Kapitel 1
Als die E-Mail hereinkam, die alles verändern würde, hatte ich schon eine Stunde lang an meinem Schreibtisch gesessen und aus dem Fenster auf die Bushaltestelle gegenüber vom Atelier geschaut, während der Nieselregen die Pendler durchnässte, die dort warteten. Es war ein trüber Montag Anfang März, und ich musste einen Auftrag für eine Hausansicht fertigstellen, an dem ich gerade arbeitete. Bei dem Objekt handelte es sich um ein langweiliges Reihenmittelhaus mit zwei Zimmern. Auf dem Foto, das mir geschickt worden war, konnte ich außer gedämpften Braun- und Beigetönen kaum Farben sehen. Ich hätte gerne einen Kirschblütenbaum in den Vorgarten gemalt oder den Ziegelwänden einen kräftigeren Farbton gegeben, aber das sah der Auftrag der Kunden nicht vor. Sie hatten eine Aquarell-Reproduktion im A4-Format bestellt.
Ich konnte mich nicht beklagen, mein Unternehmen „Edgewater“ florierte. Seit eine bekannte Influencerin in ihrer Instagram-Story von einem meiner Bilder geschwärmt hatte, kamen täglich neue Aufträge herein. Sie hatte mir ein Foto ihres Hauses geschickt, oder besser gesagt einer Villa, deren Haustür von Säulen umrahmt war. Mir war nicht bewusst gewesen, wer sie war, da ich altersmäßig ihrer Zielgruppe nicht entsprach, doch sie hatte ein Bild im DIN-A3-Format auf Leinwand bestellt – mein teuerstes Angebot. Nachdem sie das Bild erhalten hatte, postete sie es überall und schwärmte davon, wie toll Abbi Montgomerys Landschaftsbilder seien. Und sie empfahl Edgewater weiter, was mir eine riesengroße kostenlose Aufmerksamkeit bei ihren Hunderttausenden von Followern verschaffte. Daraufhin strömten die Aufträge nur so herein, was bedeutete, dass ich nicht mehr so viele freiberufliche Designprojekte annehmen musste, auf die ich in den letzten zwei Jahren angewiesen gewesen war. Stattdessen konnte ich mich nun auf das konzentrieren, was ich am liebsten tat: individuelle Bilder von Orten oder Gebäuden zu kreieren, die für andere eine besondere Bedeutung haben.
Durch ein Geräusch meines Laptops wurde mein Blick vom Fenster abgelenkt. Ich bewegte die Maus, um den Bildschirm aus dem Ruhemodus zu holen, und wünschte mir, es würde mir wegen des Kaffees, den ich heute früh schon getrunken hatte, auch so leichtfallen, mich aufzuraffen. Die E-Mail wirkte harmlos und sah zunächst wie Spam aus. Die Absenderadresse gogetter@gmail.com löste keine Alarmglocke bei mir aus und auch der Betreff verriet nichts über den Inhalt. Ich ging davon aus, dass es sich um einen weiteren potenziellen Kunden handelte, der ein Angebot für ein Bild eines Hochzeitsortes einholen wollte – solche Anfragen waren in den letzten Wochen häufig eingegangen.
Doch als ich die E-Mail öffnete und den Text überflog, der mir in Großbuchstaben förmlich ins Auge sprang, schien das kleine Atelier, das ich gemietet hatte, zu schwanken und sich zu verzerren. Meine Finger auf der Tastatur fingen an zu zittern und mein Blut strömte schneller durch die Adern.
ABBI,
WENN DU IRGENDJEMANDEM EIN WORT VERRÄTST ODER DIE POLIZEI EINSCHALTEST, WERDE ICH DIESES VIDEO SOFORT AUF ALLEN SOCIAL-MEDIA-PLATTFORMEN VERÖFFENTLICHEN.
ICH MELDE MICH WIEDER … UND VERGISS NICHT, DASS ICH DICH STÄNDIG BEOBACHTE.
EIN FREUND
Der Link führte zu einer mir unbekannten URL, die vermutlich gekürzt worden war. Normalerweise hätte ich niemals auf einen unbekannten Link in einer E-Mail geklickt, schon gar nicht dem eines Fremden. Schließlich ist das die Regel Nummer Eins der Internetsicherheit und Phishing ist weit verbreitet, doch diese E-Mail war an mich persönlich gerichtet. Sogar mein Name war richtig geschrieben: ein „i“ statt eines „y“ am Ende von Abbi.
Zögernd ließ ich den Mauszeiger über dem Link schweben, die Angst lag mir schwer im Magen. Was hatte ich getan – oder vielmehr, wobei war ich gefilmt worden –, womit mich jemand erpressen konnte? Auf alle Fälle war es unheimlich. Die Drohung, nicht zur Polizei zu gehen, ließ meinen Blutdruck in die Höhe schnellen.
Ich fasste mir ein Herz und klickte auf den Link. Eine Webseite öffnete sich, auf der ein einziges Foto den gesamten Bildschirm ausfüllte – ein Standbild aus einem Video, das zwar glücklicherweise nicht abgespielt wurde, aber eine sofortige Wirkung auf mich hatte. Geschockt hielt ich mir den Mund zu und Tränen verschleierten meinen Blick, als ich die Szene auf mich wirken ließ. Sie zeigte das Schlafzimmer meines Freundes Rick, dessen Wände in „Edgewater Blue“ gestrichen waren – einer Farbe, die ich so schön fand, dass ich mein neues Unternehmen nach ihr benannt hatte. Die Aufnahme war offensichtlich vom Türrahmen seines angrenzenden Badezimmers aus gemacht worden. Sie bot freie Sicht auf das Bett und die zerwühlten weißen Laken … und mich, wie ich rittlings auf Rick saß – nackt, mitten beim leidenschaftlichen Sex.
Ich hatte das Gefühl, als würde meine Brust bersten. Was zum Teufel! Nach dem ersten Schock wich ich so ruckartig vom Schreibtisch weg, als wäre ich von einer Tarantel gestochen worden, und rang nach Luft.
Voller Entsetzen starrte ich auf den Monitor. Das Bild der Frau verschwamm vor meinen Augen. Der zur Decke gereckte Kopf, die dunkelroten Locken, die über schmale Schultern fielen, die Wölbung des Rückens und die kleinen Grübchen am Hintern, der förmlich mit Ricks Oberschenkeln verschmolz – all das ließ keinen Zweifel daran, dass ich mein eigenes Bild anstarrte.
Mein Gesicht glühte und mein Verstand schaltete auf Autopilot – erst auf Verleugnung, dann in den Krisenmodus. Zwar konnte man mein Gesicht nicht sehen und von Rick war auch kaum etwas erkennbar, außer seinen behaarten Beinen, den großen Füße und den ausgestreckten Armen, die sich gerade um meine Hüften legen wollten, um mich auf und ab zu führen, während ich ihn zum Höhepunkt ritt. Die Scham regnete wie Glassplitter auf mich herab.
Niemand durfte dieses Foto je zu Gesicht bekommen. Aber es war nicht bloß ein Foto, oder? Ich stählte mich und klickte – vergeblich – auf das Bild, doch es bewegte sich nicht. In der E-Mail wurde ein Video erwähnt, hieß das, der Unbekannte hatte Rick und mich beim Sex gefilmt? Wie lang war das Video – ein Zehn-Sekunden-Clip oder die gesamte Szene? Und von wann war es? Ich starrte auf den Bildschirm und versuchte erneut mir einzureden, dass ich nicht die Frau sein konnte, die ich da sah, auch wenn ich genau wusste, dass ich es war.
Scheiße, Scheiße, Scheiße! Brechreiz stieg in mir hoch und ich sprang ruckartig vom Stuhl auf, wobei die Rollen Spuren im flauschigen Teppich hinterließen. Ich schaffte es gerade noch zum Mülleimer, bevor ich die Haferflocken, die ich zum Frühstück gegessen hatte, wieder von mir gab.
Ich rannte mit dem Eimer über den Flur zum Badezimmer und stieß dabei fast mit Linda zusammen, die im anderen Atelier eine Töpferei betrieb.
„Ist alles in Ordnung, Abbi?“, rief sie, während ich ihr auswich und vorbeihuschte.
Aus Angst, mich gleich wieder übergeben zu müssen, hob ich nur die Hand und sagte nichts, während ich durch die Tür zum Waschbecken stürmte. Auf meiner Stirn standen Schweißperlen und im Spiegel starrte mir ein gespenstisches Gesicht entgegen, das den Ausdruck eines Hasen im Scheinwerferlicht hatte. Ich wandte den Blick ab, während die Scham mich wie ein greller Blitz traf, und spülte den Eimer aus, wobei ich die breiige Masse mit Gewalt in den Abfluss drückte.
„Ich muss was Falsches gegessen haben“, brachte ich hervor, als die Tür aufschwang und Linda mit gerunzelter Stirn vor mir stand. Ich lächelte sie verkrampft an und bemühte mich, die Tränen zu unterdrücken.
„Du bist doch nicht etwa …“ Sie deutete mit glitzernden Augen auf meinen Bauch.
„Nein, nein, auf keinen Fall!“ Allein bei dem Gedanken drehte sich mir der Magen um.
Deine Mutter ist eine Nutte, von der im ganzen Internet Sexvideos kursieren. Bei der Vorstellung, wie mein ungeborenes Kind Jahre später gemobbt werden würde, zuckte ich zusammen. Wer wollte mir so etwas antun, mir auf eine derart bösartige Weise schaden? Es war abscheulich.
„Tut mir leid, ich sitze gerade mitten an einem Auftrag; ich sollte besser weitermachen.“ Ich zwängte mich durch die Lücke, die Linda zwischen sich und der offenen Tür gelassen hatte, und bemerkte ihr enttäuschtes Gesicht, weil ich ihr keine pikanten Einzelheiten lieferte.
„Das ist für dich gekommen.“ Sie drückte mir den gepolsterten Umschlag in die Hand, während ich an ihr vorbeiging, und ich murmelte ein Dankeschön. Ich hatte heute keine Zeit, mich mit ihr abzugeben; es gab weitaus dringendere Probleme – nämlich die Frage, was zum Teufel der Absender der E-Mail als Gegenleistung der Nichtveröffentlichung des Videos wollte.
Ich rang nach Luft, die Ungeheuerlichkeit der Situation schnürte mir die Lunge wie in einem Schraubstock zusammen. Wie um alles in der Welt war der Täter daran gekommen? Hatte sich jemand in Ricks Penthouse geschlichen und eine Kamera installiert? Denn Rick konnte es unmöglich gewesen sein, nicht in tausend Jahren. So etwas Unseriöses würde er nie tun. Selbst wenn er uns filmen wollte, hätte er mich vorher um Erlaubnis gefragt, statt mir ein Standbild per E-Mail zu schicken.
Sobald ich das Atelier betrat, zuckte ich zusammen. Noch immer war mein nackter Hintern auf dem Laptop für jeden sichtbar, der hereinkam. Ein Glück, dass Linda mir nicht von der Toilette aus gefolgt war. Für den Fall, dass der Link aus irgendeinem Grund wieder gelöscht wurde, machte ich vorsichtshalber ein Foto mit dem Handy, schloss die Webseite und las die E-Mail immer wieder durch. Der langweilige Auftrag für das Reihenhaus war vergessen, während ich nach Hinweisen darauf suchte, wer dahintersteckte, was die Person wollte und warum sie das tat. Es musste sich um Erpressung handeln, einen anderen Grund gab es nicht, doch warum hatte sie mir keine Forderungen gestellt?
Wenn das Video oder auch nur das Foto im Internet landete, könnte es mich ruinieren. Es würde das Unternehmen zerstören, das ich gerade erst aufgebaut hatte; mein guter Ruf wäre dahin und ich könnte nicht mehr aus dem Haus gehen, geschweige denn meinen Eltern unter die Augen treten.
O Gott, meine Eltern. Ich wurde von Panik ergriffen und zwang mich tief durchzuatmen, durch die Nase ein, durch den Mund aus. Ich musste es Rick sagen, schließlich betraf es auch ihn. Zwar waren auf der Aufnahme nur seine Beine und Füße zu sehen, woran seine Identität nicht gerade leicht zu erkennen war, aber ich war mir sicher, dass auch er nicht über Nacht zur Nachrichtensensation werden wollte. Das Foto konnte mein und sein Leben ruinieren.
Rick arbeitete als Etatdirektor bei einem Weinversandhändler, bezog stattliche Boni und stand zugegebenermaßen finanziell gut da. Er war zehn Jahre älter als ich und verdiente genug, um sich ein Penthouse in der Nähe des Bahnhofs von Crawley leisten zu können. Im Vergleich dazu wirkte meine eigene Wohnung geradezu schäbig. Es war eine Einzimmerwohnung in einem kleinen Wohnblock, zwar im obersten Stock, aber keineswegs im Penthouse-Stil, weswegen ich mehr Zeit bei Rick als in meinem eigenen Zuhause verbrachte. Ich wohnte erst seit einem Jahr darin und war zwei Monate, bevor ich Rick in einer Bar in der Stadt kennengelernt hatte, eingezogen. Trotz der finanziellen Unterstützung meiner Eltern hatte es ewig gedauert, bis ich die Kaution und die Miete für drei Monate zusammengespart hatte. Vermutlich waren sie froh, wieder für sich leben zu können, als ich mit vierundzwanzig endlich ausgezogen war, zumal mein jüngerer Bruder Ben bereits in der Türkei lebte, wo er als Reiseleiter arbeitete.
Meine Finger schwebten zögernd über Ricks Nummer. Er war heute Morgen früh aufgebrochen, um sich in Farnborough mit einem potenziellen Kunden zu treffen, und steckte wahrscheinlich gerade mitten in den Verhandlungen. Ich hatte es kaum geschafft, ihm Tschüss zu sagen, da ich am Abend davor erschöpft auf dem Sofa eingeschlafen war und Rick mich ins Bett getragen hatte. Ich wählte die Nummer, hörte das Klingeln, bis die Mailbox anging, und legte wieder auf.
Als ich wieder auf den Laptop blickte, sprangen mir die harten Großbuchstaben der E-Mail, die ich offen gelassen hatte, förmlich ins Auge.
ICH BEOBACHTE DICH STÄNDIG. EIN FREUND.
Wer auch immer das war, war ganz sicher kein Freund.
Beobachtete er mich jetzt gerade? War etwa irgendwo im Atelier eine Kamera versteckt? Ich stand auf, durchsuchte meine Farben, Pinsel und die Unterlagen auf meinem Schreibtisch, ging die Regale voller Kunstbücher durch, ohne eine Ahnung zu haben, wonach ich eigentlich suchte. Ich verbrachte fünf Minuten damit, einen winzigen runden Metallgegenstand auf dem Boden zu untersuchen, bis ich merkte, dass es sich nicht um eine Abhörwanze handelte, sondern um eine Schraubenabdeckung, die vom Schreibtisch abgefallen war.
Ich seufzte; in meiner Brust saß ein fester Knoten, der sich nicht lösen wollte. Mir blieb nichts anderes übrig, als auf weitere Anweisungen zu warten, denn die Person wollte sicher eine Gegenleistung dafür, dass mein Sexvideo nicht im Internet landete. Was wenn es noch mehr davon gab? Was wenn das erst der Anfang war? Ganz abgesehen von den zahlreichen anderen Straftaten, die der Täter beging: Einbruch und das heimliche Filmen einer Person ohne deren Zustimmung standen ganz oben auf der Liste, möglicherweise gefolgt von Nötigung und Erpressung. Doch all das spielte im Moment keine Rolle, denn er hatte mich im Würgegriff; es gab nichts, was ich nicht getan hätte, um an diese Aufnahme zu gelangen.
Kapitel 2
„Geht’s dir wieder besser, Süße?“ Als Linda später den Kopf durch die Ateliertür steckte, zuckte ich zusammen. Sie kam herein und reichte mir einen dampfenden Pfefferminztee. Linda war eine attraktive Frau mit weiblichen Rundungen, einem runden Gesicht und Wangen, die, egal wie warm es draußen war, stets wie rote Äpfel leuchteten. Sie trug immer weite, zeltartige Gewänder, die mit Tonspritzern übersät waren. Ich schätzte sie auf Anfang vierzig, auch wenn ich sie nie direkt nach ihrem Alter gefragt hatte.
„Ja“, log ich, „danke für den Tee.“ Ich nahm ihr den Becher ab und fuhr damit fort, das vollendete Aquarell des Reihenhauses einzupacken. „Ich bin endlich fertig.“
„Hat es Spaß gemacht?“, fragte Linda und beugte sich darüber, um einen Blick darauf zu werfen.
„Nicht wirklich.“ Ich hielt das wenig inspirierende Foto des Hauses hoch, das mir geschickt worden war. Sie blies die Luft aus wie ein angestochener Luftballon.
„Ach.“
„Genau.“ Ich seufzte. „Aber nächsten Monat bekomme ich einen tollen Auftrag herein: ein Hochzeitsporträt – von der Kirche, nicht vom Brautpaar, und das wird viel hübscher.“ Ich strich mir meine widerspenstige Stirnsträhne aus den Augen und versuchte zu lächeln, um meine Angst zu verbergen.
Trotz der E-Mail war es mir gelungen, das Bild heute fertigzustellen. Noch vor wenigen Stunden war mir das unmöglich vorgekommen und ich hatte sogar überlegt, ob ich nicht einfach weglaufen sollte. Doch die Vorstellung, in Ricks Wohnung zurückzukehren, in der womöglich Kameras installiert waren, hatte mich auf meinem Stuhl festgehalten. Zum Glück musste ich bei diesem Auftrag nicht mehr viel tun und ihm nur noch den letzten Schliff geben, denn meine Hände zitterten, seit die E-Mail eingegangen war.
„Tut mir leid wegen vorhin.“ Linda deutete auf meinen flachen Bauch, der unter einer weit geschnittenen Jeanslatzhose verborgen war. „Ich hätte besser nichts gesagt.“ Ihr Kinn wurde so rot wie ihre Wangen.
„Ach, kein Problem.“ Es war zwar eine persönliche Frage gewesen, aber ich hatte wegen all dem, was gerade vor sich ging, keinen weiteren Gedanken daran verschwendet. Linda konnte bisweilen etwas zu direkt sein, doch ich hatte gelernt, dass das einfach zu ihrem Wesen gehörte.
Sie starrte mich mit einem wehmütigen Ausdruck in den mit Kajal umrandeten Augen an und für einen Moment stellte ich mir vor, dass sie die Erpresserin war.
„Ich habe gerade gedacht, was für schöne Babys ihr beide hättet – du und dein gut aussehender Typ.“ Linda kicherte und ich ließ die Luft aus der Lunge entweichen.
„Dafür ist es noch zu früh, wir sind noch kein Jahr zusammen. Rick hat mich bisher nicht mal gefragt, ob ich bei ihm einziehen will“, erwiderte ich. Als ich die Worte aussprach, fühlten sie sich irgendwie peinlich und übertrieben an. Ich hatte zu viel gesagt und meine wahren Gefühle offenbart, während ich so tun wollte, als wäre alles völlig normal. Aber ich verbrachte praktisch jede Nacht bei Rick, sodass er vielleicht gar nicht daran dachte, es offiziell machen zu müssen. Er war beinahe perfekt – freundlich, aufmerksam und witzig –, doch ich hatte den Eindruck, dass er sich noch nicht fest binden wollte, obwohl er nur noch wenige Jahre von der großen Vier-Null entfernt war.
Vielleicht meldete sich auch bloß meine eigene Unsicherheit, weil ich das Gefühl hatte, nicht in seiner Liga zu spielen. Es half auch nicht gerade, dass er groß war, breite Schultern und ein wenig dunkle Brusthaare hatte, dazu einen Waschbrettbauch und Oberschenkel wie ein Rugbyspieler. Außerdem sah er gut aus, hatte ein markantes, entschlossen wirkendes Kinn und ausgeprägte Wangenknochen, gepaart mit einem schelmischen Grinsen und stahlblauen Augen. Als er mich damals in seinem schicken Anzug in der Bar ansprach, hatte ich geglaubt, ich würde träumen.
„Sicher dauert es nicht mehr lange“, sagte Linda und riss mich aus meinen Gedanken. „Wie auch immer, ich gehe schnell ein Sandwich essen. Soll ich dir irgendwas mitbringen?“
Ich warf einen Blick auf die Uhr, es war fast zwei. Ich arbeitete schon seit Stunden ohne Pause und etwas frische Luft in Gesellschaft hätte meine Nerven sicher beruhigt. Doch bevor ich vorschlagen konnte, mitzugehen, ertönte Ricks Stimme an der Tür.
„Also eigentlich habe ich eine schöne Frau gesucht, aber wie es aussieht, habe ich Glück und gleich zwei gefunden!“
Wir drehten gleichzeitig den Kopf und sahen ihn im Türrahmen lehnen. Sein anthrazitfarbener Anzug warf an den Schultern leichte Falten und sein Mund verzog sich zu einem schelmischen Lächeln, begleitet von jenem Funkeln in den Augen, bei dem ich immer dahinschmolz.
„Charmeur!“, sagte Linda gespielt vorwurfsvoll. „Dann lasse ich euch mal alleine.“
Rick trat einen Schritt zurück, damit Linda den Raum verlassen konnte. Dann durchquerte er das Atelier und schlang seine Arme um meine Taille. „Ich habe dich vermisst.“ Er drückte mir einen Kuss auf die Lippen, der nach einer Mischung aus Kaugummi und holzigem Aftershave roch.
„Ich dich auch“, erwiderte ich, während er sich tief zu mir herunterbeugte, sein Kinn an die Schnalle meiner Latzhose schmiegte und mich rückwärts bis an meinen Schreibtisch schob. Als ich heute früh aufwachte, war Rick gerade im Begriff gewesen zu gehen, und auf dem Nachttisch hatte eine Tasse lauwarmen Tees auf mich gewartet. Es waren die kleinen Dinge, die zu großen wurden, und so hatte ich mich unsterblich in ihn verliebt.
Ich öffnete den Mund, um ihm von der E-Mail erzählen, da ich ihn darüber nicht im Dunkeln lassen wollte, doch er strich mir die Haare aus dem Nacken und streifte die Haut darunter mit den Lippen. Ich schloss die Augen, um für einen Moment alles zu vergessen und in seiner Zärtlichkeit zu baden. Aber dann löste er einen der Träger meiner Latzhose und sein leidenschaftliches Verlangen drückte sich gegen meinen Unterleib.
„Nicht hier, Rick.“ Ich versuchte ihm auszuweichen, doch sein Gewicht hinderte mich daran. Während er meine Haare um seine Hand geschlungen hatte, küsste er immer noch meinen Hals, was meinen Widerstand zum Schmelzen brachte.
„Jemand könnte uns sehen“, flüsterte ich, hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, aufzuhören, weil Linda zurückkommen könnte, und dem Verlangen, mich auszuziehen und alles andere zu vergessen.
„Na und? Dann liefern wir halt eine Show ab.“ Er öffnete seine Gürtelschnalle, doch mein Rücken versteifte sich, als hätte man mir einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf geschüttet. Ricks Worte ließen mich jäh an das Standbild denken – an die Show, die wir bereits geboten hatten, ohne es zu ahnen. Wusste er etwa davon oder interpretierte ich zu viel in seine Worte hinein?
„Nicht jetzt.“ Ich stieß ihn weg. Verletzt über meinen heftigen Schubs und scharfen Tonfall taumelte er zurück.
„Okay.“ Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar, das hinten und an den Seiten kurz geschnitten war, während oben eine Welle aus dunklem Haar thronte, dessen Spitzen leicht gelockt war. „Tut mir leid“, sagte ich und seufzte, „ich fühle mich heute nicht so gut.“
„Eigentlich wollte ich nur fragen, ob du schon zu Mittag gegessen hast, aber ich kann dir schnell etwas aus der Apotheke holen, falls du was brauchst, bevor ich wieder zur Arbeit muss.“ Er war so verdammt lieb und das schlechte Gewissen nagte an mir.
„Das Wetter macht mir einfach zu schaffen, das ist alles. Wie lief dein Meeting? Du warst ja schnell wieder zurück.“
„Ich war nur eine Stunde dort, aber es lief super. Sie haben einen Sechs-Monats-Testvertrag unterschrieben und ich habe ihnen eine Gratisflasche dagelassen, die sie schon geöffnet hatten, noch bevor ich wieder weg war. Wahrscheinlich sind sie jetzt angeheitert.“ Er gluckste. „Hast du schon zu Mittag gegessen?“
Ich schüttelte den Kopf; allein bei dem Gedanken an Essen drehte sich mir der Magen um, jetzt, da mich die Realität wieder eingeholt hatte.
„Dann besorge ich uns schnell was.“
„Nein, lass mal, ich bin bald hier fertig und fahre dann nach Hause.“
Ricks Blick trübte sich wie der eines Welpen, dem man sein Lieblingsspielzeug weggenommen hat.
„Ich glaube, ich gehe heute früh ins Bett; mein Magen macht mir Probleme.“ Ich hielt mir den Bauch wie eine Schülerin im Theaterkurs – eine gute Schauspielerin wäre ich sicher nicht geworden.
„Ach, okay. Dann könnten wir uns ja morgen die neue Netflix-Sendung ansehen.“
„Klar“, stimmte ich zu und täuschte ein Lächeln vor, bei dem mir der Kiefer wehtat. „Vielleicht kannst du schauen, ob dein Bruder heute Abend Zeit hat? Und etwas mit ihm machen?“
Rick zuckte mit den Schultern und trat einen Schritt vor, um mir einen Kuss auf die Wange zu geben. „Bist du sicher, dass mit dir alles in Ordnung ist?“
„Mir fehlt nichts“, versicherte ich ihm, während sich in meinem Inneren alles zusammenzog. „Eigentlich muss ich mit dir über etwas reden.“
Rick hob eine Augenbraue, doch dann unterbrach das Klingeln seines Handys die Stille. Er schaute aufs Display und runzelte die Stirn. „Tut mir leid, da muss ich rangehen.“
„Schon gut, geh nur und ruf mich später an.“ Erleichtert sprudelten die Worte nur so aus mir heraus, denn bei der Vorstellung, Rick die E-Mail zu zeigen, drehte sich mir der Magen um. Würde er wütend werden oder war auch er zur Zielperson geworden? Vielleicht wartete in seinem Posteingang eine E-Mail auf ihn, denn dem Täter musste es ums Geld gehen und Rick verdiente allein durch Provisionen weitaus mehr als ich. Außerdem hatte er Ersparnisse, während ich immer noch von der Hand in den Mund lebte.
Er nickte, drückte kurz meinen Arm und nahm das Gespräch entgegen, während er zur Tür hinausging. Mein Herz sank ein wenig, doch der Gedanke, in seine Wohnung zurückzukehren, löste in mir Beklemmung aus. Ich verhielt mich feige, doch womöglich war irgendwo eine Kamera versteckt, die ich finden und beseitigen könnte. Ich hätte ihm von der E-Mail erzählen sollen, davon, dass uns jemand gefilmt hatte. Bisher hatten wir nie Geheimnisse voreinander gehabt, doch das hier schien zu schwerwiegend zu sein, um es mit ihm zu teilen, falls er nicht ebenfalls bedroht worden war. Ich würde allein damit fertig werden, denn ich war nicht bereit, meine Beziehung zu Rick für irgendwas aufs Spiel zu setzen. Ich hoffte, dass er seinen Bruder Nathan zu sich einladen würde. Sie könnten ein Bier trinken gehen, außerdem übernachtete Nathan öfter bei Rick. Vielleicht hatte ja er die Kamera dort installiert? Ich klammerte mich an jeden Strohhalm, während meine Gedanken verrücktspielten, da ich im Grunde keine Ahnung hatte, wer dahintersteckte.
Nachdem Rick gegangen war, blieb ich noch eine Stunde, räumte auf und plante ein paar kleinere Projekte für den nächsten Tag, wobei ich mich vergewisserte, dass ich die passenden Farben vorrätig hatte. Eine halbe Stunde verbrachte ich damit, E-Mails durchzugehen, neue Aufträge anzunehmen und auf Anfragen zu antworten. Ich ließ die Nachricht von gogetter@gmail.com in meinem Posteingang, doch ich traute mich nicht, darauf zu antworten. Eine Google-Suche brachte keine Ergebnisse und jedes Mal, wenn ich die E-Mail sah, lief es mir kalt über den Rücken. Noch viel schlimmer wurde es, als mir das Päckchen einfiel, das Linda mir vorhin gegeben und das ich achtlos in meine Tasche gesteckt hatte. Als ich es herausholte, sah ich, dass es weder einen Markennamen noch einen Hinweis auf den Absender trug. Und ich wusste, dass ich keine Lieferung mit Künstlerbedarf erwartete. In der Hoffnung, dass es sich um nichts Schlimmes handelte, riss ich den gepolsterten Umschlag auf und fand darin einen USB-Stick sowie einen Zettel mit einer maschinegeschriebenen Nachricht.
ICH GLAUBE NICHT, DASS MIRANDA UND BILL DAS SEHEN SOLLTEN, ODER WAS MEINST DU?
EIN FREUND
Ich schluckte schwer und steckte den USB-Stick in meinen Laptop. Ich konnte es kaum erwarten, herauszufinden, was darauf zu sehen war und warum meine Eltern als Druckmittel benutzt wurden.
Als das Video lief, stellten sich die Haare auf meinen Armen auf. Falls ich je Zweifel hatte, ob das Video echt war, so waren sie sofort verflogen. Es war kein kranker Erpressungsversuch mithilfe künstlicher Intelligenz gewesen, hier waren wir in leuchtenden Farben zu sehen. Meine Augen wurden so groß wie Untertassen, als Rick und ich den Monitor ausfüllten. Er hielt meine Handgelenke flach auf die Matratze gedrückt, während ich mich darunter in Ekstase wand. Diesmal erinnerte ich mich daran, wie sich seine Berührungen angefühlt hatten, an die Küsse, die auf dem Sofa begonnen und sich dann ins Schlafzimmer verlagerten. Und dass Rick vorgeschlagen hatte, mich sanft zu fesseln, um unser Liebesspiel etwas aufzuheizen.
Ich war keine Paris Hilton oder Kim Kardashian. Wer also würde sich schon für mein Sexvideo interessieren? Doch der Stein in meinem Magen wurde größer, während meine Finger über die Nachricht auf dem Zettel strichen. Der Absender kannte die Namen meiner Eltern und drohte damit, mich bloßzustellen. Mein Vater war Schulleiter einer mit „hervorragend“ bewerteten höheren Schule und ein angesehenes Mitglied der Gemeinde; es würde ihn zerstören. Er würde mich nie wieder ansehen können und ich könnte ihm verflucht noch mal ebenfalls nie mehr in die Augen blicken.
Bei dem Gedanken, dass jemand ein Video von mir besaß, es sich angesehen und vielleicht sogar schon weiterverbreitet hatte, wäre ich am liebsten vom Erdboden verschluckt worden. Ich konnte dem Drang, zu fliehen, nicht widerstehen, stopfte den Inhalt des Umschlags in meine Tasche, verabschiedete mich hastig von Linda und ging.
Auf der kurzen Strecke bis zu meinem Auto zog ich die Schultern hoch. Durch den Wind war die Luft kalt und ich wurde das Gefühl nicht los, beobachtet zu werden. Die Worte aus der E-Mail gingen mir nicht mehr aus dem Kopf: VERGISS NICHT, DASS ICH DICH STÄNDIG BEOBACHTE. Alle paar Sekunden warf ich einen verstohlenen Blick über die Schulter und spähte in die Fenster der vorbeifahrenden Autos; die Präsenz des Absenders schien allgegenwärtig zu sein.
„Ich bin dabei, verrückt zu werden“, murmelte ich, während ich den kleinen Tesco Express betrat, an dem ich unterwegs vorbeikam, da ich heute noch nichts gegessen hatte und mein Kühlschrank leer war. So oft hielt ich mich bei Rick auf. Ich griff nach dem letzten Nudelauflauf für die Mikrowelle, nahm noch eine Flasche Sauvignon Blanc mit und ging zur Kasse. In der Warteschlange wurde ich nervös, weil jemand zu dicht hinter mir stand, und schlang schützend die Arme um meinen Oberkörper. Es war ein hochgewachsener Mann in meinem Alter – Mitte zwanzig –, dessen heißer Atem meine Haare bewegte. War er womöglich der Absender? Ich bekam eine Gänsehaut und kämpfte gegen den Drang an, den Korb einfach stehen zu lassen und wegzulaufen. Nachdem ich bezahlt hatte, schnappte ich draußen vor dem Eingang nach Luft und eilte zu meinem Auto, das um die Ecke parkte. Von dem großen Mann war nichts mehr zu sehen. Vor dem Atelier gab es nie freie Parkplätze, egal wann ich ankam. Direkt nebenan befand sich ein Fitnessstudio, das rund um die Uhr geöffnet hatte, und in dem ich Mitglied war. Manchmal drang zwar die Musik durch die Wand, aber die Miete für das Atelier war günstig. Eines Tages würde ich in einem Haus leben, das groß genug für mein eigenes Atelier war – vielleicht in einem dieser puderblauen Gebäude mit Blick auf einen Magnolienbaum im Garten. Angesichts meiner vielen Aufträge war das durchaus im Bereich des Möglichen, und an diesen Gedanken klammerte ich mich, während ich ins Auto stieg und durch die Stadt in das Viertel mit den billigen Mieten fuhr, in dem meine dunkle Wohnung auf mich wartete.
Der Aufzug war schon wieder außer Betrieb – nicht dass ich ihn je benutzt hätte, da der Uringestank zu eklig war –, und deshalb stieg ich die Treppe bis in den obersten Stock hinauf. Am Rand des Teppichbodens im Flur hatten sich Staubflusen angesammelt und es roch nach Curry, das mein Nachbar Alfie offensichtlich gerade kochte. Ich kramte in meiner Tasche nach meinem Schlüssel und machte mich bereit, die Wohnungstür, die immer klemmte, mit der Schulter aufzustoßen. Als sie endlich aufging, lag ein Stapel Post auf der Fußmatte und ich bückte mich, um ihn aufzuheben. Neben der Werbung und den Rechnungen war auch ein kleiner flacher Karton durch den Briefschlitz geschoben worden; das waren vermutlich die Vitamine, die ich bestellt hatte.
Als ich von unten ein Knarren hörte, eilte ich in meine Wohnung, schloss die Tür ab und ging schnurstracks zu den Fenstern, um die Vorhänge zuzuziehen. Dabei malte ich mir ein bizarres Szenario aus, in dem der hochgewachsene Mann aus dem Tesco mir nach Hause gefolgt war. Überzeugt, den bedrohlichen Schatten einer Person zu sehen, die zu mir herauf starrte, spähte ich durch den Vorhangspalt auf die Straße hinunter, doch da war niemand. Ich blieb auf meinem Wachposten stehen, bis sich mein Puls beruhigt hatte. Schließlich ging ich zurück in die Küche, wo ich die Post abgelegt hatte. Ich schaltete den Wasserkocher ein und sah den Stapel durch, bis ich zu dem Karton gelangte.
Als ich ihn aufgerissen hatte, entdeckte ich einen großen herzförmigen Keks darin, der in Zellophan eingewickelt und mit roter Zuckerglasur verziert war. Ich musste lächeln. Rick war ein echter Romantiker und überraschte mich oft mit kleinen Geschenken. Dann blieb mein Blick an der Inschrift hängen. Was ich zunächst für ein Dir gehört mein Herz in geschwungenen Lettern gehalten hatte, entpuppte sich auf den zweiten Blick als Irrtum.
Du gehörst mir.
Aber war das eine Liebesbotschaft oder eine Warnung?
Kapitel 3
Hätte ich nicht die E-Mail von gogetter@gmail.com erhalten, dann wäre ich davon ausgegangen, dass Rick mir den Keks geschickt hatte, doch die Formulierung war seltsam. Rick war kein bisschen besitzergreifend. Er wurde nie eifersüchtig, selbst als er sich an unserem dritten Date verspätet hatte und ein anderer Mann versuchte, mir einen Drink zu spendieren. Vertrauen bedeutete ihm alles und er wusste, dass ich niemals fremdgehen würde.
Ich griff nach meinem Handy und schickte ihm eine kurze Textnachricht.
Hast du mir ein Geschenk geschickt?
Ich starrte auf das Display und wartete auf eine Antwort, doch es kam nicht sofort eine. Vielleicht war ich paranoid; normalerweise war ich nicht so misstrauisch, aber wie konnte ich es jetzt nicht sein?
Nein, Schatz, habe ich etwa einen Konkurrenten?
Bei Ricks Nachricht lief mir ein Schauer über den Rücken. Wenn er den Keks nicht geschickt hatte, wer dann? Und woher wusste der Absender nicht nur, wo ich arbeitete, sondern auch, wo ich wohnte? Spähte er mich etwa aus?
Nun packte mich die Paranoia. Ich lief in meiner winzigen Wohnung umher und suchte nach einer Kamera, doch ich fand nichts. Sollte ich von hier verschwinden und zu meinen Eltern fahren? Aber wenn ich mitten in der Nacht dort auftauchte, würde das eine ganze Reihe von Fragen nach sich ziehen. Außerdem nervten sie mich schon die ganze Zeit damit, dass sie Rick unbedingt kennenlernen wollten. Bisher hatte ich ihn davor bewahrt, von ihnen gelöchert zu werden, doch wir waren nun schon fast zehn Monate zusammen und mir war klar, dass ich das nicht mehr lange aufschieben konnte. Nicht dass sie keine großartigen Eltern gewesen wären – mein Bruder und ich hatten eine schöne Kindheit gehabt –, aber sie redeten ständig über meine Zukunft und davon, ob Kunst ein tragfähiges Geschäftsmodell sei. Zwar glaubten sie an mein Talent, doch sie waren beide Akademiker, während ich einen anderen Weg eingeschlagen hatte. Ihre Erwartungen an mich waren hoch und es widerstrebte mir, Rick dieser kritischen Prüfung auszusetzen, aus Angst, sie könnten ihn verjagen. Auch Ricks Eltern hatte ich noch nicht kennengelernt; sie lebten auf der Isle of Wight, und zwischen den Zeilen konnte ich lesen, dass sie kein sonderlich gutes Verhältnis hatten. Er schien jedes Mal zuzumachen, wenn sie erwähnt wurden, also bohrte ich nicht weiter. Ich ging davon aus, dass er offen darüber reden würde, wenn die Zeit reif war.
Da ich nichts fand, was auch nur annähernd wie eine Kamera aussah, beruhigte ich mich schließlich und versuchte den USB-Stick und das essbare Geschenk aus meinen Gedanken zu verdrängen. Nach einer Tasse Tee räumte ich die Wohnung ein wenig auf, doch sie wirkte nach wie vor deprimierend; alles war in Brauntönen gehalten, und es fiel kaum Tageslicht herein. Ich hatte zwar versucht, mit Kissen, Vorhängen und ein paar Kunstdrucken an den Wänden etwas Farbe hineinzubringen, doch im Vergleich zu Ricks geräumigem Penthouse mit seinen bodentiefen Fenstern wirkte sie ärmlich.
Ich setzte mich vor meinen Laptop, den ich mitgebracht hatte, und rief meine E-Mails ab, in der Hoffnung, eine weitere erhalten zu haben, eine mit Anweisungen, was ich tun müsse, um die Nachricht und das Video löschen zu lassen. Denn im Augenblick befand ich mich in einer Schwebe, auf einer Klippe im Sturm, ohne zu wissen, ob eine starke Böe mich ins Meer befördern würde. Zeile für Zeile analysierte ich die Großbuchstaben und versuchte herauszufinden, ob sich darin eine versteckte Botschaft verbarg. Dabei blendete ich mein schlechtes Gewissen aus, weil ich Rick nichts von der Drohung erzählt hatte. Ich hätte antworten und fragen können, was der Absender wollte, doch es war sicher besser, gar nicht erst darauf einzugehen. Vielleicht wollte er gar nichts, vielleicht genoss er es einfach nur, mir mit Erpressung zu drohen, und würde das Interesse verlieren, wenn ich mich nicht meldete.
Am frühen Abend wärmte ich den Nudelauflauf in der Mikrowelle auf und goss mir ein Glas Sauvignon Blanc ein. Ich brachte kaum einen Bissen hinunter, mein Magen brannte immer noch. Vielleicht brauchte ich ein Bad.
Ich ignorierte die Schimmelflecke an den Rändern der Badewanne, wo sich das Silikon abgelöst hatte, und ließ mich in den Schaum sinken, in der Hoffnung, er würde die Angst und Scham darüber, dass jemand meine intimsten Momente gefilmt hatte, auflösen. Doch die Vorstellung ließ mich nicht los, das Bild hatte sich in meine Netzhaut eingebrannt. Ich sollte zur Polizei gehen, aber die Drohung war zu real: Mit einem einzigen Mausklick wären mein und Ricks Ruf sowie der meiner Familie ruiniert. Unfähig, mich zu entspannen, stieg ich aus der Badewanne. Die düstere Wolke folgte mir und ich wünschte, ich könnte mein Gehirn einfach abschalten.
Je mehr ich trank, umso wütender machte mich die Ungerechtigkeit des Ganzen. Als Rick später anrief, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen, und wissen wollte, was für ein Geschenk ich von einem anderen Verehrer bekommen hatte, reagierte ich sogar ein wenig schroff. Ich wollte nicht mit ihm reden – ich wollte mit niemandem reden. Ich wollte einfach nur ins Bett gehen und morgen früh beim Aufwachen feststellen, dass alles nur ein Albtraum gewesen war.
Ich lief in der Wohnung auf und ab und hörte die laute, aggressive Rockmusik der Foo Fighters, die mich noch mehr aufstachelte. Schließlich konnte ich nicht mehr anders, als mich wieder an meinen Laptop zu setzen und zu antworten. Das Warten brachte mich um. Was auch immer er wollte – vermutlich Geld für seine Kopie des Videos –, könnte ich bezahlen und mein Leben zurückbekommen.
WAS WILLST DU?
Ich hämmerte auf die Tasten ein und klickte auf „Senden“. Als jemand ein paar Minuten später an die Tür klopfte, ließ ich vor Schreck beinahe mein fast leeres Weinglas fallen. Es war schon nach zehn Uhr und das Feuer in meinem Bauch schrumpfte zu glimmender Asche zusammen. Ich schlich auf Zehenspitzen zur Tür und spähte durch den trüben Türspion. Als ich Alfie auf der anderen Seite erblickte, atmete ich erleichtert auf und öffnete die Tür.
„Tut mir leid, Abbi, ich muss jetzt pennen. Könntest du die Musik etwas leiser machen?“
Ich ließ die Tür offen stehen, eilte zur Stereoanlage und schaltete sie aus. Die ohrenbetäubende Musik verstummte, auch wenn sie immer noch in meinen Ohren nachklang. Alfie wartete höflich vor der Türschwelle und ließ den Blick über meinen engen Flur schweifen.
„Es tut mir wirklich leid, Alfie, ich habe mir nichts dabei gedacht. Ich hatte einen stressigen Tag.“ Ich zog meinen Bademantel enger um mich und das Blut stieg mir in den Hals, während er überallhin schaute, nur nicht zu mir.
Alfie war Mitte dreißig, schüchtern und lebte getrennt. Bei meinem Einzug zog seine Frau gerade aus und die beiden trugen ihren Ehekrach öffentlich im Treppenhaus aus. Es war gelinde gesagt eine unangenehme Situation gewesen. Als sie weg war, hatte ich ihm eine Flasche Rotwein vorbeigebracht – teils, um mich vorzustellen, teils als Trost für einen Tag, der sicher beschissen für ihn gewesen war. Wir hatten uns in den Monaten, die ich hier wohnte, nicht viel unterhalten – nur wenn wir uns zufällig im Vorbeigehen über den Weg liefen –, aber er war immer freundlich.
„Ist alles in Ordnung bei dir?“, fragte er und sah mich endlich an. Sein helles Haar lichtete sich schon und sein Gesicht wirkte fahl, so als hätte er schon lange keine Sonne mehr gesehen.
„Alles okay. Wie läuft’s bei dir?“, fragte ich sanft; ich hatte immer den Eindruck, als wäre er zerbrechlich und stünde kurz vor einem Nervenzusammenbruch.
„Ach, du weißt schon: arbeiten, essen, schlafen und das Ganze von vorn.“
Ich lachte und nickte. „Ja, das kenne ich. Also, tut mir leid wegen der Musik. Kommt nicht wieder vor.“
„Kein Problem, mach’s gut.“ Alfie drehte sich um und ging über den Flur zu seiner Wohnung, deren Tür einen Spaltbreit offen stand. Vielleicht sollte ich ihn fragen, ob er mit mir etwas trinken gehen wollte oder so – er wirkte, als könnte er ein wenig Aufmunterung gebrauchen –, aber ich wollte auch keinen falschen Eindruck erwecken. Ehrlich gesagt hatte ich gerade zu viel um die Ohren, um darüber groß nachzudenken.
Als ich wieder am Laptop saß, stellte ich fest, dass noch keine Antwort von gogetter eingegangen war. Also fuhr ich das Gerät herunter, putzte mir die Zähne und kroch ins Bett. Die Bettwäsche war hart – billig im Vergleich zu der ägyptischen Baumwolle, die Rick für sein Bett gekauft hatte – und sie kratzte auf meiner Haut.
Morgen würde ein besserer Tag werden. Ich war sicher, drei oder vier der kleineren Projekte erledigen zu können: Mini-Bilder in Bierdeckelgröße und meine erste Weihnachtskugel des Jahres. Diese Kundin war extrem gut organisiert, wenn man bedachte, dass es erst März war, aber trotzdem freute ich mich seltsamerweise darauf, Stechpalmenzweige auf die Kugel zu malen, um sie besonders weihnachtlich zu gestalten.
Während ich mein Kopfkissen aufschüttelte, schickte Rick mir eine Nachricht: ein Foto von ihm im Bett, wie er vor der Kamera eine Grimasse zog, und der Bildunterschrift Nathan hat sich endlich verkrümelt. Zeit fürs Bett, aber ohne dich ist es kalt hier! Das Wissen, dass ich vermisst wurde, brachte mich zum Lächeln. Rick konnte nichts mit der Erpressung zu tun haben, er war wie ein offenes Buch und verheimlichte nichts. Im Gegenteil, er konnte nicht einmal sein Weihnachtsgeschenk für mich geheim halten und war schon drei Tage vorher eingeknickt, als würde er innerlich explodieren, wenn er es mir nicht verriet. Noch am selben Abend hatte ich die Diamantohrringe ausgepackt und wir hatten früher Weihnachten gefeiert, bei Glühwein und Weihnachtsfilmen, umgeben von Geschenkpapier. Es war himmlisch gewesen.
Ich überlegte, ob ich meine beste Freundin Jade anrufen sollte, aber sie lag wahrscheinlich schon im Bett, da sie als Rettungssanitäterin im Schichtdienst arbeitete. Ich fröstelte am Rücken und so zog ich die Bettdecke hoch. Ich hatte die Heizung bewusst aus gelassen und mir eingeredet, es sei doch schon Frühling, aber das Wetter schien davon nichts mitbekommen zu haben. Ich vermisste es, mich an Ricks warmen Körper zu kuscheln, und die Tasse Tee, die am nächsten Morgen auf mich gewartet hätte. Seit wir zusammen waren und ich öfter bei ihm übernachtete, hatte ich angefangen, meine Wohnung zu hassen – mit ihren stinkenden Abflüssen und den Fenstern, durch die der Wind pfiff.
Unruhig wälzte ich mich hin und her und wartete vergeblich darauf, einzuschlafen. Schließlich griff ich nach meinem Handy, um in der Kindle-App ein paar Seiten in meinem Buch zu lesen. Als ich das Display entsperrt hatte, sah ich, dass gerade eine E-Mail in meinem Geschäftspostfach eingegangen war. Normalerweise achtete ich penibel auf eine ausgewogene Work-Life-Balance, aber was war, wenn die Nachricht von gogetter stammte? Ein beklemmendes Gefühl stieg von den Zehen in meinen Körper hoch und ich biss mir auf die Lippe. Wenn ich mir die E-Mail nicht ansah, würde ich niemals einschlafen können. Es musste einfach sein, so als ob man ein Pflaster abzieht. Ich öffnete die App und holte scharf Luft, als ich sah, dass die neue E-Mail tatsächlich von gogetter stammte. Vielleicht enthielt sie genau das, worauf ich gewartet hatte: Anweisungen, wie ich diesen Albtraum beenden konnte, da ich unter keinen Umständen zulassen wollte, dass dieses Video von mir an die Öffentlichkeit gelangte. Dass sich die Sache so in die Länge zog, machte die Qual nur noch schlimmer.
Als ich die E-Mail öffnete, wimmerte ich unwillkürlich. Auf dem Bildschirm erschien wieder ein Link und darunter die Worte: VERGISS NICHT, ICH BEOBACHTE DICH STÄNDIG. SÜSSE TRÄUME, ABBI … Diesmal klickte ich, ohne zu zögern, sofort auf den Link. War dies das Sex-Video von Rick und mir in voller Länge, das auch auf dem USB-Stick gespeichert war? Doch das war es nicht, sondern ein weiteres Standbild, allerdings eines, das hundertmal schlimmer war als das Bild, das ich am Vormittag erhalten hatte. Ich war nackt neben Ricks Bett zu sehen, wie ich mir gerade eines seiner T-Shirts überstreifte und dabei auf die Kamera zuging. Es war eine Frontalaufnahme, auf der ich völlig nackt war, und ich fing an, ins Kissen zu schluchzen.
Mein Gesicht konnte man nicht erkennen, es wurde von dem T-Shirt verdeckt, während ich es anzog, aber mein Körper war deutlich zu sehen, bis hin zu dem winzigen Panda-Tattoo auf meiner Hüfte.
Vergiss nicht …
Ich sah mir die E-Mail noch einmal an und wischte den Screenshot weg, während mich ein Gefühl der Demütigung überkam. Bei dem Gedanken, dass irgendjemand ihn sehen könnte, sträubten sich meine Nackenhaare. Ich war schüchtern, kleidete mich fast schon konservativ und zeigte nur selten viel Haut. In den vergangenen zehn Monaten hatte Rick versucht, mich dazu zu bringen, meinen „inneren Vamp zu entfesseln“, wie er es nannte, um unser Sexleben aufzupeppen. Mich zu überreden, abenteuerlustiger zu sein und Neues auszuprobieren – andere Stellungen und Sexspielzeug, was ihm einen besonderen Kick bereitete. Die Vorstellung, dass jemand Zeuge unserer Spielchen werden könnte, war unerträglich.
Ich las die E-Mail noch einmal. Süße Träume, Abbi. Wusste derjenige, dass ich im Bett lag, oder war es Zufall, da die Nachricht so spät eingegangen war?
Froh, dass ich einen Schlafanzug trug, warf ich die Decke ab und ging zum Fenster, um durch den Vorhang einen Blick auf die Skyline zu werfen. Gegenüber von meinem Wohnhaus war ein Lagergebäude, in dem jedoch kein Licht brannte, und auch auf dem Parkplatz standen keine Autos. Auf der Straße war alles ruhig, aber ich hatte das Gefühl, beobachtet zu werden; die Blicke bohrten sich in jede Pore meiner Haut. Links stand eine einzelne Gestalt, doch ich konnte ihr Gesicht nicht erkennen und auch nicht sehen, ob sie in meine Richtung blickte. Sie war zu weit von der Straßenlaterne entfernt und stand im Schatten. Ein eiskalter Schauer lief mir über den Rücken und mir erstarrte das Blut in den Adern.
Ich konnte erkennen, dass die Person groß war. Könnte es der Mann sein, der bei Tesco hinter mir gestanden und mir ins Haar geatmet hatte?
Ungefähr eine Minute später ging die Gestalt davon. Sie bog um die Ecke und verschwand aus meinem Blickfeld. Nun war die Straße menschenleer. Vielleicht hatte die Person einen Hund dabeigehabt, den ich nicht sehen konnte, und war mit ihm eine späte Runde um den Block gegangen … denn wer würde mich schon auf diese Weise terrorisieren wollen? Ich zerbrach mir den Kopf darüber, ob ich irgendjemanden verärgert hatte – nicht absichtlich, sondern aus Versehen, vielleicht einen Ex-Freund –, aber mir fiel niemand ein. Was wollte der Absender von mir? Ich verspürte den Drang, Ben anzurufen. Mein kleiner Bruder würde wissen, was zu tun war, oder könnte mich wenigstens etwas beruhigen. Doch die Türkei war uns zwei Stunden voraus, und er würde längst tief und fest schlafen. Daher verwarf ich den Gedanken wieder und ließ mich aufs Sofa sinken.
Es war, als wäre ich zufällig ausgewählt worden, um psychisch gequält zu werden, denn genau das war es. Der Stein in meinem Magen war seit heute früh immer größer geworden, mir war ständig übel und Cortisol strömte durch meinen Körper. Ich war erschöpft und zugleich waren meine Nerven aufgerieben. Schlaf konnte ich heute Nacht vergessen, ich würde erst wieder schlafen können, wenn ich wusste, was ich tun musste. Doch wer auch immer dahintersteckte, schien meine Angst aus perversem Spaß noch zu verlängern. Beobachtete er mich? Ergötzte er sich an meiner Qual? Und wie weit würde er gehen, um zu bekommen, was er wollte?