Stella
Gedankenversunken hebe ich meinen Hintern leicht an und versuche ein paar der Steinchen darunter wegzuschieben. Nicht unbedingt leicht, wenn man auf einem Felsen sitzt.
Seufzend wische ich mir die Haare aus dem Gesicht. Dabei starre ich über den See. Normalerweise kann man von hier aus bis nach Schlehdorf sehen.
Heute nicht.
Dichter Nebel hüllt den See ein. Wie eine Wolke aus Zuckerwatte, die in einem hübschen Restaurant auf dem Sektglas liegt. Nicht, dass ich jemals in einem davon gewesen wäre. Aber ich habe Videos davon gesehen.
Aber genau wie auf den Videos, wird auch diese Wolke sich morgen früh wieder auflösen.
Dann, wenn die Touristen aus ihren Löchern kriechen, die Eltern ihren nervigen Kindern hinterherrennen und die selbsternannten Spitzensportler ihre peinlichen Trikots aus dem Schrank zerren.
Bei dem Gedanken rutscht mir ein leises Stöhnen heraus.
Ich hasse Menschen.
Das ist nicht nur eine Floskel.
Nein, ich mag sie schlichtweg nicht.
Wenn es nach mir gehen würde, wäre ich vollkommen bereit, in eine virtuelle Welt zu wechseln. Oder zumindest ins Homeoffice. Bedauerlicherweise scheint die Information, dass man durchaus aus der Ferne arbeiten kann, meinen Chef noch nicht erreicht zu haben.
Ehemaligen Chef, korrigiere ich mich selbst.
Ein wehmütiges Gefühl breitet sich in meinem Magen aus. Zugegebenermaßen war nicht alles daran schlecht. Den Garten, der zu dem Architekturbüro gehört hat, habe ich immer gern besucht. Die frischen Zutaten in der Mittagspause zum Kochen zu verwenden, war ein absoluter Luxus.
Auf die Kollegen hätte ich verzichten können.
Falsche Schlangen, die sich das Maul zerreißen, sobald man sich herumdreht. Einen Sohn vom Chef, der jünger ist als ich und regelmäßig in einer Art Bademantel erscheint. Oder der Typ aus Etage drei, der mir jeden Morgen auf den Arsch glotzt.
Wie gesagt, ich könnte darauf verzichten.
Aber sind wir einmal realistisch. Ich hätte nie gekündigt. Nicht nur, weil ich ein fürstliches Gehalt bekomme und den halben Tag auf Pinterest verbringen kann. Genau genommen bin ich schlichtweg zu faul, mir etwas Neues zu suchen.
Wäre zu faul gewesen.
Ich atme die kühle Morgenluft tief ein. Dann reibe ich mit den eisigen Fingern über mein Gesicht. Letzten Endes war es keiner der Punkte, die dafür gesorgt haben, dass ich nicht mehr bei ›Kotterböck – Architekturbüro‹ arbeite.
Vielleicht haben sie mich aus Finanzgründen hinausgeworfen. Oder sie wollten mir die Möglichkeit geben, mich weiterzuentwickeln.
Wäre möglich.
Vielleicht lag es aber auch daran, dass sie keine Geisteskranke angestellt haben wollten.
Ich zucke angespannt mit den Schultern. Wer weiß das schon?
Man könnte meinen, ich. Allerdings gab es weder ein Abschiedsgespräch noch ein Telefonat noch eine Begründung. Lediglich ein formelles Schreiben, welches mir einen Tag vor meinem Geburtstag zugestellt wurde.
Dieser Arsch.
Er weiß, wie man die Festtagsstimmung vermiesen kann.
»Hey.«
Ich ignoriere die Stimme. Stattdessen kralle ich die Finger in den Felsen. Es war eine miese Aktion. Und sein ›Kündigung zum nächstmöglichen Zeitpunkt, hilfsweise zum 31.12.‹ kann er sich sonst wohin schmieren. Was war dabei seine Erwartungshaltung? Dass ich eine Antwort zurückschreibe? Etwas in Richtung: ›Vielen Dank für die freundliche Zusendung meiner Kündigung. Gern verzichte ich auf die letzten drei Gehälter und bin stattdessen lieber arbeitslos. Liebste Grüße, Stella Hardin.‹
»Ich bin Aiden.«
Die erneute Ansprache lässt mich tief einatmen. Wo war ich? Ach ja, letzten Endes war ich einfach zu cool für diese Idioten.
»Und du?«
Missmutig hebe ich eine Augenbraue. Im Augenwinkel fällt mir ein leichter Schatten auf, der von der untergehenden Sonne in die Länge gezogen wird.
»Will meine Ruhe«, antworte ich schließlich genervt. Was man sich aufgrund meines Desinteresses hätte denken können.
Ein paar Zweige knirschen, als er scheinbar näherkommt. »Schön.« Der Typ klingt amüsiert.
Sofort geht mein Herzschlag schneller. Wer auch immer das ist, ich will ihn nicht kennenlernen. Ich will ihn nicht sprechen und ich will ihn auch nicht ansehen.
Okay, ansehen will ich ihn.
Am liebsten aus der Ferne und heimlich.
Schließlich hasse ich es, nicht zu wissen, wie ein Gesprächspartner aussieht.
Andererseits möchte ich mit dem Typen nicht einmal ein Gespräch führen.
Inzwischen hat er sich neben mich auf den Felsen gesetzt. Ich starre währenddessen weiter auf den dichten Nebel und die dunklen Wolken, welche immer weiter in meine Richtung ziehen. Vermutlich wäre dies der perfekte Zeitpunkt, um aufzustehen, bevor ich von dem mit Sicherheit bald aufziehendem Regenguss nass werde. Allerdings will ich nicht, dass der Typ denkt, ich wäre seinetwegen gegangen.
»Ich mag den Nebel.« Wieder so ein sinnloser, ins Nichts gesagter Spruch.
»Und ich mag die Stille«, erwidere ich deshalb abweisend.
»Ich nicht. Ist mir zu still.« Seine Stimme klingt heiter und aufgeweckt. Trotzdem hat sie diesen gewissen dunklen Klang, der hart an meinem Entschluss, mich nicht zu ihm umzudrehen, kratzt. Er erinnert mich an etwas, auch wenn ich nicht zuordnen kann, woran. Dieser Gedanke treibt mich beinah in den Wahnsinn. Kenne ich ihn? Ja? Aber woher?
Oder ist er einer der Menschen, die in der Masse untergehen, bei denen man aber immer denkt, sie schon einmal gesehen zu haben? Wobei ich ihn noch nicht einmal angesehen habe. Lediglich seine Stimme …
»Ich wüsste gern, warum Koalas so dumm sind.«
Mein Kopf zuckt. Zugegeben, er hätte mich beinah erwischt. Mit seinen sinnlosen Themen hat er mich tatsächlich für einen Moment aus meiner Starre gerissen. Als Zeichen meiner Anerkennung antworte ich ihm. »Sie brauchen vier Mägen und hatten deshalb keinen Platz mehr fürs Gehirn und ich bin nicht interessiert.« Den letzten Teil schiebe ich hinterher, um endgültige Zweifel zu beseitigen.
»An Koalas?«
Ich seufze leise. »An dir.« Inzwischen fällt es mir immer schwerer, ihn nicht anzustarren.
»Hm. Interessant, dass du darüber nachdenkst, aber ich weiß nicht, was ich davon halten soll.«
»Was?«, frage ich überrumpelt.
»Davon, dass eine völlig Fremde, sich neben mich setzt und darüber nachdenkt, wie interessiert sie an mir ist.«
Sprachlos drehe ich ihm das Gesicht zu. Es geht nicht anders. »Gott … Ist das dein verdammter Ernst?«
»Kein Gott. Aiden reicht.« Zum ersten Mal seit einigen Minuten sehe ich den Mann an. Eins steht fest. Ich habe ihn noch nie in meinem Leben gesehen. Aber er ist mit Sicherheit keiner, der in der Masse untergeht.
Stumm schließe ich meinen geöffneten Mund und versuche ihn nicht anzustarren. Er ist ein ganz normaler Mann. Trotzdem lässt mich etwas an seinem Gesicht neugierig werden.
Vielleicht sind es die süßen Grübchen, die selbst bei seinem neutralen Gesichtsausdruck zu sehen sind. Oder es ist dieser offene Gesichtsausdruck, der mich dazu bringen will, ihm all meine Geheimnisse anvertrauen zu wollen. Oder es sind die wuscheligen, hellbraunen Haare, welche in mir das Bedürfnis wecken, meine Finger hineinzuschieben.
Er streckt mir die Hand entgegen. »Fangen wir nochmal von vorn an. Ich bin Aiden.«
Überrumpelt ergreife ich sie. Wie jeder normale Mensch will ich meine Finger binnen weniger Sekunden wieder aus seinen lösen. Aiden hält meine Hand fest, streicht mit dem Daumen darüber und sieht mich aus strahlend grünen Augen an. »Anständige Menschen würden sich ebenfalls vorstellen.«
»Ich bin nicht anständig.« Beinah unmittelbar nach meinen Worten erröte ich. Noch ehe ich zurückrudern kann, schmunzelt er.
Tiefe Grübchen erscheinen auf seinen Wangen. Er spielt kurz mit seiner Lippe. Dann beugt er sich mir entgegen. »Mit unanständigen Menschen hat man sowieso mehr Spaß.« Dabei zwinkert er mir zu. Und dieses Zwinkern … Verdammt. Irgendwie gibt er mir damit das Gefühl, als würden wir einander ewig kennen. Was dafür sorgt, dass mein Kopf vermutlich zu einem Rauchmelder wird. Dem roten – nicht dem weißen. Nur, um das klarzustellen.
»Ähm«, gebe ich wenig intelligent von mir. Dann löse ich meine Finger endlich aus seinen und lehne mich ein paar Zentimeter zurück. Das wäre im Übrigen der Einsatz für etwas Schlagfertiges, meinetwegen auch Lustiges gewesen. »Brauchst du etwas?« Und nicht für eine dumme, absolut unpassende Frage wie diese.
Er spiegelt meine Bewegung und lehnt sich zurück. »Was hast du denn anzubieten?« Kurz legt er den Kopf in den Nacken, sodass die wenigen Sonnenstrahlen seine Haare karamellfarben wirken lassen.
Wie gern würde ich hindurchwuscheln.
Ich erstarre bei dem Gedanken.
Bin ich völlig durchgedreht?
Antworten, erinnere ich mich selbst. Ich muss antworten. »Nichts«, sage ich verzögert.
Aiden richtet sich ein Stück weit auf. Er schiebt sich die Ärmel seines dicken Pullovers zurück.
Etwas, das ich nicht verstehen kann. Schließlich ist es verdammt kalt und allein, dass ich auf dem Felsen sitze, wird mit 90-prozentiger Sicherheit dafür sorgen, dass ich eine Blasenentzündung bekomme.
»Dann werde ich mir wohl nehmen müssen, was ich möchte.«
Ich runzle die Stirn. »Das war etwas zu viel des Guten, findest du nicht?«
»Findest du? Naja, aus Misserfolgen lernt man. Bitte bleib doch gern im Anschluss an unser Gespräch in der Leitung und beantworte die kurze Umfrage.«
Mir entweicht ein überrumpeltes Lachen. »Klar. Werden mir dafür auch Treuepunkte angeboten oder bekomme ich dann nur wöchentlich nervige Mails?«
Leise schnalzt er mit der Zunge. »Ich tippe auf Letzteres. Aber nachdem du dich sechs bis acht Mal beschwert und den Newsletter abbestellt hast, wird sich mit Sicherheit jemand der Sache annehmen.«
Langsam sehe ich ihn wieder an. Ein herausfordernder Ausdruck liegt auf seinem Gesicht. »Wie nett. Der Service klingt super. Wo muss ich unterschreiben?«
»Ach, das Formelle regelt unsere Sekretärin im Nachhinein. Rechne mit weiteren Gesprächsbelästigungen.«
»Super, ich werde jede einzelne mit einer langweiligen Ausrede ablehnen«, sage ich lahm.
Aiden fährt sich über den hellen Bart. »Perfekt. Dann habe ich an der Stelle wohl getan, was ich kann.«
»Hast du«, bestätige ich mit einem Seufzen. Verschwindet er jetzt? Ich hoffe es. Auch wenn ich zugeben muss … nein. Kein Aber. Er soll verschwinden.
»Kann ich sonst noch etwas für dich tun?«
Langsam sehe ich zurück auf den See. Erst jetzt fällt mir auf, wie nervös ich geworden bin. »Mich in Ruhe lassen«, antworte ich deshalb ein wenig atemlos. Ich weiß nicht, was ich von ihm halten soll. Um die Uhrzeit kommt normalerweise kaum jemand hierher. Und wenn, dann stellen sich die Menschen seufzend an den Wegrand und sehen peinlich berührt in eine andere Richtung, um einem nicht das Gefühl zu geben, sie würden einen anstarren.
Allerdings würde ich das schräge Gespräch mit ihm sogar noch drei Peinlichkeitsstufen höher einstufen als vorbeikommende Wanderer.
»Wieso?«
»Was wieso?«, antworte ich beinahe automatisch. Bin ich etwa froh, dass er nicht gegangen ist? Nein, mit Sicherheit nicht.
»Wieso willst du deine Ruhe?«
Weil ich niemanden sehen will. Weil ich nicht will, dass mich jemand sieht, besser gesagt. Ich will nicht, dass mich jemand fragt, was ich arbeite, weil ich ihm dann erklären müsste, dass ich gefeuert wurde. Genauso wenig will ich, dass mich jemand fragt, wie es mir geht. Weil ich dann vermutlich anfangen würde zu weinen.
Fuck. Genau genommen bin ich bereits jetzt stark am kämpfen. Und das von einem lächerlichen Gespräch über Koalas und die Stille.
Aber gut, halten wir das Thema neutral. Was ist, wenn jemand nach meinem letzten Urlaub fragt? Soll ich ihm dann erzählen, dass ich mich an die Hälfte meines Urlaubs nicht erinnern kann? Und davon, was danach passierte?
Und am allerwenigsten will ich, dass mich jemand auf die Narbe an meinem Hals anspricht, weil ich nicht erklären kann, wann ich sie mir selbst zugefügt habe.
Mein Atem geht schneller. Ich bin nervös, beinahe hektisch. Aber ich kann mich beruhigen. Dieses Mal schaffe ich es. Dieses Mal werde ich nicht durchdrehen …
In dem Moment legt Aiden seine Hand auf meine Schulter. Blanke Panik befällt mich. Mir läuft es eiskalt über den Rücken. Dunkle Gedanken tauchen vor meinem inneren Auge auf. Er wird mich packen. Festhalten. Stoßen. Er wird mir wehtun. Er wird mich verletzen oder dafür sorgen, dass ich selbst es tun werde. Er wird …
»Hey?«
»Was?«, fahre ich ihn an. »Kann man nicht einfach mal in Ruhe dasitzen und die verdammte Aussicht genießen?« Dieser Satz kostet mich alles an Selbstbeherrschung.
»An einer Klippe? Abseits der Wege? Klar. Wenn man Lust hat zu springen, ist das optimal.«
»Was ist dein Problem?« Die Vene an meinem Hals beginnt zu pochen und mit einem Mal ist mir alles andere als kalt. »Und wenn ich springen wollte? Inwiefern wäre das dein Problem?«
Für einige wohltuende Sekunden ist er tatsächlich still. Dafür schnaufe ich, als wäre ich gerannt.
»Schlechte Idee.« Er wiegt den Kopf, sieht über die Kante und zuckt dann mit den Schultern. »Das sind vielleicht 15 Meter. Mit den ganzen Büschen zerkratzt du dir maximal dein hübsches Gesicht.« Mein Herz schlägt wie verrückt. Ich atme flach und hektisch. Währenddessen kann ich nur an eins denken: Ich hatte dieselbe Vermutung.
»Man kann sich auch schon aus einem Meter Höhe das Genick brechen.« Wieso antworte ich ihm? Wieso bin ich überhaupt noch hier? Ich wollte in Ruhe nachdenken. Allein. Über mein Leben und darüber, ob es noch einen Sinn hat. Aber niemals wäre ich gesprungen. Denke ich.
Vielleicht ein kleiner Unfall. Ein wenig Schmerz.
Das hätte ich verdient.
Vielleicht würde ich mich dann … ja, was? Lebendig fühlen? Nicht wie ein Stück Dreck?
»Bei einem Meter auf jeden Fall.«
»Das …«, ich stocke. »Hast du mir gerade recht gegeben?«
»Klar. Ein Meter ist gefährlich. Hier hingegen …« Er deutet ausschweifend auf den See. »Hat der Körper genug Zeit sich zu drehen, sodass du auf deinen Füßchen landest und dir lediglich die Beine zertrümmerst.«
»Welch tolle Aussicht.«
»Die Aussicht finde ich auch gut. Den Teil mit den zertrümmerten Beinen eher nicht.«
»Okay, weißt du was?« Ich rapple mich langsam auf und drehe mich zu ihm. »Du gehst mir gehörig auf die Nerven. Dabei entwickelt man tatsächlich den Wunsch zu springen.« Meine Worte sind voll von Verbitterung. Eine, die er nur zusätzlich befeuert hat. »Also danke für die verschwendete Zeit und es hat mich nicht gefreut dich kennenzulernen.«
Ich drehe mich in Richtung der Klippe. Mein Herz pocht, als ich herabblicke.
Würde ich es tun?
Aiden springt schneller auf die Beine, als ich es erwartet habe. Er streckt die Arme nach hinten durch, um sich zu dehnen. Dann reicht er mir erneut die Hand. Ich spiele mit meiner Lippe. Schließlich ergreife ich sie zögernd. Wie erwartet – oder eher befürchtet – lässt er nicht los, weshalb ich die Augen verdrehe. »Entweder du verpisst dich oder du kannst mich auch selbst die Klippe herunterwerfen. Wäre vermutlich die bessere Wahl als dich noch länger …«
Mir entweicht ein spitzer Schrei. Mit einem Achselzucken hat er mich gepackt und nach hinten gestoßen. Mein Herz bleibt stehen, als mein Körper über die Kante kippt und ich mich für wenige Sekunden im freien Fall befinde. Ein harter Ruck geht durch meinen Arm, den er weiterhin festhält. Meine Seite kracht hart gegen den Felsen. Meine Füße hängen in der Luft. Dreck fällt in mein Gesicht. Überrumpelt schließe ich die Augen, während ich mich panisch an seinen Arm kralle.
»Bist du völlig durchgedreht?«, schreie ich hysterisch. Mit den Füßen versuche ich Halt zu finden, während mein Arm schmerzhaft nach oben gerissen wird.
Aiden zieht mich mit einem Schnaufen zurück über den Rand. Kaum, dass ich wieder festen Boden unter meinem Hintern habe, mache ich mich von ihm los und krieche hektisch zurück. Ich stoße gegen einen Baum, drücke den Rücken dagegen und kann geradeso dem Drang widerstehen, mich daran festzukrallen. Dieser Typ hat mich von einer Klippe gestoßen. Er hat mich festgehalten und wieder hochgezogen, aber er hat mich auch heruntergeschubst. Fuck. Was wäre, wenn er mich nicht festgehalten hätte?
Wäre ich dann tot?
»Gern geschehen«, sagt er lediglich. Dabei putzt er sich die Hände an der Hose ab und lässt den Arm kurz kreisen.
»Gern geschehen? Was? Dass du mich beinah umgebracht hast?«, kreische ich hysterisch. Etwas raschelt hinter mir. Vermutlich ein aufgeschrecktes Eichhörnchen. Ich kann ihm nur raten zu flüchten, bevor Aiden sich Stiefel daraus macht.
Er kommt auf mich zu, weshalb ich abwehrend die Hände hebe. »Du warst dir unsicher, ob du springen willst. Jetzt weißt du es.« Achselzuckend lehnt er sich an einen anderen Baum und zündet sich eine Zigarette an.
Fassungslos sehe ich ihn an. »Ich wollte nicht springen«, knurre ich leise. »Im Gegensatz zu dir bin ich immerhin kein völliger Psychopath!«
Er seufzt leise und bläst den Rauch in die Dämmerung. »Dann weißt du jetzt immerhin, dass du – nach eigener Aussage – kein Psychopath bist. Auch ein Gewinn. Nicht, dass das eine etwas mit dem anderen zu tun hat.«
Mein Atem beruhigt sich langsam. »Das wusste ich vorher schon.« Die Anspannung in meinem Körper lässt nach. Trotzdem bleibe ich wachsam, während ich es nicht schaffe, einen klaren Gedanken zu fassen.
»Dann verstehe ich die Aufregung nicht.«
»Du bist unfassbar …«
»Den Satz kannst du gern fortführen, nachdem wir miteinander im Bett waren.« Er nimmt einen weiteren Zug und lehnt sich beim Ausatmen zufrieden zurück.
»Mit Sicherheit nicht.«
»Keine Gespräche nach dem Sex?« Er zuckt die Achseln. »Auch okay.«
»Kein Sex«, knurre ich leise.
»Das wiederum ist bedauerlich.«
»Los«, kommandiert er. Dabei schnippt er die frische Zigarette weg.
Ich folge ihr mit meinem Blick und sehe ihn dann voll Missfallen an. »So entstehen Waldbrände.«
Ohne den Blick von mir zu lösen, geht er zu der qualmenden Zigarette und tritt sie auf dem Stein aus. »Zufrieden?« Und schon kehren die süßen Grübchen – die er absolut nicht verdient hat – zurück auf sein Gesicht.
Ich starre ihn an. Während er auf mich zugeht, sich bückt, meinen Oberarm packt und mich in die Höhe zieht. Das Adrenalin hat nachgelassen und inzwischen bin ich völlig erschöpft.
Der Blick aus seinen stechend grünen Augen wird fordernder. »Kommst du mit oder muss ich dich tragen?« Er zieht die Mundwinkel leicht in die Höhe, ohne dabei zu lächeln.
»Ich schlafe nicht mit dir«, stottere ich zögernd. Das ist alles an Widerstand, was ich aufbringen kann. Ich fühle mich erschöpft und kraftlos. Als wäre ich schon einmal in einer ähnlichen Situation gewesen. Nein, ich war bereits in ähnlichen Situationen. Jede Nacht, jede freie Minute, verbringe ich mit Tagträumen. Albträumen, genauer gesagt. Dort werde ich misshandelt, entführt, geschlagen und bedroht. Man tut mir weh, zwingt mich zu Dingen, die ich nicht will.
Und ich stehe da. Genau wie jetzt.
Ich bin erstarrt und schaffe es nicht, mich zu rühren. Mein Gehirn ist eingefroren und meine Glieder fühlen sich taub an.
»Die korrekte Zeitform wäre, ich werde nicht mit dir schlafen.« Aiden klingt … belustigt?
»Ich gehe nicht mit einem Fremden mit«, stottere ich.
»Gerade eben wolltest du noch von einer Klippe springen, da sollte es dir vollkommen egal sein, ob du mir folgst.«
Schließlich deutet er über die Schulter. »Mitkommen.« Er lässt mich los. Ironischerweise wird mir erst in diesem Moment bewusst, dass er mich noch festgehalten hat.
Ich schwanke und muss mich an den Baum lehnen. Währenddessen geht Aiden davon. Er verschwindet zwischen den Zweigen, seine Schritte werden leiser.
Nicht ein Mal sieht er sich um.
Ich bekomme Panik. Davor, was er mir antun könnte. Wer er ist und warum er einen so großen Einfluss auf mich hat. Ich schaffe es nicht, mich zu konzentrieren oder damit zu beschäftigen, warum ich bei jedem seiner Worte derart in Panik ausgebrochen bin.
Ich fühle mich schlecht, verlassen und einsam.
Gleichzeitig bin ich froh, dass er weg ist.
Und dann mache ich das mit Abstand dümmste:
Ich laufe ihm hinterher.