Leseprobe Die Lady und das kalte Herz des Dukes | Eine leidenschaftliche Regency Romance

Kapitel 1

London, 1822

„Ich weigere mich, das zu tun!“, zischte Miss Letitia Grayson. „Es ist unmoralisch. Es ist falsch. Und – und es ist eine Schande.“

Lady Kathryn Bellamy unterdrückte ein Gähnen. „Dann tu es nicht, Letty. Niemand zwingt dich dazu.“

Letty runzelte die glatte Stirn. „Aber wenn ich nicht mitspiele, wirst du dann –“

„Wenn du nicht mitmachst, dann erwarte keine Einladung zur Landpartie der Duchess of Chatham“, log Katie. In Wahrheit hatte sie keinerlei Einfluss darauf, wen ihre Schwester Hyacinth zur jährlichen Landpartie in ihr Sommerhaus einlud. Katie bezweifelte, dass Hy – die alles, was mit Unterhaltung zu tun hatte, an einen der Sekretäre des Dukes delegierte – überhaupt wusste, wer kommen würde. Hy verabscheute Landpartien und versteckte sich normalerweise im Witwensitz von Chatham Park, den der Duke für den privaten Gebrauch seiner Frau hatte renovieren lassen. Aber die jungen Ladys um Katie herum wussten nichts davon und sehnten sich verzweifelt danach, eine der begehrtesten Einladungen des Jahres zu erhalten.

Katie wusste, dass sie sich schämen sollte, weil sie log und manipulierte, aber – wie so oft – scherte sie sich keinen Deut darum.

„Katie, ich –“ Letty hielt inne und kaute so heftig auf ihrer Unterlippe, dass sie dunkelrot anlief. „Ich weiß nicht, ob ich das kann.“

Miss Julia Tremont und Miss Caroline Shelby kicherten angesichts Lettys Unbehagen.

Das ging Katie auf die Nerven und machte es ihr schwer, sich in Erinnerung zu rufen, warum sie sich überhaupt mit den beiden Dummchen abgab.

Weil niemand sonst Zeit mit dir verbringen will.

Katie wusste, dass das der Wahrheit entsprach. Dieses Eingeständnis hätte ihr wehtun müssen, aber dem war nicht so. Nichts tat ihr wirklich weh oder war ihr wichtig, und genauso gefiel es ihr.

Letty beugte sich zu Katie herüber und flüsterte: „Bitte, zwing mich nicht dazu.“

„Ich zwinge dich zu gar nichts“, erwiderte Katie, ohne sich die Mühe zu machen, leiser zu sprechen.

Wütend starrte das Mädchen Katie an, und ihr Zorn vermischte sich mit etwas, das wie Verzweiflung aussah. Auch wenn dies Lettys dritte Saison war, hatte Katie bisher nicht viel Zeit mit ihr verbracht. Abgesehen von ihren großen, schönen haselnussfarbenen Augen, den üppigen Wimpern und dem dichten kastanienbraunen Haar war Letty ein eher unscheinbares Mädchen. Sie war fast so groß wie Katie, die eins fünfundsiebzig maß, aber im Gegensatz zu Katie hatte sie keine besonders gute Figur.

Außerdem war Letty arm und trug das ganze Jahr über dieselben zwei Ballkleider. Bis Katie sie in ihren Freundeskreis aufgenommen hatte, war Letty aufgrund ihres wenig spektakulären Aussehens und ihrer geringen Mitgift bei den Veranstaltungen der High Society eine Außenseiterin gewesen. Obwohl sie zurückhaltend war, konnte sie in entspannten Situationen auch witzig und schlagfertig sein. Katie mochte Letty weit mehr als all die anderen Mädchen, die sie in den letzten Jahren kennengelernt hatte, und hoffte, dass sie an ihren Prinzipien festhalten und sich weigern würde, an ihrem dummen Kuss-Wettbewerb teilzunehmen.

Für einen Moment, während Letty Katie ein Loch in den Kopf starrte, schien es, als würden ihre Prinzipien über den Druck dazuzugehören siegen.

Doch dann ließ Letty die Schultern sinken. „Na gut. Ich mache mit.“

Angesichts der Worte des anderen Mädchens wurde Katies Kehle unangenehm trocken, und sie musste mehrmals schlucken, um sie wieder zu befeuchten. Was für eine Enttäuschung die Menschen doch waren. Alle.

Sie wandte sich von Lettys flammend rotem Gesicht ab und sah Lady Michelle Beaumont und Miss Elinor Fisher an. „Was ist mit euch beiden?“

„Wir sind dabei“, sagte Elinor und sprach wie üblich für beide. Tatsächlich war sich Katie unsicher, ob sie Michelle jemals sprechen gehört hatte.

„Ich möchte ebenfalls mitspielen“, sagte Caroline.

„Ich auch“, fügte Julia hastig hinzu.

Katie griff in ihre Handtasche und holte ein gefaltetes Stück Papier heraus. „Hier ist die Liste.“

Elinor schnappte sich das Papier, und Michelle nahm es an sich, um es zu entfalten, während Julia und Caroline die Hälse reckten, um etwas zu sehen. Nur Letty hielt sich zurück.

„Lies laut vor, Elinor“, befahl Julia.

„Einen Punkt gibt es für Lord Chambers, Mr Andrew Morecombe –“

„Aber Mr Morecombe ist verheiratet!“, echauffierte sich Letty.

Katie verdrehte die Augen. „Es ist nur ein Kuss, Letty. Ich verlange nicht, dass du von diesem Mann ein Kind bekommst.“

Entgeistert starrten die fünf jungen Frauen sie an.

„Hast du kein Schamgefühl?“, brachte Letty hervor. Scheinbar war sie die Einzige, die noch sprechen konnte.

„Nicht wirklich“, gab Katie zu.

Letty verschränkte die Arme. „Ich kenne Elizabeth Morecombe, und sie ist eine reizende Person. Niemals würde ich ihren Mann küssen.“

Katie zuckte mit den Schultern. „Ich habe dir doch schon gesagt, dass du das nicht musst –“

„Es ist mir egal, ob er verheiratet ist, ich werde Morecombe küssen“, sagte Elinor.

Angesichts der dreisten Behauptung des anderen Mädchens hob Katie eine Augenbraue. Elinors Wangen glühten, aber sie hielt ihrem Blick stand. Katie war beeindruckt. Wer hätte gedacht, dass Elinor so viel Mut besaß?

„Wer steht noch auf der Liste?“, fragte Caroline mit funkelnden blauen Augen.

Elinor fuhr fort: „Viscount Telford, Baron Fowler …“ Sie warf Katie einen genervten Blick zu. „Das ist nicht fair!“

„Warum nicht?“

„Du bist mit Fowler befreundet. Er wird dich küssen, um dir zu helfen, zu gewinnen.“

Katie lachte aufrichtig. Angus Fowler, der beste Freund des Dukes of Chatham, behandelte Katie wie eine Assel – ein harmloses Ärgernis, das man tolerieren, aber niemals ermutigen sollte. „Wenn du glaubst, Fowler würde mir bei irgendetwas helfen, dann weißt du offensichtlich nicht so viel, wie du denkst.“

Caroline runzelte die Stirn. „Ich verstehe immer noch nicht –“

Elinors Kreischen ließ die anderen zusammenzucken. „Dulverton!“

Katie warf der kleinen Blondine einen vernichtenden Blick zu. „Vielleicht solltest du noch etwas lauter kreischen, Elinor. Wahrscheinlich sind da noch ein paar Leute am anderen Ende des Berkeley Square, die dich nicht gehört haben.“

Elinor presste die Lippen zusammen und blickte nervös zu einer Gruppe von Mauerblümchen, die in der Nähe standen. Einige von ihnen starrten sehnsüchtig zu Katies Gruppe herüber, aber sie bezweifelte, dass sie ihre Unterhaltung über den Lärm im Ballsaal hinweg hören konnten.

„Der Duke of Dulverton?“, wiederholte Letty und nahm Elinor die Liste aus den widerstandslosen Fingern, als könne sie es nur glauben, wenn sie den Namen mit eigenen Augen sah.

„Für ihn gibt es zehn Punkte, während alle anderen nur einen Punkt wert sind“, sagte Katie und amüsierte sich über die bestürzten Gesichter ihres Publikums. „Stell dir vor, Letty, du könntest mit nur einem Kuss gewinnen.“

Letty schnaubte. „Er sollte hundert Punkte wert sein. Er kommt doch nie nach London, wenn –“

Heute Abend ist er anwesend“, widersprach Julia selbstgefällig und sah Katie fragend an.

Katie nickte. „Ausnahmsweise hat Julia recht.“ Sie ignorierte Julias empörtes Schnauben und fügte hinzu: „Dulverton ist nur ein paar Minuten vor dir eingetroffen.“

„Das nützt uns jetzt auch nichts mehr“, murrte Caroline. „Er war noch nicht einmal auf der Tanzfläche, sondern redet die ganze Zeit nur mit einem alten Mann.“

Sechs Paar Augen wanderten zu dem flachsblonden Duke, der bei einem viel kleineren, rundlichen, grauhaarigen Mann stand. Katie konnte nicht umhin zu bemerken, wie die Menschen dem Duke verstohlene Blicke zuwarfen, als wäre Dulverton ein seltenes Fabelwesen, das sich in ihre Mitte verirrt hatte. Katie vermutete, dass ein unverheirateter Duke, der noch nicht in seinen Achtzigern war, etwa so selten vorkam wie ein Einhorn.

„Wie sollen wir dem Mann denn jemals einen Kuss stehlen, wenn er mit keiner von uns tanzt oder spricht?“, fragte Julia.

„Das ist dein Problem“, erwiderte Katie. Ihr waren bereits verschiedene Ideen durch den Kopf gegangen, aber sie hatte nicht die Absicht, diese mitzuteilen, schließlich wollte sie diesen Wettbewerb ja gewinnen.

„Aber er ist so hässlich“, jammerte Caroline. „Ich kann mir nicht vorstellen, ihn zu küssen, selbst wenn ich nah genug an ihn herankommen könnte.“

Selbst aus dieser Entfernung war klar, dass Carolines Worte, so unfreundlich sie auch waren, der Wahrheit entsprachen. Der Duke hatte den gedrungenen Körper eines einfachen Arbeiters statt den schlanken eines weltgewandten Gentlemans, und außerdem eine regelrechte Hakennase. Sein Kiefer war zwar markant geformt, ragte aber viel zu aggressiv hervor, um als attraktiv zu gelten. Er hatte tief liegende Augen, und Schatten lauerten unter den schweren Augenbrauen und in den harten Konturen seines Gesichts – ein Gesicht, das eher zu einer gruseligen Schnitzerei gepasst hätte als zu einem Adligen des Königreichs.

Seine goldbraune Haut stand in seltsamem Kontrast zu seinem flachsblonden Haar, das man normalerweise nur bei sehr kleinen Kindern sah. Der ungewöhnliche Farbton hätte ansprechend sein können, wäre es nicht so kurz geschoren gewesen wie bei einem Schaf im Juni.

Caroline zitterte. „Er macht mir Angst. Ihn zu küssen muss mehr als zehn Punkte wert sein“, sagte sie, und ihre Worte lösten nervöses Gelächter aus.

„Du musst weder Dulverton noch irgendjemanden sonst in diesem Raum küssen“, schimpfte Katie, die sich aus irgendeinem Grund über das mädchenhafte Geplapper ärgerte. Sie warf der Gruppe einen verächtlichen Blick zu. „Keiner zwingt euch, mitzuspielen.“

Keine von ihnen erwiderte etwas.

Aber Katie wusste, dass sie spielen würden. Sie alle.

Und sie wäre diejenige, die gewinnen würde. Nicht weil sie klüger oder begehrenswerter war, sondern weil gewinnen, egal wie unbedeutend der Preis auch sein mochte, das Einzige war, das sie dazu brachte, etwas zu fühlen.

Kapitel 2

Gerrit Boon Jaak Van Draak, der fünfte Duke of Dulverton, trank einen Schluck Champagner und verzog dann das Gesicht, als ihm das widerwärtige Gebräu die Kehle hinunterlief.

„Wenn Ihr es noch fester haltet, werdet Ihr das Glas zerbrechen, Euer Gnaden“, neckte ihn sein Onkel, Baron Bas van Renesse, mit fröhlicher Stimme.

Gerrit runzelte die Stirn und winkte einen Diener herbei, der gerade vorbeikam. „Nehmen Sie das.“ Er stellte dem Diener, der ihn mit großen Augen ansah, das fast volle Glas aufs Tablett. Als der Diener verschwunden war, warf Gerrit seinem Onkel, den er vor diesem Abend nur einmal getroffen hatte, einen finsteren Blick zu. „Sie sagten, Lady Mariska würde um zehn Uhr hier sein. Es ist jetzt siebenunddreißig Minuten nach zehn.“

Über die dünnen Lippen des älteren Mannes huschte ein schwaches Lächeln, so als amüsiere ihn etwas an dieser ärgerlichen Situation. „Wann habt Ihr jemals erlebt, dass eine Frau sich um die Zeit schert?“

Gerrits finsterer Ausdruck wurde angesichts dieser sinnlosen Verallgemeinerung noch dunkler.

„Habt Geduld, Euer Gnaden.“

„Ich übe mich seit zwanzig Jahren in Geduld“, erinnerte er seinen Onkel. „Ich bin es leid –“

„Ah, da ist Lady Palmer“, unterbrach ihn der Baron.

Eine stämmige, gut gekleidete Frau mittleren Alters drängte sich durch die Menge. Sie hatte rosige Wangen und wirkte aufgeregt. Ihr besorgter Blick huschte zu van Renesse, dann zu Gerrit und schnell wieder weg.

Selbst Gerrit, der sonst völlig unfähig war, die Mimik anderer Menschen zu deuten, konnte sehen, dass die Frau irgendetwas beunruhigte.

Lady Palmer machte einen, für eine Frau ihres Alters und ihrer Statur, beeindruckend tiefen Knicks. „Es tut mir schrecklich leid, dass ich zu spät komme, Euer Gnaden, aber –“

„Wo ist Lady Mariska?“, unterbrach Gerrit fordernd. Es war Gerrit nie leichtgefallen, anderen Menschen in die Augen zu sehen – für ihn fühlte sich das fast an wie eine körperliche Berührung –, aber sein Vater hatte darauf bestanden, dass Wegsehen eine Schwäche sei, und so hatte Gerrit jahrelang darum gekämpft, seine Abneigung dagegen zu überwinden.

Die Frau schreckte zurück – entweder war es sein schroffer Tonfall, der scharfe Blick oder beides. Van Renesse schnalzte mit der Zunge und lachte nervös. „Sie müssen Seiner Gnaden verzeihen. In der Aufregung, seine zukünftige Braut kennenzulernen, hat er wohl seine Manieren vergessen.“

Aufregung? Gerrit ballte die Hände zu Fäusten, als er die alberne Beschreibung seines aktuellen Gemütszustands hörte. Er öffnete den Mund, um den älteren Mann zurechtzuweisen, aber Lady Palmer plapperte weiter.

„Verzeiht, Euer Gnaden, aber die Hitze im Ballsaal war so drückend, dass Lady Mariska in den Garten gegangen ist, um etwas Luft zu schnappen.“

Gerrit mahlte mit dem Kiefer, kniff die Augen zusammen und hielt den Blick auf Lady Palmer gerichtet. Wieso hatte er das Gefühl, dass sie log? „Sie ist gerade erst angekommen und schon überhitzt?“

Lady Palmer schluckte schwer. „Äh … ja?“

„Das klang wie eine Frage.“

„Nein, nein. Ihr war unangenehm heiß.“

Gerrit schnaubte und wandte sich an van Renesse. „Was für eine zarte Blüte Sie mir da gebracht haben, Onkel.“

Angesichts Gerrits schneidendem Ton zuckte van Renesse zusammen, doch dann lachte er wieder auf seine entnervende Art. Er streckte die Hand aus, um Gerrit auf den Arm zu klopfen, erinnerte sich dann aber daran, wie sehr dieser es hasste, berührt zu werden, und zog die Hand hastig zurück. „Mariska ist ein schüchternes Mädchen, Euer Gnaden. Die Eigenschaften, die sie zu einer so angepassten, gehorsamen Ehefrau machen, lassen sie in der Öffentlichkeit auch schüchtern erscheinen. Erst vor kurzem hat sie ihr streng religiöses Umfeld verlassen. Dies“ – er deutete mit einer Geste auf den Raum um sie herum – „ist die Art von anspruchsvoller Veranstaltung, die unschuldige junge Frauen erschreckt.“

Gerrit musste zugeben, dass in den Worten des anderen Mannes vielleicht ein Körnchen Wahrheit steckte. Auch wenn die Lady einundzwanzig war – eine seiner Bedingungen für die Heirat –, hatte ihre Familie sie im Kloster untergebracht, um ihre Tugend zu gewährleisten. Eine Entscheidung, die sie getroffen hatten, nachdem die letzte Verlobung aufgelöst worden war.

Wie musste dieser glitzernde Ballsaal – überfüllt mit lüsternen Adligen und seidenbekleideten Frauen, deren tief ausgeschnittene Kleider mehr enthüllten, als sie verbargen – auf ein Mädchen wirken, das den größten Teil seines Lebens abgeschottet von der Welt verbracht hatte?

Als Gerrit sich umsah, wandten Männer und Frauen nacheinander schnell den Blick ab, anstatt seinem zu begegnen. Er brummte unzufrieden. Er hasste es, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, und jedes Mitleid, das er für Lady Mariska empfunden haben mochte, verflüchtigte sich rasch.

„Wenn sie so verdammt zurückhaltend ist, warum zum Teufel haben Sie dann vorgeschlagen, sie hier zu treffen?“, fragte Gerrit und wandte sich von den gaffenden Gästen ab.

„Es war ein Fehler, Euer Gnaden, das sehe ich jetzt“, räumte sein Onkel ein, dessen beschwichtigender Tonfall Gerrit noch mehr erzürnte.

Ein plötzlicher, unerwünschter Gedanke traf Gerrit wie ein Schlag ins Gesicht. „Versteckt sich Lady Mariska vielleicht im Garten, weil sie gegen ihren Willen hier ist?“

Sein Onkel schluckte. „Ähm …“

„Sagen Sie mir die Wahrheit“, knurrte er, bevor sich van Renesse weitere Lügen ausdenken konnte. „Ich werde nicht zulassen, dass sich das letzte Fiasko wiederholt.“

„Diesmal wird es ganz anders sein als beim letzten Mal“, versicherte ihm van Renesse hastig. „Lady Mariska hat sich sehr darauf gefreut, nach London zu kommen.“

„Sie war begeistert, nach London zu kommen?“, wiederholte Gerrit, dessen Temperament angesichts der ausweichenden Worte des älteren Mannes erneut hochkochte. „Ich habe nicht nach ihrer Meinung zu Auslandsreisen gefragt. Ich will wissen, wie begeistert sie davon ist, meine Frau zu werden, Onkel!“

Van Renesses Blick glitt zu Lady Palmer.

Verflucht nochmal!“, knurrte Gerrit.

Lady Palmer schwankte, und sein Onkel stützte sie am Arm, sodass sie nicht zu Boden fiel. Und dann wagte dieser Mistkerl es auch noch, Gerrit mit einem vorwurfsvollen Blick zu bedenken. „Euer Gnaden, das ist kaum –“

Mit dem Zeigefinger deutete Gerrit auf das Gesicht des anderen Mannes und stoppte weniger als einen Zentimeter vor van Renesses Nase. „Halten Sie den Mund.“

Angesichts seines bösartigen Befehls schnappte Lady Palmer nach Luft, aber sein Onkel presste die Lippen zusammen und entschied sich offenbar dafür, dass Diskretion die bessere Wahl war.

Der Drang, den kleineren Mann zu erwürgen, war so stark, dass Gerrit fast schwindelig wurde angesichts dieser für ihn untypischen Gefühlswallung.

Er starrte van Renesse an, der den Blick in stiller Unterwerfung zu Boden senkte, eine Geste, die Gerrits schnell wachsende Wut keineswegs besänftigte.

Nicht nur, dass er seinem Onkel und der Palmer eine unverschämte Summe gezahlt hatte, um diese Verlobung zu arrangieren, nein, obendrein war diese Reise nach London glatte Zeitverschwendung gewesen. Er verabscheute es, in der Stadt zu sein, egal zu welcher Jahreszeit, besonders aber während der Hochsaison. Und um die Sache noch schlimmer zu machen, befand er sich auch noch in einem verdammten Ballsaal!

Der Drang, aus dem stickigen, überfüllten Raum zu stürmen, in dem er offensichtlich Gegenstand morbider Neugier war, überwältigte ihn beinahe.

Doch der Ruf der Pflicht war noch stärker.

Verdammt noch mal! Er brauchte eine Frau. Er brauchte einen Erben. Dank seiner idiotischen Vorfahren war er dazu gezwungen, eine Frau niederländischer Abstammung zu nehmen. Er war es leid, über dieses Thema nachzudenken, und wollte sich kein weiteres verdammtes Jahr damit beschäftigen müssen. Doch wenn er jetzt ging, würde genau das passieren.

Er zügelte seine Wut, biss die Zähne zusammen und wandte sich an Lady Palmer. „Wünscht Lady Mariska diese Verlobung, Mylady?“

Sie zuckte angesichts seiner Frage zusammen.

„Ich möchte die ungeschminkte Wahrheit hören“, warnte er sie, als sie zögerte. „Und ich möchte sie jetzt hören.“

Lady Palmer räusperte sich. „Lady Mariska ist jung und unschuldig und unerfahren, Euer Gnaden –“

„Ich bin mir ihres Alters und ihrer Lage bewusst. Das ist keine Antwort auf die Frage, die ich gestellt habe.“

„Sie ist nicht gegen die Verbindung“, fuhr Lady Palmer hastig fort und wand sich unter Gerrits Gesichtsausdruck, der wohl die mörderische Wut, die er empfand, recht deutlich widerspiegelte. „Zumindest nicht ganz.“

Wenn ihre Worte ihn hätten beruhigen sollen, dann misslang ihr dies spektakulär.

Es kostete ihn alle Kraft, nicht den Kopf zurückzuwerfen und wie das wilde Tier aufzuheulen, dem er so sehr ähnelte. „Lady Mariska hatte fast zwei Jahre Zeit, mein Angebot abzulehnen“, zischte Gerrit, wobei seine Stimme angesichts der Emotionen, die in ihm tobten, beeindruckend ruhig blieb. „Warum hat sie bis drei Wochen vor unserer Hochzeit gewartet, um ihre Vorbehalte zu äußern?“ Als er das Ende seiner Frage erreichte, war seine Stimme lauter geworden, und die Menschen um sie herum starrten sie an.

Gerrit war das völlig egal.

„Antworten Sie mir“, fauchte er.

„Ich – ich –“ Lady Palmers Stimme brach mit einem Schluchzer ab.

Van Renesse tätschelte ihr den Arm und murmelte: „Na, na, meine Liebe.“

Gerrit kniff die Augen zusammen. Was für ein verdammtes Durcheinander.

Er warf den Menschen um sie herum einen vernichtenden Blick zu, blieb aber an einer Gruppe junger Frauen hängen, die sich seit seiner Ankunft immer näher herangeschlichen hatten, nun aber wie verängstigte Kaninchen davonhuschten. Jede von ihnen wäre bereit ihn zu heiraten – egal, wie hässlich er aussah – und bis zum Ende des Sommers könnte er eine Ehefrau haben, die seinen Balg im Bauch trug.

Aber nein. Es musste ja eine niederländische Braut sein.

Er biss die Zähne zusammen.

Lady Mariska war seine dritte Verlobte, seine erste Frau Christina, diese Schlampe, nicht mitgerechnet.

Die anderen beiden hatte er nie kennengelernt, da die eine im Alter von siebzehn Jahren gestorben und die andere, eine Achtzehnjährige, mit ihrem Musiklehrer durchgebrannt war. Gerrit war kein bisschen abergläubisch, aber selbst er konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass jede Verlobung mit ihm zum Scheitern verurteilt war.

Nach dem katastrophalen Debakel seiner ersten Ehe – die sein Vater arrangiert hatte – hatte Gerrit zwei eiserne Bedingungen zur langjährigen Tradition seiner Familie hinzugefügt. Erstens musste die betreffende Frau zum Zeitpunkt der Hochzeit mindestens einundzwanzig Jahre alt sein. Und zweitens wollte er einen Brief von ihr, nicht von ihren Eltern oder ihrem Vormund, in dem sie der Verbindung zustimmte und bestätigte, dass keine anderweitigen emotionalen Verstrickungen bestanden.

Diese aktuelle Verlobung war mit fast verdächtiger Leichtigkeit vorangeschritten. Er hatte Lady Mariska einen Brief geschrieben, in dem er ihr versicherte, dass er sie nur ehelichen würde, wenn sie ihre schriftliche Zustimmung gäbe, und hatte von ihr eine kurze Nachricht mit ihrer Zustimmung erhalten.

Ein unangenehmes Gefühl begann sich wie langsam einsetzende Kälte in ihm auszubreiten. Es dauerte einen Moment, bis er es benennen konnte: Es war Unentschlossenheit.

Gerrit verabscheute es, sich unsicher zu fühlen, und unternahm alles, um diese Emotion zu vermeiden, indem er sein Leben mit solch rigider Präzision organisierte, dass schnelle Entscheidungen selten erforderlich waren. In Gerrits Leben gab es kein was wäre, wenn oder vielleicht. Die Dinge waren einfach so, wie sie waren.

Bis zu diesem Abend.

Sein Onkel rückte so nah an ihn heran, dass Gerrit aufschreckte, als der Ellbogen des anderen Mannes ihn streifte.

„Was wollen Sie?“, fragte Gerrit gereizt. Der Mond schien hell genug, dass er noch in dieser Nacht den Heimweg antreten konnte, wenn er sofort aufbrach. Er könnte –

„Sie ist den ganzen Weg hierhergekommen, und Ihr habt all die Jahre gewartet. Warum geht Ihr nicht zu Lady Mariska, Euer Gnaden? Sprecht mit ihr. Seid … sanft.“

Gerrit sträubte sich. „Sanft sein? Wofür halten Sie mich, für eine Art reißendes Biest?“

„Nein, nein, nein. Natürlich nicht. Ich wollte Euch nicht beleidigen, Euer Gnaden.“

Gerrit fixierte Lady Palmer mit einem finsteren Blick. „Ist das Lady Mariskas Sorge? Dass ich eine Bestie bin?“

„Oh nein, Euer Gnaden!“, trällerte sie mit aufgerissenen Augen. „Ganz und gar nicht.“

„Sie hat keine Angst vor Euch“, warf sein Onkel ein.

Gerrit sah nichts in dem engelsgleichen Gesicht des anderen Mannes, was die Übelkeit in seinem Magen hätte beruhigen können. Warum konnten die Leute nicht ehrlich und direkt sein? Warum zuckten van Renesses blaue Augen – Augen, die denen von Gerrits Mutter so ähnlich waren – so nervös wie ein Katzenschwanz?

„Er sollte zu ihr gehen, nicht wahr, Lady Palmer?“, drängte van Renesse.

„Äh, ja“, bestätigte die Palmer, erneut wenig überzeugend.

„Verdammt! Ich möchte die Wahrheit von Ihnen hören, gnädige Frau“, presste Gerrit hervor. Der Gedanke, eine Frau zu heiraten, die ihn nicht wollte, machte ihn krank, aber er sollte zumindest mit ihr sprechen. Oder nicht? Oder würde das bedeuten, dass er sie bedrängte?

„J-ja“, sagte Lady Palmer. „Ja“, wiederholte sie, etwas überzeugender. „Ihr solltet mit ihr sprechen, Euer Gnaden.“ Als Gerrit sie weiterhin anstarrte, fügte sie hinzu: „Ich habe sie an einem ruhigen Ort im Garten zurückgelassen. Ihr könnt Euch mit ihr also unter vier Augen unterhalten.“ So sehr er es auch hasste, anderen Menschen in die Augen zu sehen, wenn er den Blick seines Gegenübers einmal gefangen hatte, fiel es ihm schwer, sich davon zu lösen.

Erst als die Frau ihren Blick senkte, konnte Gerrit auf seine Uhr schauen. Es war siebzehn Minuten vor elf. Er hatte siebenundvierzig Minuten bei dieser langweiligen Veranstaltung verschwendet. Einundfünfzig Minuten, wenn man die Zeit mitzählte, die er in der Empfangsreihe verbracht hatte, bevor er den Ballsaal betreten durfte.

Verdammt.

„Wo ist sie?“, bellte er.

Lady Palmer – ebenso wie mehrere andere Personen, die ihrem Gespräch offensichtlich lauschten – zuckte zusammen. „Auf einer Steinbank im Rosengarten, Euer Gnaden.“

Ohne ein weiteres Wort drehte sich Gerrit auf dem Absatz um und schritt auf die Fenster zu, die sich zur Terrasse hin öffneten.

„Wartet, Euer Gnaden!“

Zähneknirschend drehte er sich zu seinem Onkel um. „Was?“

„Sollte ich nicht mitkommen?“

„Das würde den Zweck eines privaten Gesprächs mit ihr zunichtemachen, nicht wahr?“

Der ältere Mann errötete angesichts seines tadelnden Tonfalls. „Äh, ja, vermutlich. Was werdet Ihr zu ihr sagen, Euer Gnaden?“

„Das ist eine Sache zwischen mir und Lady Mariska.“

***

Katie wand sich, aber die Arme um sie herum – hart und männlich – gaben nicht nach.

Ein Schauer der Angst lief ihr über den Rücken. Lauf!, schrie eine Stimme in ihrem Kopf. Du musst hier weg!

Katie zwängte die Hände zwischen sich und den harten Oberkörper, der sich an sie presste, und stieß ihn weg. Entweder hatte sie stärker gedrückt, als sie beabsichtigt hatte, oder Mr Morecombes Griff war nicht so unnachgiebig gewesen, wie sie geglaubt hatte, denn seine Lippen – die fester mit ihren verbunden gewesen waren als ein Tropfen Siegellack mit einem Stück Pergament – lösten sich von ihr und er taumelte rückwärts, bis er von der Steinbank hinter ihm aufgehalten wurde.

Ein Ausdruck des Erstaunens erschien auf seinem hübschen Gesicht. „Ist etwas nicht in Ordnung, Mylady?“

Wie ein Kind, das etwas Unangenehmes von den Lippen wischt, fuhr sich Katie mit dem Handrücken ihrer behandschuhten, zitternden Hand über den Mund.

Angesichts dieser Geste wechselte Morecombes Miene von besorgter Verwirrung zu gekränkter Verärgerung.

„Es ist nichts“, beharrte sie mit atemloser Stimme, warf einen Blick auf das nahegelegene Gebüsch und suchte nach den neugierigen Augen ihrer Freundinnen. Sie wusste, dass Julia und Caroline ihnen aus dem Ballsaal gefolgt waren – weil sie nicht glauben konnten, dass Katie Morecombe wirklich küssen würde –, aber sie entdeckte keine Spur von ihnen.

„Was haben Sie vor?“, fragte Morecombe und machte einen Schritt auf sie zu. „Sie haben sich mir geradezu an den Hals geworfen, als wir den Garten erreichten, und jetzt –“

„Jetzt habe ich meine Meinung geändert“, sagte sie und warf ihm einen kühlen Blick zu, der nicht im Geringsten ihrer Gefühlslage entsprach.

Er knirschte mit den Zähnen und seine Nasenflügel blähten sich. „Ich weiß nicht, was Sie vorhaben, Lady Kathryn, aber was Sie tun, ist gefährlich.“

Katie musste ihm zustimmen; dieses Spiel war nicht gerade eine ihrer klügsten Ideen gewesen.

Morecombe starrte sie noch einen Moment lang an, und die kalte, anklagende Wut in seinen Augen brachte sie dazu, sich am liebsten unter einem nahegelegenen Strauch verstecken zu wollen, aber sie zwang sich, seinem Blick standzuhalten.

Schnell fand er die Beherrschung wieder, setzte erneut eine höfliche Maske auf und reichte ihr den Arm. „Ich werde Sie zurück in den Ballsaal begleiten, Mylady.“

„Nein, danke.“ Mit zitternder Hand strich sie den Rock ihres Kleides glatt. „Ich werde noch eine Weile draußen bleiben.“

„Wie Sie wünschen.“ Er klang eher erleichtert als beleidigt, und die Sohlen seiner Tanzschuhe machten ein knirschendes Geräusch, als er auf den Steinweg trat und in die Nacht davonging.

Katie wartete, bis sie seine Schritte nicht mehr hören konnte, bevor sie sich seufzend auf die Steinbank fallen ließ. Ihre Augen brannten und ihre Sicht verschwamm. Sie presste die Augenlider zusammen und weigerte sich, Tränen zu vergießen, weil sie es nicht verdient hatte, zu weinen. Ihr Leben war perfekt. Sie war gesund, hatte eine Familie, die sie liebte – auch wenn die meisten ihrer Schwestern und wahrscheinlich auch deren Ehemänner mittlerweile mehr als frustriert mit ihr waren. Ihre Schwäger hatten ihr so viel Geld zur Verfügung gestellt, dass sie sogar einen verarmten Straßenkehrer hätte heiraten können, wenn sie wollte.

Kurz gesagt, Katie musste nichts anderes tun, als es sich selbst recht zu machen.

Und doch war sie unfähig, Freude zu empfinden. Schlimmer noch, sie war die ganze Zeit unglücklich.

Im Gegensatz zu ihren älteren Schwestern musste sie keine Opfer bringen. Alle vier – Phoebe, Selina, Aurelia und Hyacinth – hatten wohlhabende Männer geheiratet und ihre Familie vor Schande und Armut bewahrt.

Und alle hatten sich in ihre Ehemänner verliebt, sogar Hy, von der niemand – einschließlich Hy selbst – geglaubt hätte, dass sie jemanden lieben könnte. Aber ihre zurückhaltende ältere Schwester liebte den Duke of Chatham mit aller Leidenschaft.

Die einzigen beiden, die noch unverheiratet waren, waren Katie und ihr Bruder Dauntry. Doddy war das Nesthäkchen der Familie und gerade erst zwanzig geworden, also hatte er eine Entschuldigung.

Katie hingegen würde an ihrem nächsten Geburtstag dreiundzwanzig werden und befand sich derzeit in ihrer fünften Saison. Der fünften.

„Bist du sicher, dass du noch eine Saison über dich ergehen lassen willst?“, hatte Hy, bei der Katie seit fast fünf Jahren lebte, sie vergangenes Weihnachten gefragt, als sie die Pläne für das neue Jahr besprachen.

Katie hätte Hy gerne die Wahrheit gesagt – dass sie zurück nach Queen’s Bower, ihrem Elternhaus, ziehen und alleine leben wollte –, aber sie wusste, dass selbst Hy, die unkonventionellste ihrer Schwestern, eine solche Entscheidung niemals akzeptiert hätte.

Und so hatte sie einer weiteren Saison zugestimmt.

Sie hätte zu einer ihrer anderen Schwestern ziehen können. Alle hatten Katie eingeladen, bei ihnen zu wohnen, doch mit der Zeit schienen die Einladungen immer weniger von Herzen zu kommen.

Bei diesem Gedanken überkam Katie ein Gefühl der Scham. Alle wollten nur, dass sie glücklich war, und sie selbst spürte die Frustration ihrer Geschwister darüber, dass sie von Jahr zu Jahr launischer wurde. Was um alles in der Welt würde sie im kommenden Jahr tun?

Oh Gott. Eine sechste Saison würde sie nicht ertragen. Es gab –

„Da sind Sie ja! Ich habe Sie überall gesucht, Mylady.“ Eine massive Gestalt tauchte plötzlich auf dem schwach beleuchteten Weg auf und ragte vor ihr auf.

Beim Klang der fremden Stimme fuhr Katie zusammen und musste zweimal hinsehen, als sie realisierte, zu wem sie gehörte.

Es war der Duke of Dulverton, der schwer fassbare Zehn-Punkte-Kuss.