Leseprobe Queen of My Sins – Ich suche. Ich fühle. Ich bin frei. | Eine leidenschaftliche Romantic Suspense

Kapitel 1

Las Vegas zu verlassen ist eines der befreiendsten Dinge, die ich je getan habe.

Mir war immer klar, dass es da draußen eine große, weite Welt gibt, aber meine Komfortzone hielt mich in der Nähe meiner Lieben und blendete mich mit der Sicherheit, die das Vertraute mir bot. Ja, ich habe mich zuweilen wie ein wildes Kind gebärdet, aber hinter dieser sorglos dreisten Tapferkeit verbarg sich meine sensible, sanfte Seite, die ich nicht zeigen wollte.

Bis zu diesem Moment habe ich Sensibilität immer mit Schwäche verbunden, die die Türen für Verletzungen und Drama öffnet und dazu führt, einen Schmerz aushalten zu müssen, der sich tief in der Seele verwurzelt und immer bei einem bleibt. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, habe beobachtet, wie die Qual Menschen zerfrisst, bis sie es nicht mehr aushalten, und ich habe mir geschworen, keinen Menschen jemals so nah an mich heranzulassen, dass mir das ebenfalls passieren könnte. Immer freundlich bleiben, immer an der Oberfläche.

Aber meine Brüder und vor allem ihre Freundinnen – ihre besseren Hälften, die sie vervollständigen und unsere Familienbande stärken – haben mir gezeigt, dass es möglich ist, Verletzlichkeit zu zeigen. Man muss nur lange genug prüfen, wem man sie tatsächlich offenbaren kann. Das ist das Geheimnis.

Tragödien, Schuldgefühle und ein Hauch von Angst haben mich davon abgehalten, die Flügel auszubreiten, und obwohl mir klar war, dass ich nicht immer so leben konnte, musste ich auf den richtigen Zeitpunkt warten. Nicht nur für mich selbst, sondern auch für meine Familie. Hätte ich ihnen noch mehr Grund zur Sorge gegeben, dann wäre die geistige Gesundheit meiner beschützerischen älteren Brüder auf eine ernsthafte Probe gestellt worden. In dem Wissen, dass sie, egal welche Fehler und schlechten Entscheidungen ich auch treffen mochte, die Scherben auflesen und mein Chaos beseitigen würden, habe ich ein behütetes Leben geführt. Kindisch, ich weiß. Aber es war einfach und sicher. Auch wenn ich weiß, dass sie sich während meiner Abwesenheit wie verrückt sorgen werden, wird die vorübergehende Trennung auch ihnen guttun. Ich muss ihnen beweisen, dass ich auf eigenen Beinen stehen kann, damit sie sich auf sich selbst und ihre Zukunft konzentrieren und das glückliche Leben führen können, das sie beide verdienen.

Es heißt: ‚Deine Zukunft ist das, was du daraus machst‘, und meine Zukunft beginnt gerade erst, auf einer Harley durch den Westen der Vereinigten Staaten.

***

Nach acht Stunden auf der Straße und nur einer Toilettenpause bin ich endlich in Reno angekommen. Am liebsten wäre ich so weitergefahren, bis mir der Sprit ausgeht, und hätte mir dann irgendwo ein Motel gesucht, aber meine aufdringlichen Brüder haben darauf bestanden, dass ich zumindest die erste Übernachtung vorbuchen sollte, sowohl zu ihrer eigenen Beruhigung als auch zu meiner Sicherheit. Auf diese Bitte hin habe ich die Augen verdreht und einen genervten Seufzer ausgestoßen. Ich versuche hier, erwachsen zu sein!, wollte ich schreien.

Aber ich war mir ihrer Motive und ihrer Logik bewusst. Und wie immer hatten sie Recht. Es tut gut, anzuhalten. Zu wissen, dass ich nach der langen Fahrt einen Platz zum Schlafen habe, fühlt sich besser an, als gedacht. Bevor ich zum Hotel fahre, halte ich an einem Diner in der Nähe, um mich zu erholen und etwas zu essen, bevor ich einchecken, duschen und wahrscheinlich innerhalb weniger Minuten einschlafen werde.

Während ich die Straßenkarte vor mir auf dem Tisch ausbreite, denke ich lächelnd an meine Lieben zu Hause und atme tief durch.

Wow.

Nach acht Stunden auf der Straße bin ich schon ziemlich weit weg von zu Hause. Ich glaube, mir war gar nicht bewusst, wie weit sich der Westen der USA erstreckt. Ich bin wirklich ein Kleinstadt-Mädchen, dessen Gedanken nie weiter als bis zum Vegas Strip gingen. Ja, das bedeutet, dass ich wahrscheinlich sehr naiv bin und ein behütetes Leben geführt habe, aber so war es eben. Wenn man die Welt auf einer Landkarte betrachtet, scheint sie nicht allzu groß zu sein, aber auf einer Harley ist sie riesig.

Ich werde nicht umkehren. Ich werde nicht umkehren.

So sehr meine Nerven auch vor Aufregung flattern, umdrehen ist keine Option. Der Sinn dieser Reise ist es, mich weiterzuentwickeln, so wie alle anderen in meiner Familie. Ich möchte diese Reise machen. Das möchte ich wirklich. Ich bin bereit, die Flügel auszubreiten und zu sehen, wie die Welt außerhalb von Vegas’ zeitlosen Mauern aus blinkenden Lichtern und Reichtum aussieht. Aber irgendwie ist es auch beängstigend …

„Äh, entschuldigen Sie bitte, Ma’am …“ Jemandes tiefe Stimme lenkt meine Aufmerksamkeit von der Karte ab und mein Blick trifft auf einen faszinierenden, großen, dunkelhaarigen und ziemlich robust aussehenden Kerl. Allein sein selbstbewusstes Auftreten schlägt mich völlig in den Bann, und ich ziehe überrascht und anerkennend die Augenbrauen hoch. Als ich aufsah, hatte ich ganz sicher nicht erwartet, von solch ausdrucksstarken Augen gefesselt zu werden. Er lächelt, als könne er meine Gedanken lesen. Diese kleine Geste lässt Fältchen um seine Augen entstehen. „Darf ich mich zu Ihnen setzen?“, fragt er. Seine tiefe Stimme umhüllt mich und verursacht einen sinnlichen Schauer, der mir über den Rücken läuft.

„Äh, ja. Natürlich. Oh, entschuldigen Sie, ich räume das schnell weg.“ Meine Wangen glühen, als mir bewusst wird, dass er mich mit seiner unerwarteten Perfektion angrinst, während mir meine blonden, verrückten Locken am Kopf kleben, weil ich den ganzen Tag einen Motorradhelm aufhatte. Na toll.

Ich nehme den Helm vom Tisch und beginne, die Karte zusammenzufalten. Es ist so typisch für mich, dass sie sich in diesem Moment natürlich weigert, sich falten zu lassen, also zerknülle ich sie und stopfe sie in den Helm auf dem Sitz neben mir. Während ich mit dem verdammten Ding herumfuchtele und mich dabei völlig verrenke, lacht er.

Immer noch mit diesem Grinsen im Gesicht, das mich dazu bringt, mich zu ihm hinüberbeugen zu wollen, um es ihm heftig vom Gesicht zu küssen, stellt er seinen Kaffee auf den Tisch und rutscht auf den Sitz mir gegenüber. „Kann ich Ihnen etwas zu trinken holen?“, fragt er höflich.

„Nein, ich habe schon bestellt, danke.“ Ich lächele und fahre mir mit den Fingern durch die Haare, um cool und lässig zu wirken. Dabei versuche ich, ihn unauffällig von oben bis unten zu mustern. Er trägt ein weißes Hemd und zerrissene Bluejeans, die ihm ziemlich gut stehen. Aber irgendetwas an ihm scheint seltsam. Der Kinnbart und die Dreitagestoppeln lassen etwas Wildes vermuten.

Er lehnt sich zurück, neigt den Kopf leicht zur Seite und macht keinen Hehl daraus, dass er mich von oben bis unten mustert. „Ist das da draußen deine Harley?“

„Ja.“ Ich strahle und schaue aus dem Fenster zu Hank, dessen glänzende Kotflügel die Sonne reflektieren. Wenn es etwas gibt, auf das ich besonders stolz bin, dann ist es mein Motorrad. Zwar habe ich es noch nicht lange, aber ich wollte schon immer eine Harley und habe dafür meine gesamten Ersparnisse aufgebraucht. „Das ist Hank.“

„Hank?“ Er würgt ein Lachen hervor und lässt fast die Tasse fallen, die er gerade an seine Lippen geführt hat.

Diese Lippen. Perfekt geschwungene Lippen. Gott, ich hoffe wirklich, dass dieser Typ nur reden will, denn wenn er mich anbaggert und mich bittet, mit ihm zu schlafen, weiß ich schon jetzt, dass ich nicht nein sagen kann.

Ich will ihn.

Hier. Jetzt. Auf meinem Motorrad. Egal, wo.

Ja, ich habe schon gut aussehende Männer gesehen. Ich hatte auch gut aussehende Männer im Bett. Aber dieser Typ muss sich mit irgendeiner Art von Pheromon eingesprüht haben, das es unmöglich macht, ihm zu widerstehen.

Magie. Das wird es sein. Schwarze Magie.

„Hank?“, fragt er erneut und unterbricht den Striptease, den er gerade vor meinem inneren Auge hinlegt.

„Hank, die Harley“, antworte ich mit einem Grinsen. „Hank und ich machen eine kleine Spritztour.“

„Ach ja? Woher kommst du, Darling?“ Ich muss mich zurückhalten, um nicht zu stöhnen, als er mich Darling nennt.

„Vegas.“

„Dann bist du weit weg von zu Hause. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Hank dich nachts warmhält …“ Er lässt den Satz unvollendet und zieht eine Augenbraue hoch. Sein unterschwelliges Angebot hängt bedeutungsschwer zwischen uns in der Luft.

Ich bin am Arsch.

Ich lege die Ellbogen auf den Tisch, lehne mich vor und stütze das Kinn auf die Fingerknöchel. „Bietest du mir an, diesen Job zu übernehmen und mich warmzuhalten?“ Ich kann mich nicht zurückhalten. Ich will ihn. Ich will spüren, wie sich sein harter Körper an mich drückt. Ich will seine Lippen schmecken, bevor seine Zunge zwischen meine gleitet und meinen Mund plündert.

Das Leben ist zu kurz für Reue, oder? Ich bin keine Nutte. Ich schlafe nicht regelmäßig mit vielen verschiedenen Leuten. Ehrlich gesagt, ziehe ich es sogar vor, in einer Beziehung zu sein. Aber ich bin immer noch eine Frau, eine Frau mit heißem Blut, mit Wünschen und Bedürfnissen, und wenn zwei erwachsene Menschen nicht zusammenkommen können, um gegenseitig ihren Hunger zu stillen … Ich weiß, ich versuche, das in meinem Kopf zu rechtfertigen. Aber ich muss mich vor niemandem rechtfertigen. Nicht einmal vor mir selbst. Bei diesem Roadtrip geht es darum, herauszufinden, was ich will, und es mir zu nehmen, und solange es niemandem schadet, wo liegt dann das Problem?

Er beugt sich vor und kopiert meine Haltung. Seine Augen brennen vor Verlangen und Überraschung über meine dreiste Antwort. „Süße …“ Er macht eine Pause und lässt die Zunge über seine volle Unterlippe gleiten, bevor er durch die Zähne Luft einsaugt. „An uns wäre nichts Warmes. Wir würden die Laken ansengen und die Luft um uns herum in Brand setzen.“

Sein Gesicht ist ganz nah, nur wenige Zentimeter entfernt, und unser Atem vermischt sich. Meine Haut prickelt, und ich muss mich sehr zusammenreißen, um mich nicht noch ein bisschen näher zu ihm zu beugen und tatsächlich herauszufinden, wie er schmeckt, anstatt es mir nur vorzustellen.

Von der Tür her ruft jemand dröhnend: „Ruck!“ Wir zucken zusammen.

„Ah, verdammt noch mal“, flucht er, schlägt mit den Handflächen auf den Tisch und lehnt sich mit einem lauten Seufzer und einem Kopfschütteln in seinem Sitz zurück.

Ich runzele die Stirn und schaue mich um. Vor uns steht eine Wand aus Kerlen in Motorradkluft.

Noch vor einer Sekunde habe ich mich glücklichen Gedanken hingegeben, doch nun hat man mich nicht nur grausam aus meiner Fantasie gerissen, sondern ich befinde mich auch in einer ziemlich gefährlichen Situation. Ich habe schon von Biker-Gangs gehört, und obwohl ich nicht viel über sie weiß, ist mir doch bekannt, dass die Typen gefährlich, skrupellos und gewalttätig sein können …

Ein großer Mann mit Bart tritt vor. Ich beobachte ihn argwöhnisch, bin aber zu verängstigt, um mich zu bewegen oder etwas zu sagen. Nachdem ich ihn ein paar Sekunden lang gemustert habe, bemerke ich, dass er dieselben faszinierenden Augen hat wie der Adonis, der mir gegenüber sitzt. Denselben Zug ums Kinn. Dieselbe Stirnfalte.

„Wir haben dich überall gesucht. Man sollte meinen, es wäre ein guter Schachzug, nach deinem … Treffen zum Hauptquartier zurückzukehren.“ Er wirft dem Mann, den ich inzwischen als Ruck identifiziert habe, einen finsteren Blick zu, aber Ruck scheint sich nicht wirklich um seine Worte zu kümmern und lässt den Kerl einfach weiterreden. „Aber stattdessen hat, ganz im Stil von Ruck, der egoistische Teil deiner Psyche gesiegt. Während wir zwei Stunden lang die Stadt nach dir durchkämmen, sitzt du hier und flirtest mit dieser Muschi. Ich hätte es wissen müssen.“ Er stemmt die Hand in die Hüfte und rollt mit den Augen.

Die derbe Wortwahl holt mich aus meiner Starre. Trotz der lüsternen Gedanken in Bezug auf Ruck vor wenigen Augenblicken beleidigt mich seine Bemerkung. „Wie bitte?“, echauffiere ich mich und schlage mit den Handflächen auf die Tischplatte.

Der Typ, den ich für den Anführer dieser Biker-Gang halte – oder wie auch immer man das nennen mag –, lässt seinen Blick langsam von Ruck zu mir gleiten und ein überhebliches Grinsen umspielt seine Lippen. „Das geht dich nichts an, Süße, halt die Klappe.“ Abweisend winkt er mit der Hand. Die vier anderen Biker, die um ihn herumstehen, kichern verhalten, doch angesichts der Unverschämtheit dieser Typen kocht mein Blut.

„Was glaubst du eigentlich, wer du bist?“ Schnell stehe ich auf und stelle mich vor das Großmaul. Ich spüre, dass Ruck innerhalb einer Sekunde hinter mir steht, versuche aber, ihn zu ignorieren. Ich wusste nicht, dass er Mitglied einer Motorradgang ist. Er trug keine Kutte wie die anderen und zeigte lediglich Interesse an Hank. „Ich weiß nicht, was du mit Ruck zu schaffen hast, aber es ist unhöflich und beleidigend, ein Gespräch zu unterbrechen und Leute zu beschimpfen. Hat dir deine Mutter keine Manieren beigebracht?“

Langsam beugt sich der schmierige Kerl vor und flüstert mir ins Ohr. „Das Einzige, was meine Mutter mir beigebracht hat, war, wie man Crack besorgt und Huren fickt.“ Ich schnappe nach Luft und werde im Bruchteil einer Sekunde zur Seite gestoßen. Ich kämpfe noch darum, mein Gleichgewicht zu halten, als Rucks Faust nach vorne fliegt und genau auf dem Kiefer des Bikers landet.

„So redest du nicht mit ihr“, tobt Ruck. „Sie gehört dir nicht. Sie gehört mir. Meine Entscheidung. Verschwinde aus meinem Leben, Ram!“ Dann drängt er sich an den anderen vorbei und stürmt aus der Tür.

Scheiße. Acht Stunden unterwegs, und schon habe ich ein ziemlich großes Problem. Wird mich der Ärger die ganze Reise lang verfolgen?

Der Anführer der Motorradfahrer reibt sich das Kinn, schüttelt heftig den Kopf und streckt mir dann die Hand entgegen. „Tut mir leid. Das war nichts Persönliches.“ Mit der freien Hand reibt er sich das Kinn. „Ich bin Ramsey.“ Nickend bedeutet er mir, ihm die Hand zu geben, vermutlich um die Wogen zu glätten. Aber ich bin immer noch ziemlich sauer auf ihn und der plötzliche Wechsel seines Tons macht es nicht besser.

„Nun, Ramsey. Du bist ein Arschloch.“ Ich schnappe mir meine Tasche und den Motorradhelm vom Stuhl und werfe ihm einen so bösen Blick zu, wie ich nur kann. „Behalte dein Friedensangebot und steck es dir in den Arsch.“ Ich ramme ihm den Helm so hart in den Bauch, dass ihm die Luft wegbleibt. Er hustet und tritt zur Seite, damit ich vorbeigehen kann. Das sorgt für eine weitere Runde Gelächter bei den anderen Typen, und ich schnurre vor Zufriedenheit, doch meine Knie sind butterweich.

Ich drücke die Tür des Diners auf, trete hinaus und atme tief durch. Scheiße. Das war eine ziemlich heftige Situation. Wenn mich diese Gruppe knallharter Biker nicht so einschüchtern würde, würde ich glatt zurückgehen und darum bitten, den bestellten Kaffee mitnehmen zu können. Aber ich bin nicht nur erschüttert, ich bin auch sauer und habe immer noch kein Koffein im Körper. „Herrgott nochmal“, murmele ich leise und mache mich auf den Weg zurück zu Hank.

„Der wird dir auch nicht helfen“, informiert mich Ruck feierlich. Ich schaue in die Richtung, aus der seine Stimme kommt. Ein kleines Lächeln stiehlt sich auf mein Gesicht, und ich seufze auf, als ich ihn auf seinem Motorrad sitzen sehe. Es ist schön. Natürlich nicht so glänzend wie Hank, aber trotzdem ziemlich cool. „Ich entschuldige mich für meinen Arsch von Bruder“, sagt er, steigt von seiner Maschine und kommt auf mich zu.

Sein Bruder. Natürlich. „Keine große Sache. Ich habe schon viele Arschlöcher wie ihn getroffen.“

„Ach ja? Glaubst du deshalb, dass du alleine unterwegs sein kannst?“ Fragend zieht er die Augenbrauen hoch. Er mahlt mit dem Kiefer, wodurch sich alle Gesichtsmuskeln bewegen und seine fantastischen Wangenknochen noch stärker hervortreten. „Wo willst du überhaupt hin?“

Ich schaue ihn böse an. „Du bist gerade in die Arschloch-Schublade gefallen, genau wie dein Bruder.“ Ich atme scharf durch meine Zähne ein und versuche, den Drang zu unterdrücken, ihm mit dem Helm eins über den Kopf zu ziehen.

„Was?“, fragt er und sieht tatsächlich so aus, als hätte er keine Ahnung, was er gerade Falsches gesagt hat oder auf welche Weise er mich beleidigt hat.

„Ist das der Grund, warum ich glaube, alleine unterwegs sein zu können?“ Ich richte mich zu meiner vollen Größe auf, schiebe den Arm durchs Visier des Motorradhelms und stemme die Hände in die Hüften. „Ich weiß nicht, für wen ihr euch haltet oder warum ihr glaubt, mich herumkommandieren zu können. Nur weil ich zufällig durch eure Stadt fahre? Da irrt ihr euch gewaltig. Ich bin niemandem Rechenschaft schuldig. Ich kann hingehen, wohin ich will, in Begleitung oder allein, ganz wie ich es möchte. Und ich lasse mich nicht herabwürdigen, und weder du noch irgendjemand anderes in dieser Stadt schreibt mir vor, was ich zu tun und zu lassen habe. Also schlage ich vor, dass du von dem hohen Ross herunterkommst, auf dem ihr kleinen Reno-Jungs zu sitzen glaubt, und deine Augen für die reale Welt öffnest. Mannomann.“ Außer Atem nach meiner verbalen Tirade stampfe ich mit dem Fuß auf, drehe mich abrupt von ihm weg, sodass Staub aufwirbelt, und gehe in Richtung Hank. Als ich Ruck leise hinter mir lachen höre, werde ich langsamer.

„Willst du mich heiraten, verrückte Lady?“, ruft er.

„Leck mich, Biker-Boy“, gebe ich ihm über die Schulter zurück.

Kapitel 2

Es gibt nichts Besseres als ein paar arrogante Biker, um selbst die unbestimmtesten Pläne durcheinanderzubringen. Als ich losfuhr, hatte ich noch nicht festgelegt, wie lange ich in Reno oder überhaupt irgendwo bleiben würde. Ich habe eine Nacht im Voraus gebucht, und wenn es mir gefällt – so mein Plan – würde ich einfach länger bleiben. Wenn ich mich mit arroganten Bikern herumschlagen muss, die Reno offenbar für ihr Revier halten, dann werde ich hier lediglich eine Nacht verbringen und dann weiterziehen.

Auf Hank rolle ich vom Parkplatz und zurück auf die Straße. Es ist nur eine kurze Fahrt zum Hotel, ich parke und checke ein.

Niemals wäre mir in den Sinn gekommen, dass acht Stunden Motorradfahren meine Muskeln schmerzen lassen könnten, als wäre ich einen Marathon gelaufen. Nun, ich bin zwar noch keinen Marathon gelaufen, aber ich stelle mir vor, dass es sich so anfühlt. Ich sehne mich nach dem Koffein, das mir durch den Auftritt der Typen entgangen ist, und ich muss unbedingt etwas essen und trinken. Dann brauche ich Schlaf. Nachdem ich meine Muskeln fast eine Stunde in der Badewanne entspannt habe, ziehe ich Jeans und ein Tanktop an und flechte meine Haare zu einem Zopf, damit sie sich nicht verknoten. Dies ist der Fluch, den Locken mit sich bringen.

Schließlich trete ich aus der Tür … und hätte im Leben nicht damit gerechnet, fast über einen riesigen Blumenstrauß und eine Schachtel Pralinen zu stolpern. Ich schaue nach links und rechts in den Flur, doch derjenige, der sie dort abgelegt hat, scheint nicht mehr da zu sein.

Wie lange liegt das alles schon hier? Sind diese Dinge überhaupt für mich? Niemand außer meinen Brüdern weiß, dass ich hier bin, oder doch?

Auf der Pralinenschachtel liegt ein gefalteter Zettel, adressiert an Die verrückte Lady.

Verrückte Lady? Ruck hatte mich auf dem Parkplatz so genannt, könnte das von ihm sein?

„Scheiße“, fluche ich leise. Warum sollte er das tun? Vorsichtig bücke ich mich und hebe den Zettel auf, während ich den Flur im Auge behalte, für den Fall, dass jemand jeden Moment vor mir auftaucht.

Friedensangebot. Tut mir leid wegen vorhin und meinem Arschloch von Bruder.

Ich würde dich gerne zum Essen einladen.

Ich warte bis 21 Uhr in der Lobby, nehme es dir aber nicht übel, wenn du nicht kommst.

Fahr vorsichtig.

Ruck

Wow. Eine Entschuldigung hatte ich nun wirklich nicht erwartet.

Wie spät ist es jetzt? Der Blick auf die Uhr sagt mir, dass es erst acht ist. Das bedeutet, dass er gerade in der Lobby sitzt und noch eine Stunde dort bleiben wird. Es sei denn, er hat schon die Nase voll und ist in einer Staubwolke davongefahren.

Was soll ich tun? Ich meine, er ist ein Biker. Die machen doch nur Ärger, oder? Aber ich wollte ihn, bevor ich überhaupt wusste, dass er ein Biker ist. Wenn er mich gefragt hätte, bevor seine Kumpane aufgetaucht sind, wäre ich mit ihm gegangen, oder? Oder hätte sich der gesunde Menschenverstand durchgesetzt und ich hätte diese Schnapsidee nicht in die Tat umgesetzt? Manchmal verfluche ich meine Unfähigkeit, auf mich selbst aufzupassen. Meinen Mangel an Selbstschutz.

Doch warum sollte er sich die Mühe machen, Blumen und Pralinen zu besorgen, wenn er böse Absichten hätte? Sicherlich könnte er ohne allzu große Mühe eine Frau für die Nacht finden.

Der Engel auf meiner Schulter sagt mir, dass ich es besser wissen, mich umdrehen, etwas vom Zimmerservice bestellen und die Pralinen verschlingen sollte, die er mir hinterlassen hat.

Sei ein braves Mädchen.

Tu das Richtige.

Das Teufelchen auf der anderen Schulter drängt mich jedoch dazu, seine Einladung anzunehmen und herauszufinden, was mich zuvor so neugierig auf ihn gemacht hat.

Ich war noch nie ein braves Mädchen.

In einer spontanen Entscheidung drücke ich die Tür zu meinem Zimmer auf, stelle die Blumen in eine Vase und lege die Pralinen in den Schrank im Flur. Dann schnappe mir Helm und Motorradjacke.

Es ist nur ein Abendessen. Was kann in einem Restaurant schon Schlimmes passieren? Es ist ja nicht so, als würde ich mit ihm in ein Motelzimmer gehen.

Als ich aus dem Aufzug in die Lobby trete, bin ich bei weitem nicht mehr so mutig, wie gerade eben. In meinem Bauch flattern keine Schmetterlinge, sondern es ist eher eine Herde wilder Pferde, die darin hin und her galoppiert.

Er ist noch da, steht mit dem Rücken zu mir, die Hände in den Taschen, und starrt durch das Glas der Eingangstüren hinaus auf den Parkplatz. Er wartet, wie versprochen.

Langsam trete ich hinter ihn und betrachte das Logo auf dem Rücken seiner Lederjacke.

Steel Souls MC.

In der Absicht, ihm auf die Schulter zu tippen, hebe ich die Hand, senke sie aber wieder, als ich merke, dass er mich im Spiegelbild des Glases sehen kann. Wir sehen uns kurz an, dann dreht er sich langsam zu mir um und lächelt.

„Du bist gekommen“, stellt er fest und lässt den Blick über meinen Körper gleiten.

„Ja, bin ich.“

„Warum?“, fragt er neugierig und presst die Lippen aufeinander.

„Unser Gespräch wurde unterbrochen.“ Ich zucke mit den Schultern.

„Dann lass es uns über einem Abendessen beenden, okay?“, schlägt er vor und streckt mir den Arm entgegen.

„Oh nein. Du fährst voraus, ich folge auf Hank.“ Zwar verhalte ich mich häufig leichtsinnig und dumm, aber irgendwo in mir regt sich doch der Selbsterhaltungstrieb. Nicht, dass ich nicht mit ihm fahren, die Arme um seine Taille schlingen und den Wind an uns vorbeiziehen spüren möchte.

„Du vertraust mir nicht?“

„Ich vertraue niemandem.“ Ich straffe die Schultern und denke an die Pistole, die in der Innentasche meiner Jacke versteckt ist. Als Den darauf bestand, dass ich immer eine bei mir tragen sollte, besonders wenn ich alleine unterwegs bin, habe ich ihn für verrückt erklärt. Aber jetzt weiß ich, warum er so eindringlich war. Ich fühle mich tatsächlich sicherer, da ich weiß, dass ich etwas dabeihabe, das meinem Schutz dient. „Warum sollte das bei dir anders sein?“

Er runzelt die Stirn. In seinen Augen scheint ein innerer Kampf zu toben, und für einen Moment spüre ich eine rohe Verletzlichkeit in ihm. Aber er überspielt die Emotion schnell und ersetzt sie durch ein Grinsen.

„Was auch immer dich glücklich macht, verrückte Lady. Aber nur damit du es weißt: Du kannst mir vertrauen.“ Er nickt leicht, um seine Worte zu unterstreichen.

„Dann ist es ja gut“, zwitschere ich. „Ich bin am Verhungern, lass uns essen gehen.“

***

Etwa zehn Minuten lang folge ich Ruck und nutze die Gelegenheit, seinen in Jeans gehüllten Hintern zu bewundern. Dann halten wir hinter einem Restaurant namens The Big Squeeze. Ruck springt vom Motorrad und ist an meiner Seite, noch bevor ich die Chance habe, den Motor abzustellen. Er nimmt mir den Helm ab und legt ihn auf den Sitz. „Weißt du, was mir gerade aufgefallen ist?“, fragt er und sieht mir intensiv in die Augen. „Ich weiß noch nicht einmal deinen Namen.“ Ich öffne den Mund, um mich vorzustellen, aber er legt mir sanft einen Finger auf die Lippen und bringt mich so zum Schweigen. Seine Haut fühlt sich rau an, und ich kämpfe darum, den Seufzer zu unterdrücken, der mir entweichen will, weil diese kleine Berührung Hitze durch meinen Körper schickt. „Nein. Lass mich raten … Anna?“ Er neigt den Kopf zur Seite und studiert mein Gesicht. Da sein Finger noch immer auf meinem Mund liegt, schüttle ich sanft den Kopf. Er presst die Lippen zusammen, dann streicht er mir eine lose Haarsträhne hinters Ohr. Ich schlucke hörbar und bin froh darüber, ihm nicht antworten zu müssen, denn ich glaube, dass ich kein einziges Wort herausbringen könnte. Die Art, wie er mich ansieht, fühlt sich so intim an, so persönlich. „Janie?“ Ich schüttle erneut den Kopf. „Sharon? Lisa? Angel?“ Der letzte Name wird von einem leisen Lachen begleitet und seine Augen verdunkeln sich. „Nein, du bist kein Engel, oder?“

Heilige Scheiße.

Er lässt den Finger nach unten gleiten, zieht meine Unterlippe sanft nach unten und befeuchtet die Spitze. Dann senkt er den Kopf und beugt sich vor, sodass seine Lippen nur wenige Zentimeter von meinen entfernt sind, und bittet mich mit einem intensiven Blick stumm um Erlaubnis. Selbst wenn eine Herde Elefanten auf uns zurasen würde, könnte ich jetzt nicht nein sagen.

Verführerisch zieht er den Finger zurück und ersetzt ihn ganz sanft durch seine Lippen. Dann verstärkt er den Druck, schiebt die Zunge zwischen meine Lippen und ich öffne mich ihm. Sein Mund bewegt sich langsam und sanft, seine Lippen sind kraftvoll, doch gerade als ich mich ihm ergebe und den Kuss genießen will, zieht er sich viel zu schnell zurück, sodass ich aufstöhne.

Ich atme tief durch, ringe um Fassung und versuche ihm zu zeigen, dass er mich nicht mit einer einzigen Berührung seines Mundes kontrollieren kann.

„Tara“, sage ich atemlos und erwirke damit einen fragenden Blick von ihm. „Mein Name ist Tara.“

Er antwortet nicht, nickt nur kurz und nimmt meine Hand. Ich zögere einen Moment, da der praktische Teil meines Gehirns mich anschreit, diesem Fremden nicht zu vertrauen. Aber ich rede mir ein, dass, solange wir uns an einem öffentlichen Ort befinden, alles in Ordnung ist. Falls er mein Zögern spürt, beschließt er offenbar, es zu ignorieren, denn er zieht mich an seine Seite und marschiert direkt ins Innere des Restaurants, ohne darauf zu warten, einen Tisch zugewiesen zu bekommen.

Die Kellnerin sieht uns aufgrund seiner Leichtfertigkeit finster an, doch er scheint zu wissen, wohin er will, und führt mich zielstrebig zu einem Tisch in der Ecke.

„Ich nehme an, du bist nicht zum ersten Mal hier“, bemerke ich trocken. Er ignoriert die Bemerkung, rückt mir wie ein perfekter Gentleman den Stuhl zurecht und lässt sich dann auf der anderen Seite des Tisches nieder. Eigentlich bin ich dankbar für die Distanz zwischen uns. Ich weiß, dass es nur die Breite eines Tisches ist, die er zweifellos innerhalb von Sekunden überwinden könnte, aber es ist eine physische Distanz, die ich nach diesem Kuss auf dem Parkplatz definitiv brauche. Ruck ist intensiv, wirklich intensiv. Er strahlt Selbstvertrauen und Sicherheit aus. Und Schmerz …

Unter seiner rauen, harten Schale verbirgt sich definitiv eine Verletzlichkeit, die mich noch stärker zu ihm hinzieht. Ein unnahbarer, gebrochener Bad Boy. Nicht gerade die Art von Mensch, die ich auf meiner Reise treffen wollte, und schon gar keine Komplikation, die ich gebrauchen kann. Aber wer sagt, dass wir uns nach diesem Abendessen jemals wiedersehen?

Die Kellnerin, die Ruck beim Eintreten ignoriert hat, kommt zu unserem Tisch, legt die Handfläche flach auf den Tisch und hält ihm ihre falschen Brüste vors Gesicht. Ich presse die Lippen zusammen, um nicht in Gelächter auszubrechen. Wenn das die Art von Mädchen ist, die ihn antörnt, dann wünsche ich den beiden viel Glück.

„Hey, Süßer“, sagt sie gedehnt und schürzt ihre kirschroten Lippen, um eine Reaktion zu provozieren. „Ich habe dich schon ein paar Wochen lang nicht mehr gesehen. Du warst nicht im Club.“ Aus zusammengekniffenen Augen wirft sie mir einen giftigen Blick zu, als wäre ich der Grund, warum sie ihn eine Weile nicht gesehen hat. Aber dann richtet sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf Ruck, neigt den Kopf und setzt ein falsches Lächeln auf. Wohl um niedlich zu wirken, denke ich.

„Ich hatte zu tun.“ Er zuckt mit den Schultern und zeigt kein besonderes Interesse an ihr, was es mir noch schwerer macht, nicht zu lachen. „Bring uns zwei Bier und wir nehmen beide das Haussteak, du weißt ja, wie ich es mag“, fährt er fort, dreht sich von ihr weg und weist sie damit ziemlich burschikos zurück.

„Ja, ich weiß genau, wie du es magst, Süßer“, antwortet sie mit einem selbstgefälligen Grinsen und sieht mich mit verschmitzt blitzenden Augen an. Es ist der einzige Moment während ihres Gesprächs, in dem ich ein wenig Galle in mir aufsteigen spüre. Weiß sie wirklich genau, wie er es mag? Hat er diese Tussi wirklich gevögelt? Ich bin doch nicht eifersüchtig, oder?

Ruck seufzt und rollt mit den Augen, um ihr zu zeigen, dass er von ihrer Andeutung nichts hält und nur genervt ist, und sie macht sich in Richtung Küche davon. Scheinbar glaubt sie, ihm und mir mit ihrer kleinen Bemerkung eins ausgewischt zu haben, aber eigentlich hat sie sich nur wie eine billige Schlampe verhalten.

„Ich hätte auch selbst bestellen können, weißt du?“, rüge ich ihn.

„Ich, äh …“ Ein Hauch von Schuldgefühlen scheint über seine Züge zu streichen, aber im nächsten Moment ist seine harte Miene wieder zurück. „Hier gibt es das beste Steak, das solltest du dir nicht entgehen lassen. Außerdem habe ich keine Lust, den ganzen Abend hier zu sitzen, während du dich nicht entscheiden kannst, was du auf der Speisekarte bestellen willst. Ich weiß ja, wie ihr Hühner mit dem verdammten Kalorienzählen seid.“ Er murrt leise vor sich hin und winkt ab.

„Vergleich mich verdammt noch mal nicht mit den Nutten, mit denen du abhängst“, fahre ich ihn an, woraufhin Ruck erstickt lacht. „Außerdem bin ich Vegetarierin“, verkünde ich und recke das Kinn. Eigentlich stimmt das nicht – ich hasse fast alle Gemüsesorten und bin glücklich mit einem Steak. Ich will ihm nur klar machen, dass ich mich nicht herumkommandieren lasse.

„Oh Scheiße, du bist eine verdammte Salat-Kriegerin?“, fragt er entsetzt und reibt sich die Stirn mit Daumen und Zeigefinger. „Wirklich? Ich verstehe euch einfach nicht. Das ist reine Verschwendung von gutem Rindfleisch, würde ich sagen.“

„Ruck“, seufze ich. „Warum hast du mich hierher gebracht?“

Er schaut auf und sieht mich mit traurigen Augen an. „Es tut mir leid, Tara. Das läuft nicht ganz so, wie ich es geplant hatte. Ich mache so etwas eigentlich nie.“ Entschuldigend lächelt er mich an.

„Machst was nie?“, frage ich. Er meint doch sicher nicht das Abendessen? Hat er sich in letzter Zeit mal im Spiegel angesehen? Er hat doch sicher keinen Mangel an Dates.

„Das hier …“, er wedelt mit der Hand zwischen uns hin und her. „Abendessen. Dates. Hübsche Mädchen.“

„Ja, klar. Deine Freundin da drüben scheint das anders zu sehen.“ Ich verdrehe die Augen und schaue in ihre Richtung. Sie winkt Ruck zu und zwinkert ihm noch dazu zu. Igitt! Was für eine billige Schlampe.

„Warum hast du zugestimmt, mit mir zu Abend zu essen, Tara?“, fragt er, neigt den Kopf und lächelt mich an.

„Oh nein, das tust du nicht, Mister. Du hast meine Frage noch nicht beantwortet.“ Ich zeige mit dem Zeigefinger auf ihn und verenge die Augen.

„Du scheinst anders zu sein als alle Mädchen hier aus der Gegend. Okay? Und ich wollte mich für das entschuldigen, was im Diner passiert ist. Mein Bruder ist ein Arsch.“

Ich nicke zustimmend. „Gut. Endlich bist du ehrlich und lässt die harte Maske fallen, die ich dir übrigens keine Sekunde lang abkaufe. Und ich bin keine Vegetarierin.“ Ich presse die Lippen zusammen, um nicht zu lachen, und er schüttelt schmunzelnd den Kopf. „Wahrscheinlich mag ich Steak sogar mehr als du, und Rippchen und eigentlich alles, was von einem Tier stammt.“

„Du bist einzigartig, weißt du das?“

Ich zucke mit den Schultern. „Ja.“

„Sollen wir noch einmal von vorne anfangen?“, fragt er hoffnungsvoll.

„Willst du wieder nach draußen gehen und richtig von vorne anfangen?“, antworte ich, ohne darüber nachzudenken, was aus meinem Mund kommt.

„Wenn du willst, dass ich dich küsse, dann musst du nur nett fragen, weißt du.“ Er zieht die Augenbrauen hoch, beugt sich vor und grinst. Natürlich schießt mir die Hitze ins Gesicht und ich schäme mich für meine Dreistigkeit. Normalerweise brauche ich erst eine Menge Alkohol, bevor ich so anzüglich werde. Aber die Funken, die zwischen uns hin und her springen, bringen meine Gelassenheit durcheinander.

Zum Glück verschafft mir die zickige Kellnerin eine Atempause, indem sie unsere Getränke wortlos auf den Tisch knallt, sich auf dem Absatz umdreht und davonstampft und ihr zum Pferdeschwanz gebundenes Haar über die Schulter schnickt. Rucks Lippen verziehen sich zu einem schiefen Grinsen, und wir lachen beide über ihren Wutanfall. Ich hoffe nur, dass sie nicht in unser Essen spuckt.

Die Steaks werden schließlich von einer anderen Kellnerin serviert, und zu meiner Freude (und ich glaube auch zu Rucks) sehen wir die zickige Tussi nicht wieder. Es ist nicht so, dass ich mich von ihr bedroht gefühlt hätte oder dass ich eifersüchtig auf sie und Ruck gewesen wäre. Nein, mir missfiel einfach ihre Einstellung.

„Verdammt, Mädchen, ich habe noch keine Frau gesehen, die ein Steak so verschlungen hat wie du gerade.“ Ruck lacht, während ich den letzten Bissen genieße.

„Das war eines der besten Steaks, die ich je gegessen habe. Genauso, wie ich es mag, zart, schmelzend und noch fast am muhen“, kommentiere ich und bemerke das Funkeln in seinen Augen.

„Ich hab’s dir doch gesagt. Die besten Steaks in den ganzen Staaten, finde ich. Ich habe noch nie ein Mädchen getroffen, das ihr Steak fast so rot wie ihren Lippenstift mag.“

„Ha. Nun, ich werde es dich wissen lassen, wenn ich auf meinen Reisen etwas Besseres finde“, erwidere ich und trinke den letzten Schluck meines Bieres. Unsere Unterhaltung ist locker, und sogar die Schweigepausen sind angenehm. Für zwei Menschen, die sich gerade erst kennengelernt haben, haben wir bereits eine eigenartige Balance gefunden. Aber wie mein Bruder sagen würde: „Es ist, wie es ist.“

„Wohin geht es als Nächstes?“, fragt er beiläufig. „Bleibst du eine Weile in Reno?“

„Nur heute Nacht. Morgen fahre ich weiter, vielleicht nach Klamath Falls. Ich bin mir noch nicht sicher.“

„Hast du keine Angst, alleine zu reisen?“, fragt er mich besorgt.

Ich zucke mit den Schultern. „Ein bisschen. Aber ich kenne zu viele Menschen, die es bereuen, ihre Träume nicht verfolgt zu haben. Das ist mein Traum. Ich habe Hank und ich habe genug Kontakte, bei denen ich unterwegs unterkommen kann. Wenn ich in Schwierigkeiten geraten sollte, wären meine Brüder sofort zur Stelle.“

„Du hast sie schon ein paar Mal erwähnt. Stehst du deiner Familie nahe?“

„Sehr. Als mein Vater starb, haben sich meine Brüder um meine Mutter und mich gekümmert. Mein älterer Bruder Denham leitet einen Hotelkomplex in Las Vegas. Es hat ihn beinahe umgehauen, als ich ihm erzählte, dass ich diese Reise machen würde, aber er hat verstanden, warum ich das tun muss.“

Er runzelt die Stirn. „Du hast einen Bruder namens Denham?“

„Ja, warum?“ Ich runzele ebenfalls die Stirn.

Er holt Luft und mustert mich nachdenklich. „Wie lautet dein Nachname, Tara?“

„Warum?“ Ich lache nervös. „Warum siehst du mich so an?“

„Sag es mir einfach.“

„Mein Nachname ist King“, sage ich leise, während meine Nerven zu kribbeln anfangen.

„Verdammt noch mal.“ Er grinst und ich atme hörbar aus. „Dein Vater war Carter King?“

„Ja.“ Ich runzele die Stirn. Wie kann es sein, dass ich so weit von zu Hause entfernt bin und trotzdem jemand meinen Familiennamen kennt? „Woher kennst du meinen Vater?“

„Schätzchen, jeder kennt deinen Vater. Verdammt, wenn du öffentlich bekannt gegeben hättest, dass Carter dein Vater und Denham dein Bruder ist, hättest du unbesorgt fahren können.“

„Warum? Ich verstehe das nicht.“ Ich bin immer noch verwirrt darüber, wie ich acht Stunden von zu Hause entfernt sein kann und man mich scheinbar trotzdem kennt.

„Die Casinos und Spielhöllen in Reno stehen in Kontakt mit den Leuten in Vegas. Dein Vater war einer der Großen im Geschäft, Schatz. Er war bekannt und wurde sehr respektiert.“

Ich spüre, wie mir die Tränen in die Augen steigen. Es ist schon eine Weile her, dass jemand meinen Vater erwähnt hat. Den und Spike haben nie wirklich über ihn gesprochen, es sei denn, ich habe sie gefragt. Meine Mutter hat versucht, mir Geschichten über ihn zu erzählen, aber am Ende ist sie vor Kummer immer in Tränen ausgebrochen.

„Hey, ich wollte dich nicht traurig machen“, sagt Ruck leise. Er lehnt sich in seinem Stuhl zurück und fühlt sich sichtlich unbehaglich angesichts einer weinenden Frau.

„Das hast du nicht. Ich meine, natürlich bin ich traurig, dass er nicht mehr da ist, aber das ist schon lange her. Mir geht es gut.“ Ich wische mir eine Träne von der Wange und fahre mit dem Zeigefinger unter den Augen entlang, um verschmiertes Mascara zu entfernen. „Ich wusste nur nicht, dass er so bekannt war.“

Er nickt, sagt aber nichts weiter, wofür ich dankbar bin. Das gibt mir die Gelegenheit, tief durchzuatmen und mich zu sammeln.

„Also“, sagt Ruck und knallt seine Bierflasche auf den Tisch. „Ich weiß, wir hatten keinen guten Start, aber wie wäre es, wenn du heute Abend mit in den Club kommst? Eine Band spielt und eine Menge cooler Leute werden da sein …“

„Ich weiß nicht, ich …“

„Du kannst mit Hank fahren und jederzeit gehen. Wann immer du willst, bringe dich zurück zu deinem Hotel. Was sagst du?“

„Wird dein Bruder nichts dagegen haben?“, frage ich und ziehe eine Augenbraue hoch.

„Nein. Wenn doch, kann er sich zum Teufel scheren.“ Ruck beugt sich vor und legt die Hand mit der Handfläche nach oben auf den Tisch. „Ich weiß, dass du keinen Grund hast, mir zu vertrauen, aber hast du auch einen, es nicht zu tun?“