Leseprobe Der perfekte Lügner | Ein nervenaufreibender Psychothriller

Kapitel 1

Freitag

MEL

Als die Nachricht kam, rief sie die Angst wach, die Mel schon immer im Magen gelegen hatte. Die Angst, die sie mit sich herumtrug, weil sie eine Lüge lebte. Die ständige Angst, aufzufliegen.

Gefunden zu werden.

7 Tage. Du hast 7 Tage Zeit, sonst werde ich dein Leben ruinieren, so wie du meins ruiniert hast.

Kapitel 2

Samstag

JEN

Etwas in Mum ist zerbrochen. Ich sehe es in ihrem gequälten Blick, daran, wie sie ständig nervös auf ihr Handy schaut. An ihren blassen Wangen und ihrem gezwungenen Lächeln.

Wir sitzen in der Küche, das Radio läuft. Normalerweise muntert Musik sie auf.

„Ich liebe diesen Song.“ Ich stupse sie an, als sie nicht antwortet. „‚7 Days‘.“

Sie zuckt sichtlich zusammen. „Was? Was hast du gesagt?“ Ihre Augen sind weit aufgerissen.

„Craig David. ‚7 Days‘.“ Ich stimme das Lied an, aber sie singt nicht mit. „Mum, ist alles okay?“

Ich wedle mit der Hand vor ihrem Gesicht, während sie in die Leere starrt. „Erde an Mel Abbott. Mel Abbott, bitte melden.“

„Entschuldige, Jen. Hast du noch was gesagt?“

Wenn ich noch einmal frage, wird sie sagen, dass alles okay ist. Sie wird meine Sorge mit einem lockeren „mir geht’s gut“ abtun, als wäre ich sechs und nicht sechsundzwanzig und müsste beschützt werden, aber so ist Mum nun mal. Sie versucht immer, alle zu schützen. Wenn ich sie bedränge, wird sie sagen, dass sie einen harten Tag hatte, was zweifellos stimmt. Als Sozialarbeiterin hat sie Dinge gesehen, die ich niemals sehen möchte. Hat gegen das System gekämpft, gegen die fehlenden Mittel, gegen die begrenzten Ressourcen, und versucht, ihr Bestes für die Kids zu geben. Ich glaube, wenn sie könnte, würde sie ein paar von ihnen lieber an einem sicheren Ort verstecken, statt endlose Formulare auszufüllen und auf Gerichtsbeschlüsse zu warten.

Sie spricht mit mir nicht über ihre Fälle. Sie kann es nicht, also sage ich, statt sie zu bedrängen: „Wie wär's mit einem Picknick heute?“ Ich schätze, das ist eine Art Ablenkungsmanöver, so wie sie es bei mir gemacht hat, als ich klein war. Eine Tüte Chocolate Buttons in der Hand, damit ich nicht mehr an mein aufgeschürftes Knie denke.

„Jen, es ist eiskalt.“

„Ist es nicht. Für November ist es ziemlich mild, und wer weiß, wie lange wir noch Zeit haben, bevor das Winterwetter einsetzt?“

„Ich weiß nicht …“

„Bitte, Mum“, schaltet sich Amy ein. „Wir können uns warm anziehen.“ Mit dreizehn hat sie immer noch diesen Niedlichkeits-Faktor, wenn sie mit den Wimpern klimpert.

„Ich weiß nicht. Wir haben nicht viel zu essen im Haus.“ Sie zögert.

„Wir können zum Laden gehen. Komm schon, Schwesterchen.“ Amy zieht mich auf die Beine. Wir beide eilen zur Tür hinaus, bevor Mum ihre Meinung ändern kann.

Im kleinen Tesco werfen wir wahllos Lebensmittel in den Korb. Ich nehme alles, was einen gelben Rabattsticker hat, Amy wirft alles hinein, worauf sie Lust hat. Ich nehme diskret einige ihrer Einkäufe wieder aus dem Korb, wenn sie nicht hinsieht. Obwohl Mum und ich Vollzeit arbeiten, reicht das Geld nicht mehr so weit wie früher, aber das haben wir Amy nicht gesagt.

Als ich an der SB-Kasse warte und ungeduldig mit den Fingern gegen mein Bein trommle, während das rote Blinklicht anzeigt, dass ich Hilfe brauche, glaube ich, ihn zu sehen, und einen Moment lang spüre ich, wie der Boden unter meinen Füßen wankt. Meine Finger krallen sich um die Griffe meines Einkaufskorbs. Ist er es? Das Profil ist dasselbe, die Beule an seiner Nase, wo sie gebrochen war.

„Alles gut bei euch?“ Die junge Verkäuferin kommt auf uns zu, ihr hoher Pferdeschwanz schwingt hin und her. Ich würde ihr gern sagen, dass alles gut ist, aber das ist es nicht, als Amy einwirft: „Wir haben die Quiche aus Versehen zweimal gescannt“, und mir klar wird, dass sie überhaupt nicht von mir gesprochen hat. Ich schaue aus dem Fenster, während die Verkäuferin ihren Code eingibt, aber die Straße ist ruhig und leer. Trotzdem habe ich ein ungutes Gefühl, als ich alles in unsere Stofftaschen stopfe. Während wir nach Hause eilen, rede ich mir ein, dass ich mich wohl geirrt haben muss.

In der Küche ist es zu still. Mum starrt gedankenverloren aus dem Fenster und nippt an einer Tasse Milchkaffee, auf der sich eine Haut bildet. Normalerweise ist unser Haus voller Musik und Lachen. Ich stelle das Radio wieder an. Aus den Lautsprechern ertönt TLC. Amy und ich fangen an zu singen, Mum entspannt sich endlich ein wenig und stimmt mit ein, während sie Butter auf das Brot streicht, das ich aus der Tasche gepackt habe. „Don't go, Jason Waterfalls.“ Amy und ich schauen uns an und grinsen, denn wir wissen, dass es sinnlos ist, Mum zu sagen, dass es keinen Jason Waterfalls gibt, denn wenn sie das Lied das nächste Mal hört, wird sie es wieder vergessen haben. Sie bringt Songtexte immer durcheinander. Also singen wir die gleichen Worte, ich reibe Käse, Amy schmiert Branston Pickle auf Brote, unsere Stimmen werden lauter, während wir Jason Waterfalls anflehen, nicht zu gehen. Amy und ich tanzen umeinander herum, ich schwinge die Hüften, während ich Trauben unter dem Wasserhahn wasche, Amy füllt unsere pastellfarbenen Chilly's-Flaschen mit Wasser. Wir haben immer unseren Teil beigetragen, wir drei als Team. Vielleicht hat die Tatsache, dass Dad nicht bei uns lebt, unsere Bindung gestärkt. Mum ist das Bindeglied, das uns zusammenhält. Es ist ihr Verdienst, dass wir seine Abwesenheit nie so stark gespürt haben, wie wir es hätten tun können. Als Familie haben wir uns nie unvollständig gefühlt.

Als wir das Auto packen, ist die Stimmung auf jeden Fall schon besser.

„Sollen wir Camilla und Mason fragen?“, frage ich. Bis vor sieben Wochen lebten meine beste Freundin und ihr vierjähriger Sohn bei uns. Manchmal vergesse ich, dass wir nicht verwandt sind, sie ist seit Jahren Teil unserer Familie und wir alle vermissen sie.

„Ja.“ Amy streicht sich die Haare aus dem Gesicht und bindet sie mit einem lila Haargummi zusammen, das sie um ihr Handgelenk gewickelt hatte. Sie verändert sich, sie wächst, ihr Gesicht ist schlanker geworden. Sie ist wunderschön und weiß es noch gar nicht.

Picknick! Bist du dabei?

texte ich Camilla.

Wir können euch abholen.

Sind noch im Pyjama, kommen später dazu!

Ich muss Camilla nicht sagen, wo wir sein werden. Der Wald von Ashwood Forest war schon immer unser Lieblingsort. Nicht nur für spontane Ausflüge, sondern auch für Geburtstagsfeiern, bei denen Mum Girlanden um Äste band und auf dem unebenen Boden einen wackeligen Tisch mit Schüsseln voller Wotsits und Mini-Sausage-Rolls deckte. Wir spielten Verstecken zwischen den Bäumen. Planschten im See, weil Mum uns nie richtig darin schwimmen ließ – „Er ist tiefer als ihr denkt, gefährlich.“

Die friedliche Umgebung sieht alles andere als gefährlich aus, als wir über den unebenen Weg holpern und durch die Zweige, die ihre orangefarbenen und goldenen Blätter abgeworfen haben, blitzt glitzerndes Wasser auf. Die Wiese, auf der die wenigen Hundebesitzer und Wanderer, die diesen Ort kennen, ihre Autos parken, ist leer. Fünf Autominuten entfernt gibt es einen weiteren schönen Ort. Wakefield Woods. Dort gibt es ein Café, einen Eisstand, Toiletten, spezielle Radwege und einen hübschen Hof mit Geschäften, die lokale Handwerkskunst und regionale Produkte anbieten.

Hier ist normalerweise niemand. Sogar die Holzhütte, die früher für Schulausflüge genutzt wurde, rottet vor sich hin, nachdem die Finanzierung gestrichen worden ist.

„Wer als Letzter am See ist, ist ein Loser.“ Amy springt aus dem Auto, noch bevor Mum richtig geparkt hat, und rennt los, das Badminton-Set an die Brust gedrückt, während unter ihren Füßen Zweige knacken und sie eine Spur von Federbällen hinterlässt.

Der Kofferraum öffnet sich mit einem Klicken, und ich nehme den schweren Rucksack heraus, bevor Mum danach greifen kann, und reiche ihr stattdessen die Decken zum Tragen. Als Kind habe ich nie groß darüber nachgedacht, wie viel Mum in ihrer Rolle sowohl als Mutter als auch als Vater für uns getan hat. Sie hievte unsere Fahrräder ohne zu murren auf den Gepäckträger auf dem Autodach. Sie reparierte fettverschmierte Ketten und platte Reifen. Wenn ich mit den Augen eines Erwachsenen zurückblicke, sehe ich, dass sie viel auf sich genommen hat, ohne sich je zu beklagen. Plötzlich verspüre ich den überwältigenden Drang, ihr zu sagen, wie dankbar ich bin, wie sehr ich sie liebe, aber sie ist schon vorausgelaufen. Sie ruft Amy zu, sie solle anhalten und ihr beim Tragen helfen. Als Amy zurückkommt, um ihr zur Hand zu gehen, drückt sie ihr den Stapel Decken in die Arme und rennt los Richtung Wasser. Als sie als Erste die Lichtung erreicht, dreht sie sich um und formt atemlos und lachend mit ihren Fingern ein „L” auf der Stirn.

„Das ist nicht fair“, sagt Amy.

„Das Leben ist nicht fair.“ Ich jogge an ihr vorbei, der Rucksack stößt gegen meinen Rücken, die Gurte schneiden in meine Schultern.

„Hey.“ Amy holt mich ein und läuft an mir vorbei. „Jen ist der Loser“, ruft sie, als sie Mum erreicht, aber während mich eine Welle der Zuneigung zu meiner Familie überkommt, denke ich, dass ich in Wahrheit die Gewinnerin bin.

Als ich die Lichtung erreiche, atme ich Luft ein, die nicht wie unsere Straße von Abgasen erfüllt ist, sondern frisch und erdig. Wir sind nur zwanzig Minuten von zu Hause entfernt, aber es fühlt sich an wie eine Million Meilen. Sogar der Himmel ist klarer. Wir waren schon einmal nachts hier, um Amy die Sternbilder zu zeigen. Wir lagen unter der samtenen Dunkelheit, über uns funkelten Millionen von Sternen. Wir hatten das Gefühl, die einzigen drei Menschen auf der Welt zu sein.

Mum breitet die Decke aus und nachdem ich meinen Rucksack abgestellt habe, spannen Amy und ich ein Netz auf und versuchen, Badminton zu spielen. Ein Rotkehlchen auf einem Ast in der Nähe reckt den Kopf und beobachtet uns. Ich weiß nicht, warum wir uns das antun, wir sollten inzwischen wissen, wie schlecht wir sind. Wir geben dem Wind die Schuld, weil er den Federball wegbläst, der Sonne, weil sie uns in die Augen scheint, dem leichten Gefälle, auf dem man unmöglich laufen kann. Alles, nur nicht, dass wir einfach unkoordiniert sind. Untauglich.

Wir lassen uns auf den Boden fallen. Mum holt einen Block magentafarbene Post-its und drei Stifte heraus.

„Wer bin ich?“ Amy schnappt sich einen Stift und beginnt, einen Namen auf ihren Zettel zu kritzeln. Wahrscheinlich jemand, von dem wir noch nie gehört haben, aus einer der obskuren Krimiserien aus den Achtzigern, von denen sie besessen ist. Mum sieht nachdenklich aus, aber sie wird sich für eine Sängerin entscheiden, das macht sie immer.

Wer bin ich?

Ein Schauer läuft mir über den Rücken, denn abgesehen von diesem Spiel ist das eine Frage, über die ich schon viel nachgedacht habe.

Vor allem heute.

Vor allem, seit ich glaube, ihn gesehen zu haben.

Wer bin ich?

Hör auf.

Mir geht es gut. Wir sind in Sicherheit. Alles ist so, wie es sein sollte.

„Mach schon, Jen“, drängt Amy, und ich schreibe schnell „Charlotte Brontë“ auf, nicht nur, weil ich Englischlehrerin bin, sondern weil ich sie inspirierend finde. Sie hatte etwas zu sagen und ließ sich nicht davon abhalten, ihren Traum zu verfolgen, nur weil Frauen keine Karriere machen durften und es fast undenkbar war, dass sie Romane veröffentlichten.

Ich klebe mein Post-it auf Amys Stirn. „Du darfst zuerst.“

„Bin ich eine Autorin?“

„Kann sein.“ Ich zucke die Achseln.

„Jen!“

„Okay. Ja.“

„Eine der Brontës.“ Ich versuche, eine neutrale Miene zu bewahren, während Amy mein Gesicht studiert, bevor sie triumphierend grinst.

„Charlotte Brontë.“ Sie stößt jubelnd die Fäuste in die Luft. „In zwei Fragen geschafft! Das musst du erst mal toppen.“

Ich glaube, ich kann zumindest gleichziehen, weil wir uns alle so gut kennen.

Dachte ich damals zumindest noch.

„Bin ich eine Sängerin?“, frage ich Mum.

Sie bejaht und ich warte, weil ich weiß, dass sie unwillkürlich anfangen wird, leise eins ihrer Lieder zu summen.

„ABBA!“ Ich erkenne die leisen Klänge von „Dancing Queen.“

„Friday night“, beginnt Amy zu singen, wohl wissend, dass Mum mit „see that girl, watch her scream“ einstimmen wird.

Ich lache, als sie genau das macht, und Mum schaut beleidigt drein. „Was?“

„Nichts. Du bist dran, Mum.“

Mum rät mehrfach ins Blaue, bevor sie sich hilfesuchend an mich wendet. Wir befragen Amy, bis wir schließlich aufgeben.

„Es sind Zeus und Apollo.“

„Die griechischen Götter?“, fragt Mum. „Aber …“

„Nein. Die Dobermänner aus Magnum.“

„Man kann nicht zwei Namen nennen.“

„Sagt wer? Man kann die beiden nicht trennen. Außerdem wusste ich, dass ihr niemals zwei Namen erraten würdet, aber darum geht es doch, oder? Ums gewinnen?“

Wir streiten darüber, ob Amy gegen die Regeln verstoßen hat, als wir ein helles Kichern hören.

Sekunden später tauchen Camilla und Mason aus dem Wald auf. Mason trägt leuchtend gelbe Gummistiefel und sitzt in einem feuerwehrroten Wagen, den Camilla hinter sich herzieht. An seinen Rädern klebt feuchtes Laub. Es ist der Wagen, den wir letztes Jahr gekauft haben, als wir alle nach Norfolk gefahren sind. Der Weg hinunter zum Strand war steil, und wir hatten eine absurde Menge an Kram für einen Tag am Meer mit einem kleinen Kind mitgenommen. Auch heute hat Mason Eimer und Schaufel dabei. Nach dem jüngsten Regen sollte der Boden weich genug zum Graben sein.

Camilla winkt.

„Ihr hättet mir texten sollen, dass ihr da seid, dann hätte ich euch geholfen“, sage ich.

„Ist schon okay. Ich trage ja nichts.“ Sie hält den Wagen fest, während Mason herausklettert.

„Wow, du hast aber viele Spielsachen mitgebracht.“ Mum holt einen Fußball heraus.

„Tante Lissa.“ Mason konnte nicht Melissa sagen, als er zu sprechen anfing, und ich weiß nicht, warum er es nicht einfach bei Mel belassen hat, aber Lissa ist hängen geblieben. „Du kannst ins Tor. Amy, du bist in meinem Team. Die anderen Erwachsenen“, er wedelt mit seinem pummeligen Arm abweisend in Camillas und meine Richtung, „können ins andere Team.“

Wir bilden mit unseren Jacken ein provisorisches Tor.

„Wer als Erster fünf Tore hat.“ Amy dribbelt den Ball und kickt ihn sachte zu Mason, der ihn annimmt und auf Mum zuläuft, bevor er ihn aufs Tor schießt. Mum tut so, als würde sie versuchen, ihn zu halten, und hechtet dramatisch zur Seite.

Es ist schön zu sehen, wie sie Spaß hat und lacht. Was auch immer sie vorhin beschäftigt hat, ist für den Moment vergessen, aber Mason hat diese Wirkung auf jeden. Es ist praktisch unmöglich, sich schlecht zu fühlen, solange er in der Nähe ist.

Es dauert nicht lange, bis Camilla zu den Decken geht und sich eine um die Schultern legt. „Alles okay?“, frage ich. Sie sieht müde aus und hat abgenommen, seit sie ausgezogen ist. Mum und ich übernehmen normalerweise abwechselnd das Kochen, Camilla hasst es, und obwohl ich weiß, dass sie Mason gut ernährt, hoffe ich, dass sie auch auf sich selbst achtgibt.

„Ich gewöhne mich noch daran, alleine zu leben.“ Sie lächelt, aber es erreicht nicht ihre Augen.

Ich sage nicht, dass sie nicht ausziehen musste, das weiß sie, und ich sage ihr auch nicht, dass sie jederzeit zurückkommen kann, auch das weiß sie. Stattdessen frage ich, ob es etwas gibt, das ich tun kann.

„Fütter mich.“ Sie legt theatralisch die Hand auf ihren Bauch und lacht, während ich das Essen auspacke.

Wir unterhalten uns beim Essen. Mason entfernt sorgfältig den Teig von einer Schweinefleischpastete und drückt ihn Mum in die Hand, bevor er das Fleisch isst. Ich reiche Camilla einen Apfel und sie holt das Multitool heraus, das Mum ihr bei ihrem ersten Campingausflug geschenkt hat, und schneidet ihn geschickt mit dem Messeraufsatz in Scheiben.

Als wir abgeräumt haben, will Mason wieder Fußball spielen.

„Ich weiß nicht, wo du die Energie hernimmst“, sagt Mum. „Wie wäre es mit Scharade, während wir das Mittagessen verdauen?“

Mason springt auf. „Ich zuerst, ich zuerst.“

Er springt in seinen Wagen, der wackelt, aber Camilla hat den Griff gepackt, bevor er wegrollen kann. Er legt beide Hände auf den Kopf wie ein Blaulicht. „Tatü tata.

„Du bist ein … Eiswagen?“, rate ich.

„Nein, Dummi.“

„Ein Hai?“ Amy stimmt die Titelmelodie von „Der weiße Hai“ an.

„Nein. Tante Jen? Was bin ich?“

Wer bin ich?

Später, daheim, haben wir mit Salz und Essig getränkte Pommes gegessen. Mason fallen am Tisch die Augen zu.

„Zeit, dich nach Hause zu bringen.“ Camilla hebt ihn auf ihre Hüfte. „Meine Güte, so viel, wie ich dich herumschleppe, spare ich mir das Fitnessstudio.“

„Willst du bleiben?“, fragt Mum.

Camilla zögert, Mason mischt sich ein: „Ich möchte, dass Tante Lissa mir eine Geschichte vorliest.“

„Ich muss ihn an die Wohnung gewöhnen“, sagt Camilla fast entschuldigend.

„Warum komme ich nicht mit zu dir und helfe dir beim Zubettbringen?“, sagt Mum, obwohl sie genauso erschöpft wirkt wie Camilla.

Nachdem sie gegangen sind, geht Amy in ihr Zimmer.

Ich sitze erschöpft auf dem Sofa. Auf ITV läuft eine neue Krimiserie. Die Polizei hat eine Leiche gefunden. Deckt Geheimnisse auf.

Meine Gedanken wandern zurück zum Tesco.

Dieses Profil.

Diese gebrochene Nase.

Er.

Und doch, es kann nicht sein.

Ich schrecke auf, als ich draußen ein Klappern höre, gefolgt von einem Jaulen.

„Marmalade?“, rufe ich zur Haustür hinaus. Unser rotbrauner Kater kommt hereingetapst.

Wieder auf dem Sofa streichle ich ihm gleichmäßig den Rücken. Der Himmel verdunkelt sich, von Blau zu Grau zu Schwarz.

Es ist halb zehn. Mason müsste längst schlafen.

Mum ist noch nicht zu Hause.

Kapitel 3

Sonntag

JEN

Mum kehrte gestern Abend spät nach Hause zurück. „Mason kam einfach nicht zur Ruhe“, erzählt sie mir. Ihre Bewegungen sind langsam und schwerfällig, als sie heute Morgen durch die Küche schlurft, als würde die Erschöpfung sie unfähig machen, ihren Körper richtig zu bewegen. Letzte Nacht hatte ich Weinen gehört, gedämpftes Schluchzen in das Kissen, das sie großzügig mit Schlafspray besprüht hatte, aber als ich sanft an ihre Schlafzimmertür klopfte und leise in das nach Lavendel duftende Zimmer getreten war, wo der weiche Teppich meine Schritte verschluckte, hatte Mum vorgegeben zu schlafen.

Vielleicht war es schwer für sie, Mason zu verlassen. Er ist wie ein Enkel für sie. Camilla wie eine weitere Tochter. Es könnte aber auch etwas ganz anderes sein.

Er?

Ich muss das Thema ansprechen, wen, ich glaube, gesehen zu haben. Für den Fall, dass Mum ihn auch gesehen hat, für den Fall, dass das ihr seltsames Verhalten erklärt, aber ich befürchte, dass dies nicht der richtige Zeitpunkt ist, wobei ich keine Ahnung habe, wann der sein könnte.

Nicht, wenn es alles verändern könnte.

Alles ruinieren könnte.

Das neue Leben, das wir uns sorgfältig aufgebaut haben, scheint plötzlich so brüchig wie Papier.

Ich hatte auch nicht gut geschlafen. Ich lag steif auf dem Rücken, während die Stunden vergingen, lauschte dem Verkehr draußen, spannte mich an, wenn Scheinwerfer am Fenster vorbeifuhren, Licht und Schatten über die Decke krochen. Meine Finger krallten sich in den Rand der Bettdecke und ich fragte mich, wer in den Autos saß, die in den frühen Morgenstunden vorbeifuhren.

Was sie wollten.

Wen sie wollten.

Die Besteckschublade klappert, als Mum sie aufreißt.

„Warum setzt du dich nicht? Ich kann dir was zum Frühstück machen“, biete ich an.

„Ich bin schon dabei.“

Der Duft von Kaffee, stark und dunkel, ist genau der Kickstart, den ich brauche. Ich schließe dankbar meine Hände um die Tasse, die Mum mir hinhält; darauf steht „Beste Tochter der Welt.“ Ich glaube nicht, dass ich das bin, obwohl ich jahrelang versucht habe, Wiedergutmachung zu leisten. Es war ein Weihnachtsgeschenk vom letzten Jahr. Mum hatte auch eine für Amy gekauft, denn trotz unseres Altersunterschieds, trotz allem, hat sie uns immer gleich behandelt.

Mum streicht sorgfältig goldenen Honig auf den Toast, bis in alle Ecken, vom Messer fallen klebrige Tropfen auf den Tisch.

„Hier.“ Sie schiebt ihn zu mir herüber, aber ich habe keinen Appetit. Während Mum zwei weitere Scheiben Weißbrot unter den Grill schiebt, drücke ich meinen Daumen gegen die Krümel am Rand des Tellers, aber mein Mund ist trocken und ich kann sie nicht schlucken.

Ich muss es ihr sagen.

„Mum“, beginne ich, als sie sagt: „Ist Amy noch nicht aufgetaucht? Ich erinnere mich, als ich sonntagmorgens noch ausschlafen konnte.“

„Oh, noch mal dreizehn zu sein“, antworte ich unwillkürlich, dumm, meine Augen brennen vor Tränen, selbst nach all dieser Zeit, wenn ich mich daran erinnere, was mir als Teenager widerfahren ist, was ich getan habe. Es ist eine Zeit, in die ich auf keinen Fall zurück möchte.

Ich weiß, dass ich heute überemotional bin, weil ich müde bin und, ehrlich gesagt, Angst habe, aber das ändert nichts daran, dass sich meine Kehle zuschnürt, als unerwünschte Erinnerungen an mir zerren.

Aber dann reißen mich der Qualm, der aus dem Grill aufsteigt, und der schrille Rauchmelder auf die Beine.

Während Mum mit zwei Fingern den verkohlten Toast herausholt und ihn in den Mülleimer wirft, wedele ich mit einem rot-weiß karierten Geschirrtuch in Richtung der Plastikscheibe an der Decke, bis das Geräusch aufhört.

„Wenigstens wissen wir, dass der Alarm funktioniert.“ Mum spült sich die Finger unter dem kalten Wasserhahn ab und verzieht das Gesicht.

„Das wissen wir seit dem Besuch des Vermieters letzten Freitag.“ Ich öffne das Fenster einen Spalt. Sofort spritzt der Wind Regentropfen auf die Fensterbank. Es ist nicht die ungewöhnlich kalte Morgenluft, die in die Küche eindringt, die mir einen Schauer über den Rücken jagt, sondern der Gedanke an den Vermieter in meinem Schlafzimmer. Mum hatte ihn angerufen, damit er sich die undichten Wasserhähne im Bad ansieht, und er hatte gefragt, ob er während seines Besuchs auch den Rest des Hauses inspizieren könne.

Mum war schnell in Amys Zimmer gelaufen, um ihre Poster vorsichtig von den Wänden zu entfernen, denn obwohl wir jeden Monat eine horrende Miete für unser Zuhause zahlen, darf es anscheinend nicht wie eins aussehen. An den Wänden gibt es keine Bilderhaken, sie sind in Magnolia gestrichen und nicht, wie wir es gern hätten, mit einer bunten, gemusterten Tapete versehen.

In der Küche hatte ich schnell alle Spuren von Marmalade beseitigt, seine Näpfe in eine Tesco-Tüte hinten im Schrank gesteckt und ihn von seinem Lieblingsplatz in der späten Nachmittagssonne verscheucht, die die Fensternische neben der Hintertür beleuchtet. Wir hatten nie vorgehabt, ein Haustier anzuschaffen, aber eines Tages war er vor unserer Haustür aufgetaucht, mit einem zerrissenen Ohr, so dünn, dass man seine Rippen sehen konnte, und sah uns mit mitleiderregenden Augen an.

Er war nicht gechipt und ich hatte Angst, dass ihn niemand adoptieren würde, wenn er in ein Tierheim käme. Er war nicht gerade hübsch. Auch Amy hatte sich in ihn verliebt und wir hatten uns gegen Mum verbündet, um die Regeln zu brechen, was bestimmt unfair war, da wir beide wissen, dass Mum sich gerne an sie hält.

Nachdem ich die gepunkteten Sitzkissen umgedreht hatte, um die roten Tierhaare zu verstecken, lehnte ich mich mit verschränkten Armen an die Arbeitsplatte und starrte einen Spatz an, der seine scharfen Krallen um den Futterautomaten gekrümmt hatte und wie wild nach den Fettkugeln pickte.

„Wenigstens hat er zugestimmt, dass wir untervermieten dürfen“, sagt Mum.

Ich antworte nicht. Ich hatte mich irgendwie verletzt gefühlt, als er hier war, und so fühle ich mich auch jetzt wieder, wenn ich daran denke, was auf uns zukommt.

„Mum?“ Ich will ihr keine Unannehmlichkeiten machen, denn ich verdanke dieser starken und stoischen Frau, die, wenn es sein müsste, ihr Leben für ihre Familie opfern würde, so viel – eigentlich alles –, aber ich kann nicht verhindern, dass die Gedanken in meinem Kopf aus meinem Mund herausplatzen. „Bist du dir bei diesem Untermieter sicher?“

Es kostet mich Mühe, nicht weinerlich zu klingen, ich bin schließlich keine Achtjährige mehr – Müssen wir zum Zahnarzt? Zum Optiker? Zum Supermarkt? – denn obwohl ich inzwischen erwachsen bin, verfalle ich manchmal in die Rolle eines trotzigen Kindes. Ein Teil von mir hatte gehofft, dass der Eigentümer die Erlaubnis verweigern würde, als Mum ihn am Wochenende gefragt hatte, ob wir das Zimmer, das Camilla früher mit Mason bewohnt hatte, untervermieten könnten, aber er hatte seine vergilbten Zähne zu einem Lächeln entblößt, als er zustimmte, und dabei Mums Dekolleté angesehen, nicht ihr Gesicht.

Widerling.

„Ja, aber wir müssen nicht unbedingt jemanden hier wohnen lassen. Ich dachte, das wäre okay für dich?“

Mums Worte sind abgewogen, und obwohl sie keinen Druck enthalten, spüre ich ihn trotzdem auf mir lasten. Wenn die Rechnungen bezahlt und die Einkäufe erledigt sind, bleibt am Ende des Monats nicht viel übrig. Ich weiß, dass die zusätzliche Miete nicht für Luxus draufgehen wird. Mum möchte Camilla helfen, die außer uns niemanden hat. Das wurde nicht ausdrücklich gesagt, aber Mum macht sich Sorgen um Camilla, sie macht sich Sorgen um alle. Selbst ich habe Zweifel, wie Camilla zurechtkommen wird, wenn sie zum ersten Mal seit der Geburt alleine lebt. Die Kosten dafür, ein Kind großzuziehen, die Kosten für alles sind derzeit wahnsinnig hoch. Gestern beim Picknick sah sie erschöpft aus. Ihr Etsy-Shop, über den sie handgefertigten Schmuck verkauft, läuft gut, aber reicht das?

Ich höre nur halb zu, bin mit den Gedanken woanders und frage mich, wie es wohl sein wird, mit einem Fremden im Haus.

Meine nackten Füße in der Dusche, dort, wo seine gestanden haben, in den Rückständen seines Seifenwassers.

Flocken seiner abgestorbenen Haut, unsichtbar auf der Matratze, den Laken. Sein Schweiß, der in das Kissen eingezogen ist.

Seine Augen, die über meine Unterwäsche wandern, die zum Trocken im Flur hängt, die einst weiße Bridget-Jones-Hose und die vergrauenden BHs mit den ausgefransten Trägern.

Ein neugieriger Blick, der über unsere Familienfotos schweift, die jede verfügbare Fläche bedecken und Einblick in unsere intimsten Momente gewähren. Mum wie sie die neugeborene Amy in einer hellgelben Decke wiegt, während ich voller Staunen auf den Neuzugang in unserer Familie blicke. Mein erster Schultag, weiße Socken bis auf die Knöchel gerutscht, und später Amy, die stolz vor der örtlichen Grundschule steht, mit Zöpfen, die mit leuchtend roten Bändern zusammengebunden sind. Die Bilder von Dad sind längst entfernt worden, aber die von uns dreien – Mum nennt uns die drei Musketiere – sind immer da. Wir sehen uns so ähnlich mit unseren dunklen, widerspenstigen Haaren und unseren braunen Augen.

Wird der Untermieter über uns urteilen?

Über mich, weil ich manchmal Sachen in den Recyclingeimer werfe, ohne sie richtig auszuwaschen, die Amy dann herausfischt und murrend die Blechdosen ausspült.

Mich über die Umwelt belehrt, die mir zwar am Herzen liegt, aber hin und wieder bin ich ehrlich gesagt nicht so gewissenhaft, wie ich sein könnte. Über Amy wegen ihrer Besessenheit mit alten Krimiserien auf obskuren Kanälen, Cagney & Lacey, Dempsey & Makepeace, schreckliche Frisuren und schreckliche Mode, und sie liebt alles daran. Mum, die ständig singt, unmelodisch, die meisten Texte vermurkst und durcheinander.

„Jen?“ Die Schärfe in Mums Stimme holt mich zurück in die Gegenwart. „Hörst du mir überhaupt zu?“

„Natürlich.“

„Es ist praktisch, einen Klempner hier zu haben, oder? Dann müssen wir im Notfall nicht den Vermieter anrufen. Ich hoffe, du magst ihn, wenn er später kommt. Entschuldige dich bitte dafür, dass ich nicht da bin. Es ist schade, dass er aus seinem Haus im östlichen Stadtteil ausziehen muss, es klingt so schön, aber …“

„Was? Wann kommt er? Warum bin ich diejenige, die ihn trifft?“

„Ich habe dir doch gerade alles erklärt. Er kommt heute Nachmittag. Ich habe ihn bereits getroffen und mag ihn. Ich möchte, dass du und Amy ihn auch kennenlernt. Damit klar ist, dass ihr miteinander auskommt, bevor er einzieht.“

„Aber wo wirst du sein?“

„Ich fahre kurz rüber zu Onkel Donald“, sagt sie beiläufig, als würde sie das jeden Tag machen. Macht sie aber nicht. Nicht, wenn „kurz rüber“ eine dreistündige Fahrt hin und zurück bedeutet.

„Ist er krank?“ Das ist mein erster Gedanke.

Mum scheint zusammenzusacken, Schmerz huscht über ihr Gesicht. Sie sammelt sich, streckt den Rücken. Sie schüttelt den Kopf, während sie in ihrer Tasche kramt, ihr Haar fällt ihr ins Gesicht und verbirgt ihre Miene.

„Tante Carol?“ Dann kommt mir ein noch schlimmerer Gedanke. „Mum … bist du krank?“

„Nein. Tante Carol geht es gut. Mir geht es gut. Alles ist in Ordnung.“ Aber nichts ist in Ordnung, und Mum geht, ohne dass ich ihr gesagt habe, was ich ihr sagen muss, was mir so schwer auf dem Magen liegt.

„Warum kommen Amy und ich nicht mit?“ Ich könnte einen Tapetenwechsel gebrauchen, und ich habe Onkel Don ewig nicht gesehen.

„Weil der Untermieter kommt“, erinnert mich Mum. „Einen Untermieter aufzunehmen, ist keine Entscheidung, die ich leichtfertig getroffen habe. Nicht mit dir und Amy im Haus, aber ich habe seine Referenzen überprüft und sie sind gut. Er hat eine Kaution hinterlegt, aber die kann ich ihm jederzeit zurückgeben.“ Mum zählt auf, mit wem sie gesprochen hat und was sie herausgefunden hat, während Amy in ihren rosa Einhorn-Hausschuhen in die Küche schlurft. „Wenn du ihn wirklich nicht magst, vergessen wir die Sache, aber wenn du nur gegen Veränderungen bist, dann …“

„Der Rauchmelder hat mich geweckt“, gähnt Amy. „Da keiner gekommen ist, um mich zu retten, nehme ich an, dass das Haus nicht brennt. Gibt es Coco Pops?“

„Guten Morgen!“ Mum versucht, ihr einen Kuss auf den Kopf zu geben, aber Amy windet sich weg und verdreht genervt die Augen.

„Was hältst du davon, dass wir einen Untermieter aufnehmen?“ Es ist ein bisschen unfair von mir, sie auf meine Seite ziehen zu wollen. So ein „wir gegen die“-Ding hatten wir nie nötig, auch nicht, als Dad noch da war, aber manchmal bilden Amy und ich ein Team und sind uns einig, dass wir, jawohl, wieder Pizza zum Abendessen wollen und wir beide uns bestimmt um die Katze kümmern werden.

Amy zuckt die Achseln. Sie rührt in den Cerealien, die Mum ihr hingestellt hat, und die Milch wird um ihren Löffel herum schokoladig.

„Ist doch cool. Einer mehr im Haus. Ohne Camilla und Mason ist es zu ruhig. Hat doch Spaß gemacht gestern im Wald.“

Darüber sind wir uns alle einig. Es ist verständlich, dass Camilla ihren eigenen Freiraum haben möchte, dass Mason mit vier Jahren zu alt ist, um noch mit ihr im Bett zu schlafen – nächstes Jahr kommt er in die Schule –, aber ihre Abwesenheit ist in jeder Ecke zu spüren. Die platte Stelle auf dem Teppich vor dem Sideboard im Wohnzimmer, wo früher Masons Spielmatte lag. Als Baby lag er darauf, nur mit einer Windel bekleidet, strampelte mit seinen pummeligen Beinen und streckte seine kleinen Hände nach dem Spielzeug über seinem Kopf aus, ein Spiegel, eine Rassel, ein quietschender Delfin, alles verlockend in Reichweite baumelnd. Als Kleinkind hockte er auf der Matte und ließ Autos darüber brausen. Trotz unserer wiederholten Bemühungen mit dem Staubsauger hat sich der beige Teppich nicht wieder aufgerichtet.

Ich drehe mich im Flur immer noch leicht zur Seite, wenn ich zur Haustür gehe, obwohl jetzt Platz ist, wo früher der Kinderwagen stand.

Camilla wohnt nur um die Ecke, wir sehen uns immer noch ständig, aber anschließend, wie nach den Fish and Chips gestern Abend, geht sie weg und es ist einfach nicht mehr dasselbe.

Vielleicht habe ich keine Angst vor Veränderungen an sich, aber ich sträube mich dagegen. Ich sehne mich nach Vertrautheit, weil es eine Zeit gab, in der alles so überwältigend und unsicher war, dass ich die Struktur und die Routine, die ich jetzt habe, genieße. Ohne Camilla und Mason hat sich die Form meiner Welt verändert, und ich muss mich an die neue Form anpassen, die sie angenommen hat.

„Ich muss los.“ Mum nimmt ihre Autoschlüssel vom Haken an der Hintertür. „Pass auf deine Schwester auf.“

Mum zieht Amy zu sich heran und umarmt sie, bevor sie sich zu mir umdreht und genau dasselbe sagt. „Pass auf deine Schwester auf.“ Sie legt ihre Arme um meinen Hals. Es riecht nicht nach Haarspray, wie es an einem Arbeitstag der Fall wäre, wenn sie versucht, ihre Locken zu bändigen. Stattdessen riecht sie nach Mum, und ich halte ihre Unterarme um mich herum fest, weil ich sie plötzlich, aus unerklärlichen Gründen, nicht loslassen möchte. Ich habe so ein starkes Gefühl der Vorahnung. Eine unbekannte Veränderung rast auf mich zu.

„Ich brauche keinen Babysitter mehr, Mum.“ Amy wischt sich mit dem Ärmel einen Tropfen Milch vom Kinn. „Was wirst du mit mir machen, wenn Jen auszieht?“

Mums Arme um mich herum versteifen sich.

Wir wissen beide, warum ich noch nicht ausgezogen bin, warum ich es nicht tun werde.

Warum ich es, so sehr ich es manchmal auch möchte, einfach nicht kann.

Ich schließe die Augen und stelle mir vor, was ich gestern gesehen zu haben glaube.

Wen ich gesehen zu haben glaube.

Kapitel 4

Sonntag

JEN

Ich habe das Gefühl, gefangen zu sein, nachdem Mum gegangen ist. Gefangen in diesem Haus, unfähig, hinauszugehen, bis der potenzielle neue Untermieter gekommen ist. Gefangen in meinen eigenen turbulenten Gedanken.

„Willst du was spielen?“, frage ich Amy.

„Nein. Vielleicht später.“ Sie stampft die Treppe hinauf und ich höre, wie die Tür zu ihrem Schlafzimmer laut zuschlägt.

Willkommen in den Teenagerjahren.

Gestern im Wald war es toll, aber sie hat ein Alter erreicht, in dem sie nicht mehr immer mit ihrer Familie zusammen sein will. Das wurde deutlich, als ich, zwei Jahre, nachdem ich meine Zulassung erworben hatte, meine erste Lehrstelle an Amys Schule antrat. Da es nicht ihre Jahrgangsstufe war, hatte ich nicht damit gerechnet, dass sie so entsetzt reagieren würde.

„Du kannst nicht an der Sommerford unterrichten!“ Amy hatte angewidert das Gesicht verzogen und ich war tatsächlich zurückgewichen, als hätte man mich gestoßen. „Du bist meine Schwester. Das wird total peinlich.“

„Ich …“ Ich wollte etwas sagen, konnte aber nicht. Ich wusste nicht, was. Ich wusste nicht, ob ich die Stelle ablehnen sollte. Es gab andere Schulen, wenn auch nicht so nah an unserem Zuhause, aber bevor ich etwas erwidern konnte, hatte sich Mum eingeschaltet.

„Du solltest stolz auf deine Schwester sein, Amy, und dich nicht schämen. Sommerford ist eine tolle Schule. Das ist eine wirklich gute Chance für Jen.“

„Na schön“, hatte Amy widerwillig klein beigegeben und ich hatte mich entspannt, aber als ich dann in Amys Zimmer Wäsche wegräumte, sah ich das offene Notizbuch auf ihrem Schreibtisch. Ihre neueste Geschichte, „Das Geheimnis, warum meine Schwester mein Leben ruiniert hat“, handelte von einem Mädchen, dessen Schwester ihre Lehrerin wurde, und mir wurde ganz übel. Obwohl ich als Englischlehrerin normalerweise stolz auf Amys Fantasie und ihre Geschichten war, verspürte ich nur eine immense Welle der Verletztheit.

Ich war versucht, Amy zur Rede zu stellen. Sie zu fragen, was sie glaubte, wie ich mich gefühlt habe, als andere Mädchen in meinem Alter mit Make-up und Dates experimentierten und in Einkaufszentren herumhingen, während ich zu Softplay-Anlagen und Bauernhöfen mitgeschleppt wurde. Zu sehen, wie meine Freunde meine Mum anstarrten, wenn sie einen Kinderwagen schob, wenn wir unterwegs waren. Als ich hörte, wie sie Witze darüber machten, wie eklig es sei, dass meine Mum Sex hatte, obwohl sie schon alt war, und obwohl ich jetzt Mitte zwanzig bin, kann ich sehen, dass Mum, als Amy geboren wurde, mit ihren dreißig Jahren überhaupt nicht alt war. Trotzdem hatte mich das Kichern damals verletzt. Aber auch wenn ich mich geschämt hatte, hatte ich nie, nicht ein einziges Mal, gedacht, dass Amy mein Leben ruiniert hätte. Nicht, als sie geboren wurde. Nicht, als Dad, der mit der ungeplanten Geburt, dem nächtlichen Stillen und Windeln wechseln nicht zurechtkam, uns verlassen hatte.

Mit Tränen in den Augen hatte ich das Notizbuch Mum gezeigt. „Ich muss den Job an Amys Schule ablehnen.“

„Sie ist nur ein Kind, sie meint es nicht so“, hatte Mum gesagt.

Ein Schatten fällt über den Tisch. „Ich habe gerade an dich gedacht“, sage ich, als Amy in ihrem Pyjama wieder in die Küche kommt.

„Was ist mit mir?“

„Deine Reaktion, als ich den Job an der Sommerford bekommen habe.“

„Ja, tut mir leid. Ich war ein bisschen zickig.“

„Es macht dir nichts aus, dass ich jetzt dort unterrichte?“

„Nö. Die Jungs haben dich Ende des Semesters zur heißesten Lehrerin gewählt. Sie sind alle nett zu mir, in der Hoffnung, dass ich sie zu mir einlade und sie vielleicht deinen BH oder so zu sehen bekommen. Ich weiß aber, dass sie keine echten Freunde sind. Es ist … Wie nennt man das, wenn Marmalade dir auf den Schoß springt, weil er was will. Liebe aus …?“

„Eigennutz.“

„Ja, genau. Sie schauen halt, was sie kriegen können.“

 

Ich habe geduscht und mich angezogen, als es an der Tür klingelt. Als ich die Haustür erreiche, ist sie schon offen. Mason rennt mit ausgestreckten Armen auf mich zu. „Tante Jen, Tante Jen.“

Ich nehme ihn in die Arme, setze ihn auf meine Hüfte und bedecke seine Wange mit Küssen. Sein Mund ist rot gefärbt und er riecht nach Erdbeeren und Regen. Sein Haar ist feucht.

„Du bist seit gestern gewachsen. Du bist noch schwerer geworden.“ Ich beuge meine Knie und tue so, als würde ich ihn fallen lassen. Er kreischt vor Freude, entdeckt dann aber Amy hinter mir und windet sich, um sich zu befreien. „Amy, Amy. Schau dir meine Thomas-die-kleine-Lokomotive-Schuhe an. Sie leuchten, wenn ich renne!“

„Zeig mal“, ermutigt Amy ihn, obwohl sie – wie wir alle – es schon unzählige Male gesehen hat. Sie rennen zusammen die Treppe hinauf.

Camilla schlüpft aus ihrem Regenmantel und zieht ihre Gummistiefel aus.

„Du musst nicht klingeln, bevor du reinkommst, weißt du?“, sage ich. „Alles okay?“

Unter Camillas Augen liegen tiefe violette Schatten. Ihr Haar ist ungebürstet und zu einem Pferdeschwanz gebunden.

„Ich habe nicht besonders gut geschlafen.“

„Kaffee?“

„Die ganze Kanne, bitte.“ In der Küche sagt sie: „Ich hatte gehofft, mit deiner Mum sprechen zu können. Ich habe mehrmals versucht, sie anzurufen, aber sie geht nicht ans Handy.“

Mum hängt normalerweise ständig am Telefon, es sei denn natürlich, sie ist mit Klienten beschäftigt. Sie ist so engagiert in ihrem Job, dass sie sogar ihre geschäftlichen Anrufe auf ihr privates Handy weiterleiten lässt. Sie kann nur schwer Grenzen setzen.

„Sie ist gerade mit dem Auto unterwegs. Sie ist zu Onkel Don gefahren. Sie ist vor etwa einer Stunde losgefahren und sollte bald dort sein.“

Camillas Gesicht verzieht sich, ihre Augen füllen sich mit Tränen.

„Hey“, ich verschränke meine Finger mit ihren, „was ist los?“ Ich warte und bemerke, wie Camillas Lippen zittern, während sie versucht, sich zu beruhigen.

„Es ist nichts.“

„Raus damit.“ Ich lasse sanft ihre Hand los und halte meine mit der Handfläche nach oben zu ihr. Das ist unsere Art, uns gegenseitig zur Rede zu stellen, die aus unserem ersten Jahr in der Sekundarschule stammt. Die Kunstlehrerin hatte Camilla beschuldigt, Bastelmaterial versteckt zu haben. Sie hatte eine komplizierte, unglaubwürdige Geschichte erfunden, warum sie es nicht gewesen sein konnte.

„Camilla Hernandez, sagst du vorsätzlich die Unwahrheit?“, hatte die Lehrerin gefragt.

„Ja“, hatte Camilla geantwortet und sofort Nachsitzen bekommen.

„Ich dachte, sie meinte versehentlich“, hatte sie mir später erzählt. „Warum hat sie mich nicht einfach gefragt, ob ich lüge?“

„Hättest du es zugegeben?“

„Ihr gegenüber nicht, nein.“

„Aber mir gegenüber?“ Es schien mir unerlässlich zu wissen, dass sie stets ehrlich zu mir sein würde, denn unsere Freundschaft war noch ganz neu und es hatte bereits so viele Lügen in meinem Leben gegeben.

„Ich werde dir gegenüber immer alles zugeben.“ Sie hatte feierlich ihre Hand erhoben, als sie dieses Versprechen abgab, und ich hatte meine Handfläche auf ihre gedrückt. „Ich habe einen Teil der Sachen versteckt, aber nur, weil ich wusste, dass wir Halsketten für unsere Mums basteln sollten, und das wollte ich nicht, weil ich keine habe.“

„Wir können uns meine Mum teilen“, hatte ich sofort gesagt, und das haben wir über die Jahre auch getan.

Jetzt spüre ich die Wärme ihrer Hand, während ich auf ihre Antwort warte.

„Okay. Ich weiß nicht weiter.“ Dann bricht es in einem wirren Wortschwall aus ihr heraus. „Ich bin so verdammt müde. Mason schläft neuerdings schlecht und ich weiß nicht, ob es der Umzug ist, der ihn überfordert. Tagsüber ist er zwar trocken, aber nachts hält er nicht immer durch und er wird so oft wach, dass ich, selbst wenn er schläft, daneben liege und nur darauf warte, dass er wieder aufwacht und auf die Toilette muss. Gestern Abend war alles gut, nachdem Melissa ihm seine Geschichten erzählt hatte, aber sobald sie gegangen war, saß er wieder senkrecht im Bett. Ich hatte gehofft, sie wüsste vielleicht einen Rat.“

„Das geht vorbei. Das ist nur eine Phase.“ Ich bin überfordert. Was weiß ich schon darüber, ein Kind großzuziehen? Ich kann ihr nicht die Antworten geben, die sie braucht, aber ich kann ihr eine Auszeit bieten. „Warum lässt du Mason nicht hier? Nimm dir ein bisschen Zeit für dich. Ich kann ihn morgen vor dem Mittagessen vorbeibringen. Ich habe eine Fortbildung, aber ich muss nur für ein paar Stunden in die Schule und habe dann noch eine Online-Sache, die ich von zu Hause aus erledigen kann. Amy ist auch da, wenn du ihn bis zum Abendessen hier lassen möchtest, so hättest du den ganzen Tag für dich.“

Ich bemerke ihr Zögern und verstehe, warum. „Du bist eine wunderbare Mum, aber jeder braucht mal eine Pause. Du hast doch sicher ein paar Aufträge, die du erledigen musst?“ Camillas individuell gefertigter Schmuck ist atemberaubend. Sie hätte gerne einen eigenen Laden und baut ihr Geschäft stetig aus, um das zu erreichen. Durch Online-Bewertungen hat sie sich bereits einen guten Ruf erarbeitet.

„Ich habe zwar einige Bestellungen für Weihnachten, aber ich weiß nicht, ob ich Mason allein lassen kann. Ich weiß nicht, ob ich es aushalte, ohne ihn zu sein. Wir haben noch nie eine Nacht getrennt verbracht.“

„Wir sind nur fünf Minuten entfernt, falls er dich braucht.“

„Aber du siehst selbst erschöpft aus, Jen. Ist alles in Ordnung?“

„Mir geht es gut“, lüge ich.

Unsere Blicke treffen sich. In meinem liegt eine Bitte. Ich möchte, dass sie die Hand hebt. Mich auffordert, es auszuspucken, weil ich unbedingt mit jemandem sprechen muss, obwohl ich ihr von ihm, Andy, noch nie erzählt habe. Doch sie wendet sich bereits ab, ruft nach oben, um Mason zu fragen, ob er bei uns übernachten möchte. Umarmt mich zum Dank, als wir die letzten Absprachen treffen, bevor sie den Gartenweg hinunterstapft. Die Schultern gesenkt, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen.

Der Regen hat zugenommen. Ich zittere. Schließe die Tür.

Nach dem Mittagessen spielen wir Twister. Das ist im Moment Masons Lieblingsspiel. Seine Arme und Beine sind so viel kürzer als unsere, dass er sich meist quer über die Matte legt und sich bis in alle Ecken ausstreckt. Spotify läuft, während wir uns abwechseln.

Als das von mir gewählte Album zu Ende ist, kommt Mums Lieblingsplaylist – Rock aus den Achtzigern. Mason fängt an, zu Bon Jovis „Livin' on Prayer“ auf und ab zu springen. „Es spielt keine Rolle, ob wir nackt sind oder nicht“, singt er voller Inbrunst. Amy und ich biegen uns vor Lachen.

„Was ist so lustig?“, fragt er und legt den Kopf schief.

„Hör bei Songtexten lieber nicht auf Tante Lissa.“ Amy wuschelt ihm die Haare.

 

Mason ist im Bett und Amy schaut Netflix in ihrem Zimmer. Das weiche, durchgesessene Sofa seufzt, als ich mich darauf sinken lasse, ein gekühltes Glas Wein in der Hand, eine Schüssel mit gesalzenen Kettle-Chips auf dem Schoß. Erst als ich ein Drittel von Dirty Dancing gesehen habe, wird mir klar, dass der neue Untermieter nicht aufgetaucht ist.

Ich schreibe Mum eine Nachricht, um es ihr zu sagen und zu fragen, ob alles okay ist.

Meine Nachricht bleibt ungelesen.

 

Mein Schlaf war unruhig. Ich habe auf Mason gelauscht, falls er aufwachen sollte, was er auch mehrmals tat. Ich habe auf Mum gelauscht, falls sie nach Hause kommen sollte, was sie aber nicht tat. Es ist eine Erleichterung, als die blasse Sonne aufgeht, die Dunkelheit verdrängt und orange-gelbe Streifen durch den grauen Himmel webt, der wieder mit Wolken bedeckt ist.

Ich schaue auf mein Handy und versuche, Mum zu erreichen. Diesmal wird die Verbindung unterbrochen, ich höre nur das Freizeichen und spüre, wie die Angst in mir hochsteigt.

Aber dann sehe ich in meinem Nachrichtenverlauf drei Punkte. Mum tippt etwas.

Ich warte.

Und warte.

Die Punkte verschwinden.

Während ich aus dem regennassen Fenster starre, trommle ich nervös mit den Fingern auf der Fensterbank. Auf der anderen Straßenseite steht eine Gestalt und blickt auf unser Haus. Mein Magen zieht sich zusammen. Die Person steht regungslos neben der Laterne, die Kapuze über den Kopf gezogen. Soweit ich sehen kann, telefoniert sie nicht, ist nicht mit einem Hund unterwegs, sondern steht einfach nur da. Ich kann nicht sagen, ob es ein Mann oder eine Frau ist, und hätte ich ihn nicht vor ein paar Tagen in der Stadt gesehen, wäre mir sein Name nicht einmal in den Sinn gekommen.

Schmutzige Wolken ziehen über den Himmel, die Sonne wirft Schatten, die mal zu sehen sind und mal nicht. Mit einem Zischen löst der wartende Bus seine Bremsen und fährt von der Haltestelle ab. Als er davonrollt, nehmen die öligen Pfützen im Rinnstein nach und nach wieder ihre schillernden Regenbogenfarben an.

Die Gestalt ist verschwunden.

Meine Erleichterung ist enorm. Ein nervöses Lachen entweicht mir. Und Mum behauptet, Amy sei diejenige mit der lebhaften Fantasie.

Ich kann nicht glauben, dass ich nicht mal daran gedacht habe, dass die Person vielleicht nur auf den Bus wartet, wenn auch an der falschen Stelle, aber durchaus nicht zu weit entfernt, um ihn mit ein paar schnellen Schritten zu erreichen. Ich suche die Straße ab. Ich habe zwar nicht gesehen, wie die Person eingestiegen ist, aber sie ist definitiv weg.

Es ist bloß, weil ich dachte, Andy gesehen zu haben und weil ich Mum nicht erreichen kann, dass ich so neben der Spur bin.

Mum.

Als hätte ich sie mit meinen Gedanken herbeigezaubert, klingelt mein Handy und eins meiner Lieblingsfotos von ihr leuchtet auf dem Bildschirm auf. Sie ist im Garten. Hinter ihr ein Rhododendronbusch mit leuchtend lila Blüten und glänzend grünen Blättern. Ihr Gesicht ist teilweise hinter Marmalade verborgen, der auf ihrem Schoß sitzt, aber an den Falten um ihre Augen herum kann man erkennen, dass sie lächelt. Dass sie glücklich ist.

„Hallo?“

Es ist nichts zu hören außer Rauschen und dann Stille. Ein zweiter Anruf, der unterbrochen wird, sobald ich annehme.

Fast sofort kommt eine SMS, eine Antwort auf meine vorherige Nachricht, in der stand:

Bitte sag mir, dass du okay bist, Mum, warum bist du bei Onkel Don geblieben?

Sorry, schlechter Empfang. Du weißt ja, wie es hier ist. Mir geht's gut, aber kannst du ein paar Tage die Stellung halten?

Warum? Was ist mit der Arbeit?

Ich habe mir ein paar Tage frei genommen. Ich brauche eine Pause. Tut mir leid, dass ich nicht nach Hause gekommen bin, das war eine spontane Entscheidung. Ich kann zurückkommen, wenn du mich brauchst.

Irgendwas stimmt nicht.

Mein Daumen verharrt über der Tastatur. Innerlich rechne ich automatisch mit dem Schlimmsten, aber mache ich das nicht eh immer? Ich wittere überall eine Katastrophe. Man schaue sich nur an, wie ich vorhin reagiert habe, als ich dachte, Andy stünde draußen. Vielleicht braucht Mum einfach mal eine Auszeit. Ihr Job als Sozialarbeiterin ist nicht einfach. Sie hat oft den ganzen Tag zu tun und kann auch zu Hause nicht richtig abschalten. Sie gibt sich selbst die Schuld statt dem System, wenn sie ihren Klienten nichts alles verschaffen kann, was sie brauchen. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie jemals ohne mich oder Amy Urlaub gemacht hat.

Aber das hier ist kein Urlaub.

Sie hat sich eine Auszeit von der Arbeit genommen.

Weil …?

Jen? Bitte?

Es kommt mir komisch vor, aber vielleicht möchte sie einfach nur ein bisschen Zeit mit ihrem Bruder verbringen. Obwohl ich nicht verstehe, was mit ihr los ist, weiß ich, dass ich das auch nicht muss. Sie war immer für mich da, bedingungslos, ohne zu zögern. Ich muss dasselbe für sie tun. Aus welchem Grund auch immer, sie braucht offensichtlich etwas Freiraum, und das Mindeste, was ich tun kann, ist, ihr diesen zu geben. Ich möchte nicht, dass sie sich nicht gesehen fühlt. Nicht geschätzt.

Wir kommen schon klar, aber bitte bleib in Kontakt xxx

Sie schickt noch eine Nachricht, verabschiedet sich wie immer mit „LOL“, weil sie weiterhin darauf besteht, dass es für sie „lots of love“ bedeutet.

Ich schicke ein Lach-Emoji zurück, weil ich das immer so mache, auch wenn mir nicht nach Lachen zumute ist. Und obwohl ich versuche, meine Unruhe abzuschütteln, als ich nach unten gehe, bin ich immer noch beunruhigt.

Verängstigt.

Andy.

Mein Herz fängt an zu rasen. Ich wünschte, ich hätte mich gestern Mum anvertraut und ihr meine Sorgen mitgeteilt. Ich wünschte, sie hätte mich beruhigt, dass es unmöglich er sein konnte, aber wir haben nicht darüber geredet, denn sie hatte offensichtlich etwas anderes umgetrieben.

Aber was, wenn es Andy war, an den sie gedacht hatte?

Was, wenn sie ihn auch gesehen hatte?

Der Gedanke trifft mich wie ein Schlag und ich greife nach dem Fensterbrett, um mich zu stabilisieren, die Haut über meinen Knöcheln ist gespannt und weiß.

Hitze durchströmt mich.

Wenn er mich gefunden hat – uns gefunden hat – dann …

Ich ertrage es nicht, darüber nachzudenken.

Kapitel 5

Montag

JEN

Amy und Mason sind schon in der Küche, beide im Pyjama und barfuß.

„Schläft Mum noch?“, fragt Amy.

„Sie bleibt ein paar Tage bei Onkel Don.“ Noch während ich es sage, antizipiere ich ihre Fragen und formuliere Antworten.

„Cool. Dann ist ja gut, dass ich mit ihm hier aufgestanden bin.“ Sie lächelt Mason an. „Das ist sein drittes Frühstück.“ Amy schüttelt ungläubig den Kopf. Mason kichert.

Er will immer nur ein paar Rice Krispies auf einmal, damit er sie knispern, knaspern und knuspern hören kann, wenn die Milch darüber gegossen wird. Er schaufelt sie schnell in den Mund, bevor sie matschig werden, und streckt dann seine Schüssel wie Oliver Twist nach mehr aus.

„Ich weiß nicht, wo er das alles lässt.“ Ich lächle Amy dankbar an und wuschle Mason die Haare. „Möchtest du Orangensaft?“

Er nickt. „Geschüttelt, nicht gerührt.“

„Ernsthaft? James Bond?“ Ich ziehe die Augenbrauen hoch und schaue Amy an. Ich hätte sie gestern Nachmittag, als wir Twister gespielt haben, besser im Auge behalten sollen.

„Entspann dich. Wir haben nur gespielt. Ich habe ihn nicht den S-E-X sehen lassen.“

Ich schütte Saft in sein Glas und bin froh, dass er noch zu jung ist, um zu buchstabieren.

Es klingelt an der Tür.

Ich denke, es ist Camilla, die es nicht erwarten kann, bis ich Mason bei ihr absetze, aber sie ist es nicht.

Auf der Treppe steht ein Mann, die frühe Morgensonne scheint direkt hinter ihm und taucht ihn in ein winterliches Licht, das so blendend ist, dass ich meine Augen davor abschirmen muss.

„Ich suche Melissa Abbott.“ Seine Augen sind fragend, strahlend blau, sein Haar weißblond.

„Tut mir leid, sie ist ein paar Tage verreist.“

Enttäuschung spiegelt sich in seinem Gesicht wider. „Weißt du, wann sie zurückkommt?“

„Ah. Du kommst wegen des Zimmers?“ Mir wird klar, wer er ist. „Sie entschuldigt sich, dass sie nicht hier ist.“

„Du musst Jen sein, Mels Tochter? Sie hat dich erwähnt. Ich bin Luke.“ Er streckt mir seine Hand entgegen, und ich ergreife sie, seine Finger umschließen meine fest. Seine Haut ist warm und weich.

„Tut mir leid, Mum wollte eigentlich hier sein, aber ihr ist was dazwischengekommen. Familienangelegenheiten. Wir haben dich gestern erwartet. Dachten, du hättest es dir anders überlegt.“

„Tut mir leid. Ich habe versucht, anzurufen und ihr eine SMS zu schicken, aber …“

„Der Empfang ist dort, wo sie ist, ziemlich schlecht.“

„Ist sie über Festnetz zu erreichen?“

„Nein, tut mir leid.“ Don hat kein Festnetz. „Möchtest du dir das Zimmer ansehen? Das ist kein Problem. Ich kann es dir zeigen.“

Er zögert und schaut an mir vorbei. „Kann ich deiner Mum eine Nachricht hinterlassen? Für später?“

„Sicher. Komm kurz rein.“

Ich trete beiseite und lasse ihn herein.

Gleich hinter der Eingangstür befindet sich der Raum, den Mum als ihr Arbeitszimmer bezeichnet. Ursprünglich war es ein Esszimmer, aber es war zu eng für einen anständigen Tisch, also wurde der Raum zu einem Spielzimmer für Amy umfunktioniert. Als Amy zu alt für ihre Spielsachen war, kaufte Mum einen kleinen Schreibtisch und einen Aktenschrank. Es gibt farbliche Akzente, einen magentafarbenen Stifthalter, den Amy in der Schule gebastelt hat, ein gelbes Kissen auf Mums Stuhl, eine Yucca-Palme in einem leuchtend orangefarbenen Topf, die für die kleine Ecke zu groß geworden ist, ihr Stamm ist gekrümmt, die Blätter strecken sich zum Fenster. Der Raum duftet nach Vanille aus dem Diffusor auf dem Bücherregal.

„Das ist ein schönes Zimmer“, sagt Luke und schaut sich um.

„Danke.“ Ich durchsuche die Schublade nach einem Block. „Wir haben ihn nie wirklich benutzt, aber während des ersten Lockdowns hat Mum von zu Hause aus gearbeitet, wenn es ging, also brauchte sie einen Platz, auch wenn sie weiter ihre Besuche machte.“

„Ich schätze, Sozialarbeiter mussten auch während der Pandemie weiter ran“, sagte Luke.

„Das mussten sie. Nicht, dass Mum sich hätte abhalten lassen. Sie kümmert sich sehr um die Kinder auf ihrer Liste.“

Ich finde Papier und einen Stift. Auf der ersten Seite steht in großen Buchstaben gekritzelt:

 

Hilfe

Lily

Plan

 

Ich reiße die Seite heraus. Mum kritzelt oft vor sich hin, wenn sie telefoniert.

„Klingt, als hätte jemand Probleme“, sagt Luke und beobachtet, wie ich das Papier zu einem Ball zusammenknülle.

„Wie gesagt, Mum ist Sozialarbeiterin. Es gibt immer jemanden, der Probleme hat.“

Ich reiche Luke den Block und merke, dass ich zu viel rede, denn ehrlich gesagt ist es nicht die Anwesenheit eines Fremden im Haus, die mich aus der Fassung bringt. Es ist die Anwesenheit eines Mannes in meinem Alter, eines gut aussehenden Mannes, die mich dazu bringt, mein Haar zu glätten und diskret zu überprüfen, ob auf der Vorderseite von Dads altem Beatles-T-Shirt Kaffeeflecken zu sehen sind. Ich ziehe die Kordel an meiner Yogahose etwas fester.

Ich atme tief ein.

Hör auf damit.

„Du bist jünger, als ich dachte“, platze ich heraus. „Ich meine, als Mum sagte, du seist Klempner, dachte ich, du wärst, ich weiß nicht …“ Ich spüre, wie mir die Hitze in die Wangen steigt. „Anders“, beende ich meinen Satz kläglich.

„Was hat deine Mum dir noch über mich erzählt?“

„Sie sagte …“ Ich überlege. Ich will ihm nicht sagen, dass ich nicht richtig zugehört habe. Ich war zu sehr damit beschäftigt, ihn abzulehnen, bevor er überhaupt angekommen war. Der Gedanke an seine Füße in der Dusche hatte mich über die Maßen gestört, aber jetzt der Gedanke an ihn in unserem Bad, nackt …

Hör auf damit.

Ich blamiere mich und bin mir der Röte, die sich auf meinen Hals ausbreitet, sehr bewusst.

„Sie sagte, dass deine Referenzen gut sind und du das Zimmer haben kannst, wenn du es willst. Ich meine, wenn ich dich mag. Ich meine nicht … Ich meine, wenn wir dich mögen. Ich und Amy. Nicht, dass wir dich nicht mögen könnten, aber es ist wichtig, dass wir uns alle wohlfühlen, nicht wahr? Dass du uns auch magst.“ Ich atme tief ein, als ich endlich innehalte, und reiße mich bei dem Gedanken an Amy zusammen.

Dieser Mann, dieser Fremde, könnte unter unserem Dach leben, und obwohl Mum ihn für geeignet hält, muss ich auch mit ihm klarkommen. Ich strecke meinen Rücken und suche nach passenden Fragen, die ich ihm stellen kann.

„Bist du zuverlässig?“

Für einen kurzen Moment runzelt er die Stirn und sieht gequält aus, bis er sich vom Fenster abwendet und mir klar wird, dass ihm die Sonne in die Augen geschienen hat.

„Ich meine nur, weil du einen Tag zu spät bist“, sage ich.

„Hör mal. Wann, sagst du, kommt Melissa zurück?“

„Ich weiß nicht. Sie hat sich ein paar Tage frei genommen.“

„Und sie ist abgereist?“

„Gestern.“

Aus dem Wohnzimmer ertönt ein Schrei. Ich eile dorthin und drücke die Tür auf, als ich Gelächter höre.

Mason und Amy spielen wieder Twister.

„Ich dachte, jemand würde ermordet werden.“

„Willst du mitspielen?“ Amy ist in der Yoga-Position „Herabschauender Hund“, ihr Haar fällt ihr über das Gesicht.

Mason liegt auf dem Bauch in der Mitte, die Arme und Beine von sich gestreckt.

„Später.“ Ich drehe mich um, Luke steht direkt hinter mir.

Er entschuldigt sich, als er zurück ins Arbeitszimmer geht. „Sorry, ich habe einen Schrei gehört und vergessen, wie laut Kinder sein können. Ich habe das früher mit meiner Schwester gespielt, als wir klein waren. Es war furchtbar unfair ihr gegenüber, weil sie so klein war, aber sie liebte es, die Scheibe zu drehen und zu gucken, auf welcher Farbe sie landen würde.“

„Hast du sie gewinnen lassen?“

„Meistens. Ich schätze, darum geht es, wenn man der Älteste ist. Man möchte seine Geschwister beschützen, oder? Deine Mum hat gesagt, dass es dir mit Amy genauso geht.“

„Ja.“ Ich entspanne mich. Mum muss ihn wirklich gemocht haben, wenn sie ihm solche Details über uns erzählt hat. Normalerweise ist sie ziemlich verschlossen. „Auch wenn nicht immer alles eitel Sonnenschein war. Amy und ich streiten uns immer noch manchmal.“

„Tja, Geschwister können schon auch nervig sein.“

„Stehst du deiner Familie nahe?“

„Wir haben unsere Höhen und Tiefen. Ich könnte mir aber nicht vorstellen, wieder mit meiner Mum zusammenzuleben“, sagt er und mustert mich. „Ich bin schon so lange unabhängig. Wie auch immer, Mel hat mir erzählt, dass sie zwei Töchter hat, aber wer ist der junge Mann?“

„Mason. Er ist der Sohn meiner Freundin Camilla. Die beiden haben früher hier gewohnt. Möchtest du das Zimmer sehen?“ Ich erinnere mich daran, weswegen er hier ist.

Er zögert einen Moment, unsere Blicke treffen sich. Er fühlt sich unwohl, und ich frage mich, ob es daran liegt, dass er es auch spürt. Diese Energie zwischen uns. „Ich … ich bin mir nicht sicher.“

„Natürlich.“ Es ist keine Ablehnung, aber es fühlt sich so an. Es tut weh. „Es kann ein bisschen chaotisch sein.“ Ich weiß nicht, ob die Kinder und der Lärm der Grund sind, warum er nicht bleiben will, aber es ist besser, das zu denken, als mich zu fragen, ob es an mir liegt.

„Es ist nicht so … es ist, nun ja, es ist …“ Er bemerkt die Fotocollage in der Ecke und geht näher heran. Da sind Mum und ich, wie wir mit einem Glas Wein in der Hand in die Kamera lächeln und auf meinen ersten Lehrerjob anstoßen. Ein Foto von Amy, die vor der Schule steht und in ihrer neuen Uniform viel zu klein wirkt, mit den Ärmeln über den Händen und einer beige-burgunderfarbenen weinroten Krawatte. Camilla und Mason, die mit Gummistiefeln durch den Schnee stapfen.

Luke dreht sich wieder zu mir um. „Okay. Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich mich gerne umsehen.“

Er folgt mir nach oben.

„Mason war gestern Abend hier.“ Ich glätte die Bettdecke und schaue mich um. „Wir können das Zimmer ausräumen.“ Es gibt nicht viel hier, ein paar Kuscheltiere auf dem Regal, ein paar Bücher, die Camilla zurückgelassen hat. „Hast du viel Zeug?“

„Nein. Nur ein bisschen Kleidung. Mach dir keine Gedanken darüber, was wegzuräumen.“

„Ich weiß nicht, was Mum dir über uns erzählt hat. Wir sind im Allgemeinen ziemlich ruhig. Mason bleibt manchmal über Nacht, aber in Amys Zimmer steht ein aufblasbares Bett, sodass er jetzt dort schlafen kann, aber …“ Ich bin mir nicht sicher, ob es mir zusteht, das zu sagen, was Mum vielleicht schon gesagt hat, aber ich fühle mich Amy und Mason gegenüber verantwortlich. „Gibt es eine Freundin, die vielleicht mal über Nacht bleibt?“

Was ich eigentlich wissen möchte, ist, ob es womöglich eine Parade von Frauen gibt, die ein- und ausgehen werden. Lautstarken Sex. BHs, die auf der Treppe zurückgelassen werden.

„Nein.“

„Bei mir auch nicht. Ich meine nicht eine Freundin, ich meine …“ Was ist los mit mir? Mir ist das unfassbar peinlich. Luke muss nichts über mein Liebesleben wissen, oder vielmehr über das Fehlen eines solchen. Als Nächstes werde ich ihm noch erzählen, dass ich mich von Kamil, dem Geografielehrer, mit dem ich zusammen war, getrennt habe, weil ich keine Funken verspürt und keine Zukunft für uns gesehen habe. Ich war überrascht, wie schlecht er das aufgenommen hat und dass er flehende, fast aggressive Notizen in meinem Spind hinterlassen hat. Mir wurde klar, dass er etwas in uns gesehen hatte, das ich überhaupt nicht empfunden habe.

Mein Handy vibriert, ich habe eine Nachricht bekommen. Ich lese sie und tippe schnell eine Antwort.

„Deine Mum?“, fragt Luke.

„Nein, Camilla, die fragt, wie es Mason geht.“ Ich zeige Luke das Bad, dann gehen wir wieder runter ins Wohnzimmer. Er nimmt ein Foto von uns dreien vom Sideboard, auf dem wir in einer Art Kreis auf dem Rasen liegen. Unsere Köpfe berühren sich.

„Sehr künstlerisch.“

„Amy hat uns für Instagram posieren lassen.“ Ich verziehe das Gesicht.

„Magst du die Kamera nicht oder Social Media?“

„Beides, ehrlich gesagt. Mum und ich wollten nicht, dass sie einen Account hat, aber anscheinend nutzt ihn jeder und sie hat ihr Profil auf privat gestellt.“ Es gefällt mir noch immer nicht, dass sie einen hat. Mum und ich sind so vorsichtig, seit wir aus unserer Heimatstadt weggezogen oder vielmehr geflohen sind. Ich habe keine Social-Media-Accounts, es gibt mehr Geheimnisse als Andy, die ich verbergen möchte.

„Man kann heutzutage nicht vorsichtig genug sein, was?“, sagt Luke. „Ich kann gar nicht glauben, wie ähnlich ihr euch alle seht. Das ist ein gutes Foto.“ Er stellt den Rahmen vorsichtig zurück auf die Anrichte.

„Sekunden nachdem das Foto gemacht worden ist, ist Amy das Handy aus den Fingern gerutscht und auf meinem Gesicht gelandet. Ich meine, sie sagt, es sei ihr runtergefallen, aber ich glaube, sie hatte es satt, dass ich ihr ständig sagte, sie solle sich beeilen. Heute kann ich darüber lachen, aber damals hat es ziemlich wehgetan.

„Tja, ich sage ja, Geschwister können nervig sein.“

„Also.“ Es ist mir unangenehm, danach zu fragen. „Ich nehme an, du hast mit Mum über Geld und alles andere gesprochen? Oh, klar, sie meinte, du hättest bereits eine Anzahlung geleistet. Weißt du, wie wir es mit dem Essen und Kochen und allem halten?“

„Ich habe mich gut mit Melissa unterhalten. Sie weiß, wonach ich suche.“

„Toll, dann komm und lerne Amy richtig kennen.“

Amy, die jetzt auf der Twister-Matte steht, entdeckt Luke sofort hinter mir. Ich stelle sie einander vor. Ich sehe zu, wie Luke sich auf Masons Höhe hinkniet, während sie sich unterhalten. Höre, wie Luke es ablehnt, mitzuspielen, als Mason ihn darum bittet, worüber ich froh bin. Es wäre echt unangemessen, wenn er den Kindern so nahe käme, aber wenn ich daran denken, wie seine Arme sich um mich legen …

Hör auf damit.

Masons Miene hellt sich auf, als Luke fragt, ob er sich die Züge in der Ecke ansehen darf. Er betrachtet sie, als wären sie kostbare Juwelen.

„Ich habe meine Schwester immer mitgenommen, um die Züge zu beobachten“, sagt er. „Wir haben versucht zu erraten, wohin die Passagiere fahren.“

Er bezieht Amy in das Gespräch mit ein. Erfindet Abenteuer für Masons imaginäre Passagiere. Er bringt sie zum Lachen.

Nach einer Weile zeigt sie mir ein breites Lächeln und hält beide Daumen hoch.

„Das Zimmer gehört dir, wenn du es willst“, sage ich, überrascht davon, wie sehr ich mir wünsche, dass er ja sagt. Nicht nur, weil er so umgänglich ist, sondern auch, weil es eine Sorge weniger für Mum wäre. Ich glaube, keiner von uns hätte gedacht, dass wir uns gleich auf den ersten Bewerber würden einigen können.

Er trommelt mit den Fingerspitzen gegen seine Lippen und denkt nach. Sein Blick schweift durch den Raum. Dann ruht er wieder auf mir. „Könnte ich heute Nachmittag einziehen?“

 

Nach dem Mittagessen kommt Luke mit einem Rucksack zurück. Er hat nicht übertrieben, als er sagte, dass er nicht viel besitzt. Er steht im Flur, wechselt unruhig von einem Fuß auf den anderen, sein Blick huscht überall hin und bleibt nirgendwo hängen. Ich könnte mir nicht vorstellen, dieses Haus zu verlassen, um bei einer fremden Familie einzuziehen. Das muss sehr seltsam sein.

„Fühl dich wie zu Hause.“ Ich gebe ihm einen Schlüssel und sage ihm, dass er sich in Ruhe einrichten soll, während Amy und ich Mason nach Hause bringen.

„Danach muss ich zu einer Besprechung in die Schule, aber Amy kann bei Camilla bleiben, damit du dich einleben kannst. Wir sind gegen Abend zurück.“

Es ist komisch, sich umzudrehen und ihn am Fenster stehen zu sehen. Es ist so lange her, seit Dad weggegangen ist, dass ich mich frage, ob wir das Richtige damit tun, Luke einziehen zu lassen. Ob seine männliche Energie alles verändern wird.

„Das ist keine große Sache, Jen.“ Amy hält Masons Hand, während sie über die Risse im Bürgersteig treten. „Wenn wir uns nicht vertragen, muss er eben wieder ausziehen.“

Sie ist erst dreizehn, aber sie hat genau das Richtige gesagt, um meine unausgesprochenen Ängste zu beruhigen. Natürlich muss es nicht für immer sein. Mum mag ihn. Amy und ich mögen ihn. Nichts hat sich geändert. Und doch fühlt es sich irgendwie an, als hätte sich alles geändert.

„Du hast recht.“ Ich nehme Masons andere Hand und gehe auf Zehenspitzen. „Wir werden ihn im Auge behalten und sehen, wie es läuft.“

Er ist nett. Wir haben wirklich Glück.

Ich verliere das Gleichgewicht und lande hart auf den Füßen. „Ups.“

„Trittst du auf den Spalt, wird der Mutter kalt“, singt Amy.

Aus unerklärlichen Gründen schaudert es mich.

 

Sobald sie die Tür öffnet, nimmt Camilla Mason in die Arme und legt ihm das Kinn auf den Kopf. Ihre Haut ist blass, ihre Augen sind blutunterlaufen, voller Tränen, sie sieht mich nicht an. Um sie herum hängt der Geruch von Alkohol.

„Hast du das Beste aus deinem Abend allein gemacht?“, grinse ich.

„Ja. Normalerweise trinke ich nichts, für den Fall, dass Mason aufwacht. Jetzt bereue ich es.“

„Soll ich ihn wieder nehmen?“

„Nein. Ist nur ein Kater.“ Sie ringt sich ein schwaches Lächeln ab. „Tut mir leid, ich muss los. Ich glaube, ich muss mich wieder übergeben.“

Sie schließt die Tür, bevor ich die Chance habe, ihr von Luke zu erzählen und zu fragen, ob Amy bei ihr bleiben kann. Ich würde ihr gerne sagen, wie sehr ich mich freue, dass er bei uns einzieht. Nicht nur, weil er nett ist und Mum sich freuen wird, sondern weil ich noch aus einem anderen Grund froh bin, ihn im Haus zu haben, vor allem, wenn Mum nicht da ist. Falls Andy mich gefunden hat – uns gefunden hat – dann bin ich mit Luke im Haus sicherer, oder?

Amy und ich, wir werden beide sicher sein.