Prolog
Hannes Becker biss herzhaft in sein Krabbenbrötchen. Es war heute seine erste Mahlzeit. Er hatte an einem einzigen Nachmittag hundert Euro verdient. Eine ausgezeichnete Ausbeute für den Anfang. Für heute hatte er genug. Also schulterte er seine Gitarre auf die eine Seite und die Reisetasche auf die andere. Bestens gelaunt schlenderte er den Neuen Weg der Küstenstadt an der Nordsee entlang. Die weihnachtlich geschmückten Boutiquen leuchteten um die Wette und ließen keine Wünsche offen. Der Duft von gebrannten Mandeln und dem herben Aroma des beerigen Früchtetees mit Zimtstangen lagen in der Luft.
Dieser Ort hat was Besonderes, dachte Hannes. Er kam immer gerne nach Norden. Die Menschen waren freundlich und in der Vorweihnachtszeit äußerst spendabel. Er war müde und es wurde Zeit, sich für die Nacht ein Plätzchen zu suchen. Morgen würde er sich ein Bett in der Jugendherberge in Norddeich gönnen, falls die Einnahmen weiter so sprudelten. Aber heute Abend mussten, eine halbwegs geschützte Ecke und sein Schlafsack genügen. Für die Jahreszeit waren die Temperaturen noch mild. Zwischen den Häuserblocks bog er in einen engen Weg ein und gelangte in die Große Hinterlohne. Die Parallelstraße zur Flaniermeile war ruhig und er lief sie mit suchendem Blick ab. Da bemerkte er das verlassene Gebäude. Es schien ideal. Er ging hinein, holte eine Taschenlampe, die er stets bei sich trug aus der Jackentasche und sah sich um. Vorsichtig tastete er sich durch die Räume. Perfekt, dachte er. Hierher würde sich kein Polizist oder Sicherheitsbeamter verirren, um ihn zu vertreiben. Im Halbdunkel glaubte er die Silhouette eines Mannes zu erkennen. Das war klasse. Vielleicht war er ein Wandermusikant, wie er. Ein freundschaftliches Gespräch vor dem Einschlafen und Reisegeschichten auszutauschen machte ihm Freude. Und Gesprächsstoff gab es immer genug.
„Keine Sorge, ich will dich nicht vertreiben, ich suche hier nur ein ruhiges Plätzchen, wie du auch, Kumpel“, rief er, und wartete, um den Mann nicht zu erschrecken. Es kam keine Reaktion. Der Fremde bewegte sich nicht. Ruhig saß dieser da. Er sollte einfach gehen. Ärger konnte er nicht gebrauchen. Sicher würde er woanders für die Nacht unterkommen. Aber was, wenn der Obdachlose Hilfe brauchte? Unentschlossen blieb er stehen und überlegte. Er musste sich vergewissern, dass es dem Kerl gut ging, auch auf die Gefahr hin von ihm beschimpft zu werden.
Eilig ging er näher heran und richtete sein Taschenlampenlicht auf ihn. Im vollen Lauf blieb er abrupt stehen, als ob er gegen eine unsichtbare Mauer gerannt sei. Er riss entsetzt die Augen auf.
Dieser Mann würde kein Gespräch mehr mit ihm führen. Er war tot.
Angst stieg in ihm hoch und er begann zu zittern. Er schaute sich um. Niemand außer ihm und dem Toten war zu sehen. Für einen kurzen Moment keimte der Fluchtinstinkt in ihm auf.
1
Die Vorbereitungen für den Weihnachtsmarkt waren in vollem Gange. Auf dem Marktplatz in Norden wurden die Holzhütten aufgebaut. Die Eisbahn sollte in den nächsten Tagen ihren Betrieb aufnehmen. Die Elektriker waren eifrig dabei an den historischen Gebäuden, die den gesamten Platz säumten, Lichterketten zu befestigen. Sie würden bei der Eröffnung des Marktes den ganzen Stadtkern zum Strahlen bringen. Es dämmerte schon.
Martin Gerdes, Kommissar der Mordkommission Ostfriesland, stand am Fenster des Polizeireviers im ersten Stock und verfolgte das Treiben auf dem Marktplatz. Er war für alle nur Gordi. Der Spitzname war ein Erbe seiner geliebten Tante, bei der er aufgewachsen war.
Er sah hinüber zum Glockenturm der Ludgeri-Kirche. Mit seinen achtzehn Glocken war er ein bekanntes Wahrzeichen der Stadt. Vier Mal am Tag erklang eine andere Melodie.
Eine sonore Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.
„Habt ihr keine Morde mehr in Aurich?“
Gordi drehte sich um. „Lars! Hab dich lange nicht gesehen. Wie geht es dir?“, begrüßte er den Streifenpolizisten. Lars Tammen war ein Urgestein und die gute Seele des Norder Reviers.
„Wenn meine Arthritis nicht wäre, würde ich mich fast jung fühlen.“
Gordi lachte. „Was macht dein Frischling? Wie hieß er gleich?“
„Michael de Vries. Der Grünschnabel ist in Ordnung. Der Bengel hat Flausen im Kopf, aber aus dem kann noch einiges werden. Er braucht bloß eine feste Hand.“
„Dein junger Partner hat den besten Lehrmeister“, antwortete Gordi. Er wusste, dass Lars unter der rauen Schale ein weiches Herz hatte. Nachdem sein Streifendienst-Kollege in Rente gegangen war, hatte man ihm einen Einsteiger, direkt nach der Ausbildung zugeteilt.
„Apropos Partner, wo hast du deinen gelassen?“
„Onno ist auf dem Kommissariat in Aurich. Du hast Recht, es ist zurzeit nicht viel los. Deshalb geht er alte ungeklärte Fälle durch und ich …“
„Du vermisst unser kleines Revier, du kannst es ruhig zugeben“, unterbrach ihn Lars.
Gordi nickte grinsend. „Du hast es erfasst. Ich bekenne mich schuldig. In der Adventszeit fühle ich mich bei euch besonders wohl. Die riesigen Weihnachtsmärkte geben mir nichts. Dieser kleine Norder Markt da unten ist hingegen unschlagbar. Aber ich habe gehört, dass die Eisbahn bald Geschichte ist.“
„Ja, sie wird wohl das letzte Jahr aufgebaut. Alles geht mal zu Ende“, sagte Lars.
„Leider“, seufzte Gordi. „Als Jugendlicher konnte ich es gar nicht erwarten, bis sie eröffnet wurde. Ich war jeden Tag mit Freunden da und konnte nicht genug davon kriegen.“
In diesem Moment kam Michael de Vries hastig hereingelaufen. Er war völlig außer Atem.
„Was gibts?“, wollte Lars wissen.
„Ihr müsst sofort kommen. Ein Obdachloser sitzt unten in der Wache. Er behauptet, dass er einen Toten gefunden habe.“
Lars sah Gordi an. „Hattest du nicht gesagt, es ist nicht viel los?“
***
Das Polizeirevier im Erdgeschoss war rund um die Uhr besetzt. Ein Empfangstresen trennte den Kundenbereich von den Schreibtischen, an denen die Streifenbeamten der Spätschicht ihren Dienst verrichteten.
Ein Mann mit blonden Rastalocken saß vor einem dieser Tische. Zur Rechten hatte er seine Gitarre gegen die Stuhllehne abgestellt, auf der anderen Seite lag die Reisetasche mit Schlafsack. Sein Blick irrte durch den Raum. Er rutschte auf dem Stuhl hin und her. Obwohl es auf dem Revier warm war, hatte er seine Jacke bis zum Hals zugeknöpft.
Michael de Vries setzte sich an den Schreibtisch. Gordi und Lars blieben stehen.
„Herr Hannes Becker, das sind meine Kollegen Tammen und Gerdes. Bitte erzählen Sie ihnen, was Sie mir berichtet haben“, forderte er ihn auf.
Der Mann war jung, keine dreißig Jahre alt und schien noch nicht lange auf der Straße zu leben. Gordi bemerkte das saubere Hemd und die wetterfesten guten Schuhe. Auch seine Jacke war nicht von der Stange. Er machte keinen verwahrlosten Eindruck.
„Ich wollte … wollte …“, begann er mit aufgerissenen Augen. Weiter kam er nicht.
„Beruhigen Sie sich und erzählen Sie dann von Anfang an, was passiert ist“, sagte Gordi in ruhigem Ton. Hannes Becker atmete einige Male tief ein und aus und begann zu sprechen.
„Meinen Namen kennen Sie ja schon. Ich bin Straßenmusiker aus Münster.“ Er deutete auf seine Gitarre. „In der Adventszeit sind die Menschen spendabler als sonst und ich klappere die Kleinstädte ab. Heute Morgen bin ich mit dem Zug in Norden angekommen. Den ganzen Tag über habe ich auf dem Neuen Weg musiziert. Als es dunkel wurde, wollte ich mir ein Nachtlager suchen.“ Er machte eine Pause und schluckte mehrmals, als ob ihm etwas im Hals stecken geblieben wäre.
„Hol dem Mann mal etwas Kaltes zu trinken“, forderte Lars Michael auf. Sofort stand dieser auf und lief in den Aufenthaltsraum der Diensthabenden. Kurz darauf kam er mit einem Glas Mineralwasser zurück. Hannes Becker leerte es, ohne es einmal abzusetzen.
„Danke“, sagte er, nachdem sich Michael wieder an den Schreibtisch gesetzt hatte.
„Erzählen Sie weiter“, forderte Gordi ihn auf.
„Auf der Suche nach einem ruhigen Plätzchen, bin ich durch die Doornkaatstraße auf die Große Hinterlohne gelaufen, bis ich an einem verfallenen Gebäude vorbeikam. Ich kenne mich hier recht gut aus. Es ist das dritte Jahr in Folge, dass ich herreise. Ich bin kein Vagabund oder Bettler, sondern Musikstudent. Mit dem BAföG lassen sich keine großen Sprünge machen. Deshalb verdiene ich mir mit der Straßensingerei etwas dazu.“
„Mit dem ruhigen Plätzchen meint er das Hotel Norden. Die Ruine steht seit Jahren leer und soll abgerissen werden, aber die Investoren fehlen“, erklärte Lars.
„Es sah mir nach einer geschützten Übernachtungsmöglichkeit aus und deshalb bin ich hineingegangen. Mit meiner Taschenlampe habe ich die Räumlichkeiten abgesucht.“ Hannes Becker machte eine Pause. Der Schrecken stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er schien das Bild gerade vor seinem inneren Auge zu betrachten.
„Da habe ich einen Mann sitzen sehen. Ich dachte, er sei einer von uns und machte ein paar Schritte auf ihn zu. Er bewegte sich nicht. Ich ging näher heran und habe ihn angesprochen. Da erst habe ich gemerkt, dass er tot war.“ Hannes starrte vor sich hin.
„Ich habe noch nie einen toten Menschen gesehen. So im Halbdunkeln war es furchterregend.“
„Haben Sie ihn angefasst?“, fragte Gordi.
„Nein.“
„Woher wussten Sie dann, dass er tot war?“
„Seine Augen standen offen und starrten ins Leere und sein Schädel war eingeschlagen. Das konnte ich deutlich erkennen.“
Ohne ein weiteres Wort holte Gordi sein Handy aus der Hosentasche und wählte.
„Hallo Berni? Gut, dass ich dich noch im Revier erwische. Den Feierabend kannst du vergessen. Trommele deine Mannschaft zusammen und komm nach Norden, bring Onno mit. Wir treffen uns vor Ort.“ Gordi erklärte dem Leiter der Spurensicherung, Bernhard Holling anschließend in knappen Worten die Sachlage und gab ihm die genaue Adresse durch. Danach legte er auf und wandte sich an Lars.
„Komm, lass uns gehen.“
„Ich will mit“, rief Michael de Vries.
„Nein, du bleibst hier, bei dem Zeugen“, widersprach ihm Lars.
„Nehmen Sie die Aussage von Herrn Becker auf. Vielleicht fallen ihm noch einige Fakten ein. Das kann uns helfen und ist wichtig, Herr de Vries“, sagte Gordi.
Ein Lächeln breitete sich auf Michaels Gesicht aus. Er hatte erst vor knapp acht Monaten bei der Polizei in Norden angefangen und Gordi wusste, dass er mehr als Streife fahren wollte.
„Wird gemacht, Kommissar Gerdes“, sagte er.
Gordi und Lars Tammen machten sich kurz darauf gemeinsam auf den Weg.
2
Die Große Hinterlohne verlief parallel zum Neuen Weg, der Fußgängerzone und Shoppingmeile der Stadt. Lars hatte einige Kollegen aus dem Streifendienst mitgebracht, die sich draußen postierten und das ganze Gelände absperrten. Er und Gordi betraten mit großen Strahlern in den Händen die Ruine. Sie gingen die einzelnen Räume ab. Mauerreste und Unrat lagen überall herum.
„Es ist eine Schande“, sagte Lars.
„Was meinst du?“
„Der Zustand dieses Gebäudes. Es ist über Generationen eine Institution gewesen, ein familiengeführter Betrieb. Es war nicht bloß ein Hotel, sondern ein Veranstaltungsort. Rauschende Feste wurden hier gefeiert, Jahrzehnte von Schulabschlüssen begangen. Ich habe viele Silvesterbälle mit meiner Familie an diesem Ort erlebt. Der Verfall solcher Gebäude zeigt mir, dass meine Heimatstadt eingeht.“
„Das wird nicht passieren. Sie verändert nur ihr Gesicht. Ich habe in der Zeitung gelesen, dass die Gemeinde das Objekt sanieren oder ersetzen will.“
„Bisher haben sich keine Investoren für das Projekt gefunden und die Stadtkasse ist leer. In der Zwischenzeit verfällt hier alles.“
Mittlerweile waren sie in der ehemaligen Lobby des Hotels angelangt. Der obdachlose Straßenmusikant hatte sich nicht geirrt. Einige Meter vor ihnen erkannten sie im Lichtkegel ihrer Scheinwerfer einen Mann in sitzender Position an den Treppenpfosten gelehnt. Bevor sie näher herangehen konnten, drangen Stimmen an ihr Ohr und ein greller Lichtschein schnitt durch die Dunkelheit direkt auf sie zu.
Gordi entdeckte Berni, Onno und fünf weitere Männer aus dem Revier in Aurich.
„Hier sind wir“, rief er ihnen entgegen und wedelte mit dem Strahler.
„In dieser abbruchreifen Bude habt ihr einen Toten gefunden?“, fragte Onno Schoolmann, der als Kommissar der Mordkommission Ostfriesland mit Gordi zusammenarbeitete. Gordi wies auf den Körper am Treppenaufgang.
„Dann wollen wir mal“, sagte Berni und zog seine Latexhandschuhe, die er immer in der Tasche trug, über. Während sein Team überall die Scheinwerfer aufstellte, um den großen Raum auszuleuchten, trat er an den Toten heran, um eine erste Sichtung der Leiche vorzunehmen.
„Wie habt ihr von dem Vorfall erfahren?“, wollte Onno wissen. Gordi erzählte ihm, was passiert war.
„Ein Toter zum Advent, eine schöne Bescherung“, sagte Onno. „Ist es Mord?“, rief er fragend zu Berni hinüber. Dieser erhob sich und kam zu ihnen zurück.
„Ja, absolut“, antwortete er. „Die Totenstarre ist komplett ausgeprägt. Ich schätze also, dass er heute im Morgengrauen getötet wurde. Die Rechtsmedizin wird es noch genauer festlegen können.“
„Wie wurde er getötet?“
„Ich habe zwei Wunden an seinem Hinterkopf entdeckt. Die Schädeldecke ist stark eingedrückt. Der Schlag hat zu einer massiven Schädelfraktur geführt. Aber der Tatort war nicht hier. Es gibt kaum Blutspuren und er muss eine Menge davon verloren haben. Er wurde woanders getötet, anschließend hierher geschafft und einfach abgeladen.“
„Zeitlich müsste das passen“, stellte Lars fest. „Die Shops auf dem Neuen Weg öffnen um neun Uhr. Davor ist die Innenstadt mitsamt der Großen Hinterlohne wie ausgestorben.“
„Ich werde mit meinen Jungs das gesamte Areal absuchen. Bei der Fläche wird das einige Zeit in Anspruch nehmen. Danach wird die Leiche nach Oldenburg in die Gerichtsmedizin transportiert. Vor Morgen Mittag sind sicher keine weiteren Resultate zu erwarten.“
„Das heißt, mit deinen Worten, wir sollen dich jetzt in Ruhe lassen?“, fragte Onno.
Berni grinste breit. „Ja! Du scheinst ja was dazuzulernen.“
„Komm Lars, ich hoffe, in deinem Revier gibt es guten Kaffee.“
„Einen Besseren, als bei euch.“
Gemeinsam verließen Onno, Gordi und Lars den Tatort und fuhren zum Revier am Marktplatz zurück.
3
Eine Stunde später stand Onno im Norder Kommissariat und ließ sich von Lars einen zweiten Becher Kaffee einschenken.
„Du hast nicht übertrieben.“
„Schmeckt der überhaupt noch, bei der Menge von Zucker und Milch, die du reingekippt hast?“, fragte dieser und verzog das Gesicht.
„Bestens. Erstens kann man ihn nur so genießen, zweitens, an irgendetwas muss man doch sterben.“
„Na dann, hau rein.“
In diesem Moment kam Gordi durch die Tür. Er hatte sein Handy in der Hand.
„Berni hat sich gerade gemeldet. Wir haben die Identität des Opfers. Er hat den Ausweis und seine Autopapiere in der Jackentasche des Toten gefunden und schickt alles her.“
Keine Viertelstunde später traf ein Streifenpolizist ein und übergab Onno die Papiere. Die Adresse einer Pension am Markt lag zwischen dem Kraftfahrzeugschein.
„Dann lass ich euch mal in Ruhe arbeiten. Ich hab noch einige Berichte zu schreiben“, sagte Lars. Bevor er die beiden im Pausenraum zurückließ, wandte er sich noch mal an Gordi.
„Eins noch: das Norder Revier ist sich einig darüber, dass uns deine Karre mit knallroter Farbe besser gefällt.“
„Sagt nicht ständig Karre“, rief Gordi ihm hinterher.
„Er hat recht, die neue Farbe passt zu dir, genau wie die Frau. Sie tut dir gut“, sagte Onno, als sie allein waren. Gordi war seit sechs Monaten mit Dr. Anne Beekmann zusammen und für sie hatte er seinen Citroën DS Baujahr 59 in ihrer Lieblingsfarbe umlackieren lassen.
„Du solltest es auch versuchen“, sagte Gordi.
„Ich bin kein Mann für feste Beziehungen. Ich liebe es kurz und oberflächlich, ohne Bindungen, ohne Verpflichtungen. Ich würde eine gute Frau bloß unglücklich machen.“ Bevor Gordi etwas einwenden konnte, sah er sich den Ausweis und den Führerschein des Toten an.
„Der Mann hieß Heiko Busse, vierundvierzig Jahre alt. Er ist in Hamburg Bahrenfeld gemeldet.“
„Lass uns an einen Computer gehen“, forderte Gordi ihn auf. Sie verließen den Pausenraum und suchten sich ein freies Büro. Gordi setzte sich an den Schreibtisch und gab den Namen des Opfers ein. Schnell wurde er fündig. Er pfiff durch die Zähne.
„Du wirst es nicht glauben.“ Onno kam um den Tisch herum und sah über Gordis Schulter auf den Monitor.
„Wow. Der Kerl war 2002 Spitzensportler in Kanada im Staffellauf 4-mal 100 Meter. Bei den olympischen Sommerspielen 2003 in Frankreich hat er die Bronzemedaille im 800 Meterlauf geholt.“
Gordi scrollte weiter. Bilder und Zeitungsartikel kamen zum Vorschein. Erfolgreicher Spitzensportler heiratet seine Jugendliebe, stand da.
„Der Mann hat nach einer steilen Karriere als Leichtathlet ein Sportfachgeschäft mit seiner Frau im Schanzenviertel in Hamburg eröffnet“, sagte Gordi. Er notierte sich die Kontaktadresse und Telefonnummer.
„Wer ruft an?“
„Ich übernehme das“, antwortete Onno, griff nach dem Zettel und ging zur Tür.
„Wo willst du hin?“
„Solche Gespräche führe ich lieber allein.“
Gordi suchte in der Zwischenzeit Lars Tammen. Er fand ihn, gemeinsam mit dessen jungen Kollegen in der Wache.
„Wie können wir helfen?“, fragte Michael, als er ihn kommen sah.
„Grinst der immer so?“, wandte sich Gordi an Lars.
„Von morgens bis abends. Aber die Frage war berechtigt, du willst doch was, oder?“
„Wir müssen den Wagen des Toten finden. Wir wissen, wo er gewohnt hat. Am besten fangt ihr die Suche im Umkreis der Unterkunft direkt am Marktplatz an.“ Er nannte ihnen den Namen der Pension.
„Wird erledigt“, sprudelte es aus Michael heraus.
„Er grinst den ganzen Tag und die Klappe kann er auch nicht halten. Wofür werde ich so bestraft?“, fragte Lars und schüttelte den Kopf.
„Sobald ihr ihn gefunden habt, rufst du Berni an. Er kümmert sich um das Weitere. Bitte nichts anfassen, nichts durchsuchen.“
„Weißt du, mit wem du redest? Ich bin bald vierzig Jahre dabei.“
Lars verließ mit Michael die Polizeiwache und sie machten sich auf die Suche.
***
Nach einer halben Stunde war Onno zurückgekehrt.
„Wie ist es gelaufen?“
„Sie heißt Monika Busse. Ich habe sie morgen nach Oldenburg in die Rechtsmedizin bestellt. Wir werden uns mit ihr um die Mittagszeit treffen.“
„Das habe ich nicht gemeint“, sagte Gordi.
„Ich weiß, was du gemeint hast. Ich habe ihr erzählt, dass wir ihren Mann tot aufgefunden haben, aber sie müsse von Rechts wegen kommen und ihn identifizieren. Sie hat geheult und gefragt, unter welchen Umständen er gestorben ist. Ich habe ihr mitgeteilt, dass wir von einem Tötungsdelikt ausgehen und sie hat noch mehr geweint. Ich habe sie ausheulen lassen und dann aufgelegt. Ich wollte eigentlich wissen, was ihr Mann in Norden verloren hatte. Aber sie war nicht in der Verfassung etwas zu beantworten. Das Einzige, was ich zwischen dem Geschniefe erfahren habe, ist seine Unterkunft. Sie wird morgen nach Oldenburg kommen.“
„Wirklich sehr einfühlsam von dir“, stellte Gordi fest.
„Bestimmte Wahrheiten kann man nun mal nicht schönreden. Sie muss da durch. Je länger man es hinzieht, desto schmerzhafter wird es.“
Gordi schüttelte kommentarlos den Kopf. Er kannte Onno und wusste es besser.
4
Um neun Uhr in der Frühe suchten sie die Pension am Markt auf. Heiko Busse hatte hier vor drei Tagen eingecheckt. Sie wiesen sich bei dem Portier, der wie die einfache Unterkunft in die Jahre gekommen war, als Kommissare aus und ließen sich Busses Zimmer zeigen.
Gordi zog sich Latexhandschuhe über, bevor er den Raum betrat, während Onno den Portier auf dem Flur befragte.
„Haben Sie etwas Auffälliges bei Ihrem Gast bemerkt?“, wollte er wissen.
„Nein, nichts. Der Mann hatte vierundzwanzig Stunden vor seiner Ankunft telefonisch gebucht. Er wollte nur wenige Tage bleiben. Nachdem er den Koffer abgestellt hat, ist er gleich wieder gegangen, um einen alten Freund hier in Norden zu besuchen. Das hat er zumindest gesagt. Es muss spät geworden sein, denn ich habe ihn nicht zurückkommen sehen. Meine Schicht endet um zweiundzwanzig Uhr. Wir sind kein Hotel und die Lobby ist nicht rund um die Uhr besetzt. Die Gäste haben einen Schlüsselcode für den Haupteingang. So können sie jederzeit kommen und gehen.“
„Hat er erzählt, welchen Freund er besuchen wollte?“
„Nein, nur dass sie sich schon Jahre aus den Augen verloren hätten.“
„Haben Sie Herrn Busse wieder gesehen?“
Der Portier nickte. „Am anderen Tag in der Frühe, als ich zur Arbeit kam. Ich eröffne morgens den Empfang und bin noch vor dem Küchenpersonal, das das Frühstücksbuffet für die Gäste vorbereitet, da. Herr Busse hielt sich vor der Pension auf dem Gehweg auf und unterhielt sich mit einem Mann. Es sah allerdings eher nach einem Streit aus.“
„Konnten Sie den Fremden erkennen?“
„Nein, er stand mit dem Rücken zu mir. Er war kleiner und fülliger als Busse.“
„Wie spät war es da?“
„Punkt fünf Uhr. Ich habe mich gewundert, dass er nicht ausschläft. Er hatte ja auch Frühstück gebucht. Ich bin an den beiden vorbei und ins Haus gegangen, dabei habe ich Guten Morgen gesagt. Die beiden waren so mit sich selbst beschäftigt, dass sie es gar nicht mitbekommen haben. Herrn Busse habe ich danach nicht mehr hereinkommen sehen.“
„Danke für die Auskunft. Falls Ihnen noch weitere Details einfallen, rufen Sie uns bitte an“, sagte Onno. Plötzlich weiteten sich die Augen des Portiers.
„Das habe ich ganz vergessen: Herr Busse hat dem Fremden ein Kuvert gegeben. Darum schien auch der Streit zu gehen. Ich habe gehört, wie der Mann gesagt hat: Das behalte ich besser. Es war etwas merkwürdig, aber ich habe es kaum beachtet, weil ich in Gedanken mit den Abreisenden für den Vormittag beschäftigt war. Wann wird Herr Busse wiederkommen?“
„Das kann er nicht mehr, er ist tot.“
Der Unterkiefer des Portiers klappte herunter. Bevor er sich wieder gefasst hatte und etwas sagen konnte, kam Gordi aus dem Zimmer und schloss die Tür hinter sich ab.
„Ein Kollege wird im Laufe des Vormittags hier eintreffen, um den Raum genauer zu untersuchen.“
„Was meinen Sie damit?“, wollte der Portier wissen.
„Die Spurensicherung wird nach Fingerabdrücken suchen und weitere Indizien sichern. Bis dahin darf niemand hier rein. Sie haften dafür“, sagte Onno streng.
„Jawohl“ antwortete der Portier.
***
Nachdem sie mit Berni telefoniert hatten, verließen sie die Pension und fuhren mit Gordis Citroën weiter nach Oldenburg, wo sie sich mit Monika Busse verabredet hatten. Vor dem Gebäude der Gerichtsmedizin warteten sie. Nach einer Viertelstunde hielt ein Taxi am Straßenrand und eine Frau stieg aus. Der Fahrer nahm eine Reisetasche aus dem Kofferraum und übergab sie ihr. Nachdem er weitergefahren war, sah sie sich suchend um. Sie trug einen schwarzen Mantel mit hochgeschlagenem Kragen.
„Das muss sie sein“, sagte Gordi und ging auf sie zu.
„Sind Sie Herr Schoolmann?“, fragte sie.
„Ja, der bin ich.“ Onno war nähergekommen und reichte ihr die Hand. „Wir haben miteinander telefoniert.“
Sie ergriff Onnos Hand und hielt sie fest. Die violetten Ringe unter ihren Augen zeugten von einer durchwachten Nacht. Und die rötlichen Ränder an den Wimpern zeigten, dass sie geweint hatte. Ihr Blick schien sich an ihn zu klammern.
„Danke Herr Schoolmann. Ohne Ihre tröstenden Worte hätte ich den gestrigen Abend nicht überstanden und ich weiß nicht, wie ich den heutigen Tag hinter mich bringen soll.“
„Einen Schritt nach dem anderen. Ich werde bei Ihnen bleiben.“
Onno hob die Tasche, die sie abgestellt hatte, vom Boden auf und ließ Monika Busse vorgehen.
„So, so. Da muss sie durch“, flüsterte Gordi ihm zu.
Vor dem Sektionssaal bat Onno Schoolmann sie, zu warten, und stellte die Tasche ab. „Ich bin gleich wieder bei Ihnen“, sagte er und ging mit Gordi hinein.
Sie begrüßten Dr. Schneider. Wie immer gab sie Onno einen Kuss auf die Wange.
„Wolltet ihr die Witwe nicht mitbringen?“, fragte sie.
Onno nickte. „Sie wartet draußen.“
„Gut, nach der Identifizierung muss ich noch mit euch sprechen.“
Onno ging hinaus und holte Frau Busse. Krampfhaft hielt sie sich an Onnos Arm fest. Sanft führte er sie an den Obduktionstisch.
Dr. Angelika Schneider hatte die Leiche aus Rücksicht auf die Ehefrau mit einem weißen Laken bedeckt. Jetzt schlug sie es so weit auf, dass Monika Busse die Züge des Toten sehen konnte. Ein kurzer Blick genügte und ihre Gesichtsfarbe wurde aschfahl. Sie sackte in sich zusammen. Im letzten Moment fing Onno sie auf.
***
Sie saßen im Büro des Sektionssaales an einem kleinen Tisch. Onno goss aus einer Kanne die zweite Tasse Kaffee ein.
„Danke“, sagte Frau Busse und trank. Gordi kam herein und setzte sich zu den beiden.
„Wissen Sie schon, wo Sie übernachten werden?“, fragte er.
„Ich wollte in die Unterkunft fahren, die mein Mann gebucht hatte.“
„Wie wollen Sie von hier aus nach Norden kommen?“
Sie schluchzte. „Keine Ahnung. Ich wollte erst einmal das hier hinter mich bringen und dann weitersehen.“
„Ich komme gleich wieder“, sagte Onno, stand auf und ging hinaus. Nach kurzer Zeit kam er zurück.
„Ein Streifenwagen der Kollegen aus dem Revier hier in Oldenburg wird Sie in Ihre Pension nach Norden fahren. Sie werden in einigen Minuten vor dem Eingang abgeholt.“
Frau Busse nahm einen letzten Schluck Kaffee und stand auf.
„Ich danke Ihnen Herr Schoolmann.“
„Ruhen Sie sich aus. Wir treffen uns heute Nachmittag. Ist Ihnen fünfzehn Uhr recht?“
Monika nickte.
„Kommen Sie zum Polizeirevier in Norden. Es liegt direkt am Marktplatz, wie auch Ihre Pension. Sie können den Weg bequem zu Fuß zurücklegen.“
„Ich werde da sein“, sagte sie.
***
Kurze Zeit später hatte Onno Frau Busse zum Ausgang begleitet und ging mit Gordi zurück zu Dr. Angelika Schneider in den Sektionssaal.
„Ist sie weg?“, fragte sie.
„Ja. Du wolltest uns noch einiges mitteilen?“
„Schaut euch das an“, sagte die Rechtsmedizinerin.
Onno und Gordi traten an den Tisch, auf dem die Leiche lag. Dr. Schneider deutete mit einer Pinzette auf den Schädel des Opfers.
„Der Mann hat vier Wunden am Hinterhaupt, alle dreieckig geformt. Ich habe von allen Seiten Fotos davon gemacht. Die Schläge wurden mit großer Wucht ausgeführt. Sie haben die Kalotte durchbrochen und sind tief in das Hirngewebe eingedrungen.“
„Der Mann ist also an seinen Kopfverletzungen gestorben“, stellte Gordi fest.
„So ist es und die Verletzungen erzählen uns eine Geschichte über den Tathergang. Der Winkel, mit dem die Tatwaffe eingedrungen ist, lässt folgende Vermutung zu. Der Mörder ist wahrscheinlich genauso groß wie das Opfer. Der erste Schlag ließ ihn in die Knie gehen. Er kam von schräg oben. Die weiteren trafen den Kopf im geraden Winkel, da der Täter nun über seinem Opfer stand. Es war ein Mann und er war offenbar sehr, sehr wütend. Die maximale Gewalt zeugt von einer persönlichen Tat.“ Sie ging zu einem kleinen Tisch hinüber.
„Jetzt schaut euch das an.“ Mit einer Pinzette nahm sie etwas auf, das kaum zu erkennen war.
„Diesen Splitter habe ich aus dem Gehirn entfernt. Er ist so klein und war so tief ins Gewebe eingedrungen, dass ich ihn fast übersehen hätte.“
„Was ist das?“, wollte Onno wissen. Angelika hielt die Pinzette unter eine, am Arbeitstisch befestigte, Lupe.
„Ein winzig kleiner Glassplitter. Und genau dieser Tatbestand könnte euch weiterhelfen“, sagte Dr. Schneider.
„Lichtbrechung“, rief Gordi aus.
„Sie haben es erfasst Kommissar Gerdes“, sagte sie mit einem kühlen Blick. Gordis Euphorie wurde schlagartig gebremst. Mittlerweile arbeiteten sie seit anderthalb Jahren miteinander, aber immer noch zeigte die Rechtsmedizinerin ihm die kalte Schulter, während sie sich mit Onno angefreundet und ihn ins Herz geschlossen hatte. Gordi hatte es aufgegeben. Manche Dinge ändern sich eben nie, dachte er.
„Willst du damit sagen, dass der Mann mit einer Glasvase erschlagen wurde?“, fragte Onno.
„Nicht unbedingt mit einer Vase, aber mit einem Gegenstand aus Glas, deren Kante die Wunden an seinem Schädel verursacht hat. Ich werde diesen Splitter an euren Forensiker weiterleiten. Falls ihr ein Objekt aus Glas mit einem fehlenden Stück finden solltet, könnt ihr ihn mithilfe des Brechungsindexes als Tatwaffe identifizieren.“
„Du bist wie immer exzellent“, sagte Onno. Dr. Schneider schmunzelte.
„Ich bin fertig mit meinem Bericht und kann euch einen kleinen Snack anbieten. Das letzte Mal schmeckten dir unsere Sandwiches aus der Betriebskantine doch gut, wie ich mich erinnere.“
„Vielen Dank Angelika. Leider haben wir heute viel zu erledigen. In den nächsten Tagen werden wir unser Lager im Norder Revier aufschlagen. Du kannst uns jederzeit dort erreichen.“ Onno umarmte Dr. Schneider herzlich und ließ sich von ihr auf die Wangen küssen.
„Auf Wiedersehen“, sagte sie zu Gordi, während sie sich schon abwandte.
***
Die Kollegen im Norder Revier hatten Onno und Gordi einen Büroraum mit Schreibtischen und Internetzugang zur Verfügung gestellt. Sogar eine Kaffeemaschine stand auf einer kleinen Anrichte an der Wand.
„Die meinen es gut mit uns. Auch die Kaffeedose ist frisch gefüllt“, sagte Onno.
„Hab ich besorgt“, rief Lars, der den Kopf gerade durch die Tür steckte. Er kam näher.
„Das ist schon euer zweiter Mord in diesem Jahr in Norden. Lasst das nicht zur Gewohnheit werden, sonst könnt ihr euch gleich hier fest einrichten.“
„Habt ihr das Auto des Opfers mittlerweile gefunden?“
„Ja und natürlich haben wir es dem Grünschnabel zu verdanken. Er ist die Straßen auf und ab gefahren, bis wir den Mitsubishi entdeckt haben. Durch das Fenster haben wir gesehen, dass der Schlüssel noch steckte. Ein Glück, dass er nicht geklaut wurde. Bernhard hat den Wagen, so wie er da stand, abtransportieren lassen. Also bis dann. Herzlich willkommen, ich muss auf Streife.“ Schon war der älteste Polizist der Norder Polizeistation, Lars Tammen wieder verschwunden.
„Die beiden sind ein Unikum. Der Senior mit dem Junior.“
Gordi hatte einen frischen Kaffee aufgegossen und reichte Onno einen Becher.
„Lars hat recht. Der Kaffee schmeckt in Norden besser als bei uns im Revier. Ich lasse mich versetzen.“
In diesem Moment piepte Gordis Handy und er ging ran.
„Hier Gerdes.“ Nach einigen Sätzen beendete Gordi das Telefonat. „Das war Berni.“
„Was wollte er?“, fragte Onno und setzte seinen Becher ab.
„Er hat einen neuen hundert Euro Schein in der Jackeninnentasche des Opfers gefunden. Es waren keine Fingerabdrücke außer denen von Heiko Busse darauf. Berni hat auch blutige Schleifspuren bis zur Straße nachgewiesen. Der Mann wurde wie Anfangs schon vermutet nicht in der Großen Hinterlohne erschlagen. Die Tat erfolgte woanders und die Leiche wurde danach in der Ruine des Hotels abgelegt.“
„Was ist mit dem Wagen?“
„Da macht er sich Morgen dran. Er möchte, dass wir die Witwe zu ihm schicken. Sie soll sich das Auto ansehen. Berni will feststellen, ob sich darin etwas verändert hat oder etwas zu finden ist, was nicht ihrem Mann gehört.“