Prolog
Lottie
Seine Augen flackern, huschen unter den Lidern hin und her, und der Arm zuckt sporadisch, was auf einen alles andere als ruhigen Schlaf hindeutet. Er murmelt, flüstert und stößt gelegentlich ein Wimmern oder Stöhnen aus. Es ist herzzerreißend, zu sehen, wie er den Unfall im Schlaf noch einmal durchlebt. Die Verwüstung und die grausame Realität treffen ihn mit voller Wucht, gerade jetzt, da er sich ausruhen und seinem Körper Zeit zum Heilen geben sollte. Er steckt in einer tiefen seelischen Krise, leidet emotional und körperlich, doch ich kann nichts anderes tun, als ihm die Hand zu halten und an seiner Seite zu bleiben, bis wir es aus diesem schwarzen Loch herausgeschafft haben, in das wir geschleudert wurden.
„Bist du noch da?“, murmelt Spike vom Krankenhausbett aus und öffnet die Augen. Sie sind mattgrau, doch der blaue Schimmer, den ich, wie mir jetzt erst bewusst wird, in den letzten Jahren für selbstverständlich gehalten habe, fehlt. Die Monotonie in seiner Stimme verursacht mir ein flaues Gefühl im Magen, und ich weiß nicht, was ich sagen soll oder ob ich überhaupt etwas sagen soll. Natürlich bin ich noch da. Ich liebe ihn. Das ist doch ganz einfach, oder?
Ich schließe die Augen und atme tief durch. „Du bist wach“, sage ich leise, lächle ihn an und weiche seiner Frage aus.
„Ja, klar. Es sei denn, ich rede im Schlaf.“ Die Erwiderung kommt mit unnötiger Schärfe.
Seine Antwort trifft mich. Sie tut weh, so wie die meisten seiner Worte seit dem Unfall. Dieser eine Augenblick, der unser Leben verändert hat. Ich erinnere mich an alles. In meinem Kopf läuft es andauernd in Zeitlupe ab. Ich erinnere mich an das Geräusch, als das Auto auf seinen Körper traf und ihn vom Bürgersteig riss. Das Auto, das aus dem Nichts kam und genauso schnell wieder verschwand, mit Spikes Körperabdruck auf der Motorhaube. Mit diesem Unfall trafen uns Rache und Bösartigkeit mitten ins Herz. Noch immer spüre ich, wie nah er mir einen Moment zuvor noch war, als ihn der Aufprall in die Luft schleuderte, und ich werde nie vergessen, wie ich mich fühlte, als ich dachte, er sei tot. Tatsächlich hätte ich genauso gut sterben können, denn als ihn das Auto in dieser Nacht überfuhr, nahm es mir den Spike, den ich kannte und liebte. Es nahm jedes Stück von der Person, mit der ich vertrauter war als mit meiner Westentasche. Der Mann, der mein Beschützer und bester Freund war, mein Ein und Alles, ist weg, und ich weiß nicht, wie ich ihn zurückbekommen kann. Mit all der Kraft und Entschlossenheit, die mir noch bleibt, versuche ich stark für ihn zu sein. Das tue ich wirklich. Aber seine momentane Einstellung zum Leben und die ständige Ablehnung treffen mich härter, als ich mir jemals hätte vorstellen können.
„Du musst nicht so giftig sein, Spike.“ Die Worte bleiben mir fast im Hals stecken, aber in einem härteren Ton als beabsichtigt zwinge ich sie heraus.
Er seufzt schwer, wendet den Kopf von mir ab und starrt ausdruckslos aus dem Fenster. „Geh nach Hause, Lottie.“
Abrupt erhebe ich mich von meinem Stuhl. Ich bin wütend. Auf die Welt. Auf ihn. Auf mich selbst, weil ich beginne, die Kraft und den Glauben an seine Genesung zu verlieren. Vor sechs Wochen, als das alles passierte, hatte ich noch beides. „Du gibst auf“, sage ich vorwurfsvoll und stoße ihm mit dem Finger in die Brust.
Er dreht den Kopf ruckartig zu mir und fixiert mich mit einem durchdringenden Blick, der mich zusammenzucken lässt. Seine Nasenflügel flattern leicht, er öffnet und schließt die Fäuste und atmet tief ein und aus, um die Wut zu bekämpfen, die ihn neuerdings durchdringt. Ich merke, wie sehr sich Spike bemüht, sein Temperament zu zügeln. Damit hatte er bislang nie Probleme. „Was willst du von mir, Lottie?“ Zwischen zusammengebissenen Zähnen presst er die Worte hervor und fährt sich mit der Hand durch das dunkle, länger gewordene Haar.
„Ich will, dass du kämpfst, Spike. Kämpfe gegen dieses verdammte Chaos. Kämpfe für uns.“ Meine Stimme ist laut, aber sie wird leiser, als mir die Bedeutung meiner Worte bewusst wird. Die Last erdrückt mich. So sehr ich versuche, uns zusammenzuhalten, spüre ich, wie er mir entgleitet, und ich habe keine Ahnung, wie ich ihn zurückholen kann. Alles, was ich weiß, ist, dass ich es versuchen muss.
„Wie, Lottie?“ Er wirft die Arme in die Luft und deutet dann auf seine gelähmten Beine und schreit: „Sag mir, wie ich kämpfen soll, wenn ich nicht einmal aufrecht stehen kann. Wie soll ich vor einem Streit weglaufen, wenn ich nicht einmal meine verfluchten Beine benutzen kann?“ Die Frustration in seiner Stimme ist offensichtlich. „Ich habe in diesem scheiß Krankenhaus um mein Leben gekämpft, Lottie. Und weißt du, was das Schlimmste ist? Ich will nicht mehr leben. Ich bin fertig. Ich habe keine Kraft mehr zu kämpfen.“
Seine Stimme bricht und sein Blick ist der eines besiegten Mannes. Mein Herz zersplittert in winzige Stücke. „Spike“, flehe ich mit einem Seufzer und klammere mich an die letzte Hoffnung.
Ich werde für ihn leben. Ich werde für uns beide leben.
„Ich kann das nicht.“ Er schüttelt den Kopf, weigert sich, mir in die Augen zu sehen, und senkt das Kinn auf die Brust.
„Was kannst du nicht?“ Meine Stimme beginnt zu zittern, als mich die Erkenntnis wie eine Welle überrollt. Ich will es nicht hören. Das kann nicht sein. Ich möchte die Zeit zurückdrehen.
Er seufzt und als er mich ansieht, wird sein Blick weicher. Aber seine Stimme bleibt hart und entschlossen. „Muss ich es dir klar und deutlich sagen? Willst du es mir noch schwerer machen, Lottie?“
„Ich dachte, unsere Liebe wäre stark“, flüstere ich und spüre, wie die Verzweiflung mir die Kehle zuschnürt und mich zu ersticken droht.
Abrupt wendet er den Blick ab und schluckt schwer. „Nun, da hast du dich getäuscht.“
„Spike“, schluchze ich, und mir ist, als würde mir das Herz aus der Brust gerissen.
„Geh einfach“, befiehlt er mit tonloser Stimme.
„Aber –“
„Geh! Geh einfach, okay?“, schreit er und wischt über den Nachttisch neben sich, sodass alles zu Boden fliegt, einschließlich des Wasserkrugs, der mit lautem Krachen zerspringt. Das Wasser ergießt sich über den Boden und ich ziehe angesichts seines Wutausbruchs den Kopf ein. Dann überwältigen mich die Emotionen und Tränen strömen mir aus den Augen. Ich drehe mich auf dem Absatz um und renne so schnell mich meine zitternden Beine tragen aus dem Zimmer. In diesem Moment bekomme ich eine Ahnung von der abgrundtiefen Verzweiflung, die er empfindet. Ich kann das nicht. Ich kann nicht Tag für Tag mit dieser quälenden Unruhe leben. Für ihn wollte ich stark sein, ihm einen Grund zum Leben geben. Ich hätte ihn niemals verlassen, hätte ihn jeden Tag bei allem, was er tut, unterstützt, auf jede erdenkliche Weise.
Aber er will mich nicht.
Er. Will. Mich. Nicht.
Während ich den Flur entlanglaufe, verschwimmt die Umgebung um mich herum und die Geräusche des Krankenhauses hallen in meinem Kopf wider. Schließlich trete ich durch die Doppeltüren auf den Parkplatz. Die helle Sonne über Las Vegas bildet einen krassen Kontrast zu der tiefen Trauer, die mich zu verschlingen droht.
Spike
Scheiße! Scheiß auf alles!
Ich bin fertig. Ich kann so nicht leben. Und mit mir selbst halte ich es schon gar nicht aus, weil ich derjenige bin, der ihr das Herz gebrochen hat.
Aber habe ich denn eine Wahl? Sie ist mein Ein und Alles. War mein Ein und Alles. Ich werde sie nicht bis zum Ende ihrer Tage in meinem Halb-Leben gefangen halten. Sie ist so lebendig, steckt voller Energie und Liebe. Sie verdient es, dass man ihr die Welt zu Füßen legt, und noch viel mehr, aber genau das kann ich ihr nicht mehr geben. Und ganz bestimmt werde ich sie nicht bitten, ihre Zukunft zu opfern und mit einem Krüppel wie mir zusammenzubleiben. Ich habe ihr so viele Chancen auf einen Ausweg gegeben, aber sie ist nicht aus freien Stücken gegangen. Die einzige Möglichkeit, sie zum Gehen zu bewegen, war, sie wegzustoßen. Meine Liebe zu ihr hat mir selbst das Herz gebrochen und ihres wahrscheinlich auch. Doch ich bin mir sicher, dass Lotties mit der Zeit heilen wird. Sie wird weitermachen, unbeeinträchtigt von der Last meiner Behinderung. Sie wird jemanden finden, der ihr all das geben kann, wozu ich nicht mehr in der Lage bin. Dieser Gedanke ist wie ein Messer in der Brust, und ich spüre, wie ein alles verzehrender Schmerz mein Herz umklammert. Er ist qualvoller als der Schmerz, den ich in jener Nacht verspürte, als mich das Auto anfuhr. Niemals werde ich den Ausdruck in ihren Augen vergessen, als ich sie fortschickte. Glaubt sie wirklich, dass ich sie nicht liebe? Ich kämpfe gegen die Tränen an, die mir in die Augen steigen. Es ist schon schlimm genug, dass ich meinem Mädchen kein Mann sein kann, jetzt muss ich nicht auch noch heulen wie ein Weichei.
„Ist alles in Ordnung, Mr King?“, fragt die Krankenschwester, als sie eintritt und sich im Zimmer umsieht. Ich ignoriere sie, da ich weiß, dass ich im Moment keinerlei freundliche Worte von mir geben kann. Mir ist mehr danach, sie anzuschreien, ihr klarzumachen, dass ich verdammt noch mal gelähmt bin und natürlich nichts in Ordnung ist. Nichts ist eitel Sonnenschein. Kein Lächeln und keinerlei nette Worte werden diese Situation verbessern, nichts wird je wieder in Ordnung sein. „Ich rufe den Reinigungsdienst, damit er das Wasser aufwischt, und hole Ihnen einen neuen Krug Wasser.“ Sie spricht leise und bedrängt mich nicht weiter, räumt um mich herum auf, überprüft dann meine Werte und notiert sie auf dem kleinen Klemmbrett am Fußende des Bettes.
Die Frau vom Reinigungsdienst kommt herein und geht leise ihrer Arbeit nach, während ich nur ausdruckslos aus dem Fenster starre und sie und alles andere ignoriere, außer den Vögeln, die draußen sorglos herumfliegen.
„Was ist denn hier los?“ Mein Bruder tritt ein.
„Was willst du?“, frage ich bitter. Er antwortet nicht sofort, sondern kommt herüber und lässt sich auf dem Stuhl neben dem Bett nieder, stützt die Ellbogen auf die Knie und faltet die Hände. Er sitzt direkt in meinem Blickfeld, also wende ich mich ab. Ich weiß genau, was er sagen wird, und ich will es nicht hören.
„Spike“, sagt er leise. Ich konzentriere mich auf einen schwarzen Fleck an der Wand direkt unterm Fenster. „Spike“, sagt er erneut, diesmal lauter und bestimmter. Es ist der Tonfall des großen Bruders, den er nur verwendet, wenn es absolut notwendig ist. „Okay“, seufzt er voller Verzweiflung. „Offensichtlich willst du mir nicht in die Augen sehen oder mir zuhören, aber verdammt, ich werde es trotzdem sagen. Du bist nicht tot, Spike. Ganz im Gegenteil. Wenn du deine Augen und deinen Geist nur für eine Sekunde öffnen würdest, könntest du sehen, dass du –“
„Meine Augen öffnen?“ Ruckartig drehe ich den Kopf zu ihm und starre ihn an. Wenn er will, dass ich ihm in die Augen sehe, dann werde ich das tun. „Oh, meine Augen sind verdammt weit offen, Denham. Weißt du, was ich sehe?“
„Hör mal, Bruder. Ich kann nur –“ Er beginnt mich mitleidig anzusehen, also schneide ich ihm das Wort ab.
„Nein, du kannst es dir nicht vorstellen. Was auch immer du denkst, was ich fühle, du liegst falsch. Die Hilflosigkeit, der Verlust, das Gefühl, dass mein Leben vorbei ist und ich irgendwie dennoch atme, weil jemand da oben es lustig findet, mir dabei zuzusehen, wie ich diese Scheiße durchmache.“ Meine Brust hebt und senkt sich heftig, während ich ihm die Worte entgegenschleudere. Ich weiß, dass es unfair ist. Ich weiß, dass er es nicht verdient, meine Wut abzubekommen. Aber ich verdiene es noch viel weniger und bin völlig verbittert. „Das hast du nicht erwartet, oder?“ Ich versuche, die Schulter nach vorne zu ziehen, um den Oberkörper von ihm wegzudrehen, aber der Rückenprotektor schränkt meine Bewegungen ein. Mit jeder unbeholfenen Bewegung, die ich mache, dringen Bitterkeit und Niedergeschlagenheit tiefer in meine Psyche.
„Es tut mir leid, Spike“, murmelt Denham leise. „Ich kann die Zeit nicht zurückdrehen, aber ich bin für dich da. Sag mir, was ich für dich tun soll und wann ich es tun soll, und ich bin da, okay? Du brauchst eine zweite Meinung? Wir holen sie ein. Du brauchst intensive Therapie? Ich bezahle sie. Was auch immer nötig ist, damit du wieder auf die Beine kommst. Verdammt, ich bin bereit, dir alles zu geben, was ich habe, und dir ein Paar bionische Beine zu besorgen, wenn es das ist, was es braucht, um meinen Bruder ins Leben zurückzubringen.“
Ich lache bitter. „Was ich will, kann ich nicht bekommen. Ich möchte mein Leben zurück, so wie es war, und das wird niemals passieren. Also tu mir den Gefallen und hör auf, alles reparieren zu wollen. Geld ist diesmal nicht die Lösung für das Problem. Weder kannst du mir Gesundheit kaufen, noch kannst du die Zeit zurückdrehen, und nichts, was du tust, wird mich je wieder laufen lassen.“
Kapitel 1
Spike
Nach acht Wochen im Krankenhausbett und gefühlten zehn Millionen Tests ist man zu dem Schluss gekommen, dass ich nie wieder ohne Hilfe laufen werde. Es sei denn, ich trotze der gesamten Wissenschaft und beweise, dass ich ein medizinisches Wunder bin. Seien wir ehrlich: Egal, wie sehr ich es mir wünsche oder wie viel Geld man mir gibt, manche Dinge lassen sich einfach nicht ändern. Ich habe mich durch schwere depressive Phasen gekämpft und manchmal wünsche ich mir immer noch, einfach tot zu sein. Es fällt mir schwer, einen Grund zu finden, für den ich leben soll. Noch immer ist mir nicht klar, was mich jeden Tag antreibt, tatsächlich weiß ich nicht einmal, ob ich kämpfe oder einfach nur deshalb existiere, weil es für meine Mitmenschen schmerzhafter wäre, wenn ich gar nicht mehr da wäre.
Dank der Unterstützung meiner Familie kann ich endlich das Krankenhaus verlassen, um zu versuchen, etwas Unabhängigkeit zu erlangen und wieder eine Art Alltag zu haben. Meine Mutter wollte unbedingt, dass ich bei ihr einziehe, damit sie sich um mich kümmern kann, aber ich habe seit meinem zwanzigsten Lebensjahr nicht mehr zu Hause gewohnt. So cool meine Mom auch ist, ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass sie mich umsorgt und um mich herumschwirrt. Das hätte mir das Gefühl gegeben, noch nutzloser zu sein, als ich es ohnehin schon bin. Also schlug mein Bruder Denham vor, dass wir das Penthouse gegenüber von seinem für mich umbauen lassen. Wenn es nach mir ginge, würde ich keinem von ihnen zur Last fallen wollen. Aber ich habe keine große Wahl und es schien mir die weniger erdrückende Option zu sein. Also wurden alle Oberflächen in der Wohnung abgesenkt, das Badezimmer so umgebaut, dass ich es selbstständig benutzen kann, und ich habe einen elektrischen Rollstuhl, der nach meinen Vorgaben entworfen wurde. Denham ist weit genug entfernt, damit ich unabhängig agieren kann, aber nah genug, dass ich ihn rufen kann, wenn ich irgendetwas brauche. Es ist nicht perfekt. Nichts an dieser Situation ist perfekt. Aber welche Wahl habe ich schon?
Was mein Herz am schwersten belastet, ist, dass ich Lottie nicht mehr an meiner Seite habe. Ich weiß, dass es meine eigene Schuld ist, doch ich habe sie nicht aus Selbstsucht oder Boshaftigkeit fortgeschickt. Wenn ich egoistisch gewesen wäre, hätte ich sie bei mir behalten, an meiner Seite, in meinen Armen. Doch das hätte auch ihr Leben ruiniert. Nein, ich habe es für sie getan. Auch wenn sie das jetzt noch nicht begreift, wird sie mir eines Tages dafür dankbar sein. Sie ist ein solch freier Geist. Niemals würde ich der Grund dafür sein wollen, dass sie sich fühlt, als wären ihr die Flügel gestutzt worden. Ich wäre nichts als ein Hindernis für sie. Meine Situation würde sie von allem abhalten, was sie einmal werden wird und was sie meiner Meinung nach werden kann.
Ich aktiviere den Rollstuhl und fahre zum Fenster hinüber. Das ist es, woraus mein Tag jetzt hauptsächlich besteht. Zuzusehen, wie alle anderen ihr Leben leben. Zu beobachten, wie sich die Welt weiterdreht, so als hätte es jene Nacht nie gegeben. Zu wünschen, ich könnte die Zeit zurückdrehen. In dem Bewusstsein zu leben, dass die Situation ist, wie sie ist.
„Hey“, ruft Denham, als er die Tür öffnet.
„Hey.“ Ich beobachte, wie er durch den Raum kommt.
„Kommst du zum Abendessen? Ari hat genug Essen für eine ganze Armee gekocht.“
„Ah, ich glaube, ich verzichte. Trotzdem danke.“ Ich lächle leicht und wende meine Aufmerksamkeit wieder dem Fenster zu.
„Bist du okay?“, fragt er mit gerunzelter Stirn.
Ich zucke mit den Schultern. „Ja, ich habe nur keine Lust auf Gesellschaft, das ist alles.“
„Spike, du bist seit über drei Wochen zu Hause und hast die Wohnung nur verlassen, um zur Physiotherapie zu gehen.“
Ich atme tief aus und hebe die Hand, um ihn zu stoppen. „Den, ich werde dich genau hier unterbrechen.“
„Ach ja?“, fordert er mich heraus. „Und was, wenn ich weiterrede, hm?“ Ich werfe ihm einen warnenden Blick zu, um ihn zum Schweigen zu bringen, aber er starrt unerbittlich zurück und fährt in diesem beschissenen autoritären Ton fort, den ich langsam zu hassen beginne. „Wir laufen alle wie auf Eiern, um dich nicht zu verärgern. Arianna hat jeden Tag Tränen in den Augen, weil du keine Fortschritte machst. Sie fühlt sich verantwortlich, und du weißt, wie sehr ich es hasse, sie weinen zu sehen. Du bist nicht der Einzige, der von all dem betroffen ist, Spike. Es wird Zeit, dass du deine Augen öffnest.“
„Den …“, warne ich ihn.
„Nein“, schnappt er. „Jetzt hörst du mir zu. Der Unfall ist jetzt mehrere Monate her, und du bist seit fast zwei Monaten zu Hause. Ich weiß, dass du einen verdammt großen Verlust erlitten hast, aber du bist nicht der Einzige. Ist dir jemals in den Sinn gekommen, dass wir nicht nur Jack verloren haben, sondern auch dich? Mit dem Unterschied, dass du noch lebst. Du könntest also wenigstens versuchen, das Beste aus einer miesen Situation zu machen.“
„Ich kann das nicht einfach so vergessen, Den“, knurre ich frustriert und schlage mit der Faust auf die Armlehne des Rollstuhls. „Für dich ist es leicht, dazustehen und das zu fordern, weil du deine verdammten Beine benutzen kannst. Weißt du, was ich dafür geben würde, so dastehen zu können, die Daumen in die Gürtelschlaufen meiner Jeans gehakt, so wie du jetzt?“ Meine Frage ist rhetorisch, aber ich sehe, dass seine Augen zu glänzen beginnen, weil er weiß, dass er niemals wissen wird, wie ich mich fühle. Er kann es nur erahnen. Ich möchte nicht, dass er diese Verzweiflung erlebt. Ich weiß, dass er sie mir nehmen würde, wenn er könnte. Aber er kann es nicht. Niemand kann das. „Hör zu“, sage ich und hole tief Luft. „Ich versuche, jeden Tag so gut wie möglich zu überstehen. Ich weiß, es sieht nicht so aus, als würde ich mich besonders anstrengen, Mann, aber ich gebe alles, was ich habe.“
„Ich weiß. Tut mir leid, Bruder“, sagt er und legt mir fest die Hand auf die Schulter. „Nun, das Angebot zum Abendessen steht noch, wenn du willst.“
„Danke“, murmele ich und fühle mich wie ein totaler Arsch. Leise geht er davon, ohne mich weiter zu drängen, und lässt mich mit nichts als Stille im Raum zurück, die die tobenden Gedanken in meinem Kopf noch lauter wirken lässt.
***
Eineinhalb Stunden später sitze ich immer noch am selben Ort, starre aus demselben Fenster, habe dieselben quälenden Gedanken, die jeden meiner Atemzüge zu verschlingen scheinen. Ich suhle mich im Selbstmitleid.
Ich weiß, wie frustriert Denham mit mir sein muss, denn langsam gehe ich mir selbst auf die Nerven. Ich drücke auf den Knopf am Rollstuhl, um das verdammte Ding anzuschalten und mich vom Fenster wegzubewegen. Es reagiert nicht sofort, und so drücke ich mehrere Knöpfe und schlage aus purer Frustration mit der Handfläche auf den Griff. Selbst modernste Rollstühle sind kein Ersatz für echte Beine. Meine Beine hätten sich automatisch bewegt, bevor ich mich überhaupt entschieden hätte, wohin ich gehen wollte.
„Verdammtes Ding“, fluche ich leise, als es an die Tür klopft. „Den, ich habe dir gesagt, du kannst einfach reinkommen, Mann“, rufe ich und versuche, den Wutanfall unter Kontrolle zu bekommen. „Es ist ja nicht so, als würdest du mich beim Vögeln erwischen, oder?“, murmele ich bitter durch zusammengebissene Zähne, als sich die Tür öffnet und die Luft aus dem Raum gesaugt wird.
„Hallo“, sagt Lottie schüchtern und bleibt in der Tür stehen.
„Hallo.“ Ich kann meine Überraschung nicht verbergen. Sie ist die letzte Person, die ich erwartet hätte, und ich fühle mich aufgrund der letzten Bemerkung sofort schuldig. Seit fünf Wochen habe ich sie nicht gesehen, und das löst gemischte Gefühle in mir aus. Ich hasse die Unbeholfenheit, die zwischen uns herrscht. Das sollte nicht so sein. Das war vorher nie so, nicht einmal am Anfang. Es gab nur sie und mich, und innerhalb weniger Minuten, nachdem ich sie kennengelernt hatte, wusste ich, dass wir füreinander geschaffen waren.
„Entschuldige die Störung, ich … ich weiß, dass du mich nicht sehen wolltest, aber wenn es dir nichts ausmacht, würde ich gerne kurz mit dir sprechen.“ Sie spielt an den Knöpfen ihrer Bluse und es tut wirklich weh, sie so zu sehen. Meine Lottie, meine mutige, tapfere Lottie, die normalerweise so selbstbewusst und voller Leben ist und jetzt so schüchtern und unsicher scheint. Ihr feuerrotes Haar, das normalerweise so strahlend ist wie ihre blauen Augen, wirkt stumpf.
„Lottie“, sage ich mit einem Seufzer und sie schlägt die Augen nieder. „Lottie, sieh mich an“, fordere ich sie leise auf. Sie holt tief Luft, bevor sie ihren traurigen Blick hebt und mich ansieht. „Es ist nicht so, dass ich dich nicht sehen will, es ist nur –“
„Ich weiß, Spike. Du musst es mir nicht erklären. Du musst eigentlich gar nichts sagen, ich wollte es dir nur persönlich mitteilen.“
Mein Puls beginnt zu rasen. Sofort gehe ich vom Schlimmsten aus. Sie hat jemand anderen gefunden. Tatsächlich spüre ich, wie mir das Herz in der Brust zerbricht, dann zu Boden fällt und zu meinen Füßen zersplittert.
„Darf ich reinkommen?“, fragt sie nervös.
„Oh, ja, entschuldige, wo sind meine Manieren geblieben? Komm rein. Möchtest du etwas trinken?“ Ich rolle zur Couch hinüber und schalte auf Autopilot, um dem bevorstehenden Gespräch auszuweichen und die Qual hinauszuzögern. Was hatte ich erwartet? Hatte ich gedacht, sie würde für den Rest ihres Lebens Single bleiben? Sie ist ein Diamant. Ein einmaliger, seltener Fund. Hinter diesen schmerzerfüllten Augen verbirgt sich ein lebhaftes, strahlendes, kostbares Juwel von einem Mädchen, und ich hätte wissen müssen, dass es nicht lange dauern würde, bis ihr jemand all das bieten würde, was ich ihr nicht geben kann.
„Nein, danke. Ich habe gerade ein Glas Wein mit Ari und Den getrunken.“ Sie setzt sich auf den Stuhl vor mir und legt die Hände in den Schoß. Mehrmals öffnet sie den Mund, um etwas zu sagen, schließt ihn aber wieder, wobei ein Stirnrunzeln ihr hübsches Gesicht verunstaltet. „Spike, ich –“
„Lottie –“
Wir fangen beide gleichzeitig an zu sprechen und unterbrechen uns ungewollt gegenseitig. Lottie lacht leise, aber eher aus Verlegenheit, denn aus echter Heiterkeit. „Du zuerst“, schlägt sie vor.
„Nein, du zuerst“, beharre ich.
Sie sieht mich an und lächelt schwach. „So war es noch nie zwischen uns, oder?“
„Nein“, sage ich bedauernd. Die Unsicherheit und der Schmerz, die sich in ihren müden blauen Augen widerspiegeln, zerren so heftig an meinem Herzen, dass ich wegsehen möchte, aber ich kann nicht. Ich nutze die Gelegenheit, um ihre Gesichtszüge noch einmal in mich aufzunehmen und ihren Anblick zu genießen. Ich habe sie vermisst. Natürlich habe ich sie vermisst. Jede Sekunde eines jeden Tages, an dem ich sie nicht gesehen habe. Wieder und wieder habe ich unsere alten Text-Nachrichten gelesen, habe alte Fotos durchgeblättert. Aber wenn sie so vor mir steht, wird mir klar, dass man Lotties Gegenwart nicht in Erinnerungen festhalten kann. Sie ist zu schön, zu lebendig, um sie beschreiben zu können, und nichts anderes kommt dem Gefühl nahe, sie so vor mir zu haben. Ihren Duft wahrzunehmen, der subtil in der Luft schwebt, die beruhigende Wirkung zu spüren, die ihre Anwesenheit auf mich hat. Es ist die reine Hölle, nicht ihre weiche Haut zu berühren. Dieses Recht habe ich aufgegeben, als ich ihr ihr Leben zurückgegeben habe.
„Ich muss dir etwas sagen, und ich möchte, dass du weißt, dass dies eine der schwierigsten Entscheidungen ist, die ich je getroffen habe.“ Ich schlucke laut und nicke ihr zu, damit sie fortfährt. Ich bin unfähig, ihr zu antworten, aus Angst, den letzten Faden der Gelassenheit zu verlieren, an den ich mich klammere. „Ich gehe fort“, flüstert sie.
Ihre Worte überraschen mich. Das hatte ich nicht erwartet, aber verdammt, es schmerzt mehr, als ich gedacht hätte. „Du gehst fort?“, wiederhole ich, und sie nickt, ohne mich anzusehen. Den Blick hat sie fest auf die Hand gerichtet. „Wohin gehst du?“
„Nach London“, murmelt sie und schaut überall hin, nur nicht zu mir.
„London?“
„Ja, London“, sagt sie schroff und hebt den Kopf, um mir in die Augen zu sehen. „Wollen wir die ganze Nacht lang Worte wiederholen, Spike? Denn ich habe noch einiges zu erledigen.“ Sie schnaubt und zeigt dabei den Esprit, in den ich mich verliebt habe. Diesen kleinen Funken der Empörung und Lebendigkeit, der mir beweist, dass es richtig war, sie gehen zu lassen, damit sie die Flamme wiederfinden kann. Aber diese kleine Demonstration ihrer so geliebten Aufmüpfigkeit macht ihren Fortgang für mich umso schmerzhafter.
„Ich verstehe das nicht. Warum gehst du nach London? Du hasst Fliegen, du kennst dort niemanden, du –“ Ich weiß, dass ich bereits nach Gründen suche, warum sie nicht gehen sollte. Ja, die letzten Wochen waren unerträglich, weil ich sie nicht sehen konnte, aber ich wusste immer, dass sie da war, für den Fall, dass ich sie anrufen oder einen Blick auf sie werfen wollte, wenn sie Arianna einen Besuch abstattete.
Sie zuckt mit den Schultern und blinzelt, ihre großen runden Augen füllen sich mit Tränen. „Ich kann das nicht, Spike. Ich kann nicht am gleichen Ort wie du sein, wenn ich weiß, dass ich nicht mit dir zusammen sein kann. Ich kann nicht zusehen, wie du dich quälst, wohlwissend, dass du meine Hilfe nicht annimmst. Ich sehne mich verzweifelt danach, dich zu berühren, dich zu küssen, aber ich weiß, dass du das nicht willst. Ich kann das nicht. Ich will das nicht.“ Ihre Hände werden lebhafter, während ihre Stimme lauter wird, ihre Frustration überschwappt und mich doppelt trifft. Aus genau diesem Grund muss ich sie gehen lassen.
„Aber Lotts, London?“, frage ich, diesmal leiser. Ich halte ihren Blick fest und weigere mich, sie wegsehen zu lassen. Ich möchte wissen, ob sie darüber nachgedacht hat und sich nicht nur aus einer Laune heraus entschieden hat, wie es für Lottie typisch ist. „Das ist so weit weg.“
Erneut zuckt sie mit den Schultern, und Tränen bilden eine Wand vor ihren Augen, sodass sie blinzeln muss, um sie zu verdrängen. Eine bleibt an ihren langen, dichten Wimpern hängen, ähnlich wie ich klammert sie sich fest, will nicht loslassen. „Liebst du mich, Spike?“, fragt Lottie, während diese einzelne Träne fällt und den anderen den Weg ebnet. Mein Herz schreit, fordert mich auf, ihr zu sagen, dass ich sie natürlich liebe. Ich liebe sie mehr als mein Leben. Der Kloß in meinem Hals droht mich zu ersticken. Ich liebe sie so sehr, dass ich sie freigebe.
„Dein Schweigen sagt alles“, sagt sie scharf, steht abrupt auf und wischt sich mit dem Handrücken die Feuchtigkeit von den Wangen.
„Lottie“, rufe ich ihr nach.
„Mach dir keine Mühe. Du hast deutlich gemacht, wie du empfindest. Du willst mich nicht, bis du dich entscheidest, dass du mich doch willst. Und dann erwartest du, dass ich da bin, wenn du nach mir rufst. Nun, ich bin mehr wert als das.“ Sie drängt sich zwischen dem Sofa und mir hindurch und stößt dabei gegen mein Bein. Sie schnappt nach Luft und ihre Augen weiten sich. „Es tut mir leid, ich …“, stammelt sie, und ich sehe einen Anflug von Mitleid, als sie mich und meinen Rollstuhl mustert.
Ich greife nach ihrer Hand, aber sie zieht sie zurück, außer Reichweite. „Du bist mehr wert als das, Lottie. Ich kann nicht der sein, den du dir wünschst. Ich bin nicht mehr dieser Mann.“ Ich flehe sie an, zu verstehen, wie und warum und …
Ich weiß nicht, wer ich bin.
„Ich weiß.“ Sie nickt resigniert.
„Es tut mir leid“, sage ich. Mir ist klar, dass sie das nicht hören will. Es ist auch nicht das, was ich sagen will. Aber sie hat recht. Sie ist besser als das. Sie verdient mehr als jedes Leben, das ich ihr jetzt noch bieten kann.
„Mach’s gut, Spike.“ Ihre Stimme bricht, als sie meinen Namen ausspricht, und eine Flut von Tränen strömt aus ihren schönen, aber gebrochenen Augen. Sie dreht sich um und verlässt nicht nur meine Wohnung, sondern auch mein Leben.
„Mach’s gut, Lottie“, flüstere ich durch den Schmerz, der mich innerlich zerreißt.
Vor all den Jahren war sie mein liebstes Hallo, und jetzt … jetzt ist sie mein schwerster Abschied.