Leseprobe Ihr perfekter Mann | Ein psychologischer Thriller über Manipulation und Überleben

Prolog

Mit gleichgültiger Stimme fragte die Empfangsdame erneut: Wer war ich?

Doch das dumpfe Durcheinander in der Notaufnahme des Treliske Hospital in Truro – kein Ort für einen Freitagabend, geschweige denn für die eigene Hochzeitsnacht –, übertönte ihre Stimme.

Ich blickte auf die Uhr an der Wand hinter ihr. Freitag, 24. Juni: 22:33 Uhr.

Unsere Hochzeitsfeier dürfte noch in vollem Gange sein. Ich sollte nicht hier sein, nicht heute. Dieser Tag sollte nicht so enden.

Es ist deine Hochzeitsnacht … Noch vor einer Stunde hast du deinen Traum gelebt.

Und jetzt …

Ich richtete meine Aufmerksamkeit wieder auf die Empfangsdame und versuchte zu sprechen, doch der Schock schnürte mir die Kehle zu.

„Ihr Name?“, wiederholte sie, diesmal lauter.

Verzweifelt starrte ich in ihre emotionslosen Augen. Mein stummer Hilferuf verpuffte ungehört.

Frustriert sah sie auf ihre Uhr, dann auf die unruhige, ungeordnete Warteschlange und machte mir damit deutlich, dass die Zeit drängte. Auch andere brauchten ihre Aufmerksamkeit.

Tränen stiegen mir in die Augen. Heiße, verzweifelte, salzige Spuren der Verwirrung rannen mir über die Wangen. Ich wollte es ihr sagen. Aber …

„Sophie? Antworte ihr doch einfach, bitte!“

Jays genervter Ton erschreckte mich und riss mich aus meiner Erstarrung.

Er wollte gar nicht hier sein. Das hatte er auf dem Weg hierher deutlich gemacht. Er hatte mich beschimpft, weil ich Zeit verschwendete – seine Zeit – und ihm den Abend verdarb.

Wir sollten eigentlich noch unsere Hochzeitsfeier genießen. Aber …

Neue Tränen stiegen auf, als die Realität mich einholte.

Ich konnte den Schrei nicht zurückhalten, als ich auf mein Handgelenk blickte.

„Um Himmels willen, Soph! Es ist nur eine Verstauchung!“, zischte Jay leise, genervt von mir. Von der ganzen Situation.

Ich schluckte den Schmerz hinunter. Es hatte keinen Sinn mehr, zu streiten. Er weigerte sich ohnehin, zu glauben, dass ich verletzt war.

„Sieh dich um“, fuhr er fort, während er gereizt an seiner blassrosa Krawatte zerrte, sie lockerte und den obersten Knopf seines weißen Hemdes öffnete. „Diese Leute brauchen medizinische Hilfe. Wenn du nicht so eine verdammte Dramaqueen wärst, würden wir uns immer noch amüsieren! Was für eine Hochzeitsnacht das geworden ist!“

Ich drehte mich um und fing den fragenden, überraschten Blick einer erschöpften jungen Mutter auf, die ihr schreiendes, hochrotes Kleinkind wiegte.

Benommen ließ ich meinen Blick zu einem älteren Ehepaar wandern, das dort saß. Einer beugte sich zum anderen und flüsterte etwas Unverständliches, dann starrten sie mich beide verwirrt an.

Sie gaffen uns an. O Gott …

Natürlich tun sie das: Du steckst in einem elfenbeinfarbenen Brautkleid mit Mieder, und Jay trägt einen sandfarbenen dreiteiligen Leinenanzug mit Leder-Flip-Flops – wie gemacht für eure perfekte Strandhochzeit.

Mir wurde klar, dass Jay recht hatte. Ich machte mich zum Gespött. Ich hätte niemals so ein Theater machen dürfen. Hätte ich einfach getan, was er gesagt hatte, wäre vielleicht alles gut gewesen. Wir hätten unseren Abend weiter genießen können, anstatt dass ich ihn ruinierte.

Alles ruinierte …

Beschämt wandte ich mich wieder der Rezeptionistin zu, die immer noch darauf wartete, mich aufzunehmen. Ich musste mir eingestehen, dass ich ihre Zeit verschwendet hatte. Doch bevor ich mich entschuldigen konnte, ergriff Jay das Wort.

„Ihr Name ist Sophie Bradley. Mrs Sophie Bradley“, fügte er hinzu.

Es war nicht sein beunruhigend ungewohnter Tonfall, der mich überraschte: Es war der Nachname. Sein Nachname – Bradley – verwirrte mich. Ich hatte meinen Doppelnamen behalten wollen; ich mochte ihn lieber als seinen.

Du bist jetzt seine Frau …

Wie betäubt hörte ich zu, wie er sachlich mein Geburtsdatum und meine Adresse nannte, dann meinen Hausarzt. Mein Leben lag buchstäblich in seinen Händen.

„Und wie hat sich Ihre Frau das Handgelenk verletzt?“, fragte die Rezeptionistin ihn und warf mir einen Seitenblick zu.

Jay setzte sein charismatisches Lächeln auf und zuckte entschuldigend mit den Schultern.

Ich wartete. Mein Herz schlug immer schneller, und ich wusste nicht, was er sagen würde. Über mich. Darüber, wie …

Ich zwang mich, nicht wieder in diese dunklen, gefährlichen Tiefen abzurutschen. Jetzt war weder der richtige Zeitpunkt noch der richtige Ort, um zu hinterfragen, was geschehen war. Ich bezweifelte, dass ich jemals in der Lage sein würde, einen Sinn darin zu erkennen. Es war, als würde ich durch einen Spiegel auf mich selbst in einer anderen Multiversum-Realität blicken; denn dies war nicht mein Leben. Ich erkannte es nicht wieder. Es widerstrebte mir, und egal, wie sehr ich versuchte, es zu durchdringen, ich konnte es nicht wieder so zusammensetzen, wie es einmal gewesen war. Vielleicht fühlte es sich so an, wenn man den Verstand verlor.

Oder vielleicht war ich Alice hinter den Spiegeln, und Logik existierte nicht mehr? Denn was mit mir geschah, ergab keinen Sinn – schon gar nicht heute Abend.

„Der Champagner ist ihr zu Kopf gestiegen“, sagte Jay leise und beugte sich zu ihr hinüber.

Die Rezeptionistin nickte. „Und wie viel Alkohol hat Ihre Frau getrunken?“

Jay zuckte mit den Schultern und zog gleichzeitig die Augenbrauen hoch. Ohne ein Wort zu sagen, stellte er mich bloß.

„Können Sie das schätzen?“, fragte sie.

„Genug, dass sie umfällt und …“

Wie kann er so etwa sagen? Als ob alles meine Schuld wäre …

„Ah, ich verstehe.“

Auf meiner Stirn spürte ich die verräterischen Schweißperlen, und das Blut wich mir aus dem Gesicht. Ich wusste nicht, ob ich gleich ohnmächtig werden oder mich übergeben würde. Vielleicht beides.

Schlagartig wurde mir klar, warum ich in meiner Hochzeitsnacht hier war und meine eigene Feier verpasste.

Die Frau hinter dem Tresen wandte sich mir zu. „Möchten Sie sich hinsetzen?“, fragte sie plötzlich besorgt.

Ich schüttelte den Kopf. „Die Toilette?“, murmelte ich.

„Den Flur entlang links, da ist eine Unisex-Toilette“, erklärte sie.

Bloß nicht übergeben! O Gott … Nicht hier.

Ich sah noch, wie Jay ihr einen bestätigenden Blick zuwarf, dann wandte ich mich ab. Mein Kleid raschelte protestierend bei der plötzlichen Bewegung und meine Flip-Flops klatschten auf den harten, sterilen Fliesenboden. Ich spürte die Blicke – fasziniert, neugierig und wertend –, die auf mir lagen, während ich mich durch den grell erleuchteten Warteraum bewegte.

Ich hielt inne und drehte mich nach Jay um, doch er steckte noch immer in einem verschwörerischen Gespräch mit der Rezeptionistin. Ein Stich durchzuckte mich. Unwillkürlich begegnete ich dem Blick der jungen Mutter. Ihr wissender Ausdruck beschämte mich und machte mir peinlich bewusst, dass es meinem Mann nicht wichtig genug war, mir zu folgen.

Ich fand die Unisex-Toilette und drückte die schwere Tür mit der nackten Schulter auf, den linken Arm schützend an mich gepresst. Unter der unversehrten, inzwischen dunkel verfärbten Haut zeichnete sich der verschobene Knochen deutlich ab, was das unerbittliche Pochen erklärte. Doch ihre Worte übertönten den Schmerz:

„Und wie viel Alkohol hat Ihre Frau getrunken?“

„Genug, dass sie umfällt und …“

Wie konntest du das behaupten, Jay? Wie konntest du lügen?

Saure Galle stieg mir in die Kehle. Ich schloss die Tür hinter mir ab und ging zur Toilette, bevor ich auf dem Boden zusammensackte, ohne mich um mein Kleid zu kümmern.

Ich beugte den Kopf über die Toilettenschüssel, spuckte aus und wartete, bis die Übelkeit nachließ. Dann lehnte ich den Kopf gegen die Wand und atmete flach aus. Ich zitterte am ganzen Körper, während ich dort saß, die Augen geschlossen. Tränen drohten mein perfekt aufgetragenes Make-up zu ruinieren. Frustration, Angst und Panik jagten durch meine Adern und hallten in meinen Ohren wider.

Wie bist du hier im Treliske Hospital gelandet, in deinem Hochzeitskleid und mit einem gebrochenen Handgelenk, Sophie? Wie?

Aber ich wusste es. Genauso wie Jay.

Entgegen seiner Meinung war ich nicht betrunken. Ich hatte mich noch nie in meinem Leben nüchterner gefühlt.

Der Schmerz wurde stärker und zwang mich, erneut auf mein Handgelenk zu sehen, doch meine linke Hand zog meine Aufmerksamkeit auf sich.

„O Gott“, murmelte ich.

Warum hatte ich nicht daran gedacht, sie abzunehmen, als es passiert war?

Ich zerrte und zerrte, kratzte an dem geschwollenen Fleisch, bis die Ringe endlich abgingen.

Ich starrte auf den maßgefertigten silbernen Verlobungsring mit drei sich öffnenden Blütenblättern, in deren Mitte jeweils ein großer Diamant eingefasst war. Jay hatte ihn in der Silver Origins Jewellery Boutique in St. Ives gekauft und mich mit diesem ungewöhnlichen Ring überrascht, nachdem er mir am Porthtowan Beach einen Heiratsantrag gemacht hatte. Ich wusste, dass er der Richtige war, und sagte voller Freude Ja.

Derselbe Juwelier hatte auch unsere passenden silbernen Eheringe angefertigt, mit den acht funkelnden Diamanten, die den Ring umgaben. Jeder Diamant stand für einen Monat, den wir vor unserer Hochzeit zusammen gewesen waren. Jay hatte mich in diesen Monaten vergöttert und mich mit seiner Liebe überhäuft. Ich war alles für ihn. Und noch viel mehr … Zumindest sagte er das.

Und für mich war er es auch. Er war mein Seelenverwandter. Mein bester Freund. Mein Ein und Alles.

Wie konnte er dir das nur antun?

Plötzlich hatte ich das Gefühl, nicht mehr atmen zu können. Ich rang nach Luft und würgte an erstickten Schluchzern. Tränen verschmierten meine Wimperntusche und liefen mir über die Wangen, drohten mein elfenbeinfarbenes Seidenkleid zu verfärben. Nicht dass es mich gekümmert hätte. Nicht jetzt.

So sollte es nicht sein … Nicht in deiner Hochzeitsnacht.

Ich umklammerte die Silber- und Diamantringe fest in meiner rechten Hand, während die Tränen flossen.

Warum siehst du nicht nach mir, Jay? Warum lässt du mich allein, wo ich doch verletzt bin? Und nachdem du mir das angetan hast …

Weitere Tränen rannen mir über das Gesicht, während ich mich mit dieser Frage quälte.

Er hatte mein Handy. Er hatte es mir zuvor zur Aufbewahrung abgenommen, also wusste er, dass ich niemanden kontaktieren konnte. Er war alles, was ich hatte, und er wusste es.

***

Ich wusste nicht, wie lange ich dort saß, bis es leise an der Tür klopfte.

Es tat weh, dass er sich so viel Zeit gelassen hatte, um nach mir zu sehen.

„Mrs Bradley?“, ertönte eine weibliche Stimme.

Enttäuschung breitete sich in mir aus.

„Sophie? Sophie Bradley?“

Ich zögerte. „Ja?“

„Können Sie die Tür aufschließen?“

Irgendwie schaffte ich es, aufzustehen und zur Tür zu gehen. Ich entriegelte das Schloss und trat zur Seite.

Eine zierliche, dunkelhaarige Krankenschwester in blauer OP-Kleidung mit einem Namensschild an einem Band um den Hals streckte den Kopf durch die Tür.

„Sophie?“, fragte sie freundlich und lächelte. „Ich bin Zara, eine der Krankenschwestern hier in der Notaufnahme.“

Ich nickte.

„Das muss höllisch wehtun. Wir röntgen jetzt erst mal Ihr Handgelenk, ja?“

„Wo ist mein Mann?“

Ich hoffte, sie würde sagen, er sei außer sich vor Sorge und habe sie geschickt, um nach mir zu sehen.

Doch ihre Antwort bestätigte genau das, was ich befürchtet hatte.

„Ich glaube, er ist gerade vor dem Krankenhaus und raucht eine Zigarette. Zumindest hat mir das die Rezeptionistin gesagt.“

Ich hörte die Verlegenheit in ihrer Stimme. Sollte er sich nicht eigentlich um mich kümmern?

Bei dem Gedanken, dass er mich vielleicht hier zurückgelassen hatte, verspürte ich einen Anflug von Panik. Ich verzichtete darauf, ihr zu sagen, dass Jay nicht rauchte – ich wollte nicht, dass sie noch mehr Mitleid mit mir hatte als ohnehin schon.

„Sie Arme! Ausgerechnet heute, hm?“, sagte sie mitfühlend. Ihr Blick glitt über mein Kleid, und sie lächelte. „Das ist ein wunderschönes Hochzeitskleid.“

Ich drehte mich zum Spiegel über dem Waschbecken und erkannte mich selbst nicht wieder. Mein Gesicht war fleckig und meine Augen gerötet, geschwollen und mit Lidschatten und schwarzer Wimperntusche verschmiert. Meine langen, blonden Locken hatten sich aus dem kunstvoll gesteckten Knoten gelöst und fiel in wirren, krausen Strähnen herab. Die roten Rosenknospen, die der Friseur so sorgfältig in mein Haar gesteckt hatte, hingen nun schlaff herunter und drohten herauszufallen. Ich starrte auf das Kleid und hasste, wofür es nun stand. Als ich es zum ersten Mal anprobiert hatte, war es perfekt gewesen. So wunderschön. Es hatte mir das Gefühl gegeben, begehrenswert und elegant zu sein. Doch jetzt … Mir schnürte es die Kehle zu, als mir klar wurde, dass ich noch nie so verloren ausgesehen hatte. So erschüttert. So …

Wie konnte das nur passieren?

„Sie sind die erste Braut, die wir hier in Treliske je hatten“, sagte die Krankenschwester, um mich aufzumuntern.

Es half nichts. Weitere Tränen liefen mir über das Gesicht.

Ich konnte an nichts anderes denken als an die Gleichgültigkeit meines neuen Mannes. Ob sie das überraschte, wusste ich nicht. Sie wirkte jedenfalls zu verlegen, um etwas zu sagen.

Sein Eheversprechen klang in meinem Kopf nach:

„Ich, Jay Donald Bradley, nehme dich, Sophie Blair Kennedy, zu meiner Ehefrau, um dich zu lieben und zu ehren, in guten wie in schlechten Zeiten, in Reichtum und in Armut, in Krankheit und in Gesundheit, und dich immer zu lieben und zu schätzen.“

Wie konnte er diese Versprechen brechen?

Ich verstand nicht, wie er sich sieben Stunden nach der Zeremonie so radikal verändern konnte.

Was ist mit dir passiert, Jay? Was ist mit dem Mann passiert, in den ich mich verliebt und den ich geheiratet habe?

„Hey, kommen Sie. Es bringt Unglück, in der Hochzeitsnacht zu weinen. Alles wird gut.“

Ich hätte sie am liebsten angeschrien. Ich bin verletzt im Krankenhaus und verpasse meine Hochzeitsfeier. Das bekomme ich nie wieder zurück. Niemals! Wie soll das also jemals wieder gut werden? Und schlimmer noch, mein Mann hat mich allein und voller Schmerzen zurückgelassen. Und er …

„Wir sollten Ihr Handgelenk jetzt röntgen lassen“, drängte sie.

Ich riss mich von meinem Spiegelbild los und wandte mich ihr zu. „Können Sie die für mich aufbewahren? Damit sie sicher sind, bis …“ Meine Stimme brach, als ich meine Handfläche öffnete und ihr die Ringe zeigte.

„Natürlich“, antwortete sie. „Ich werde sie an einem sicheren Ort aufbewahren, bis Sie entlassen werden.“

Ich nickte.

„Sobald wir sicher sind, dass Ihr Handgelenk gebrochen ist, wird der Arzt etwas gegen Ihre Schmerzen tun und Ihnen einen Gips anlegen. Und ein heißer Tee mit zwei Stück Zucker wirkt Wunder. Glauben Sie mir“, versicherte sie mir. „Ich mache Ihnen einen in einer richtigen Tasse, nicht dieses lauwarme, fade Zeug aus den Automaten. Okay?“ Sie hielt mir die Tür auf.

Ich zwang mich zu einem dankbaren Lächeln. „Danke“, murmelte ich.

„Das ist das Mindeste nach allem, was passiert ist, meine Liebe.“

***

Ich wartete darauf, dass Jay etwas sagte – irgendetwas –, aber er scrollte weiter durch sein Handy und ignorierte mich.

„Kannst du mir bitte meins geben?“, fragte ich.

Keine Reaktion.

„Jay?“, wiederholte ich eindringlicher.

Er hatte kein Wort mehr mit mir gesprochen, seit er nach dem Röntgen zu mir in den kleinen Raum gekommen war, während ich darauf wartete, dass ein Arzt die Verletzung untersuchte. Und er hatte sich auch nicht dafür entschuldigt, mich allein gelassen zu haben.

Ich blickte mich in dem schummrigen Raum um und betrachtete die anderen leeren Stühle.

„Jay?“, wiederholte ich.

„Was?“, fuhr er mich an.

„Mein Handy?“

Er sah mich an, als hätte er keine Ahnung, wovon ich sprach.

„Du hast vorhin mein Handy genommen. Du hast es in deine Jacke gesteckt. Erinnerst du dich?“

Er schüttelte den Kopf.

„Jay? Im Ernst? Gib mir mein Handy zurück! Meine Mutter macht sich bestimmt Sorgen.“

„Ich habe dein verdammtes Handy nicht, klar?“

„Ich habe doch gesehen, wie du es in deine Jacke gesteckt hast“, erwiderte ich und geriet langsam in Panik.

Er ignorierte mich.

„Jay? Du hast mir versprochen, dass du darauf aufpasst?“

„Ich kann kein Wort glauben, das aus deinem Mund kommt.“

„Was?“, stammelte ich. „Wie kannst du so etwas sagen?“

„Weil du eine verdammte, betrunkene, alte Schlampe bist! Deshalb.“

Seine Worte versetzten mir einen Stich ins Herz. Ich starrte ihn ungläubig an. „Wie hast du mich genannt?“

„EINE VERDAMMTE, BETRUNKENE, ALTE SCHLAMPE!“, schrie er.

Geschockt stiegen mir Tränen in die Augen. Ich hatte Jay noch nie so sprechen hören. Wie konnte er nur solche unsäglichen, hasserfüllten Worte sagen?

Zu mir. Über mich. Mich. Seine neue Frau.

Und hätte er das auch vor anderen Leuten gesagt?

Toms unheilvolle Worte von gestern Abend kamen mir wieder in den Sinn: „Bist du dir sicher, dass du ihn heiraten willst?“

Was wusste Tom über Jay, dass er mir so eine Frage stellte?

„Dein Trauzeuge hat mich vor dir gewarnt“, sagte ich, ohne nachzudenken.

„Er hat was? Das ist hoffentlich nur ein Scherz!“, knurrte Jay.

Verlegen blickte ich auf, als Zara, die Krankenschwester, die mich zum Röntgen gebracht hatte, den Raum betrat.

„Sophie? Ich habe Ihre Ergebnisse.“

„Wurde auch Zeit. Können wir jetzt nach Hause gehen?“, fragte Jay.

„Kommen Sie bitte hierher, Mr Bradley“, wies die Krankenschwester ihn an, während sie das Röntgenbild an den Leuchtkasten hielt. Sie schaltete das Licht ein und beleuchtete die Knochen in meiner linken Hand und meinem linken Arm.

Ich nahm den eisigen Ton in ihrer Stimme wahr.

Nicht dass es Jay gestört hätte. Es war ihm egal, was andere von ihm dachten.

Er seufzte genervt und stand auf. Seine Augen waren geschwollen und blutunterlaufen, die Weste halb aufgeknöpft, die Krawatte saß schief und locker, und er trug die zerknitterte Jacke unter dem Arm. Sein zerzaustes Aussehen verriet mir, dass er einen Kater haben musste, wenn man bedachte, wie viele Schnäpse er zuvor an der Bar gekippt hatte.

„Ich hab doch gleich gesagt, es ist nichts gebrochen. Verdammte Zeitverschwendung und verdammte Hochzeit!“, erklärte er.

„Tatsächlich hat Sophie zwei schwere Brüche im Handgelenk. Hier und hier“, sagte die Krankenschwester mit Nachdruck.

Er sagte nichts. Doch der kurz aufblitzende Ärger in seinen Augen sprach Bände.

Ich wartete auf eine Entschuldigung oder zumindest ein Eingeständnis, dass ich tatsächlich verletzt war. Nichts.

Du hast mir das angetan … In unserer Hochzeitsnacht. Wie kannst du nur so ohne Reue sein?

Er verschränkte die Arme und sah die Krankenschwester an. „Und jetzt?“

„Wir müssen den Knochen richten und einen Gips anlegen“, sagte Zara. Dann wandte sie sich mir zu. „Aber zuerst muss der Arzt Ihr Handgelenk betäuben. Okay?“

Ich nickte.

„Ich kann bei Ihnen bleiben, wenn Sie wollen.“

„Danke“, sagte ich und wich Jays finsterem Blick aus.

Ich hatte keine Angst. Nicht hier. Nicht jetzt. Aber ich hatte schreckliche Angst davor, was passieren würde, wenn wir in die Hochzeitssuite gingen, die wir gebucht hatten. Denn ich würde als Ehefrau eines Mannes zurückkehren, den ich nicht kannte. Eines Mannes, der mir noch vor wenigen Stunden geschworen hatte, mich für immer zu lieben und zu ehren.

Mich zu beschützen.

Ich hatte das Gefühl, mich nur noch mit Mühe an meiner geistigen Gesundheit festzuklammern. Jay hatte alle davon überzeugt, dass er der perfekte Partner war. Und bis vor wenigen Stunden hatte er auch mich davon überzeugt.

Wie konntest du in deiner Hochzeitsnacht mit einem doppelten Bruch deines linken Handgelenks im Treliske Hospital landen? Wie war das möglich? Wie konnte dein Ehemann, mit dem du buchstäblich erst seit acht Stunden verheiratet bist, dir das antun?

Geschockt starrte ich auf das Röntgenbild, und nur eine Frage ging mir durch den Kopf: Wen hatte ich geheiratet?

Teil eins

„Wir leben in einer Fantasiewelt, einer Welt der Illusionen. Die große Aufgabe im Leben besteht darin, die Wirklichkeit zu finden.“

Iris Murdoch

Teil zwei

„Hass ist bei weitem das längste Vergnügen.
Menschen lieben schnell, aber sie hassen in aller Ruhe.“

Lord Byron, Don Juan