Prolog
Ein klirrendes Geräusch riss den kleinen Jack aus seinem unruhigen Schlaf.
Unter der abgenutzten Decke rollte er sich zusammen, um sich vor der beißenden Kälte zu schützen. Zitternd beobachtete er die Wölkchen, die sein Atem bildete, und spürte den nagenden Hunger.
Während der Wochen, die er hinter diesen Mauern verbracht hatte, war dem Jungen bewusst geworden, dass ein Armenhauskind nichts anderes als ein leerer Bauch mit hohlen Augen und flinken Händen war, bereit, sich jedes unbewachte Stück Brot zu schnappen. Der quälende Hunger machte aus ihnen allen Diebe. Er fühlte sich müde und schwach, doch wenn er etwas essen wollte, musste er aufstehen. Und er sollte sich besser beeilen, sonst würde er den Hieb der Hand der Hausmutter spüren und den ganzen Tag lang bis zum Abendessen hungern müssen.
Doch als er das Klirren der Schlüssel hörte und den Lichtstreifen sah, der durch den unteren Rand der Tür blitzte, erstarrte er. Mit angehaltenem Atem lauschte er, bis der Schein der Lampe weiterwanderte und der Schlüssel an einer anderen Tür kratzte.
Erleichterung überflutete ihn. Dann vergrub er das Gesicht in der Decke und schluchzte.
„Jillie.“
Kapitel 1
November 1866
Julia Lewis bahnte sich einen Weg durch die gaffende Menge. Als sie es endlich geschafft hatte, versperrte ihr ein junger Polizist den Weg.
„Entschuldigen Sie, Miss.“ Der Bobby wies mit seinem Schlagstock nach links. „Wenn Sie dort entlanggehen, gelangen Sie zu den Märkten an der Commercial Road.“
„Danke, Constable, aber heute bin ich nicht hier, um Besorgungen zu machen. Ich bin hier, um eine Leiche zu untersuchen.“
Er starrte sie an, öffnete den Mund und schloss ihn wieder.
Julia seufzte. „Wären Sie vielleicht so freundlich, Ihren Vorgesetzten zu rufen?“ Sie zog einen Zettel hervor und prüfte die Unterschrift. „Inspector Richard Tennant?“
„Paddy“, rief er einem großen, stämmigen Kollegen zu. „Die Dame möchte den Chef sprechen.“ Als er hinzufügte: „Es geht um die Leiche“, sah der große Mann sie scharf an.
Sein Blick fiel auf ihre Arzttasche. „In Ordnung, Bert. Such ihn und richte ihm aus, seine Anwesenheit wird verlangt.“
Der jüngere Constable ging davon und warf ihr noch einen Blick über die Schulter zu.
Der große Polizist tippte grüßend an seinen Helm. „Der Constable holt den Inspector“, sagte er, wobei ein irischer Akzent in seiner Stimme mitschwang.
„Danke, Constable …“
„O’Malley.“
Julia nickte. „Constable O’Malley.“
Sie setzte die Arzttasche ab und sah sich um. Die Notiz, die sie erhalten hatte, hatte sie zu einer Baustelle geführt, dem letzten unfertigen Abschnitt von Londons gewaltigem Bauprojekt, den Abwasserkanälen. Doch die Entdeckung der Leiche hatte alle Arbeiten zum Erliegen gebracht. Spitzhacken und Schaufeln lehnten an Haufen aus grauem Stein und staubigen Ziegeln. Die untätigen Männer rauchten ihre Tonpfeifen und schienen es nicht eilig zu haben, ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Sie hatten eine Häuserreihe abgerissen, um Platz für den Tunnel zu schaffen, und nun gähnte die Stelle wie das lückenhafte Lächeln eines Greises zwischen den baufälligen Gebäuden, deren Satteldächer und Schornsteine gegen den Himmel eine gezackte Linie bildeten.
In der Nacht zuvor hatte es geregnet. Julia blickte zum bleiernen Himmel hinauf, der einen weiteren Regenguss versprach. Wenn sich der Inspector nicht beeilte, würde sich der Tatort in einen Sumpf verwandeln.
Die Minuten vergingen. Ungeduldig klopfte Julia mit dem Regenschirm gegen ihre Waden. Sie blickte auf ihre Taschenuhr und dann zu O’Malley auf. Der Constable strich die Enden seines buschigen Schnurrbarts glatt, wandte sich ab und pfiff dabei ziemlich schief eine Melodie.
Dann näherte sich endlich ein gut gekleideter Mann mit militärischer Haltung und tippte zum Gruß an die Krempe seines Hutes.
„Detective Inspector Tennant“, sagte er knapp. Er deutete auf den kleinen, drahtigen Beamten an seiner Seite. „Und das ist Detective Sergeant Graves. Wie kann ich Ihnen helfen?“
Julia hängte den Schirm in die Armbeuge und streckte die rechte Hand aus. „Julia Lewis.“ Sie nickte dem Sergeant zu. „Sie haben nach meinem Großvater Andrew Lewis geschickt, aber ich fürchte, er ist gerade nicht verfügbar. Ich assistiere ihm in seiner Praxis.“
„Sind Sie Krankenschwester, Miss Lewis? Denn was wir brauchen, ist ein –“
„Doktor Lewis.“
„Sie wollen doch sicher nicht andeuten, dass –“
„Doch, das will ich, Inspector.“
Sergeant Graves hatte ungeduldig mit den Füßen gewippt, die Daumen in die Taschen gehakt und mit den Fingern auf seine Uniformjacke getrommelt. Doch nun hielt er inne. „Liebe Güte.“ Er musterte sie von oben bis unten. „Niemals.“
Julia lächelte. „Es stimmt, Sergeant. Ich habe in Betracht gezogen, mein Arztdiplom mitzubringen. Aber selbst zusammengerollt passt es nicht in meine Tasche.“
Reaktionen wie diese trafen sie immer noch, doch vier Jahre nach ihrem Abschluss gelang es ihr meist, die Verärgerung zu verbergen. Der Sergeant erwiderte ihr Lächeln, Tennant jedoch nicht. Sie seufzte. Kein Sinn für Humor.
„Befindet sich das Opfer dort drüben, Inspector?“ Sie nickte in Richtung der Polizeihelme und Schultern, die aneinandergereiht über den Rand eines Grabens ragten.
Tennant nickte. „Aber ich fürchte, das ist kein Anblick für … Doktor Lewis, ich glaube nicht, dass …“
„Inspector Tennant, Sie haben meinen Großvater herbeigerufen, und ich vertrete ihn, während er sich erholt. Ich bin eine voll qualifizierte Ärztin, die im medizinischen Register eingetragen ist. Nun, soll ich mit der Untersuchung beginnen? Wenn wir noch länger zögern, könnte die Leichenstarre einsetzen.“
Tennant trat beiseite. „Natürlich, Doktor.“
Julia nahm ihre Tasche auf und schob sich an ihm vorbei. „Ich habe schon so manche Leiche gesehen.“
Sergeant Graves rief ihr nach: „Aber keine wie diese, Miss – Doktor.“
„Eine Ärztin“, murmelte Tennant. „Der Himmel bewahre uns davor.“
Julia stieg die sechs Meter tiefe Böschung hinab und löste dabei eine kleine Lawine loser Kieselsteine aus. Sie ergoss sich in den halb fertigen Entwässerungstunnel. Am Grund der Senke saugte sich zähflüssiger ockerfarbener Schlamm an ihren Stiefeln fest. Sie schlängelte sich um Ziegelhaufen herum und duckte sich unter dem Gewirr aus Eichenholzgerüsten hindurch.
Sergeant Graves kletterte ihr hinterher in die Senke, Tennant folgte ihnen. Er hatte Mühe, den Abhang hinunterzukommen – überraschend für einen Mann, der Mitte dreißig zu sein schien, dachte Julia.
Die untere Hälfte eines männlichen Körpers, der auf die linke Seite gedreht war, ragte aus dem Ende des gemauerten Tunnels heraus. Der Oberkörper, die Schultern und der Kopf lagen im Schatten. Hose und Unterhose waren ihm bis zu den Knöcheln heruntergerissen worden und bildeten nun ein Knäuel um seine Stiefel. Die rechte Hand bedeckte seine Genitalien. Ist sie nach seinem Tod dorthin gelegt worden? Julia hielt das für wahrscheinlich. Blutspuren befleckten den Boden unter den Fingern der linken Hand.
Julia holte tief Luft. Bleib ruhig, dachte sie. Du hast das schon einmal gemacht. Dennoch hatte sie noch kein Mordopfer untersucht, und sie wollte verdammt sein, wenn sie zuließ, dass die Polizisten sahen, wie ihre Hand zitterte.
Sie zog Handschuhe aus vulkanisiertem Gummi aus ihrer Arzttasche und hockte sich vor die Leiche. Einer der Polizisten stöhnte, als sie das blutige Durcheinander freilegte, das sich unter der rechten Hand verbarg. Reflexartig griff er sich an den Schritt.
Über die Schulter wandte sich Julia an Tennant. „Haben Ihre Leute die Umgebung gründlich abgesucht, Inspector?“
„Natürlich.“
„Ich würde Sie bitten, sie noch einmal suchen zu lassen. Vielleicht finden Sie das vom Mörder weggeworfene –“ Der entsetzte Ausdruck auf dem Gesicht eines jungen Polizisten ließ sie innehalten. „Vielleicht finden Sie das Glied des Opfers irgendwo in der Nähe.“
Unwahrscheinlich, dass sie es finden, dachte Julia. Höchstwahrscheinlich von streunenden Katzen weggetragen. Ratten hatten sich bereits an den Fingerspitzen und Ohrläppchen zu schaffen gemacht.
Sie erhob sich. „Nicht so viel Blut, wie man erwarten würde; die Verstümmelung muss post mortem erfolgt sein.“ Sie ging um die Leiche herum. „Wie es scheint, wurde er auch vergewaltigt.“
Für einen großen Mann bewegte sich Constable O’Malley schnell und geschickt. Er sah sich um, zog ein Taschentuch aus der Tasche und richtete sich mit einem abgebrochenen Stock in der Hand wieder auf. „Mit dem hier, Doktor? Da scheint Blut dran zu sein.“
„Möglicherweise.“ Sie verstaute das Beweisstück in einem Stoffbeutel. „Gut beobachtet, Constable. Danke.“
Ein abgebrochener Vorderzahn trübte O’Malleys freundliches Lächeln ein wenig. Seine Miene war die eines friedliebenden, gelassenen Mannes, doch die gebrochene Nase in seinem runden, liebenswürdigen Gesicht erzählte vielleicht eine andere Geschichte. Seine rechte Hand, mit der er Julia den Stock gereicht hatte, wies mehrere eingedellte Knöchel und schief stehende Finger auf. Knochenbrüche der Mittelhand – schnell mit den Fäusten?, dachte sie. Und schnell im Kopf. Er hatte jede ihrer Bewegungen beobachtet.
Seit sie den Graben betreten hatten, hatte Tennant nichts gesagt. Julia bemerkte die leichte Blässe in dessen Gesicht. Trotz der morgendlichen Kühle war ihm der Schweiß auf die Stirn getreten.
„Sollen wir die Leiche herausziehen, Inspector?“
Abrupt wandte Tennant sich ab. Mit dem Rücken zur klaffenden Öffnung des Tunnels nickte er. „Wären Sie so freundlich, Ihren Bericht morgen früh auf meinen Schreibtisch legen zu lassen?“
„Selbstverständlich.“
Unbeholfen kletterte Tennant die kiesbedeckte Steigung hinauf und überließ es Sergeant Graves, die Bergung der Leiche zu beaufsichtigen.
Die Hilfskräfte erledigen die Drecksarbeit, dachte sie.
„Schön vorsichtig“, sagte Julia zu den Polizisten, die ihre Positionen einnahmen.
Als Kopf und Schultern des Opfers aus dem Ende des Tunnels zum Vorschein kamen, murmelte ein Polizist: „Teufel noch eins! Das ist der Heilige von Spitalfields!“
Er beobachtete die Polizisten, die auf seiner Bühne agierten.
Die erste Szene des Aktes war am Abend zuvor so einfach gewesen. Würde der Geistliche kommen? Da war ein Junge, der Hilfe brauchte. Natürlich würde er kommen. Im Laufe der Jahre hatte er so vielen Jungen geholfen, nicht wahr? Der Heilige war dem Boten in die nebelverhangene Nacht gefolgt, wahrscheinlich in der Annahme, dass die Vorsehung und sein Priesterkragen ihn beschützen würden. Doch als der Bote dem alten Prediger einen Namen und einen Ort ins Ohr geflüstert hatte, war der Mann erstarrt, als hätte ein eisiger Splitter sein Herz durchbohrt.
Mit einer Klinge an der Kehle hatte der Geistliche dem gelauscht, was als Nächstes passieren würde.
Er hatte die Darsteller versammelt und beobachtete sie wie ein Regisseur, der die Bühne überblickt. Genau aufs Stichwort. Der Inspector und seine Leute konnten den Blick nicht abwenden.
Seht mich an, wollte er triumphieren. Seht, was ich getan habe. Doch nein, er würde still bleiben, unsichtbar hinter den Kulissen. Es war noch früh im ersten Akt, und er plante eine unbefristete Spielzeit. Er beobachtete, wie sie zusammenzuckten und sich krümmten, und genoss den Schrecken des letzten Momentes, in dem die Szene endete. Und diese Frau – eine unerwartete Ergänzung seines Ensembles – würde er ins Rollenheft aufnehmen. Warum auch nicht?
Ärzte sind genauso schuldig.
Tags darauf schleppte sich Julias Großvater die Hintertreppe hinunter in ihr Büro im Erdgeschoss. Mit der Schulter lehnte sich der ältere Dr Lewis gegen den Türrahmen und hielt inne, um zu Atem zu kommen. Er beobachtete seine Enkelin, die mit gesenktem Kopf ein Dokument studierte.
„Ich habe gesehen, dass dein letzter Patient durchs Seitentor gegangen ist, Julie. Ich wollte dich noch erwischen, bevor du zur Klinik fährst.“
Julia blickte auf. „Da hast du nicht lange warten müssen.“ Sie nahm eine Liste zur Hand und wedelte damit vor ihm herum. „Nur drei deiner Patienten haben zugestimmt, mich zu konsultieren. Ich nehme an, der Rest ist zu Onkel Max gegangen?“
„Es tut mir leid, Julie.“
Im Halbdunkel des schattigen Flurs wirkten seine grauen Haare dunkler, als sie tatsächlich waren. Als er dann in den Raum trat – gebeugt, mit steifem Gang und gestützt auf einen Stock –, blutete ihr das Herz. Innerhalb eines Monats war er um Jahre gealtert. Er war nicht mehr der Großvater, der ihr das Schwimmen beigebracht hatte, mit ihr um die Wette durch den Teich geschwommen war und die Klippen von Dover erklommen hatte. Julia bemerkte, dass er den dritten Knopf an seiner Weste nicht geschlossen hatte.
„Wie hat die Polizei die Ersatzärztin Lewis aufgenommen?“
„Wie es zu erwarten war. Es herrschte allseits Bestürzung, aber Inspector Tennant hat sich bemüht, Akzeptanz zu zeigen. Mehr oder weniger.“
Er räusperte sich. „Julie, ich würde gern mit dir über –“
„Kann das nicht warten, Grandpa?“ Sie tippte auf das Dokument auf ihrem Schreibtisch. „Ich muss diesen medizinischen Bericht für Scotland Yard fertigstellen, und wenn ich damit nicht bald fertig bin, komme ich zu spät in die Klinik.“
„Julia.“ Da lag etwas in seinem Tonfall, und er hatte ihren richtigen Namen verwendet statt wie sonst Julie. „Du kannst dieses Tempo nicht durchhalten, mein Mädchen. Ständig zwischen deiner Praxis und der Klinik hin und her zu hetzen – das ist eine Qual. Du siehst doch sicher, dass das weder dir noch deinen Patienten guttut. Du wirkst in letzter Zeit ausgesprochen müde.“
„Grandpa …“
„Warst du diese Woche auch nur einmal rechtzeitig zum Abendessen zu Hause?“
Julia trat hinter dem Schreibtisch hervor, schob die Hände unter seine Jacke und drückte den vergessenen Knopf durchs Knopfloch. Dann küsste sie ihn auf die Wange. Als sie einen Schritt zurücktrat, hielt sie seine Taschenuhr in der rechten Hand.
„Das ist mein geschickter Arztgriff. Ich könnte auch eine Karriere als Taschendiebin anstreben.“ Sie lächelte und zeigte ihm das Zifferblatt. „Siehst du? Ich bin wirklich spät dran.“
Er erwiderte ihr Lächeln nicht. Stattdessen nahm er die Uhr wieder an sich und steckte sie stirnrunzelnd weg.
„Gestern Abend am Esstisch konntest du kaum die Augen offen halten. Nein, schüttle nicht den Kopf. Bei Gott, ich bin auch Arzt, oder hast du das vergessen? Und ich erkenne einen Fall von Erschöpfung, wenn ich einen sehe.“
„Das sagt der Richtige.“ Julia lächelte erneut. „Ich bin stark wie ein Pferd. Aber warum bist du angezogen und steigst die Treppe herunter? Du solltest dich bis zum Mittagessen ausruhen.“
Sein Anfall war für sie beide ein Schock gewesen. Vier Wochen zuvor hatte sich ihr Großvater gerade für das Abendessen umgezogen, als er ein starkes Engegefühl in der Brust verspürt hatte und seine Knie nachgegeben hatten. Julia wusste, dass Herzerkrankungen unvorhersehbar waren. Ein zweiter Anfall könnte jederzeit kommen, es könnten aber auch noch Jahre vergehen.
Ihr Großvater seufzte und suchte ihren Blick. „Julie. Hör mir zu, meine Liebe. Du musst wissen, dass es nicht genug Stunden am Tag oder Tage im Jahr gibt, um all das wegzuwaschen. Solange du dir nicht selbst vergibst – oder, besser noch, verstehst, dass es nicht deine Schuld war –, bleibst du in dem Gefängnis sitzen, das du dir selbst geschaffen hast.“
Diese ganze übertriebene Fürsorge, dachte sie. Würdest du das auch zu mir sagen, wenn ich ein Enkelsohn wäre?
Julia hatte bereits angefangen zu bezweifeln, dass sie jemals den beruflichen Respekt erlangen würde, der Männern, die einen medizinischen Abschluss erworben hatten, automatisch zuteilwurde. Nun auch noch ihr Großvater. Der einzige Mann, der sie immer ermutigt hatte, fürchtete nun, dass sie den Anforderungen des Berufs nicht gewachsen sei. Ich muss einfach noch härter arbeiten. Härter als jeder Mann.
Sie sah keinen anderen Weg, als ihre Tage mit Arbeit zu füllen, um diese Stimme in ihrem Inneren zum Schweigen zu bringen. Doch so müde sie auch war, häufig wollte sich der Schlaf nachts nicht einstellen. Ein Gesicht verfolgte sie; eine Stimme kehrte in ihren Träumen zurück.
Sie ist gesprungen, Julia.
Constable O’Malley stieß Jonathan Graves vor dem Büro des Inspectors mit dem Ellbogen an und hielt den Umschlag so, dass der Sergeant ihn sehen konnte. Graves las die Anschrift auf dem Umschlag: An Inspector Tennant vom Yard, geschrieben in verschnörkelter Handschrift mit violetter Tinte.
„Was denken Sie, Sarge – ein Liebesbrief an ihn?“ Graves nahm die Sendung und legte sie zu Dr Lewis’ Bericht.
„Keine Ahnung, Kumpel. Aber ich wette ein Pint, dass er keine Miene verziehen wird, wenn er das sieht.“ Er nickte in Richtung des medizinischen Berichts. „Ärztinnen – und was kommt als Nächstes?“
„Die ist echt zäh“, sagte O’Malley. „Hat nicht mit der Wimper gezuckt, selbst als sie bemerkte, dass das beste Stück des Geistlichen fehlte. Kennt sich aus und so. Und sie ist gründlich. Hat jeden Zentimeter des Bodens um die Leiche herum abgesucht. Die meisten Ärzte haben nur Augen für die Leiche.“
Graves grunzte. „Bevor wir’s uns versehen, gibt’s auch Bullen in Röcken, Paddy.“
Nachdem der Inspector sie hereingewinkt hatte, reichte Graves ihm den Brief und den ärztlichen Bericht. „Sie haben uns hergerufen, Chef?“
Tennant antwortete nicht. Er starrte auf den obersten Brief. Während die Stille sich ausdehnte, warfen Graves und O’Malley einander verstohlene Blicke zu.
Graves verlagerte sein Gewicht und räusperte sich. „Sir?“
Der Inspector blickte von dem Umschlag auf. „Warum sitzt Higgins nicht in einer Arrestzelle? Worauf warten Sie, Sergeant? Er steht bestimmt schon vor dem Blind Beggar und wartet auf das erste Pint des Tages.“
„Ich dachte, wir würden Higgins wegen des Atwater-Falls abgeben.“
Tennant starrte Graves wortlos an.
„In Ordnung, Chef. Wir kümmern uns darum.“
„Nehmen Sie den Constable mit.“
Draußen, am Ende des Flurs, sagte O’Malley: „Was ist denn mit dem los? Er ist ja immer etwas unterkühlt, aber dieser Brief hat ihn ganz schön aus der Fassung gebracht. Sie schulden mir was, Sergeant.“
Graves lockerte seinen Kragen. „Ich könnte jetzt ein Bier vertragen.“
Nachdem der Constable und der Sergeant gegangen waren, warf Tennant einen Blick auf den Kalender und verzog das Gesicht: 14. November. Vor zwei Jahren hatte er seinen größten Erfolg gefeiert, die Festnahme des berüchtigten Eisenbahnmörders. Die Jagd nach dem Mann, der einen angesehenen Bankier in dessen Erste-Klasse-Abteil erschlagen hatte, hatte die Stadt in Aufruhr versetzt und die englischen Vorstellungen von Sicherheit und Anstand erschüttert. Solcherlei Schrecken beschränkten sich auf die zwielichtigen Ecken der Hauptstadt, so glaubten die Leute zumindest.
Angst sorgte für gute Presse, und die rasche Festnahme von Franz Meyer hatte Tennants Karriere begründet. Zusammen mit den Zeitungsauflagen war das Ansehen des Inspectors gestiegen. Sobald der Mörder hinter Gittern saß, hatten sich die Fahrgastzahlen auf der North London Line wieder erholt. Und dann, vor einem Jahr, am ersten Jahrestag von Meyers Hinrichtung, hatte Tennant den ersten Brief erhalten, geschrieben in violetter Tinte. Ein Streich, hatte er damals gedacht und ihn ignoriert.
Doch an diesem Morgen war wieder eine solche Nachricht mit der Post gekommen – eine einzige violette Zeile, gekritzelt auf cremefarbenes Briefpapier.
Ihr habt den Falschen gehängt.
Kurz vor Mittag steckte ein Bote aus dem Büro des Chief Inspectors den Kopf durch Tennants Tür.
„Der Chef lässt grüßen, Inspector. Bis zum Ende des Tages möchte er Ihren Bericht haben.“
Tennant dankte dem Mann, bezweifelte jedoch, dass die höfliche Einleitung von Chief Inspector Clark stammte. Er versuchte, den verdammten Brief aus seinen Gedanken zu verbannen, öffnete den medizinischen Bericht, schlug die letzte Seite auf und betrachtete die Unterschrift.
„Julia R. Lewis, M.D.“, murmelte er. Eine Ärztin – das wird den Chief ganz schön aufregen.
Er blätterte zum Anfang zurück und begann zu lesen, wobei er sich fragte, wie viel irrelevanten Unsinn er sich erst würde durchlesen müssen, bevor sie endlich zur Sache käme. Doch der Bericht überraschte ihn. Dr Lewis hatte gründliche Arbeit geleistet: Er war klar, umfassend und dennoch prägnant.
Todesursache: eine Stichwunde in der Brust, eine Waffe mit schmaler Klinge, die direkt ins Herz gestoßen wurde. Todeszeitpunkt: basierend auf der Untersuchung der Leiche irgendwann zwischen acht Uhr abends und vier Uhr morgens. Aufgrund des Zustands des Bodens wahrscheinlich irgendwann vor Mitternacht.
Dr Lewis hatte festgestellt, dass der Boden zur Zeit ihres Besuches feucht gewesen war, der Bereich unter der Leiche jedoch trocken. In jener Nacht hatte es kurz nach Mitternacht zu regnen begonnen. Der Zeitablauf stimmte mit der Aussage ihres einzigen Zeugen überein, eines Nachtwächters, der das Opfer gesehen hatte.
Das grenzt den Zeitrahmen ein. Die Ärztin scheint sich auszukennen.
Tennant legte die medizinischen Ausführungen beiseite und nahm den Polizeibericht zur Hand.
Ein Brief in der Tasche des Opfers hatte dessen Identität bestätigt. Der Constable hatte recht gehabt. Tennant hatte ohnehin nicht an dessen Aussage gezweifelt. Die schneeweiße Haarpracht, die zerbrochene goldgerahmte Brille, die neben dem Opfer gefunden worden war, und der Priesterkragen erzählten ihre eigene Geschichte. Das machte die Verstümmelung der Leiche umso schockierender. Der Heilige von Spitalfields, Reverend Tobias Atwater, war Pfarrer der St Edmund’s Church in der Commercial Street. Der unermüdliche Fürsprecher der Unterdrückten, der hochgeschätzte Geistliche, war tot, und Tennant hatte nicht die geringste Ahnung, wer der Mörder oder was das Motiv sein könnte.
Man hatte eine goldene Taschenuhr, drei Pfund in Banknoten und Silbergeld bei ihm gefunden. Raub war also nicht das Motiv gewesen. Dann war da noch die Verstümmelung, die den Fall zu einem ungewöhnlichen Verbrechen machte. Und der Mörder hatte etwas Seltsames in die Westentasche des Mannes gestopft: einen geplatzten Luftballon, ein Kinderspielzeug.
Warum hatte er ihn aufgehoben? Warum etwas Kaputtes aufbewahren?
Als Nächstes ging er den Stapel der Zeugenaussagen durch. Weder die Haushälterin des Geistlichen noch sein Hilfsvikar konnten erklären, was Atwater an jenen Ort geführt hatte. Die im Bau befindliche Kanalisation, die bald Teil des riesigen stadtweiten Netzes sein würde, sollte die Abwässer von den Augen und Nasen der Bewohner des East Ends fernhalten. Doch der Tatort lag eine Meile von Atwaters Pfarrhaus entfernt.
Was hatte er dort mitten in der Nacht zu suchen?
Eine kleine Armee von Polizisten hatte Haus-zu-Haus- und Laden-zu-Laden-Befragungen durchgeführt. Nur eine Person hatte angegeben, das Opfer in jener Nacht gesehen zu haben. Etwa eine halbe Stunde vor Mitternacht hatte der Zeuge Mr Atwater in der Commercial Street in der Nähe der Christ Church gesichtet, etwa eine halbe Meile vom Tatort entfernt. Der Mann, ein Nachtwächter der Kirche, kannte den Geistlichen vom Sehen. Er sagte, Atwater sei mit einer Person unterwegs gewesen, die er für eine Prostituierte gehalten hatte. Dem Bericht zufolge hatte Mister Atwater der Straßendirne etwas gereicht, das der Zeuge für eine Handvoll Münzen gehalten hatte. Sie hatten sich getrennt und waren in entgegengesetzte Richtungen davongegangen. Der Zeuge beschrieb die Frau als rothaarig.
Eine rothaarige Prostituierte – wunderbar, dachte Tennant. Allein in East London gab es Hunderte von ihnen, und keine einzige würde mit der Polizei sprechen. Er ließ den Bericht auf den Schreibtisch fallen, drehte sich um und sah aus dem Fenster. Der bleierne Himmel und der sich kräuselnde Schornsteinrauch brachten ihn auch nicht auf Ideen. Er lehnte sich so weit im Stuhl zurück, dass dieser nur noch auf den hinteren Beinen stand, und starrte auf das Netz aus Rissen in der Deckenfarbe. Der Tatort – da stimmt etwas nicht. Etwas an der Position von Atwaters Leiche ließ ihm keine Ruhe.
Warum sich die Mühe machen, den Körper halb in das Rohr zu ziehen? Warum ihn nicht offen liegen lassen? Und wenn es die Absicht war, die Leiche zu verstecken, warum sie dann nicht ganz hineinschieben?
Mit einem Rums ließ Tennant den Stuhl wieder auf den Boden sinken. Hatte der Mörder die Platzierung der Leiche inszeniert, um eine Reihe von Schocks zu erzeugen? Zuerst hatte er den nackten Unterkörper des Geistlichen für alle sichtbar entblößt. Dann, als Dr Lewis Atwaters Hand bewegt hatte, war die Verstümmelung zum Vorschein gekommen. Schließlich die letzte Überraschung: das Gesicht und die Identität des Opfers. Hatte der Mörder all das durchdacht?
Was für ein krankes, berechnendes Monster ist das?
Mit den Fingern trommelte Tennant auf den medizinischen Bericht und schlug ihn erneut auf.
Im Anschreiben der Ärztin waren zwei Adressen aufgeführt: ihre Praxis am Finsbury Circus 17 und die Whitechapel-Klinik in der Fieldgate Street im East End. Die Sprechzeiten dort waren mit zwölf Uhr mittags bis sechs Uhr abends angegeben.
Er warf einen Blick auf seine Taschenuhr.
Unter den grauen, bedrohlich aufziehenden Wolken machte sich Tennant auf den Weg. Er stieg aus dem Pferdeomnibus und bog rechts in die Fieldgate Street ein, eine Gasse, die sich vom Lärm der Whitechapel Road wegschlängelte. Während er die Straße entlangschritt, verstummten das Klappern und Quietschen von Hufen und Rädern auf dem Kopfsteinpflaster.
Einst mussten die rußgeschwärzten Mietshäuser des Viertels ziegelrot und die Einfassungen frisch getüncht gewesen sein. Nun blätterte die Farbe in welligen Streifen von den Türrahmen und Stürzen ab. Entlang der Straße hingen zerlumpte Kleidungsstücke an Leinen und Geländern. Als Tennant an einer Reihe von Geschäften vorbeikam, konnte er gerade noch dem Metzgerjungen ausweichen, der einen Eimer mit rosafarbenem, schäumendem Wasser auf die Straße schüttete. Bei einem Lebensmittelwagen, dessen Waren zum halben Preis angeboten wurden, wandte er den Kopf ab, um dem säuerlichen Geruch von verdorbenem Kohl zu entgehen.
Dann, an der Kurve, wo die Gasse auf die Plummer’s Row traf, ließen ihn die silbrigen Töne eines Handglockenspiels innehalten. Hinter einem offenen Fenster übte jemand die Tonleiter und glitt dann in eine vertraute Melodie: das Glockenspiel von Westminster. Tennant trat einen Schritt zurück und blickte nach oben. Auf der Tafel über der Tür stand: WHITECHAPEL GLOCKENGIESSEREI: GEGRÜNDET A.D. 1570. Ein kleineres Schild im Fenster verkündete: GLOCKENGIESSER DES BIG BEN UND DER FREIHEITSGLOCKE.
Als das seit Langem heraufziehende Unwetter endlich losbrach, rannte Tennant die letzten dreißig Meter bis zur Ecke Fieldgate und New Street. Er schlüpfte in den Eingang der Whitechapel Clinic, schüttelte den regennassen Hut aus und wartete darauf, dass der Schmerz im linken Bein nachließ.
Die Klinik überraschte ihn. In seiner Vorstellung war eine Wohltätigkeitseinrichtung in einem der ärmsten Stadtteile Londons eine baufällige Angelegenheit.
Doch hinter der Eingangstür stand ein Rollstuhl für Patienten bereit. Den breiten Flur, der an einer Bürotür endete, säumten Eichenbänke, die im Moment unbesetzt waren. Tennants Schritte wurden langsamer. Er erhaschte einen Blick auf zwei Krankensäle, einen für Männer und einen für Frauen, die jeweils von mehreren Öllampen beleuchtet wurden. An sonnigen Tagen würde natürliches Licht durch die großen Fenster strömen und den Raum erhellen. In Regalen an den hinteren Wänden der Räume stapelten sich schneeweiße Handtücher, Reihen grüner und brauner Flaschen, aufgerollte Bandagen und diverse medizinische Instrumente. Acht Betten standen an den Wänden jedes Saals, die meisten davon belegt. Tennant atmete den scharfen, reinen, ledrigen Geruch von Karbolseife ein. Seine Schritte hallten laut auf dem Steinboden, doch die beiden Krankenschwestern, die sich um die Patienten kümmerten, bewegten sich lautlos in ihren Stiefeln mit Korksohlen.
Julia entdeckte den Inspector und winkte ihn in ihr Büro.
„Ist jetzt ein guter Zeitpunkt, Doktor Lewis? Ich hätte ein paar Fragen zu Ihrem Bericht.“
„Natürlich.“ Julia deutete auf einen Stuhl dem Schreibtisch gegenüber.
„Sie scheinen hier gut eingerichtet zu sein, Doktor.“
„Finanziert durch unrechtmäßig erworbenes Vermögen, fürchte ich.“ Als er die Augenbrauen hob, lächelte sie. „Oh, nichts, wofür Sie uns verhaften könnten – zumindest nicht mehr. Vor einem Jahrhundert ist mein Ururgroßvater mit General Clive nach Indien gefahren. Er verließ England als bescheidener Leutnant und kehrte mit einem Schatz an Juwelen und einem atemberaubenden Bankguthaben zurück.“
„Kriegsbeute?“
„In der Tat. Man würde die Familie Lewis wohl als stinkreich bezeichnen. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass er dieses Geld auf rein legale Weise angehäuft hat.“
Tennant nickte, lächelte jedoch nicht. „Sie haben ein paar freie Betten. Ist das in Anbetracht der vergangenen Monate ein hoffnungsvolles Zeichen?“
Seit dem Sommer wütete die Cholera im Bezirk. Den ganzen Herbst über war das London Hospital, The London, wie die Einheimischen es nannten, von Kranken und Sterbenden überflutet worden.
„Ich glaube, wir haben den Höhepunkt der Epidemie endlich hinter uns. Die Zahl der Todesfälle sinkt seit drei Wochen in Folge.“ Ihr Blick fiel auf die Uhr auf dem Schreibtisch.
„Ich werde nicht viel von Ihrer Zeit in Anspruch nehmen, Doktor. Ich habe nur ein paar Fragen. Ihr Bericht war umfassend, aber …“
Julia hob die Augenbrauen. „Aber, Inspector?“
„Manchmal finden wertvolle Eindrücke oder Eingebungen keinen Eingang in einen medizinischen Bericht.“
Sie lächelte und schüttelte den Kopf.
Neugierig sah er sie an.
„Verzeihen Sie, Inspector. Ich musste an einen Professor aus meiner Studienzeit denken. ‚Fakten‘, beharrte er. ‚Fakten und Beobachtungen – ich will keine weiblichen Fantasien in Ihren Fallnotizen.‘ Und nun bitten Sie mich, in einem offiziellen Bericht zu spekulieren.“
Er blickte auf das gerahmte Medizindiplom, das an der Wand hinter ihr hing. „Wie ich sehe, sind Sie den ganzen Weg nach Amerika gereist, um sich als Ärztin zu qualifizieren.“
„An britischen Universitäten werden Frauen in Medizinstudiengängen nicht zugelassen. In den Vereinigten Staaten gibt es einige, die das gestatten.“
„Dennoch dürfen Sie hier als Ärztin praktizieren?“
„Reiner Zufall, das versichere ich Ihnen. Ich bin durch die Hintertür hereingekommen, das glückliche Ergebnis unbeabsichtigter Folgen quasi.“
„Ach ja?“
„Vor acht Jahren verabschiedete das Parlament den Medical Act, ein Gesetz, um Scharlatane aus dem Berufsstand auszusortieren.“
„Gibt es viele davon?“
„Ich muss leider sagen, dass es unzählige gibt. Dennoch hält das neue Gesetz die schlimmsten Quacksalber fern. Jetzt müssen Ärzte ihre Zeugnisse beim General Medical Council vorlegen, bevor sie in das Ärzteverzeichnis aufgenommen werden. Aber hier ist die Lücke: Das Parlament fügte dem Gesetz eine Klausel hinzu, die besagt, dass auch Abschlüsse von ausländischen medizinischen Fakultäten anerkannt werden. Das Gesetz schloss auch Studierende ein, die ihr Studium erst begonnen hatten.“
„Also musste jemand mit einem Abschluss vom“ – er blickte auf das Diplom – „vom Female Medical College of Pennsylvania ins Verzeichnis aufgenommen werden.“
„Genau. Frauen, die einen ausländischen Abschluss hatten oder ihr Studium bis 1858 begonnen hatten, mussten in das Ärzteverzeichnis aufgenommen werden – das Letzte, was irgendjemand beabsichtigt oder erwartet hatte.“
„Es kann nicht viele von Ihnen geben.“
„Nein. Aber ein Jahr nach Verabschiedung des Gesetzes verzeichnete das Register seine erste Ärztin, Dr Elizabeth Blackwell. Ich war bereits nach Philadelphia gereist, um mein Medizinstudium anzutreten, also fiel ich ebenfalls unter die Bestimmungen des Gesetzes.“
„Ich kann mir vorstellen, dass das Medizinstudium nur die erste von vielen Hürden war.“
„In vier Jahren Praxis habe ich alles gehört – jeden Witz, jede herablassende Bemerkung, die als Kompliment getarnt war, jede berufliche Zurückweisung.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Jede Frau, die sich entscheidet, den häuslichen Bereich für ein öffentlicheres Leben zu verlassen, muss sich eine zweite Haut zulegen, ein dickes Fell.“ Julia faltete die Hände und beugte sich vor, die Unterarme auf dem Schreibtisch. „Nun, Inspector, wie kann ich Ihnen helfen?“
Sie trägt auch eine dritte Haut, dachte Tennant. Die maßgeschneiderte Wolljacke und ihr Rock ahmten die männliche Uniform des Berufs nach. Sie strich sich das kastanienbraune Haar aus dem Gesicht, das zwar nicht konventionell schön, aber dennoch auffällig war, mit hohen Wangenknochen und vollen Lippen. Ihre dunklen Augen blitzten, wenn etwas sie amüsierte – und wahrscheinlich auch, wenn irgendetwas sie wütend machte, vermutete Tennant. Da war eine gewisse Ernsthaftigkeit an ihr. Er sollte besser zur Sache kommen.
„Zwei Dinge, Doktor. Die Todesursache war ein Stich ins Herz, aber Sie haben auch Schnittwunden auf der rechten Halsseite erwähnt. Können wir davon ausgehen, dass der Mörder Linkshänder ist?“
„Nicht unbedingt. Die Wunden befanden sich etwas weiter in Richtung Nacken, so als hätte ihn der Mörder von hinten mit der Klinge bedroht.“
„Aber Sie können sich nicht sicher sein?“
„Kein Arzt kann das.“ Sie sah ihn kühl an. „Aber holen Sie gern eine zweite Meinung ein, wenn Sie das für nötig halten. Und die andere Frage, Inspector?“
Er wandte den Blick ab. „Es geht um die Verstümmelung. Ich habe mich gefragt, ob Sie über das Offensichtliche hinaus irgendwelche Eindrücke haben.“
„Zum Beispiel?“
„Zeigte die Amputation irgendwelche Fachkenntnisse, verriet sie die Anwendung einer besonderen Fertigkeit? Oder war es nur das grobe Abhacken des Glieds des Mannes durch einen geistesgestörten Angreifer?“
Julia lehnte sich zurück. Sie nahm einen Bleistift und drehte ihn zwischen Daumen und Zeigefinger.
„Ich habe keinen Grund zu der Annahme, dass ein Mediziner die Tat begangen hat, falls Sie das fragen. Ich kann diese Möglichkeit aber auch nicht ausschließen. Allerdings erkenne ich in dem Angriff auch nicht die Hand eines rasenden Wahnsinnigen. Um ehrlich zu sein, Inspector, alles, was dafür nötig war, waren eine ruhige Hand und ein scharfes Messer.“
„Und eine gehörige Portion Wut?“
„Vielleicht. Es scheint jedenfalls ziemlich … persönlich gewesen zu sein.“ Wieder bemerkte er diesen amüsierten Schimmer in ihren Augen. „Wahrscheinlich ist das eine absurde Untertreibung. Was könnte persönlicher sein als ein solch intimer Angriff?“
„In der Tat. Ich habe noch eine letzte Frage. Haben Sie irgendwelche Hinweise darauf gefunden, dass das Opfer von seinem Angreifer missbraucht – ich meine vergewaltigt – wurde?“
„Ich hätte es in meinen Bericht aufgenommen, wenn ich welche gefunden hätte. Dennoch kann ich es nicht ausschließen. Möglicherweise hat er den Verstorbenen nach der Vergewaltigung noch einmal mit diesem Stock anal missbraucht.“ Sie stand auf. „Noch einmal: Sie können meine Befunde gern einem anderen Arzt zur Überprüfung vorlegen, wenn Sie möchten, aber ich glaube, Sie werden feststellen, dass meine Schlussfolgerungen stichhaltig sind.“
Ein wenig aus dem Gleichgewicht gebracht, erhob sich Tennant ebenfalls. „Natürlich, Doktor. Ich glaube, das wird nicht nötig sein –“
„Das liegt ganz bei Ihnen, Inspector.“
„Nun, sollten Ihnen noch weitere Gedanken kommen …“ Nach einem Moment des Zögerns streckte er ihr die Hand entgegen, wie er es am Ende jedes Gesprächs mit einem männlichen Kollegen tat.
Ihr Händedruck war fest, kühl und kurz. „Viel Glück bei Ihren Ermittlungen.“
Tennant ging zur Ecke Whitechapel Road und Commercial Street, um einen Pferdeomnibus in Richtung Norden zum Pfarrhaus von St Edmund’s zu nehmen.
Normalerweise hatte der Inspector das Gefühl, bei einem Verhör die Oberhand zu haben. Während der Bus über die Straßen holperte, versuchte Tennant zu ergründen, warum er sich diesmal wie ein Schüler gefühlt hatte, der ins Büro des Schulleiters gerufen worden war. Der Schulleiterin. Dr Lewis hatte jedes Mal die Zähne gezeigt, wenn er ihre Schlussfolgerungen hinterfragt hatte. Es ist meine Aufgabe, Fragen zu stellen, verdammt noch mal. Das hätte er bei jedem Arzt getan, egal ob Mann oder Frau. Empfindlich, dachte er, wie die meisten Frauen. Doch wenn sie auf dem Spielfeld mit den Männern mithalten wollte, würde sie sich an ein paar Rauheiten gewöhnen müssen.
Auch ihr Auftreten war abschreckend – nicht gerade männlich, aber für eine Frau seltsam direkt. Die Art, wie die Dame seinem Blick begegnete, war beunruhigend. Und sie sprach über die unangenehmen medizinischen Details, ohne mit der Wimper zu zucken. Willensstark war der Begriff, den man für solche unweiblichen Frauen verwendete. Aber das war sie nicht, nicht im Geringsten. Dennoch war sie reizbar und wahrscheinlich entschlossen, all das Unrecht, das der Weiblichkeit widerfahren war, wiedergutzumachen. Daran zweifelte er nicht.
Dennoch – in Bezug auf den Mord hatte Dr Lewis recht. Tennant spürte es in den Knochen. Es war etwas Persönliches, und die Antwort verbarg sich irgendwo im Leben von Reverend Atwater.
Doch auch die erneute Befragung der Haushälterin und des Vikars brachte nichts Brauchbares zutage. Der Mord hatte beide schockiert; keiner von beiden konnte ein Motiv nennen. Tennant verließ das Pfarrhaus und stellte fest, dass endlich die Sonne schien. Dennoch tappte der Inspector nach wie vor im Dunkeln. Tobias Atwater, unverheiratet und allein lebend, war ihm ein Rätsel.
Die Art des Verbrechens sprach jedoch Bände: Diese spezifische Amputation und der Angriff mit dem Stock eröffneten eine mögliche Ermittlungsrichtung. Es gab zahlreiche sogenannte Schwulenbezirke in der Stadt; die Südseite des St James’s Parks und die Royal Exchange waren Beispiele dafür. Aber die Thrawl Street, wo die Leiche gefunden worden war, war nicht als Ort bekannt, an dem Männer andere Männer trafen. Und soweit der Inspector wusste, gab es in der unmittelbaren Umgebung keine Etablissements, in denen sich solche Männer versammelten.
Bislang war kein Hinweis auf einen Sexskandal um den Geistlichen aufgetaucht – keinerlei Gerüchte, keinerlei Motive für einen Mord.
Nichts.
Er dachte über den Brief nach, den er schicken würde.
Er stellte sich vor, wie dieser Tennants Hand verbrennen würde, als hätte man ätzende Säure darübergegossen. Nein, er würde wie eine Bombe einschlagen. Diesen würde Tennant nicht ignorieren können, wie er es bei den anderen getan hatte.
Er kniete sich vor den Kaminrost und stocherte in den glühenden Kohlen herum. Die Flammen schlugen hoch, züngelten um den schwarzen Haufen herum und warfen genug Licht in den Raum, damit er die Kante der losen Diele finden konnte. Er schob sie beiseite, spähte in den Spalt zwischen den Balken und fragte sich: Welchen?
Träge drehte er seine Schätze um; seine Sammlung wuchs. Als er die Spitze der diamantbesetzten Krawattennadel berührte, zuckte er zusammen. Ein Tropfen Blut quoll aus seinem Finger. Er tastete nach dem kleinen Stapel bunter Luftballons.
„Ja“, murmelte er, wählte einen roten aus und ergriff die Krawattennadel, deren Spitze im Schein der Kohlen silbern blitzte. Er lachte, als die Nadel den Gummi durchstach. Das wird für Wirbel sorgen.
Er zog ein Blatt Papier zu sich heran, tauchte die Feder in das Fässchen mit violetter Tinte und schrieb:
Armer Meyer. Sie hätten ihm glauben sollen, lieber Inspector. Plopp.
Er legte den Luftballon in den Brief und hielt inne, nahm die Feder und fügte noch eine Zeile hinzu.
So geht das Geld dahin.
Tennant erhielt den Umschlag zusammen mit der übrigen Morgenpost und öffnete ihn. Ein durchstochener Ballon, wie der in Atwaters Tasche, fiel auf seinen Schreibtisch. Er las die mit violetter Tinte geschriebene Nachricht.
Armer Meyer. Sie hätten ihm glauben sollen …
Zu seiner Ehrenrettung sei gesagt, dass es bei all seinen Ambitionen weder die berufliche Blamage noch die Gefahr für seinen guten Ruf waren, die Tennant den Magen umdrehten und ihn dazu veranlassten, Sergeant Graves zum Asservatenlager zu schicken, um die Kisten mit den Akten vom Eisenbahnmordfall zu holen.
Das Grauenhafte daran war, dass er möglicherweise einen Unschuldigen an den Galgen gebracht hatte.
Tags darauf überbrachte Sergeant Graves Tennant die erschütternde Nachricht. Er und O’Malley hatten die Beweismittel aus dem Eisenbahnmordfall erneut untersucht. Der Constable hatte etwas gefunden, das in der ursprünglichen Bearbeitung des Falls übersehen worden war – einen geplatzten Ballon. Wie man das hatte übersehen können, konnte nur vermutet werden.
Als Tennant Chief Inspector Clark von der Entdeckung berichtete, rechnete er damit, aus dem Dienst entlassen zu werden. Stattdessen erteilte der Chief ihm einen Befehl und eine Warnung.
„Finden Sie die Verbindungen“, sagte er. „Es muss etwas geben, das den Bankier mit dem Geistlichen verbindet. Finden Sie sie schnell, bei Gott, oder wir brauchen für den Fall vielleicht neue, unvoreingenommene Leute.“
Tennant blieb der leitende Ermittler – vorerst. Das Wiederaufrollen des Eisenbahnmordes würde bis auf Weiteres eine interne Angelegenheit bleiben, ohne öffentliche Bekanntgabe. Zumindest eine Weile lang würde er sich nicht mit der aufdringlichen Presse herumschlagen müssen.
Doch der Inspector wusste, dass seine Gnadenfrist knapp bemessen war und er nur einen Hauch davon entfernt war, einen Kopf kürzer gemacht zu werden.