Prolog
Er machte sich allmählich Sorgen um seine Schwester. Seit zwei Wochen hatte er nichts von ihr gehört, obwohl sie sonst täglich miteinander sprachen.
Einige Tage zuvor hatte er es nicht mehr ausgehalten und bei seinen Eltern angerufen, bei denen seine Schwester noch wohnte. Er hatte kurz ein paar Silben mit seinem Vater gewechselt und dann gebeten, seine Schwester ans Telefon zu holen. Sie schien nicht besonders erfreut über seinen Anruf. Sie hatte ihn mit wenigen Sätzen abgekanzelt und schließlich aufgelegt.
Er war ratlos. Früher hatten sie immer einen guten Draht zueinander gehabt. Viele Geschwister stritten sich oft, er und seine Schwester hingegen waren ein Herz und eine Seele gewesen. Natürlich war es auch vorgekommen, dass sie Streit hatten, aber es war die Ausnahme geblieben.
Vor einigen Wochen hatte sich jedoch etwas verändert. Sie hatte sich verändert. Anfangs war er davon ausgegangen, dass sie vielleicht nur schlechte Laune hatte, aber nachdem sie sich mehr und mehr zurückgezogen hatte, begann er sich ernsthaft Gedanken zu machen. Auch das Verhältnis zu ihren Eltern wurde zunehmend schlechter. Nicht, dass das ungewöhnlich war. Seine Eltern waren seit jeher mehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, und merkten möglicherweise gar nicht, wie es ihr ging. Vielleicht waren sie sogar der Grund, dass er sich mit seiner Schwester immer so gut verstanden hatte, denn sie gaben sich gegenseitig jenen Halt, den sie von ihren Eltern nicht bekamen.
Seine Schwester schien auch seltener auszugehen. Das wusste er, weil wenn er sie früher angeschrieben hatte, zog sie meistens mit Freunden um die Häuser oder übernachtete bei einer Freundin. Inzwischen hatte er von den Eltern erfahren, dass sie oft zu Hause blieb. Auch ihre frühere beste Freundin, die zeitweise Stammgast im Haus war, ließ sich nur noch selten blicken. Damals hatte er gewitzelt, dass sie in sein altes Zimmer ziehen könne. Inzwischen war es eine Ewigkeit her, dass er ihr über den Weg gelaufen war.
Heute Abend würden seine Eltern die Oper besuchen. Das hatte er in einem Telefonat mit seiner Mutter erfahren, die sich riesig darauf freute. Und er war sich sicher, dass seine Schwester die beiden nicht begleiten würde. Sie hasste Opern und dass sie etwas gemeinsam mit ihren Eltern unternahm, war eher die Ausnahme. Es war die Chance, sich ungestört mit ihr zu unterhalten.
Er hatte kurz überlegt, ihr vorher Bescheid zu geben, sich dann aber dagegen entschieden. Entweder würde seine Schwester gar nicht auf die Nachricht reagieren oder gleich ablehnen. Also wozu?
Er fuhr mit seinem Wagen die Abraham-Wolf-Straße entlang, an deren Ende seine Schwester mit den gemeinsamen Eltern wohnte. Sie waren beide in diesem Haus in Sonnenbühl aufgewachsen und hatten eine schöne Kindheit zusammen verbracht. Seine Schwester war einige Jahre jünger als er, aber mit ihren siebzehn mittlerweile beinahe erwachsen. Er wusste, es war nur eine Frage der Zeit, bis sie ausziehen würde. Sie würde ihm fehlen. Das Haus war ihr gemeinsamer Berührungspunkt gewesen. Es hatte ihm immer ein angenehmes Gefühl gegeben, was mehr mit seiner Schwester als mit den Eltern zu tun hatte.
Er parkte den Wagen direkt vor dem Haus und ließ seinen Blick über die Obstwiesen wandern, die sich weitläufig hinter der Straße erstreckten. Wie viele endlose Stunden hatten er und seine Schwester auf der Wiese verbracht und miteinander herumgealbert? Ihr Lieblingsspiel war Verstecken gewesen und er war immer derjenige, der sie hatte suchen müssen. Ein leichtes Unterfangen, weil die wenigen Bäume kaum Schutz boten, weshalb aus dem Versteckspiel meist eine Verfolgungsjagd wurde.
Lediglich in die Schwäblesklinge, das bewaldete Tal daneben, durften sie nur in Begleitung gehen, damit sie sich nicht verirrten. Später, als sie älter waren, unternahmen seine Schwester und er dort lange Spaziergänge und unterhielten sich über Gott und die Welt. Er hatte immer gewusst, die Beziehung zwischen ihnen beiden war etwas Besonderes. Sie konnten offen miteinander sprechen, hatten keine Geheimnisse voreinander und konnten aufeinander zählen. Eine solche Beziehung unter Geschwistern war selten, vor allem in ihrem Alter.
Ein wehmütiges Gefühl stieg in ihm auf, als er sich auf das Haus zubewegte. Der letzte Spaziergang mit ihr lag Wochen zurück. Früher machten sie das regelmäßig. Schon damals hatte er gemerkt, dass mit seiner Schwester etwas nicht stimmte. Als er seine Mutter darauf ansprach, zuckte sie nur mit den Schultern und meinte, es wird Zeit, dass sie mal ihr eigenes Leben führt, ein paar neue Freunde findet und nicht die ganze Zeit mit ihrem Bruder herumhängt.
Was für ein Schwachsinn. Seine Schwester und er hatten schon immer gerne Zeit miteinander verbracht. Sie hatte es mit ihren Mitschülern nicht einfach, weil sie in Gesellschaft anderer oft kühl und abweisend wirkte, vielleicht sogar arrogant. Ein Laster, das vielen schüchternen Menschen angehängt wurde. Dabei war sie ein empathischer, gefühlvoller Mensch, der Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer nahm. Aber Jugendliche in ihrem Alter interessierte das natürlich nicht, sie nutzten ihre Gutmütigkeit nur aus. Trotzdem hatte das nie etwas an ihrem guten Verhältnis geändert. Bis vor zwei Wochen.
Sie hatten einen gemeinsamen Spaziergang geplant, bis seine Schwester kurz zuvor abgesagt hatte. Eigentlich nicht ungewöhnlich, nur dass sie dieses Mal keinen Grund nannte und sich nicht mehr meldete. Als er wenige Tage später mit ihr telefonieren wollte, nahm sie gar nicht erst ab. Er hatte ihr eine Nachricht geschickt, ob bei ihr alles in Ordnung wäre, woraufhin nur „alles bestens“ zurückkam. Er kannte seine Schwester gut genug, um zu wissen, dass etwas nicht stimmte und heute würde er den Grund herausfinden.
Er öffnete das kleine Türchen und schritt durch den sauber gepflegten Vorgarten, in dem die ersten Blumen ihren Kopf hinausstreckten. Das Einfamilienhaus seiner Familie war sehr groß mit einem schönen Garten ringsherum sowie einem Balkon zur rückwärtigen Seite des Hauses.
Da er seine Schwester nicht zu Tode erschrecken wollte, beschloss er zu klingeln. Er drückte den Knopf und wartete auf das Rauschen der Gegensprechanlage. Nichts geschah. Merkwürdig. War seine Schwester vielleicht doch nicht zu Hause? Oder hatte sie nur keine Lust aufzumachen? Er wusste, dass sie ihn auf der Kamera, die an der Tür angebracht war, sehen konnte. Die Möglichkeit, dass sie in die Oper mitgegangen war, hielt er nach wie vor für ausgeschlossen.
Er griff in seine Tasche - und fluchte. Die Schlüssel für sein Elternhaus hatte er einige Tage zuvor von seinem Schlüsselbund entfernt, weil er ihn nicht die ganze Zeit herumtragen wollte, und dann vergessen, ihn vor der Fahrt mitzunehmen.
Er trat ein paar Schritte zurück und spähte hinauf. Das Zimmer seiner Schwester befand sich ganz oben. Er hoffte, sie durch die runde Scheibe hindurch entdecken zu können, aber das Licht spiegelte sich zu sehr.
Was sollte er tun? Umdrehen und den Schlüssel holen?
Aber vielleicht wollte seine Schwester ihn im Moment gar nicht sehen. Möglicherweise wäre es doch besser gewesen, sich vorher anzukündigen.
Er musste wissen, was los war. Seine Schwester ignorierte ihn seit zwei Wochen. Da konnte er nicht einfach gehen und so tun, als wäre nichts.
Er entschied, es auf der rückwärtigen Seite zu probieren. Dort befand sich eine Kellertür, die nicht immer abgeschlossen wurde. Während der Zeit, als er noch hier wohnte, hatte er das oft kritisiert, weil es für Einbrecher viel zu leicht war, ins Haus zu kommen. Vielleicht entpuppte sich die offene Tür nun als Vorteil.
Er ging einmal um das Gebäude herum, wo sich ein kleiner Teich befand sowie ein großer Trompetenbaum, der im Sommer angenehm Schatten spendete. Um diese Jahreszeit war es noch zu kühl, um in der Sonne zu liegen, weshalb auf der Terrasse, bis auf zwei Stühle, gähnende Leere herrschte.
Er stieg die Steintreppe hinunter und drückte die Klinke der Kellertür. Zu seiner Erleichterung war sie unverschlossen. Das Licht ging an und er fand sich in einem großen, kühlen Raum wieder, dessen Regale mit allerlei Gerümpel voll gestellt waren. Dem Plan seiner Eltern, diese mal gründlich auszumisten, waren offensichtlich noch keine Taten gefolgt.
Er stieg hinauf und fand sich in dem Flur wieder, der nach vorne zur Eingangstür führte. Er rief den Namen seiner Schwester.
Keine Antwort. Er lauschte. Totenstille. Ein dumpfes Gefühl breitete sich in seiner Magengegend aus. Selbst wenn seine Schwester die Anrufe und Nachrichten ignorierte, sie würde ihn nicht im Flur stehen lassen.
Er nahm die Treppe, die nach oben führte. Auf der ersten Etage lagen das Wohnzimmer sowie die Küche. Er warf einen Blick hinein und entdeckte die vertraute, weiße Ledercouch, den Glastisch sowie den Perserteppich darunter. Er ging hindurch und ließ seinen Blick durch das Esszimmer und die angrenzende Küche schweifen. War seine Schwester oben? Vielleicht hatte sie Kopfhörer auf und hörte ihn gar nicht?
Er trat wieder in den Flur und rief erneut ihren Namen. Abermals folgte keine Antwort. Die Stille, die in seinem einstigen Elternhaus herrschte, wirkte beklemmend. War das schon immer so gewesen? Er konnte sich nicht erinnern.
Langsam lief er die Treppen nach oben. Ihr Zimmer befand sich auf der rechten Seite. Sein altes war immer angrenzend gewesen, wurde seit seinem Auszug allerdings nur noch als Lagerraum genutzt.
Er lief den kurzen Flur entlang und stand vor ihrem Zimmer. Die Tür war geschlossen. Er klopfte sachte und wartete. Von drinnen war kein Laut zu hören.
Er drückte die Klinke, während er abermals ihren Namen rief. Im ersten Moment sah er nur das zerwühlte Bett und ein paar Hefte darauf. Er öffnete die Tür weiter und hielt in der Bewegung inne.
Was er sah, raubte ihm buchstäblich den Atem. Der Körper seiner Schwester hing leblos von der Decke. Um ihren Hals lag ein Strick, der an einem Haken an der Decke befestigt war. Ihren Augen quollen heraus, das fahle Gesicht war zur Seite gekrümmt, die Arme hingen regungslos an ihr herab. Hinter ihr - der umgekippte Stuhl.
Er konnte den Blick nicht von dem leblosen Körper seiner geliebten Schwester abwenden. Vielleicht war es nur ein Albtraum, aus dem er jede Minute erwachen würde und erleichtert feststellte, dass es nicht wirklich passiert war. Er merkte nicht, wie er auf die Knie sank. Ein Zittern durchfuhr seinen Körper. Erst begann er zu heulen, dann zu schreien. Er fiel zu Boden und hatte das Gefühl, in ein dunkles Loch zu fallen, aus dem er niemals wieder herauskommen würde.
1
„Hautnahes Feeling“, las Max vor.
„Kann ich mal sehen?“ Trisha beugte sich neugierig nach vorne. Sie saß auf der Rückbank des kleinen Toyotas, eingepfercht zwischen ihrer besten Freundin Aurelie und einer jungen Frau, deren Namen sie bereits wieder vergessen hatte.
Max reichte ihr wortlos den Flyer und holte sein Handy hervor.
Trisha betrachtete den schwarzen Flyer, auf dem ein Escape-Room der besonderen Art beworben wurde. Die Gestaltung des Flyers wirkte unprofessionell, die Lettern waren in großer, roter Farbe dargestellt und das einzige Bild war unscharf und zeigte eine Handvoll Leute, die ein paar Gegenstände in Augenschein nahm. Nach echtem Nervenkitzel sah es für sie nicht aus.
Eigentlich hatte sie dieses Wochenende anderweitig verplant. Sie wollte zusammen mit ihrem Freund Dominik ins Kino gehen und anschließend daheim kochen. Auf Drängen ihrer besten Freundin hatte sie schließlich nachgegeben und sich einverstanden erklärt, an dem Escape-Game teilzunehmen. Die 10.000€ Preisgeld waren verlockend und sie konnte im Moment jeden Cent gebrauchen.
„Wisst ihr, was ich merkwürdig finde?“, unterbrach Max ihre Gedankengänge.
„Nein, aber du wirst es uns sicher gleich verraten.“ Aurelie tat, als könne sie die Information kaum abwarten.
„Ich hab online keine einzige Bewertung zu den Escape-Rooms auf der Charlottenhöhe im Schwarzwald gefunden. Weder auf der Homepage noch sonst wo.“ Er hob sein Handy in die Höhe.
Tobias, der neben ihm am Steuer saß, zuckte mit den Schultern. „Vielleicht sind die neu.“ Er drosselte das Tempo, als ein gelbes Schild am Straßenrand eine Ortschaft namens Calmbach ankündigte.
„Aber auf dem Bild sind Leute abgebildet“, widersprach Max. „Trotzdem gibt es keine Bewertungen.“
„Hat halt noch keiner eine geschrieben.“ Aurelie gähnte.
„Vielleicht müssen sie deswegen mit 10.000€ Preisgeld werben, damit überhaupt jemand kommt.“ Tobias grinste.
„Hauptsache, wir gewinnen.“ Max lehnte sich im Sitz zurück.
„Hoffen wir's.“ Trisha lächelte.
„Wäre ja schade, wenn nicht, schließlich hat sie dafür extra Dominik sitzen lassen, nicht wahr, Süße?“ Max warf ihr einen anzüglichen Blick zu.
„Nenn mich nicht so.“
„Seid ihr noch zusammen oder hat er wieder was mit Aurelie am Laufen?“
Max lachte schallend los, während Trisha sich nach vorne beugte und Tobias mit der Faust in die Schulter boxte. „Idiot!“ Sie warf einen Blick zu Aurelie, die aus dem Fenster sah. „Alles gut?“ Sie berührte sanft ihre Schulter. Bevor sie mit Dominik zusammen kam, waren Aurelie und er für kurze Zeit ein Paar, bis Aurelie schließlich die Beziehung beendet hatte. Trotzdem wurde sie manchmal das Gefühl nicht los, dass Aurelie noch etwas für ihn empfand und versuchte, das Thema möglichst außen vor zu lassen. Was Tobias, dessen Einfühlungsvermögen der Größe einer Erbse entsprach, nicht davon abhielt, blöde Witze zu reißen.
„Alles gut.“ Sie lächelte. „Bin über ihn hinweg.“
Trisha versuchte an ihrem Blick zu erkennen, ob es der Wahrheit entsprach, konnte es aber nicht einschätzen.
Ihre Freundin wandte sich ab und kramte ihr Smartphone hervor.
„Ist es noch weit?“, fragte die junge Frau, die links von Trisha auf der Rückbank saß und bisher noch kaum etwas gesagt hatte.
„Zwanzig Minuten.“ Tobias warf einen Blick in den Rückspiegel. „Hältst du solange durch?“ Er lächelte ihr zu.
Trisha war immer wieder erstaunt, wie freundlich und zuvorkommend Tobias sein konnte, wenn er sich bemühte. Dumme Sprüche klopfen konnte er wie der Weltmeister, aber gegenüber seinen Eroberungen zeigte er sich von seiner besten Seite. Falls es sich um seine Eroberung handelte. Auch wenn sie bisher nicht viel über sich preisgegeben hatte, machte sie auf Trisha einen sympathischen Eindruck. Sie hoffte nur, dass Tobias ihr nicht das Herz brach.
„Hey, habt ihr Lust, im September für eine Woche zusammen nach Mallorca zu fliegen? Ein Kumpel von mir kennt dort ein super Hotel, direkt am Meer und mit eigenem Strand.“ Tobias drehte sich um.
„Als ob ich mit euch Bekloppten für eine Woche in den Urlaub fliege.“
Gelungener Konter, dachte Trisha und konnte sich das Grinsen nicht verkneifen. „Ich hoffe, das bezieht sich nicht auf mich.“
„Nö, nur auf die Esel eine Reihe vor uns.“
„Ich geb dir gleich Esel …“, setzte Max an.
„Hey, beruhigt euch.“ Trisha wollte vermeiden, dass die beiden sich wieder zankten, was sie liebend gern taten. Es war stets unterhaltsam, aber im Moment hatte sie keine Lust darauf. „Urlaub klingt super, aber ich bin sowieso pleite.“ Sie seufzte. Gerne wäre sie mit ihren Freunden in den Urlaub geflogen. Eine Woche Auszeit klang verlockend, aber aufgrund einiger kostspieliger Investitionen war sie in Rückstand mit der Miete gekommen und ihr Gehalt als medizinisch-technische Assistentin reichte nicht aus, um ihre Schulden zu begleichen.
„Nicht, wenn wir heute das Preisgeld abstauben.“ Max sah sie augenzwinkernd an.
„Dann überlege ich es mir.“
„Kommst du auch mit?“ Trisha drehte sich zu ihrer linken Nachbarin, die sich momentan wohl etwas ausgeschlossen fühlte. Vermutlich war es für sie als Fremde schwierig, sich in eine Gruppe zu integrieren, die so vertraut miteinander war wie die ihre.
„Mal sehen, aber danke für das Angebot.“ Ein flüchtiges Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Aurelie?“
„Hm? Ihre Freundin blickte irritiert von ihrem Handy auf.
„Urlaub?“ Trisha sah sie mit hochgezogenen Brauen an. Offensichtlich war ihre Freundin mit den Gedanken ganz woanders.
„Ach so, ja klar.“
„Wem schreibst du eigentlich die ganze Zeit?“ Trisha beugte sich neugierig nach vorne.
„Niemandem.“ Urplötzlich wurde der Display schwarz und Aurelie ließ das Handy in ihrer Jeans verschwinden.
Trisha war Eigenarten von Aurelie gewohnt, trotzdem tat es ihr weh, dass ihre beste Freundin nicht mehr so offen mit ihr sprach, wie sie das früher getan hatte. Da sie nicht aufdringlich sein wollte, vermied sie weiteres Nachfragen.
Tobias verließ die Straße und fuhr über einen Kiesweg, der steil aufwärts führte, durch den Wald. Wenig später erreichten sie eine große Lichtung mit ein paar vereinzelten Häusern.
„Da sind wir!“, rief Tobias gut gelaunt.
„Das ist es?“ Trisha konnte ihre Überraschung kaum verbergen. Sie schaute mit großen Augen auf das alte Gemäuer, das sich seitlich von ihnen erhob.
„Genau das.“ Tobias stellte den Motor ab und öffnete die Tür.
Trisha wartete einen Augenblick, bis Aurelie ausgestiegen war und folgte ihr. Der Anblick ließ sie nicht mehr los. Jetzt war sie noch gespannter auf das, was kommen würde.
2
„Willkommen bei den Live-Escape-Games“, begrüßte sie der Mann mit Halbglatze, hoher Stirn und leichtem Bartansatz an der Oberlippe. Trisha schätzte den Spielleiter, der sich als Joachim Dorn vorgestellt hatte, auf Anfang dreißig. Bis auf zwei Plakate mit der Aufschrift Escape-Rooms deutete nichts in dem winzigen Empfangszimmer auf solche Räumlichkeiten hin. Er hatte sie die Treppen hinab in einen Irrgarten durch Kellergewölbe geführt, bis sie schließlich in diesem Verlies angelangt waren.
Trisha sah sich neugierig um. Der Raum war düster. Nur eine winzige Lampe an der Decke tauchte den Ort in ein rotes, unheimlich wirkendes Dämmerlicht. Ihr Kumpel Max stand vor der großen Stahltür, die äußerst massiv wirkte. An der Wand daneben befand sich ein Metallregal, vollgestopft mit Farbbehältern, aus denen eine undefinierbare Flüssigkeit tropfte. Eine große, morsche Holzkiste, die mit einem massiven Vorhängeschloss verriegelt war, nahm die gesamte Längsseite der Wand ein. Ein schaler Geruch lag in der Luft. Sie spürte eine wachsende Aufregung, obwohl es nicht das erste Mal war, dass sie und ihre Freunde an einem Escape-Game teilnahmen. Der einzige Unterschied war, dass sie normalerweise Geld bezahlen mussten, während sie hier die Chance hatten, welches zu gewinnen.
Trisha konnte im Moment jeden Cent gebrauchen. Dank einiger kostspieliger Investitionen war sie in Rückstand mit der Miete gekommen und ihr Gehalt als medizinisch-technische Assistentin reichte nicht aus, um die Schulden zu begleichen. Die zehntausend Euro Preisgeld würden das Problem erst einmal beseitigen.
„Sie sind Opfer einer Entführung und haben sechzig Minuten Zeit zu fliehen“, fuhr Dorn fort. „Für jeden Raum steht Ihnen unterschiedlich viel Zeit zur Verfügung und unterschiedliche Hindernisse erschweren den Ausweg. Aus diesem Raum müssen Sie entkommen sein, bis der grüne Balken die Null erreicht hat.“ Er deutete auf ein Display, das neben einer weiteren Tür aus Holz an der Wand befestigt war. Auf der Anzeige wurde ein grüner Balken dargestellt sowie eine Prozentangabe. „Ansonsten sind Sie …“
„Hinüber“, unterbrach ihn Tobias und Max lachte.
„Sozusagen.“ Dorn schmunzelte.
Trisha betrachtete die Anzeige. Darunter war ein Tastenfeld mit Zahlen angebracht, in dem sie wohl eine Kombination eingeben mussten. Ihr Blick wanderte wieder zu der Anzeige. Über dem Balken war die verbleibende Atemluft markiert, die momentan noch bei einhundert Prozent stand. Obwohl es nur Fiktion war, breitete sich ein dumpfes Gefühl in ihrem Magen aus.
„Das ist so cool.“ Ihre beste Freundin Aurelie beugte sich zu ihr. Sie inspizierte die Pritsche, auf der ein löchriges Leinentuch befestigt war. Sie beide kannten sich seit der Oberstufe, nachdem Aurelie auf ihre Schule gewechselt hatte. Als ihre Freundin bei einer Prüfung völlig aufgeschmissen war, ließ Trisha, die nie Schwierigkeiten hatte, gute Noten zu erzielen, sie abschreiben. Dies markierte den Beginn einer engen Freundschaft. Im Laufe der Jahre zeigte sich, dass sie eine Menge Gemeinsamkeiten besaßen, ihren Männergeschmack mit eingeschlossen. Allerdings interessierten sich die meisten Männer eher für sie als für ihre Freundin. Trisha hatte keine Ahnung, warum, zumal Aurelie mit den schulterlangen, aschblonden Haaren, dem dunklen Teint und der schlanken Figur durchaus hübsch war. Glücklicherweise schien Aurelie ihr es nicht übel zu nehmen, wenn sie den Kürzeren zog.
Auf einer Geburtstagsfeier hatte sie Dominik kennen gelernt. Trisha fand Gefallen an ihm, aber als sie ihn am Ende des Abends wild knutschend mit Aurelie entdeckte, hatte sie ihn abgehakt. Eine Zeit lang war sie davon ausgegangen, die beiden seien ein Pärchen, aber als Aurelie plötzlich das Interesse an ihm verlor, kam sie zufällig in der Bibliothek mit ihm ins Gespräch. Er schien sympathisch und verständnisvoll und als er sie zu einem spontanen Date einlud, wollte sie zwar ablehnen, ließ sich dann aber doch breitschlagen. Sie beichtete die Geschichte Aurelie, aber diese zuckte nur mit den Schultern und meinte, sie habe kein Interesse mehr an ihm. Inzwischen war sie anderthalb Jahre mit Dominik zusammen.
Trisha ließ den Raum auf sich wirken. Als sie das marode Eingangszimmer betreten hatte, befürchtete sie bereits, eine herbe Enttäuschung zu erleben. Aber der Raum selbst wirkte so authentisch, dass es ihr schon eine Gänsehaut bescherte, überhaupt darin zu stehen.
„Wie bereits eingangs erwähnt, können Sie nur als Team gewinnen. Steigt jemand vorzeitig aus, verlieren Sie alle und das Preisgeld ist futsch.“
„Das wird bestimmt ein Abenteuer“, flüsterte Max verführerisch und drückte sich an sie.
„Ganz bestimmt“, erwiderte Trisha mit einem Lächeln und schob Max weg.
„Wann geht's los?“, fragte Tobias, der es offensichtlich kaum abwarten konnte.
„Sobald Sie startklar sind. Sollte es irgendwelche Fragen oder Probleme geben …“ Er deutete auf die Kamera, die unterhalb der Decke angebracht war. „Ich bin da.“
Trisha betrachtete Tobias, der mit seinen einundzwanzig der Älteste in ihrer Gruppe war. Neben ihm stand seine Begleitung, die, im Vergleich zu dem hoch gewachsenen Tobias, wie ein Minion wirkte. Sie besaß kupferrote Haare, die sie seitlich zu einem Zopf zusammen gebunden hatte, sowie ein hübsches, sympathisches Gesicht. Trisha hatte noch nicht herausgefunden, in welchem Verhältnis sie und Tobias zueinanderstanden. Ein Pärchen schienen sie nicht zu sein. Sie passte mit ihrer etwas molligen Figur auch nicht wirklich in Tobias Beuteschema, der sich ausschließlich für schlanke Frauen im Modelformat interessierte. Trisha hatte seine oberflächliche Art und die dummen Sprüche noch nie gemocht, konnte aber nicht verhindern, dass er mitkam. Sie fand ihn wenig anziehend mit seiner spindeldürren Figur und den schwarz gefärbten Haaren, die für Trisha immer ein Ticken zu dunkel waren.
„Also dann, viel Erfolg!“ Dorn verabschiedete sich und verließ den Raum durch die Stahltür, durch die er sie hineingeführt hatte. Trisha meinte auf seinem Gesicht ein fieses Grinsen erkannt zu haben. Vermutlich genoss er es zu beobachten, wie sie sich die Zähne ausbissen. Sie nahm an, dass es dutzende von Teilnehmern gab, die alle hofften, den Gewinn zu ergattern, auch wenn sie bisher niemanden gesehen hatte.
„Sagst du mir noch mal deinen Namen?“, richtete sich Trisha an die junge Frau neben Tobias.
„Clarissa.“
„Sorry, schlechtes Namensgedächtnis.“
„Kein Ding.“ Clarissa lächelte schüchtern.
Trisha meinte sie schon mal irgendwo gesehen zu haben, konnte sich aber nicht erinnern, wo. Während sie die anderen seit der Fünften, beziehungsweise Aurelie seit der Oberstufe kannte, war Clarissa neu. Tobias schien tatsächlich ein Auge auf sie geworfen zu haben.
„Kommt, Schwätzchen könnt ihr später halten.“ Max klatschte in die Hände. „Ihr fangt beim Regal an, ich versuch mal, die Holzkiste zu öffnen!“
„Seit wann bist du hier der Boss?“, kam prompt von Tobias.
„Seitdem ihr nur hier rumsteht und tratscht.“
Trisha ignorierte die freundschaftliche Kabbelei und wandte sich den Farbdosen zu, während Clarissa die Schubladen daneben durchwühlte.
„Ist das Blut?“ Aurelie betrachtete angewidert einen dunklen Fleck, der auf der Steinwand zu erkennen war.
„Klar, bestimmt haben die extra für das Spiel ein Lamm geschlachtet.“ Tobias lachte höhnisch.
„Haha, sehr witzig.“ Aurelie warf ihm einen finsteren Blick zu.
Trisha berührte eine der Farbdosen, die bestialisch stanken und deren Behälter klebrig war.
„Wonach suchen wir denn?“, fragte Aurelie, die bisher nicht viel zur Unterstützung beigetragen hatte.
„Nach einer Zahlenkombination, die wir in das Codefeld eingeben können“, erklärte Trisha.
„Ich glaube, wir brauchen erst mal den Schlüssel, um die Truhe hier zu öffnen.“ Max versuchte das Vorhängeschloss mit seiner Muskelkraft aufzubrechen, was ihm aber nicht gelang. „Liegt da irgendwo einer?“
„Du siehst doch, dass wir schon suchen“, gab Trisha zurück.
„Ich sehe, dass Aurelie planlos herumsteht.“
„Ich hab kein Netz.“ Aurelie hielt ihr Smartphone in Richtung Decke.
„Du sollst nach Hinweisen suchen. Auf deinem Handy findest du sicher keine!“
„Ja, ist ja gut.“ Genervt steckte sie es wieder weg.
Trishas Blick wanderte zu dem Balken, der inzwischen auf neunundachtzig Prozent gesunken war. Viel Zeit blieb nicht.
„Wie wär's, wenn ihr mal in den Farbbehälter guckt und nicht nur darunter?“ Max war aufgesprungen und kam zu dem Regal.
„Bitte, ich überlasse dir gerne den Vortritt.“ Trisha machte einen Schritt zurück. Max' bestimmende Art ging ihr manchmal ganz schön auf den Leim.
„Tobias, mach du's!“ Max deutete auf ihn.
„Ich fass ganz sicher nicht in diese schmierige Brühe hinein. Außerdem sind es acht Stück und wir haben keine Ahnung, in welchem der Behälter sich das Ding befindet. Falls überhaupt.“
„Wie wär's, wir nehmen den Eimer und schütten den Inhalt hinein?“, schaltete sich Clarissa ein. „Dann sehen wir bestimmt, wenn ein Schlüssel herausfällt.“
„Gute Idee.“ Motiviert nahm Trisha den Eimer, einen Behälter aus Metall, entgegen und begann den Inhalt der ersten Farbdose hinein zu füllen. Max und die anderen beobachteten das Geschehen neugierig. Der erste Behälter enthielt eine gelbliche Flüssigkeit.
„Puh, das Zeug stinkt.“ Max hielt sich mit dem Ärmel seines Shirts die Nase zu.
„Irgendwas entdeckt?“ Aurelie beugte sich vor.
„Gelber Schleim“, meinte Tobias und griff zum nächsten Farbeimer. Vielleicht haben wir mit dem mehr Glück.“
„Vielleicht ist der Schlüssel da gar nicht drin.“ Aurelie legte ihre Stirn in Falten.
„Hast du 'ne bessere Idee?“, blaffte Max sie an.
„Jetzt sei doch nicht immer so unfreundlich!“, wies ihn Trisha zurecht. Seit seine Freundin ihn wenige Wochen zuvor verlassen hatte, war seine Laune oft schwer auszuhalten. Sie und Max hatten immer ein gutes freundschaftliches Verhältnis gehabt. Aber seit der Trennung setzte er seine Verführungskünste bei ihr ein und da sie mit Dominik zusammen war, gefiel ihr das gar nicht. Max hielt das allerdings nicht davon ab, es weiter zu versuchen.
Tobias leerte den zweiten Behälter mit einer blauen Flüssigkeit in den Eimer, woraufhin sich die Mischung grün färbte. Ein Schlüssel war nicht zu entdecken. „Puh, warum stinkt das Zeug nur so? Können sie für das Spiel keine geruchlose Farbe nehmen?“
„Soll ja authentisch sein.“ Max machte eine geheimnisvolle Geste.
„Hast du in den Schubladen etwas gefunden?“ Trisha drehte sich zu Clarissa.
„Vergilbte Zeitungen, Alben und Umschläge. Ich konnte in keinem davon eine Zahlenfolge oder ähnliches entdecken.“ Trisha beschloss, die Männer machen zu lassen und sich den Schubladen zu widmen. Vielleicht hatte Clarissa etwas übersehen. Nachdem sie einige Minuten an den drei Schubladen herumgespielt und einen Blick in die Umschläge geworfen hatte, musste sie Clarissa allerdings Recht geben, dass diese wohl nicht die Lösung enthielten. Sie warf einen Blick auf das Display. Der Balken zeigte inzwischen nur noch vierundfünfzig Prozent an. Sie mussten sich beeilen.
„Habt ihr was?“ Trisha stand auf und begutachtete den Eimer, der inzwischen schon gut gefüllt war.
„Viel übelriechendes Zeug, aber keinen Schlüssel.“ Tobias griff zum vorletzten Behälter, doch auch hier war die Ernüchterung groß. Achtlos warf er den Behälter weg, der mit einem lauten Scheppern auf dem Boden landete.
„Wartet mal!“ Trisha kam eine Idee. „Vielleicht ist der Schlüssel auf der Innenseite der Farbdosen befestigt.“ Sie wischte sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht, darauf bedacht, ihre nussbraunen Haare nicht in den Farbtopf zu halten. Trisha sah hinein, konnte aber nicht viel erkennen. Sie holte ihr Smartphone heraus, um festzustellen, dass sie ebenfalls kein Netz hatte und aktivierte die Taschenlampe. Der Geruch war ekelerregend.
Max tat es ihr gleich, während Tobias enttäuscht den letzten Farbbehälter in den Eimer schüttete, der inzwischen randvoll war, aber keinen Schlüssel enthielt.
„Leute, uns läuft die Zeit davon.“ Aurelie deutete auf das Display. Der Balken war inzwischen auf neununddreißig Prozent geschrumpft. „Habt ihr nicht das Gefühl, die Luft hat sich irgendwie verändert?“
„Klar hat die sich verändert“, entgegnete Max unwirsch. „Schließlich sind wir fünf Leute in einem kleinen Raum.“
„Das meine ich nicht, die Luft kommt mir irgendwie dünner vor.“
„Vielleicht werden wir vergast.“ Tobias lachte lauthals über seinen eigenen Witz.
„Nicht witzig.“ Trisha warf ihm einen eisigen Blick zu.
Sie musste ihrer Freundin Recht geben. Die Luft war anders. Das flaue Gefühl in ihrer Magengegend wurde zu einer düsteren Vorahnung. Ihr Herz klopfte wild. „Clarissa, alles ok?“
Clarissa, die vorhin noch eifrig die Pritsche inspiziert hatte, saß nun schwer keuchend darauf. „Keine Ahnung, mir ist so schummrig zumute. Aber das kann auch an meinem Asthma liegen.“ Sie durchsuchte ihre Handtasche, sah aber kurz darauf wieder auf. „Mist, ich muss den Inhalator vergessen haben.“ Aus ihrem Gesicht verschwand jegliche Farbe.
„Entspannt euch.“ Max kam zu ihnen. „Das ist nur ein Spiel!“
„Und wenn nicht?“ Auf Aurelies Stirn zeigten sich Sorgenfalten. „Wir sind in irgend 'ner gottverlassenen Tunnelanlage unter der Erde.“
„Ich hab bei so was schon mal mitgemacht.“ Tobias warf einen Blick in die nächste Farbdose. „Herr, wie auch immer er hieß, sieht doch alles und kann eingreifen, wenn's Probleme gibt.“ Er warf einen kurzen Blick zu der Kamera.
„Na, wenn du das sagst.“ Aurelie schien wenig überzeugt.
Trisha hatte allmählich auch ihre Zweifel. Vielleicht war es besser, auszusteigen. Aber dann dachte sie wieder an das Preisgeld und half Max bei der Suche, während Aurelie Clarissa Gesellschaft leistete. Die Anzeige sank auf dreiunddreißig Prozent.
„Hab ihn“, rief Max stolz und fummelte einen völlig verschmierten Schlüssel aus der Farbdose. „War gut versteckt auf der Innenseite befestigt.“ Er riss ihn heraus und ging zu der Truhe. Trisha folgte ihm. Ihre Beine fühlten sich wie Pudding an. Ihr Herz hämmerte wild gegen ihre Brust und ihr war schwindlig. Auch Tobias, der normalerweise keine Schwäche zeigte, schien sich unwohl zu fühlen.
Max steckte den Schlüssel in die Truhe. Trisha atmete innerlich auf, als sich diese öffnete. Anstatt der Zahlenkombination fand sich allerdings nur ein weiterer Stapel zerknüllter Zeitungen, Umschläge und Papierbögen darin.
„Ok, lasst uns das Zeug mal durchsuchen, irgendwo steht bestimmt die Kombi drauf.“ Max griff sich einen Stapel brauner Umschläge und drückte sie Trisha in die Hand. „Tobias, nimm du die!“
„Clarissa!“, kreischte Aurelie plötzlich. Trisha wirbelte herum. Clarissa war zur Seite gekippt und lag nun röchelnd auf der Pritsche. „Sie kriegt keine Luft mehr!“
Trisha wollte zu ihr rennen, doch etwas stimmte nicht. Der Raum um sie herum begann sich zu drehen und ihr Kopf schien zu explodieren. Was war hier los? Sie warf erneut einen Blick zu dem Display. Der grüne Balken war nun orange und zeigte neunzehn Prozent an. Darüber blinkte das Wort kritisch.
„Der dreht uns die Luft ab“, schrie Aurelie und Tränen liefen über ihre Wange.
„Red keinen Unsinn!“, rief Max. „Warum sollten die das tun?“
Trisha ignorierte ihn. Sie stellte sich vor die Kamera. Geld hin oder her, das war es nicht wert. Auch wenn auf dem Flyer mit „realitätsnah“ geworben wurde, das war ihr eindeutig zu nah. „Clarissa geht es schlecht. Wir möchten aussteigen.“
„Nein! Die sollen ihr ein Asthmaspray geben und gut ist!“ Max kam auf sie zugelaufen und wollte sie von weiteren Rufen abhalten, aber Trisha stieß ihn weg.
„Hallo, wir möchten aufhören“, rief Trisha laut. Keine Reaktion. Aurelie kam schwankend zu ihr und wiederholte ihren Ausruf.
„Na super.“ Max war genervt, aber auch er wirkte blass und erschöpft.
Nichts geschah. Die Lautsprecherdurchsage blieb stumm. Der Balken zeigte nur noch elf Prozent an.
„Was soll das?“ Trisha spürte, wie Panik in ihr aufstieg. „Es hieß doch, wir können jederzeit aussteigen.“
„Max!“ Trisha warf ihm einen unheildrohenden Blick zu. „Clarissa geht es beschissen!“
„Was soll ich machen? Der Typ reagiert ja nicht!“
„Das Spiel funktioniert nur als Team, also müssen wir uns einig sein, dass wir aufhören.“
Max, der wohl entschieden hatte, dass Clarissas Gesundheit wichtiger war als der Gewinn, stellte sich ebenfalls vor die Kamera.
In diesem Moment schien auch er es zu spüren. Er hatte Mühe, die Umschläge, die er soeben noch gesichtet hatte, festzuhalten. Er brüllte die Kamera an. Als wieder keine Reaktion folgte, hämmerte er mit den Fäusten gegen die Holztür, die sich aber keinen Millimeter bewegte.
„Max, hör auf“, stammelte Trisha. Sie hatte Mühe, die Augen offen zu halten. Jeder Atemzug und jedes Wort fielen ihr schwer. „Wir dürfen uns nicht verausgaben, sonst geht es nur noch viel schneller.“
„Oh mein Gott, die bringen uns um!“ Aurelie sank gegen die Wand.
„Das kann nicht sein!“ Max, völlig entkräftet von seiner Aktion, lehnte sich ebenfalls dagegen. „Warum sollten die das tun?“
Trisha wusste keine Antwort, auch nicht, ob es mehrere Spielleiter gab. Sie fühlte sich unendlich müde. Der Balken war unter zehn Prozent gefallen und änderte seine Farbe in Rot. Trishas Puls raste und sie hatte Mühe, sich auf den Beinen zu halten. Clarissa rührte sich nicht mehr. Aurelie war leise geworden, hatte aber die Augen noch halb geöffnet. Ihre Atemzüge waren in Schnappatmung übergegangen.
Wieso kam niemand? Dorn musste doch sehen, dass es ihnen schlecht ging. „Wir dürfen nicht einschlafen!“, rief Trisha. „Versucht, wach zu bleiben.“ Was immer das hier war, es war kein Spaß.
„Dieses verdammte Schwein.“ Tobias versuchte aufzustehen, es gelang ihm jedoch nicht und er ließ sich wieder gegen das Regal sinken. Trisha wusste, wenn sie nichts unternahm, würden sie hier drin sterben.
„Max!“, stieß sie hervor. „Wir müssen den Code finden, komm.“
Sie erreichte unter größter Anstrengung die Truhe und begann den Umschlag zu durchforsten. Doch alles, was sie fand, waren Papierbögen mit sinnlosen Zeichen und Symbolen darauf. „Max?“ Sie warf einen Blick zur Seite, aber dieser gab nur einen unverständlichen Laut von sich. Trisha hatte schwarze Blitze vor den Augen. Sie wusste, es war nur eine Frage der Zeit, bis sie das Bewusstsein verlor. Und hier gab es Dutzende von Umschlägen, sie hatte nicht mehr die Zeit, alle zu durchforsten. Offensichtlich hatte sich Max so verausgabt, dass er nichts mehr tun konnte. Tobias schien ebenfalls weggetreten. Trisha spürte, wie die Panik ihren Puls noch weiter beschleunigte. Sie musste versuchen ruhig zu atmen, sonst war sie verloren. Ihr Herz hämmerte immer wilder gegen ihre Brust. Der rote Balken auf dem Display begann zu blinken und sank auf fünf Prozent. Wie viel Zeit blieb ihr? Minuten? Oder waren es nur noch Sekunden? Achtlos schob sie einen Stapel Fotos zur Seite und sah den Boden der Truhe. Ihre letzte Hoffnung schwand, als auch dort nirgends eine Zahlenkombination verzeichnet war. Ihre Kräfte waren aufgebraucht. Geistesabwesend betastete sie den Boden, als ihre Hände einen kleinen, runden Stab berührten. Unter größtmöglicher Anstrengung zog sie ihn hervor und hielt verwirrt eine UV-Lampe in der Hand.
„Oh, mein Gott“, wollte sie hervorstoßen, stattdessen gingen ihre Worte in einem Hustenanfall unter. Die Zahlenkombination musste irgendwo sein. Mit zittrigen Fingern leuchtete sie die Truhe ab und tatsächlich tauchte auf der Innenseite des Deckels etwas auf: 9-4-7. Darunter war in blutroter Farbe ein Wort eingepinselt:
S C H A M
Sie war nicht mehr in der Lage, sich darüber zu wundern, denn sie hatte nur noch einen Gedanken: Raus hier! Die Anzeige verschwamm vor ihren Augen. Der Balken war beinahe bei null angekommen. Von ihren Freunden regte sich keiner mehr. Ihr blieben nur noch wenige Augenblicke. Sie wollte aufstehen, doch ihre Füße gehorchten ihr nicht mehr. Röchelnd und auf allen vieren kroch sie zur Tür. Das Tastenfeld war höchstens einen Meter entfernt, aber die Distanz kam ihr ewig vor. Sie erwartete jede Sekunde, das Bewusstsein zu verlieren. Ihre Lungen zogen sich zusammen. Sie kannte das Gefühl, wenn ihr unter Wasser der Sauerstoff ausging und sie in letzter Sekunde an die Oberfläche schoss. Sie war eine geübte Taucherin, doch dabei war es nie um Leben und Tod gegangen. Sie hatte das Display erreicht. Das Tastenfeld schien sich über ihrem Kopf zu bewegen. Sie streckte den Arm aus, der sich unglaublich schwer anfühlte. Wie war die Kombination gewesen? Ihr Gehirn funktionierte nicht mehr. Sie drückte auf die Neun, anschließend auf die Vier. Wie war die letzte Zahl? Eine Fünf? Nein. Der Druck auf ihrer Brust war nicht mehr auszuhalten. Das Rauschen in ihren Ohren schwoll zu einem Orkan an. Komm schon, Trisha! Sieben? Ja! Sie hob ihren Arm, der sich anfühlte, als würde sie eine Tonne Stahl in die Luft stemmen. Sie drückte die Taste. Im nächsten Augenblick sank sie bewusstlos auf den kalten Steinboden.