PROLOG
Als es unerwartet an der Tür klingelt und der schrille Ton die erdrückende Stille in unserer verwüsteten Wohnung zerreißt, muss ich einen halb panischen Aufschrei unterdrücken.
Ist er das? Ist er zurück?
Ich bin mir nicht mal sicher, welche Gefühle sich hinter dem Geräusch verbergen, das ich gerade abgewürgt habe. Habe ich Angst? Bin ich wütend? Voller Hoffnung?
Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass es Hoffnung sein könnte.
Es ist zwanzig Uhr an einem kalten Montagabend im Januar und hier drinnen ist es fast genauso stockdunkel wie draußen. Ich habe mich schon seit Stunden nicht mehr vom Fleck bewegt. Nicht mal, um das Licht einzuschalten.
Das kann alles nicht wahr sein. Vielleicht ist es nur ein Albtraum. Es gibt einen kleinen, entsetzten Teil von mir, der darauf besteht, dass ich aufwachen werde, solange ich nur die Füße stillhalte. Denn nur dann wird nichts davon real sein.
Aber selbst hier in den Schatten auf meiner Couch kann ich es sehen. Die umgestürzten Möbel. Die zerschlagenen Fotorahmen. Der schief herabhängende Flachbildfernseher, der halb aus seiner Wandhalterung gerissen worden war, weil unser gläserner Briefbeschwerer aus der Mitte des Bildschirms ragte.
Er ist weg. Und mein Geld auch. Jeder Cent meiner Ersparnisse, fünf Millionen, mit denen ich ein Haus in den Hills kaufen wollte. Ein Ort, an dem wir eine Familie gründen konnten.
Weg. Genau wie mein Seelenfrieden. Mein Glück.
Mein Herz.
Das nervtötende, fröhliche Klingeln an der Tür zerreißt erneut die Stille, aber ich kann mich nicht dazu durchringen, aufzustehen und sie zu öffnen.
Was, wenn er zurückgekommen ist?
Oder noch schlimmer … Was, wenn er es nicht ist?
Ich bin wütend, aber auch so verwirrt, so verletzt, dass die Wut nicht richtig zündet.
Wie konnte das nur passieren?
Alles begann vor ein paar Wochen. Seine Stimmungsschwankungen hatten zugenommen und er war immer öfter niedergeschlagen. Manchmal blaffte er mich grundlos an, aber besonders wenn ich versuchte, ihm zu helfen. Er hat mir nie wehgetan, zumindest nicht physisch. Zwar hat er einige … unschöne Dinge gesagt, aber er hat sich immer entschuldigt. Er sagte, dass er sich in einer schwierigen Phase befinde, und bat mich, geduldig zu sein. Versprach, dass es bald vorbei sein würde.
Und jetzt ist es vorbei. Aber nicht so, wie ich es erwartet hatte.
„Ich kann dich nicht mehr ertragen, Indigo! Ehrlich gesagt weiß ich nicht, warum ich dich jemals gefragt habe, ob du mich heiraten willst, aber das war der schlimmste Fehler meines Lebens. Behalte die verdammte Wohnung. Ich bin raus.“
Seine Worte. Dann ist er durch die Wohnung gestürmt, hat mit unseren Habseligkeiten um sich geworfen, während er sein Leben in zwei Koffer packte, bevor er mir seinen Haustürschlüssel zuwarf, die Koffer aus der Tür schleppte und sie hinter sich zuschlug. Das war heute Morgen.
Es ist nicht mal meine Wohnung. Sie läuft auf ihn.
Ich habe erst später am Nachmittag von dem fehlenden Geld erfahren. Bis zu diesem Moment dachte ich immer noch, ich könnte mithilfe meiner fünf Millionen Dollar noch heute ausziehen. Sofort alles hinter mir lassen.
Bis ich mich einloggte, um meinen Kontostand zu überprüfen, und feststellte, dass mein Konto leer ist. Die Bank sagte, sie könne nichts machen. Das Geld war in mehreren Batzen auf ein externes Konto überwiesen worden. Alles in den vergangenen Wochen. Ich war aufgeschmissen, wenn ich nicht irgendwie nachweisen konnte, dass ich die Überweisungen nicht autorisiert hatte, die eindeutig von meinem Konto ausgingen.
Und jetzt ist die Rufnummer meines Mannes außer Betrieb.
Wieder klingelt es an der Tür. Nur dass mein Besucher dieses Mal beharrlich bleibt und dagegen hämmert.
Ich habe solche Angst, dass er es ist. Oder dass er es nicht ist.
Dann erinnere ich mich in meinem benommenen, überforderten Zustand endlich an die Türklingelkamera.
Meine Hände zittern, als ich mein Handy vom Sofakissen nehme. Offen gesagt bin ich mir nicht sicher, ob die Gesichtserkennung überhaupt funktionieren wird. Ich habe stundenlang geweint und meine Lider sind geschwollen, meine Lippen rissig und meine Wangen aufgedunsen.
Es dauert lange, bis ich meinen Code richtig eingebe und auf die Kameraübertragung zugreifen kann. Und dann bricht der Schrei, den ich zuvor unterdrücken konnte, hoch und schrill aus meiner Kehle hervor. Denn es ist nicht mein Mann.
Es ist die Polizei.
„Ma'am?“, höre ich die gedämpfte Stimme durch die Tür, obwohl auf dem Bildschirm kein Ton zu hören ist. Der uniformierte Beamte draußen ist ungefähr zwanzig, wie ich, hat kurzes braunes Haar, braune Augen und ein freundliches Gesicht, das vor Sorge angespannt ist. Er muss meinen Schrei gehört haben.
Er drückt erneut auf die Klingel. „LAPD“, ruft er. „Wenn Sie können, kommen Sie bitte zur Tür.“
Oh Gott. Ich weiß nicht, ob ich dazu in der Lage bin. Kann ich überhaupt noch laufen? Ich hoffe insgeheim, dass die Polizei hier ist, weil sie meinen Mann gefunden und wegen Diebstahls verhaftet hat.
Aber das ist unwahrscheinlich. Ich habe ihn nur bei der Bank gemeldet, nicht bei der Polizei.
Der Beamte hämmert gegen die Tür. „Ma'am, bitte antworten Sie. Ich habe Schreie gehört. Wenn Sie nicht an die Tür kommen, muss ich gewaltsam in die Wohnung eindringen.“
„Ich komme.“ Meine Stimme gleicht einem kehligen Krächzen, das er nicht gehört haben kann. Irgendwie schaffe ich es, auf die Beine zu kommen. Ich lasse mein Handy auf der Couch liegen und gehe zur Tür.
Ich halte vor der Tür inne. „Einen Moment bitte“, hauche ich und hoffe, dass meine Worte zu hören sind.
„Ist alles in Ordnung, Ma'am?“
„Ja.“ Nein. Nichts ist mehr in Ordnung. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals und pumpt so stark, dass ich kaum atmen kann. Alles tut weh, weil ich stundenlang in derselben Position ausgeharrt habe. Und ich habe Angst davor, mir anzuhören, was dieser Polizist zu sagen hat.
Ich überlege, das Licht im Wohnzimmer anzuschalten, aber nachdem ich so lange im Dunkeln gesessen habe, würde das alles nur noch schlimmer machen. Zumindest wird das Licht auf der Veranda per Bewegungsmelder aktiviert. Nachdem ich vergeblich versucht habe, meine Panik weg zu atmen, entriegle ich die Tür und ziehe sie auf.
Der Beamte tritt einen Schritt zurück. „Mrs. Metcalf?“
„Ich … nein“, krächze ich, obwohl ich verstehe, was er fragt. Aber im Moment kann mein Gehirn die sonst so einfache Aufgabe, zu erklären, dass ich den Nachnamen meines Mannes nicht angenommen habe, nicht bewältigen. „Ich meine … ich heiße Indigo. Roman ist mein Mann. Roman Metcalf.“
Ich plappere, aber ich kann es nicht stoppen. Der bloße Anblick dieses Mannes macht mir mehr Angst als das Verhalten meines Mannes heute Morgen, damals, vor Stunden, oder vielleicht ist es auch schon eine Ewigkeit her. Zum damaligen Zeitpunkt dachte ich, es wäre der beängstigendste Moment meines Lebens.
Irgendwie weiß ich, was er sagen wird. Noch bevor sich seine Miene mitfühlend verzieht, er mit den Füßen scharrt und sich dann räuspert, um die Nachricht zu überbringen.
„Ma'am, mein Name ist Officer Ian Ellery, ich bin von der LAPD“, beginnt er, hält dann einen Moment inne, bevor er sich wieder fasst. „Es tut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen, aber Ihr Mann wurde Opfer eines bewaffneten Überfalls und … er wurde getötet.“
Meine Knie geben nach und ich spüre den Schmerz in meinen Schienbeinen, als ich auf den Boden aufpralle, bevor ich ohnmächtig werde.
KAPITEL 1
„Und das war's!“, brüllt Nicky Moore durch sein Megafon. „Herzlichen Glückwunsch, Leute, die Bitch ist im Kasten!“
Jubel und Applaus folgen auf die Ankündigung des Regisseurs und schallen durch das gemietete Studio, in dem gerade die letzte Szene von Mega-Cobra 3 gedreht wurde. Es mag sich um eine drittklassige Produktion der Fortsetzung eines Horrorfilms handeln, der ohnehin nicht besonders erfolgreich war, aber es ist immer noch ein Film. Und für die meisten ist es ein riesiger Kick, Teil einer echten Filmproduktion zu sein.
Für mich nicht so sehr. Es ist mein Broterwerb, und derzeit kein besonders lukrativer, zumal ich nur eine einfache Maskenbildnerin bin.
Eine Maskenbildnerin, die glücklicherweise eine Gehaltserhöhung aushandeln konnte, nachdem der Regisseur mitten in der Produktion beschlossen hatte, das Ende umzuschreiben, damit eine der Hauptfiguren zu einem Mensch-Kobra-Hybrid wird, um als Teaser auf die Fortsetzung Mega-Cobra 4: die Schlangenmenschen zu dienen.
Wie ich Nicky erklärt hatte, bin ich auf Gesichter und Wunden spezialisiert. Seit meiner Ausbildung habe ich keinen Kreatureneffekt mehr gestaltet – und ja, das gibt es wirklich. Aber ich wusste zum Glück, dass SFX-Make-up-Künstler mehr verdienten, also haben sie widerwillig zwei Riesen draufgelegt.
Zumindest habe ich jetzt genug, um meine nächste Monatsmiete zu bezahlen. Aber das war's auch schon.
Ich habe angefangen, meine Ausrüstung zusammenzupacken, sobald sie zu drehen begonnen hatten, also bin ich jetzt fast bereit zu gehen. Hoffentlich bevor der Trubel abklingt. Ich will mit niemandem Small Talk machen müssen. Heute ist kein guter Tag für mich, und das hat nichts mit diesem beschissenen Film zu tun.
Heute ist der Jahrestag der beiden schlimmsten, deprimierendsten Geschehnisse in meinem Leben.
Die mich auch jetzt noch erschüttern.
Als ich meinen Make-up-Koffer schließe und mir meine Tragetasche über die Schulter werfe, bemerke ich aus dem Augenwinkel eine Gestalt, die direkt auf mich zusteuert. LeiLei Veridian, der Star der Show. Die Hauptdarstellerin in Mega-Cobra 3 ist blond, blauäugig, vollbusig, temperamentvoll und wunderschön. Und obwohl sie stereotypisch attraktiv ist, ist sie wirklich nett und unglaublich intelligent. Das war ihr erster Film, aber es wird nicht ihr letzter sein. Sie ist eindeutig für die Welt der Stars bestimmt.
Sie erinnert mich so sehr an meine beste Freundin Saria, die eigentlich hier mit mir sein sollte, dass es wehtut.
„Indigo!“, ruft LeiLei strahlend, winkt mit beiden Armen hoch über ihrem Kopf, und eilt auf mich zu. „Oh mein Gott, wir haben es geschafft!“ Sie umarmt mich auf die kalifornische Art … legt ihre Hände auf meine Oberarme und drückt mich an sich. „Du kommst doch zur After-Party, oder?“
Ich lächle sie an. „Ich bin Crewmitglied, keine Darstellerin“, sage ich zu ihr und versuche, ihr einen Insider-Tipp mitzugeben, da sie neu im Geschäft ist. „Theoretisch sind alle eingeladen, aber in Wahrheit bedeutet das nur die namentlich genannten Schauspieler, Regisseure und Produzenten. Die Crew lehnt die Einladung normalerweise ab.“
„Komm schon“, antwortet sie breit grinsend. „Du bist Indigo Voss. Du warst Birdie Hodman! Wir wollen alle mit dir feiern“, sagt sie. „Ich meine, Her Time to Die war …“
„Vor langer Zeit“, unterbreche ich sie freundlich, aber bestimmt, obwohl ich eigentlich sagen möchte, dass der Erfolg des Films ein Riesenzufall war. Denn das war es. Viele Leute schwärmen heute immer noch von meiner einzigen Hauptrolle. Der Film war ein Überraschungshit, eine Buchverfilmung, die nur wenig vermarktet und um die kein Wirbel gemacht wurde. Am Eröffnungswochenende floppte er, stieg dann aber in den folgenden Wochen steil auf, bis er zum Nummer-1-Film des Landes wurde.
Er hätte nicht so bekannt werden dürfen. Ich hätte nicht berühmt werden dürfen. Danach habe ich die Schauspielerei an den Nagel gehängt, und es dauerte Jahre, bis sich der Rummel endlich gelegt hatte.
Aber die Leute erkennen mich immer noch, wenn sie mir begegnen. Sie machen immer noch eine große Sache aus meiner Rolle, als wäre es eine weltbewegende Meisterleistung gewesen. Als hätte ich mir ihre Bewunderung irgendwie verdient.
Ich habe das Lob damals nicht verdient und heute erst recht nicht.
„Danke“, sage ich zu LeiLei. „Ich würde gerne mitkommen, aber ich habe heute Abend schon was vor. Die Pläne stehen schon seit einer Weile und ich kann nicht mehr absagen.“
Sie schmollt, nickt aber ernst. „Okay, aber wir müssen in Kontakt bleiben“, meint sie. „Du bist eine absolut fantastische Maskenbildnerin. Ich habe bereits mit der Produzentin meines nächsten Films darüber gesprochen, dich zu engagieren, und sie denkt darüber nach. Hast du eine Visitenkarte, die ich ihr geben könnte?“
„Äh, klar.“ Ich bin mir nicht sicher, ob LeiLei es weiß, aber sie hat mir gerade die größte Notlüge Hollywoods auf einem silbernen Tablet serviert. Ich melde mich. Es hat nicht lange gedauert, bis ich gelernt habe, diesen Worten niemals zu trauen, als ich hierherkam, entschlossen, den Traum zu leben, den meine beste Freundin und ich geteilt hatten, obwohl sie nicht mehr da war. Ich wollte ihr irgendwie Tribut zollen.
Aber nichts lief so, wie ich es erwartet hatte.
Ich werfe einen Blick in LeiLeis erwartungsvolles Gesicht und taste meine Taschen ab, als würde ich dort die wenigen Visitenkarten vermuten, die ich noch habe, statt dort, wo ich sie wirklich verstaue. Hauptsächlich, um ihr die Möglichkeit zu geben, sich aus der Situation herauszureden, jetzt, da die Dreharbeiten vorbei sind.
„Tut mir leid, ich habe keine mehr“, sage ich. „Sie sind in meiner Handtasche in der Garderobe.“
„Schon okay. Ich begleite dich!“
Okay, ich kann nicht sagen, dass ich es nicht versucht hätte.
Ich greife nach dem Griff meines Make-up-Koffers und schlängle mich durch das normale Gewühl nach Drehschluss zum Studioausgang. Unterwegs rufen mehrere Leute LeiLeis Namen, und ich erwarte immer wieder, dass sie sich für eine Minute entschuldigen und nie wieder zurückkommen wird. Aber sie bleibt an meiner Seite und wartet, während ich dem Sicherheitsbeamten meinen Ausweis zeige, um meine übergroße Lederhandtasche aus der Garderobe zu holen.
Ich krame in der Außentasche, bis ich den kleinen Stapel cremefarbener Karten mit meinem Namen, meiner Telefonnummer und meiner E-Mail-Adresse finde, die mich als Make-up- und Spezialeffektexpertin ausweisen. Damit hatte ich angefangen, bevor ich kurzzeitig zur Schauspielerei wechselte. Ich hatte mir sogar in bestimmten Kreisen einen Namen gemacht und mich bis zur Leiterin des Haar- und Make-up-Bereichs bei einigen Großproduktionen hochgearbeitet.
Offen gesagt konnte ich mir Besseres vorstellen. Verantwortung zu übernehmen war nie mein Ding.
Aber auch das ist jetzt vorbei. Vor ein paar Jahren hat mich jemand mit einem karrierezerstörenden Hollywood-Gerücht ins Visier genommen. Es schien mein Ansehen als ehemalige Schauspielerin nicht zu beeinträchtigen. Aber die Produzenten haben aufgehört, mich für Make-up-Jobs anzufragen, und viele weigern sich sogar, mich für neue Produktionen in Betracht zu ziehen.
Heute kann ich mich glücklich schätzen, wenn ich an Projekten wie Mega-Cobra 3 und meinem letzten Auftrag, einem schrecklichen, selbsterklärenden Arthouse-Film namens My Father, My Lover arbeiten darf.
Ich hatte sichergestellt, nicht im Abspann erwähnt zu werden.
„Bitte sehr“, sage ich und reiche LeiLei meine Karte. „Viel Spaß auf der Party.“
„Danke!“ Sie nimmt die Karte, steckt sie weg und zaubert wie aus dem Nichts eine eigene hervor. Ihre Visitenkarte ist schwarz und glänzend, mit einem glamourösen Foto von ihr und einem Mini-Lebenslauf auf der Rückseite. „Das ist meine. Ich meine es ernst mit dem Job, okay?“
„Okay, cool. Ich freue mich darauf, von dir zu hören“, erwidere ich, obwohl ich weiß, dass das nicht passieren wird.
Sie seufzt glücklich. „Ich bin so froh, dass ich mit dir zusammenarbeiten durfte. Ich wusste einfach, dass du super bodenständig bist.“
Ja, so bin ich eben. Total bodenständig, unter einer Lawine aus Tragödien und Misere begraben.
Sie winkt wieder, während sie zurück in die Menschenmenge im Studio verschwindet, und ich gehe nach draußen in den strahlenden kalifornischen Sonnenuntergang und atme erleichtert auf.
Je mehr Zeit ich mit Menschen verbringe, desto weniger möchte ich mit ihnen sozialisieren.
KAPITEL 2
Das Gold Star Diner ist super oldschool. Ein typisches, kleines Diner, das nur wenig größer als ein U-Bahn-Waggon war. Es hatte eine lange Theke in der Front und Sitznischen parallel dazu. Edith Wagner arbeitete hier Ende der 1950er-Jahre als Kellnerin, bis sie entdeckt und zu einem der größten Stars im Hollywood der 60er-Jahre wurde. Und zu einer vehementen Verfechterin von Frauenrechten. Sie war Sarias und mein Idol.
Nach unserer behüteten Jugend in Sheltered Pine, Utah, wo Frauenrechte irgendwo in der Zeit des Bürgerkriegs an den Nagel gehängt wurden, waren Saria und ich Feuer und Flamme für unser feministisches Vorbild. Außerdem war Edith eine fantastische Schauspielerin.
Wir hatten geplant, alle unsere großen Erfolge genau in diesem Diner zu feiern, egal wie berühmt wir wurden. Nur hatte Saria es nie aus Utah herausgeschafft oder einen Fuß in das Gold Star Diner gesetzt. Also komme ich für uns beide hierher.
Jedes Jahr am Jahrestag ihres Todes, der seit drei Jahren auch der Todestag meines Mannes ist.
Ich parke mein Auto und versuche, die nächste Ratenzahlung zu ignorieren, die ich noch dafür leisten muss. Sie ist ziemlich hoch und ich verdiene nicht besonders viel. Man könnte meinen, dass ich viel Geld hätte, nachdem ich die Hauptrolle in einem berühmten Film gespielt habe. Und das hatte ich auch gehabt … zumindest für eine Weile. Meine eigentliche Gage war hunderttausend Dollar gewesen, was mir viel vorkam, weil ich ein unbekanntes Gesicht in Hollywood war. Von den Tantiemen erwartete ich auch nicht viel. Aber als der Film zum Hit wurde, verdiente ich innerhalb eines Jahres mehrere Millionen Dollar.
Doch dank meines verstorbenen Mannes ist das jetzt alles Geschichte, und die Tantiemen sind auch versiegt. Ich kann mich glücklich schätzen, wenn ich jedes Quartal hundert Dollar zugesandt bekomme.
Wenigstens habe ich einen neuen Auftrag in Aussicht. Nächsten Montag fange ich mit der Vorproduktion eines C-Horrorfilms namens Monster of the Week an. Der Produzent ist derselbe, der mich für My Father, My Lover engagiert hat.
Zum Glück scheint er seine Lektion gelernt zu haben. Horror verkauft sich bei drittklassigen Filmproduktionen besser als verpönter Sex. Aber ich werde mir später Gedanken darüber machen, wie ich das neue Projekt überstehe. Jetzt muss ich erst mal den Abend durchstehen.
Die eisige Luft der Klimaanlage schlägt mir ins Gesicht, als ich im Beisein der klingelnden Glöckchen über der Tür das Diner betrete, ohne das Schild mit der Aufschrift Bitte nehmen Sie Platz! oder die roten Vinyl-Barhocker mit silbernen Akzenten eines zweiten Blickes zu würdigen. Ich gehe direkt zu unserem Tisch, in der vorletzten Sitznische links von der Tür. Der Tisch, an dem Talentscout David Nettle saß, als er Edith Wagner entdeckte und sie zum Star machte.
Nur um festzustellen, dass dort bereits jemand sitzt.
Während ich darüber nachdenke, ob es völlig ineffizient ist, später wiederzukommen, werde ich langsamer und seufze. Ich weiß, dass es albern ist, aber ich führe dieses traurige kleine Ritual schon seit Jahren durch. Es wäre nicht richtig, mich an einen anderen Tisch zu setzen.
Die Frau in meiner Nische, die mir den Rücken zugewandt hatte, muss die ruckartige Bewegung aus dem Augenwinkel bemerkt haben, denn sie dreht sich zu mir um, und ich schnappe laut nach Luft. Ich kenne sie.
Xandra Pinney.
Sie war zeitweise eine B-Berühmtheit, die in einer Handvoll erfolgreicher Teenager-Horrorfilme und einer dystopischen Serie für junge Erwachsene die Haupt- oder Nebenrollen spielte. Vor einigen Jahren haben wir an einem Horrorfilm namens The Twilight Camp zusammengearbeitet, der meine erste Schauspielrolle und eine ihrer letzten war.
Ich wurde als Chefmaskenbildnerin für die Hauptdarsteller engagiert. Xandra hasste mich, obwohl das nichts Neues war. Sie war eine echte Diva, nur ohne die Referenzen, die ihr arrogantes Verhalten rechtfertigten. Sie brachte sogar eine Nebendarstellerin dazu, alles hinzuschmeißen, nachdem sie die arme Frau zu Tränen gequält hatte. Die Frau floh fünfzehn Minuten vor Drehbeginn der ersten Szene vom Set, in der sie auftreten sollte. Eine Außenaufnahme, die ganz bestimmte Licht- und Wetterbedingungen erforderte.
Der Regisseur, Daamon „mit zwei A“ Alteman, war ein Freund von mir. Ich hatte bereits bei drei seiner Filme das Make-up und die Spezialeffekte gemacht. Er bat mich, einzuspringen, da ich ungefähr im gleichen Alter war und ähnlich aussah wie die abgehauene Nebendarstellerin und sie Wochen auf die richtigen Wetterbedingungen gewartet hatten.
Widerwillig gab ich nach. Sehr zu Xandras Missfallen. Vor allem, weil diese Nebenrolle dazu führte, dass ich für Her Time to Die gecastet wurde, die laut Xandra ihr zugestanden hätte.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie es war, die dieses Gerücht über mich in die Welt gesetzt hat.
Nach dem Dreh von The Twilight Camp drehte Xandra drei kitschige Hallmark-Filme und verschwand von der Bildfläche. Ich würde nicht mal so viel über sie wissen, wenn ich nicht zufällig auf einen dieser Clickbait-Online-Artikel à la „Wo sind sie jetzt?“ gestoßen wäre. Dem Artikel zufolge war sie jetzt Publicity-Managerin für ein exklusives Retreat für Prominente.
Und jetzt ist sie hier. In meinem Diner, ausgerechnet an diesem Tag. Und sie lächelt mich an.
„Xandra?“, platze ich heraus, obwohl mir mein Instinkt sagt, ich solle auf dem Absatz kehrtmachen und verschwinden, ohne mich mit ihr einzulassen. Sie war von Anfang bis Ende der Dreharbeiten absolut furchtbar. Tatsächlich kann ich mich noch immer an das Letzte erinnern, was sie zu mir gesagt hat.
Erinnerst du dich, was mit Brandon Lee passiert ist? Nun, ich hoffe, dass dir das Gleiche passiert, du talentlose, rollenklauende Bitch.
Man muss nicht mal zur In-Crowd gehören, um die unterschwellige Drohung zu verstehen. Jeder weiß, dass Brandon Lee am Set durch eine fehlerhafte Waffe getötet wurde, die eigentlich mit Platzpatronen geladen sein sollte. Xandra hat im Grunde gedroht, mich umzubringen.
Und jetzt strahlt sie mich an, als wäre ich eine alte Freundin, die sie seit Jahren nicht mehr gesehen hat.
„Oh mein Gott. Indigo.“ Xandra steht auf und kommt mit ausgestreckten Armen auf mich zu. Bevor ich mich versehe, umarmt sie mich.
Ich bin zu fassungslos, um etwas anderes zu tun, als ihre Umarmung zu erwidern, während mir der Duft ihres überteuerten Parfüms in die Nase steigt. „Hallo, Xandra“, würge ich mühsam hervor.
Sie zieht sich zurück und ihr Blick wird ernst, als sie meine Hand ergreift. „Hör zu, ich wollte mich entschuldigen“, sagt sie. „Für all die … schrecklichen Sachen, die ich über dich gesagt habe. Ich habe mich geirrt, und Daamon hatte recht. Du warst die perfekte Besetzung für Birdie. Mein Gott, als ich Her Time to Die zum ersten Mal gesehen habe …“ Sie legt sich die Hand auf die Brust und Tränen steigen ihr in die Augen. „Wirklich großartig.“
Man würde erwarten, dass sie schauspielert, aber ich weiß, dass sie nicht so gut ist.
„Danke“, erwidere ich schwach.
Sie lacht und schüttelt den Kopf. „Da bin ich wieder und mache das Unangenehmste, was man tun kann. Man sollte meinen, ich würde es besser wissen. Wenn jemand deine schauspielerische Leistung lobt, ist es so schwer zu wissen, wie man reagieren soll, oder?“ Sie grinst wieder und drückt meine Hand, bevor sie mich loslässt. „Bitte, setz dich zu mir!“
Ich sehe keinen Ausweg, ihr zu entgehen, also setze ich mich.
Xandra setzt sich mir gegenüber. Sie sieht umwerfend aus – glänzendes platinblondes Haar, strahlend gebräunte Haut, ein lässig-schickes, schulterfreies Designerkleid, endlos lange Beine und Riemchensandaletten mit roter Sohle. Sie muss anständig verdienen.
Ich bin so aus der Fassung durch die unerwartete Unterbrechung meiner Pläne, so erbärmlich sie auch sein mögen, dass mir nichts einfällt, was ich sagen könnte. Aber Xandra füllt die Stille gekonnt aus.
„Das ist verrückt“, sagt sie, die Hände auf dem Tisch gefaltet, und beugt sich vor. „Aber weißt du, was noch verrückter ist? Ich habe versucht, herauszufinden, wie ich dich erreichen kann.“
„Häh?“ Ich blinzele sie an, von Sekunde zu Sekunde verwirrter. „Warum?“
„Na ja, ich …“
„Guten Abend, Ladys“, unterbricht uns die Kellnerin, die plötzlich neben uns auftaucht. „Was möchtet ihr trinken?“
Ich zucke innerlich zusammen und bereite mich auf eine bevorstehende Explosion vor. Wenn es eine Sache gab, die Xandra garantiert auf die Palme brachte, dann war es, wenn jemand sie unterbrach. Vor allem jemand so Unbedeutendes wie ein Sicherheitsbeamter oder ein Crewmitglied. Einmal drohte sie einem Wartungstechniker, ihn zu erstechen, weil er sie gebeten hatte, ein paar Schritte zur Seite zu gehen, da sie vor einem Sicherungskasten stand und ihre neuen Skriptseiten durchlas.
Aber sie lächelt unsere Kellnerin nur an und sagt: „Ich hätte gern einen Eistee mit Zitrone, wenn das möglich ist.“
„Klar, Süße.“ Die Kellnerin wendet sich mir zu. „Und du?“
„Ich, ähm … das Gleiche bitte.“
„Kommt sofort.“
Als die Kellnerin weg ist, versuche ich, Xandra nicht anzustarren. Das ist nicht die Frau, die am Set herumstürmte und allen das Leben schwer machte. Abgesehen davon, dass sie davon ausgeht, dass ich mich über dieses zufällige Aufeinandertreffen freue.
„Also, wie schon gesagt“, sagt sie. „Ich wollte mich bei dir melden, weil sich gerade eine großartige Gelegenheit ergeben hat, und du warst die erste Person, an die ich gedacht habe. Du bist perfekt dafür.“
„Ich schauspielere nicht mehr“, antworte ich automatisch.
Es gibt so viele Gründe, weshalb ich nie wieder vor einer Kamera stehen werde. Es würde meine Geldprobleme sofort lösen, zumindest kurzfristig, aber ich kann es nicht. Ich gehöre nicht auf die große Leinwand. Oder auf die kleine.
Xandra runzelt die Stirn. „Das ist wirklich schade“, sagt sie. „Du bist eine großartige Schauspielerin. Aber es geht nicht um eine Rolle. Vertrau mir, das ist genau dein Ding.“ Sie fördert eine kleine Handtasche ans Licht und zückt ihr Handy, in dessen Hülle ein gefalteter Hundert-Dollar-Schein steckt. „Hast du eine E-Mail-Adresse, an die ich dir alle weiteren Informationen schicken kann? Ich konnte dich auf Facebook nicht finden.“
Wieder mal bin ich zu verblüfft, um zu antworten. Schließlich bringe ich ein „Ähm, klar“ heraus.
Ich gebe ihr meine E-Mail-Adresse und sie tippt sie ein.
„Okay, super! Ich melde mich bei dir“, trällert sie.
Bevor ich sie darauf hinweisen kann, dass sie mir die Details genauso gut jetzt geben könnte, kommt die Kellnerin mit zwei Eisteegläsern an den Tisch, die mit Zitronenscheiben am Rand verziert sind.
„Bereit zu bestellen?“, fragt sie, während sie die Gläser vor uns abstellt.
„Es tut mir wirklich leid, aber ich muss los.“ Mit einem entschuldigenden Lächeln fördert Xandra einen Geldschein aus ihrer Handtasche und faltet ihn auf – oder besser gesagt, sie faltet drei 100-Dollar-Scheine auf. Sie erhebt sich, steckt ihr Handy wieder in ihre Tasche und gibt der Kellnerin das Geld. „Das ist für alles, was sie bestellt, und der Rest ist für dich.“
Die Kellnerin strahlt wie ein Honigkuchenpferd. „Wirklich?“
„Oh, auf jeden Fall. Ich weiß, wie wenig man in diesem Job geschätzt wird“, antwortet Xandra, während sie sich dem Ausgang zuwendet. „Einen schönen Abend noch. Und Indigo, warte auf meine Nachricht. Lass dir diese Chance nicht durch die Lappen gehen!“
Sie winkt fröhlich, eine Art Tüdelü, verlässt das Diner und lässt die Kellnerin vor Freude strahlend zurück, während ich auf die Tischplatte starre und versuche zu verstehen, was zum Teufel gerade passiert ist.
Ich mag Eistee nicht mal.
KAPITEL 3
Es ist kurz nach acht, als ich mich in meine Wohnung schleppe. „Ein Glück ist das vorbei“, murmle ich in den leeren Raum.
Die Dreharbeiten an Mega-Cobra 3. Das weltweit deprimierendste Jubiläumsessen. Meine bizarre Begegnung mit Xandra Pinney.
Jetzt kann ich mich entspannen. Endlich.
In der Wohnung ist es schwül, weil ich die Klimaanlage ausschalte, wenn ich nicht zu Hause bin, um Strom zu sparen. Meine Tasche landet auf dem Couchtisch und ich gehe zum Fenster, schalte die Klimaanlage auf volle Pulle und laufe dann in die Küche, um mir Eiswasser und einen Snack zu holen.
Die Wohnung ist nicht besonders groß, aber wie für viele Menschen in Los Angeles ist sie alles, was ich mir leisten kann. Sie besteht aus einem Wohn- und Esszimmer mit angrenzender Küche, die gerade genug Platz für einen Tisch für zwei Personen bot. Und das übliche Schlafzimmer und Bad. Das Gebäude bietet einen kostenlosen Parkplatz, was großartig ist, und hat ein Fitnessstudio, das zwar nicht riesig ist, aber ausreicht. Außerdem gibt es kostenloses WLAN. So rechtfertigen sie den Preis für diesen Schuhkarton, den sie Wohnung schimpfen.
Mein Leben sollte nicht so aussehen.
Unwillkürlich ertappe ich mich bei dem Gedanken, wie es hätte sein können, während ich mich mit meinem Mikrowellenpopcorn, das angeblich Krebs verursachen kann, auf die Couch fallen lasse. Das Wissen hält mich nicht davon ab, es zu genießen.
Nach dem, was Saria passiert ist, hätte ich einfach in Utah bleiben und Kellnerin oder Rezeptionistin oder Mormonin werden können. Aber nein. Ich musste hierherkommen und versuchen, unsere Träume zu verwirklichen, um ihr Ehre zu erweisen. Als könnte ich jemals auch nur halb so hell strahlen wie sie.
Saria Lew war meine beste Freundin, meine Seelenverwandte, ihr Jordan Peele zu meinem Keegan-Michael Key. Sie war das Feuerwerk, das jeden Raum erhellte, den sie betrat. Und ich war glücklich damit, in ihrem Schatten zu stehen und sie anzutreiben.
Wir wollten gemeinsam berühmt werden. Das dynamische, unzertrennliche Duo, das keine Rolle annahm, wenn die andere nicht dabei war. Wir wollten mit Teenager-Filmen durchstarten und uns dann zu Oscar-reifen Dramen vorarbeiten, Spaß haben und Hollywood einen Film nach dem anderen erobern.
Ihr gewaltsamer, schockierender und komplett unerwarteter Tod erschütterte meine Welt und die so vieler anderer. Das Universum weiß nicht, was es in dieser dunklen Frühsommernacht vor elf Jahren verloren hat.
Aber ich weiß es. Ich trage diese Tragödie immer mit mir. Ein schwarzes Loch in meiner Brust, das Saria früher mit ihrem Licht ausfüllte.
Ich seufze und nehme die Fernbedienung vom Couchtisch. Meine Wochenendpläne bestehen aus DoorDash-Bestellungen und einem Filmemarathon. Ich öffne meine Peacock-App, weil ich keine Ahnung habe, was ich schauen will, scrolle durch die Untermenüs und schaue mir die Horrorfilmauswahl an. Dann beginnt mein Handy zu vibrieren.
Fast ignoriere ich es, weil ich Angst habe, dass es Xandra sein könnte, und ich nicht weiß, was ich von ihrer Kehrtwende und ihrem überraschenden Angebot halten soll. Sie hat allerdings nicht meine Nummer, sondern nur meine E-Mail-Adresse. Das penetrante Vibrieren in meiner Tasche verrät mir, dass ich angerufen werde.
Ich hole mein Handy raus und sehe auf den Bildschirm. Es ist mein Bruder Ethan.
Meine Kehle schnürt sich zusammen und meine Augen füllen sich mit Tränen, bevor ich rangehe. „Hey. Wie geht's dir?“
„Oh Gott, musstest du das jetzt sagen?“ Er lacht leise, aber endet in einem Schniefen. Ich weiß, dass er heute genauso leidet wie ich.
Die meisten Leute würden es seltsam finden, wenn ihre beste Freundin mit ihrem Bruder zusammenkäme. Ich aber nicht. Saria und Ethan waren genaue Gegensätze – sie war wunderschön und aufgeschlossen, er superklug und schüchtern bis zum Gehtnichtmehr. Aber sie passten so gut zusammen. Ich wusste einfach, dass sie eines Tages heiraten würden.
In der Nacht, in der sie starb, war sie auf dem Weg zu mir. Mein Dad und ich wohnten etwa drei Meilen von Ethans Wohnung in der Nähe seines Community Colleges entfernt. Sie und Ethan hatten einen dummen Streit, aber sie wollte mir per Text nicht sagen, worum es ging. Sie stürmte aus seinem Zimmer und machte sich auf den Weg zu mir, um sich bei mir auszukotzen.
Nur sprang ihr Auto nicht an. Sie war zu wütend und wollte nicht auf ein Taxi warten, also machte sie sich zu Fuß auf den Weg. Das hätte eine Stunde gedauert, aber das war ihr egal. Sie musste einfach weg.
Das weiß ich, weil sie mir geschrieben hat und mich dann anrief, um zu fragen, ob ich sie abholen könnte.
Nur habe ich nicht geantwortet, weil meine alte Krücke von einem Handy wieder mal keinen Empfang hatte, und anstatt zu versuchen, das Problem zu beheben, habe ich es ausgeschaltet und bin eingeschlafen.
Saria kam nie an. Sie wurde auf halbem Wege von einem Betrunkenen angefahren und getötet.
Ethan gab sich selbst die Schuld, weil er ihr nicht nachgegangen war oder bemerkt hatte, dass ihr Auto nicht ansprang. Ich gab mir selbst die Schuld, dass ich mein Handy ausgeschaltet hatte. Es dauerte lange, bis wir uns beide eingestanden, dass der einzige Schuldige Carter Wright war, der Saria getötet hatte und dafür bis heute im Gefängnis sitzt.
„Ich weiß, dass heute ein doppelt beschissener Tag für dich ist“, sagt Ethan und holt mich damit in die Gegenwart zurück. „Wie geht's dir?“
„Ach, du weißt schon. Schrecklich“, scherze ich. „Und du hast meine Frage nicht beantwortet.“
„Dito, Sis.“
Ich lache leise. Wenn es darum geht, Gefühle auszudrücken, ist Ethan nicht gerade redselig. Mein Bruder betreibt konsequentes Emotions-Minimalismus-Management. In vielerlei Hinsicht ist er das stereotypische Beispiel für ein verschlossenes Genie.
Ethan ist mein Fels in der Brandung. Er ist nicht nur der einzige Mensch, mit dem ich über Saria sprechen kann, sondern weiß auch besser als jeder andere, was ich mit meinem Mann durchgemacht habe. Den verheerenden Verrat, den ich kurz vor seinem Tod erlitten habe. Und kurz danach wieder.
„Im Ernst“, sagt Ethan. „Es ist drei Jahre her, seit dieser Mistkerl dich hinters Licht geführt hat. Ich mache mir Sorgen, dass du … ich weiß nicht, dich in Selbstmitleid suhlst?“
Ich schüttle den Kopf, obwohl er das natürlich nicht sehen kann. „Sich in Selbstmitleid zu suhlen, macht man, wenn man traurig ist. Ich bin wütend.“
Schon wenn ich nur an Roman Metcalf denke, geht mir das Messer in der Tasche auf. Aber Ethan hat auch irgendwie recht. Es fällt mir nur schwer zuzugeben, dass ich auch traurig bin. Ich habe Roman wirklich geliebt und dachte, er liebt mich auch.
Bis vor drei Jahren, als er ausrastete, mir ins Gesicht schrie, dass er mich hasste und das schon immer getan hatte, und mich verließ. Natürlich, nachdem er sich Zugriff auf mein Konto verschafft und die fünf Millionen, die ich dort von den Tantiemen für Her Time to Die angespart hatte, in nicht zurückverfolgbare Offshore-Fonds transferiert hatte.
Dann schoss ihm jemand bei einem bewaffneten Überfall mitten ins Gesicht, um an die 60 Dollar und die Kreditkarten in seiner Brieftasche zu kommen, und raste mit seinem Auto davon.
Der Täter wurde bei der Verfolgungsjagd mit der Polizei getötet, in der er gegen eine Schallschutzmauer krachte. Die Polizei fand Romans Brieftasche und die sechzig Dollar, die noch darin waren, aber meine fünf Millionen waren weg.
So stellte sich heraus, dass unsere Ehe ein einziger Liebesbetrug war. Und bis heute kann ich meine fehlgeleitete Liebe für ihn nicht abschütteln, aber hauptsächlich bin ich eher wütend als traurig.
Vor allem, weil jemand den Bastard ermordet hat, bevor ich die Chance dazu hatte.
Ethan schnalzt. „Hast du seither jemanden gedatet?“
Du hast gut reden, möchte ich antworten, aber ich tue es nicht. Weil wir heute beide leiden.
Außerdem könnte er potenziell mit jemandem zusammen sein. Wir stehen uns nahe und telefonieren ständig, aber sehen uns selten persönlich. Nachdem Saria gestorben war, hielt ich mich an den Plan und kam nach Kalifornien, am Boden zerstört, aber entschlossen, unseren Traum zu verwirklichen. Aber Ethan hielt es nicht aus.
Er hat sich vom Caltech exmatrikuliert und ist quer durchs Land gezogen, um seinen Abschluss am MIT zu machen. Danach hat er eine Weile in New York City gearbeitet. Aber dann kam er vor ein paar Jahren nach Kalifornien, um bei einem Start-up anzufangen, von dem er begeistert war, und seitdem ist er hier.
Ich bin mir nicht ganz sicher, wo er wohnt, aber es ist irgendwo in der Nähe von Hollywood. Er hat mich noch nie in meiner Wohnung besucht. Zum einen ist mir meine Schuhbox etwas peinlich und zum anderen, und das ist noch wichtiger, ist dieses Gebäude an die Mietpreisbindung gekoppelt und mein Vermieter ist sehr streng, was die Anzahl der Mieter per Wohnung betrifft. Wir dürfen nicht mehr als drei Besucher gleichzeitig empfangen, und das auch nur während der Besuchszeiten von 10 bis 19 Uhr. Übernachtungsgäste sind streng verboten.
Das klingt unglaublich, aber ich kenne mindestens eine Person, die sofort rausgeworfen wurde, weil ihr Freund bei ihr übernachtet hatte. Vielleicht war es nicht ihr erster Verstoß, aber ich gehe kein Risiko ein. Ich kann mir kaum die Miete leisten.
Wenn Ethan und ich uns also treffen, machen wir das in der Öffentlichkeit, meist in Restaurants oder Bars. Aber wir telefonieren mindestens dreimal pro Woche.
„Dein Schweigen sagt mir alles“, witzelt Ethan.
Ich schnaube. „Wer hat schon Zeit zu daten? Meine glamouröse Karriere hält mich auf Trab.“
„Nichts ist so glamourös wie Mega-Cobra 3.“
„Hey, warte, bis du die Schlangenmenschen siehst.“
Er lacht. „Ist jemand dabei, von dem ich schon mal gehört habe?“
„Nein, aber …“ Ich zögere und runzele die Stirn. Aus irgendeinem Grund zögere ich, meine seltsame Begegnung im Diner anzusprechen. Wahrscheinlich, weil ich weiterhin nicht weiß, was ich von Xandra halten soll. Ich zucke mit den Schultern und schüttle den Gedanken ab. „Ich hab vorhin jemanden Berühmtes getroffen.“
„Ach ja? Lass mich raten … Keanu Reeves.“
„Schön wär's! Nein, ich bin Xandra Pinney begegnet.“
„Wow. Die kleine Miss Diva?“, sagt Ethan. Ich hatte ihm alles über meine Probleme mit Xandra erzählt. „Hat sie sich geweigert, dir ein Autogramm zu geben?“
Ich verschluckte mich fast an meiner eigenen Spucke. Das war einer von vielen Vorfällen, von denen ich ihm erzählt hatte. Ein Lieferant brachte unserer Kamerafrau von ihrem Mann einen Strauß Rosen zum Hochzeitstag. Der arme Kerl wollte Xandra fragen, wo die Empfängerin sei, aber bevor er ein Wort herausbringen konnte, schnappte sie sich die Blumen, fauchte, dass sie am Set keine Autogramme gab, und ging davon.
Es dauerte zehn Minuten, bis Daamon sie genug beschwichtigen konnte, damit sie die Rosen zurückgab. Den Rest des Tages verbrachte sie schmollend in ihrer Garderobe und kostete die Produktionsfirma Tausende Dollar an verlorener Drehzeit.
Zu Ethan sagte ich: „Als ich im Gold Star ankam, war sie schon dort. Sie saß sogar an meinem Tisch.“
Meine Erklärung verfliegt langsam, denn je mehr ich darüber nachdenke, war das ein verdammt großer Zufall. Außer an ihrem Todestag gehe ich nie in dieses Diner. Einmal im Jahr, das ist alles. Doch Xandra war dort, in der Nische, in der ich immer sitze. Und sie sagte, sie habe versucht, mich zu erreichen.
Fast so, als hätte sie gewusst, dass ich dort sein würde.
Aber das ist unmöglich. Selbst wenn sie mich dort mal zufällig gesehen hat, sollte sie nicht wissen, dass ich an einem bestimmten Tag im Jahr immer in dasselbe Diner gehe.
Es sei denn, sie stalkt mich. Vielleicht reicht es ihr nicht, dass das von ihr in die Welt gesetzte Gerücht meine Karriere zerstört hat, und versucht jetzt, mir mit ihrer superfröhlichen Ich bin jetzt ganz anders, vertrau mir-Masche endgültig den Rest zu geben.
Hör auf. Das ist lächerlich.
„Okay, das ist seltsam“, antwortet Ethan. Für einen Moment glaube ich, dasselbe Misstrauen in seiner Stimme mitschwingen zu hören, aber dann klingt er wieder normal. „Hast du mit ihr geredet?“
„Ich hatte keine andere Wahl. Aber sie war viel netter als früher.“ Ich beschließe, die mysteriöse Gelegenheit nicht zu erwähnen, von der sie gesprochen hat. Was auch immer es ist, ich werde sie ignorieren. Vielleicht ist mein Verdacht unbegründet, aber mein Bauchgefühl sagt mir, dass es eine Falle ist. „Sie hat der Kellnerin dreihundert Dollar Trinkgeld gegeben und nur einen Eistee bestellt.“
„Verdammt. Ist sie stinkreich oder so?“, fragt er. „Ich dachte, sie schauspielert nicht mehr.“
„Das dachte ich auch, aber wer weiß.“ Ich werde mir wegen des Vorfalls keine allzu großen Sorgen machen. Ich versuche bereits, ihn zu verdrängen, da die Chancen gut stehen, dass ich Xandra Pinney nie wiedersehen werde. „Wie läuft's in der Firma?“
Wir unterhalten uns noch eine Weile. Er erzählt mir vage von seinem Job, über den er auch ohne die von ihm unterzeichnete Vertraulichkeitsvereinbarung nicht viel reden würde, da ich die technischen Details ohnehin nicht verstehen würde. Ich erzähle ein wenig von meinem neuen Projekt, ohne den vorangegangenen Film des Regisseurs zu erwähnen.
Ich habe Ethan nie gesagt, dass ich daran mitgearbeitet habe. Es war mir zu peinlich.
Schließlich verabschieden wir uns mit dem Versprechen, uns bald wieder anzurufen. Ich lege auf, werfe mein Handy auf die Couch und atme tief durch, als würde sich der Stress des Tages damit in Luft auflösen.
Ich will gerade aufstehen und in die Küche gehen, um mir einen Drink einzuschenken, als mein Handy ein seltsames Geräusch von sich gibt, das ich noch nie zuvor gehört habe. Es klingt wie Bingle-Bingle-Boop! in einem seltsamen, blechernen Ton, der mich an ein altes Mario-Spiel erinnert.
Mit gerunzelter Stirn greife ich danach. Keine neuen Benachrichtigungen.
Bingle-Bingle-Boop!
Das kam nicht von meinem Handy, sondern aus meiner Tasche.
Ich schnappe sie mir und durchsuche sie. Es dauert nicht lange, bis ich fündig werde. Unter meinen Reisekosmetika liegt eine Geschenkbox, die etwa so groß wie ein dickes Taschenbuch ist, auf die mein Name geschrieben steht.
Ich lege sie auf den Couchtisch. Unterbewusst weiß ich, dass ich die Box nicht öffnen sollte. Sie war heute Morgen definitiv nicht in meiner Tasche, was bedeutet, dass jemand sie hineingesteckt hat, als ich heute am Set war.
Es könnte von einem Crewmitglied oder einem der Darsteller sein. Vielleicht von LeiLei. Sie könnte mir etwas zugesteckt haben, weil sie wusste, dass sie auf der Abschlussparty keine Chance dazu haben würde.
Aber das fühlt sich eher wie stalkerhaftes Fanverhalten an als ein Geschenk von einer Kollegin.
Es gibt eine Tradition in Hollywood, die niemand schätzt, an der sich allerdings viele beteiligen. Wenn jemand Zugang zu den Stars hat, kann man sich damit nebenbei ein paar Dollar dazuverdienen. Angenommen, man ist Requisitenmaler und ist damit beauftragt, die Plastikmesser zu besprühen, damit sie echt aussehen. Dafür bekommt man kaum mehr als einen Hungerlohn. Und so verdienen sich viele Leute etwas damit hinzu, Briefe oder Andenken dort zu platzieren, wo die Stars sie finden können.
Je nach Stimmung der Fans können diese Andenken von Fankunst und gebrauchter Unterwäsche bis zu kleinen, ausgeweideten Tieren reichen.
Natürlich hätte niemand ein Crewmitglied bestochen, um Indigo Voss, der Maskenbildnerin für B-Movies, ein gruseliges Geschenk zuzustecken. Indigo Voss, die ehemalige, widerwillige Starbesetzung von Her Time to Die, ist jedoch eine andere Geschichte.
Ich sollte die Box nicht öffnen, aber ich tue es trotzdem. Ich kann nicht anders. Obwohl ich weiß, dass ich kein Starmaterial habe und es mich nervt, wenn mich Leute auf der Straße erkennen, freut sich ein kleiner Teil von mir über die Aufmerksamkeit. Die Vorstellung, dass jemand sich an mich erinnert und mich für würdig hält, ist aufregend.
Mein Dad hat das nie getan.
Und manchmal, auch wenn ich es niemals zugeben würde, habe ich es genossen, berühmt zu sein. Nur ein bisschen. Meistens habe ich den Prozess mehr geliebt als das Endergebnis. Während der Dreharbeiten in meine Rolle einzutauchen, mit meinem Charakter zu verschmelzen, fühlte sich so … richtig an.
Bis mir einfiel, was fehlte. Oder besser gesagt, wer.
Meine erste Reaktion auf den Inhalt der Box ist Erleichterung, weil es sich nicht um blutige Mäuseleichen handelt. Dann bin ich kurz verwirrt, weil ich nicht sicher bin, was ich da vor mir habe.
Es sind zwei Gegenstände. Der eine ist eine Art kastenförmiges Ladegerät mit einem integrierten Kabel. Der andere ist ein dickes, ovales Stück schwarzes Plastik mit einem festen, stumpfen Zylinder, der oben rechts herausragt.
Es ist ein Klapphandy. Ein sehr, sehr altes.
Ich nehme es heraus und klappe es langsam auf. Der winzige Bildschirm leuchtet auf und ich lese die flackernde Benachrichtigung. (3) neue Nachrichten.
Drei? Eine davon muss gesendet worden sein, bevor die Box in meine Tasche geschmuggelt wurde, denn ich habe es nur zweimal klingeln hören.
Etwas schwer von Begriff tippe ich auf den Bildschirm. Natürlich passiert nichts.
Ich starre auf die Tasten in der unteren Hälfte des Klapphandys. Am mittleren oberen Ende befindet sich eine große quadratische Taste mit dicken schwarzen Strichen, die in alle vier Himmelsrichtungen zeigen. Direkt darunter ist eine Taste mit der Aufschrift C. Dann kommen zwei Tasten, jeweils links und rechts davon, die oberen mit drei vertikalen Punkten darauf. Ein grünes Telefonsymbol unter der linken Punktetaste, ein rotes mit einem Schrägstrich und ein rotes Ausrufezeichen in einem Kreis unter der rechten.
Dann die Zahlen. Drei Reihen mit den Ziffern eins bis neun, gefolgt von winzigen Buchstaben, und die untere Reihe mit drei Tasten: Sternchen, Null, Raute. Nur bin ich mir ziemlich sicher, dass das Symbol bei diesem Telefon keine Raute ist.
Ich habe absolut keine Ahnung, wie man dieses Ding benutzt.
Aber ich muss wissen, was in den Nachrichten steht, also werde ich es herausfinden.
„Hilf mir, Internet“, murmle ich und google:
Wie benutzt man ein Klapphandy?
Die ersten Ergebnisse sind wenig hilfreich, da die meisten davon in etwa Handy öffnen und Nummer wählen lauten. Ich formuliere meine Suchanfrage um.
Wie öffnet man Textnachrichten auf einem Klapphandy?
Da haben wir es. Halbwegs relevante Antworten.
Es dauert einige Minuten, bis ich feststelle, dass der große Knopf der OK-Knopf ist, der mit Pfeiltasten an den Seiten versehen und als Navigationsstern genutzt wird. Durch Drücken der Ränder wird der markierte Text nach oben, unten, links oder rechts verschoben, und wenn man in die Mitte drückt, wird die Auswahl bestätigt. Ich finde das Menü, wähle Nachrichten und dann die erste SMS, die keine Vorschau hat und nur Nachricht 1 (Unbekannt) anzeigt.
Der eigentliche Text der Nachricht ist … Kauderwelsch.
Es sind zufällig gruppierte Buchstaben, Wörter, die weder Englisch noch einer anderen Sprache ähneln. Die meisten lassen sich nicht einmal aussprechen. Das ist völliger Unsinn.
Während mir dieser Gedanke durch den Kopf geht, konzentriere ich wieder auf die ersten beiden Wörter.
Ilz, Wrhwks.
Die erste Buchstabengruppe kann ich nicht entschlüsseln, aber die zweite … Meine Damen und Herren, es ist das weltberühmte Duo Whirwix und Mevwee!
„Oh mein Gott“, krächze ich und lasse fast das Handy fallen, als meine Hände zu zittern beginnen.
Saria.
KAPITEL 4
Saria, zwölf Jahre zuvor
„Warte. Wir müssen es komplizierter machen“, entschied ich und fügte hinzu: „Nur ein bisschen!“, als Indy aufstöhnte.
Wir liegen auf dem großen Sofa in ihrem Wohnzimmer und denken uns eine Geheimsprache aus, die wir in das offene Heft vor uns schreiben.
„Warum? Es ist doch jetzt schon unmöglich für andere, sie zu entschlüsseln.“ Sie tippt mit der Spitze ihres Bleistifts auf die Testwörter, die wir aufgeschrieben haben. „Ich meine, dein Name ist Wevwee und meiner ist Mirmix“, sagt sie und kichert, während sie sich mit der Aussprache der Buchstabensuppe abkämpft.
Ich lache. „Aber sie ist noch zu einfach zu entschlüsseln, wenn man das Muster erkennt, Mirmix.“
Unser Grundprinzip besteht darin, jeden Buchstaben durch den nachfolgenden vierten Buchstaben im Alphabet zu ersetzen. Also steht E für A, F für B, G für C und so weiter. Wir werden unsere erfundene Sprache in allen unseren Notizen verwenden, weil es cool ist, andere zu verwirren.
Die Kids an unserer Schule versuchen ständig, über unsere Schultern mitzulesen und sich in unsere Angelegenheiten einzumischen. Ganz zu schweigen von meinen Eltern, die so überfürsorglich sind, dass sie darauf bestehen, vollen Zugriff auf mein Handy und alle meine sozialen Medien zu haben. Ich bin in der elften Klasse und sie geben keine Ruhe.
Ich liebe meine Familie, aber manchmal machen sie mich wahnsinnig und gehen mir auf die Nerven.
Indy und ich können erst in zwei Jahren nach Kalifornien verschwinden, also brauche ich so viel Privatsphäre, wie ich kriegen kann. Vor allem, weil die meisten unserer Notizen von unserem Traum handeln: Wir wollen Schauspielerinnen werden. Superberühmte Schauspielerinnen.
Niemand in dieser blöden Kleinstadt versteht das. Sheltered Pine passt perfekt, denn die Menschen hier sind extrem behütet. Am liebsten sollen die Mädchen erwachsen werden und als Kassiererinnen oder Kellnerinnen arbeiten, bevor sie Mütter werden, die in demselben Beruf schuften, es sei denn, sie überspringen den schlecht bezahlten Job ohne Aufstiegschancen und bringen direkt Babys zur Welt.
Selbst die anderen Mädchen in unserer Highschool sind davon überzeugt, dass es das einzige ist, wozu sie gut sind. Weil die Erwachsenen ihnen das ständig einreden. Deshalb verwenden wir diesen Geheimcode; außerdem macht es Spaß.
Keine von uns will sich eine weitere Standpauke darüber anhören, dass unser Traum nie wahr werden wird, weil wir nur Gebärmaschinen für unsere zukünftigen Ehemänner sind.
Als ob wir uns jemals für einen der Jungs aus der Stadt interessieren würden.
„Okay, okay.“ Indy setzt sich auf und nickt ernst. „Wie machen wir es komplizierter?“
„Wir brauchen sowas wie einen Codeschlüssel, den nur du und ich kennen.“
„Einen Code“, wiederholt sie. „Du meinst eine Verschlüsselung oder so?“
„Nee, das ist zu kompliziert. Es muss etwas so Einfaches sein, damit niemand auf die Idee kommt, es zu versuchen, verstehst du?“
Sie lächelt und nickt zunächst, schüttelt dann aber den Kopf. „Äh, nein.“
Das bringt mich zum Lachen. Ich liebe sie über alles. Indigo Voss ist die beste Freundin, die ich je hatte. Meine treue Freundin, die immer für mich da ist. Aber ihr älterer Bruder hat definitiv das Köpfchen in der Familie geerbt. Damit will ich nicht sagen, dass Indigo irgendwie dumm wäre.
Nein, Ethan ist einfach ein echtes Genie.
Er würde sofort verstehen, wovon ich rede, und hätte zweifellos gleich Dutzende Vorschläge parat. Aber wenn wir Ethan erzählen, dass wir eine Geheimsprache entwickeln, würde er entweder über unser kindisches Spielchen lachen oder das Projekt übernehmen und einen Code entwickeln, der so kompliziert ist, dass selbst die NASA ihn nicht knacken kann, geschweige denn zwei Highschool-Schülerinnen.
Ich werde Ethan niemals davon erzählen.
Wir behalten das für uns. Punkt.
„Okay“, sage ich. „Stell dir den Code als eine leicht zu merkende Abfolge vor, ein paar Wörter oder ein Satz. Und wir würden ihn verwenden, um nur ein paar Buchstaben zu ändern und das Muster zu verwischen. Selbst wenn jemand dann erraten würde, dass der Code aus vier Buchstaben besteht, gäbe es genug Unterschiede, damit die Person zu dem Schluss käme, dass es sich um etwas ganz anderes handelt.“
Indy runzelt die Stirn und tippt mit dem Radiergummiende des Bleistifts gegen ihre Lippen. „Also könnten wir … unsere Namen als Schlüssel verwenden“, sagt sie, und ihre Gesichtszüge hellen sich langsam auf. „Zum Beispiel unsere Initialen vertauschen. Das I wäre dann ein V und das S ein L. Richtig?“
„Ja! Das ist perfekt!“, grinse ich.
Indy ist eigentlich ziemlich schlau.
Sie radiert die Buchstaben in unserem Code weg und ersetzt sie, dann macht sie dasselbe mit unseren übersetzten Namen. „Warte mal“, sagt sie. „Ich glaube, das ist immer noch zu leicht zu knacken. Was wäre, wenn wir noch zwei weitere Buchstaben vertauschen? Dann sieht es wirklich wahllos aus.“
Ich schnaube. „Was ist mit ‚Es ist schon kompliziert genug‘?“
„Das wird es nicht. Jedenfalls nicht für uns.“ Sie radiert die Buchstaben unter dem E und dem H weg und tauscht sie dann aus. „Ethan und Hunter. Unsere Namen und die Namen unserer Brüder.“
„Igitt. Brüder.“
Sie lacht. „So schlimm sind sie gar nicht.“
„Du hast leicht reden. Du hast keinen kleinen Bruder“, antworte ich grinsend.
Ich meine es nicht so. Hunter ist drei Jahre jünger als ich und total unreif. Er kann nervig sein, wie alle kleinen Brüder, aber er ist ein guter Junge und weit weniger in den 1950er-Jahren hängen geblieben als meine Eltern.
Und ja, er darf auf die MINT-Vorbereitungsschule gehen, wo auch Ethan angemeldet ist. Das wollte ich auch, statt auf die lokale Highschool zu gehen, aber ich nehme ihm das nicht übel. Es ist nicht seine Schuld, dass er ein Junge ist oder die Bewohner von Sheltered Pine glauben, dass nur Jungen Naturwissenschaften, Technik, Ingenieurwesen und Mathematik lernen sollten.
Das einzig Gute daran ist, dass Indy und ich schon unser ganzes Leben lang in die gleiche Klasse gehen, denn MINT ist eine reine Jungsschule. Ich hätte es gehasst, ohne meine beste Freundin auf die Highschool zu gehen. Sie wäre außerdem nicht auf die STEM-Schule gegangen, selbst wenn es Mädchen möglich gewesen wäre.
Ihr Dad hätte sie nicht gelassen, obwohl Ethan dort eingeschrieben ist. Und es wäre nicht einmal aus den üblichen, sexistischen Gründen, über die sich alle anderen Eltern in dieser Stadt aufregen, weil Mädchen Jungenkram machen.
Es liegt daran, dass sie diesem Mann völlig gleichgültig ist.
Indys Mutter ist vor sieben Jahren gestorben, als Indy und ich zehn waren. Und seitdem hat ihr Dad ihre Existenz im Grunde ignoriert. Der Fairness halber muss ich gestehen, dass er auch Ethan gegenüber nicht gerade der Vater des Jahres ist, aber zumindest realisiert er, dass sein Sohn ein Einserschüler ist und er gelegentlich Schulmaterialien braucht, um so gut zu bleiben.
Wenn Indy etwas für die Schule benötigt, muss sie Ethan bitten, ihrem Dad zu sagen, dass es für ihn ist.
Ich bin mir nicht sicher, ob es daran liegt, dass sie ihrer Mom so ähnlich sieht, oder ob ihr Dad einfach nie eine Tochter haben wollte, aber ich hasse die Art, wie er sie behandelt. Oder besser gesagt, wie er sie nicht behandelt.
Unsere Familien sind wie Tag und Nacht. Meine kümmert sich zu sehr und ihre kümmert sich nicht genug. Aber wir haben einander und das reicht völlig.
„Das ist viel besser“, verkündet Indy, während sie unsere neuen Codenamen aufschreibt. „Jetzt sind wir Mevwee und Whirwix.“
„Ich liebe es.“ Ich springe auf und lege meine Hände um meinen Mund. „Willkommen bei den Academy-Awards!“, verkünde ich. „Wir haben heute Abend eine besondere Überraschung. Meine Damen und Herren, hier ist das weltberühmte Duo Whirwix und Mevwee!“
Indy imitiert mit übertriebenem Flüster-Schreien das Jubeln der Menge, dann brechen wir beide in schallendes Gelächter aus.
Das wird so viel Spaß.
KAPITEL 5
„Warum benutzt niemand mehr Papier und Stifte?“, rufe ich frustriert. Als ob das jemand anderes als ich zu verantworten hätte.
Es ist kein einziges mickriges Stück Papier oder ein Kuli zu finden. Ich bin kurz davor, mit Lippenstift auf meinem Badezimmerspiegel zu schreiben, aber ich bezweifle, dass er groß genug ist, um das gesamte Alphabet darauf unterzubringen.
Mein kleines Überraschungsgeschenk hat mich völlig aus der Fassung gebracht.
Die Nachrichten können unmöglich von Saria stammen. Selbst wenn ich an verrückte Verschwörungstheorien glauben würde, ist das einfach nicht möglich. Sie ist tot. Das steht außer Frage.
Diese Nachrichten sind allerdings kein Kuddelmuddel. Das ist unser Geheimcode.
Und ich kann ihn nicht knacken, wenn ich nichts zum Schreiben finde.
Das Letzte, was ich jetzt will, ist, zum nächsten Supermarkt zu laufen und zwanzig Dollar für ein Notizbuch und Stifte zu bezahlen. Aber es sieht so aus, als müsste ich in den sauren Apfel beißen.
Bis mir Twilight Camp einfällt.
Weil ich in diesem Film tatsächlich mitgespielt hatte, auch wenn ich nur etwa zehn Minuten zu sehen bin, nahm ich an der Abschlussparty teil. Und dort wurden Goodie-Bags verteilt, die einen Block schwarzes Papier und zwei weiße Gelstifte enthielten, wie sie der Mörder im Film benutzte, um seinen Opfern gruselige Nachrichten zu schreiben.
„Bitte, bitte sag mir, dass ich es nicht weggeworfen habe“, murmle ich leise und stürme in mein Schlafzimmer. Ich reiße die Schranktüren auf, schiebe die Sachen auf der Kleiderstange beiseite, gehe in die Hocke und fange an, Sachen hervorzuziehen.
Endlich finde ich die glitzernde schwarze Twilight-Camp-Geschenktüte hinter einem Schuhkarton, den ich seit Jahren nicht mehr geöffnet und der die wenigen Dinge aus meiner Kindheit enthält, die ich nicht weggeworfen habe. In der Tüte ist nicht mehr viel drin, aber das Papier und die Stifte sind noch da.
Triumphierend eile ich mit meiner Beute zurück ins Wohnzimmer.
Ich brauche eine Sekunde, um das Alphabet und dann die darunter liegenden Codebuchstaben aufzuschreiben. Ich lasse die Stellen für das E, H, I und S frei, bis ich fertig bin, damit ich nicht den Überblick über das ABC verliere, das ich leise vor mich hinmurmle. Dann fange ich wieder vorn an und fülle die ausgetauschten Buchstaben ein.
Jetzt bin ich bereit, die Nachricht zu knacken.
Ich öffne das Klapphandy und beginne, die erste Nachricht Buchstabe für Buchstabe zu übertragen. Sie ist länger, als der kleine Bildschirm fassen kann, was durch den winzigen Abwärtspfeil in der Ecke angezeigt wird, also finde ich heraus, wie ich mit dem Navigationsstern nach unten scrollen kann.
Ilz, Wrhwks. W'q msvvc jsv gsrxegxwrk csy xiwm aec.
Jetzt kommt es mir langsam wieder in den Sinn. Manchmal verwandelte der Code gewöhnliche Wörter in etwas, das wir irgendwie aussprechen konnten, wie csy, was du war. Ich erinnere mich auch an xiwm, weil wir zeeewmmm sagten, als würden wir Zoom mit einem niedlichen Akzent aussprechen. Es steht für diese. Aber mehr fällt mir auf den ersten Blick nicht auf. Ohne Kontext ergibt es jedoch überhaupt keinen Sinn.
Ich fange an, die Buchstaben einzutragen, bis ich einen vollständig übersetzten Satz habe.
Hey, Indigo. Es tut mir leid, dass ich dich auf diese Weise kontaktiere.
Toll. Das sagt mir überhaupt nichts. Vor allem nicht, wer das ist, warum sie ein Wegwerfhandy in meine Tasche gesteckt haben und woher sie den Code kennen, den nur meine verstorbene beste Freundin und ich lesen konnten.
„Entschuldigung nicht angenommen, Bitch“, murmle ich, während ich unbeholfen zum SMS-Verzeichnis zurücknavigiere und die nächste Nachricht öffne. Die zweite Nachricht ist noch länger und nimmt vier kleine Bildschirmseiten ein.
Iettc errwzlvmevc. Msqlsrl wm xvcwrk xs mefsxekl csyv pwjl, erh xilc asr'x mxst yrxwp csy'vl hlmxvsdjh.
Herzlichen Glückwunsch zum Jahrestag. Jemand versucht, dein Leben zu sabotieren, und wird nicht aufhören, bis du zerstört bist.
„Was zum Teufel?“, sage ich laut, aber ich bin allein in meiner Wohnung.
Langsam beginne ich zu glauben, dass das Ganze ein ausgeklügelter Streich ist. Ein Produzent oder Casting-Direktor, der kreativ sein und mich davon überzeugen will, eine weitere Filmrolle anzunehmen, obwohl ich klargemacht habe, dass Schauspielerei nichts für mich ist. Egal, wie oft ich nein sage, ich werde immer wieder angesprochen.
Nur kann keiner von ihnen von dem Highschool-Code wissen, den ich mir mit Saria ausgedacht habe, bevor ich überhaupt einen Fuß nach L.A. gesetzt habe.
Außerdem ist da noch Xandra. Ich finde ihr Auftauchen und Verhalten immer noch verdächtig.
Ein unheilvoller Schauer läuft mir den Rücken hinunter. Es gibt noch zwei kurze Sätze, für deren Entschlüsselung ich ein paar Minuten brauche.
Rsxiwrk wm er eggwhlrx. Gilgo cysv lqewp.
Nichts ist Zufall. Check deine E-Mails.
Scheiße. Vielleicht geht es wirklich um Xandra. Ich habe ihr meine E-Mail-Adresse gegeben, und das ist die einzige Möglichkeit, wie sie mich kontaktieren kann. Außer sie lauert mir im Diner auf.
Ich schnappe mir mein richtiges Handy, entsperre es und klicke auf mein Postfach. Ich bin nicht besonders gut darin, meine E-Mails zu checken, wie die 182 ungelesenen Nachrichten beweisen. Die meisten sind ohnehin nur Updates, Subscriptions, oder Spam-Mails. Trotzdem dauert es nicht lange, bis ich die E-Mail finde, von der mein angeblicher Samariter spricht. Und zwar nicht die von Xandra, die erst vor Kurzem eingegangen ist.
Sie ist von Yanno Krishnick, dem Regisseur von My Father, My Lover, mit dem ich nächste Woche zusammenarbeiten soll. Als ich die Betreffzeile lese, dreht sich mir der Magen um.
RE: DU MACHST MICH KRANK
Er antwortet auf eine Nachricht von mir. Eine, die ich definitiv nicht geschrieben habe. Mit zitternden Händen tippe ich auf die ungelesene E-Mail, um sie zu öffnen.
Ms. Voss:
Aufgrund Ihrer Meinung über meine Person, meine Arbeit und meine Mutter habe ich jemand anderen gefunden, der Ihre Rolle an meinem Set übernehmen wird. Wenn Sie dort auftauchen oder versuchen, mich erneut zu kontaktieren, werde ich die Polizei einschalten und Sie wegen Belästigung anzeigen.
Sie sind nicht die Person, für die ich Sie gehalten habe. Lecken Sie mich respektvoll am Arsch.
Mit freundlichen Grüßen
Yanno Krishnick
„Oh mein Gott, was?“, stöhne ich laut. Obwohl ich wirklich nicht wissen will, auf welche schreckliche Nachricht er antwortet, muss ich es herausfinden. Ich tippe auf Nachrichtenverlauf am unteren Ende und lese, was ich ihm angeblich geschickt habe.
Sehr geehrtes widerliches, inzestuöses Schwein,
ich halte es nicht mehr aus. Die ganze Zeit habe ich meine wahren Gefühle für mich behalten, aber dieses Mal zahlst du mir einfach nicht genug, um stillzubleiben. Du musst wissen, was ich denke.
Abgesehen davon, dass du ein völlig talentloser, idiotischer Regisseur bist, der nicht mal weiß, was Arthouse bedeutet, sind deine Filme scheiße. Nein, schlimmer als scheiße. Obwohl du die abscheulichsten Themen auswählst, erreichen deine Filme nicht mal das Niveau eines gewagten Schockwerks.
Weil sie langweilig sind. Du bist langweilig. Du bist der widerlichste und gleichzeitig uninteressanteste Mensch, den ich je getroffen habe. Ich wette, die Inspiration für My Father, My Lover kam dir, während du deine Mutter gefickt hast. Und sie fand das wahrscheinlich großartig.
Puh. Ich bin froh, dass ich mir das von der Seele reden konnte. Übrigens habe ich am letzten Set nur halbherzige Arbeit geleistet, weil ich es nicht eine Sekunde länger als nötig mit dir ausgehalten habe. Bei diesem Film werde ich das Gleiche tun, und es wird trotzdem der beste SFX-Effekt sein, den du bekommen kannst.
Tu der Welt einen Gefallen und geh sterben.
Mit freundlichen Grüßen
Indigo Voss
Als ich die Nachricht, die ich geschrieben haben soll, zu Ende gelesen hatte, liefen mir Tränen des Entsetzens über das Gesicht. Sie kam von meiner E-Mail-Adresse und meine Unterschrift steht darunter.
Ich habe sie definitiv nicht geschrieben, aber Yanno wird mir das niemals glauben. Verdammt, ich würde es ihm an seiner Stelle auch nicht glauben. Wer auch immer sie ihm geschickt hat, wusste, was sie taten. Die Nachricht hat ihre Wirkung nicht verfehlt.
Den Auftrag habe ich verloren. Ich habe nichts anderes in Aussicht. Und obwohl Yanno kein großer Name in der Branche ist, hat er viele Kontakte zu den weniger bekannten Produzenten und Regisseuren, mit denen ich in letzter Zeit zusammengearbeitet habe.
Er wird allen von meiner E-Mail erzählen. Höchstwahrscheinlich wird er sie weiterleiten, damit alle sehen können, was für ein widerlicher Mensch Indigo Voss geworden ist. Mein fragiler Ruf, der sich endlich wieder zu erholen begonnen hatte, wird solchen Schaden nehmen, bis ich mich nicht mehr davon erholen kann.
Das bedeutet, dass ich vielleicht noch einen Monat habe, bevor mir das Geld ausgeht.
Ich versuche, die Welle der Panik niederzukämpfen, die in mir aufsteigt und droht, mich unter sich zu begraben. Abscheu und Wut überkommen mich, wenn ich an die Person denke, die mir das angetan hat. Wer auch immer mir dieses Klapphandy gegeben hat und diese SMS schickt, muss verdammt viel mehr über die Geschehnisse in meinem Leben wissen als ich. Die Person wusste, dass diese E-Mail auf mich wartete. Entweder ist sie also diejenige, die sich in meine E-Mails gehackt und mich in die Scheiße geritten hat, oder sie weiß, wer es war.
Xandra. Es muss Xandra sein, die versucht, mein Leben zu ruinieren. Das ist die einzig logische Erklärung. Sie heute im Diner zu sehen, war kein Zufall.
Derzeit ignoriere ich noch die Tatsache, dass sie meine E-Mail-Adresse laut Zeitstempel erst zehn Stunden nach dem Versand der E-Mail kannte. Sie könnte gelogen haben, um mir vorzugaukeln, dass sie keine Informationen über mich hat, um mich abzulenken.
Ich ignoriere auch den Fakt, dass sie absolut nicht technisch versiert ist. Sie hat sich mal den Laptop eines ITlers ausgeliehen, um ihre E-Mails zu checken, weil sie keine Lust hatte, den ganzen Weg zu ihrer Garderobe zu laufen, um ihr Handy zu holen, nur um ihn dann nicht einschalten zu können.
Vielleicht gibt es in der E-Mail, die sie mir gesendet hat, einen Hinweis darauf, was sie vorhat.
Der Betreff lautet:
Herzlichen Glückwunsch! Sie sind herzlich dazu eingeladen …
Der Rest ist abgeschnitten. Das ist nicht besonders aufschlussreich. Vielleicht veranstaltet sie eine Wohltätigkeitsgala. Oder sie hat heimlich einen Film gedreht und veranstaltet eine Premiere, um ihre Rückkehr bekannt zu geben. Oder sie hat sich mit jemandem aus der Branche verlobt.
Was auch immer es ist, sie meinte im Diner, es gäbe eine unschlagbare Gelegenheit, die angeblich perfekt für mich sei.
Mit gerunzelter Stirn tippe ich auf die E-Mail und lese sie vollständig durch.
Betreff: Herzlichen Glückwunsch! Sie sind herzlich dazu eingeladen, dem exklusiven HomeVibe-Netzwerk beizutreten!
Sehr geehrte Ms. Voss,
Xandra Pinney hat Sie zu einer exklusiven Vorführung und Präsentation von HomeVibe eingeladen, dem innovativen All-in-One-Heimsystem, das die Welt im Sturm erobert.
Wenn Sie sich für die Teilnahme an unserer HomeVibe-Party entscheiden, sind Sie weder zum Kauf noch zum Beitritt zu unserem lukrativen Vertreternetzwerk verpflichtet. Wir sind jedoch davon überzeugt, dass Sie nach der Vorführung begeistert sein werden.
Wenn Sie bereit sind, sich der wohlhabenden Elite anzuschließen, melden Sie sich unten mit „Ja, verändert mein Leben!“ an. Wir hoffen, Sie dort willkommen heißen zu dürfen!
Man konnte mit
Ja, verändert mein Leben!
und
Nein, ich hasse es, Geld zu verdienen!
antworten. Darunter sah ich eine physische Adresse mit Datum und Uhrzeit.
Xandra veranstaltete also keine Gala, Premiere oder Verlobungsfeier. Es hat auch nichts mit dem Promi-Retreat zu tun, für das sie laut dem Clickbait-Artikel gearbeitet hat. Das hier ist … absolut nichts, was ich von einem ehemaligen Filmstar erwartet hätte.
Es ist ein MLM … ein Multi-Level-Marketing-Spam.
Und ich soll eine Einladung dazu annehmen?
Ich starre die Nachricht vage entsetzt an. Ich wusste, dass meine Mutter MLM vehement ablehnte. Aus gutem Grund.
Als meine Mom in der Unterstufe war, trat ihre Mutter, meine Großmutter, American Beauty bei, um „nebenbei etwas Geld zu verdienen“, wie das Unternehmen versprach.
Im Grunde war es ein Avon-Abklatsch, bei dem die Vertreter von Tür zu Tür gingen und überteuerte Kosmetikprodukte verkauften, wenn sie nicht gerade jeden, der auch nur Augenkontakt mit ihnen aufnahm, zu Makeover-Partys einluden, auf denen sie überteuerte Pflegemittel im großen Stil verkaufen konnten.
Mom sagte, es führte ihre Familie in den Ruin. Ihre Mom ging zu Schulveranstaltungen und bedrängte die anderen Mütter, ihre Produkte zu kaufen und zu ihren Partys zu kommen. Die Mütter wiederum spornten ihre Kinder an, meine Mom zu meiden. Sie hatte zuvor einen großen Freundeskreis gehabt, aber dann wanden sich alle von ihr ab und sie wurde gemobbt.
Schließlich begann ihre Mom, neue Kreditkarten zu beantragen, Kredite aufzunehmen und den Besitz der Familie zu verscherbeln, um ihre MLM-Beiträge zu bezahlen und mehr Produkte anzukaufen, obwohl sie kaum etwas an die Frau brachte. Meine Großeltern fingen an, sich ständig zu streiten, wobei Sachen durch die Gegend flogen und immer einer von beiden wütend aus dem Haus stürmte.
Schließlich endete alles auf die schlimmste Weise.
Ich hatte nie die Gelegenheit, meine Großmutter kennenzulernen. Kurz bevor meine Mom in die Highschool kam, wurde ihr plötzlich klar, dass diese angebliche Chance von American Beauty alles zerstört hatte, was ihr wichtig war.
Also erschoss sie sich mit der Schrotflinte meines Großvaters.
Das soll heißen, ich bin definitiv nicht an Xandras Chance interessiert.
Ich lege mein Handy beiseite und wende mich dem Klapphandy zu. Ich habe viele Fragen an Nokia. So werde ich die Person nennen, bis ich herausgefunden habe, wer sie ist.
Was bedeutet, dass ich lernen muss, wie man mit diesem alten Teil Nachrichten schreibt und meine Antwort in Code umwandelt.
Kurz überlege ich, normal zu antworten, aber wer auch immer das ist, hat extreme Anstrengungen unternommen, um diese Unterhaltung privat zu halten. Wenn auch nur die geringste Chance besteht, dass sie recht hat und mein Saboteur nicht aufhören wird, muss ich der Sache auf den Grund gehen.
Nach ein paar Google-Suchen habe ich den Dreh mit dem Klapphandy raus. Es ist unglaublich mühsam, und ich mache viele Tippfehler.
Ais evl csy? Ais'm hswrk xiwm xs ql?
Wer bist du? Wer tut mir das an?
Einfache Fragen. Einfache Antworten.
Ich starre auf das kleine Handy in meiner Hand und warte auf die Antwort. Das Ganze fühlt sich super surreal an. Als hätte ich irgendwie eine Rolle in einem Film angenommen, prompt meinen Text vergessen und würde nun mich selbst spielen. Jeden Moment wird der Regisseur „Cut!“ rufen, nachdem er mit der Kamera auf meine ängstliche, nervöse Miene gezoomt hat, die vom schwachen blauen Schein des Bildschirms beleuchtet wird.
Eine Antwort lässt lange auf sich warten. Das überrascht mich nicht, wenn man bedenkt, wie umständlich es ist, damit zu schreiben, und dass die andere Person den Code entziffern und dann ihre eigene Antwort codieren muss, auch wenn sie nur mit zwei Wörtern antworten muss. Zwei Namen.
Bingle-Bingle-Boop!
Das Klingeln lässt mich zusammenzucken. Ich muss diesen Benachrichtigungston ändern.
W ger'x xlpp csy xiex. W'q xil tlvmsr ais'm xvcwrk xs mezl csyv pwjl.
Okay, das sind zu viele Wörter, um Namen zu enthalten.
Ich schreibe es ab und fange an zu transkribieren. Ich habe das oberste Blatt des Blocks schon fast vollgeschrieben und mir wird klar, dass ich einfach eine separate Seite mit nur dem Code-Schlüssel hätte erstellen sollen.
Wenn das so weitergeht, muss ich mir ein richtiges Notizbuch zulegen.
Je weiter ich mit dem Entschlüsseln der Nachricht vorankomme, desto mehr sinkt mir das Herz, bis ich schließlich eine klare Nachricht vor mir habe, die direkt aus dem Film stammen könnte, von dem dieser Block stammt.
Das kann ich dir nicht sagen. Ich versuche nur, dein Leben zu retten.
Oh mein Gott. Was ist hier los?
Das fühlt sich nicht mehr wie ein Streich an.
Es gibt so viel, das ich fragen oder wissen möchte. Würde ich glauben, dass es mich weiterbringt, würde ich versuchen, den Absender der Nachricht anzurufen. Aber es ist keine Telefonnummer angegeben. Der Absender ist Unbekannt. Würde mein Anruf überhaupt durchgestellt werden? Wenn ja, würde mit Sicherheit niemand abnehmen.
Ich versuche es trotzdem.
Nachdem ich das grüne Telefonsymbol gedrückt habe, blinkt der kleine Bildschirm und sagt: VERBINDUNG NICHT MÖGLICH.
Panik überkommt mich und für einen Moment kann ich nicht klar denken. Ich weiß nicht, wie ich antworten soll. Ich sollte zur Polizei gehen, aber kann ich dieses Risiko wirklich eingehen? Diese Person lügt vielleicht nicht. Sie muss etwas wissen, denn sie kennt unseren Code.
Kann sie hellsehen?
Nein. Das ist lächerlich. Ich darf meine Fantasie nicht mit mir durchgehen lassen. Und zur Polizei kann ich auch nicht gehen. Wenn mein Leben in Gefahr ist, werden sie mir erstens nicht glauben, weil es verrückt klingt. Und wenn sie es doch glauben, werden sie den Täter nie finden, bevor ich tot bin.
Ich weigere mich, die nächste Hollywood-Tragödie zu werden.
Das bedeutet, dass ich dieser Person vertrauen muss. Vorerst.
Es gibt nur eine Möglichkeit, wie ich antworten kann.
Aiex misyph W hs?
Was soll ich tun?
Während ich auf eine Antwort warte, stöbere ich auf dem Klapphandy herum und versuche, mich ein wenig damit vertraut zu machen. Eine der Kategorien im Hauptmenü ist Töne. Ich öffne sie und finde nur zwei Optionen: Klingeltöne und Benachrichtigungen.
Ich suche wohl eher nach Weckertönen als nach Benachrichtigungen, also klicke ich durch die Auswahl. Nokia Tune ist Nummer 1. Darauf folgen Alarm 1, Alarm 2, Alarm 3, Duck Pond, Gurdy, Kick, Intro, Mosquito, City Bird, Attraction, Persuasion, Dawn, Lamb und ein Haufen anderer Töne mit seltsamen Namen.
Ich will gerade anfangen, sie abzuspielen, um zu sehen, ob es welche gibt, die mir nicht so sehr auf die Nerven gehen, als das Handy ein weiteres Bingle-Bingle-Boop! von sich gibt.
Eggltx Berhve Twrrlc'm wrzwxixwsr. Ks xs xil tevxc.
Ich übertrage die Nachricht auf eine neue Seite und entschlüssle sie.
Nimm die Einladung von Xandra Pinney an. Geh zur Party.
Oh Gott. Im Ernst? Mir wird schon beim Gedanken daran schlecht. Nicht nur, weil ich mich auf einen MLM-Spam einlassen würde, sondern auch, weil ich Xandra wiedersehen müsste, die hinter all diesen Intrigen stecken könnte.
Ich brauche Klarheit. Dieses Mal brauche ich nicht lange, um eine Antwort zu verschlüsseln und zu senden.
Wm wx Berhve?
Ist es Xandra?
Erst nachdem ich die Nachricht abgeschickt habe, wird mir klar, dass die Frage nicht ganz eindeutig ist. Während ich überlege, wie ich das mit möglichst wenigen Worten klarstellen kann, erhalte ich eine Antwort.
Rs. Mil orsam rsxiwrk efsyx xiwm, erh wx iem xs mxec xiex aec. Wj csy xwt ilv sjj, wx'm szlv.
Die längere Nachricht verstärkt meine Sorge noch, bevor ich sie überhaupt entschlüsselt habe.
Nein. Sie weiß nichts davon, und das muss auch so bleiben. Wenn du ihr davon erzählst, ist alles vorbei.
Oh, gut. Nokia hat meine vage Frage verstanden. Aber wenn sie die Wahrheit sagt, stehe ich wieder ganz am Anfang. Ich bin bei null und weiß noch weniger als zuvor.
Ich schüttle mich und schlucke schwer, während ich erneut auf die geöffnete E-Mail starre. Ehrlich gesagt bin ich mir nicht sicher, ob ich mich dazu durchringen kann, mich auch nur in die Nähe eines MLM-Spams zu begeben. Aber wenn ich es nicht tue … na ja, wenn meine mysteriöse Kontaktperson recht hat, wird es für mich noch viel schlimmer werden. Und es ist schon jetzt schlimm genug.
Ich habe keine Ahnung, wie ich verhindern soll, dass ich obdachlos werde, wenn mir das Geld ausgeht. Meine einzige Chance, noch etwas zu retten, besteht darin, herauszufinden, wer hinter mir her ist, und die Person zu stoppen.
Also habe ich keine andere Wahl.
Die Party findet schon morgen Mittag statt. Ich schätze, Xandra hat es wirklich gerade so geschafft, mich ausfindig zu machen, wenn sie nicht gelogen hat.
Mir stellen sich die Nackenhaare auf, als ich einen Blick auf die Optionen werfe und mit dem Finger über Ja, verändert mein Leben! schwebe.
„Ich hoffe, du weißt, was du tust, Klapphandy-Samariter“, murmle ich.
Dann tippe ich auf Antworten und verändere mein Leben.