Leseprobe Desired by the Mafia Boss | Eine spicy Dark Mafia Romance

Kapitel 1

Nigel

Das Telefon klingelte, und ich stutzte kurz, als ich den Namen im Display sah. Vito Bianchi rief mich für gewöhnlich nicht an, was mich direkt in Alarmbereitschaft versetzte, denn ich hatte eine grobe Vorstellung, um was es gehen könnte. Zu Weihnachten hatte seine Tochter Francesca meine Familie mit einer Waffe bedroht und damit einen Aufstieg ihres Vaters in unseren Kreisen erzwingen wollen. Dumm nur, dass Vito keinerlei Interesse daran hatte, die Familia zu führen.

Diese Erkenntnis traf die junge Frau hart, denn eigentlich war es ihr bei der ganzen Aktion nur darum gegangen, endlich von ihm beachtet zu werden. Genau das hatte ich ihm auch versucht klarzumachen, als ich sie bei ihm ablieferte. Seither hatte ich von ihm nichts mehr gehört.

Francesca hingegen war in den vergangenen Wochen regelmäßig im Burning Phoenix aufgetaucht und verließ den Club jeden Abend mit einem anderen Mann. Ein Verhalten, das mich schier in den Wahnsinn trieb. Sie war viel zu jung, um die Folgen ihres Handelns und auch die Gefahr, in die sie sich dadurch begab, abschätzen zu können.

Möglicherweise war das der Grund, warum Vito mich anrief, also hob ich ab.

»Vito, wie komme ich zu der Ehre?«, begrüßte ich ihn.

»Hallo, Nigel. Ich habe eine Bitte an dich.«

Wenigstens kam er direkt auf den Punkt. Eine sehr angenehme Angewohnheit.

»Was kann ich für dich tun?«

»Erinnerst du dich an unser Gespräch im Dezember? Damals hast du mir angeboten, auf Francesca aufzupassen. Würdest du das immer noch tun?«, wollte er ernst wissen.

Ich konnte mir ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen, denn er konnte ja nicht wissen, dass ich bereits seit diesem Tag ein Auge auf sie hatte.

»Selbstverständlich«, versicherte ich ihm. »Verrätst du mir auch, warum?«

»Ich fürchte, meine Kleine hat kein Ziel vor Augen. Sie hat ihr Studium abgebrochen und feiert die Nächte durch. Ich mache mir ernsthaft Sorgen um sie«, erklärte er, und insgeheim musste ich ihm Recht geben.

Francesca hatte sich zu einem Partygirl entwickelt. Etwas, das eigentlich gar nicht zu der klugen jungen Frau passte, die ich von früher kannte. Weshalb ich mir sicher war, dass dies nur ein weiterer Versuch war, sich gegen ihren Vater aufzulehnen.

»Darf ich daraus schließen, dass euer Verhältnis nach wie vor eher schwierig ist?«, hakte ich nach, um ein vollständiges Bild der Lage zu bekommen, denn immerhin sah ich nur, wie Francesca sich im Club verhielt, was mir schon Bauchschmerzen verursachte.

»Eigentlich war alles gut, bis ich vor ein paar Wochen ihre Zukunft besprechen wollte. Es ist keine Option, dass sie die Nächte durchfeiert, tagsüber schläft und ihre Talente verschwendet. Deswegen habe ich sie vor die Wahl gestellt. Entweder sie geht wieder zur Uni, wobei ich ihr sogar Oxford als Möglichkeit aufgezeigt habe, oder ich werde einen Ehemann für sie suchen. Seither bekomme ich sie kaum noch zu Gesicht und ich bin mir sicher, dass sie etwas im Schilde führt«, sagte er.

»Sag mir bitte, dass du das nicht wirklich so mit ihr besprochen hast«, seufzte ich. »Vito, alles, was Francesca will, ist deine Anerkennung und Liebe. Ich vermute stark, bei ihr kam das so an, als würdest du sie so bald wie möglich loswerden wollen.«

»Das ist doch Unsinn. Ich liebe meine kleine Prinzessin über alles, aber so wie in den vergangenen Monaten kann es nicht weitergehen. Sie weigert sich, ihre Bodyguards mitzunehmen, wenn sie nachts weg ist.«

Das hatte ich mir bereits gedacht. »Vito, du hast sie die ganzen Jahre von allem ferngehalten und in Watte gepackt. Francesca hat keine Ahnung, in welche Gefahr sie sich da draußen begibt.«

»Genau das ist ja mein Problem, und ich habe keinen Schimmer, wie ich ihr das begreiflich machen soll«, murmelte er.

»Also hast du dir gedacht, ich könnte mich ihrer annehmen. Und was dann? Soll ich sie für ihr Verhalten übers Knie legen, oder was schwebt dir vor?«, scherzte ich.

»Das wäre vielleicht nötig«, entgegnete er und zu meiner Überraschung verursachte der Gedanke, diesem kleinen Biest den Hintern zu versohlen, ein deutliches Ziehen in meiner Leiste. »Um ehrlich zu sein wäre es mir am liebsten, du würdest sie heiraten.«

Ich musste mich verhört haben. »Ist das dein Ernst?«

»Die Idee stammt von deinem Vater«, versuchte er sich zu erklären.

»Bitte was?«

Wie zur Hölle kam Dad nur auf diesen Gedanken? Nur weil mein kleiner Bruder sich gerade verlobt hatte, musste ich ihm das doch nicht gleich nachmachen. Ich war mit meinem Singledasein sehr glücklich. Es gab niemanden, vor dem ich mich rechtfertigen musste, ich konnte mich sexuell meinen Vorlieben entsprechend ausleben und lieferte unseren Feinden auch kein Druckmittel frei Haus.

»Denk wenigstens in Ruhe darüber nach. Ich weiß, dass meine Tochter dich gern hat. Liebe kann mit der Zeit wachsen. Ich glaube wirklich, es wäre die optimale Lösung. Aber ich verstehe natürlich auch, wenn du das nicht möchtest. Immerhin weißt du, wie impulsiv Francesca sein kann. Das Wichtigste wäre mir, dass du sie im Auge behältst, damit sie keine Dummheiten macht.«

Ich zwang mich, tief durchzuatmen und den Anflug von Zorn hinunterzuschlucken, ehe ich ihm antwortete. »Ich schaue, was ich machen kann.«

»Danke.«

Nachdem wir uns verabschiedet hatten, lehnte ich mich erschöpft in meinem Schreibtischstuhl nach hinten und massierte meine Nasenwurzel. Mein Onkel Elias hatte mir schon kurz nach dem Weihnachtsfest prophezeit, dass diese ganze Sache mit Francesca noch einen Rattenschwanz nach sich ziehen würde, und ich hasste es, dass er mal wieder recht hatte.

Eigentlich sollte ich jetzt ein ernstes Gespräch mit meinem Vater führen. Das musste leider noch warten, denn ich war bereits spät dran. Ich hatte das gesamte Team früher einbestellt. In den vergangenen Wochen war es sehr regelmäßig zu Diebstählen gekommen. Einer der Geschädigten war unser Mann bei der Polizei.

Grundsätzlich hätte er sich selbst darum gekümmert. Leider war ihm offenbar nicht nur Geld entwendet worden, sondern auch ein Stick mit empfindlichen Daten darauf, die er mir übergeben wollte. Sollten diese in die falschen Hände geraten sein, war es nur eine Frage der Zeit, bis wir alle mächtig in der Scheiße sitzen würden.

Diese Situation hatte somit absolute Priorität. Anschließend konnte ich mich immer noch um Francesca kümmern. Ich war mir ohnehin ziemlich sicher, dass sie heute Abend auftauchen würde, immerhin war Freitag.

Eine halbe Stunde später betrat ich das Burning Phoenix, wo ich bereits von Julian und Jackson erwartet wurde, die in ein sehr ernstes Gespräch vertieft waren.

»Nigel, da bist du ja«, rief mein Bruder erleichtert aus und man sah ihm deutlich an, wie froh er war, nicht länger mit dem Cop allein zu sein.

Verständlich, denn ich wusste nur zu gut, dass er Jackson auf den Tod nicht ausstehen konnte. Der korrupte Polizist war ein arrogantes Arschloch, aber er beschaffte uns Informationen, an die wir ohne ihn niemals herangekommen wären, und ließ auch gern mal Beweise verschwinden. Dennoch waren sich die beiden Männer nicht grün, weshalb ich mich umgehend zu ihnen gesellte, um als eine Art Puffer zu fungieren.

»Entschuldigt, ich hatte noch ein unerwartetes Gespräch mit Vito Bianchi«, erklärte ich meine Verspätung. »Aber das ist jetzt nicht das Thema. Wir haben erst einmal ganz andere Probleme. Jackson, ich danke dir, dass du gekommen bist, damit wir eventuell rekonstruieren können, wer hinter den Diebstählen steckt.«

»Das liegt ja auch in meinem Interesse«, entgegnete er und folgte mir zu einem der Tische.

»Wann genau ist dir der Stick entwendet worden?«, wollte ich wissen, denn ich war mir nicht mehr zu einhundert Prozent sicher, wann er zuletzt hier gewesen war.

Immerhin war das hier eigentlich Julians Club. Ich hatte die Leitung nur für einige Wochen übernommen, während er sich um seine Verlobte gekümmert hatte. Dabei hatten wir festgestellt, dass wir ein verdammt gutes Team abgaben, da unsere Stärken sich wunderbar ergänzten. Also hatte ich dauerhaft einige Aufgaben übernommen und war seither auch finanziell mit eingestiegen. Wir überlegten sogar ernsthaft, einen weiteren Club zu eröffnen.

»Ich war vergangenen Samstag hier, um mir mein Geld abzuholen«, beantwortete Jackson meine Frage.

»Was du ja auch getan hast«, warf Julian ein, woraufhin der Cop das Gesicht verzog.

»Tja, hätte ich geahnt, dass hier ein Dieb unterwegs ist, hätte ich im Anschluss sicher keinen Drink mehr an der Bar genommen«, knurrte er.

»Wer hat Samstag gearbeitet?«, wollte ich von Julian wissen, der umgehend sein Smartphone zückte und den Dienstplan aufrief.

»Ich schicke dir die Liste«, sagte er und schon erklang der Ton einer eingegangenen Nachricht.

»Wie steht es mit den Aufnahmen der Überwachungskameras?«, hakte ich weiter nach.

»Die werden nach einem Monat gelöscht, was bedeutet, ich kann die Firma anrufen und sie mir schicken lassen«, bemerkte Julian und war schon auf den Beinen. »Ich kümmere mich sofort darum.«

»Gut, kannst du dich an irgendjemanden erinnern, der dir nah genug gekommen ist, um dich zu bestehlen?«, wandte ich mich wieder an Jackson.

»Ich habe mich mit einigen Ladys unterhalten, aber keine von ihnen ist mir zu nah gekommen«, entgegnete er. »Warte mal, als ich gegangen bin, ist mir eine umwerfende zierliche Brünette in die Arme gelaufen.«

»Eine zierliche Brünette?«, hakte ich nach. »Das grenzt die Möglichkeiten zumindest ein wenig ein. Wo genau ist es zu diesem Zusammenstoß gekommen?«

»Vor der Garderobe.« Er warf einen kurzen Blick auf seine Armbanduhr. »Ich muss jetzt los, ich habe heute die Spätschicht. Meldest du dich, wenn du was gefunden hast?«

»Natürlich.«

Während ich mit den Angestellten sprach, hatte Julian sich die Aufnahmen der Überwachungskameras angesehen. Leider brachten mich die Gespräche kein Stück weiter, weshalb ich ziemlich genervt das Büro betrat.

»Sag mir bitte, dass du was gefunden hast«, murmelte ich, während ich mir einen Drink einschenkte.

»Zufälligerweise habe ich das, aber es wird dir nicht gefallen.«

Ich trat hinter ihn und sah mir an, was er entdeckt hatte. Leider sollte er recht behalten. Das, was ich da zu sehen bekam, gefiel mir ganz und gar nicht. Die Kamera hatte astrein festgehalten, wie Jackson den Club verlassen wollte, und dabei mit Francesca Bianchi zusammenstieß. Die junge Frau trug eine dieser riesigen Handtaschen, und wenn ich mich nicht sehr täuschte, hatte sie in dem Moment, als der Cop sie an den Schultern stabilisierte, einen braunen Umschlag hineinfallen lassen.

»Kannst du das näher ranholen?«, wollte ich wissen.

Er tippte auf der Tastatur herum und kurz darauf wurde mein Verdacht bestätigt. Francesca hatte Jackson den Umschlag aus der Tasche gezogen.

»Was tun wir jetzt?«, wollte mein Bruder ernst wissen.

»Sollte sie heute Abend hier auftauchen, möchte ich, dass sie zu mir gebracht wird. Wenn nicht, werde ich ihr morgen einen Besuch abstatten.«

»Du kümmerst dich also darum?«

»Natürlich«, entgegnete ich wie selbstverständlich.

»Das kleine Biest hat es dir angetan, was?«, bemerkte er schmunzelnd.

»Fang du nicht auch noch an«, grummelte ich.

»Womit soll ich nicht anfangen? Warum hat Vito dich heute angerufen? Ging es dabei etwa um seine hübsche Tochter?«, hakte er nach.

»Die beiden hatten mal wieder einen heftigen Streit und wenn es nach Vito ginge, würde ich ihm diese Bürde abnehmen«, sagte ich, woraufhin Julian grinsend die Augenbrauen hob.

»Er will also, dass du seine Tochter heiratest«, stellte er fest.

»Das war offenbar Dads Idee.«

»Na dann, viel Glück! Das wirst du brauchen, wenn du die kleine Furie zähmen willst.«

»Wer sagt denn, dass ich das überhaupt will?«, knurrte ich, was ihm ein trockenes Lachen entlockte.

»Du könntest mit ihr raus in die Berge fahren. Dort wäre sie dir völlig ausgeliefert.«

Im ersten Moment wollte ich ihm vehement widersprechen, doch eigentlich hatte er recht. Das, was ich da soeben gesehen hatte, wirkte auf mich nicht so, als sei das ihr erstes Mal gewesen. Das war ein viel zu gezielter und nahezu perfekt ausgeführter Diebstahl gewesen. Wenn ich bedachte, was sie möglicherweise noch alles geklaut hatte, wurde mir ganz schlecht. Jackson hatte ich im Griff, aber es gab andere, die nicht zögern würden, ihr die hübsche Kehle durchzuschneiden.

Julian legte den Kopf schief und musterte mich mit steigendem Interesse. »Um ehrlich zu sein hatte ich Beschimpfungen erwartet. Bist du sicher, dass es dir gut geht?«

»Bestens. Allerdings ist das nicht deine dümmste Idee. Ich muss herausfinden, was sie vorhat.«

»Wie meinst du das?«, hakte er nach.

»Überleg doch mal. Es gibt nichts, was Vito seiner kleinen Prinzessin ausschlagen würde. Also warum bestiehlt sie wildfremde Männer? Ihr Dad vermutet auch, dass sie etwas im Schilde führt, und inzwischen bin ich sehr neugierig, was das ist.«

Kapitel 2

Francesca

Morgen ging es endlich los. Francesca Bianchi würde auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Doch bevor ich diesen großen Schritt wagte, wollte ich heute Abend ein letztes Mal ausgiebig mit meinen Freundinnen feiern.

Es war längst alles vorbereitet. Meine Sachen waren gepackt und im Kofferraum meines neuen Autos verstaut. Naomis Freund hatte mir vor knapp einem Monat endlich die gefälschten Papiere übergeben, die mich ein kleines Vermögen gekostet hatten. Direkt im Anschluss hatte ich unter meinem neuen Namen ein Konto eröffnet und nach und nach all meine Ersparnisse darauf eingezahlt.

Wenn alles so lief, wie ich es geplant hatte, würde ich einfach verschwinden. Mir war klar, dass das für meinen Vater ein ziemlicher Schock sein dürfte. Nicht, weil er mich tatsächlich vermissen würde. Wenn dem so wäre, hätte er mich niemals dermaßen von sich gestoßen, wie er es mein Leben lang getan hatte.

Während ich bereits im Alter von elf Jahren in ein Schweizer Internat geschickt worden war, hatte mein Bruder eine Privatschule hier zu Hause besuchen dürfen. Dad hatte ihn von Anfang an bevorzugt, dabei hatte Marcello keinerlei Sinn fürs Geschäft. Er war ein arroganter Wichtigtuer, der nur Frauen und Geld im Kopf hatte.

Unsere Familie war einst die wichtigste in der Stadt gewesen, doch mein Vater war schwach und hatte keinerlei Interesse, die Familie wieder zu altem Ruhm zurückzuführen. Das hatte er mir überdeutlich gezeigt, als er die Chance, die ich ihm geboten hatte, ausgeschlagen hatte.

Ich war es leid, mich damit zufriedengeben zu müssen, dass ich nur die hübsche kleine Tochter von Vito Bianchi war. Das hirnlose Partygirl, das ich in den vergangenen Monaten so erfolgreich gespielt hatte. Ich wollte mehr, aber alles, was mich hier erwartete, war, dass ich über kurz oder lang mit irgendeinem ach so wichtigen Geschäftspartner meines Vaters verheiratet würde.

Daher musste ich hier weg und mir selbst etwas aufbauen. Ich musste für mich herausfinden, was ich mit meinem Leben anfangen wollte, und das konnte ich nicht, solange meine Möglichkeiten eingeschränkt wurden. Also würde ich verschwinden.

In den vergangenen Wochen hatte ich genug Reserven geschaffen, um mich damit einige Monate über Wasser halten zu können. Ich hatte eine hübsche kleine Hütte im Wald an einem See in der Nähe von Terrace Bay, Ontario gemietet. Dort würde ich in mich gehen und entscheiden, wie es weitergehen sollte. Außerdem war dies vermutlich der letzte Ort, an dem Dad nach mir suchen würde.

Ich warf einen kurzen prüfenden Blick in den Spiegel, ehe ich Kaya und Naomi aus dem Taxi folgte. Dank der Tatsache, dass wir einen Tisch im VIP-Bereich gebucht hatten, mussten wir nicht lange anstehen, sondern konnten einfach an der ellenlangen Schlange vorbeigehen.

Oben angekommen orderte Kaya erst einmal eine Flasche Champagner für uns. Sie war die Tochter eines Immobilientycoons und ihre Kreditkarte hatte kein Limit, weshalb sie uns grundsätzlich einlud.

Eigentlich hatte ich einen ruhigen Abend geplant gehabt, doch Naomi hatte mich dazu überreden können, ein letztes Mal mit ihnen feiern zu gehen. Also würde ich morgen ausschlafen, anschließend den Proviant einpacken und mich dann auf den Weg machen. Die Route hatte ich schon vor Wochen genauestens geplant. Ich hatte mir Tankstellen, Diners und recht hübsche Motels ausgesucht, bei denen ich stoppen würde. Außerdem hatte ich eine Kühlbox für Getränke und Sandwiches besorgt.

Das Auto war unauffällig und lief auf meinen neuen Namen. Mit etwas Glück würde Francesca Bianchi morgen einfach verschwinden und Casey Cooper konnte ein neues Leben beginnen.

»Francesca, wo bist du nur schon wieder mit deinen Gedanken?«, brüllte Kaya mir zu, was mich prompt zurück ins Hier und Jetzt katapultierte.

»Entschuldige, ich bin nur noch mal alles durchgegangen«, entgegnete ich ihr, woraufhin sie mit den Augen rollte.

»Liebes, ich kenne niemanden, der so gut organisiert ist wie du. Es wird alles nach Plan laufen. Du schläfst dich schön aus, sagst deinem Dad, dass du das Wochenende mit mir verbringst und ehe er merkt, dass etwas nicht stimmt, bist du längst über alle Berge. Hör auf, dir Sorgen zu machen!«

Ich wusste, dass sie recht hatte, denn selbst wenn ich noch keinen klaren Plan für den Rest meines Lebens hatte, so war ich zumindest für das kommende Jahr gut vorbereitet. Das war schon besser, als diese Ungewissheit und die Planlosigkeit, der ich mich hier gegenübersah.

Seit Dad das Thema Heirat auf den Tisch gebracht hatte, vor dem ich mich seit Jahren fürchtete, wusste ich, dass meine Entscheidung die einzig richtige war. Ich wollte etwas aus meinem Leben machen und ganz sicher nicht als hübsches Anhängsel am Arm eines Mannes enden. Das war keine Option.

Gerade in der Welt der American Mafia, in welche ich nun mal hineingeboren worden war, hatte ich bis heute nur einen einzigen Mann kennengelernt, den ich nicht direkt von der Bettkante schubsen würde. Aber leider war eine Verbindung zwischen Nigel Campbell und mir vollkommen ausgeschlossen, nachdem ich vergangenen Winter seinen kleinen Bruder erst bei der Polizei angeschwärzt, und als das nichts gebracht hatte, seine ganze Familie mit einer Waffe bedroht hatte.

Heute war mir bewusst, wie bescheuert ich mich verhalten hatte, aber ich hatte so verzweifelt um die Aufmerksamkeit meines Vaters gebettelt, dass ich nicht klar hatte denken können. Außerdem hatte Nigel mir bereits im letzten Sommer mehr als deutlich zu verstehen gegeben, dass ich für ihn nicht mehr als eine kleine verzogene Göre war. Zumindest waren das seine Worte gewesen.

»Wow, der Typ ist heiß«, raunte mir in diesem Moment Naomi ins Ohr und deutete auf einen großen, gut trainierten dunkelhaarigen Mann, der direkt auf uns zusteuerte.

Fuck! Ich hätte wirklich nicht an ihn denken dürfen. Es war ein wenig, als hätte ich ihn dadurch zu mir gerufen, denn der sexy Kerl, der geradewegs auf uns zukam, war kein Geringerer als Nigel Campbell.

»Francesca, ich muss dich kurz sprechen«, sagte er, als er direkt vor mir stand, und ich schluckte nervös.

Er hatte etwas an sich, das mich eindeutig einschüchterte. Eine natürliche Dominanz, der ich mich wie selbstverständlich unterwerfen wollte, doch das war keine Option. Ich durfte keine Schwäche zeigen, dann wäre ich endgültig verloren. Daher reckte ich das Kinn und musterte ihn mit dem überheblichsten Blick, den ich zu bieten hatte.

»Meine Freundinnen und ich wollen feiern. Wenn du mit mir reden willst, wirst du dich gedulden müssen, bis ich Zeit für dich habe«, entgegnete ich ihm, ehe ich ihm den Rücken zuwandte und mit meinen Freundinnen die Tanzfläche eroberte.