Leseprobe Geisterhafte Gäste | Ein Paranormal Cosy Crime

Kapitel eins

„Noch zwei Fledermäuse, dann reicht es, glaube ich“, sagte ich zu mir selbst, während ich der Dekoration des Buchladens den letzten Schliff verpasste. Meine Freundin Misty, der der Buchladen gehörte, hatte beschlossen, heute Abend eine Halloween-Party zu geben, mit Kostümen und Gruselgeschichten und dem ganzen Drum und Dran. Unglücklicherweise – oder eher glücklicherweise – war der Laden in letzter Zeit immer rappelvoll gewesen und Misty hatte keine Zeit zum Dekorieren gefunden. Deshalb war ich eingesprungen und hatte den Tag damit verbracht, orangefarbene Glitzergirlanden oben an den Regalen anzubringen, grüne und violette Ballons aufzublasen sowie mit von der Decke hängenden Pailletten-Fledermäusen gezielte Akzente zu setzen. Ich lehnte mich auf der Leiter zurück und bewunderte meine Arbeit. Gar nicht schlecht. Vielleicht doch noch eine Fledermaus? Ich beugte mich vor und schnappte mir einen weiteren Flattermann.

Plötzlich erregte ein leises Miauen unter mir meine Aufmerksamkeit.

Ich sah auf die schwarze Katze hinab, die unter der aufgestellten Stehleiter stand.

„Wo kommst du denn her?“, fragte ich, während ich die Schnur der Fledermaus-Deko mit einem Stück Klebeband am aufwendig geschnitzten Holzrahmen über der Tür befestigte. Die Fledermaus baumelte in der perfekten Höhe.

„Ist dein Herrchen oder dein Frauchen hier irgendwo?“ Ich schaute wieder zur Katze, die mit skeptischem Blick die Dekorationen betrachtete. Wahrscheinlich würde sie nichts lieber tun, als sie mit der Pfote anzustupsen.

Natürlich antwortete sie nicht, doch um ehrlich zu sein, hätte mich auch das nicht überrascht. Wenn man in einer verzauberten Stadt lebt, muss man mit allem rechnen. Gerade ich sollte das wissen. Ich spürte das Gewicht des Tigeraugen-Anhängers auf meiner Brust. Die magische Kette war ein Familienerbstück und ermöglichte es mir, mich selbst in eine Katze zu verwandeln.

„Weißt du“, rief Misty zu mir herüber, nachdem sie gerade abkassiert und der Kundin ein schönes Halloween gewünscht hatte, „es bringt Unglück, wenn eine Katze so unter einer Leiter liegt.“

„Ach, sei still“, erwiderte ich. „Als ob dieses putzige Tierchen mich verfluchen könnte.“ Kaum waren die Worte über meine Lippen gekommen, rauschte Tante Thelma in den Buchladen und lief direkt gegen die Leiter. Die unerwartete Wucht des Aufpralls riss mir die Leiter unter den Füßen weg, ich stürzte nach vorne und ich klammerte mich am Türsturz fest, um nicht zu fallen. Die Leiter krachte auf den Ausstellungstisch und stieß dabei einen dekorativen, blubbernden Kessel um. Wasser ergoss sich auf den Boden und ließ die Katze mit einem missbilligenden Fauchen davonhuschen.

„Rettet die Bücher!“, rief Misty, zog eine Rolle Küchenpapier unter dem Tresen hervor und stürzte auf den Ausstellungstisch zu. Da meine Füße nicht allzu hoch über dem Boden baumelten, konnte ich mich einfach loslassen und Misty zu Hilfe eilen. Gemeinsam hielten wir das Wasser so gut wie möglich von den Büchern fern, während Tante Thelma die Leiter wieder aufstellte und mit ihrem Schal die Buchumschläge trocken tupfte. Misty lief nach hinten ins Lager und kam mit einigen Handtüchern wieder, mit denen wir alles sorgfältig abtrockneten. Glücklicherweise war das meiste Wasser auf den Boden geflossen.

Tante Thelma berührte meinen Arm und öffnete den Mund – ich vermutete, dass sie fragen wollte, ob es mir gut ging –, doch heraus kam nur ein lautes Quaken.

Sie fasste sich mit der Hand an den Hals, hustete einmal und schüttelte dann den Kopf.

„Was wolltest du sagen?“, fragte ich.

„QUAK“, versuchte sie es erneut. Dann gab sie ein tiefes Quaken von sich, gefolgt von einem krächzenden.

Misty erstarrte auf dem Weg, die feuchten Handtücher nach hinten zu bringen. „Was um alles in der Welt?“

Tante Thelma quakte, dann gab sie einen platschenden Laut von sich, gefolgt von einem erneuten tiefen Quaken. Ihre Augen hatte sie weit aufgerissen und sie wedelte wild mit den Armen.

Ich berührte ihr Handgelenk und lehnte mich zu ihr hinüber, in der Hoffnung, sie dadurch zu beruhigen. „Bist du verhext worden?“

Tante Thelma warf die Hände in die Luft, als wollte sie sagen, dass sie keine Ahnung hatte. Die Einkaufstüten von verschiedenen Läden des Village Squares rutschten von ihren Handgelenken zu ihren Ellbogen hinauf. Sie musste sich einmal quer durch das Einkaufsviertel geshoppt haben, denn ich erkannte die Tüten von der Bäckerei, dem Kerzenladen und dem Kurzwarengeschäft.

„Nun, wenn es ein Zauber ist, dann kann man ihn schnell umkehren.“ Misty schaute mich erwartungsvoll an, doch ich würde es nicht einmal versuchen. Das letzte Mal, als jemand im Buchladen verhext worden war, hatte das kein gutes Ende genommen. Darüber hinaus führte die Hälfte meiner Zaubereiversuche sowieso zu Katastrophen. Ich wollte nicht riskieren, Tante Thelma dauerhaft in einen Frosch zu verwandeln.

Da sie meinen Widerwillen offenbar bemerkt hatte, ließ Misty die Handtücher fallen, zog ihren Zauberstab heraus und deutete damit auf die Brust meiner Tante.

Ich kniff die Augen zu. Wenn das hier schiefging, wollte ich es zumindest nicht mit ansehen müssen.

Misty räusperte sich und sprach laut den universalen Gegenzauber aus: „Tixie!“

Ein kurzer Windstoß rauschte auf Tante Thelma zu, doch das war alles, was ich hörte. Kein Keuchen, keine Panikschreie oder allgemeines Chaos – zumindest noch nicht. Langsam öffnete ich erst ein Auge, dann das andere.

Tante Thelma stand vor mir und sah so aus wie immer.

„Nun?“ Misty schaute Tante Thelma auffordernd an, den Zauberstab in der Hand, die sie in die Hüfte gestemmt hatte.

Tante Thelma öffnete den Mund.

Ich drückte meine Daumen.

„QUAK.“ Der tiefe Laut purzelte ihr über die Lippen.

Sie ließ die Schultern hängen.

Mir rutschte das Herz in die Hose. „Was bedeutet das?“, fragte ich die beiden.

„Ich weiß nicht“, erwiderte Misty und zog nachdenklich die Augenbrauen zusammen. „Es könnte ein Fluch sein.“

Ich blickte meine Tante an. „Seit wann quakst du schon?“

Sie hob einen Finger.

„Seit einem Tag?“, riet ich. Ich war ihr heute Morgen in dem Hotel, das sie besaß und das ich leitete, noch nicht begegnet. Es wäre also möglich, dass sie schon so aufgewacht war.

Sie schüttelte den Kopf.

„Seit einer Stunde?“, probierte ich es erneut.

Tante Thelma schnaufte frustriert und ging zum Kassentresen hinüber. Misty folgte ihr und suchte Stift und Papier für sie heraus.

Ich ging ebenfalls zum Tresen.

Gerade jetzt erst, kritzelte sie auf das Papier, dann: Ich gehe zur Teestube rüber.

„Gute Idee, Clemmie wird wissen, was zu tun ist.“ Die beste Freundin meiner Tante verkaufte einen Haufen Kräuterheilmittel in ihrem Laden Sit for a Spell. Vielleicht hätte sie auch etwas gegen Froschflüche. Und wenn nicht: Bestimmt wüsste sie zumindest, wie man dem Fluch entgegenwirken oder wen man anrufen könnte.

„Viel Glück“, sagte ich mit einem schmalen Lächeln. „Ich komme gleich rüber und sehe nach dir.“

Tante Thelma nickte und quakte, ehe sie ging. Ich schaute ihr nach, bis sie durch die Tür verschwunden war, und hoffte, dass Clemmie wirklich wüsste, was zu tun wäre.

„Hast du Fluch gesagt?“. Die Stimme von Percy, dem Poltergeist des Mystic Inns, erklang auf einmal direkt an meinem Ohr. Sein kalter Atem, der plötzlich über meinen Nacken strich, erschreckte mich. „Was weißt du darüber?“

Ich schlug mir eine Hand auf die Brust. „Himmel, Percy, du musst wirklich damit aufhören!“ Einen Moment lang atmete ich tief durch, um mein rasendes Herz zu beruhigen, und schaute Percys transparente Erscheinung an. „Was machst du überhaupt hier?“ Ich rieb mit dem Handballen über mein Schlüsselbein. Percys unangekündigtes Auftauchen verursachte langsam wirklich Schmerzen in meiner Brust und ich war überzeugt, dass er mich irgendwann noch ins Grab bringen würde.

Percys Aufmerksamkeit war jedoch schon weitergewandert. Er war zu einem Regal hinübergeschwebt und betrachtete die Bücherrücken. Seine Augen huschten über die Buchstaben, während er die Titel las.

Ich ging zu ihm hinüber. „Was ist denn los mit dir?“ Erst hat er damit angefangen, Fliege und Sakko zu tragen, und jetzt verbrachte er immer mehr Zeit außerhalb des Hotels. Tatsächlich hatte ich ihn noch nie zuvor im Buchladen gesehen. Normalerweise war er immer im Hotel geblieben, um mich zu Tode zu erschrecken.

Percy ignorierte meine Frage. „Ich muss etwas über Flüche herausfinden, und das schnell. Also, was weißt du?“ Der Poltergeist kam ganz dicht an mein Gesicht, sein Blick bohrte sich in meinen.

Ich lehnte mich zurück und schaute ihn an, als könnte ich sein Gehirn genauso durchschauen wie den Rest seiner Erscheinung. Doch was auch immer Percy beschäftigte – er wollte es offenbar nicht mit mir teilen.

„Komm schon, Jelly. Ich habe keine Zeit!“ Er wirkte gequält.

„Percy, was ist los? Geht es dir gut?“ Ich streckte die Hand aus, als könnte ich sie auf seinen Arm legen und ihn damit trösten.

„Ach, vergiss es. Ich frage jemand anderes.“ Percy schnaufte, war mit dem nächsten Wimpernschlag verschwunden und ließ mich völlig verwirrt zurück.

„Okay, dann halt nicht.“ Ich drehte mich um, um zu sehen, ob Misty oder sonst jemand Percys eigenartiges Verhalten bemerkt hatte.

Doch Mistys Aufmerksamkeit war anderweitig in Beschlag genommen und alle anderen schienen mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt zu sein.

Ich seufzte und fragte mich, warum Percy etwas über Flüche erfahren wollte. Dann dachte ich an Tante Thelma – hingen diese beiden Dinge vielleicht zusammen? Auch wenn ich den Gedanken verwerfen wollte, konnte ich nicht verhindern, dass ein gewisses Unwohlsein in mir aufstieg und sich tief in mir festsetzte. Hatte Percy Tante Thelma irgendwie verflucht? Er war zwar spitzbübisch und liebte Streiche, doch er hatte sich an noch nicht einem Tag seines Lebens als Geist mit meiner Tante angelegt. Vielleicht wusste er aber auch, wer es gewesen war. Das erschien mir plausibler, doch ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, wer so etwas tun würde. Eine Sache stand fest: In meiner verschlafenen, magischen Kleinstadt war nicht alles so, wie es schien.

Darauf verwettete ich meinen Zauberstab.

Allerdings könnte ich nichts dagegen unternehmen. Zumindest gerade jetzt nicht. Wir hatten eine Party vorzubereiten.

Ich widmete mich erneut meiner Halloween-Dekoration, betrachtete mein Werk und musste zugeben, dass der Laden wirklich gut aussah. Trotz des Wasserfiaskos war Spellbinding Books jetzt die perfekte Partylocation. Die Dekoration war glitzerig und gruselig. Die beste Kombination für eine familienfreundliche Party.

Da ich diesen Punkt jetzt von meiner To-do-Liste streichen konnte, beschloss ich, dass es an der Zeit war, mein Kostüm vom Laden um die Ecke abzuholen. Ich hatte einen dunkelroten Samtumhang sowie ein Weidenkörbchen bestellt, um mich als Hauptfigur der Gruselgeschichte zu verkleiden, die ich als Kind am liebsten gemocht hatte: Rotkäppchen. Das Kostüm erschien mir perfekt für eine Halloween-Party in einem Buchladen. Oder zumindest hatte ich das gedacht, bis ich Mistys Regency-Ballkleid gesehen hatte. Meine beste Freundin hatte beschlossen, ihr Kostüm solle eine Hommage an Elizabeth Bennet aus Stolz und Vorurteil werden. In dem Ballkleid mit der hohen Taille, dem Karree-Ausschnitt, den Puffärmeln und dem spitzenbesetzten Rock sah Misty aus, als wäre sie direkt einem Regency-Liebesroman entstiegen.

Ich blinzelte überrascht, während ich ihr Outfit betrachtete. „Du siehst unglaublich aus!“

„Ach, dieses alte Ding?“, scherzte Misty und zupfte einen unsichtbaren Fussel von ihrer Schulter. „Glaubst du, es wird Mr. Darcy gefallen?“

„Wenn er Peter auch nur im Geringsten ähnelt, bin ich mir da ganz sicher“, sagte ich und zwinkerte ihr zu. Peter war der Besitzer des Zauberstabladens Sticks und Mistys Freund.

„Hoffen wir es mal“, sagte Misty und nestelte am Ausschnitt herum. „Ich habe keine Ahnung, wie Frauen jeden Tag solche Kleider tragen konnten.“

„Ich auch nicht, Süße, ich auch nicht.“

Misty nahm ein Paar lange, weiße Satinhandschuhe vom Tresen und streifte sie bis über ihre Ellbogen.

„Wo wir gerade von Kostümen sprechen“, sagte ich dann, „ich muss meins noch abholen. Bin gleich wieder da. Ich werde zwar auf keinen Fall so fantastisch aussehen wie du, komme aber trotzdem wieder.“

„Ach, sei doch still. Ich bin sicher, dass dein Umhang total niedlich aussehen wird!“

„Du weißt, was ein Mädchen hören will“, scherzte ich, winkte ihr zu und schlüpfte aus dem Laden, ehe sie etwas erwidern konnte.

Die Sonne ging bereits unter und tauchte den Himmel in satte Orange- und Violetttöne. Die Luft war recht frisch, was nach den heißen, sonnigen Tagen eine willkommene Abwechslung war. Aber so war das im Süden: Jedes Mal, wenn man dachte, die Hitze wäre endlich überstanden, kam sie noch einmal mit Macht zurück. Als weigerte sich der Sommer, dem Herbst das Feld zu überlassen.

Ich schaute mich um, sah, wie die ersten kleinen Süßigkeitensammler von Tür zu Tür gingen, und grinste breit. Halloween in Silverlake war wirklich die magischste Zeit des Jahres. Da konnten die Sterblichen ihr Weihnachten gern behalten. Ich würde Süßigkeiten, Kostüme und Magie jederzeit vorziehen. Sorry, Santa.

Als ich noch klein war und meine Mutter noch lebte, hatte sie mir immer die ausgefallensten Halloween-Kostüme gebastelt. Ob nun als wunderschöner Schmetterling mit metallisch glänzenden Flügeln oder im Kleid der Kürbisprinzessin, das sie mit einem im Mondlicht silbern schimmernden Faden genäht hatte – wenn ich hinausgegangen war, um Süßigkeiten zu sammeln, hatte ich mich immer gefühlt wie die Halloween-Königin.

Jetzt als Erwachsene wurde mir bewusst, wie viel Liebe sie in jedes Kostüm gesteckt und dass genau diese Liebe die Verkleidung so besonders gemacht hatte. Wegen der ich mich so besonders gefühlt hatte, wenn ich die Kostüme angezogen hatte.

Meine Gedanken spazierten gemächlich die bittersüße Erinnerungsstraße hinab, als ich um die Ecke bog und abrupt stehenblieb.

Vance kam direkt auf mich zu.

Man könnte vielleicht meinen, dass ich mich darüber freute, meinen Exfreund zu sehen, mit dem ich seit Kurzem wieder befreundet war – doch nur, wenn man nicht wusste, was am letzten Abend des Herbstfestes passiert war. Und gerade in diesem Moment hatte ich nicht die mentale Kapazität, darauf einzugehen.

Ich erstarrte wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Dann, endlich, erinnerte ich mich, wie man seine Füße benutzte, und floh in den nächsten Laden. Rein zufällig war es Mix it Up!, der Trankladen.

Ich musste wild aussehen, denn Connie, die Ladenbesitzerin, kam auf mich zugeschossen.

„Ist alles in Ordnung?“ Sie legte mir wie zur Beruhigung eine Hand auf den Arm und musterte mein Gesicht.

„Was?“ Ich warf einen Blick über die Schulter, um sicherzugehen, dass Vance mich nicht gesehen hatte. Ein paar Süßigkeitensammler waren ebenfalls in die Straße gekommen und Vance war stehengeblieben, um sich mit einer jungen Familie zu unterhalten. Ich beobachtete ihr freundliches Schwatzen.

Einen Moment später erst fiel mir wieder ein, dass Connie noch bei mir stand und wahrscheinlich eine Antwort erwartete.

„Oh, ähm …“, stammelte ich, während mein Verstand raste, um eine halbwegs glaubwürdige Erklärung für mein fahriges Auftreten zu erfinden.

Connie hob die Augenbrauen.

Ich räusperte mich. „Es geht mir gut, wirklich. Ich habe mich nur vor etwas erschrocken.“

Connie blickte über meine Schulter aus dem Fenster. Ich folgte ihrem Blick. Vance winkte den Kleinkindern, die als Ballerina und Dinosaurier verkleidet waren, zum Abschied zu und schenkte den Eltern ein warmes Lächeln, ehe er seinen Weg die Straße entlang fortsetzte.

„Ich verstehe.“ Connies Mundwinkel zuckten, dann lächelte sie.

Ich wich vor dem Fenster zurück und wünschte mir, der Boden würde sich auftun und mich verschlucken.

Doch natürlich tat er das nicht. Connie aber war gnädig genug, nicht nachzubohren. Den Sternen sei Dank für derlei kleine Gefälligkeiten.

„Wäre es denkbar, dass ich dich für einen Beruhigungstrank interessieren kann … Oder einen Liebestrank?“, fügte Connie dann mit verschmitztem Lächeln hinzu.

Nun, vielleicht war sie doch nicht so gnädig.

Ich war mir sicher, dass ich von der Nasenspitze bis hinab zu den Zehen errötete. „Nein, wirklich, alles in Ordnung. Danke dir.“ Mit zwei großen Schritten in den Laden hinein brachte ich so viel Abstand zwischen mich und Vance, wie mir nur möglich war. Zu meiner Rechten erregte die Wand mit den Kesseln meine Aufmerksamkeit. Tante Thelma besaß einen Kessel, doch ich hatte selbst nie einen für mich haben wollen. Vielleicht war es an der Zeit, das zu ändern, schließlich war ich nicht länger eine widerwillige Hexe. Und sicher, meine Zauber gingen häufiger schief, als sie es nicht taten, aber vielleicht hatte ich ja mehr Glück mit Zaubertränken? Einen Versuch wäre es wert.

„Wie ist es mit Kesseln? Worauf sollte eine Anfängerin achten?“ Ich ging zur beeindruckend bestückten Regalwand hinüber. Connie hatte ihr Angebot erweitert – und es war vorher schon bemerkenswert gewesen. Über verschiedene Größen hinaus bot Connie nun auch Kessel unterschiedlicher Materialien an.

„Ist das Kupfer?“

„Richtig, aber diese eignen sich eher dafür, Kräuter oder Weihrauch zu verbrennen, nicht für Zaubertränke. Das Metall könnte die Flüssigkeit verunreinigen.“ Connie betrachtete mich einen Moment lang, während sie sich mit dem Finger auf die Lippen tippte. „Ich nehme doch an, dass du an Zaubertränken arbeiten willst?“

Ich nickte.

„Dann würde ich dir diesen hier empfehlen.“

Sie trat zur Wand, ergriff den gebogenen Metallhenkel eines mittelgroßen Kessels und reichte ihn mir. Das gute Stück war aus Gusseisen, hatte etwa die Größe eines ordentlichen Suppentopfes und besaß drei gebogene Kesselbeinchen. Ich nahm den Kessel entgegen und betrachtete ihn von allen Seiten, ohne wirklich zu wissen, wonach ich suchte. Das Teil erschien mir stabil und groß genug.

„Gefäß und Beinchen wurden in einem Guss gefertigt“, erklärte Connie und drehte den Kessel in meiner Hand, sodass ich sehen konnte, was sie meinte. „Also musst du dir keine Sorgen machen, dass er an einer Anschlussstelle ausläuft. Die genieteten Kessel sind immer undicht.“

Ich nickte einfach noch einmal, weil ich noch nie etwas davon gehört hatte.

„Brenn den Kessel einfach gut ein, wie du es mit einer neuen Gusseisenpfanne tun würdest, dann kannst du ihn sofort benutzen.“

„Mit Öl und Salz?“

„Genau so, Ma’am.“

„Okay, dann nehme ich ihn.“

„Hervorragend. Ich lege noch mein neues Buch dazu, dann kannst du gleich loslegen!“

Connie hatte vor Kurzem erst ein Buch über Zaubertränke herausgebracht. Mein Blick war in Mistys Buchladen ein paar Mal daran hängen geblieben, doch ich hatte bisher keine Gelegenheit gehabt, wirklich reinzulesen.

„Das wäre wunderbar!“

Connie kassierte ab und ich ermahnte mich innerlich, dass ich wirklich losmusste. Doch da fragte Connie, ob ich sonst noch etwas bräuchte, und mir fielen plötzlich Tante Thelma und Percys seltsames Verhalten ein.

„Du weißt nicht zufälligerweise etwas über Froschflüche, oder?“, fragte ich.

„Wie kommst du darauf?“

„Nun. Tante Thelma ist vorhin in den Buchladen gekommen und hat mit einem Mal angefangen, zu quaken. Sie hat keine Ahnung, woran das liegt. Misty hat einen Gegenzauber versucht, aber …“ Ich zuckte nur mit den Schultern.

„Hm. Flüche können verzwickt sein. Weißt du, ob sie vor Kurzem irgendein neues Schmuckstück gekauft hat?“

„Ich bin nicht sicher.“ Instinktiv griff ich nach meinem Tigeraugen-Anhänger und rieb über den glatten Stein.

Connie lächelte bei dem Anblick.

Ich ließ das Amulett los. „Sie hatte ein paar Einkaufstüten dabei, ich könnte sie danach fragen.“

„Da solltest du anfangen. Flüche und Schmuck gehen gerne einmal Hand in Hand. Eigentlich gilt das für allen möglichen Tüdelkram und kleine Artefakte. Vielleicht hat sie heute irgendetwas gekauft.“

„Gute Idee, danke dir.“

„Und sag mir auch gern Bescheid, wenn du deine Meinung über diesen Liebestrank änderst. Ich könnte dafür sorgen, dass Vance dir innerhalb von Sekunden aus der Hand frisst.“

Ich stolperte über meine Worte, dass es überhaupt nicht so wäre, wie es aussah.

Connie lachte nur. „Ich habe gesehen, wie ihr beide euch auf dem Ball beim Herbstfest angeschaut habt.“

Ihre Bemerkung raubte mir den Atem, denn verdammt noch mal, es hatte einen Moment auf diesem Ball gegeben. Einen Moment, den ich seitdem zu vergessen versuchte.

„Keine Sorge“, sagte Connie schnell, „dein Geheimnis ist bei mir sicher.“

Ich machte den Mund auf, um zu protestieren, murmelte jedoch nur ein lahmes Dankeschön und wünschte ihr ein fröhliches Halloween, ehe ich den Laden verließ.

Davor schloss ich die Augen und atmete einmal tief durch. Der Ball beim Herbstfest. Ich verzog das Gesicht, während ich mich an jenen schicksalsträchtigen Abend erinnerte …

***

Ich war noch immer wie berauscht davon, dass ich das Herbstfest so reibungslos über die Bühne gebracht hatte. Sicherlich, die Wochen der Vorbereitung waren ein Albtraum gewesen und die Dinge hatten bisweilen ziemlich auf der Kippe gestanden, aber das Fest selbst war ein riesiger Erfolg. Der Umsatz war spektakulär, mehr noch als erwartet, weil an beiden Tagen die Besucher nur so in unsere kleine Stadt geströmt waren. Meine Freunde hatten mir erzählt, dass die Verkäufe durch die Decke gegangen waren. Vielleicht hatte es sogar ausgereicht, jeden Laden wieder in die schwarzen Zahlen zu bringen und ihren Besitzern Hoffnung für die Zukunft zu geben. Silverlake war wieder in aller Munde – aber aus den richtigen Gründen, trotz allem, was Mord und Chaos anzurichten versucht hatten.

Misty, Vance, Peter und ich feierten am letzten Abend des Festes im Wishing Well Park. Witches Highway, die auf der Bühne performten, hatten die Menge angeheizt. Misty und ich tanzten uns die Seele aus dem Leib, während Peter und Vance uns mit amüsiertem Wohlwollen dabei zusahen. Fürs Protokoll: Ich kann ums Verrecken nicht tanzen. Jeder, der uns zusah, und das taten einige – einschließlich Mrs. Potts, meiner ehemalige Grundschullehrerin sowie ihre Schmorschwestern –, mussten wohl denken, dass wir betrunken waren. Aber ich schwöre: Das einzige, womit wir uns berauscht hatten, waren Apfelwein und Kesselmais.

Dann stimmte Witches Highway einen langsameren Song an.

Und ehe ich mich versah, lag ich in Vances Armen, seine rechte Hand an meiner Taille, seine linke mit meiner verschränkt. Wir passten zusammen, wie zwei Teile eines Puzzles, während wir uns im Takt wogen.

„Geh mit mir aus.“ Die Worte kamen in einem Schwall aus Vance’ Mund und brachten mich krachend auf den Boden der Tatsachen zurück.

Die neue, mutige Angelica wollte Ja sagen. Sie wollte die Vorsicht in den Wind schlagen und der Sache mit Vance noch eine Chance geben. Denn, verdammt noch mal, ich hatte immer noch Gefühle für ihn und manchmal, wenn ich mit meinen Gedanken allein und absolut ehrlich mit mir war, wollte ich ihn so sehr zurückhaben, dass mein Herz schmerzte.

Und das machte mir Angst.

Wie verzweifelt ich mich seinetwegen fühlte.

Ich konnte mich einfach nicht von seinen Versprechungen davontragen lassen und zerstört zurückbleiben, wenn er erneut entschied, die Sache zu beenden.

Also erklärte ich ihm mit geradem Rücken und erhobenem Kopf, dass ich das für keine gute Idee hielt und es wohl besser wäre, wenn wir Freunde blieben. Doch als der Song endete und wir auseinandertraten, konnte ich das Gefühl nicht abschütteln, dass ich einen schrecklichen Fehler gemacht hatte.

Das war fast zwei Monate her.

Ich dachte den ganzen Weg vom Kostümshop zum Buchladen zurück über Vance nach, doch die Gedanken waren wie weggewischt, als ich Spellbinding Books betrat.

Es war ein herrliches Chaos, aber Misty hatte alles unter Kontrolle. Sie wies ihren Mitarbeitern deren Posten zu, während die Gäste eintrudelten.

Die Dekoration sah toll aus, einschließlich des Kessels, den Misty außerhalb der Reichweite der Bücher platziert hatte. Mit den batteriebetriebenen LEDs und dem überquellenden Dampf des Trockeneises gab er dem Ganzen noch den letzten Schliff.

„Netter Kessel“, sagte Misty.

Ich schaute hinab auf das gusseiserne Ding in meiner Hand und wollte gerade etwas erwidern, als Misty sagte: „Kannst du mir einen Gefallen tun?“

„Sicher.“ Ich hatte eigentlich nach hinten gehen wollen, um mein Kostüm anzuziehen, doch das würde ja nicht lange dauern. „Was brauchst du?“

„Ich habe vergessen, die kandierten Äpfel und Kürbispralinen vom Zuckerkessel abzuholen.“ Mistys Gesichtsausdruck wirkte gequält und ich war mir sicher, dass meiner genauso aussah. Lukes Süßkram war wirklich gut. Ohne seine schokoladigen Leckereien wäre es keine richtige Party.

„Ich zieh mich kurz um, dann laufe ich schnell rüber.“

„Du bist meine Heldin. Danke!“

Kapitel zwei

Innerhalb weniger Minuten hatte ich meine Kessel abgestellt, den roten Umhang übergeworfen und war aus dem Laden gehuscht. Die anderen Läden des Village Squares waren ebenso perfekt für Halloween dekoriert. Jedes der Geschäfte, die aussahen wie aus einem Bilderbuch, war dem Festtag gerecht geworden. Kerzen flackerten hinter den Fratzen geschnitzter Kürbisse, künstliche Spinnenweben bedeckten Büsche neben Eingangstüren und wurden von violetten Strahlern zum Leuchten gebracht. In der Brise, die vom See heraufwehte, flatterten einige Geister. Der Wishing Well Park war zu einem riesigen Labyrinth aus Heuballen umgebaut worden – eine Idee des Stadtrats, der die Bürgermeisterin natürlich nicht zugestimmt hatte. Bürgermeisterin Parrish war dafür bekannt, alles abzulehnen, was nicht ihre eigene Idee war. Und sie hatte nicht das geringste Problem, das auch lautstark zu äußern.

Während ich über Bürgermeisterin Parrish nachdachte, flatterte etwas gefährlich dicht über meinem Kopf entlang. Waren das etwa Fledermäuse? Ich schaute hinauf und – tatsächlich! Die Tiere flatterten in die Nacht davon und das Mondlicht glitzerte auf ihren Flügeln, genau wie etwas anderes.

Pailletten?

Das mussten es sein, denn das Glitzern und Funkeln der Fledermäuse am Abendhimmel wirkte irgendwie unnatürlich. Doch es wäre verrückt, wenn Pailletten-Fledermäuse fliegen konnten, also schüttelte ich den Gedanken ab und lief etwas schneller.

Vor dem Zuckerkessel hatte sich eine ziemlich lange Schlange gebildet. Es schien die erste Station für alle kleinen Süßigkeitensammler zu sein. Niemand konnte der Versuchung des Salzwasser-Toffees widerstehen, das hinter dem Schaufenster in einer Maschine gemischt wurde. Ich zumindest konnte es nicht. Die klebrige, orangefarbene Süßigkeit wurde so lange auseinandergezogen und zusammengezwirbelt, bis es eine einheitliche Farbe und Konsistenz hatte. Der Anblick war hypnotisierend. Oder vielleicht war es auch der Duft von hausgemachtem Fudge, der auf der Ladentheke abkühlte, dem die Leute nicht widerstehen konnten. Rocky Road war meine liebste Geschmacksrichtung und die Spezialität des Ladens. Der süße Kram war köstlich, cremig und mit Erdnüssen und Marshmallows gefüllt. Mir lief schon bei dem Gedanken daran das Wasser im Munde zusammen.

Ich ging an der Schlange aus Prinzessinnen, Superhelden, Geistern und Cowboys sowie deren Eltern vorbei und schlüpfte in den Laden. Drei von vier Wandseiten wurden von gläsernen Auslagen eingenommen. Die vierte Wand war von Regalen mit Gläsern bedeckt, aus denen die Süßigkeiten nach Gewicht verkauft wurden. Bunte Bonbons, Gummitiere und Lutscher luden die Kunden dazu ein, sich eine Kelle zu nehmen und eine Tüte damit zu füllen. Ich erspähte meinen zweitliebsten Süßkram: Winzige Gummifrösche. Ihre neongrünen Oberflächen sowie die Marshmallow-Bäuche brachten mich in Versuchung, ein oder zwei Kellen davon zu kaufen, doch ich hielt mich gerade so davon ab. Wahrscheinlich fände Tante Thelma das im Moment nicht so lustig. Hoffentlich hatte Clemmie ihr helfen können. Dennoch würde es wohl eine Weile dauern, bis ich die Gummifrösche wieder genießen könnte.

Kakaogepuderte Fudge-Pralinen mit Pekannüssen, die direkt von den Bäumen vor der Tür geerntet worden waren, waren nur eine der handgemachten Spezialitäten, die Luke in seinem Zuckerkessel anbot.

Wenn man vom Teufel sprach – Luke huschte in einem irren Tempo hinter dem Tresen auf und ab, verpackte Bestellungen und kassierte ab. Doch egal, wie schnell er arbeitete, die Schlange wurde einfach nicht kürzer. Luke begegnete meinem Blick, als ich mich seitlich an den Tresen stellte. Er wirkte wie ein Barkeeper an einem Freitagabend, der statt Drinks Schokolade über den Tresen gehen ließ. Meiner Meinung nach der bessere Job.

„Misty hat mich geschickt, um die Bestellung des Buchladens abzuholen“, rief ich über den Lärm der anderen Kunden hinweg.

„Genau, die ist hinten.“ Noch während Luke sprach, erklang ein lautes Krachen aus Richtung der Küche. Er verzog das Gesicht. „Beatrice und Sabrina sind dahinten und arbeiten.“ Die Art, wie er das letzte Wort betonte, verriet mir, dass sie alles Mögliche taten, statt zu arbeiten.

„Heute Abend? Kaum zu glauben, dass sie nicht draußen sind, um Süßigkeiten zu sammeln.“ Ich kannte Lukes Zwillingsnichten, Beatrice und Sabrina, aus dem Buchladen. Sie kamen immer am Samstagmorgen mit ihrer Mutter Sally, wenn ich gerade Misty besuchte. Sally war Krankenschwester im Gemeindekrankenhaus, welches sich am gegenüberliegenden Ufer des Sees befand. Samstagmorgens hatte ich offiziell frei und verbrachte den Tag gern damit, auf dem Village Square spazieren zu gehen. Ich holte mir dann einen Kaffee und einen Scone von der Bäckerei La Luna, ehe ich zum Buchladen rüberging. Da ich das letzte Jahrzehnt damit verbracht hatte, zu verleugnen, dass ich eine Hexe war – obwohl ich es hätte besser wissen müssen, schließlich war ich bei meiner Tante hier in Silverlake aufgewachsen –, brauchte ich jetzt dringend einen Auffrischungskurs in Sachen Hexerei. Die Welt der Bücher kam mir da gerade gelegen, denn dort konnte jeder, der des Lesens mächtig war, alles Mögliche lernen. Ich hatte mich bereits durch Mistys Sammlung von Büchern über Verzauberung gelesen und mein nächstes Ziel waren jene über magische Selbstverteidigung – auch wenn ich damit wohl hätte anfangen sollen, wenn man sich die jüngsten Ereignisse so ansah, in die ich verwickelt worden war.

„Sally hat heute Abend etwas vor und ich habe versprochen, dass ich mit den Mädchen herumgehe.“

„Das ist wirklich lieb von dir.“ Und wenig überraschend. Luke war immer für seine Schwester da.

„Das sagst du jetzt, aber warte, bis ich dir erzähle, was Sally vorhat.“

Ich legte den Kopf schief und wartete darauf, dass Luke fortfuhr, doch der drehte sich wieder zu seinem Kunden und machte dessen Bestellung fertig.

Während Luke einige Pralinen einpackte, wartete ich geduldig am Tresen darauf, dass wir unsere Unterhaltung fortsetzen konnten.

Als er sich mir wieder zuwandte, hob ich die Augenbrauen.

„Sie geht auf ein Date mit Vance.“ Er schnalzte mit der Zunge, als könnte er das nicht glauben.

Ich machte den Mund auf, obwohl ich nicht wusste, was ich sagen sollte. Die höfliche Antwort wäre gewesen „Schön für sie.“ Oder irgendein anderer Unsinn. Aber egal, wie sehr ich es auch versuchte, ich brachte die Worte nicht über die Lippen.

Dankbarerweise wurde Lukes Aufmerksamkeit von einer weiteren Kundin eingenommen, was auch gut war. Es musste sonst niemand meinen schockierten Gesichtsausdruck sehen, den ich schnell mit einem schmallippigen Lächeln überspielte, nachdem es mir gelungen war, meinen Mund wieder zuzumachen.

Luke warf mir einen Blick aus dem Augenwinkel zu.

Ich hüstelte. „Das ist schön“, brachte ich schließlich hervor und hoffte, dass meine Stimme nicht so angespannt klang, wie ich mich fühlte. Ich mochte Sally wirklich und Vance war ein guter Kerl, also sollte ich mich freuen, dass die beiden miteinander ausgingen. Aber manchmal gab es einen himmelweiten Unterschied zwischen dem, was man empfinden sollte und dem, was man tatsächlich empfand.

„Wie dem auch sei, ich glaube nicht, dass die Mädchen heute Abend noch rauskönnen.“ Luke sah sich im Laden um.

„Halloween und Süßigkeiten kann man nicht voneinander trennen, was?“ Die Schlange vor dem Tresen wurde immer länger.

„Nicht wirklich. Und dazu kommt die Tatsache, dass wir unterbesetzt sind und mehr zu tun haben als je zuvor …“ Luke ließ den Satz unbeendet und starrte die Schlange an, die allein während seines Satzes noch länger geworden war. Es war klar, dass er wieder an die Arbeit musste. Ich hätte mich bereit erklärt, ihm zur Hand zu gehen, wenn ich nicht schon im Buchladen aushelfen würde. Tante Thelma hätte das wohl ebenfalls, doch wahrscheinlich quakte sie immer noch. Ich hätte vielleicht Percy fragen können, ob er Zeit hatte, doch auch wenn Tante Thelma felsenfest behauptete, Percy wäre erwachsener geworden, würde ich das erst glauben, wenn ich es sah. Ganz zu schweigen davon, dass ein Poltergeist in einem Süßwarenladen an Halloween ein sicheres Rezept für absolutes Chaos war. Aber vielleicht könnte ich ja auf andere Weise helfen.

„Ich kann selbst nach hinten gehen und Mistys Bestellung holen“, schlug ich vor. „Und die Mädchen können liebend gern mit zur Party im Buchladen kommen. Vielleicht stellen sie dann keinen Unsinn an?“

„Wenn die beiden das wollen, wäre das super!“

„Okay, ich frage sie mal.“ Ich trat beiseite und ließ Luke wieder an die Arbeit gehen.

Die Küche des Zuckerkessels war der wahr gewordene Traum eines jeden Schoko-Liebhabers und wenn es im Laden schon gut gerochen hatte, roch es hier himmlisch. Die Tresen waren mit unzähligen Halloween-Schokofiguren bedeckt – ich sah kleine Kürbisse aus weißer Schokolade, Skelette aus Schokobrezeln und spitze Hexenhüte, die bestimmt mit Ganache oder etwas anderem, sündhaft Leckeren gefüllt waren.

„Lass uns gucken, wie es schmeckt, wenn wir Karamell dazugeben“, schlug Sabrina ihrer Schwester Beatrice vor.

„Nein, lass uns erst das Meersalz versuchen“, widersprach Beatrice.“

„Nein, Karamell.“

„Neiiiin, Meersalz.“

„Karamell.“

„Meersalz.“

„Karamell!“

„Meersalz!“

„KARAMELL“, schrie Sabrina förmlich.

„Mädchen!“, fuhr ich in ihre Auseinandersetzung und erlangte damit ihre Aufmerksamkeit. Sie drehten sich zu mir um. Ich räusperte mich. „Wie wäre es, wenn ihr beides probiert?“, schlug ich zögerlich vor.

Die Mädchen schwiegen eine Sekunde, ehe Sabrina ausrief: „Das ist eine tolle Idee!“

Ich seufzte erleichtert.

Doch die Erleichterung hielt nicht lange an.

„Ja, aber zuerst das Meersalz“, sagte Beatrice mit scharfer Stimme. Das war keine Bitte gewesen.

Mein Atem stockte, weil ich erwartete, dass sie erneut zu streiten anfangen würden. Doch Sabrina hörte nur kurz mit dem Rühren der Schokolade auf, sodass Beatrice ein wenig Salz hineinstreuen konnte.

„Jetzt das Karamell“, sagte Sabrina in ähnlich bestimmtem Tonfall. Sie ließ langsam zwei große Löffel der süßen, klebrigen Sauce hineintröpfeln.

Ich beobachtete die beiden Mädchen. Sie waren etwa zehn Jahre alt und trugen Hexenkostüme mit schwarzen Tüllkleidchen und Spitzhüten, die schräg auf ihren wilden roten Locken saßen. Nach und nach gaben die beiden immer mehr ihrer Spezialzutaten in die Schokolade, bis sie mit ihrer Kreation zufrieden schienen.

Beatrice begann, die Masse zu Bällchen zu formen und legte sie auf ein Backpapier neben der Schüssel, damit sie auskühlen konnten.

Die Mädchen ignorierten mich völlig, während sie zufrieden vor sich hin werkelten. Um ehrlich zu sein, war ich nicht sicher, ob sie wussten, dass ich noch hier stand.

„Euer Onkel meinte, ihr wäret hier hinten beschäftigt“, sagte ich und unterbrach sie damit erneut.

„Hm-mh“, erwiderten sie einstimmig und schauten dabei nicht einmal auf.

Sabrina hatte die Brauen konzentriert zusammengezogen, während sie ebenfalls kleine Bällchen formte.

„Ihr seit ziemlich gute Chocolatiers.“

„Ich weiß.“ Beatrice’ Stimme war voller Stolz und sie strahlte mich an.

„Willst du unsere neuen Karamell-Schoko-Pralinen probieren?“, fragte Sabrina und hielt mir eine Schokokugel hin.

„Mit Meersalz“, fügte Beatrice hinzu und streuselte noch etwas Salz auf die Schokolade, die neben ihr abkühlte.

„Ähm, klar. Kann ich die mitnehmen?“

„Sicher! Ich pack sie dir eben ein.“ Sabrina hüpfte von ihrem Hocker und kramte eine kleine weiße Schachtel unter der Arbeitsfläche hervor. Wahrscheinlich verstaute Luke dort all sein Verpackungsmaterial. Mit professionell wirkenden Handgriffen öffnete Sabrina die Schachtel und mich beschlich das Gefühl, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis die Mädchen wirklich im Laden arbeiten könnten.

„Ich danke dir“, sagte ich und nahm die Schachtel von Sabrina entgegen. „Hört mal: Im Buchladen findet heute Abend eine Halloween-Party statt. Es gibt Süßigkeiten, alle tragen Kostüme und nachher werden Gruselgeschichten vorgelesen. Wollt ihr beiden mitkommen? Euer Onkel meinte, das wäre in Ordnung.“

„Nee“, erwiderten die Mädchen im Chor, ohne einander auch nur anzuschauen.

„Das hier macht viel zu viel Spaß“, erklärte Beatrice.

„Seid ihr sicher? Wir haben einen Haufen Süßigkeiten.“

Beatrice ließ ihren Blick über die Schokolade auf der Arbeitsfläche schweifen. „Das ist schon okay, ich glaube, wir sind versorgt.“

„Aber wirklich“, sagte Sabrina nachdrücklich.

Beatrice holte eine saubere Metallschüssel unter der Arbeitsfläche hervor und schaufelte eine gut gefüllte Kelle von Milchschokoladen-Chips hinein, während sie irgendetwas von Kürbissen und Trüffeln murmelte.

„Na ja, falls ihr eure Meinung ändert – die Party geht bis neun Uhr“, sagte ich.

„Okay, danke Angelica“, sagte Sabrina.

„Ja, danke“, wiederholte Beatrice.

„Gern. Kann mir jetzt eine von euch sagen, wo ich die Bestellung des Buchladens finde? Kandierte Äpfel und Kürbispralinen.“

„Das kann ich.“ Diesmal war es Beatrice, die von ihrem Hocker hüpfte und mich zu einer riesigen Kühlkammer führte. Darin war Mistys Bestellung, verpackt und fertig zum Mitnehmen. Durch den Plastikdeckel sah ich die Äpfel und Pralinen, ehe er aufgrund des abrupten Temperaturwechsels beschlug. Als Misty gesagt hatte, sie hätte kandierte Äpfel bestellt, hatte ich mir diese einfachen rot glasierten Dinger vorgestellt, doch die hier waren alles andere als einfach: Die riesigen Äpfel waren zusätzlich mit Karamell gefüllt, mit Schokoriegel-Stückchen dekoriert und mit heller und dunkler Schokolade übergossen. Davon müsste ich heute Abend definitiv einen probieren.

Als wir aus der Kühlkammer kamen, hatte Sabrina die Milchschokoladen-Chips gegen weiße Schokolade ausgetauscht.

„Weiße Schokolade?“ Beatrice verzog angewidert das Gesicht.

„Ich habe die Nase voll von Milchschokolade“, sagte Sabrina. Die weißen Chips begannen bereits in der Schale über dem Wasserbad zu schmelzen.

„Aber weiße Schokolade ist eklig“, erwiderte Beatrice trocken.

„Ist sie gar nicht.“

„Ist sie doch.“

„Gar nicht.“

„Doch!“

„Mädchen?“, versuchte ich den aufkeimenden Streit zu unterbrechen, doch sie ignorierten mich und redeten einfach weiter.

„Warum machst du das immer?“, fragte Beatrice.

Sabrina stemmte die Fäuste in die Hüfte. „Was denn?“

„Du versuchst, mir vorzuschreiben, was ich machen soll!“

„Ich schreibe dir gar nichts vor. Ich sage dir nur, was ich mache. Und ich nehme weiße Schokolade.“

„Mädchen!“ Meine Stimme war diesmal lauter und etwas strenger – doch das war völlig egal.

„Du glaubst, dass du mein Chef bist, aber das bist du nicht!“, rief Beatrice und ihre Stimme wurde schrill.

„Aber ich bin der Chef hier.“ Sabrina besaß die Dreistigkeit, die Augen zu verdrehen.

Was im Nachhinein betrachtet vielleicht nicht die beste Idee gewesen war.

„Duuuu!“ Beatrice ballte die Hände zu Fäusten. Und im nächsten Moment nahm sie eine Handvoll noch nicht ganz fest gewordener Schokolade und warf sie nach ihrer Schwester. Die Schokolade klatschte direkt gegen Sabrinas Wange, rutschte daran herab und fiel mit einem Platschen zu Boden.

„Beatrice!“, rief ich entsetzt.

Sabrina verschwendete keine Zeit. Ich hatte erwartet, dass sie ebenfalls Schokolade werfen würde, doch sie zückte schneller ihren Zauberstab, als ich Happy Halloween sagen könnte. Ehe ich mich versah, schleuderte sie ihrer Schwester einen Vergrößerungszauber um die Ohren. Beatrice’ Nase wurde immer größer und entstellte ihr Gesicht. Deren Hände schossen hoch, als wollte sie ihre Nase an Ort und Stelle halten.

„Sabrina!“, brüllte sie und es klang extrem nasal.

Ich stellte die Äpfel ab und kramte nach meinem Zauberstab, um einen Gegenzauber zu wirken.

Da steckte Luke den Kopf in die Küche. „Hast du die Bestellung gefunden?“, fragte er – erst dann fiel sein Blick auf das Chaos.

Ich starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. „Ich … äh …“

„Sabrina!“, rief Luke aus, als er Beatrice’ Gesicht sah. Er warf Sabrina einen enttäuschten Blick zu, zog seinen eigenen Zauberstab heraus, richtete ihn auf Beatrice und sagte: „Tixie.“

Die Nase der kleinen Hexe schrumpfte sofort wieder auf normale Größe.

„Sie hat angefangen!“, grummelte Sabrina abwehrend.

„Habe ich gar nicht!“

„Hast du wohl!“

„Gar nicht!“

„Genug jetzt! Muss ich eure Mutter anrufen?“

Beide Mädchen klappten die Münder zu und verschränkten ihre Arme vor der Brust.

„Das tut mir wirklich leid“, sagte Luke an mich gewandt. Ich wollte gerade sagen, dass das kein Problem wäre, als Lukes Blick auf die Bestellung des Buchladens fiel. „Du hast alles gefunden?“

„Habe ich, danke. Ich sollte jetzt wohl besser gehen.“

„Und ich sollte mich wohl besser mal mit meinen Nichten unterhalten.“ Er schaute sie streng an.

„Ihr dürft trotzdem gern zum Buchladen kommen“, sagte ich noch, während ich die Bestellung wieder hochhob. Auch wenn ich nicht sicher war, ob die beiden sich da besser benehmen würden.

„Das schauen wir erst noch“, sagte Luke, und imitierte die Mädchen, indem er ebenfalls die Arme verschränkte.

Ich huschte aus der Küche und die zwei begannen erneut zu streiten – Pardon, ihre Sicht der Dinge zu schildern –, noch ehe ich fünf Schritte weit gekommen war. Ich schloss kurz die Augen. Wenn das den ganzen Abend so weitergehen würde, hätte ich echt Mitleid mit Luke. Verflixt. Was auch immer seine Schwester ihm für das Babysitten bezahlte, es war nicht genug. Nicht mal ansatzweise.

Kapitel drei

Mit vollen Händen kam ich aus dem Laden und machte mich auf den Weg zurück zum Buchladen. Überall um mich herum riefen die Kinder „Süßes oder Saures!“, während sie von Laden zu Laden huschten, um Leckereien abzustauben. Ich lächelte den Familien zu, während ich den Gehweg entlangging und den vielen eifrigen Kindern auswich.

„Molly! Kannst du mich hören?“ Die Stimme des Stadtratmitglieds und der Stadtwache, Michael McCormick, hallte über den Parkplatz. „Molly? Irgendjemand?“ Der Mann stand am Eingang des Heu-Labyrinths und rief hinein.

Ich blieb vor dem Buchladen stehen. Ein Vampir kam auf mich zu – nun, wohl eher ein Hexer im Vampirkostüm. Zumindest hoffte ich, dass es einer war, denn echte Vampire machten mir Angst. Hölle, sogar Vance hatte Angst vor ihnen. Nicht, dass ich je einem begegnet wäre. Sie blieben für gewöhnlich unter sich.

Der Mann kam mir eigenartig bekannt vor, doch es war schwer, ihn zuzuordnen, denn er hatte das Haar zurückgegelt, trug spitze Eckzähne und einen wallenden Samtumhang.

„Gehen Sie auch zur Party?“, fragte ich den Fake-Vampir und deutete auf den Buchladen.

„Rischtig“, sagte er. Seine übergroßen Zähne machten es ihm offenbar schwer, richtig zu sprechen, was meine Vermutung bestätigte. Ich hatte noch nie davon gehört, dass echte Vampire wegen ihrer Zähne lispeln würden. Einerseits das und andererseits würde wohl kein echter Vampir einen so kitschigen Umhang tragen. Innen war der Samt rot, außen schwarz, und der dicke Kragen war aufgestellt und mit einer Fliege zusammengebunden.

„Können Sie die hier Misty geben?“, fragte ich und reichte ihm die Schachteln, sodass er nicht wirklich eine Wahl hatte. „Sie ist wahrscheinlich an der Kasse.“

„Sischer.“ Der Vampir nahm mir die Schachteln ab.

„Super, vielen lieben Dank. Sagen Sie ihr, Angelica ist in einer Minute da.“ Ich wickelte mich etwas fester in meinen Umhang und ging über den Parkplatz zum Labyrinth.

Mittlerweile war die Sonne vollständig untergegangen, sodass das zuvor unschuldig wirkende Labyrinth fast schon unheilverkündend vor mir aufragte. Das Heu war mindestens vier Ballen hoch aufgetürmt worden, sodass die Wände fast zweieinhalb Meter hoch waren. Irgendwo in der Mitte befand sich der dreistöckige Springbrunnen des Stadtparks, auf dem die Statue einer Hexe prangte, doch selbst diese verschwand hinter den Heuwänden. Die Pekannussbäume warfen im Mondlicht unheimliche Schatten. Leichter Nebel war aufgekommen, der einiges zur gruseligen Atmosphäre beitrug.

Mr. McCormick ging vor dem Eingang des Labyrinths auf und ab, rief immer wieder nach seiner Tochter Molly oder sonst jemandem, der ihn hören könnte.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte ich, als ich ihn erreichte.

Mr. McCormick blieb abrupt stehen. „Nein, nichts ist in Ordnung.“ Der normalerweise so ruhige Stadtrat schien vor Sorge völlig aufgelöst. „Niemand ist aus dem Labyrinth wieder herausgekommen. Sie haben sich alle verlaufen!“

„Sollen sie das nicht eine Weile lang?“, versuchte ich, rational an die Sache heranzugehen. „Es ist immerhin ein Labyrinth.“

„Du verstehst das nicht. Es sind fünfzehn Personen reingegangen und noch nicht eine ist wieder herausgekommen.“ Mr. McCormick deutete auf den Eingang neben sich. „Molly ist vor zwanzig Minuten reingegangen, um zu schauen, was da vor sich geht, und jetzt scheint sie auch verloren.“

„Haben Sie versucht, sie anzurufen?“ Ich zog mein Handy aus der Tasche.

„Oh, ich selbst habe keins von diesen Dingern.“

Ich glücklicherweise schon, doch ich hatte Mollys Nummer nicht und Mr. McCormick wusste sie nicht auswendig. Der Mann war ziemlich oldschool und mochte Magie lieber als Technologie. Ich schaltete die Taschenlampe meines Handys ein und ging ein paar Schritte weit ins Labyrinth.

Ein eisiger Schauer kroch meinen Rücken hinauf und mir wurde mit jedem Schritt kälter. Ich musste gestehen, es wurde immer schwerer, einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Mein Instinkt sagte mir, dass ich umkehren und fliehen sollte. Mr. McCormick hatte recht, irgendetwas stimmte nicht.

Oder vielleicht war ich auch nur ein großes Baby, das sich von der gruseligen Atmosphäre beeindrucken ließ.

Nach der ersten Abzweigung war vor mir plötzlich alles pechschwarz und totenstill. Das Licht meines Handys reichte nicht einmal ansatzweise, um die überwältigende Dunkelheit zu durchdringen. Es machte mir eine solche Angst, dass ich mir sicher war, dass mich keine zehn Pferde dazu bringen könnten, weiterzugehen.

„Ich habe gesagt, dass das eine blöde Idee war“, erklang plötzlich die Stimme von Bürgermeisterin Parrish hinter mir und ließ mich leicht zusammenzucken.

„Was, Halloween zu feiern?“, fragte ich und ging zurück zum Eingang, ohne mich noch einmal zur Dunkelheit umzudrehen.

„Das nicht, aber es so zu feiern“, sagte sie, als wir aus dem Labyrinth traten, und deutete auf den Halloween-Schabernack um uns herum. Wenn man genau hinhörte, quakten so einige Leute über den Village Square und als die Fledermäuse dieses Mal an mir vorbeiflogen, sah ich genau hin und stellte fest, dass sie wirklich aus Pailletten bestanden.

„Okay, abgesehen von ein paar quakenden Einwohnern und eigensinnigen Dekorationen denke ich, dass das heute Abend ein durchschlagender Erfolg ist.“ Das war platt gelogen, doch ich wollte Bürgermeisterin Parrish nicht die Genugtuung geben, dass sie recht gehabt hatte. Vielleicht war ich einfach stur oder ein wenig zu stolz, doch es bräuchte eine ganze Menge mehr Chaos, ehe ich ihr diesen Punkt geben würde. Die Vorstellung von Bürgermeisterin Parrish darüber, was eine gute Halloween-Party war, unterschied sich drastisch von meiner. Nix mit Süßes-oder-Saures – die Bürgermeisterin würde viel lieber an einem elektrischen Kamin sitzen, ein Kaschmirtuch um ihre Schultern gewunden, und in völlig kinderfreier Umgebung Kürbispralinen naschen. Denn das war ihre Vorstellung für Silverlake und sie erwartete, dass da alle mitgingen. Womit die Leute tatsächlich begonnen hatten, ehe ich wieder in die Stadt gekommen war.

„So einen Unsinn erwarte ich in Harrisville, nicht in Silverlake“, fuhr die Bürgermeisterin fort. Harrisville war die nächstgelegene, nicht-magische Stadt, die für ihren Kleinstadtcharme und ihre spektakulären Halloween-Feste bekannt war. Das lag daran, dass ihr Bürgermeister tatsächlich ein Hexer war, der wusste, wie man Feiertage wirklich magisch gestaltete, und das zu seinem Vorteil nutzte.

„Wir können offenbar noch das eine oder andere von unseren sterblichen Nachbarn lernen“, erwiderte ich kühl.

Bürgermeisterin Parrish schnaubte nur und marschierte dann davon. Ich wandte mich von ihr ab und schaute noch einmal in den dunklen Gang in der Hoffnung, jemand würde daraus hervortreten. Doch nichts geschah.

Okay, Planänderung. „Ich muss eben wieder in den Buchladen, aber dann komme ich zurück und finde heraus, was hier vor sich geht. Hoffentlich ist das Labyrinth nur etwas komplizierter, als die Leute erwartet haben, und sie tauchen bald wieder auf. Aber lassen Sie bis dahin sonst niemanden rein.“

„Gute Idee“, erwiderte Mr. McCormick. Ich hätte ihm meine Handynummer gegeben und ihn gebeten, mich anzurufen, sollte etwas passieren, doch das war recht ungünstig, wenn er kein Handy besaß.

„Ich komme so schnell wie möglich wieder.“ Ich machte auf dem Absatz kehrt und war schon fast wieder beim Buchladen, als mein Handy mich piepsend auf eine neue Nachricht aufmerksam machte. Korrektur, es waren vier Nachrichten, die im Sekundentakt ankamen. Ich hoffte, dass es Tante Thelma mit guten Nachrichten bezüglich ihrer Verfluchung war, und zog mein Handy aus der Tasche. Es war tatsächlich Tante Thelma, doch die Nachrichten waren alles andere als gut.

Hilfe!

Komm zur Teestube.

Schnell.

Notfall!!!

Ich schrieb schnell zurück, dass ich auf dem Weg war. Es hätte keinen Sinn, sie anzurufen. Denn wenn sie immer noch quakte, könnte sie mir auch nicht erzählen, was los war. Ich musste so schnell wie möglich zu ihr.

Eine Mischung aus böser Vorahnung und Panik kroch meinen Nacken hinauf, während ich das Handy wieder in die Tasche steckte und über den Parkplatz hinweg an den Läden vorbei zur Teestube rannte. Ich sprang über Chrysanthemenbüsche, wich Kürbissen aus und warf mit Entschuldigungen um mich, wenn ich während meines wilden Sprints zu meiner Tante versehentlich Süßigkeitensammler anrempelte.

Der niedliche Teeladen war bekannt für seine magischen Kräutermischungen sowie für den Geschenkeshop und die herrliche Nachmittagsteestunde. Es war der perfekte Laden, wenn man ein Kehrpaket für Genesungswünsche zusammenstellen oder eine Brautparty schmeißen wollte – und beides fand recht häufig im Sit for a Spell statt. Notfälle eher seltener.

„Ist alles okay?“, rief Diane mir zu, als ich an ihrer Bäckerei La Luna vorbeirannte. Sie stand in der Tür, die sie für einige Kunden aufhielt, ihre sonnengelbe Schürze leuchtete im Licht der Laternen.

„Keine Ahnung!“, entgegnete ich ehrlich, ohne langsamer zu werden.

„Ruf mich an!“, rief Diane.

Ich nickte und hoffte, dass sie das trotz der spärlichen Beleuchtung und meines Tempos gesehen hatte. Ich wusste auch, was Diane damit meinte: Egal, wie beschäftigt die Bäckerei war, es brauchte nur einen Anruf von mir und sie würde alles stehen und liegen lassen, um in Clemmies Laden zu kommen und zu helfen. Sie war diese Art Hexe, die jederzeit bereit war, ihren Freunden beizustehen. Wenn ich nachher den Tag Revue passieren ließe, sollte ich mich daran erinnern, wie dankbar ich war, dass ich sie hatte.

Während ich mich der Teestube näherte, raste mein Verstand durch all die Möglichkeiten, was schiefgelaufen sein könnte. Doch nichts bereitete mich auf das vor, was mich erwartete, als ich den Laden erreichte.

Man könnte es am besten als absolutes Chaos beschreiben.

Ich war so schockiert, dass ich mich nicht bewegen, sondern nur dastehen und durch das Schaufenster starren konnte.

Leuchtend violette Feen etwa von der Größe meiner Hand schwirrten durch die Teestube und warfen mit losen Teeblättern um sich, als wäre es Konfetti. Knallblaue Blitze schossen aus Clemmies Zauberstab, während sie wenig erfolgreich versuchte, die Feen einzufrieren. Von der Decke hingen Eiszapfen und unten am Schaufenster wuchsen die ersten Frostblumen.

Tante Thelma musste wohl immer noch quaken, denn statt mit Zaubern um sich zu werfen, rannte sie herum und versuchte, die Feen mit bloßen Händen zu fangen. Doch die hatten neben großen, runden Augen und spitzen Ohren ziemlich überdimensionierte Flügel, die sie verdammt schnell machten. Selbst durch das Fenster konnte ich ihr kindliches Lachen hören, während sie mit unerschütterlicher Selbstsicherheit Clemmies Teestube auseinandernahmen. Das Schild an der Tür stand auf „Geschlossen“, doch die Tür wurde von einer zerbrochenen Teekanne ein Stück weit offen gehalten.

Ich atmete tief durch, huschte dann hinein und lief zum Kassentresen, während ich meinen Kopf mit den Armen schützte. Da die Eiszapfen zu schmelzen begannen, war der Boden nass und ich konnte nicht mit voller Geschwindigkeit laufen.

Das Flattern der Feenflügel klang wie ein Schwarm Bienen und sie flitzten überall um mich herum. Das Einzige, das dieses Schwirren übertönte, war ihr Lachen. Sie klangen wie eine Gruppe Kleinkinder, die in einem Lachanfall gefangen waren.

Ganz offensichtlich hatten sie einen Heidenspaß.

Ich duckte mich gerade im letzten Moment hinter den Tresen, als sich zwei Feen zusammentaten, um eine Tasse nach mir zu werfen. Die Tasse zerschellte an der Wand hinter mir und die Stücke fielen klirrend zu Boden.

„Das reicht jetzt“, brüllte Clemmie und stemmte die Hände in die Hüfte. „Hört sofort auf damit!“

Eine weitere Tasse flog nur haarscharf an ihr vorbei. Clemmie keuchte, als die Tasse in die Tee-Station krachte, an der sich die Kunden selbst bedienen konnten, den Zuckerpott zerschellen ließ und die kleinen Kristalle über die Oberfläche verteilte.

Clemmie bewegte sich schneller, als ich es je bei ihr gesehen hatte, hechtete zur Rückseite des Kassentresens und duckte sich neben mich.

Tante Thelma ging hinter einem Regal mit Duftkerzen in Deckung. Früher oder später würden die Feen einen Glückstreffer mit einer Tasse landen und keine von uns wollte, dass unser Kopf das Ziel war.

„Wo kommen die denn her?“ Ich linste über den Tresen. Offenbar hatten die Feen herausgefunden, wie man den Deckenventilator und damit auch die Deckenbeleuchtung bediente, und jetzt schalteten sie die Lampen ein und aus wie ein Stroboskoplicht.

Mein Blick wanderte aufwärts. Eine etwas ruhigere Fee – wenn es so etwas denn gab – hatte sich für ein Tässchen Tee auf eines der Ventilatorblätter gesetzt, die Beine überschlagen und den kleinen Finger abgespreizt wie eine feine englische Dame. Doch in dem Moment, in dem sich der Ventilator in Bewegung setzte, warf sie die Tasse über die Schulter. Das Porzellan zerschellte am Boden, die Fee ritt das Ventilatorblatt wie einen Rodeo-Bullen und tat sogar so, als schwenkte sie ein Lasso über dem Kopf.

Es war wie ein Autounfall, bei dem man nicht wegsehen konnte.

Clemmie folgte meinem Blick. „Nun, das sieht man auch nicht alle Tage. So ein kleines Biest!“

„Woher kommen die?“, wiederholte ich meine Frage.

„Ich weiß es nicht“, antwortete Clemmie. „Irgendjemand hat sie durch die Hintertür hereingelassen.“

Der Deckenventilator drehte sich nun mit maximaler Geschwindigkeit. Die Rodeo-Fee musste sich mittlerweile mit aller Kraft festhalten. Eine zweite Fee rutschte ab und klatschte mit einem dumpfen Knall gegen das Schaufenster. Die Feen brachen in Gelächter aus und bildeten eine Schlange. Sie schubsten und drängelten, weil jede als Nächstes auf den Ventilator wollte.

„Das ist schrecklich“, sagte ich in Bezug auf denjenigen, der die Feen hereingelassen hatte.

„Wenn ich den erwische, der das war – mögen die Sterne ihm helfen!“ Clemmie blieb dicht am Boden, während sie nach dem Besen griff, der hinter dem Tresen lag. Ich vermutete, dass der sowohl der Verteidigung als auch dem Angriff dienen sollte.

„QUAK!“, stimmte Tante Thelma ihrer Freundin zu.

Die Pfützen, die die Eiszapfen auf Clemmies Holzboden hinterließen, wurden immer größer. Eine weitere Gruppe Feen planschte fröhlich darin herum. Sie hüpften und stampften und ließen das Wasser nur so spritzen.

Ein Teil von mir war versucht, mich in eine Katze zu verwandeln und die Feen aus dem Laden zu jagen, doch dann würden sie immer noch am Village Square herumschwirren. Was war, wenn sie in den Buchladen gelangten? Oder in die Bäckerei? Oder sonst in irgendeinen Laden? Ich erschauerte beim Gedanken an die Schokoladenschlachten, die sie im Zuckerkessel anzetteln würden. Wenn Luke dachte, Beatrice und Sabrina wären ungezogen, würde er mit diesem Haufen hier sein blaues Wunder erleben.

„Wir müssen sie einfangen“, sagte ich, denn das war die einzig vernünftige Option.

„Das haben wir doch die ganze Zeit versucht“, entgegnete Clemmie im gleichen Moment, in dem eine weitere Tasse am Boden zersprang. „Aber sie sind zu schnell. Ich kann sie nicht paralysieren oder einfrieren.“

Sie hatte recht, diese beiden Zauber hatte ich ebenfalls in Erwägung gezogen. Das ergab am meisten Sinn.

„Ich habe nicht eine von ihnen getroffen. Und deine arme Tante rennt so viel herum, dass sie bestimmt gleich erschöpft zusammenbricht.“ Clemmies Stimme klang völlig frustriert.

Tante Thelma schaute finster drein.

Zu schnell, hm? Ich beobachtete die Feen, die im Laden herumschwirrten. Dafür musste es doch einen Zauber geben. Irgendetwas, um sie zu verlangsamen, aber was?

Ich biss auf meiner Unterlippe herum, während ich in Gedanken das durchging, was ich in den Verzauberungsbüchern gelesen hatte. Jetzt konnte ich Zauber wirken, um verlorene Objekte zu finden, um Dinge zum Schweben zu bringen und sogar um Büroklammern in Schmetterlinge zu verwandeln. Doch ich wusste weder, wie sich Verwandlungszauber auf Feen auswirken würden, noch ob ich verrückt genug war, das auszuprobieren. Was war, wenn sie sich in einen Schwarm wütender Hornissen verwandelten? Oder Hornissen-Feen-Hybride? Ich biss fest auf meine Unterlippe. Das war zu riskant. Mit Magie konnte man Dinge auch noch schlimmer machen.

Ich brauchte einen weitläufigen Zauber. Etwas, das sozusagen ein breites Netz aufspannte.

Und dann fiel mir etwas ein. „Ihr beide, stellt euch hinter mich!“ Voller Entschlossenheit stand ich auf. Jetzt war ich auf einer Mission und vielleicht tat ich etwas mutiger, als ich tatsächlich war. Tante Thelma kam zum Tresen herübergehechtet. Sie und Clemmie gingen kommentarlos hinter mir in Deckung.

Ich hob meinen Zauberstab mit all dem Selbstbewusstsein, das ich aufbringen konnte, atmete tief durch, erinnerte mich daran, an die Magie zu glauben, und rief: „Argos!“ Der kräftige Klang meiner Stimme kam mir unnatürlich vor. Sie klang bestimmt und unerschütterlich. Ich hatte das Kommando.

Ein goldenes Leuchten brach aus meinem Stab hervor, erfüllte den Laden mit einem warmen Licht und hüllte alles ein, was sich vor mir befand.

Sofort kamen die hektischen Bewegungen der Feen zum Stillstand, als hätte sie jemand mit Sirup übergossen. Selbst eine Schnecke hätte sich schneller bewegt – und auch ihr Blinzeln war verlangsamt. Die Feen versuchten, sich gegen ihr magisches Gefängnis zu wehren, doch egal wie sehr sie sich auch bemühten, ihre Flügel bewegten sich nur schwerfällig auf und ab.

„Ein Slow-Motion-Zauber, clever“, sagte Clemmie.

Tante Thelma quakte zustimmend. Zumindest glaubte ich, dass es Zustimmung war.

„Danke.“ Der Zauber war eigentlich für Hunde gedacht, die sich von ihrer Leine befreit hatten, oder für fallende Objekte, sodass man sie fangen konnte, bevor sie zerbrachen. Doch offenbar eignete er sich auch hervorragend für Feen. „Hast du eine Kiste?“, fragte ich Clemmie.

„Kommt sofort, Ma’am.“ Clemmie huschte zu ihrem Lagerraum. Kurz darauf kam sie mit einer großen Kiste zurück. Mit der Schere vom Tresen stach ich Luftlöcher in den Karton und dann sammelten wir alle gemeinsam die Feen ein.

„Jetzt seid ihr nicht mehr so schnell, was?“, murmelte Clemmie, während sie auf einen Stuhl kletterte und die verbliebenen Feen vom Deckenventilator pflückte. Sie fing die Feen so problemlos, dass diese sie ungläubig anstarrten.

„Was für ein Chaos“, sagte ich, als wir auch die letzte Fee verstaut hatten, und schaute mich in Clemmies Teestube um. Ein Durcheinander an Teeblättern, Wasser und Keramikscherben überzog den Boden. Normalerweise war der Laden warm und einladend, weshalb die Einheimischen und Touristen ihn so liebten. Doch gerade glich er einer Katastrophe.

„Warum fangt ihr beide nicht schon einmal mit dem Aufräumen an?“, fragte ich. „Ich werde zum Zoogeschäft rübergehen und fragen, ob die eine Ahnung haben, woher die Feen kommen.“ Da sich der Laden auf magische Wesen spezialisiert hatte, könnten sie es wissen. Im schlimmsten Falle könnte ich immer noch einen geeigneteren Käfig kaufen, in dem die Feen blieben, bis wir sie im Wald freilassen könnten.

„Ich werde auch ein paar Anrufe machen“, fügte ich hinzu, „und sehen, wer uns helfen kann.“ Diane wäre auf jeden Fall dabei. Und wenn der Blumenladen bald zumachte, würde ihr Freund Roger wohl auch helfen kommen.

„Mach dir keine Sorgen, ich kümmere mich schon um das Chaos hier.“ Clemmie drückte mir die Kiste in die Hand. „Bring du einfach diese kleinen Teufel hier raus.“

„Alles klar. Ich sage Bescheid, wenn ich etwas herausfinde.“ Noch ein letztes Mal ließ ich den Blick über die Zerstörung schweifen, ehe ich den Laden verließ. Clemmie kam mit zur Tür, schob mit dem Fuß die zerbrochene Teekanne beiseite und schloss ab.