Leseprobe Die perfekte Kollegin | Der fesselnde Psychothriller, bei dem nichts ist, wie es scheint

Kapitel eins

In dem Moment, als die Räder den Asphalt berührten, schnürte sich meine Brust zusammen. Ein unsichtbarer eiserner Griff drückte fest zu, bis meine Atmung das Einzige war, auf das ich mich noch konzentrieren konnte. Ich befand mich wieder auf englischem Boden, der Herbst zeigte sich in seiner ganzen Pracht, doch ich fühlte mich nicht getröstet. Alles, wovor ich die letzten fünf Monate geflohen war – der Schmerz, die Schuldgefühle, die Trauer –, kam zurück. Innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde war es, als wäre ich nie weg gewesen. Ich rutschte von einem Albtraum in den nächsten.

„Komm schon, Ria, du schaffst das“, murmelte ich, während ich darauf wartete, dass die Anschnallzeichen erloschen. Meine Handflächen begannen zu schwitzen und die Angst kroch meinen Hals hinauf.

„Wie bitte?“, fragte die Frau neben mir. Sie dachte, ich spräche mit ihr, obwohl wir seit dem Start in Nizza kein Wort gewechselt hatten.

„Oh, nichts“, antwortete ich mit einem gezwungenen Lächeln. Im gleichen Moment sprangen die Passagiere um mich herum auf und drängten in den Gang, als wäre der Startschuss für ein Rennen gefallen, von dem ich nicht wusste, dass ich daran teilnahm.

„Ich verstehe nicht, warum die Leute immer so hetzen müssen“, schimpfte die Frau und nahm ihre Brille ab, um die Gläser mit ihrem Pullover zu putzen.

Ich zuckte gleichgültig mit den Schultern, blieb sitzen und ignorierte den Drang, mich der Menge anzuschließen. Wenn ich schon in mein altes Leben zurückkehrte, um mich meinen Dämonen zu stellen, konnte ich auch direkt damit anfangen.

Vor fünf Monaten war ich in ein Flugzeug nach Sevilla gestiegen, mit der festen Absicht, Europa zu entdecken – geschafft habe ich es allerdings gerade einmal bis nach Frankreich. Ich verzog das Gesicht, als ich in den trüben Himmel blickte, in den Nieselregen, der die kleinen Fenster bedeckte – und dann runter auf meine Converse, die innerhalb weniger Minuten völlig durchnässt sein würden. Dummerweise war mir nicht in den Sinn gekommen, dass ich mich für einen kühlen Oktoberabend in Großbritannien hätte anziehen sollen. Normalerweise hätte ich mir um diese Zeit einen gemütlichen Ort gesucht, um ein Cassoulet und ein Glas Rotwein zu genießen, gefolgt von einem Strandspaziergang in der Wärme der untergehenden Sonne. Die Frau neben mir mit ihrem leuchtend orangefarbenen Pullover hatte offensichtlich vorausgedacht.

Mein Magen knurrte leise, und ich zog die dünne Strickjacke enger um mich, als ich unbeholfen aufstand, um meinen Koffer aus dem Gepäckfach über mir zu ziehen. Die Entscheidung, nach Hause zu kommen, war übereilt gewesen, ausgelöst durch einen Streit mit meiner Mutter. Ohne den britischen Herbst zu bedenken, hatte ich wahllos Kleidung in meinen winzigen Koffer geworfen und war zum Flughafen gefahren, während meine Mutter schlief. Ich wusste, dass sie mich nur beschimpft hätte, dass ich wieder einmal vor meinen Problemen davonlief. Sie hatte zwar nicht Unrecht, aber ich fühlte mich dort einfach nicht sicher. Das würde ich nie.

Ich schlurfte im Schneckentempo hinter den anderen aus dem Flugzeug, dachte an die eisige Temperatur, die in meiner Wohnung herrschen würde, und wünschte, ich hätte eine dieser Apps, mit denen man die Heizung aus der Ferne einschalten konnte. Immerhin musste ich nicht weit fahren. Sobald ich durch die Passkontrolle war, würde es nur zehn Autominuten dauern, um vom Flughafen Gatwick nach Crawley, meinem Wohnort, zu kommen. Da ich kein Gepäck aufgegeben hatte, war es theoretisch möglich, um acht Uhr zu Hause sein und – wenn ich Glück hatte – um neun im warmen Bett zu liegen.

Vor fünf Monaten war meine Flucht keine Option, sondern Notwendigkeit gewesen. Als meine beste Freundin bei einem Unfall starb, geriet ich in eine Abwärtsspirale, bis ich kaum noch funktionsfähig war. Wir hatten uns so sehr auf die Preisverleihung gefreut, die Cardinal Media, eine der führenden Werbeagenturen mit großen, maßgeschneiderten Projekten, jährlich veranstaltete. Nach dem offiziellen Teil war die Party vom Hotel in einen Klub in Brighton umgezogen, wo eine Menge Alkohol floss und harte Drogen wie Bonbons herumgereicht wurden.

Livvy und ich hatten dieses Zeug nie angerührt, da wir beide kein Interesse verspürten, die ganze Nacht mit mahlendem Kiefer und aufgerissenen Augen durchzufeiern, wie wir es bei unseren Kollegen beobachtet hatten. Deswegen war ich auch so erschüttert gewesen, als der toxikologische Bericht bestätigte, dass sie Ketamin im Blut gehabt hatte. Sie war in der Toilette gestürzt, hatte sich den Kopf aufgeschlagen und eine massive Hirnblutung erlitten. Als man sie schließlich fand, kam jede Hilfe zu spät. Meine atemberaubende Freundin, die ich erst seit einem Jahr gekannt hatte, war mutterseelenallein auf dem versifften Boden einer Toilettenkabine gestorben.

Danach haben mich Schuldgefühle und Trauer zerrissen, aber niemand wollte darüber sprechen. Drogen waren ein schmutziges Tabuthema, deswegen wurde Livvys Tod einfach unter den Teppich gekehrt und so gut wie möglich vertuscht, um negative Schlagzeilen über Cardinal Media zu vermeiden. Die anderen, die in dieser Nacht dabei gewesen waren, gaben nicht zu, dass sie Drogen genommen hatten – aus Angst, dass man mit dem Finger auf sie zeigen könnte. Weder ich noch Livvys Eltern konnten glauben, dass sie illegale Substanzen genommen haben sollte. Schließlich war sie, genau wie ich, immer dagegen gewesen. Wir wollten es einfach nicht wahrhaben.

Ich fühlte mich verantwortlich, hatte nicht einmal bemerkt, dass Livvy die Tanzfläche verlassen hatte. Hätte ich früher nach ihr gesucht, statt mich in eine dunkle Ecke zu verziehen, um mit Jayden rumzumachen, hätte ich ihr Leben retten können. Bei unserem ersten Treffen war Livvy zweiundzwanzig, ein Jahr jünger als ich. Wir waren beide als Junior-Executives eingestiegen und hatten sofort eine Verbindung, als ich in die Firma kam. Sie war total lustig und es war einfach schön, mit ihr zusammen zu sein. In der Firma herrschte das Motto „Work-hard-play-hard“, und darauf stürzten wir uns voll und ganz. Wir schufteten, um jede Aufgabe zu erfüllen, jeden möglichen Bonus zu kassieren und eine steile Karriere hinzulegen.

Nach Livvys Tod war es unmöglich, weiterzuarbeiten. Ich kam ständig zu spät und sah aus, als wäre ich gerade aus dem Bett gefallen – was meistens auch der Fall war. Meine aufkeimende Beziehung zu Jayden aus der Kundenbetreuung war im Sande verlaufen und ich so nervös und unruhig geworden, dass ich meine Wohnung kaum noch verließ. Das Bild von Livvys kreideweißem, schweißbedeckten Gesicht, ihren blauen Lippen und dem schlaffen Körper, zusammengesackt auf dem Boden, verfolgte mich ständig. Langsam aber sicher hatte es mich in eine Verrückte verwandelt.

Einen Monat lang zog die Firma mich bloß mit. Die Quelle meiner Kreativität, meine Inspiration, war versiegt, und Chris Lightfoot, der Chef der hippen Agentur, hätte mich mit Fug und Recht entlassen können. Stattdessen schlug er ein Sabbatical vor, um meine Gedanken zu sortieren. Er versicherte mir, dass ich mir keine Sorgen um die Miete machen müsse und mein Job nach meiner Rückkehr auf mich wartete. Also buchte ich schon im Juni ein Ticket nach Sevilla, mit dem Plan, ein paar hedonistische Monate in tiefer Selbstreflexion und Trauerüberwindung zu verbringen. Leider kam alles ganz anders.

Früher als erwartet ging mir das Geld aus, und so arbeitete ich im August und im September in einer Bar in Málaga und gab meinen Lohn für Alkohol und Hostels aus. Irgendwann beschloss ich, dass diese Situation nicht mehr tragbar war, und kündigte mich bei meiner Mutter und ihrem Freund an. Ich flog zuerst nach Paris, um das französische Großstadtleben auszukosten, bis ich vollends pleite war, dann zog ich widerwillig und mit eingezogenem Schwanz zu meiner Mutter nach Nizza und bat sie um weitere finanzielle Unterstützung. Es dauerte zwei Wochen, bis wir uns praktisch gegenseitig zerfleischten. Meine Anwesenheit passte ihrem deutlich älteren französisch-algerischen Freund Tarek überhaupt nicht, das hatte er bis gestern Abend sehr deutlich gemacht.

Es war nicht das erste Mal, dass meine Mutter Tarek über mich stellte. Erst im Januar hatte sie beschlossen, mit ihm nach Nizza zu ziehen, weil er ein Jobangebot dort hatte, und mich damit quasi auf die Straße gesetzt – mit dreiundzwanzig. Wieder einmal half Chris mir aus der Patsche und brachte mich vorübergehend in einer Firmenwohnung unter. Die schöne, moderne Zweizimmerwohnung lag direkt im Zentrum von Crawley, weniger als fünf Minuten vom Büro entfernt. Natürlich zahlte ich Miete, aber da ich gut verdiente, hatte ich zusätzlich Geld für eine eigene Wohnung zurücklegen können – das jetzt allerdings komplett weg war. Ich stand also wieder ganz am Anfang und musste unbedingt arbeiten, um meine Ersparnisse wieder aufzustocken.

Müde und niedergeschlagen schleppte ich mich durch die Passkontrolle und rief am Ausgang ein Taxi nach Hause. Zitternd duckte ich mich unter dem nicht aufhörenden Nieselregen und wünschte mir, wieder in Frankreich zu sein. Doch die Zeit dort war wie stehen geblieben, es war ein Paralleluniversum, das jetzt nicht mehr existierte.

Als der Commonwealth Drive in Sicht kam und die beleuchteten Fenster der vielen Wohnungen in der Dunkelheit blinkten, überkam mich eine Welle der Erleichterung. In wenigen Minuten würde ich zu Hause sein, unter der heißen Dusche den Reisegestank von meiner Haut waschen und danach in einen sauberen Pyjama schlüpfen.

Mein Koffer knallte mühsam gegen jede Treppenstufe. Ich vermied die übliche Warteschlange vor dem Aufzug, wo Eltern mit Kinderwagen und Menschen mit Einkaufstüten ewig warteten. Außerdem waren es nur zwei Stockwerke. Als ich die Nummer 12 erreichte und schon nach meinem Schlüssel kramte, überzog ein unbehagliches Kribbeln meine Haut. Irgendetwas stimmte nicht. Ich checkte, ob ich vor der richtigen Tür stand, schüttelte aber sofort den Kopf über meine eigene Dummheit. Natürlich war es die richtige Tür.

Als ich sie schließlich aufstieß, erstarrte ich augenblicklich. Aus dem Inneren der Wohnung drang Gelächter. Alle Lichter brannten, der Heizkörper im Flur verströmte Wärme, und im Hintergrund war leise der Fernseher zu hören. Mein Fernseher.

Ich betrat vorsichtig den Flur und stellte meinen Koffer leise neben die Eingangstür, die ich offen ließ, für den Fall, dass ich schnell wegrennen musste. Wer zum Teufel war in meiner Wohnung? Hatte jemand das Haus besetzt?

„Ich finde, der hier passt am besten zu uns, er ist so intensiv.“ Langsam folgte ich der vornehmen Stimme, die aus dem Wohnzimmer zu mir herüberschwebte, bis ich vor einer hübschen platinblonden Frau stand. Sie drehte sich zu mir um, verengte die kühlen Augen zu Schlitzen und fragte: „Wer bist du?“

Kapitel zwei

„Ria?“ Jaydens Gesichtszüge entgleisten und seine Augen weiteten sich, als ich weiter in den Raum ging, wo die beiden auf dem Teppich vor dem Sofa saßen. Auf dem Couchtisch lagen Dokumente verstreut, die sie scheinbar durchgegangen waren, jeder hielt ein Glas Wein in der Hand. Sie hatten es sich sichtlich gemütlich gemacht – in meiner Wohnung.

„Sieht kuschelig aus“, scherzte ich, unfähig, meine Verärgerung zu verbergen. „Was macht ihr hier?“

Der verwirrte Blick der Blondine war verschwunden, stattdessen zeichnete sich jetzt Erkenntnis in ihrem Gesicht ab. „Du bist Ria“, sagte sie, als wüsste sie alles über mich.

„Könnte mir bitte jemand sagen, was hier eigentlich los ist?“, fauchte ich zurück. Ich fühlte mich, als wäre ich in eine Folge von „The Twilight Zone“ geraten.

Jayden rappelte sich auf, sammelte hastig die Papiere ein und stopfte sie in einem unordentlichen Haufen in seine Tasche. „Es tut mir leid. Mir war nicht klar, dass du heute zurückkommst.“ Er sprach übertrieben fröhlich und vermied eindeutig meinen Blick.

„Ich bin Amanda“, sagte Blondie, stellte sich direkt vor meine Nase und streckte mir ihre Hand entgegen, als würde ihr Name alles erklären.

Ein unangenehmes Pochen in meinen Schläfen kündigte schon die Kopfschmerzen an. „Okay, Amanda“, sagte ich, betonte dabei jede Silbe ganz deutlich und ignorierte ihre Hand, „warum bist du hier?“

„Oh.“ Sie kicherte und ich kämpfte gegen den Drang, ihr das dämliche Grinsen aus dem Gesicht zu schlagen. „Ich bin deine neue Mitbewohnerin.“

Mein Auge zuckte und ich wusste nicht, ob es an ihrer nervtötenden Stimme lag oder der Tatsache, dass sie vor einer Minute noch mit meinem Ex-Freund in meiner verdammten Wohnung geschmust hatte.

„Was soll das heißen, neue Mitbewohnerin? Wer sagt das?“ Ich runzelte die Stirn, wodurch sich das Pochen in meinem Kopf prompt noch verstärkte.

„Amanda ist die neue Junior-Executive. Sie ist gerade erst von Broadstairs nach Crawley gezogen, deswegen hat Chris ihr das zweite Schlafzimmer angeboten, bis sie etwas Eigenes findet.“ Jayden griff nach seinem Mantel, um der unangenehmen Konfrontation zu entkommen, doch ich versperrte ihm den Weg.

Die Erkenntnis traf mich wie ein Messerstich in die Brust: Amanda war Livvys Ersatz bei Cardinal Media. Mein Blick huschte zur Anrichte, wo das Foto von uns beiden an meinem Geburtstag immer noch einen Ehrenplatz einnahm. Es tat weh, sie anzusehen.

„Wir sehen uns dann um halb sieben am Bahnhof, Amanda“, murmelte Jayden und räusperte sich, um mir zu signalisieren, dass ich beiseitetreten sollte.

Doch ich bewegte mich keinen Millimeter.

„Wir treffen uns mit einem Kunden in London, um neun Uhr“, fuhr er fort, als müsse er erklären, warum sie ihren Sonntagabend gemeinsam bei einer Flasche Wein verbracht hatten.

Ich hob die Augenbrauen, Jaydens Gesicht färbte sich dunkelrot.

„Schön, dass du wieder da bist“, sagte er schnell, drückte sich an mir vorbei und ging zur Tür hinaus.

„Tschüss, Jayden, bis morgen“, rief Amanda ihm über meine Schulter zu, bevor sie ihren Blick auf mich richtete. „Es tut mir leid, das war ein kleiner Schock. Ich werde dich nicht weiter stören.“

„Ist schon gut“, seufzte ich, wohl wissend, dass ich kein Recht hatte, mich aufzuregen, weil es nicht meine Wohnung war. Trotzdem fühlte es sich wie eine feindliche Invasion an. „Ich bin nur müde, der Tag war ganz schön lang. Ich gehe jetzt duschen und dann ins Bett.“

Ich verriegelte die Wohnungstür und brachte den Koffer in mein Schlafzimmer, in dem, wie ich erleichtert feststellte, alles noch genauso aussah, wie ich es verlassen hatte.

„Okay. Also im Kühlschrank ist Milch, falls du eine Tasse Tee möchtest. Und morgen stehe ich früh auf und bin dann weg“, sagte Amanda, die in meiner Zimmertür stand und mit den Füßen wippte.

„Danke“, antwortete ich, schloss dann mit einem schwachen Lächeln die Tür und ließ mich auf mein Bett fallen.

Ich hatte mich so nach dem Komfort meines eigenen Zuhauses gesehnt, vor allem nach Ruhe und Frieden – etwas, das ich bei meiner Mutter nicht gehabt hatte. Ich wollte die Wohnung nicht teilen, das versetzte meiner Rückkehr einen Dämpfer. Sie war mein Lebensmittelpunkt, und ich war es gewohnt, allein zu leben. Ich kannte diese Amanda nicht, auch wenn unser Zusammenleben zweifellos einen Crashkurs in dieser Hinsicht mit sich bringen würde. Sie war ungefähr so alt wie ich, vielleicht etwas älter. Ihr Haar war mit Sicherheit blondiert, es war fast schon weiß, und ich beneidete sie jetzt schon um ihre vollen Lippen und die Grübchen in den Wangen.

Bestimmt fand Jayden sie heiß. Hatte ich mit meinem plötzlichen Auftauchen einen Annäherungsversuch gestört? Amanda war das genaue Gegenteil von mir, und mein Magen verkrampfte sich vor aufkeimender Eifersucht. Ich war klein und zierlich, während Amanda locker einen Kopf größer war, fast so groß wie Jayden. Mein Haar war schulterlang, dunkel und lockig, ihres lang und glatt. Sie trug einen Mittelscheitel und sah damit aus wie Kate Moss in den Neunzigern. Noch verschiedener ging kaum. Aber was hatte ich erwartet? Dass ich nach fünf Monaten zurückkomme und Jayden und ich einfach dort weitermachen, wo wir aufgehört hatten? Die Leben der anderen waren nicht stehen geblieben, und das konnte ich ihnen nicht übel nehmen. Ich war die Einzige, die Livvys Tod wieder und wieder durchlebte.

Ich musste wieder in meinen früheren Alltag zurückfinden, und zwar schnell. Morgen würde ich zur Arbeit gehen, mit Chris über meine Rückkehr sprechen und herausfinden, ob ich mein altes Leben zurückbekam.

Ich konnte nicht glauben, dass er mir nichts von der neuen Mitbewohnerin erzählt hatte – was sich nach einem kurzen Blick in meine E-Mails, die ich sehr bewusst ignoriert hatte, auch als falsch herausstellte. Schon vor Wochen hatte er mir geschrieben und Amandas Einzug angekündigt. Leider sah es aus, als würde ich mit ihr leben müssen und sie mit mir, besonders jetzt, wo meine gesamten Ersparnisse für eine eigene Wohnung verpufft waren. Irgendwie würde ich schon klarkommen.

Ich lauschte dem gedämpften Gepolter aus der Küche, Tassen klirrten und der Wasserkocher brodelte leise. Ich rollte mich im Bett herum und stöhnte in mein Kissen, weil es unmöglich war, mich zu entspannen. Fast – aber nur fast – wünschte ich mir, auf der anderen Seite des Ärmelkanals geblieben zu sein, aber das ging nicht, nicht nach Tarek. Ich strich über die empfindliche Haut meiner Handgelenke und verdrängte den Gedanken an sein ledriges Gesicht.

So hatte ich mir meine Rückkehr nicht vorgestellt. Ich wollte keine WG mit einer völlig Fremden. Livvys Stimme echote durch meinen Kopf und wies mich zurecht: Sie muss keine Fremde sein.

Livvy war viel cooler gewesen als ich, extrovertiert und nahbar. Sie hatte mich sofort unter ihre Fittiche genommen, als ich bei Cardinal Media anfing. Wenn sie jetzt hier wäre, würde sie das Beste aus der Situation holen. Vielleicht konnte Amanda meine neue Kneipenfreundin oder eine Verbündete bei der Arbeit sein. Eins würde sie allerdings nie ersetzen: Livvy.

Frustriert rappelte ich mich auf und beschäftigte mich damit, meinen Koffer auszupacken und die dreckigen Klamotten zum Waschen auf einen Haufen zu schmeißen. Ich vermisste jetzt schon meine nächtlichen Strandspaziergänge in Nizza, wo die Wellen sanft rauschten und der leichte Wind nach der Wärme des Tages so erfrischend war. Aber nach allem, was mit meiner Mum passiert war, musste ich das endgültig hinter mir lassen.

Überrascht hatte es mich nicht, sie war schon immer egoistisch gewesen. Während meiner gesamten Kindheit war sie verzweifelt irgendwelchen Beziehungen hinterhergejagt, hatte einen Ersatz für meinen Vater gesucht. Dementsprechend war es ein unaufhörlicher Strom von Männern gewesen, die gekommen und wieder verschwunden waren. Dass die meisten nur an ihr Erbe wollten, das mein Großvater hinterlassen hatte, schien völlig an ihr vorbeizugehen. Sie war erst siebzehn gewesen, als sie mich bekam. Und ich wusste, dass sie immer versucht hatte, mir die bestmögliche Mutter zu sein, doch es war hart. Ich war ein Unfall, ein Ausrutscher, und obwohl sie das nie laut ausgesprochen hatte, hörte ich sie laut und deutlich. Ich trauerte noch immer um die Beziehung, die wir hätten haben sollen. Die Bindung, die all meine Freunde zu ihren Eltern hatten. Mütter sollten ihren Töchtern nahestehen, aber die Info hatte meine wohl nie bekommen.

Wütend über das bittere Ende meines Sabbaticals griff ich nach einem Handtuch und ging ins Badezimmer. Das Apartment war offen gestaltet, wodurch der große Wohnbereich mit Sofaecke und Küche in der Mitte lag und die Türen zu den Schlafzimmern und zum Bad von dort abgingen. Ansonsten war alles in einem neutralen und unaufdringlichen Look gehalten, inklusive vanille und beige gestreifter Tapeten und beigen Teppichen. Livvy hatte die Wohnung sofort als langweilig abgestempelt und vorgeschlagen, die öde Tapete in der Küche salbeigrün zu streichen.

Amanda lehnte an der Arbeitsplatte aus Eichenholz, in der einen Hand hielt sie eine dampfende Tasse Tee, in der anderen ihr Handy.

„Ich habe dir auch einen gemacht, falls du doch Lust hast“, sagte sie fröhlich und schenkte mir ein Lächeln voller nervig gerader Zähne.

„Oh, danke“, sagte ich und klang dabei gereizter, als ich beabsichtigt hatte. War ich zwölf, oder was? Um meine Verlegenheit zu verbergen, flüchtete ich ins Bad. Amanda wollte nur nett sein, und ich führte mich auf wie ein undankbares Kind. Wir mussten für eine Weile zusammenleben, ob ich wollte oder nicht.

Ich stellte die Dusche so heiß, dass ich es gerade noch aushielt, und trat unter den Wasserstrahl, in der Hoffnung, die gesammelte Anspannung fortwaschen zu können. Doch man konnte die Badezimmertür nicht abschließen, und mir war nie in den Sinn gekommen, dass ich ein Schloss brauchen könnte – bis jetzt. Im allzu klaren Bewusstsein, jeden Moment gestört werden zu können, beeilte ich mich mit der Dusche. Ich hatte meine Kulturtasche noch nicht ausgepackt, und dort, wo sonst mein Kram gestanden hatte, stapelten sich jetzt Amandas Duschgels, Shampoos und Spülungen. Alles, was ich nicht mit auf meine Reise genommen hatte, war verschwunden. Also griff ich zu Amandas Duschgel, von dem ich aber nur eine winzige Menge benutzte. Ich wusste, dass ich mich an ihrer Stelle über eine solche Übergriffigkeit geärgert hätte, aber für mich hieß es entweder das oder schmuddelig bleiben.

Als ich fertig war, kontrollierte ich den Spiegelschrank an der Wand und fand – nichts. Amanda hatte stattdessen ein Geschenkset von Lush, ein Haarserum und Tampons darin verstaut. Hatte sie meine Sachen weggeworfen? Leicht irritiert öffnete ich die Tür, um sie danach zu fragen, aber Amanda war nicht mehr in der Küche. Ich hielt mein Handtuch fest, damit es nicht verrutschte und blickte mich suchend um. In der nächsten Sekunde registrierte ich, dass die Tür zu meinem Schlafzimmer weit offen stand und Geraschel von drinnen zu hören war.

Kapitel drei

„Was soll das?“, blaffte ich, als ich sah, wie Amanda über mein Bett gebeugt dastand und mein Handy in der Hand hielt.

„Tut mir leid, es hat die ganze Zeit geklingelt. Irgendjemand will dich offensichtlich ganz dringend erreichen“, sagte sie mit gerunzelter Stirn und hielt mir das Telefon hin. „Ich habe an die Badezimmertür geklopft und gerufen, aber du hast mich wahrscheinlich nicht gehört.“

„Lass uns einfach aus dem Zimmer der anderen rausbleiben, okay?“, antwortete ich und nahm ihr das Handy ab.

„Natürlich, entschuldige.“ Amanda sah niedergeschlagen aus. Ihre Schultern sackten herab und sie beeilte sich, mein Zimmer zu verlassen, während ich meine Anrufliste checkte.

Mum hatte dreimal hintereinander angerufen. Hatte es den ganzen Tag gedauert, bis sie begriffen hatte, dass ich weg war? Oder wollte sie sich nicht in Tareks Anwesenheit bei mir melden? Ich schüttelte mich bei dem Gedanken an ihn. Sein verwachsener Bart glich einem sonnenverbrannten Rasen und seine Fingerspitzen waren ungesund gelb vom Tabak. Wieder rieb ich über die kleinen blauen Flecken, die sich an meinen Handgelenken abzuzeichnen begannen, und kämpfte gegen die Erinnerung an die letzte Nacht. Ich hatte eine ganze Zeitzone zwischen uns gebracht, zwar nur eine Stunde, aber es waren mehr als 800 Meilen. Trotzdem fühlte ich mich nicht sicher.

Ich wusste, dass Mum unser Auseinandergehen im Nachhinein bereuen würde. Unsere Beziehung war vielleicht nicht unbedingt konservativ, aber tief in ihrem Inneren war ich ihr wichtig, deswegen schickte ich ihr eine kurze Nachricht, dass ich sicher in Großbritannien angekommen, aber noch nicht bereit war, zu reden. Mein klingelndes Telefon war ganz sicher kein Grund, dass Amanda einfach hier hereinspazieren durfte. Ich würde nicht im Traum daran denken, ihr Zimmer zu betreten und an ihr Handy zu gehen. Immerhin kannten wir uns gerade einmal seit einer halben Stunde. Genervt knirschte ich mit den Zähnen. Ich musste wohl ein paar Grundregeln aufstellen, wenn das hier funktionieren sollte.

***

Am nächsten Morgen weckte mich die Haustür, die mit einem Knall ins Schloss fiel – um Viertel nach sieben, wie ich feststellte, als ich mich umdrehte und einen kurzen Blick auf die Uhr warf. Der Lärm brachte mir die Überraschung, die mich gestern Abend erwartet hatte, nur allzu schnell in Erinnerung. Ein Hausgast, den ich nicht erwartet hatte und nicht wollte. Ich stöhnte. Obwohl ich wieder in meinem eigenen Bett war, hatte ich kaum schlafen können. Quälende Albträume und die Anwesenheit einer weiteren Person in der Wohnung machten mich unruhig, auch wenn es irrational war. Ich musste endlich darüber hinwegkommen, mir blieb ja keine andere Wahl.

Ich kämpfte mich aus der Bettdecke, tappte in die Küche und stellte den Wasserkocher an. Der Tee, den Amanda mir gestern Abend gemacht hatte, stand noch auf der Arbeitsplatte. Eine weiße Schicht schwamm auf der Oberfläche und erinnerte mich an meine unfreundliche Reaktion.

Ungeduldig durchsuchte ich die Schränke auf der Suche nach Teebeuteln, die nicht mehr an ihrem üblichen Platz im Schrank über dem Wasserkocher waren. Alles war umgeräumt worden. Die Tassen standen dort, wo früher die Teller waren, das Müsli und meine Aufbewahrungsdosen hatten den Platz der Kekse, Chips und Snacks eingenommen.

„Herrgott“, murmelte ich. Amanda hatte offensichtlich kein Problem damit, sich wie zu Hause zu fühlen. Sie hatte sogar mit kleinen Klebezetteln gekennzeichnet, wem welche Schränke gehörten. Nur war es nicht ihre Wohnung, sondern meine. Na ja, auf jeden Fall mehr meine als ihre. Ich würde Chris fragen, wie lange sie vorhatte zu bleiben … hoffentlich nicht zu lange.

***

Als ich mich der Glasfassade des Cardinal-Media-Büros näherte, war ich so nervös und fahrig, dass ich die Drehtür in die falsche Richtung drückte und damit fast Fiona Hutchison, die Personalchefin, umgehauen hätte.

„Ria!“, rief sie und zog mich in eine Umarmung, als sie nach draußen trat. „Du bist wieder da!“ Sie ergriff meine Schultern und hielt mich auf Armeslänge Abstand, um mich anzusehen. Mit ihrer hochgeschlossenen cremefarbenen Bluse, der smaragdgrünen Hose und dem fast bodenlangen kamelfarbenen Mantel hatte sie den Look der Führungskraft perfektioniert. Ihr gesträhntes Haar steckte in einem eleganten tiefen Knoten.

„Hey, Fiona, wie geht es dir?“, sagte ich, während mir unter ihrem intensiven Blick die Hitze ins Gesicht stieg.

„Bei mir ist alles gut, aber das ist jetzt egal. Wie geht es dir? Du siehst so gut aus, und braun bist du!“

„Das wird mit Sicherheit nicht lange halten“, antwortete ich leidend. „Weißt du, ob Chris da ist?“

„Von dem komme ich gerade, aber er hat gleich ein Meeting, geh also besser schnell rein. Es war wirklich schön, dich zu sehen.“

Endlich entließ Fiona mich, richtete ihre Kate-Spade-Handtasche, winkte mir zum Abschied und stolzierte dann in Richtung Innenstadt. Wäre sie nicht so in Eile gewesen, hätte ich vorsichtig nach Amanda gefragt, aber dieses Gespräch hob ich mir für Chris auf.

Ich blickte Fiona nach, bis sie aus meinem Blickfeld verschwunden war, dann schob ich mich durch die Türen und setzte für Michelle an der Rezeption, die gerade telefonierte, ein freundliches Lächeln auf. Sie winkte mit großen Augen, als sie erkannte, dass ich es war, die durch die gläsernen Doppeltüren und den Flur entlang zum Büro eilte.

Die Räumlichkeiten waren weitgehend offen gestaltet und bildeten ein großes L. Die Schreibtische standen in Vierer- und Sechsergruppen und waren durch mobile Wände voneinander getrennt. Die Account-Manager und Nachwuchskräfte saßen zusammen auf einer Seite und um die Ecke das Finanz- und Personalteam. Die blieben aber weitgehend unter sich.

Es roch nach starkem Kaffee und Zimt – eine Erinnerung an die Montag-Morgen-Meetings, bei denen es warmes Gebäck zum Start in die Woche gab. Livvy hatte in diesen Meetings immer leidenschaftlich mitdiskutiert, welcher Logoentwurf zum Beispiel besser zu der neuen aufsteigenden Modemarke für Männer passt.

Mein Name fiel, alle Köpfe drehten sich zu mir, und innerhalb von Sekunden war ich von Kollegen umringt, die nach meiner Reise fragten. Ich versuchte, es wie einen Urlaub aussehen zu lassen, eine genutzte Gelegenheit, dem Alltag zu entfliehen – und nicht wie eine verzweifelte Flucht um meine psychische Gesundheit zu retten. Alle erklärten, wie glücklich ich mich schätzen könne, fünf Monate in der Sonne, fernab von Arbeit verbracht zu haben. Die Stimmung war ausgelassen, niemand erwähnte Livvy. Sie war der eindeutige Elefant im Raum, von dem jede gequälte Faser meines Körpers erwartete, dass jemand ihn zur Sprache brachte.

„Ria, willkommen zurück.“ Chris hatte das Chaos bemerkt und trat aus seinem Büro. Jetzt lehnte er sich vor und schüttelte mir unbeholfen die Hand, wobei ich den vertrauten Duft seines Dolce-&-Gabbana-Aftershaves einatmete. Er war wie ein Anker und unglaublich beruhigend.

„Hey, Chris“, sagte ich und schenkte ihm ein unsicheres Lächeln, während er auf mich herabblickte. In seinem Gesicht spiegelten sich verschiedenste Emotionen.

Chris hatte Cardinal Media von Grund auf aufgebaut und war eine Vaterfigur für viele der jungen Mitarbeiter. Er nahm diese Rolle ernst, obwohl er erst Anfang vierzig war und keine eigenen Kinder hatte. Es kam nicht oft vor, dass ein Manager sich wirklich und aufrichtig um seine Mitarbeiter sorgte, aber bei ihm war das zweifellos der Fall. Mit Sicherheit konnte er auch rücksichtslos sein, wenn es nötig war, aber diese Seite hatte ich noch nie an ihm gesehen.

„Wollen wir uns kurz unterhalten? Ich habe noch ein bisschen Zeit vor meinem nächsten Meeting“, sagte Chris, blickte auf seine Uhr und deutete auf sein Büro.

Als er sich setzte, nahm ich ihm gegenüber auf dem leuchtend orangefarbenen Stuhl Platz, es war der einzige Farbtupfer in dem sonst eintönigen Büro. Mein Puls beschleunigte sich, als er mich ansah und die Finger zu einer Pyramide formte.

„Es ist wirklich schön, dich zu sehen. Wie geht es dir?“

„Eigentlich geht es mir gut“, log ich. Tatsächlich überraschte es mich, dass ich mich besser fühlte, seit ich in das Büro zurückgekehrt war, vor dem ich mich so gefürchtet hatte.

„Wann bist du gelandet?“

„Gestern Abend.“

„Ah“, sagte er und presste die Lippen zusammen, „dann hast du Amanda wahrscheinlich schon kennengelernt. Hast du meine E-Mail bekommen, dass sie für eine Weile deine Mitbewohnerin sein wird?“

„Was das angeht …“, begann ich mit schwitzigen Handflächen, doch Chris hob sofort die Hand und unterbrach mich.

„Es ist nur eine vorübergehende Lösung für sie. Amanda muss – genau wie du – erst einmal auf die Beine kommen.“

Ich nickte und lächelte gezwungen. Offenbar war an der Sache nichts zu rütteln.

„Ist sie Livvys Ersatz?“ Die Worte entwischten meinem Mund, bevor ich sie zurückhalten konnte. Sie klangen bitter.

Chris runzelte die Stirn. „Du weißt, dass das niemand sein kann“, seufzte er, „aber ja, sie ist unsere neue Junior-Executive. Wir haben so lange wie möglich weitergemacht, aber du warst auch nicht da, und die Kundenbetreuer brauchten dringend Unterstützung. In den letzten Monaten haben wir vier neue Kunden gewonnen, große Kunden. Amanda hat im Juli hier angefangen, das ist fast vier Monate her.“ Chris rieb sich den Bart und wartete auf meine Antwort.

„Das ist toll“, brachte ich hervor, mein Magen hatte sich in einen Knoten verwandelt.

„Also fühlst du dich bereit, zu uns zurückzukommen? Wir haben dich sehr vermisst.“

Ich war immer noch verstört von der Sache mit Mum und nicht wirklich in der besten Verfassung, aber es würde mir guttun, mich auf etwas zu konzentrieren. Zu viel Zeit zum Nachdenken zu haben, war auch nicht klug, ich musste mein Gehirn beschäftigen. Also zwang ich mich erneut zu einem Lächeln und legte so viel Enthusiasmus wie möglich in meine Stimme: „Wie wäre es mit morgen?“, schlug ich vor, und Chris klatschte in die Hände.

„Fantastisch!“

Ich grinste – ein echtes Grinsen, ausgelöst durch Chris’ Freude über meine Rückkehr. Wärme breitete sich in meinem Körper aus, er hieß mich wieder in der Familie willkommen.

„Werde ich wieder mit Jayden zusammenarbeiten?“, fragte ich und sah, wie Chris’ Lächeln verblasste.

„Na ja, Amanda kümmert sich um die Projekte, die du mit Jayden betreut hast, sie macht das gut. Deswegen würde ich dich mit Aaron zusammenführen.“

Diesmal war ich es, die die Stirn runzelte. Aaron hatte früher mit Livvy zusammengearbeitet.

Es schien, als wäre Amanda nicht Livvys Ersatz, sondern eher meiner.

Kapitel vier

Nach dem Gespräch mit Chris trat ich draußen auf den Bürgersteig hinaus, meine Schultern lockerer als zuvor. Ich hatte befürchtet, überall bloß Livvy zu sehen, hinter jeder Ecke und in der Reflexion jeder Glasscheibe. Ich hatte eine Heidenangst gehabt, dass mich ihre Abwesenheit ununterbrochen daran erinnern würde, was ich verloren hatte. Meine beste Freundin. Doch es war anders. Die Atmosphäre im Büro hatte sich verändert, es war fast, als wäre sie nie Teil von Cardinal Media gewesen. Das Leben ging ohne sie weiter – und das musste meines auch.

Ich war enttäuscht, dass ich nicht mehr mit Jayden zusammenarbeiten konnte, auch wenn es so vielleicht besser war. Es war einfach zu viel Zeit vergangen, unsere frische Beziehung in dem Moment zerschellt, als ich den Flug nach Sevilla gebucht hatte. Chris verbot es seinen Angestellten nicht, Beziehungen untereinander zu führen, solange das Drama aus dem Büro herausgehalten wurde, und Jayden und ich hatten noch ganz am Anfang gestanden. Das Drama war vielmehr Livvys Tod gewesen – und der hatte Chris genauso mitgenommen wie uns alle.

Er hatte sich sehr fair verhalten, mir das Sabbatical angeboten und meine Stelle während der ganzen Zeit freigehalten, bis ich bereit war, zurückzukehren. Ich schuldete ihm viel und würde mich wieder voll in die Arbeit stürzen, um ihm zu beweisen, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Dass es richtig gewesen war, auf mich zu warten.

Chris hatte mir von Anfang an einen Vertrauensvorschuss gegeben. Die meisten seiner Mitarbeiter hatten einen Abschluss in Grafikdesign oder Marketing, während ich nur mein Portfolio und ein bisschen Erfahrung bei einer Lokalzeitung hatte vorzeigen können.

Bei Sussex Life hatte ich mit achtzehn angefangen, direkt nachdem ich mein Abitur in Englisch und Medien in der Tasche hatte. Eigentlich hatte man mich eingestellt, um Film- und Buchrezensionen zu schreiben, später habe ich vor allem über lokale Geschehnisse berichtet. Und da ich endlich mein eigenes Geld verdiente, konnte ich mir nicht mehr vorstellen, wegzugehen und zu studieren. Zu dem Zeitpunkt, als ich mich bei Cardinal Media bewarb, entwarf ich bereits meine eigenen Features für das Magazin und schmiss die kleine Website praktisch allein. Aber ich wollte mehr. Bei meinem Vorstellungsgespräch konnte ich Chris mit meiner „Riesenladung Begeisterung” und meinem Ehrgeiz beeindrucken, weswegen er mich zwar für einen Hungerlohn, aber mit dem Versprechen, mich hocharbeiten zu können, einstellte.

Er hatte sein Wort gehalten: In weniger als drei Monaten bekam ich zwei Gehaltserhöhungen und die Chance, zusammen mit Jayden ein paar spezifische Kundenanfragen zu bearbeiten. Wir waren ein gutes Team und verbrachten auch außerhalb des Büros Zeit miteinander, um an Designs und Marketingkampagnen zu feilen. Gestern hatten er und Amanda ziemlich vertraut miteinander gewirkt, und ich konnte nicht einschätzen, ob sich – wie bei uns – etwas mehr als nur ein gutes Arbeitsverhältnis zwischen ihnen entwickelt hatte. Aber selbst wenn, ich durfte mich nicht von Eifersucht ablenken lassen. Die Arbeit hatte jetzt oberste Priorität.

Auf dem Heimweg hatte ich noch ein paar Dinge eingekauft, die ich jetzt in meine Schränke räumte. Ich war es nicht gewohnt, dass mir jemand vorschrieb, wo ich meine Sachen aufzubewahren hatte, und es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, es störte mich nicht. Zwei Waschmaschinenladungen später schaute ich mich in der Wohnung um, auf der Suche nach einer Aufgabe, doch alles war blitzblank. Nichts lag herum, kein Staubkörnchen trübte die Oberflächen, und ich hoffte inständig, dass Amanda keinen Putzfimmel hatte. Ich selbst war zwar nicht unordentlich, hatte aber auch keine Lust auf einen Mutter-Abklatsch als Mitbewohnerin, der jedes Mal tadelnd schnalzte, wenn ich keinen Untersetzer benutzte.

Irgendwann gab ich auf und warf ich mich aufs Sofa. Während ich willenlos durch die Fernsehkanäle zappte, fiel mein Blick auf Amandas geschlossene Schlafzimmertür, die in meiner direkten Blicklinie lag. Ich versuchte, mich auf eine hirnlose Sendung über Paare im Ausland, die ein neues Zuhause suchten, zu konzentrieren, doch mein Blick wanderte immer wieder zu der Tür. Der Drang, einen Blick in ihr Zimmer zu werfen, nagte an mir. Ich war allein, und es würde Stunden dauern, bis Amanda zurückkam. Es tat doch niemandem weh, einen Blick hineinzuwerfen, oder? Ich wollte nur etwas mehr über meine neue Mitbewohnerin herausfinden.

Bevor ich mich davon abbringen konnte, umfassten meine Finger den Türknauf und drehten ihn vorsichtig um. Die Tür flog auf und ich sprang zurück, panisch, dass auf der anderen Seite doch jemand lauerte. Doch es waren nur die Scharniere, die zu fest verschraubt waren und die Tür verzogen hatten. Mit klopfendem Herzen lachte ich über meine Schreckhaftigkeit und blickte mich dann im Zimmer um, das genauso aussah wie vor meiner Abreise – ein ganz normales Gästezimmer. Obwohl inzwischen jemand hier wohnte, war der Raum völlig unpersönlich. Am Spiegel hingen keine Fotos, auf dem Schminktisch stand kein Make-up. Das Zimmer war genauso langweilig und wenig einladend wie zuvor, ich fand nichts, was mir einen Eindruck davon vermitteln konnte, wer Amanda war. Eigentlich sah der Raum völlig unbewohnt aus.

Als ich mich nochmals umdrehte und den Raum betrachtete, klingelte mein Telefon. Wieder erschrak ich angesichts des schrillen Tons, der aus dem Wohnzimmer kam, und eilte hin, um ranzugehen. Doch die Nummer war unterdrückt, weswegen ich den Anruf ablehnte. Wahrscheinlich wieder irgendein zwielichtiger Verkäufer. Als es Sekunden später jedoch erneut klingelte, nahm ich ab und hörte, kaum dass ich das Telefon ans Ohr hielt, Livvys Stimme, die meinen Namen rief.

„Hallo?“, würgte ich hervor. Schon dieses eine Wort blieb mir im Halse stecken.

Die Übertragung wirkte verzögert, als würde ein Callcenter in Indien versuchen, jemanden durchzuschalten.

Eine Welle der Übelkeit überkam mich, als Livvys unverkennbare Stimme erneut nach mir rief. „Ri-Ri“, kicherte sie. Ich presste meine Hand auf den Mund, unfähig zu verarbeiten, was ich gerade gehört hatte. Ri-Ri, so hatte Livvy mich immer genannt. „Ri-Ri“, tönte es erneut aus dem Lautsprecher. Ein Schrei entwich meiner Kehle und ich warf das Telefon quer durch den Raum. Klappernd kam es kurz vor der Küchenfront zum Stillstand.

Ich glaubte nicht an Geister, und ich wusste, dass Livvy tot war. Trotzdem war es ihre Stimme gewesen, die meinen Namen gerufen hatte. Ich sackte auf dem Sofa in mich zusammen, zitterte am ganzen Körper und konnte den Blick nicht vom Telefon abwenden, dessen Bildschirm noch immer leuchtete. Es war immer noch jemand in der Leitung. Ein paar Sekunden später verdunkelte sich der Bildschirm, der Anruf war beendet. Ich saß noch immer regungslos da, unfähig, mich zu bewegen. Es muss eine Aufzeichnung oder so etwas gewesen sein. Entweder das oder ich verlor den Verstand. Livvy konnte mich ja kaum aus dem Jenseits anrufen.

„Ich habs dir gesagt: nicht in den Aufzug steigen“, hörte ich plötzlich Jaydens Stimme hinter der Wohnungstür, begleitet von Amandas schrillem Gekicher. Als sie durch den Flur ins Wohnzimmer kamen und mich sahen, blieben sie abrupt stehen.

„Oh, hey, Ria. Ich bin gerade einfach im Aufzug stecken geblieben, weil die verdammten Türen sich nicht geöffnet haben.“

„Dabei habe ich sie noch vorgewarnt. Weißt du noch, als uns das passiert ist?“, lachte Jayden und stellte seine Tasche auf dem Tresen ab.

Mein Herz schlug immer noch wie wild, doch ich zwang mich zu einem Lächeln, weil ich mich genau erinnerte – auch daran, wie wir die zehn Minuten verbracht hatten, in denen wir feststeckten.

„Ist alles okay bei dir? Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen“, fragte Jayden und runzelte die Stirn.

„Alles in Ordnung“, brachte ich hervor, meine Kehle war wie aus Sandpapier. Ich schüttelte mich in dem Versuch, das kalte Unbehagen loszuwerden.

„Ist das dein Handy?“ Amanda bückte sich, hob das Gerät vom Boden auf und legte es neben Jaydens Tasche auf die Anrichte.

Ich nickte.

„Möchtest du auch einen Tee? Also ich verdurste gleich!“

„Nein, danke“, antwortete ich und beobachtete, wie sich Amanda und Jayden durch die kleine Küche bewegten. „Ihr seid früh dran, oder?“, fragte ich mit immer noch zitternder Stimme. Es war gerade mal vier Uhr.

„Das ist auf Jaydens Mist gewachsen. Wir haben das Büro heute mal ausgelassen“, sagte Amanda verschwörerisch.

„Chris wird schon nichts dagegen haben. Nicht bei den Deals, die wir heute an Land gezogen haben“, bemerkte Jayden.

Ich erinnerte mich an das Kundengespräch, wegen dessen sie nach London gefahren waren. Amanda trug einen dunkelroten, wadenlangen Rock mit passendem Blazer und sah sehr stilvoll darin aus. Ihr roter Lippenstift bildete den perfekten Kontrast zu ihrem platinblonden Haar und der ebenmäßigen Haut. Sie sah umwerfend aus, und die schwarz gerahmte Brille, die sie trug, ließ sie zusätzlich noch superprofessionell wirken. Sie passte so gut zu Cardinal Media: klug, aber stylish.

Jayden und Amanda machten blöde Witze und lachten miteinander, sie fühlten sich sichtlich wohl und taten, als wäre ich gar nicht da. Ich gab derweil mein Bestes, mich auf den Fernseher zu konzentrieren und meine zitternden Hände zu beruhigen. Ich hatte die Tatsache, Livvys Stimme gehört zu haben, noch nicht verarbeitet. Wäre Jayden allein hier gewesen, hätte ich ihm vielleicht von dem Anruf erzählt, aber Amanda hatte Livvy nicht gekannt. Sie war eine Fremde, und ich würde ihr gegenüber erst mal vorsichtig bleiben. Livvys Stimme zu hören, war wie ein Schlag in den Magen gewesen. Wer zur Hölle tat etwas so Schreckliches? Und warum?

„Ria, du warst nicht in meinem Zimmer, oder?“ Als mein Name fiel, drehte ich mich um und registrierte, dass Amanda auf ihre offene Schlafzimmertür starrte. Mist, ich hatte vergessen, sie zu schließen.

„Nein, die Tür ist aufgesprungen, als ich mit dem Staubsauger dagegengestoßen bin, sorry. Die hat echt ein kleines Eigenleben, oder?“, sagte ich mit einem falschen Lächeln und beobachtete, wie sich ihre Augen für einen Moment verengten, bevor sie mein Lachen spiegelte.

„Das hat sie, allerdings! Als ich eingezogen bin, habe ich mich zu Tode erschreckt. Diese Tür hat ihren eigenen Willen.“

„Ich könnte mir das mal ansehen, wenn du möchtest. Ich bin super mit Schraubendrehern“, bot Jayden an und krempelte schon seine Hemdsärmel hoch.

„Oh, das wäre toll, allerdings habe ich keinen Schraubendreher hier. Aber du könntest doch ein andermal wiederkommen und deinen Werkzeugkasten mitbringen“, kicherte sie und stieß ihn provokant mit dem Ellbogen an.

Oh bitte, nehmt euch ein Zimmer.

Ich verdrehte die Augen, schaltete den Fernseher aus und erhob mich.

„Euer Meeting ist also gut gelaufen?“, fragte ich.

„Hervorragend, sie fanden unsere Ideen toll und wollen, dass wir eine davon weiterentwickeln“, sagte Jayden.

„Das ist super, und wie lebst du dich ein, Amanda?“

„Oh, gut! Ich bin ja jetzt schon ein paar Monate dabei, und es fühlt sich an, als hätte ich nie woanders gearbeitet!“

Ihr zuckersüßer Ton kroch mir unter die Haut. Ich konnte nicht sagen, warum oder was, aber irgendetwas an ihr irritierte mich einfach. Wahrscheinlich war es ein unterbewusstes Reviergefühl oder so. Immerhin wohnte sie in meiner Wohnung, arbeitete mit meinem Ex-Freund zusammen und baggerte ihn auch noch an.

„Ich finde, wir sollten ausgehen und unseren Erfolg feiern, was meint ihr? Ria, bist du dabei?“, vermeldete Jayden, leerte seinen Tee und parkte die Tasse in der Spüle. Dann lockerte er seine Krawatte, öffnete die oberen Knöpfe seines Kragens und zwinkerte mir zu – früher hätte er mich damit zum Schmelzen gebracht.

„An einem Montag?“, fragte ich mit einem Anflug von Missbilligung in der Stimme.

„Komm schon, wir machen nichts Großes, ein oder zwei Drinks. Wir stärken den Teamzusammenhalt. Ich schreibe mal den anderen.“

„Ich bin ziemlich pleite“, antwortete ich mürrisch und in vollem Bewusstsein, dass Amanda mich wie ein Falke beobachtete.

„Ach, ein paar Gin Tonics kann ich locker bezahlen“, sagte er und wackelte aufgeregt mit den Hüften.

„Okay, okay“, sagte ich geschlagen und stand auf, um Tasche, Handy und Jacke zu holen. Es machte mich nervös, die anderen wieder in einem freundschaftlichen Kontext zu treffen, aber ich war auch froh, nicht das dritte Rad am Wagen zu sein.

„Wir treffen uns dann im Pub, ich muss mich erst mal umziehen“, erklärte Amanda mit eisiger Stimme. War sie sauer, dass Jayden mich eingeladen hatte?

„Wir können auf dich warten“, bot ich an.

„Nein, schon gut. Wir sehen uns dort“, antwortete sie und winkte ab.

Jaydens Blick begegnete meinem, dann zuckte er mit den Schultern. „Dann kannst du mir unterwegs alles über deine Reise erzählen“, sagte er und führte mich zur Tür hinaus, wobei seine Hand zwischen meinen Schulterblättern lag und ich die Hitze durch meine Jacke spürte. Als wir gingen, spürte ich Amandas vernichtenden Blick, der mir ein Loch in den Rücken brannte.

Kapitel fünf

Das Kings Head lag nur einen Katzensprung von unserer Wohnung und dem Cardinal-Media-Büro entfernt – und war deswegen meistens die erste Wahl für einen Absacker. Die Besitzer hatten die Bar gerade erst komplett renoviert: Anstelle des klebrigen, einst burgunderroten Teppichbodens glänzte nun frisch geschliffenes und gebeiztes Parkett. Auch die alte Paisleytapete hatte weichen müssen. Die Wände waren nun frisch verputzt und in einem hellen Magnolienton gestrichen, der die dunklen Holzbalken zur Geltung brachte.

Als wir den Pub betraten, war unsere Lieblingsecke bereits besetzt. Am Tisch saßen Aaron, Rav, Cassie und Grace – sie gehörten zum Vertriebs- und Marketingteam und blickten alle gleichzeitig auf, als die Tür sich öffnete. Jayden zögerte nicht, zwei Stühle heranzuziehen, als sie uns zuwinkten, während ich hilflos hinter ihm herumstand. Mein Herz schlug viel zu schnell, weil Livvys Stimme immer noch in meinen Ohren widerhallte, aber auch weil ich nicht sicher war, ob ich in dieser Runde überhaupt noch willkommen war.

Doch ich hätte mir keine Sorgen machen müssen. Unsere Ankunft wurde mit albernem Gejubel und erhobenen Gläsern gefeiert. Wärme stieg in meine Wangen, als Aaron auf den freien Platz neben sich klopfte, während Jayden zur Bar ging.

„Ich habe gehört, wir sind das neue A-Team“, sagte er, als ich mich neben ihn setzte. Er grinste breit und präsentierte mir seine markante Kieferpartie.

Ich kannte ihn lange nicht so gut wie Livvy, die eng mit ihm zusammengearbeitet hatte. Sie hatte immer erzählt, wie lustig er war und dass er einen ziemlich trockenen Humor hatte. Wenn die zwei zusammen waren, hatte jeder Blinde gesehen, dass er in Livvy verknallt gewesen war. Bei jedem anderen Menschen war er der totale Macho, aber sie hatte eine sanfte Seite an ihm entdeckt, die sonst niemand zu sehen bekam.

„Das sind wir“, antwortete ich und klang dabei selbstbewusster, als ich mich fühlte. Klar, meine kreativen Fähigkeiten waren in den fünf Monaten, in denen ich weg gewesen war, nicht verloren gegangen. Trotzdem würde es nicht leicht werden, wieder in den Sattel zu steigen.

„Fake it till you make it“ war ab jetzt mein Motto.

„Ich freu mich drauf“, erwiderte er, wandte sich dann ab und nahm einen Schluck von seinem Bier. Ich war mir nicht sicher, ob er das auch so meinte.

Jayden kam mit einem Pint Lagerbier und einem Gin Tonic für mich zurück, während der Rest der Gruppe sein Angebot, eine Runde auszugeben, ablehnte, da sie ebenfalls gerade erst angekommen und ihre Gläser quasi noch voll waren.

„Also, wo ist Amanda?“, fragte Aaron und wackelte mit den Augenbrauen.

„Sie kommt auch gleich“, antwortete er und blickte verlegen zu mir rüber. Wir hatten noch nicht darüber gesprochen, was meine Rückkehr für uns bedeutete – wenn sie überhaupt etwas bedeutete. Auf dem kurzen Weg zum Pub hatten wir uns an sichere Themen gehalten, vor allem meine Reise. Aber wenn er den Elefanten im Raum nicht ansprach, würde ich es auch nicht tun. Schließlich schuldete er mir nichts und konnte tun und lassen, was er wollte.

„Wie war denn euer Meeting?“, fragte Aaron weiter und wischte sich den Bierschaum von der Oberlippe.

„Amanda war der Hammer, ehrlich, Brewdog hat ihr aus der Hand gefressen. Ich hab eigentlich nur stumm daneben gesessen.“ Jayden schüttelte den Kopf, sein Blick war beinahe verträumt.

Ich rutschte derweil unbehaglich auf meinem Stuhl herum und nahm einen großen Schluck von meinem Drink. Brewdog war mein Kunde gewesen – oder besser gesagt unser Kunde –, bevor ich gegangen war.

„Hey, Leute“, trällerte Amanda, die sich wie aus dem Nichts an unserem Tisch materialisiert hatte, als hätte die bloße Erwähnung ihres Namens sie herbeigezaubert.

Mein Blick blieb an ihrem Outfit hängen. Der elegante Aufzug war verschwunden, stattdessen trug sie enge schwarze Jeans und ein grünes Oberteil samt Lederjacke. Der tiefe Ausschnitt gab die Sicht auf ein beeindruckendes Dekolleté frei, von dem ich nur träumen konnte.

„Ich musste noch kurz unter die Dusche springen. Urgghh, wenn ich U-Bahn fahre, fühle ich mich immer so schmutzig“, sagte sie und rümpfte die Nase.

Aaron und Jayden sprangen gleichzeitig auf, um ihr einen Stuhl zu besorgen, worüber ich nur die Augen verdrehen konnte.

Grace kicherte und begleitete Amanda zur Bar.

„Mein Gott, die ist echt ein heißes Eisen“, murmelte Aaron, rieb sich das Kinn und ließ seinen Blick auf ihrem Hintern ruhen, während sie darauf wartete, bedient zu werden.

„Ach, hör doch auf, die ist ’ne Nummer zu groß für dich“, lachte Cassie und klopfte ihm auf die Schulter.

„Es war noch nie eine ’ne Nummer zu groß für mich“, antwortete er und fuhr sich durch die Haare, während wir in Gelächter ausbrachen. Aaron spielte gerne den Frauenheld, aber wir wussten alle, dass das Unsinn war.

Nach einer Weile wandte sich das Gespräch meinem Sabbatical zu, und als Amanda zurückkam, hörte auch sie interessiert zu und fragte mich über Paris aus, da sie offenbar unbedingt dorthin reisen wollte. Aaron spielte sich bei jeder Gelegenheit auf, doch sie nahm kaum Notiz von ihm – ihr Fokus lag auf mir. Um ehrlich zu sein, schüchterte sie mich damit ein bisschen ein, auch wenn es guttat, an etwas anderes als den Anruf von heute Nachmittag zu denken.

Irgendwann machten Grace und Cassie sich auf den Weg nach Hause, und ich beschloss, dass es eine gute Idee war, ebenfalls früh schlafen zu gehen. Morgen würde ich den ersten richtigen Bürotag seit Langem haben, und ich wollte bereit sein.

„Wartet, ich komme mit“, erklärte ich und stand auf, überrascht, einen Anflug von Enttäuschung in Jaydens Gesicht zu sehen.

„Hat noch jemand Lust auf Chinesisch?“, fragte Amanda, doch niemand war hungrig.

Auch ich schüttelte den Kopf und verabschiedete mich dann bei allen.

„Sie ist nett, oder?“, fragte Grace und hakte sich bei mir unter, als wir zusammen den Pub verließen. Der Abend war nass und ungemütlich.

„Ja, wahrscheinlich. Ich kenne sie ja kaum“, gab ich zu.

„Aber ihr wohnt doch zusammen, oder nicht? Hat Chris ihr nicht das zweite Zimmer in deiner Wohnung gegeben?“, warf Cassie ein.

„Jep, aber ich bin gestern erst aus Nizza zurückgekommen“, antwortete ich und rieb mein Handgelenk, „und ehrlich gesagt haben wir uns seitdem kaum gesehen.“

„Gib ihr eine Chance. Frag sie, ob sie Lust auf einen Mädelsabend hat oder so was. Sie weiß, dass sie in ziemlich große Fußstapfen treten muss“, philosophierte Grace, wobei sie die Worte nur stockend herausbrachte.

„Sie wird nie in ihre Fußstapfen treten können“, sagte ich und zwang mir ein Lächeln auf.

Wir verabschiedeten uns an der nächsten Ecke, von dort aus waren es nur noch wenige Schritte bis zur Wohnung, die seltsamerweise viel zu still war. Ich starrte auf mein Handy und wartete nur darauf, dass es klingelte, dass Livvy nach mir rief. Unangenehme Schauer rieselten meinen Rücken hinunter, bis ich irgendwann den Fernseher einschaltete, um irgendetwas zu hören und mich nicht wieder so extrem zu erschrecken, falls es noch mal klingelte. Ich hatte keinen blassen Schimmer, wer der Anrufer gewesen war, aber er wusste ganz genau, wie schmerzhaft es für mich sein würde, aus heiterem Himmel die Stimme meiner besten Freundin zu hören.

Ich verdrängte den Gedanken, suchte ein Outfit für morgen aus, hängte es auf einem Bügel an meinen Kleiderschrank und wärmte ein Fertiggericht in der Mikrowelle auf, mit dem ich mich vor den Fernseher setzte. Grace’ Worte fielen mir wieder ein, ich solle Amanda eine Chance geben. Es war dumm, eine Freundschaft erzwingen zu wollen, aber es gab auch keinen Grund, sie zu blockieren. Da ich mich allein unwohl fühlte, hoffte ich gerade sogar, dass sie bald zurückkam, aber um zehn Uhr hatte sich noch immer nichts geregt. Sie war wohl noch mit Jayden unterwegs. Ich gab mein Bestes, mich von dem Gedanken nicht irritieren zu lassen, trotzdem spürte ich eine Eifersucht, die mir eigentlich nicht zustand.

Schließlich gab ich auf, krabbelte ins Bett und zog die Decke bis zu meinem Kinn hoch. Ich kuschelte mich in die Kissen und scrollte durch Jaydens Instagram-Account. Sein letzter Post war ein Selfie mit Amanda auf der Tower Bridge, irgendwann mittags, wahrscheinlich nach ihrem Meeting. Sie grinsten albern in die Kamera. Ich scrollte zurück zu den Monaten, in denen ich weg gewesen war, und sah Fotos, die ich schon auf der anderen Seite des Ärmelkanals betrachtet hatte, als ich voller Heimweh war und ihn vermisste.

Das Foto auf der Tower Bridge war nicht das einzige von ihnen. Vor einem Monat hatte Cardinal Media ein Gruppenfoto des ganzen Teams vor den Büros gepostet, das Firmenlogo schwebte über ihren Köpfen. Wahrscheinlich wollten sie damit werben. Jayden hatte seinen Arm um Amandas Taille gelegt, die beiden sahen aus, als würden sie sich schon ewig kennen. Um mich nicht noch weiter zu quälen, schloss ich die App, stellte einen Wecker für morgen früh und legte das Telefon auf meinen Nachttisch.

Ich fluffte gerade meine Kissen auf und rutschte tiefer ins Bett, als ich hörte, wie sich die Wohnungstür öffnete. Schritte tapsten ins Wohnzimmer, gefolgt von einem Klappern und Gekicher. Amanda hatte es also nach Hause geschafft, und sie schien alles andere als nüchtern zu sein. Vielleicht sollte ich nachsehen, ob es ihr gut ging? Ich könnte ihr eine Tasse Tee oder ein Glas Wasser mit Aspirin gegen den bevorstehenden Kater anbieten. Doch als ich meine Beine aus dem Bett schwang, drang Jaydens unverkennbar raue Stimme durch die Tür.

„Nein, nicht hier.“