. Eine dunkle Haarsträhne hatte sich aus dem wilden Knoten auf ihrem Kopf gelöst und fiel ihr ins Gesicht. Straters Blick blieb an dem Schmollmund hängen, der der toughen Tätowiererin in diesem Augenblick beinahe etwas Kindliches verlieh. Einen kurzen Moment war er versucht, sie an sich zu drücken und es ihr zu erzählen … warum er sich nicht gemeldet hatte … die Not mit Saskia … die Vorwürfe von seinem Sohn … die ganze Scheiße. Doch dann schleuderte sie ihm eine Hasstirade entgegen, dessen Kern sich inhaltlich auf »feister Beamtenarsch« reduzieren ließ und Straters Redebedürfnis im Keim erstickte. Stattdessen ließ er seinen Blick über das dunkle Laminat des kleinen Studios wandern, das einem mit den riesigen Holzfässern, dem Rettungsring und diversen maritimen Einrichtungsgegenständen das Gefühl vermittelte, sich auf einem Piratenschiff zu befinden. In der Mitte des Raums stand ein Holzpfeiler, der an einen Schiffsmast mit Krähennest erinnerte. Auf Holzkisten darunter waren bunte Farbtuben arrangiert. Auch die Tätowierliege und der monströse chrombeinerne Stuhl in der hinteren Ecke vor dem Fenster, der Strater an einen Gynäkologenstuhl erinnerte, fehlten nicht. An der Tür zum WC, neben der ein Abtritt-Schild baumelte, erblickte er das realistische Bild eines halb durchbrochenen Schiffskorpus, durch den von außen, zwischen zwei Kanonenrohren, schwarzblaues Meerwasser hineinschwappte. Ein Schriftzug an der Wand bekundete in weißen Lettern, dass man sich hier in Kante’s Stechkogge befand. Darunter prangte unter den Klingen zweier Entermesser eine schwarze Piratenflagge, deren Totenkopf von Tätowiermaschinen anstelle von Knochen durchkreuzt wurde. Rechts daneben stand ein Schrank mit diversen Farbtuben und Fläschchen, sterilen Nadeln und sonstigem Tätowier-Equipment, wie Strater vermutete. Auch das Schild mit dem Verhaltenskodex an Bord war noch da sowie die Neunschwänzige, ein Bestrafungsinstrument aus neun an einem Griff befestigten Lederstriemen, das früher der Auspeitschung auf hoher See diente. Aber irgendetwas hatte sich verändert.

»Wenn es dich interessiert«, unterbrach Kante seinen innerlichen Suchprozess, »das Geschäft läuft Bombe. Auch ohne deine Hilfe.« Sie machte eine Geste in den Raum hinein und zeigte auf eine Nische, die Strater glatt entgangen war und die durch einen Vorhang abgetrennt war. Dahinter meinte Strater die Lehne einer Liege ausmachen zu können.

»Ich habe expandiert«, kam sie Straters Nachfrage zuvor und drückte ihren Rücken durch. »Lemmy. Tätowiert seit zwei Monaten bei mir. Cooler Typ. Macht das ganze Zeug, auf das ich keinen Bock hab. Weißt schon, Sterne und so `n Kram.« Kurz grinste sie, dann wurde ihr Gesicht wieder hart. »Drüben, ein paar Straßen weiter, hat so ein Spießerschuppen aufgemacht. Etepetete. Samtvorhänge und so. Wär vielleicht was für dich.« Strater überhörte den Seitenhieb. »Haben ziemlich die Werbetrommel gerührt in Norden.« Sie sog den Rotz hoch. »Dem musste ich was entgegensetzen. Ich hab dann mit Walk-ins angefangen.« Strater zog fragend die Schulterblätter nach oben. »Na, einfach reinkommen, ohne Termin, was Kleines stechen lassen und wieder weg.« Sie verzog angewidert das Gesicht. »Das macht Lemmy dann.« Strater musste grinsen. »Soso, das macht also Lemmy dann. Und wo ist der jetzt gerade?«

Kante verschränkte erneut die Arme vor der Brust. »Was weiß ich? Sitzt womöglich daheim beim Frühstück mit seiner Alten, genauso wie du wahrscheinlich bis eben.« Strater schluckte. Sie grinste. »Also«, fügte sie hinzu, »der arbeitet drei Mal die Woche hier für jeweils vier Stunden. Länger ertrag ich hier keine zweite Person.«

Strater verkniff sich den bissigen Kommentar, der ihm bereits auf der Zunge lag. Er vermutete, dass das Geld schlicht nicht ausreichte, um den Typen für einen höheren Stundenumfang zu beschäftigen. Er konnte sich auch beim besten Willen nicht vorstellen, dass Kante ihren Angestellten steuerlich angemeldet hatte. Aber das war im Augenblick nicht sein Problem. Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr und überhörte Kantes Kommentar, dass er von Glück reden konnte, sie hier so früh anzutreffen. So, wie sie aussah, vermutete er ohnehin, dass sie wieder in ihrem kleinen Studio übernachtet hatte. Vermutlich war es bereits zu kalt, um in ihrem Camper zu schlafen, wie sie die alte Rostlaube nannte, die sie alle paar Tage hinter einer neuen Hecke parkte, um nicht aufzufallen.

»Apropos Kaffee«, sagte Kante, die sich bereits umgedreht hatte und hinter den Empfangstresen marschierte, »den brauch ich jetzt.« Er musste kurz schmunzeln beim Anblick der Porträtabbildungen zweier Frauen in Seeräuberkleidung, die noch immer über Kantes Tresen hingen. Mary Read und Anne Bonny, wie er vermutete.

Strater hörte, wie sie sich an dem Kapselautomaten zu schaffen machte und verzog angewidert das Gesicht bei dem Gedanken an diese Plörre. Nachdem er auf einem der beiden Barhocker gegenüber des Tresens Platz genommen hatte, wurde er unfreiwillig Zeuge davon, wie sich Kante in einer fahrigen Bewegung heißen Kaffee über die Hose schüttete.

»Scheiße«, raunzte sie in Richtung Tasse, schlurfte zu Strater, rückte den zweiten Barhocker ein gutes Stück von ihm weg und nahm darauf Platz.

»Bist du jetzt so weit?« Strater spürte, wie sein guter Wille langsam versiegte.

Gemächlich nippte Kante an ihrer halb leeren Tasse, die die Form eines zerdrückten Plastikbechers hatte. »Du brauchst also meine Hilfe. Soso.« Sie schielte in ihren Becher, als erwartete sie, auf dessen Grund das Geheimnis des Universums zu entdecken. Abrupt stand Strater auf, zog den Ausdruck aus seiner Hosentasche und klatschte das Blatt Papier mit der Abbildung des Tattoos auf den Tresen neben ihre Kaffeetasse.

»Was ist das?« Kante hob den Blick und kniff die Augen zusammen, als ob sie ihn anschnauzen wollte, schien sich aber in Sekundenbruchteilen umzuentscheiden und schaute stattdessen auf den Ausdruck hinunter. Einen Moment lang blieb sie reglos, dann zog sie die Stirn kraus, blickte wieder zu Strater und fragte: »Was ist das?«

»Das frage ich dich!«, zischte er. Seine Laune war mittlerweile im Minusbereich angelangt und er musste sich beherrschen, um seine Faust nicht auf das Holz zu donnern. »Alter, ich hab keine Ahnung«, sagte sie, wischte das Papier vom Tisch und sprang von ihrem Hocker auf. »War es das jetzt, oder was?« Sie lief zurück hinter den Tresen, hantierte an irgendeiner Schublade herum und schmiss dabei einen Becher mit Löffeln um, der scheppernd auf dem Fußboden landete. »Fuck!«, schrie sie, riss eine Schranktür auf und entnahm dieser eine weitere Tasse, die sie fahrig unter den Kaffeeautomaten stellte. »Denkst du, nur weil ich Tätowiererin bin, kenn ich die Bedeutung von jedem scheiß Tattoo? Meinst du, die Leute kommen her und sagen: Hey, ich will ein Tribal-Tattoo, das die Reinheit der Walfischseele symbolisiert oder das Morsealphabet für blinde Maori? Alter, für so was gibt es neuerdings KI, schon mal gehört? Aber vermutlich schickt ihr euch bei der Strandbullerei noch gegenseitig Fax und Rauchzeichen rüber!«

Strater mobilisierte all seine Kräfte, um angesichts des Blödsinns, den sie von sich gab, nicht die Beherrschung zu verlieren und wandte sich vorsichtshalber ab. Hinter seinem Rücken hörte er, wie Kante die Löffel vom Boden klaubte. Er drehte sich um und sah, wie die Tätowiererin gerade wieder hinter dem Tresen zum Vorschein kam, ein Dutzend Löffel in der Linken. Sie richtete ihren Blick auf Strater. Zögerlich fragte sie: »Sucht ihr jemanden mit einem solchen Tattoo?«

»Nein, dieses Mal haben wir die Person bereits gefunden.« Er machte eine Pause und fügte hinzu: »In einem Seecontainer.«

Kapitel 3

Kante

Kante klaubte ihre Sachen zusammen, schmiss sie in die schwarze Umhängetasche, fummelte vergeblich am Reißverschluss herum und wuchtete die Tasche schließlich fluchend halb geöffnet über die Schulter. Mit eiligen Schritten durchquerte sie die Stechkogge, die in den letzten Monaten immer mehr zu ihrem notdürftigen Zuhause geworden war. Schon in der Vergangenheit hatte sie die ein oder andere Nacht dort verbracht. Sie hatte sogar den gesamten Winter über in ihrem Studio übernachtet, denn in ihrem Camper, wie sie den klapprigen Transporter liebevoll nannte, dessen Ladefläche ihr ansonsten als Schlafstätte diente, war es schlicht zu kalt gewesen.

Das ungewöhnlich milde Wetter der letzten Tage nach diesem verheerenden Sturm, wäre eigentlich mehr als geeignet gewesen, um im Camper zu übernachten. Aber leider wartete der Transporter derzeit auf seine baldige Verschrottung. Kante trat durch die Eingangstür nach draußen und verschloss diese schnaubend. Sie drehte das Schild auf Closed und eilte die Norddeicher Straße hinunter in Richtung Ortskern. Unterwegs warf sie einen Blick auf die Uhr ihres Mobilgeräts und stellte fest, dass sie getrödelt hatte. Ihr Termin hatte bereits vor fünf Minuten begonnen. »Fuck«, grummelte sie in ihren Schal hinein, in dem sich einige Haarsträhnen im Wind verheddert hatten. Über ihr keiften ein paar Möwen, vielleicht lachten diese sie auch aus. Sie blieb einen Augenblick stehen, verschnaufte und ruckte ihre schwere Tasche zurecht. Bei dem Gedanken daran, diesem dämlichen Lackaffen von der Bank erneut gegenüber zu sitzen und ihn anbetteln zu müssen, wurde ihr ganz schlecht. Er würde ihr wieder unverschämt ins Gesicht grinsen und sie würde den letzten Rest Selbstachtung herunterschlucken wie einen fauligen Apfelschnitz. Dabei hatte alles so gut begonnen. Doch dann … Sie ballte die Hände zu Fäusten und versuchte, die Gedanken zu verscheuchen. An Strater, der sie in ihrem Studio mit einer dämlichen Zeichnung in der Hand aufgesucht hatte. Genau wie vor einem Jahr. Nur, dass dieses Mal alles anders war. »Fuck«, zischte sie erneut. Bei der Erinnerung daran, wie sie damals gemeinsam die Straße hinuntergelaufen waren, verspürte sie einen Kloß im Hals. Sie hatte sich gerne daran zurückerinnert. An die Szene mit seiner Frau, dieser Saskia. Aber dieses Mal trieb ihr der Gedanke daran keine Lachtränen in die Augen. Sie waren gemeinsam zur Bank marschiert und mit dem Kommissar im Schlepptau war es ihr gelungen, den Kreditrahmen zu erweitern. Doch jetzt war die Situation eine völlig andere. Sie biss die Zähne aufeinander und wünschte sich wieder ganz weit fort.

Die Tür zum Waschsalon gab ein Geräusch von sich, das Kante eher an eine sterbende Ente erinnerte als an ein Eingangssignal.

»Sie schon wieder«, kam es tonlos von der Frau hinter der Ladentheke. Als Antwort knallte Kante ihre Tasche auf die Resopal-Platte, drehte sich um und presste im Hinausgehen ein: »Hol ich in einer Stunde ab«, zwischen ihren Lippen hervor.

Sie würde mindestens zehn, wenn nicht sogar fünfzehn Minuten zu spät kommen. Scheiß drauf, dachte sie, als sie weiter die Norddeicher Straße hinuntereilte. Sowieso schon egal. Sie rechnete sich nämlich keinerlei Chancen aus, den Kreditrahmen ein weiteres Mal erweitern zu können. Wenn sie sich nicht bald etwas einfallen ließ, konnte sie den Laden dichtmachen. Dass zu allem Überfluss auch noch dieser verdammte Nobel-Schuppen aufgemacht hatte, versetzte ihr finanziell gesehen quasi den Todesstoß. Was war ihr also anderes übrig geblieben, als einen zweiten Tätowierer anzuheuern, der für sie die Kleinaufträge abfertigte? Immerhin stellte Lemmy keine Fragen und begnügte sich erstaunlicherweise mit den paar Kröten, die sie ihm in bar rüberschob. Doch bisher war der Erfolg ausgeblieben. Sie brauchte einen neuen Plan, eine zündende Idee, die Aufmerksamkeit auf die Kogge lenkte. Aber im Gegensatz zu diesem Möchtegern-Eliteschuppen fehlte es ihr leider am nötigen Kleingeld, um ordentlich die Werbetrommel zu rühren. Vor dem Eingang des Bankgebäudes angekommen, hielt sie einen Moment inne, um sich zu sammeln. Sie zog die Schultern nach hinten und atmete tief durch.

»Scheiß drauf«, sagte sie und öffnete die Tür.

***

»Verdammt, pack die Stencils nicht an!« Kante entriss dem Schlaks mit den tätowierten Armen und dem silbernen Septum, das ihn wohl wie einen Bullen aussehen lassen sollte, die Tätowier-Schablone. »Mein Laden, mein Equipment, meine Regeln«, stellte sie klar. »Und dazu gehört, dass du meine Sachen nicht anrührst! Mach das noch mal«, sie senkte die Stimme und funkelte ihn angriffslustig an, »und du kannst im Nordanker Sterne stechen!« Dann grinste sie und Lemmy brach in schallendes Gelächter aus.

»Kante, ey, ich krieg mich nicht mehr ein! Im Nordanker! Du weißt, das ist eine noch schlimmere Folter als die braune Plörre aus deiner Kapselmaschine!« Er steckte ihr das Bildchen zu, das eine Art doppelköpfige Krake mit Totenschädeln zeigte, und nickte ihr anerkennend zu. »Ich mag deine düsteren Meeresmotive. Geil, dass du alles noch per Hand zeichnest und die Motive nicht, wie die meisten Studios, per KI generieren lässt. Wo ist da noch die Kunst? Außerdem«, er deutete zu ihrem Arbeitsplatz neben dem chrombeinernen Tätowier-Stuhl hinüber, auf dem ihre Maschinen in den Halterungen auf ihren nächsten Einsatz warteten, »steh ich auf deine Coils. Das hat Klasse.«

Kante grinste, gab ihm einen kleinen Klaps auf den Hinterkopf, wofür sie sich auf ihre Zehenspitzen stellen musste, und verschwand, mit der Tätowier-Vorlage in der Hand, hinter ihrem Tresen. Die Coils. Sie waren ihr ganzer Stolz. Niemals würde sie sich freiwillig von ihnen trennen. Lemmy hatte sie mehr als einmal gebeten, sie ausprobieren zu dürfen, was natürlich undenkbar war. Sie drückte auf den Knopf der Kaffeemaschine. Der richtige Kante hatte sie ihr vermacht. Kante, bei dem sie alles gelernt hatte. Der ihr vor seinem Tod das Versprechen abgerungen hatte, sein Erbe fortzuführen. So hatte sie nicht nur seine Tätowiermaschinen übernommen, sondern auch seinen Namen. Und sie war mit Sicherheit die Einzige weit und breit, die noch mit richtigen Coil-Maschinen arbeitete. Die, angetrieben von Magnetspulen, das unverkennbare Summen von sich gaben. So wie es sich in einem richtigen Tattoostudio anhören musste! Niemals würde sie eine dieser seelenlosen Rotary-Maschinen verwenden! Dass Lemmy sie nutzte, wunderte sie nicht. Die meisten Tätowierer kamen besser damit zurecht. Sie erforderten weniger Pflege und Wartung und waren deutlich leiser. Außerdem erzeugten sie weniger Vibrationen in der Hand. Sie nahm eines der Keramiktässchen aus dem Schrank, das aussah wie ein eingedrückter Plastikbecher und stellte es unter die Kaffeemaschine. Aber Tätowieren war Kunst. Und Kunst war niemals einfach. Sie drückte eine Kapsel in die Maschine und lauschte dem zweitschönsten Geräusch in ihrem Studio.

Kapitel 4

Strater

Mit hinter dem Rücken verschränkten Händen stand Strater in dem funktional eingerichteten Konferenzraum des Polizeikommissariats Norden am Fenster und blickte auf den Marktplatz hinaus. Zwei Mal wöchentlich boten die Händler aus der Region hier Lebensmittel wie frischen Fisch und Handwerksprodukte an. Gerade trotzten ein paar wenige Passanten dem schlechten Wetter. Im Hintergrund ragte die mittelalterliche Ludgeri-Kirche mit ihrem frei stehenden Glockenturm auf. Als Strater ein Pärchen beobachtete, das Hand in Hand über das feuchte Kopfsteinpflaster spazierte, drifteten seine Gedanken zu Saskia und ihrem Neuen ab und sofort verfinsterte sich seine Stimmung weiter. Er hatte seit dem Morgen nichts gegessen, weil allein der Gedanke an Nahrung seine Übelkeit verstärkte. Außerdem plagten ihn Kopfschmerzen und eine bleierne Müdigkeit, wegen der er sich wie in einem surrealen Fiebertraum wähnte.

»Robert!« Brunsens energiegeladene Stimme tönte durch den Raum. »Was stehst du denn hier im Dunklen?« Die Neonröhren des Raums flackerten auf und tauchten ihn in gleißendes Licht.

»War doch noch hell genug«, sagte Strater, ohne sich umzudrehen.

»Gerade jetzt, wo die dunkle Jahreszeit begonnen hat, sollten wir so viel Licht wie möglich tanken. Vielleicht wirkt sich das auch positiv auf deine Stimmung aus, Robert.«

Strater seufzte.

»Ich gehe einmal die Woche ins Solarium«, fuhr Brunsen unbeirrt fort. »Kann ich dir nur empfehlen. Etwas Bräune würde dir einen leicht südländischen Teint verleihen. Kommt bei den Frauen gut an.«

Strater wandte sich gerade um, um Brunsen eine gepfefferte Antwort zu geben, als Ceylin Mostafa mit einem Laptop unter dem Arm den Raum betrat. Die junge Frau mit den brauen Mandelaugen, die heute ein dunkelblaues Kopftuch trug, war ihre IT-Expertin.

»Gott sei Dank«, entfuhr es Strater. Er wollte so schnell wie möglich anfangen und hatte keine Lust, sich weitere ungebetene Lebensweisheiten anzuhören.

Ceylin sah irritiert aus. »Bin ich zu spät?«

Strater lächelte. »Nein, nein, alles gut. Kannst du uns bitte die Schalte zu Dr. Rosenfeldt herstellen?« Strater setzte sich ans Kopfende des Konferenztisches, der den Raum dominierte. Er griff nach seinem Kaffeebecher und trank einen Schluck des inzwischen kalt gewordenen Getränks, während Ceylin sich dem Beamer zuwandte, der in der Ecke des Raums stand.

Brunsen, der ihr gegenübersaß, öffnete eine Brotdose, die er Strater im nächsten Moment entgegenhielt. »Haferflockenkekse ohne Zucker und Mehl. Willst du einen, Robert?«

Strater schüttelte vehement den Kopf. Brunsen zuckte nur mit den Schultern und steckte sich einen davon in den Mund. Es lag Strater auf der Zunge, ihn zu fragen, warum er Ceylin keinen anbot. Doch dann entschied er sich dafür, die Anspielung auf sein Übergewicht zu ignorieren, die er hinter Brunsens Erwähnung, dass sich kein Zucker in den Keksen befand, vermutete.

Ceylin stellte den Beamer auf einen Tisch, hantierte daran herum und wenig später war Frau Rosenfeldt in einer Kachel zu sehen. Dann füllte ihr von schräg unten gefilmtes Gesicht die Projektionsfläche vollständig aus. Im Hintergrund waren graue Fliesen und Edelstahlapparaturen zu sehen, die klinisches Licht reflektierten.

»Robert«, sagte sie, nachdem sich alle begrüßt hatten. »Sie wollten ein erstes Ergebnis?«

»Schießen Sie los, Paula.«

Rosenfeldt senkte den Blick und sah in ihre Unterlagen. »Der Tote ist männlich, geschätztes Alter zweiundvierzig bis siebenundvierzig Jahre. Der Todeszeitpunkt war vor etwa zweiundsiebzig Stunden, plus minus sechs. Der Leichnam weist massive Stromverletzungen auf, sogenannte elektrische Läsionen. Die Ein- und Austrittsmarken finden sich an beiden Unterarmen sowie am Thorax. Das spricht für eine wiederholte Stromapplikation.« Brunsen verzog unwillkürlich das Gesicht.

»War das die Todesursache?«, fragte Strater.

»Nein«, antwortete Rosenfeldt. »Die Stromstöße dienten sehr wahrscheinlich der Folter. Todesursächlich war ein Projektil, Kaliber vermutlich neun Millimeter. Einschuss temporal rechts, Austritt parietal links. Sofort tödlich. Keine Abwehrverletzungen zum Tatzeitpunkt.«

Strater betrachtete nachdenklich die Tischplatte. Erst die Folter, dann eine Hinrichtung. Ihm schwante Übles. »Was ist mit den Tattoos?«, fragte er schließlich.

Rosenfeldt nickte und blätterte in ihren Unterlagen. »Auffällig. Mehrere teils professionelle, teils improvisierte Tätowierungen. Am Unterarm ein kyrillischer Schriftzug, offenbar überstochen. Daneben noch weitere. Ich habe Ihnen die Fotos bereits gemailt.«

Strater nickte knapp. »Danke, Paula. Lassen Sie mir Ihren endgültigen Bericht bitte noch zukommen.«

»Selbstverständlich.« Die Rechtsmedizinerin lächelte leicht. »Viel Glück.«

Strater bedankte sich, dann verschwand das Gesicht der Medizinerin und Ceylin beendete die Videoschalte. Im Raum war es einen Moment lang still. Der Wind war zu hören, der draußen um die Fassade pfiff. Strater atmete langsam aus, dann sah er zu Brunsen hinüber. »Hast du herausgefunden, woher der Container stammt?«

Brunsen schüttelte den Kopf und machte eine Miene, als hätte er in eine saure Zitrone gebissen. »Da gibt es Probleme.«

»Und welche?«, hakte Strater genervt nach.

»Die Seriennummer ist teilweise abgeschliffen. Absichtlich beschädigt worden. Es gibt außerdem keine Reedereimarken und keine Plombe. So, als hätte jemand aufgepasst, dass der Container auch wirklich anonym ist.«

»Verdammt.« Strater lehnte sich zurück, schloss für einen Moment die Augen und öffnete sie dann wieder. »Kann es sein, dass der Container aus dem Hafen hier in Norddeich stammt?«

Ceylin räusperte sich. »Eher unwahrscheinlich, aber möglich. Das hier ist in erster Linie ein Versorgungshafen für die Inseln Juist und Norddeich. Es werden zwar auch Frachtcontainer verladen, aber bei Weitem nicht in dem Maße wie in den großen Seehäfen. Mein Bruder arbeitet im Norddeicher Hafen, deswegen kenn ich mich da etwas aus.«

»Findet dennoch heraus, ob hier ein Container vermisst wird. Ansonsten machen wir es folgendermaßen«, er sah Brunsen und Ceylin abwechselnd an, »wir leiten eine Rückberechnung ein.«

Brunsen richtete sich auf. »Mithilfe des Wetterdienstes?«

»Wetterdienst, BSH, alles, was wir kriegen können. Wind, Strömung, Gezeiten. Ich will wissen, wo das Ding vor drei Tagen ungefähr gewesen sein könnte.«

»Ich kümmere mich sofort darum«, sagte Brunsen.

»Ceylin hilft dir bestimmt.«

»Klar«, sagte die Computerexpertin.

»Primär müssen wir natürlich so schnell wie möglich herausfinden, wer der Tote ist.«

»Ich habe schon die Vermisstenmeldungen der letzten Tage aus der Region durchgeschaut. Keine passt zu dem Toten«, sagte Brunsen.

Strater stand auf und trat wieder ans Fenster. »Finden wir erst einmal heraus, woher der Container stammt.« Die Äste eines Baumes wiegten sich im Wind. Regen prasselte auf das Kopfsteinpflaster. »Der Geistercontainer«, murmelte er.

Ein allzu bekanntes Gefühl regte sich in ihm. Die vielen Dienstjahre in Hamburg, seinem früheren Einsatzort, hatten ihm so etwas wie ein Gespür für üble Machenschaften hinterlassen. Und mal wieder lag es in seiner Verantwortung, diese aufzudecken. Dabei hatte er im Augenblick wahrlich andere Probleme. Er schloss die Augen und atmete tief aus. Das Ganze war ein einziger Albtraum.

Die Fassade

Man muss vorsichtig sein. Es spielt eine Rolle, welche Kleidung man trägt. Dunkle Farben. Die Schuhe sind wichtig. Und das Licht. Rotlicht.