Leseprobe Eine zweite Chance für den Viscount | Eine leidenschaftliche Regency Romance

Kapitel eins

Lady Jenna Hawkins fühlte sich so elend, als hätte sie alle Erwartungen ihrer Mutter enttäuscht. Sie bahnte sich einen Weg durch die Menge und rannte förmlich den Flur von Lady Clementines Stadthaus entlang. Sie hatte den Ball in vollen Zügen genossen, bis Lord Davidson gesagt hatte, er würde morgen früh ihren Vater aufsuchen und um ihre Hand anhalten.

Jenna hatte Gefallen an seiner Ernsthaftigkeit gefunden, doch aus seinem Blick hatte Gleichgültigkeit gesprochen, und

ein paar Minuten später hatte sie zufällig mitangehört, wie er zu seinem Freund sagte, sie sei zwar sehr hübsch, aber es gebe eine andere Debütantin, die ihm besser gefalle – nur leider habe Jenna die üppigere Mitgift. Das Unglück wollte es, dass er ihren entsetzten Japser hörte, und er besaß die Dreistigkeit, ihr durch den überfüllten Ballsaal zu folgen, um ihr die Sache zu erklären.

Lord Davidson versuchte, mit ihr zu reden, doch Jenna tanzte davon, lachte und plauderte mit ihren Freundinnen und nahm keine Notiz von dem Earl. Seine Frustration wuchs bei jedem vergeblichen Versuch, und dann ließ er sich zu einer Indiskretion hinreißen, die für Aufsehen sorgte.

Jenna hatte keine andere Wahl, als die Flucht zu ergreifen. Der verflixte Mann folgte ihr. Sie hob ihr Ballkleid an und rannte den Flur entlang. Jenna konnte gerade noch in ein Zimmer schlüpfen, sah ihn jedoch vorher noch aus dem Augenwinkel.

„Verflixt“, flüsterte sie. Ihr Herz raste. „Hat er mich auch gesehen?“

Sie schloss leise die Tür ab und lehnte die Stirn an das glatte Holz. Wie konnte ein Abend, der so herrlich begonnen hatte, so schrecklich enden? Jenna fuhr zusammen, als jemand von außen am Türknauf rüttelte.

„Lady Jenna“, rief Lord Davidson. „Bitte öffnet die Tür und lasst mich erklären, was ich gesagt habe. Ich möchte nicht, dass dieses Missverständnis zwischen uns steht!“

Sie stemmte die Fäuste in die Seiten und reagierte nicht.

„Ich weiß, dass Ihr da drinnen seid, Lady Jenna. Bitte macht die Tür auf!“

Sie schwieg immer noch. Er blieb jedoch hartnäckig, und zu ihrem Entsetzen klang es, als würde er versuchen, die Tür irgendwie zu öffnen. Es war keine Kunst, ein Schloss zu knacken – das hatte sie in dem streng geheimen Damenklub gelernt, zu dem sie seit Kurzem gehörte. Jenna durfte nicht allein mit Lord Davidson ertappt werden! Er würde die Situation ausnutzen, und dann wäre sie gezwungen, ihn zu heiraten.

Jenna wollte auf keinen Fall im Zimmer bleiben und abwarten, ob er hereinkommen würde. Sie rannte zum Fenster und schob es auf. Seltsamerweise ging es nur halb nach oben, obwohl sie all ihre Kraft aufbot. Jenna atmete tief durch und beschloss, sich trotzdem hindurchzuzwängen. Sie schwang ein Bein über das Sims, beugte sich vor und wollte hinausspringen – doch sie blieb stecken!

„O Gott“, keuchte sie entsetzt.

Jenna wollte nach vorn, aber aus irgendeinem Grund konnte sie sich nicht rühren. Dann versuchte sie, den Rückweg anzutreten, doch ebenfalls ohne Erfolg. Panik überkam sie, denn der Türknauf vibrierte heftig.

„Ich kann nicht zulassen, dass dieser Taugenichts mich so vorfindet!“

Bei der bloßen Vorstellung fiel sie fast in Ohnmacht.

Da spürte sie eine Hand an ihrer Hüfte und hörte eine leise Stimme sagen: „Lasst mich Euch helfen.“

Jenna erstarrte und konnte vor Schreck nicht einmal mehr atmen.

Ihr Herz schlug so langsam und schwerfällig, dass sie fürchtete, zu ersticken. Sie holte tief Luft, und ein wohltuender Duft stieg ihr in die Nase.

„Seid Ihr … ein echter Mensch?“

„Gibt es denn unechte Menschen?“ Die Stimme klang sehr amüsiert.

„Es gibt Gespenster“, stieß sie hervor. „Wo … wo kommt Ihr her?“

„Ich saß im Dunkeln und sinnierte über den Lauf der Welt, als Ihr mich aus meinen Gedanken gerissen habt.“

Oh! „Ihr hättet Euch bemerkbar machen sollen, Sir!“

Er gab einen leisen Laut der Belustigung von sich. „Dann wäre mir diese herrliche Darbietung entgangen.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, schob der Fremde die Fensterscheibe nach oben und half ihr, hindurchzukommen. Mit seiner Unterstützung gelang es ihr, und sie landete unversehrt auf dem Rasen. Sie blickte auf und sah einen großen, dunkelhaarigen Mann, der mit Leichtigkeit durch das Fenster kletterte. Er bewegte sich geschmeidig und sicher, sein Gesicht konnte sie im Schatten nicht sehen. Es war ein abgeschiedener, sehr dunkler Teil des Gartens, und sie war allein mit einem fremden Mann!

„Wer seid Ihr?“ fragte Jenna. Sie spürte, dass ihre Hände ein wenig zitterten, und sie schnappte immer noch nach Luft.

Der schattenhafte Umriss schwieg ein paar Herzschläge lang.

„Viscount Sallis, zu Euren Diensten“, sagte er dann mit einer höflichen Verbeugung. Er trat einen Schritt auf sie zu, und ihr Herz machte einen Satz.

„Mylord, Ihr dürft nicht so dicht vor mir stehen!“

„Warum nicht?“

Ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt. „Es ist skandalös!“

Sein leises Lachen klang viel zu sinnlich. „Ich bin ja auch skandalös.”

Dieses ungenierte Bekenntnis brachte Jenna für einen Moment aus der Fassung. Dann fiel ihr ein, dass sie selbst zurückweichen konnte. Er sollte nicht so dicht vor ihr stehen. Das wusste sie, aber sie brachte es nicht fertig, rückwärts zu gehen.

„Wollt Ihr damit sagen, dass Ihr ein Wüstling seid? Das … das würde bedeuten, dass ich nicht hier mit Euch allein sein sollte“, sagte sie leise, mehr zu sich selbst als zu dem Viscount.

„Ich schnappe gern frische Luft und sehe, dass es Euch auch so geht, Lady Jenna. Ich verspreche Euch, dass kein Grund besteht, ins Haus zu flüchten. Bei mir seid Ihr immer sicher.“

„Ich … ich bin sicher bei Euch?“

„Ja, Lady Jenna, bei meiner Ehre. Ich verspreche es Euch.“

Erwartete er wirklich, dass sie ihm glaubte? Sie starrte ihn hilflos an und wusste nicht, was sie tun sollte. Er musste gehört haben, wie der Earl ihren Namen rief, denn Jenna war sicher, dass sie dem Viscount noch nie begegnet war. Eine junge Lady sollte nicht in der Gesellschaft von Wüstlingen und Libertins verweilen, sondern schleunigst das Weite suchen. Doch Jenna wollte nicht zurück in den Ballsaal, zurück zu den Erwartungen ihrer Mutter und den Nachstellungen des Earls.

Lord Sallis wandte sich um und zog die Fensterscheibe nach unten, bis sie geschlossen war.

„Euer Verfolger hat das Zimmer betreten“, sagte er leise. „Soll ich ihn vertreiben?“

Warum klang das so unheilverkündend?

Sie machte einen zögernden Schritt auf das Fenster zu. Lord Davidson war wirklich ins Zimmer vorgedrungen. Warum war er so hartnäckig? Hoffentlich kam er nicht darauf, dass sie auf diesem Wege geflohen war. Jenna entfernte sich vom Fenster und eilte in eine dunkle Nische. Dort würde er sie hoffentlich nicht sehen, falls er auf die Idee kommen sollte, aus dem Fenster zu schauen.

Irgendwie spürte sie, dass Viscount Sallis ihr folgte. Jenna schluckte. Ihr Herz raste jetzt wegen der unerwarteten Begegnung und der Aufregung darüber, dass sie mit einem Gentleman allein war. Jenna setzte sich auf eine steinerne Bank und war sich der Anwesenheit des Viscounts nur zu bewusst. Er stand am Springbrunnen, den Kopf schief gelegt, als lausche er, ob der Earl ihnen folgte.

Sie wünschte sich, sie könnte sein Gesicht erkennen. Ein zunehmender Mond hing tief am Himmel, konnte jedoch nur wenig gegen die Schatten der Nacht ausrichten. Lord Sallis’ hochgewachsene Gestalt mit den breiten Schultern strahlte ein Selbstvertrauen und eine Arroganz aus, die sie sowohl faszinierten als auch unsicher machten.

Warum floh sie nicht ins Haus?

„Ich glaube nicht, dass er Euch folgen wird“, sagte der Viscount. „Vielleicht begnügt er sich mit der Erkenntnis, dass Ihr nicht im Zimmer seid.“

Jenna seufzte erleichtert, und Lord Sallis wandte sich ihr zu.

„Warum stellt der Earl Euch nach?“

Jenna umklammerte die Kanten der Steinbank. „Er will mich umwerben.“

„Um Euch zu heiraten?“

„Gibt es noch andere Gründe, eine Frau zu umwerben?“

„Heilige Einfalt“, murmelte er.

Sie merkte, wie ihre Wangen unter seinem Blick heiß wurden. Natürlich sah er sie nicht, doch sie spürte, wie durchdringend er ins Dunkel starrte. Jenna räusperte sich dezent. „Lord Davidson will mich heiraten.“

„So fängt man es aber nicht an“, sagte er trocken. „Schönheit kann Männern den Kopf verdrehen, aber das ist keine Entschuldigung für sein Verhalten.“

Sie starrte ihn entgeistert an. „Es war eher meine Mitgift, die Lord Davidson den Kopf verdreht hat. Ich ahnte es schon, wollte es aber nicht wahrhaben – bis ich ihn dann etwas habe sagen hören, das meinen Verdacht bestätigt hat.“

Der Viscount antwortete nicht, und ein paar Momente lang herrschte Schweigen zwischen ihnen.

Jenna räusperte sich erneut. Sie fühlte sich sonderbar unbehaglich. „Danke, dass Ihr mir geholfen habt, durch das Fenster zu kommen. Entschuldigt bitte, dass ich Euch dabei gestört habe, über den Lauf der Welt zu sinnieren.“

„Aber nicht doch“, sagte er ein wenig spöttisch. „Ich freue mich über etwas Aufregung. Ohne wäre das Leben schrecklich langweilig. Möchtet Ihr etwas trinken?“

Sie blinzelte verwirrt. „Etwas trinken?“

„Ja.“

„Würdet Ihr es undamenhaft finden, wenn ich Ja sage?“

„Legt Ihr Wert auf meine Meinung?“

Jenna lächelte. „Nein.“

„Ich fürchte, es gibt eine Bedingung. Vielleicht solltet Ihr die vorher hören.“

„Eine Bedingung dafür, dass ich mit Euch trinke?“, piepste sie, und ihre Wangen wurden heiß, denn sie klang wie eine Maus.

„Ja.“ Lord Sallis kam auf sie zu, setzte sich neben sie auf die Bank, nahm eine kleine Flasche aus seiner Tasche und gab sie ihr. „Sollten wir ertappt werden, werde ich Euch nicht heiraten, um Euren Ruf zu retten.“

Verblüfft lachte sie auf und wurde dann wieder ernst. „Wirklich nicht?“

„Nein.“

„Wie wunderbar“, murmelte sie. „Ich würde Euren Antrag sowieso nicht annehmen.“

„Gut.“

Jenna entstöpselte die Flasche und nahm einen vorsichtigen Schluck. Die warme Flüssigkeit löste ihre Anspannung ein wenig. Ihr Atem ging schneller, und ihr stieg das Blut in die Wangen. Sie gab ihm die Flasche zurück, und auch er trank einen Schluck. Ihre Augen hatte sich an die Dunkelheit gewöhnt, und sie meinte sogar, einen goldenen Schimmer in seinem Blick zu sehen. Wieder stieg ihr sein Duft in die Nase.

Sie schaute beiseite, und er trank einfach weiter und reichte ihr dann und wann die Flasche. Sie setzte sie jedes Mal nur an den Mund, ohne etwas zu trinken. Sie vertrug nur sehr wenig, sagte es ihm jedoch nicht, sondern begnügte sich mit dem Anschein, etwas Skandalöses zu tun.

Vielleicht lag es daran, dass der Viscount wie ein Beschützer auf sie wirkte, ganz im Gegensatz zu dem Mann, der sie in schändlicher Absicht verfolgt hatte. Oder sie war kühner geworden, seit sie dem Klub vom Berkeley Square 48 beigetreten war. Jedenfalls machte es Jenna keine Angst, mit Lord Sallis allein zu sein. Sie teilte lächelnd die Flasche und blickte zum Nachthimmel auf. Sie empfand ein seltsames Gefühl der Zufriedenheit, umgeben von der Ruhe des Gartens und der unerwarteten Gesellschaft.

Kapitel zwei

6 Wochen später …

Lady Jenna errötete, als sie den Rock ihres Kleides betastete und den Blick durch den überfüllten Ballsaal schweifen ließ. Sie bebte förmlich vor Aufregung, versuchte jedoch, völlig ungerührt zu wirken. Jenna hatte sich heute Abend besondere Mühe mit ihrer Erscheinung gegeben. Sie trug ein rosa Kleid mit hoher Taille und einem skandalösen Ausschnitt, der mehr als nur ein paar anerkennende Blicke auf sich zog. Ihr rabenschwarzes Haar war zu einem komplizierten Knoten geschlungen, ein paar Löckchen fielen ihr auf die Wangen und in die Stirn und machten ihr Gesicht interessant. Sie umklammerte ihren bemalten Fächer so fest, dass der Griff sich schmerzhaft in ihre Handfläche grub, obwohl sie Handschuhe trug.

Warum wolltest du, dass ich auf diesen Ball gehe?, fragte Jenna stumm. Ihre Wangen wurden heiß, als sie an das letzte Liebesgedicht dachte, das sie für Cillian Stanhope, Viscount Sallis, geschrieben hatte. Sie hatte es gestern unauffällig in sein Stadthaus am Grosvenor Square schicken lassen und kannte jede Zeile auswendig, denn sie hatte sehr lange daran gesessen. War es richtig, dem Viscount so intime, unsittliche Gedanken anzuvertrauen?

Liebe war für mich nur ein Traum

Ein edler Ritter aus alter Zeit

Ein Kuss unter einem grünen Baum

Ein Trost in meinem Herzeleid

Doch dann habe ich dich gesehen

Mein Herz tanzt, und ich weiß

Dieses Glück wird nie vergehen

Deine Küsse sind süß und heiß

Die Antwort auf ihr Gedicht, in dem sie all ihre Gefühle preisgegeben hatte, war eine einzige Zeile gewesen:

Geht auf Lady Pantons Mitternachtsball.

„Arrogant und anmaßend“, hatte sie geflüstert, war durch ihr Schlafzimmer getanzt und hatte das Papier an ihre Brust gedrückt.

Jenna schloss die Augen und malte sich die Küsse aus, von denen sie geschrieben hatte. Selbst jetzt fing ihr Herz noch an zu rasen, als sie daran dachte, wie zärtlich er ihr Gesicht in seine Hände genommen hatte, wie ungeniert er sie an sich gedrückt und wie leidenschaftlich er seinen Mund auf ihren gepresst hatte.

Mein erster Kuss – und der war so herrlich!

Bei der Erinnerung stieg ein heißes Begehren in Jenna auf, und ihre Lippen prickelten, als hätte der Viscount sie gerade wieder geküsst.

„Deine Wangen sind ja feuerrot“, erklang eine leise Stimme neben ihr.

Lächelnd wandte Jenna sich einer ihrer besten Freundinnen zu, Prudence, Countess Wycliffe, die auch Mitglied im geheimen Damenklub vom Berkeley Square 48 war. Prue sah umwerfend aus – sie trug ein smaragdgrünes Kleid, das ihre Augen zur Geltung brachte. Ihr Haar thronte in einer kunstvollen Lockenpracht auf ihrem Kopf.

„Meinst du, dass er heute Abend um meine Hand anhalten wird, Prue?“, fragte Jenna. Aus ihrer Stimme sprach eine Mischung aus Hoffnung und Furcht.

Ihre Freundin kaute auf ihrer Unterlippe und machte ein argwöhnisches Gesicht. „Ich …“

Jennas Herz setzte einen Schlag aus, weil Prue so unentschlossen wirkte. Das sah ihrer Freundin gar nicht ähnlich. „Was ist los?“

„Ich möchte dir keinen Kummer machen, Jenna.“

Sie legte ihrer Freundin die Hand auf den Arm. „Bitte verheimliche mir nicht, was du weißt.“

Prue schaute sich im Ballsaal um, um sicherzugehen, dass sie nicht belauscht wurden. „Ich habe ein Gespräch mitangehört … Lord Sallis hat mit Lord Pembrook geredet. Der Viscount sagte etwas von einem Kredit, den die Bank ihm verweigert habe.“

„Ein Kredit?“, wiederholte Jenna stirnrunzelnd.

„Ja, anscheinend ist der Viscount hoch verschuldet“, sagte Prue. Es war kaum mehr als ein Flüstern. „Und das schon seit Jahren.“

„Aber … Lord Sallis hat mir nie etwas davon erzählt, und wir haben schon so oft miteinander gesprochen“, sagte Jenna. Ihr zog sich der Magen zusammen. „Ist es vielleicht nur müßiger Klatsch?“

„Der Viscount hat selbst gesagt, dass der Kredit abgelehnt wurde und er alle Möglichkeiten ausgeschöpft habe. Keine Bank würde es wagen, einen Lord vor den Kopf zu stoßen, wenn sie nicht sicher wären, dass er nicht kreditwürdig ist.“

„Meine Familie weiß nichts davon“, sagte Jenna. „Und wohl auch niemand sonst, denn dann hätte sich das Gerücht längst in der Stadt verbreitet.“

Prue nickte. „Ich fürchte, hinter Lord Sallis’ Einladung zu diesem Ball steckt mehr als nur Zuneigung.“

Jenna schwankte der Boden unter den Füßen. „Was meinst du damit?“

Prue atmete tief durch. Ihre Augen hatten einen besorgten Ausdruck angenommen. „Ich fürchte, er spielt ein Spiel, Jenna. Ich weiß, dass du nicht einverstanden warst, als deine Mutter überall ausposaunt hat, dass du eine große Mitgift hast. Lord Pembrook hat Lord Sallis gedrängt, so schnell wie möglich eine reiche Erbin zu heiraten, um seinen Besitz zu sichern.“

„Nein!“ Jenna umklammerte ihren Fächer noch fester, und das feine Holz begann zu knirschen. „Was hat der Viscount geantwortet?“

„Gar nichts – er ist einfach gegangen.“

Jennas Herz hämmerte. Der Viscount war verarmt, und sie hatte eine Mitgift von fünfzigtausend Pfund und noch dazu einen Landsitz in Berkshire. Ihre Mutter hatte es für sinnvoll gehalten, den ganzen ton von ihrem Reichtum in Kenntnis zu setzen. Jenna hingegen fürchtete, dass man damit Männer, die nur ihr Geld wollten, anlocken würde.

Sie dachte daran, mit welcher Glut im Blick Lord Sallis sie ansah, wenn er glaubte, sie würde es nicht merken. Es brachte ihr Herz zum Rasen.

Sie erinnerte sich daran, wie sie unter den Sternen getanzt hatten. Seine Berührungen waren sanft und doch besitzergreifend gewesen. Er war mit ihr durch den Hyde Park spaziert, sie hatte ihren Sonnenschirm herumgewirbelt und über alles und nichts geplaudert. Sein Blick war immer kühl und distanziert gewesen. Jenna hatte geglaubt, es sei einfach seine Erfahrung gewesen, schließlich besaß er den wohlverdienten Ruf, ein Frauenheld zu sein. Sie hatte gedacht, dass er sich für sie geändert habe, dass der sanfte Ton, in dem er mit ihr sprach, und seine zärtlichen Berührungen Zeichen für echte Zuneigung seien. Jetzt nagten Zweifel an ihr, und sie stellte jeden Moment infrage, den sie geteilt hatten.

Ihre Welt geriet aus den Fugen. Sie tat ihm sicher unrecht, wenn sie Zweifel an seinen Absichten hegte. Vor allem, wenn man bedachte, dass Lord Sallis wusste, warum sie in den letzten Wochen alle Annäherungen von Lord Davidson zurückgewiesen hatte. War sie einfach dem Charme eines anderen Mitgiftjägers erlegen?

„Cillian würde nicht … er kann nicht so grausam sein, mich nur wegen meines Reichtums und meiner Beziehungen zu umwerben“, flüsterte sie. Ihre Augen brannten schmerzhaft.

„Ich weiß es nicht“, sagte Prue sanft und tätschelte Jenna den Arm. „Die Aufmerksamkeiten des Viscounts waren schmeichelhaft, und er ist sehr attraktiv und selbstsicher. Aber sei vorsichtig, Jenna.“

Jenna nickte. Ihre Gedanken fuhren Karussell. In die freudige Aufregung von vorhin mischten sich jetzt Zweifel und Anspannung. Sie ließ den Blick durch den Ballsaal schweifen, und ihr Herz wurde schwer, als sie sah, dass der Viscount sich aus dem Raum stahl. Entschlossen straffte Jenna die Schultern. Sie würde noch heute Abend die Wahrheit herausfinden, und wenn Lord Sallis dachte, er könne mit ihrem Herzen spielen, hatte er sich geschnitten. Er würde schon merken, was für eine Gegnerin sie war, wenn er es wagte, Spielchen zu treiben.

Jenna verabschiedete sich unauffällig von Prue und folgte dem Viscount mit leichten, aber entschlossenen Schritten. Sie schlängelte sich durch die Menge, und ihr Herz klopfte, als sie ihm durch den schwach beleuchteten Korridor folgte.

Der Viscount betrat ein Zimmer. Sie schlich sich an und blickte durch die Tür, die nur angelehnt war. Ihr blieb fast das Herz stehen, und ein erstickter Laut entrang sich ihrer Kehle.

Cillian stand da und hielt eine wunderschöne Frau in den Armen. Ihre Hand lag besitzergreifend auf seiner Brust. Sie steckten die Köpfe zusammen und sprachen leise und vertraulich miteinander. Jenna verstand nicht, was sie sagten, und ihr tat das Herz weh, denn dieser Anblick zerstörte all ihre Hoffnungen. Die Lady schaute dem Viscount über die Schulter, und ihre Augen weiteten sich. Aber statt sich hastig von ihm zu entfernen, packte sie Lord Sallis an den Schultern und küsste ihn leidenschaftlich auf den Mund.

Jenna entfuhr ein Schmerzenslaut. Sie trat vor und sagte mit vorwurfsvoll bebender Stimme: „Wie könnt Ihr nur!“

Sein Kopf fuhr herum, und ihre Blicke trafen sich.

Die Frau wich rasch zurück und riss in gespielter Überraschung die Augen auf. „Himmel, anscheinend haben wir Publikum!“

Die Miene des Viscounts wurde kalt und finster. Er starrte Jenna an. „Wartet draußen auf mich, Jenna.“

„Auf Euch warten?“, stieß sie hervor.

„Ja.“

„Ihr macht wohl Witze“, sagte sie matt. „Als ob ich Euch einfach so gehorchen würde.“

Lord Sallis starrte auf sie herunter. Sein Gesicht war ausdruckslos, doch in seinen Augen funkelte ein Gefühl, das sie nicht deuten konnte.

„Lady Jenna, es ist nicht so, wie es aussieht …“

„Nicht so, wie es aussieht?“, fragte sie mit einem zittrigen Lachen. „Mylord, Ihr habt eine andere Lady umarmt – und mich glauben lassen, Ihr hegtet echte Gefühle für mich.“

Er seufzte und fuhr sich durchs Haar. „Jenna, bitte lasst mich Euch alles erklären.“

„Erklären, was ich gesehen habe?“ Sie spie die Worte förmlich aus und war wütend, weil ihr Herz so wehtat. „Haltet Ihr mich für so dumm, dass ich mir Eure Lügen anhören würde?“

Die andere Lady zupfte ihn am Ärmel. „Mein Liebster, lass uns …“

„Raus!“, sagte er. Seine Stimme klang gefährlich leise.

Jenna fuhr zusammen und fasste sich an die Kehle. Er hatte noch nie in einem solchen Ton mit ihr gesprochen. Der Befehl galt nicht ihr, doch das begriff sie erst, als die andere Frau, die sich sichtlich unwohl fühlte, hastig das Zimmer verließ.

Die Tür schloss sich hinter der Lady, und Lord Sallis streckte die Hand nach Jenna aus. Aber sie wich zurück und schüttelte den Kopf.

„Ihr macht Euch nichts aus mir, nicht wahr?“, fragte sie. Ihre Stimme brach. „War alles nur Theater? Ein Vorwand, um Euch meine Mitgift und den Landsitz unter den Nagel zu reißen?“

Sein Blick war so eindringlich, dass sie sich davor fürchtete, zu verstehen, was seine Augen sagten.

„Meine Gefühle für Euch sind echt. Sie sind kein Vorwand.“

Sie wollte ihm so gern glauben. Was sie für ihn empfand, war mit nichts zu vergleichen, was sie je erlebt hatte. „Habt Ihr Schulden, Lord Sallis?“

Er fuhr zusammen, dann erstarrte er.

„Antwortet mir“, sagte sie in angsterfülltem Ton.

„Ja.“

Jenna zuckte zusammen. „Dann habt Ihr deshalb … so getan, als wäret Ihr an mir interessiert …“

„Ich habe nicht nur so getan. Ich bin an Euch interessiert. Ihr müsst mir glauben. Ich war noch nie jemandem so zugetan wie Euch.“Tränen stiegen ihr in die Augen, denn sie sehnte sich danach, ihm in die Arme zu sinken, den Kopf an seine Brust zu lehnen und ihr wundes Herz von seinen Worten beruhigen zu lassen.

„Nein“, flüsterte sie und sprach mehr zu dem schwachen Teil ihrer selbst, der den Viscount begehrte. Sie reckte das Kinn und sah ihm in die Augen. „Wir haben über vieles gesprochen – aber das habt Ihr mir nie erzählt. Ich habe Euch sogar anvertraut, wie unangenehm es mir war, dass meine Mutter meine Mitgift wie eine Monstranz vor mir hergetragen hat, und mir viel darauf eingebildet, dass ich Mitgiftjäger durchschauen würde. Wie müsst Ihr über mich gelacht haben! Ihr … Ihr habt Eure Geliebte geküsst …“

„Ich glaube, die Lady hat mich geküsst“, sagte er gepresst.

„Wollt Ihr damit Eure Ehrlosigkeit rechtfertigen?“, fuhr sie ihn an. „Ich verlange meine Gedichte zurück!“

„Jenna …“

„Jedes einzelne! Ihr seid ihrer nicht würdig, Lord Sallis.“

Er erstarrte, und aus seinem Blick sprach Traurigkeit. „Ich werde Euch Eure Gedichte nicht zurückgeben“, sagte er. Trotz der Schatten in seinem Blick klang er energisch.

„Warum nicht?“, rief sie. Ihre Stimme hallte in dem kleinen Zimmer wider. „Weil Ihr mich heiraten werdet, Lady Jenna.“

„Ich heirate nie und nimmer …“

„Notfalls nutze ich Eure Liebesbriefe als Beweis, dass wir unwiderruflich aneinander gebunden sind. Ihr könnt keinen Rückzieher machen, denn es stehen höchst intime Dinge darin. Wir werden heiraten.“

Sie starrte ihn entsetzt an. Was für ein Wesen stand da vor ihr? Es wirkte kalt und rücksichtslos. Jenna begriff, was er meinte. Ein einziges Gedicht würde ihrer Familie reichen, sie zur Ehe mit ihm zu zwingen. Auf diesen Seiten hatte sie gestanden, wie sehr sie sich nach seinen Berührungen und Küssen sehnte. Diese Worte würden dafür sorgen, dass ihr Bruder, der furchterregende Earl of Ralston, sie mit Billigung ihrer Mutter zum Altar schleifte.

„Wie könnt Ihr nur?“, fragte sie leise. Ihre Lippen zitterten, als sie gegen den Aufruhr in ihrem Inneren ankämpfte.

„Kommt her, Jenna“, murmelte Lord Sallis.

Seine Stimme klang leise und innig, unglaublich zärtlich, und das gleich nach der Drohung, sie zu erpressen. Sie schüttelte benommen den Kopf, drehte sich um und stürzte aus dem Zimmer. Die Tränen, die sie bisher zurückgehalten hatte, liefen ihr jetzt über die Wangen. Jenna floh in den Garten, ließ sich auf eine abgelegene Steinbank sinken und schluchzte laut.

O Gott, wie konnten all meine Träume in einer Sekunde zerbrechen?

Sie hörte Schritte, blickte auf und sah Prue.

„Ich habe gesehen, wie du nach draußen geeilt bist, Jenna. Ist alles in Ordnung?“

„Ich … ich …“ Sie konnte nichts sagen, sondern schüttelte nur den Kopf und presste sich die behandschuhte Rechte auf den Mund.

Prue sah Jennas tränenüberströmtes Gesicht, und ihre Miene wurde entschlossen. „Was ist passiert?“, fragte sie voller Sorge.

„Er … er hat eine andere Frau geküsst“, brachte Jenna hervor. Es tat fast körperlich weh. „Ich habe meine Gedichte zurückverlangt, aber er hat abgelehnt. Der Viscount sagt, wir würden heiraten. Ich fürchte, er wird mich nicht gehen lassen, weil er meinen Reichtum und meine Beziehungen braucht. Ich fühle mich so gedemütigt. Ich will ihn nicht heiraten – nicht mehr! O Prue, wenn mein Bruder von meinen Indiskretionen erfährt, bin ich gezwungen, diesen Taugenichts zu heiraten. Lord Sallis wird sie öffentlich preisgeben, um mich zur Ehe zu zwingen – das hat er gesagt!“

Prues Augen wurden schmal. „Das lassen wir nicht zu. Ich schwöre dir, Jenna, dass wir diese Gedichte zurückbekommen. Er wird sie nicht behalten, und wenn ich sie stehlen muss! Das schreit förmlich nach einem Treffen am Berkeley Square 48!“

Jenna nickte und fühlte sich etwas besser. Sie wusste: Mit den Freundinnen an ihrer Seite hatte sie die Kraft, sich allem zu stellen, was kommen würde.