Kapitel 1
Zwei Wochen vor Weihnachten
Es war ein waghalsiger, unerhörter Plan, der zweifellos diesem Traum in der vergangenen Woche entsprungen war. Und wenn es nach Miss Callisto Elizabeth Middleton – genannt Callie – ging, musste er unbedingt in Erfüllung gehen. Ihre Mutter verdiente es, glücklich zu werden, und zwar mit einem Earl. Manche mochten das für unmöglich halten, doch Callies Vater hatte seiner Tochter immer wieder versichert, dass ihre großartigste Eigenschaft die Beharrlichkeit war, mit der sie Probleme anging. Und wegen dieser Eigenschaft, im Verein mit ihrem gewinnenden Lächeln, den goldbraunen Augen und ihrer umgänglichen, charmanten Art, war er davon überzeugt gewesen, dass die Herren sich bei ihrem Debüt um sie reißen würden.
Selbstverständlich war es nicht nach den Vorstellungen ihres lieben Papas gelaufen, doch ihre erfolglosen Saisons und die Tatsache, dass sie noch immer keinen Ehemann hatte, waren im Moment Callies geringste Sorge. Denn die galt ihrer Mutter, Viscountess Danby, der unglücklichsten Frau weit und breit. Doch Callie wusste genau, was ihre Mutter brauchte – einen treuen Verehrer.
Callie wurde das Herz schwer, doch sie verdrängte das Gefühl. Denn sie war zu der Überzeugung gelangt, dass es völlig in Ordnung wäre, wenn ihre Mutter nur fünf Jahre nach Papas Tod wieder heiratete. Ihre neuesten Pläne in dieser Richtung kamen von Papa, und wenn sie von ihm träumte, war es immer ein gutes Zeichen.
So hatte er ihr vor zwei Jahren im Traum dazu geraten, mit ihrer Mutter nach Gloucestershire zu ziehen, und als sie sich in der Gegend umsahen, waren sie auf das entzückende und dabei erschwingliche Cottage mit zehn Zimmern gestoßen, in dem sie jetzt wohnten. Dann, vor einem halben Jahr, hatte sie im Traum ihren Vater gesehen, wie er auf einer Wolke über einem bestimmten Waldgebiet in der Nähe schwebte. Als Callie am nächsten Tag dorthin ging, gelang es ihr, ein Kind vor dem Ertrinken im Fluss zu retten.
Und so war es ganz sicher ein Wink der Vorsehung, als sie im Traum ihren Vater erblickte, der auf einer Klippe stand und auf ihre Mutter hinablächelte, die lachend in den Armen ihres Nachbarn, des Earls of Deerwood, lag. Schon vor einigen Monaten war Callie aufgefallen, dass ihre Mutter eine Schwäche für den Mann hegte. Jedes Mal, wenn sie ihn sah, errötete die Viscountess wie eine Debütantin, und mehrfach war sie im Gespräch mit ihm ins Stottern geraten. Und das bei einer reifen Frau von zweiundvierzig Jahren!
Aber es war mehr als das … Der Earl brachte ihre Mutter zum Lachen. Er vertrieb die Schatten von Trauer und Melancholie, die sie seit dem Tod ihres Mannes umgaben, und schenkte ihr stattdessen Hoffnung und Zärtlichkeit. Sie war noch immer eine hinreißende Frau, schön und elegant, die mit ihrem hellblonden Haar und den strahlend grünen Augen wesentlich jünger wirkte. Callie war davon überzeugt, dass ihre Mutter eine Chance auf eine glückliche, liebevolle Ehe verdient hatte.
Dann hatte der Earl ihre ganze Familie zu einer Hausparty eingeladen, und nach einigem Zaudern ihrer Mutter waren sie am Tag zuvor schließlich eingetroffen und hatten sich sofort wie zu Hause gefühlt. Sohn und Tochter des Earls eingeschlossen waren mindestens dreißig Gäste anwesend.
„Ich muss sie zusammenbringen“, bemerkte Callie, während sie zierlich ein Stück Zitronenkuchen verspeiste.
„Wen denn?“, fragte Letitia, steckte sich einen Happen Torte in den Mund und kaute.
Callie warf einen finsteren Blick auf ihre Schwester, die sich mit Süßigkeiten vollstopfen und dabei so niedlich aussehen konnte. „Du solltest etwas damenhafter essen. Mamas Bemühungen, dir Manieren beizubringen, waren umsonst.“
Letty warf ihre schwarzen Locken zurück und verdrehte die Augen. „Wir sind doch unter uns, Callie.“
„Trotzdem –“
Letty wedelte ärgerlich mit der Hand. „Nichts trotzdem! Du willst mich nur ablenken. Wen musst du zusammenbringen?“
Callie blickte sich in dem geschmackvoll möblierten Privatsalon um. Sie wusste durchaus, dass sie beide alleine waren, aber eine Dame musste sich stets in Acht nehmen. Dieses Zimmer gehörte zu den wenigen, die nicht mit Stechpalmen- und Mistelzweigen dekoriert waren. „Ich habe die Absicht, Kupplerin zu spielen.“
„Sag bloß!“, rief Letty, und ihre hellbraunen Augen begannen zu funkeln. „Geht es um jemanden hier auf der Hausparty? Das wäre ein Spaß. Wir haben ja sonst nicht viel zu lachen. Leute verkuppeln ist viel interessanter, als über den nassen Rasen zu spazieren oder Gesellschaftsspiele zu spielen.“
„Ja, es betrifft einen der Anwesenden“, erwiderte Callie, die über Lettys Begeisterung lachen musste.
Letty nickte anerkennend. „Du bist ja viel mutiger, als ich dir zugetraut hätte. Ist es Vinnette, der du auf die Sprünge helfen willst? Sie ist unsterblich in Viscount Sherbrooke verliebt. Als ich mir gestern Abend ein Buch aus der Bibliothek holen wollte, sah ich, wie sie in sein Zimmer schlich. Und zwar im Nachthemd!“
Callie schnappte nach Luft und ließ die Gabel mit dem Bissen Kuchen darauf wieder auf den Teller sinken. „Also wirklich! Bist du da sicher, Letty?“ Vinnette war ebenfalls ihre Nachbarin und die Tochter des Gutsherrn Brampton, dem der zweitgrößte Landbesitz in der ganzen Gegend gehörte. In den zwei Jahren, seit Callies Familie dort wohnte, waren sie gute Freundinnen geworden.
Vor Callies innerem Auge erschien das Bild des atemberaubend gut aussehenden Viscount: pechschwarzes Haar, strahlend blaue Augen, scharf gemeißelte Wangenknochen und hochmütig, doch sinnlich geschweifte Lippen. Sie verspürte ein erschreckendes kleines Zucken in der Magengrube und kämpfte gegen die Hitze an, die ihr in die Wangen stieg. Dass sie Lord Deerwoods Sohn so anziehend fand, störte Callie gewaltig.
„Hat der Viscount sie … reingelassen?“, fragte sie vorsichtig, während sie über seine Absichten nachdachte. Der Viscount lebte nicht auf dem Landsitz seines Vaters, kam aber häufig zu Besuch. Vinnette hatte Callie nichts von der Verbindung zwischen den beiden erzählt. Ach, Vinnette, was hast du dir bloß dabei gedacht?
Ihre Schwester nickte; ihre Wangen waren hochrot. „Ich war äußerst schockiert über ein derartig schamloses Benehmen. Aber sie ist unsere Freundin, und nach dem, was vermutlich gestern Abend in seinem Zimmer vorgefallen ist, müssen wir die beiden unbedingt vor den Altar bringen.“
Callie räusperte sich. „Na ja, wir wissen doch, dass es geradezu der Zweck einer Hausparty ist, sich Ausschweifungen hinzugeben!“
Letty rümpfte die Nase. „Ich glaube kaum, dass Mama uns hierher mitgenommen hätte, wenn das wirklich so wäre. Und Seine Lordschaft hat so etwas bestimmt nicht im Sinn.“
Das war eine zutreffende Bemerkung, doch nachdem die Einladung eingetroffen war, hatte Callie ihre Mutter bekniet, an der jährlichen Weihnachts-Hausparty des Earls teilzunehmen. Vielleicht war ihre Mutter zunächst dagegen gewesen, weil man Hauspartys häufig mit Skandalen in Verbindung brachte, was Callies Wissen nach jedoch nicht für Lord Deerwoods Partys galt. Seine Countess hatte diese Tradition begründet, und er hatte sie nach ihrem Ableben vor mehr als zehn Jahren fortgeführt. Anscheinend hatten die Angehörigen damals am Heiligabend die Nachricht von ihrem Hinscheiden erhalten, während sie auf den Bericht des Arztes warteten.
Seitdem hatten der Earl und seine Tochter jedes Jahr zwei Wochen vor Weihnachten eine Hausparty veranstaltet, die bis zum Weihnachtstag dauerte und sich mit den Festen der Queen Victoria messen konnte. Trotz der winterlichen Kälte und gelegentlichen Schneefällen verbrachten die Gäste des Earls die zwei Wochen mit Jagden, Ausritten oder Gesellschaftsspielen im Haus. Abends gab es ein formelles Dinner, gefolgt von Hausmusik, improvisierten Tanzveranstaltungen, Scharaden und Whist- oder Billardpartien für die Männer, bei denen sie ungestraft rauchen durften.
Es wurde gemunkelt, der Earl wolle sich mit diesen Hauspartys von den schmerzvollen Erinnerungen ablenken, die für ihn mit der Weihnachtszeit verbunden waren. Und so machten sich diejenigen von den Eingeladenen, die keine Lust hatten, Weihnachten alleine oder mit einer unerträglichen Familie zu verbringen, oder die dem Earl Gesellschaft leisten wollten, auf den Weg zu seinem hochherrschaftlichen Landsitz.
„Es ist aber nicht Vinnette, die ich unter die Haube bringen möchte, auch wenn ich sie fragen werde, was sie eigentlich will“, sagte Callie.
Lettys Hand mit der Teetasse verharrte einige Zentimeter vor ihren Lippen. „Nicht Vinnette?“
„Nein.“
Letty krauste die Stirn, und ein Ausdruck von Argwohn trat auf ihre hübschen Züge. „Wen denn dann? Wir kennen doch kaum jemanden hier, und ich kann es immer noch nicht glauben, dass man uns eingeladen hat. Der Earl ist ein bekannter Mann, dem nur hochstehende Gäste willkommen sind. Ich glaube kaum, dass sich jemand aus der feinen Gesellschaft an uns erinnert, aber ich freue mich trotzdem, dass wir dieses Jahr dabei sein dürfen.“
„Es geht um Mama“, raunte Callie, die Finger krampfhaft um ihre Teetasse geschlossen.
Letty erstarrte, dann legte sie die Kuchengabel auf ihren Teller und wischte sich die Krümel vom Mund. „Unsere Mama?“
„Ja“, antwortete Callie und erwiderte den erschrockenen Blick ihrer Schwester. „Ich glaube, sie ist in Lord Deerwood verliebt.“
Letty wirkte wie betäubt. „Aber man sagt, er sei ziemlich arrogant und lege großen Wert auf Sitte und Anstand.“
„Als er uns gestern willkommen hieß, machte er nicht diesen Eindruck.“ Der Earl hatte eher nervös gewirkt, und während er die anderen Gäste begrüßte, waren seine Blicke immer wieder verstohlen zu ihrer errötenden Mutter hinübergehuscht. Auch beim Abendessen widmete er ihrer Mutter viel Aufmerksamkeit, was sie ein wenig in Verlegenheit zu bringen schien.
„Aber wir kennen ihn doch kaum!“
„Genau, Letty“, erwiderte Callie und unterstrich ihre Worte mit einer knappen Handbewegung. „Und deshalb sollten wir dem Gerede über den Earl keinen Glauben schenken. Auf Mamas Urteilsvermögen können wir uns dagegen verlassen. Sie würde ihn wohl kaum bewundern, wenn er wirklich so hochnäsig und eingebildet wäre, wie man ihm nachsagt.“
Letty seufzte. „Aber er ist ein Mann in der Blüte seines Lebens und gilt als hervorragende Partie. Mit seinen siebenundvierzig Jahren sieht er immer noch umwerfend aus. Warum sollte er sich ausgerechnet unsere Mutter aussuchen? Ich glaube eher, hier geht dein Ehrgeiz mit dir durch, Callie!“
Callie stand auf und ging zu den deckenhohen Fenstern hinüber, von denen man einen Teil des Anwesens überblicken konnte. Die dünne Schneeschicht, die in diesem Jahr gefallen war, taute bereits wieder, und trotz der kühlen Witterung tummelten sich die Gäste des Earls im Freien.
Dick vermummt spielten einige von ihnen Krocket auf dem vom Schnee befreiten Rasen, während andere sich gut gelaunt mit Bogenschießen die Zeit vertrieben und bei jedem Treffer oder Fehlschuss der Mitspieler lachten. In einiger Entfernung entdeckte sie ein paar Leute, die auf dem eisfreien See ruderten. Obwohl es noch einige Tage bis zum Fest waren, lagen rund um den Landsitz des Earls Weihnachtsduft und Fröhlichkeit in der Luft, und es schien, als sei jedes Zimmer mit Efeugirlanden, Tannenzapfen und von bunten Satinschleifen gehaltenen Mistelzweigen dekoriert. Frisch geschnittene rote und weiße Rosen, zu dieser Jahreszeit offensichtlich im Treibhaus gezogen, waren zu kunstvollen Gestecken arrangiert, und am Abend schimmerten die Gartenanlagen, der umgebende Park mit seinen Schneeresten und der See im verzauberten Licht hunderter Kerzen, die in kunstvollen Laternen brannten.
„Jetzt ist eine Zeit der Hoffnung“, sagte sie und schaute zu ihrer Mutter hinüber, die mit einem Buch in der Hand in einer Laube beim Rosengarten saß. Hin und wieder warf sie einen verstohlenen Blick zu dem besagten Earl hinüber, der mit einer Dame am Ufer des Sees entlangspazierte. Es war schmerzlich und fast ein wenig peinlich zu beobachten, wie angetan ihre Mutter vom Earl zu sein schien.
Lord Deerwood hingegen wirkte unnahbar, wie er so mit der lebhaften Miss Penelope Barrows dahinschlenderte. Die Dame war achtundzwanzig, und erst am Tag zuvor hatte Callie sie sagen hören, dass sie bis in einem Jahr verheiratet sein wollte. Anscheinend hatte Miss Barrows vor, sich den Earl zu angeln. Wie er dazu stand, konnte Callie nicht sagen. Er schien seiner Begleiterin höflich zuzuhören, war jedoch darauf bedacht, nicht zu dicht neben ihr zu gehen. Im Grunde genommen wirkte er recht gleichgültig.
„Mama hat einem solchen Mann nicht sehr viel zu bieten“, bemerkte Letty, die neben ihre Schwester getreten war. „Ich weiß nicht, wie du überhaupt auf die Idee gekommen bist.“
„Mama ist die Tochter eines Barons und war mit einem Viscount verheiratet. Wir mögen ja nicht reich sein, verfügen aber über gute Beziehungen.“
Letty nagte an ihrer Unterlippe. „Trotzdem, Lord Deerwood ist –“
„Oh!“, rief Callie ganz aufgeregt. „Sieh mal den Earl, Letty!“
Ihre Schwester spähte hinaus und sagte verwundert: „Er starrt doch tatsächlich Mama an, wenn er sich unbeobachtet glaubt. Ach, Callie, mir scheint tatsächlich, er mag sie auch!“
Auf dem Gesicht des Earls spiegelte sich eine große Sehnsucht, was in Callie unbekannte Gefühle auslöste. Sie presste die Hand gegen die kalte Fensterscheibe, hinter der ein paar kleine Schneeflocken tanzten, bevor sie auf den dichten grünen Rasen hinabsanken, wo ein großer Pfau seine leuchtend bunten Schwanzfedern zur Schau stellte.
„Ich möchte sogar behaupten, er verehrt Mama leidenschaftlich“, antwortete Callie, urplötzlich von einem heftigen Verlangen erfüllt. Wie oft hatte sie sich schon gefragt, wie es wäre, von einem Mann umworben zu werden, der ihr Blumen schickte, lange Spaziergänge im Park mit ihr unternahm und ihr hingerissen lauschte, während sie ihm auf einer Bank sitzend aus einem Buch vorlas. Sie war vierundzwanzig und hatte noch nie derartige Freuden erlebt. Wie fühlte es sich an, mit einem Verehrer Walzer zu tanzen und von ihm geküsst zu werden? Sie schloss die Augen und schob diese Träume beiseite, die angesichts der bedrängten Umstände, in denen ihre Familie seit fünf Jahren lebte, ohnehin nie in Erfüllung gehen würden.
Ihre Mutter ließ ihr Buch sinken und blickte zum Earl hinüber, der rasch wegschaute. Lettys Kichern war so ansteckend, dass Callie lächeln musste.
„Die stellen sich vielleicht albern an!“, rief ihre Schwester. „Was können wir nur tun?“
„Sie brauchen einen kleinen Schubs.“
„Und wie machen wir das?“
„Vielleicht mit einigen sorgfältig platzierten Botschaften und ein paar Mistelzweigen.“
Sie sahen sich an und mussten beide lachen.
„Ach, Callie, das wäre ziemlich leichtsinnig von uns. Und frech und ungehörig noch dazu.“
Genau in diesem Augenblick rutschte Miss Barrows aus und stürzte mit einem Schrei zu Boden. Der Earl reagierte sofort, hob sie auf seine Arme und trug sie zum Haupteingang.
„Dieses raffinierte Biest!“, rief Letty. „Sie hat sich den Knöchel überhaupt nicht verstaucht, sondern nur so getan, damit der Earl sie in die Arme nimmt.“
„Glaubst du mir jetzt, dass Mama unsere Hilfe braucht?“, erwiderte Callie. Beim Anblick der gequälten Miene ihrer Mutter hatte sie plötzlich einen Kloß im Hals. „Wirst du mir dabei helfen?“
Letty atmete tief durch. Sie war schon immer die zurückhaltendere der beiden Schwestern gewesen und kam in Temperament und Aussehen eher nach ihrer Mutter. Besonders in Gegenwart anderer war sie sanft, freundlich und bescheiden. Callie hingegen war schon immer „furchtbar unschicklich und viel zu sehr wie dein Papa“ gewesen, wie ihre Mutter zu sagen pflegte.
„Ja!“, sagte Letty.
Gefolgt von ihrer Schwester eilte Callie aus dem Salon und durch den langen Korridor, froh darüber, dass ihnen keiner von den Gästen begegnete. Der Duft nach Zitronenpolitur und Tannenzapfen hing schwer in der Luft, und weiter weg im Musikzimmer spielte jemand eine muntere Weise.
„Ich werde jetzt jeweils eine Botschaft für Mama und den Earl schreiben. Sorge dafür, dass sie mit äußerster Diskretion überbracht werden, Letty.“
„Das werde ich“, versprach ihre Schwester.
Callie rannte die Treppe hinauf in das Zimmer, das sie mit Letty teilte. Dort ließ sie sich vor dem kleinen Sekretär nieder, holte ein Blatt Papier aus der Schublade und tunkte die Feder in das Tintenfass.
Lieber Lord Deerwood,
schon seit langem schätze ich Sie als einen Mann von liebenswürdigem, freundlichem und hingebungsvollem Wesen. Ich habe mir oft ausgemalt, wie wir beide am See entlangspazieren und dabei tiefschürfende Gespräche über unsere jeweiligen Vorlieben und Abneigungen führen. Während im Salon Scharaden, Whistpartien und Musik für ausgelassenes Vergnügen sorgen, könnten wir uns vielleicht heute Abend nach dem Dinner im Gewächshaus treffen. Ich werde um halb zehn auf Sie warten und hoffe sehr, Sie dort zu sehen.
Eine von aufrichtiger Zuneigung erfüllte Dame
Kapitel 2
Stumm und verwundert schaute Graham George Wynter, Viscount Sherbrooke, seinen Vater, den Earl of Deerwood, an. Dessen Gesicht erschien deutlich gerötet, und die Art, wie er sich immer wieder mit den Fingern durch den schwarzen Schopf fuhr und mit der Hand auf die Brusttasche seiner Jacke klopfte, verriet, wie aufgewühlt er war. Graham streckte die Beine aus, ließ sich noch tiefer in die Polster seines Sessels sinken und trank genießerisch einen Schluck Brandy.
Bis vor wenigen Tagen hatte er sich auf ihrem neu erworbenen Landgut in Hampshire aufgehalten, das sie dem bankrotten Vorbesitzer abgekauft hatten. Graham war gerade damit beschäftigt gewesen, mit den Architekten die Renovierungsarbeiten zu besprechen, als ihm ein Brief seines Vaters überbracht wurde, der ihn sehr verwirrte. Einige Passagen darin beunruhigten ihn besonders, obwohl er normalerweise nicht zu überschwänglichen Gefühlen neigte.
„Ich habe die wunderbarste Frau kennengelernt, und ich glaube, es wird Zeit, dass ich wieder heirate. Wenn ich nur wüsste, ob sie sich wirklich für mich interessiert.
Sicherheitshalber habe ich schon mal eine Heiratslizenz besorgt, auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, dass sie mich haben will.
Jedenfalls habe ich auch Lady Danby und ihre charmanten Töchter zu unserer Weihnachtsparty, die in wenigen Tagen stattfindet, eingeladen.“
Diese Sätze gingen dem jungen Viscount in den folgenden Tagen nicht aus dem Kopf, während er so schnell nach Hause ritt, wie es die Straßenverhältnisse zuließen, und in Wirtshäusern übernachtete. Als er bei seinem Vater ankam, war die Hausparty schon in vollem Gange.
Was ihn an dem rasch hingekritzelten Brief besonders beunruhigte, war die Tatsache, dass sein Vater die Absicht hatte, eine Dame zu heiraten, die vielleicht gar nichts von ihm wissen wollte. Sein Vater war ein Mensch, der sich leicht verliebte. Mit finsterer Miene erinnerte sich Graham an das letzte Fiasko und den Skandal, der daraus erwachsen war.
Nur wenige Wochen, nachdem er eine gewisse Lady Wilma Prescott – eine wegen ihrer Schönheit gefeierte Gesellschaftsdame – kennengelernt hatte, hatte sein Vater erklärt, unsterblich in die Dame verliebt zu sein, und ihr einen Heiratsantrag gemacht. Die Frau, die zwanzig Jahre jünger als er war, hatte freudig eingewilligt. Doch dann besaß sie die Dreistigkeit, in Grahams Bett zu schlüpfen, fest entschlossen, sich in eine stürmische Affäre mit ihm zu stürzen, die sie auch während der Ehe mit seinem Vater fortzusetzen gedachte.
Graham warf sie aus seinem Zimmer und drohte ihr an, sie zu ruinieren, sollte sie jemals wieder versuchen, seinen Vater zu umgarnen. Unter Tränen bat sie ihn um Verzeihung, doch Graham war nicht bereit, Stillschweigen über die Angelegenheit zu bewahren, denn seit dem Tod seiner Mutter hatte er es zu oft erlebt, dass Frauen sich wegen des Vermögens und Titels des Earls an seinen Vater herangemacht hatten. Doch diese Dame war mit Abstand die Schlimmste gewesen. Graham hatte also seinen Vater über die Falschheit der Lady aufgeklärt, worauf der sich in sein Schneckenhaus zurückgezogen hatte, zumindest jedoch nicht, ohne Lady Wilma zu zwingen, die Verlobung offiziell zu lösen. Das war nun zweieinhalb Jahre her, und der Brief seines Vaters war seither das erste Zeichen, dass der Earl wieder offen für eine Liebesbeziehung war.
„Vater“, sagte Graham mit sorgsam beherrschter Stimme und reichte ihm den Brief, „du bist ja ganz durcheinander.“
Der Earl warf einen Blick darauf, faltete das Schreiben zusammen und blickte seinen Sohn an. „Ich habe nicht von dir erwartet, dass du bei diesem Wetter nach Hause kommst. Schließlich weiß ich, wie wenig du von Hauspartys und dergleichen hältst.“
„Wir haben Weihnachten doch immer zusammen verbracht“, erwiderte Graham.
Sein Vater, ein gut aussehender Mann in den besten Jahren, lächelte. „Das stimmt, meine Junge, aber ich habe trotzdem damit gerechnet, dass du absagst.“
Graham nahm noch einen Schluck Brandy. „Angesichts deines Briefes hielt ich es für besser zu kommen.“
Sein Vater blickte ihn forschend und nachdenklich an. „Du kennst doch unsere Nachbarinnen, Lady Danby und ihre beiden Töchter, oder?“
Graham erinnerte sich vage an zwei strahlend braune Augen und einen von Grübchen eingefassten lächelnden Mund. Ach ja, bei einem Spaziergang im Wald an der Grenze zwischen ihren Ländereien war er vor ein paar Monaten auf Miss Callie gestoßen, die auf einer Bank saß und ein Buch las. Obwohl sie nur ein schlichtes weißes, mit gelben Borten besetztes Tageskleid trug, war ihm aufgefallen, wie hübsch sie aussah. Er hatte sie unbemerkt einige Minuten lang beobachtet, ganz entzückt vom Wechselspiel ihrer Mimik beim Lesen. Mit jeder neuen Seite änderte sich ihr Ausdruck. So runzelte sie offensichtlich irritiert die Stirn, biss sich vor Aufregung auf die Lippe und lächelte schließlich zufrieden. Einmal presste sie sogar das Buch mit einem kleinen Aufschrei an die Brust und seufzte selig, wie es schien. Für Graham war der Anblick belustigend und zauberhaft zugleich gewesen.
Plötzlich hatte die junge Dame aufgeblickt, und ihre schönen, ausdrucksvollen Augen schlugen ihn sofort in ihren Bann. Offensichtlich hatte sie ihn erst jetzt bemerkt. Sie stand auf und machte einen Knicks, worauf er sich höflich an den Hut tippte und weiterging. Als er noch einmal zurückblickte, stand sie noch immer da und schaute ihm erstaunt und sinnend nach. Seitdem waren sie sich noch ein paarmal im Dorf begegnet, aber er hatte darauf verzichtet, sich ihr vorzustellen.
„Du meinst die verwitwete Viscountess?“
Eine leichte Röte überzog die Wangen seines Vaters, der ins Feuer starrte. „Eine äußerst … angenehme Frau und so liebenswürdig, wie man sich nur denken kann. Freundlich und zurückhaltend und wunderschön.“
Er klang so verzückt, dass Graham sich kerzengerade in seinem Ohrensessel aufrichtete. „Verstehe. Und ist sie es, die du eventuell … zu deiner Countess zu machen gedenkst?“
Sein Vater seufzte. „Ich nehme an, du hältst mich für einen verliebten Narren.“
Graham wand sich vor Verlegenheit, denn das waren genau die Worte gewesen, die er vor einigen Jahren seinem Vater an den Kopf geworfen hatte, als der die Absicht äußerte, um Lady Fairclouth anzuhalten. Graham konnte einfach nicht begreifen, wie sein Vater sich innerhalb von zehn Jahren in mindestens drei Frauen so sehr verlieben konnte, dass er sie heiraten wollte. Es kam ihm reichlich wankelmütig vor. Bei jeder neuen Frau berichtete der Earl seinen Kindern von seinen Absichten und erklärte ihnen seine Beweggründe. Und nach jeder gescheiterten Verlobung machte er sich von Neuem auf die Suche. Sein ganzes Sehnen und Trachten schien auf eine Heirat gerichtet zu sein.
Das konnte Graham nicht verstehen; schließlich hatte sein Vater bereits einen Erben und eine geliebte Tochter. Warum also sollte er in seinem Alter noch einmal heiraten? Dann ging ihm plötzlich auf, dass sein Vater einsam war und sich mehr wünschte als eine Geliebte, die sein Bett wärmte. Die Erkenntnis war ein solcher Schock gewesen, dass Graham wochenlang beunruhigt war und sich entschloss, den Vergnügungen in der Stadt den Rücken zu kehren und mehr Zeit mit seinem Vater zu verbringen. So war er während der vergangenen Monate häufig an der Seite seines Vaters gewesen, um die Verwaltung ihrer Güter zu lernen und den Earl bei den Vorbereitungen für die Parlamentseröffnung zu unterstützen. In letzter Zeit hatte er den Großteil der Pflichten, die mit einem Earlstitel verbunden waren, übernommen, sodass sein Vater sich mehr Ruhe gönnen und dabei sicher sein konnte, dass alles seinen geregelten Gang gehen würde, wenn Graham einmal sein Erbe antrat.
Doch er spürte noch immer, dass sein Vater mit seinem Leben unzufrieden war. „Ich halte dich nicht für einen Narren, Vater … Du bist nur auf der Suche nach etwas. Und ich wünsche dir, dass du es findest.“
Ein Lächeln erleuchtete das Gesicht des Earls. „Ich glaube, ich habe es schon gefunden.“
„Tatsächlich?“
Die Züge seines Vaters wurden noch sanfter. „Ja! Sie ist einfach wunderbar, und, wie ich glaube, die Richtige für mich.“
Graham verzog das Gesicht. „Das hast du in der Vergangenheit schon mindestens zweimal behauptet.“
Als er sah, wie sein Vater zusammenzuckte, bereute Graham seine Worte sofort. Er sprang auf und ging zu ihm hinüber. „Das war taktlos von mir, Vater …“
Mit erhobener Hand schnitt der Earl ihm das Wort ab. „Nein. Dieses Mal …“ Er atmete tief durch. „Dieses Mal ist es wie damals bei deiner Mutter. Vielleicht sogar noch intensiver.“
Schuldbewusstsein und ein anderer, schwer zu deutender Ausdruck standen in den blauen Augen des Earls. Grahams verkrampfter Griff um sein Glas lockerte sich. Noch nie zuvor hatte sein Vater eine Frau, der er den Hof machte, mit Grahams Mutter, seiner großen Liebe, verglichen, und Graham wusste nicht recht, was er davon halten sollte. „Ich verstehe“, sagte er nur.
Sein Vater räusperte sich. „Ich hätte gerne, dass du und Emma etwas Zeit mit Amelia … Lady Danby verbringt.“
Graham war perplex. Sie sollten der Viscountess Gesellschaft leisten? So etwas hatte sein Vater noch nie von ihnen erwartet. „Brauchst du denn unser Einverständnis, Vater?“
Die Stirn des Earls krauste sich ein wenig. „Nein, aber ich würde es schätzen, die Meinung meiner Kinder zu hören. Denn wenn es … klappt, wäre sie auch ein Teil von eurem Leben.“
Nach kurzem Zögern fügte er hinzu: „Ich habe heute Morgen übrigens eine anonyme Nachricht erhalten. Jemand muss sie mir heimlich in die Tasche gesteckt haben.“ Er griff in seine Brusttasche, zog das Blatt hervor und reichte es Graham. Der überflog die Zeilen, in denen der Earl in eleganter Schrift um ein heimliches Rendezvous in weniger als einer Stunde im Gewächshaus gebeten wurde. Eine Unterschrift fehlte tatsächlich. Diese Heimlichtuerei ärgerte Graham. Warum störte sich sein Vater nicht ebenso daran?
Wer konnte das bloß geschrieben haben?
„Auf einer Hausparty sind solche Tricks wohl kaum nötig“, bemerkte Graham ungehalten. „Du musst doch eine Ahnung haben, wer sich mit dir treffen will.“
Der Earl überlegte. „Ich war richtig erschrocken, als ich den Zettel fand, zumal ich nicht weiß, ob er wirklich von der erhofften Person stammt.“
„Du hoffst, dass Lady Danby ihn geschrieben hat?“, fragte sein Sohn.
„Ja“, gab sein Vater seufzend zu. „Denn dann wüsste ich genau, dass sie mehr für mich empfindet als nur Freundschaft oder nachbarliche Sympathie.“
„Traust du es ihr zu, eine solche Nachricht zu schicken?“ Die Botschaft klang harmlos genug, konnte jedoch durchaus von einer der anwesenden Damen stammen, die sich den Earl angeln wollte. Immerhin wäre sein Vater schon zweimal fast einer unmoralischen, berechnenden Frau auf den Leim gegangen.
Nervös zupfte sein Vater an seinem Halstuch. „Eigentlich ist sie eher schüchtern, taut im Gespräch aber rasch auf. Dann kommen ihr gutherziger Charme und ihre Lebensfreude zum Vorschein – auch wenn sie schnell rot wird“, antwortete er lächelnd. „Lady Danby errötet ganz reizend, wenn ich sie zu lange ansehe oder ihr ein aufrichtiges Kompliment mache. Ich weiß wirklich nicht, ob sie es fertigbrächte, so eine Nachricht zu schreiben.“
Es klang, als hoffte er, die Lady hätte sich tatsächlich dazu durchgerungen.
„Warum fragst du die Viscountess nicht einfach, was sie für dich empfindet?“, schlug Graham vor. „Sie ist ja keine scheue Debütantin mehr, sondern eine vernünftige, reife Frau, die bei einer solchen Frage wohl kaum die Flucht ergreifen wird.“
An der Wange seines Vaters begann ein Muskel zu zucken. „Das habe ich versucht“, erwiderte er in schroffem Ton. „Sie hat ihren Mann sehr geliebt und ihn erst vor fünf Jahren verloren. Immer wenn wir uns unterhalten, schafft sie es, das Gespräch auf ihn zu bringen. Diese Treue finde ich zwar bewundernswert, aber ich fürchte fast, daran könnten meine Bemühungen um sie scheitern.“
Graham erinnerte sich an die Gerüchte, die die Ankunft der Viscountess in Gloucestershire begleitet hatten. Sie besaß kein nennenswertes Vermögen, und ihr Witwenteil reichte gerade so aus, um mit ihren Töchtern ein einigermaßen standesgemäßes Leben zu führen. Die Einführung in die Gesellschaft vor einigen Jahren hatte ihrer ältesten Tochter weder nützliche Beziehungen noch einen Ehemann eingebracht, und das jüngere Mädchen hatte noch keine Saison in London erlebt. Mittlerweile bestand kaum noch Hoffnung, dass die beiden angemessene Ehepartner finden würden.
Umso verzweifelter musste die Dame darauf bedacht sein, in eine einflussreiche Familie einzuheiraten. Dabei käme der Earl als Ehemann sowohl für sie als auch für eine ihre Töchter in Betracht.
Graham las noch einmal die Nachricht, in der sein Vater um ein Stelldichein im Gewächshaus gebeten wurde. Wie weit würde die verwitwete Viscountess gehen?
„Wenn du es herausfinden willst, musst du hingehen, Vater. Aber hüte dich vor möglichen Listen der Dame.“
Sein Vater seufzte. „Das werde ich. Und wenn es sich nicht um Amelia handelt, werde ich mich höflich empfehlen und hoffen, dass mich niemand gesehen hat.“
Sobald sie wussten, von wem die Nachricht kam, würde Graham die betreffende Person im Auge behalten, damit sie während der Party nicht noch mehr Unruhe stiften konnte. War sein Vater womöglich in Gefahr, in eine Falle zu laufen, aus der er nur schwer wieder entkommen konnte?
Ich will verdammt sein, wenn ich das zulasse!