Kapitel 1
Poch. Poch. Poch.
Vom energischen Klopfen an die große Eichentür tat Miss Juliana Pryce schon der ganze Arm weh, aber sie ließ nicht locker. Poch. Poch. Poch. Dann zog sie mehrmals vergeblich an der Türglocke und hämmerte schließlich mit der Faust gegen die Tür. Die Kälte des Frühwintertages drang ihr bis in die Knochen, denn die Sonne verbreitete keine Wärme, sondern schimmerte nur schwach und wie zur Zierde am bedeckten Himmel. Vielleicht würde es in diesem Dezember sogar Schnee geben.
Als sich die Tür endlich öffnete, atmete sie erleichtert auf. „Ich bin Miss Juliana Pryce und möchte Lord Spencer Prendergast sprechen. Melden Sie mich bitte unverzüglich an, denn es wird gleich regnen.“
Der Butler musterte sie von oben bis unten, und Juliana schämte sich für ihr zerrupftes Äußeres. Aber schließlich war sie ja auch aus einer fahrenden Kutsche gesprungen und hatte sich eine ganze Weile im Buschwerk versteckt. Es war ein langer, bedrückender Weg nach London gewesen, den sie zum Teil auf einem Heuwagen und anderen Vehikeln hinter sich gebracht hatte, bevor sie endlich über die gepflasterten Straßen von Mayfair schreiten konnte.
„Lord Prendergast ist für Besucher nicht zu sprechen“, erwiderte der Butler mit minimal gerümpfter Nase.
„Teilen Sie ihm gefälligst mit, guter Mann, dass Miss Juliana Pryce, Schwester von Mr. Robert Pryce, ihn unverzüglich sehen möchte. Die beiden Männer sind befreundet, und ich muss ihm eine Bitte meines Bruders überbringen. Verzeihen Sie meine Unhöflichkeit, aber ich werde mich nicht vom Fleck rühren, bevor ich nicht mit dem Earl gesprochen habe. Und wenn ich stundenlang hier stehenbleiben muss, was natürlich entsetzliches Aufsehen erregen würde.“
Das war eine leere Drohung, doch angesichts ihres Aussehens und ihrer offenkundigen Verzweiflung würde der Mann ihr vielleicht glauben. Das tat er wirklich, denn er öffnete die Tür und ließ sie eintreten.
„Dürfte ich Ihnen Mantel und Haube abnehmen?“
Mit zitternden Fingern legte sie beides ab und reichte es dem wartenden Butler, der sie durch einen langen Korridor in ein kleines Zimmer führte, bei dem es sich um einen Privatsalon zu handeln schien. Sie ging geradewegs zum Kamin, um sich am flackernden Feuer zu wärmen. Der Raum war in einem verschnörkelten Spätbarock- oder Rokokostil eingerichtet, wenn auch in Rot- und Purpurtönen, die nicht zu der Epoche passten.
Die Farbwahl wirkte ziemlich bedrückend, zumal Decke und Wände auch noch mit einer Fülle von vergoldeten Stuckornamenten verziert waren. Auf dem Kaminsims stand eine große Uhr aus Goldbronze, auf deren ausladendem Sockel sich neben Nymphen und Putten auch allerlei Waldgetier tummelte, das Juliana besonders unansehnlich fand.
Der ganze Firlefanz war offensichtlich nur nach seinem Wert, jedoch willkürlich und ohne Sinn für Ästhetik ausgewählt worden. „Ich bin reich, habe aber keinen Funken Geschmack!“, schien der Raum förmlich zu schreien. Juliana fielen die wuchtigen Polstermöbel ins Auge, doch sie traute sich nicht, darauf Platz zu nehmen, aus Angst, in einem überwältigenden Wust aus quastenverzierten, wild gemusterten Kissen zu versinken. Sie brauchte aber nicht lange zu warten, bis die Tür aufging und Lord Prendergast eintrat.
Er war ein Gentleman von Mitte dreißig mit einem leicht geröteten Gesicht und tiefschwarzen Augenbrauen, die seine Züge beherrschten. Sie standen in lebhaftem Kontrast zu seinem kurz geschorenen mausbraunen Haar und dem etwas schütteren Schnurrbart. Um die Mitte herum zeigte er bereits eine Neigung zu Korpulenz, und es würde vermutlich nicht mehr lange dauern, bis er mindestens ein zweites Kinn entwickelte.
„Miss Pryce!“, rief er erstaunt. „Wissen Sie eigentlich, wie spät es ist?“
„Es wird wohl erst gegen zehn Uhr sein, Mylord, und ich bitte um Entschuldigung, falls ich Sie beim Frühstück gestört habe.“
Zögernd ließ er den Blick durch das Zimmer schweifen. „Sie sind ohne Anstandsdame hier“, stellte er fest.
Sie lachte ein wenig unsicher. „Ich fürchte, so ist es, aber es ließ sich nicht ändern. Und in meinem fortgeschrittenen Alter von vierundzwanzig ist es, glaube ich, erlaubt, die Anstandsregeln ein wenig großzügiger auszulegen.“
Er musterte sie mit einem kühlen, abschätzenden Blick. „Wie ich sehe, war Ihre Reise hierher mit einigen Schwierigkeiten verbunden. Wenn Sie mir bitte verraten würden, was Sie zu dieser Stunde an meine Schwelle führte.“
„Bevor mein Bruder … Mr. Robert Pryce … nach Amerika aufbrach, nannte er Sie als einen Gentleman, an den ich mich in der Not um Hilfe wenden könnte.“
„Ja, Robert und ich sind Bekannte“, murmelte er und nahm auf einem Lehnsessel am Kamin Platz.
Ihr war nicht entgangen, dass er das Wort Freundschaft nicht in den Mund genommen hatte. Ihr Bruder war sehr reich, und viele Mitglieder der feinen Gesellschaft behaupteten, mit ihm befreundet zu sein, waren jedoch wesentlich zurückhaltender, wenn es darum ging, ihn in ihre exklusiven Kreise aufzunehmen. Juliana überkam ein ungutes Gefühl, doch sie schob es beiseite. So, wie ihr Tag bisher verlaufen war, war sie einfach allem und jedem gegenüber misstrauisch.
„Soll ich Ihnen den abnehmen?“
Erst jetzt bemerkte Juliana, dass sie noch immer mit einer Hand den Regenschirm umklammert hielt, den sie – mehr zur Selbstverteidigung als zum Schutz gegen den Regen – aus der Kutsche gestohlen hatte. Der Butler hatte sie gar nicht darauf angesprochen. Wahrscheinlich war sie noch immer zu aufgewühlt von ihrer Flucht vor einer Zwangsheirat, bei der es um ihr Erbe ging.
„Nein, ist schon gut, ich behalte ihn erst einmal.“ Sie reckte das Kinn. „Vor ein paar Stunden wurde ich aus meinem Heim verschleppt mit der erklärten Absicht, mich gegen meinen Willen mit Mr. Matthew Chevers zu verheiraten.“
Der Earl sah sie erstaunt an. „Mit Ihrem Bruder?“
„Dem Sohn meines Stiefvaters“, antwortete sie. „Mein Bruder ist Mr. Chevers ganz sicher nicht.“
„Du lieber Himmel. Und er wollte Sie zwingen, ihn zu ehelichen?“
„Ja, und zwar mit Viscount Bramleys Zustimmung.“ Dem Mann, der ihr Stiefvater war, nachdem er drei Jahre zuvor ihre Mutter geheiratet hatte. „Sein Sohn, dieses abscheuliche Ekel, wollte seinen Plan gestern Abend in die Tat umsetzen. Ich kann nicht nach Hause zurückkehren, weil sie es bestimmt wieder versuchen werden.“
In letzter Zeit hatte Matthew Juliana gegenüber eine geradezu schmeichelhafte Aufmerksamkeit an den Tag gelegt, obwohl er sie bei ihrer ersten Begegnung nicht hatte ausstehen können. In den folgenden Jahren war er jedoch einigermaßen freundlich zu ihr gewesen. Mit Bitterkeit dachte Juliana an seine unechte Herzlichkeit, und sie war nur froh, dass sie nicht darauf hereingefallen war. Ihr Stiefvater hielt sie für undankbar, da sein Sohn immerhin bereit war, eine, wie er es nannte, „sitzengebliebene alte Jungfer“ zu heiraten. Daraufhin hatten die beiden einen teuflischen Plan ausgeheckt.
Wenn ihr verstorbener Vater sie nicht zu Unabhängigkeit und Eigenverantwortung erzogen hätte, wäre sie jetzt wohl schon mit dem Ekel verheiratet. „Meine Mutter kann ich mit alldem nicht belasten, da sie sich zurzeit in Bath aufhält, um ein Leiden auszukurieren.“
Nicht, dass ihre Mutter dem Viscount etwas entgegenzusetzen gehabt hätte, der seltsamerweise ganz vernarrt in seine Frau war, während er andererseits mit allerlei Intrigen versuchte, die Kontrolle über Julianas Leben und Erbe zu gewinnen. Ihre Mutter schien den Mann sogar zu lieben, und daher hielt Juliana es nicht für sinnvoll, die kranke Frau mit dem Verrat ihres Mannes zu belasten. Und das nicht nur, weil es ihrem schwachen Herzen schaden könnte. Juliana fürchtete, ihre Mutter könnte sich auf die Seite des Viscounts schlagen, denn sie hatte kein Verständnis dafür, dass ihre Tochter die Kontrolle über ihr eigenes Geld behalten und das Werk ihres Vaters fortsetzen wollte.
„Robert hat gesagt, Sie würden mir beistehen, wenn ich Hilfe brauche.“
Ein seltsamer Ausdruck huschte über das Gesicht des Earls. „Und inwiefern benötigen Sie meine Hilfe?“
Juliana fragte sich, was der Earl wohl denken mochte. Wahrscheinlich war es ihm lästig, sich mit ihren Problemen befassen zu müssen. Jedenfalls hatte sie nicht den Eindruck, dass er sonderlich viel Mitgefühl für sie empfand.
„Ich habe kürzlich einen Brief von Robert erhalten, in dem er schreibt, dass er noch vor Ende Dezember nach London zurückkehren will. Ich lebe erst seit vier Jahren in England und würde am liebsten das nächste Schiff nach New York nehmen. Doch die Überfahrt dauert sechs Wochen, und so könnten Robert und ich einander verpassen. Mir ist völlig klar, dass ich mit den begrenzten Mitteln, die mir momentan zur Verfügung stehen, den Plänen meines Stiefvaters nichts entgegenzusetzen habe, und daher muss ich mich bis zur Rückkehr meines Bruders irgendwo verstecken, wo sie mich nicht finden können.“
„Und hier komme ich ins Spiel“, stellte er mit einem bohrenden und sogar leicht beunruhigenden Blick fest.
Genau das war ihr in den Sinn gekommen, als der freundliche Bauer, der auf dem Weg zum Markt war, sie auf seinem Karren mitgenommen hatte. „Ja. Das Testament meines Vaters besagt, wenn ich mit fünfundzwanzig noch nicht verheiratet bin, dann ist das ein Beweis dafür, dass ich weiß, was ich will. Und dann erhalte ich mein Erbe – eine Hälfte an meinem fünfundzwanzigsten und die andere Hälfte an meinem dreißigsten Geburtstag. Da ich in zwei Monaten fünfundzwanzig werde, wird mein Stiefvater alles tun, um mich vorher zu der Heirat zu zwingen, und ich werde alles tun, um ihre schändlichen Pläne zu durchkreuzen. Da ich dann Zugriff auf mein Vermögen habe, würde ich Ihnen eventuelle Ausgaben natürlich umgehend erstatten.“
Der Earl sah sie lange an, dann sagte er: „Ich verstehe Ihr Dilemma durchaus, Miss Pryce. Bitte, warten Sie hier, ich bin gleich zurück.“
Zu ihrer Verwunderung stand er auf und ging hinaus, und bald darauf begann Juliana, nervös auf und ab zu gehen. Ein junges Dienstmädchen brachte Tee und Sandwiches auf einem Teewagen, und da Julianas Magen trotz aller Unruhe und Nervosität beängstigend laut knurrte, trank sie zwei Tassen Tee und verspeiste mehrere der köstlichen Brote. Gesättigt nahm sie ihre Wanderung durch das Zimmer wieder auf, denn sobald sie sich hinsetzte, brachen Angst und Schrecken der vergangenen Stunden wieder über sie herein. Diese gemeinen Kerle! Wie konnten sie ihr das nur antun!
Da öffnete sich die Tür zu dem kleinen Salon, und der Earl trat ein.
„Entschuldigen Sie, dass es so lange gedauert hat“, sagte er lächelnd. „Ich musste noch einen dringenden Brief abschicken. Nehmen Sie doch bitte Platz, Miss Pryce. Haben Sie schon Tee getrunken?“
Erleichtert ließ sie den angehaltenen Atem ausströmen. „Sogar zwei Tassen, Mylord.“
„Sie sind noch immer schrecklich blass“, bemerkte er mitleidig.
„Ich wurde ja auch gerade erst gefesselt in eine Kutsche verfrachtet und Gott weiß wohin verschleppt“, erwiderte sie trocken. „Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis ich mich wieder beruhigt habe.“
Seine blauen Augen unter den auffälligen schwarzen Brauen verengten sich nachdenklich. „Wäre es nicht das Beste, einfach zu heiraten, Miss Pryce?“
Julianas Herz setzte einen Schlag aus. „Warum denn das, Mylord?“
„Um ein Vermögen wie das Ihre zu verwalten, braucht es den Verstand eines Mannes. Die Rede ist allgemein von fünfhunderttausend Pfund, einem großen Landhaus in Hertfordshire und beträchtlichen Anteilen am Transportunternehmen Ihres Bruders.“
Einzelheiten, die ihr Erbe betrafen, waren durchaus Gesprächsgegenstand in den besseren Kreisen, doch Juliana hätte nicht erwartet, dass er so ungeniert über Geld sprach. Obwohl sie sich auf dem Heiratsmarkt kaum auskannte, wusste Juliana, dass ihre Mitgift die größte Anziehungskraft auf mögliche Bewerber besaß. Das machte ihr die Männer nicht sympathischer. „Ich schätze meine Unabhängigkeit und gehe vernünftiger mit meinem Geld um als die meisten vornehmen Herren, die unbedingt eine reiche Erbin heiraten wollen, weil sie ihr eigenes Vermögen verschleudert und alles Vertrauen, das man in sie gesetzt hat, enttäuscht haben.“
„Ich verstehe“, erwiderte er lächelnd, doch seine Augen lächelten nicht mit. „Ist Ihnen schon einmal die Idee gekommen, dass Lord Bramley nur Ihre Interessen im Auge hat? Sie können doch nicht im Ernst glauben, dass er ein Glücksritter ist. Sein Sohn … Matthew … und ich kennen einander, und ich kann Ihnen versichern, dass er ein anständiger Kerl ist und Sie eine vorzügliche Ehefrau für ihn abgeben würden.“
„Aber er würde keinen vorzüglichen Ehemann für mich abgeben.“
„Also wirklich, Miss Pryce“, entgegnete der Earl tadelnd. „Sie können doch nicht wissen –“
„Doch, ich weiß es“, gab sie zurück und schluckte, weil ihr ein dicker Kloß im Hals saß.
Juliana fühlte sich so niedergedrückt, dass sie nur ein schwaches Lächeln zustande brachte. „Wenn ich jemals heirate, dann nur aus einem einzigen Grund: weil ich den Mann liebe, mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen werde. Sie sind doch gewiss meiner Meinung, Mylord, dass man nicht leichtfertig entscheiden sollte, wem man für immer sein Herz und sein Leben schenkt. Das könnte ich nur für einen Mann tun, den ich wertschätze, und nicht für einen, der versucht, mir meinen Besitz und das Erbe zu stehlen, für das mein Vater so hart gearbeitet hat. War es also falsch von meinem Bruder, mich zu Ihnen zu schicken?“
„Aber keineswegs.“ Seine Antwort klang unaufrichtig, und Juliana bekam Angst. Sie hatte so gehofft, Lord Prendergast würde ihr helfen. Wenn nicht, würde sie sich an Lord Rawlings wenden, den ihr Bruder ihr ebenfalls genannt hatte. Noch ein Earl und wahrscheinlich wieder einer, der ihr raten würde, sich mit ihrem Schicksal abzufinden, nur weil sie eine Frau war.
Nach einem knappen Klopfen trat der Butler ein und wechselte wortlos einen Blick mit seinem Herrn. Als sich der Earl erneut entschuldigte, wurde Juliana misstrauisch. Hastig erhob sie sich, ging zur Tür und öffnete sie. Wie eine eisige Welle brandete der Schreck über sie hinweg – Lord Prendergast stand im Korridor und redete mit ihrem Stiefvater. Dann lachten sie beide, und Juliana spürte förmlich die Kameraderie zwischen dem Earl und dem grauhaarigen, gemütlich wirkenden Viscount Bramley.
Großer Gott. Die Botschaft, die der Earl losgeschickt hatte, war für ihren Stiefvater bestimmt gewesen. Leise schloss Juliana die Tür, drehte behutsam den Schlüssel im Schloss und sah sich nach einem Fluchtweg um.
Entweder hatte der Earl ihr nicht geglaubt, oder er war der Meinung, ihre Probleme gingen ihn nichts an. Auf jeden Fall konnte Juliana nicht zulassen, dass ihr Stiefvater sie noch einmal verschleppte. Eher hätte sie sich auf den Boden geworfen und das ganze Haus zusammengeschrien. Doch vielleicht würde er sie genauso hereinlegen wie am Abend zuvor, als sie, nachdem sie auf ihrem Zimmer gegessen hatte, das Bewusstsein verlor und in einer Kutsche wieder zu sich kam, in der sich auch Matthew befand.
Sie kämpfte ihre Panik nieder, denn jetzt musste sie dringend handeln. Ihren Mantel und die Haube würde sie wohl oder übel zurücklassen müssen. Sie schnappte sich den Regenschirm, lief zu einem der großen Schiebefenster, zog die Spitzengardine beiseite und schob den unteren Teil des Fensters hoch. Dann schwang sie ein Bein über den Sims und kletterte hinaus in den strömenden Regen, was mit dem weiten Rock und mehreren Unterröcken keine leichte Sache war. Doch sie schaffte es, ohne ihr ramponiertes Kleid auch noch zu zerreißen. Sie machte sich nicht die Mühe, das Fenster zu schließen, und schaute auch nicht zurück. Im Handumdrehen war Juliana vollkommen durchnässt und zitterte vor Kälte. Eilig rannte sie seitlich am Stadthaus entlang und durch ein kleines schmiedeeisernes Tor auf die Straße, wo eine gerade vorüberrumpelnde Kutsche durch eine Pfütze fuhr und noch mehr Wasser auf Julianas Kleid spritzte. Vor Kälte zitternd spannte sie den Schirm auf.
Da der zweite Freund, den Robert ihr genannt hatte, in der Nähe wohnte, machte sie sich so rasch sie konnte auf den Weg, den Kopf gegen die prasselnden Tropfen gesenkt, die auf ihrer Haut stachen. Es war reiner Zufall gewesen, dass sich Lord Prendergast noch nicht aufs Land zurückgezogen hatte, und nun hoffte sie, dass das auch für den Earl of Rawlings galt. Nach wenigen Minuten erreichte sie Berkeley Square, durchweicht bis auf die Haut, da der Schirm gegen den heftigen Wolkenbruch nichts ausrichten konnte. Sie marschierte zu seinem Haus, klopfte mehrmals an und wartete. Da öffnete sich die Tür, und vor ihr stand ein Butler, der sie missbilligend ansah.
„Ich bin Miss Juliana Pryce und –“
„Gehen Sie nach hinten zum Dienstboteneingang“, wies er sie an und schlug ihr die Tür vor der Nase zu.
„Was für ein abscheulicher Grobian!“, fauchte Juliana.
So ein Diener ließ bestimmt auf einen Herrn mit ähnlichem Temperament schließen, oder Lord Rawlings hatte sein Personal nicht im Griff. Doch um dem eisigen Regen zu entkommen, tat Juliana wie ihr befohlen und ging um das Haus herum zum Hintereingang. Als sie dort anklopfte, wurde sie sofort in die große Küche eingelassen, wo sie wohlige Wärme umfing.
„Sie sind ja völlig durchnässt“, stellte eine rundbackige Frau fest und strich sich die Schürze glatt. „Sie bieten wirklich einen jämmerlichen Anblick, und außerdem kommen Sie zu spät.“
„Zu spät?“, fragte Juliana, um deren Füße sich eine Pfütze aus Regenwasser gebildet hatte. Sie war froh, ein freundliches Gesicht zu sehen.
„Sind Sie nicht wegen der Stelle als Haushälterin hier? Die wurde schon vor über zwei Stunden besetzt. Jetzt braucht Milord nur noch eine Vertretung für seinen Kammerdiener, und zwar schnell, weil er morgen abreisen muss.“
„Oh, ich bin nicht wegen einer Stelle hier“, versicherte Juliana rasch. „Ich muss mit dem Earl sprechen. Es ist äußerst dringend!“
„So wie bei allen anderen auch“, murmelte die freundliche Frau, bei der es sich offensichtlich um die Köchin handelte, stellte sich vor das Holzbrett auf dem Tisch und begann, in atemberaubendem Tempo Schalotten zu hacken.
„Wie bitte?“
„Sie müssen sich eben anstellen, wie alle anderen, bis Milord wieder zur Verfügung steht. Er steckt irgendwo, und es kann Wochen dauern, bis er wieder zum Vorschein kommt.“
Juliana sank der Mut. „Er ist nicht hier?“
„Doch, hier ist er schon, aber eben nicht da, wenn Sie wissen, was ich meine.“
Das wusste Juliana keineswegs, und sie starrte die Frau nur verdutzt an. „Ich verstehe nicht.“
„Milord hat sich in seinen Büchern vergraben, und ehe er nicht wieder zum Vorschein kommt, ist er für niemanden zu sprechen“, erklärte die Köchin. „Das Einzige, was Milord braucht, ist ein Kammerdiener, da er morgen zu seinem Landsitz abreisen will. Mr. Hanson stört das ganze Durcheinander gewaltig.“
„Mr. Hanson?“, fragte Juliana und wischte sich das Regenwasser von der Wange.
„Der Butler. Er ist ganz und gar nicht glücklich darüber, dass der Herr ohne Kammerdiener reisen will.“
„Der Earl fährt also weg?“
Die Köchin zog die Stirn kraus. „Normalerweise geht Seine Lordschaft aufs Land, sobald seine Pflichten im Oberhaus beendet sind.“
„Und wohin fährt er genau?“
Noch immer unwillig antwortete die Köchin: „Auf seinen Landsitz in Sussex.“
Der Earl fuhr also morgen aufs Land und würde wahrscheinlich für den Rest des Jahres dort bleiben. Vor Enttäuschung wurde Juliana das Herz schwer. Kurz darauf stand sie wieder auf der Straße, ihre Stimmung ebenso düster wie der Himmel. Ihre Augen brannten vor ungeweinten Tränen, und es wäre so leicht gewesen, ihrer Verzweiflung nachzugeben und loszuheulen. Stattdessen murmelte sie erbittert: „Ich werde nicht zulassen, dass sie mir meinen Besitz wegnehmen. Aber was kann ich dagegen tun?“
Ihre Mutter hatte den Viscount damit betraut, Juliana ihr monatliches Taschengeld auszuzahlen, doch das ließ nun schon seit drei Monaten auf sich warten. Als sie mit ihrem Stiefvater darüber in Streit geraten war und er ihr vorwarf, viel zu leichtsinnig mit ihrem Geld umzugehen, hatte sich ihre Mutter schrecklich aufgeregt und sich schließlich für ihre Tochter entschuldigt.
Juliana schnaubte wütend, weil jemand, dem sie ihr Vertrauen geschenkt hatte, sie in eine so missliche Lage gebracht hatte. Noch vor wenigen Monaten hatte sie den neuen Ehemann ihrer Mutter für einen anständigen Menschen gehalten, der Respekt verdiente. Er schien nett zu sein und war freundlich zu ihrer Mutter gewesen. Wie sehr hatte Juliana sich in ihm getäuscht. Denn die Aussicht darauf, dass ihre Mitgift nicht in seiner Familie bleiben würde, war ihm unerträglich. Sein Sohn hatte sich anfangs ihr gegenüber sehr charmant gegeben und sie umworben. Doch je mehr Zeit sie mit Matthew Chevers verbrachte, desto größer wurde ihre Abneigung gegen ihn.
Seufzend warf Juliana einen Blick zurück auf das Stadthaus. Ihr waren Gerüchte zu Ohren gekommen, dass der junge Earl zwar exzentrisch, aber hochgebildet sei. Schon mit siebzehn hatte er sein Universitätsstudium abgeschlossen, was in der englischen Gesellschaft äußerst ungewöhnlich war. Ihr Bruder schien ihn sehr zu bewundern und hatte ihn als seinen guten Freund bezeichnet.
Vielleicht hätte er etwas gegen ihren Stiefvater ausrichten können, doch vermutlich wäre Julianas Anwesenheit ihm nur lästig, weil sie ihn von seinen geliebten Büchern ablenkte. „Was soll ich nur machen?“, flüsterte sie, die Kehle wie zugeschnürt.
Ziellos wanderte Juliana davon. Sie hatte nur wenig Geld bei sich, und alle, die sie in London kannte, waren eher Bekannte als Freunde. „Ich muss mich irgendwie unsichtbar machen.“
Aber am besten weder in London noch in Derbyshire.
Vielleicht in Sussex.
Plötzlich blieb sie wie angewurzelt stehen. Ihr war ein Gedanke gekommen. Vielleicht sollte sie sich in den Haushalt des Earls of Rawlings einschleichen und erst einmal herausfinden, was für ein Mensch er war, bevor sie ihm von ihren Problemen erzählte. Der Earl brauchte dringend einen Kammerdiener. Ob es wohl schwer wäre, sich in einen Mann zu verwandeln? Wenn sie sich beeilte, konnte sie vielleicht die Halskette, die sie trug, verkaufen. Es war eine zweireihige Perlenkette mit einem rubinbesetzten Verschluss, die mindestens zweihundert Pfund einbringen würde. Mit dem Geld könnte sie sich ein Hotelzimmer leisten und ein paar notwendige Einkäufe machen. Eine solche Summe würde sogar ausreichen, um zwei Monate lang bis zu ihrer Volljährigkeit auf Reisen zu gehen. Doch das erschien ihr, selbst als Mann verkleidet, zu gefährlich. Da zog sie doch die andere Möglichkeit vor.
Bedauernd berührte sie mit der Hand ihr Haar. Der Verlust ihrer dichten dunklen Locken würde sie am meisten schmerzen, aber vielleicht ließe sich mit der entsprechenden Frisur ja eine Perücke darüberstülpen. Juliana fasste neue Hoffnung. Energischen Schrittes machte sie sich auf nach Holborn, um einen seriösen Juwelier ausfindig zu machen.
Ihre Figur war schon immer zierlich und ohne nennenswerte weibliche Kurven gewesen, und ihre Mutter hatte sie oft damit getröstet, dass sie eben ein Spätentwickler sei. Doch schon vor einigen Jahren hatte sich Juliana damit abgefunden, dass in dieser Hinsicht wohl keine Entwicklung mehr zu erwarten war. In Männerkleidung sollte es ihr nicht schwerfallen, als Diener für den Earl zu arbeiten.
Kammerdiener trugen keine Livree, sondern kleideten sich wie Gentlemen. Sie wäre auch kein gewöhnlicher Dienstbote, der dem Butler und der Haushälterin untergeordnet war, sondern würde dem Earl direkt unterstehen. Und wenn der die ganze Zeit die Nase in ein Buch steckte – umso besser! Was die heikleren Aspekte der Weiblichkeit betraf, so war es nur gut, dass sie Anspruch auf ein eigenes Zimmer im Dienstbotentrakt hatte, was ihr genügend Privatsphäre verschaffen würde.
Juliana überlegte, welche Pflichten der Kammerdiener ihres Stiefvaters hatte: Vor allem hatte er dafür zu sorgen, dass sein Herr stets im besten Licht erschien. Da sie immer viel Wert auf ihre Unabhängigkeit gelegt hatte, konnte sie bügeln und ihre Kleidung selbst ausbessern. Hin und wieder hatte sie sogar eigenhändig ihre Schuhe geputzt, und sei es auch nur, um ihre unbegleiteten Ausflüge in den Wald auf ihrem Besitz in Hertfordshire zu kaschieren, die sie unternahm, um den einengenden Vorschriften ihrer Mutter und ihres Stiefvaters zu entgehen. Wenn sie den Schlamm an ihren Stiefeln nicht sahen, konnten sie ihr auch kein undamenhaftes Benehmen vorwerfen.
Als Kammerdiener des Earls wäre sie dafür verantwortlich, dass er gut gekleidet und makellos gepflegt auftrat. Ob sie ihn auch rasieren müsste? Juliana hatte ihren Vater oft rasiert, als er krank war und seine Hände ein wenig gezittert hatten.
Ich bin nicht perfekt darin, aber es sollte schon klappen, dachte sie, obwohl ihr eine solche Dienstleistung ziemlich intim vorkam. Juliana wurde ein wenig bange – würden ihre Kenntnisse ausreichen? Was wusste sie schon über Männergarderobe? Und wenn sie nun die Stelle nicht bekam?
Hör auf damit, rief sie sich selbst zur Ordnung. Du bist klug, und alles lässt sich lernen.
Wenn sie es geschickt anstellte, konnte sie vielleicht in Lord Rawlings’ Landhaus Unterschlupf finden.
Mein Gott, traue ich mir wirklich so etwas Unerhörtes zu?
Sie atmete tief durch, denn plötzlich schlug ihr das Herz bis zum Hals. Doch jetzt musste sie erst einmal einen Juwelier finden, und ihr Geld reichte noch für eine Droschke.
Zum Glück konnte Juliana kurz darauf eine solche anhalten, und trotz ihres ramponierten Zustands nahm der Kutscher, froh um den Verdienst, sie anstandslos mit. Bald rumpelte sie in der etwas muffigen, aber warmen Kutsche dahin, in der es nach Tabakrauch und Haarpomade roch. Bei dem vertrauten Geruch musste sie daran denken, dass es selbst in diesen modernen Zeiten noch immer eine Männerwelt war. Unabhängige Frauen wurden schief angesehen und galten als schrullig oder leichtlebig.
Ihre Grübeleien wurden unterbrochen, als die Droschke zum Stehen kam. Juliana stieg aus, bezahlte den Kutscher und gab ihm ein kleines Trinkgeld obendrein. Dann überlegte sie, wie sie es dem Hotel gegenüber begründen sollte, dass sie außer dem Schirm und einem kleinen Pompadourtäschchen kein Gepäck bei sich hatte. Ohne Gepäck würde selbst ein junger Mann abgewiesen. Langsam ging Juliana an den Geschäften vorbei und begutachtete aufmerksam jeden Juwelierladen auf ihrem Weg. Dabei war sie sich bewusst, dass die Leute sie anstarrten, weil sie keine Haube trug. Ihre lag noch immer bei Lord Prendergast. Obwohl die Gefahr, erkannt zu werden, nicht groß war, mied sie die belebtesten Geschäfte, und am Ende fand sie einen Juwelierladen, der nicht allzu modisch wirkte. Die Halskette besaß keinen sentimentalen Wert für sie und ließe sich leicht durch eine hübschere ersetzen, wenn Juliana erst einmal ihr Erbe erhalten hätte. Der ältliche Ladeninhaber bot ihr einen, wie sie fand, anständigen Preis, und so verließ sie den Laden mit einem hübschen Bündel Banknoten, sorgsam in ihrem Täschchen verstaut.
Erneut winkte sie eine Droschke heran und bat den Kutscher, sie zur Wentworth Street zu bringen, wo es seit vielen Jahren einen Petticoat Lane genannten Markt gab. Sie hatte erwogen, es mit dem Covent Garden Markt zu versuchen, der wesentlich näher war, doch in dessen Umfeld befanden sich etliche anrüchige Häuser. Eine junge Frau, die mit unbedecktem Haar und ohne ihre Zofe unterwegs war, würde dort mit Sicherheit unanständige Angebote erhalten. Da war es sicherer, etwas weiter zu fahren und zu hoffen, dass sie nicht belästigt wurde, bevor sie sich etwas anderes anziehen konnte.
Auf dem Markt angekommen, hatte Juliana wieder Hunger. Dennoch kaufte sie als Erstes eine schlichte Haube, die sie sofort aufsetzte, und einen kleinen gebrauchten Koffer, um ihre Einkäufe darin zu verstauen. Erst danach wagte sie es, sich eine Tüte heiße Maronen zu genehmigen, und genoss am Straßenrand stehend ihr warmes nussiges Aroma. Der Boden war mit Abfall übersät, doch sie steckte die Tüte samt Schalen in ihre Tasche, straffte den Rücken und setzte ein leichtes Lächeln auf. Sie verlieh ihrer Sprechweise, die sie als Angehörige der Oberschicht auswies, einen leichten Cockney-Akzent in der Hoffnung, auf diese Weise glaubwürdiger zu wirken, wenn sie sich, angeblich für eine Theateraufführung, nach Männerkleidung erkundigte.
Das meiste von dem, was sie benötigte, entdeckte sie am Stand eines alten Juden, der mit gebrauchten Kleidern handelte. Höflich gestattete er ihr, sich die Sachen der Passform wegen anzuhalten, und seine Preise waren moderat. Neben Hemden, Halstüchern, Socken und Nachthemden fand sie auch einfache blaue Westen, schwarze Jacketts und Hosen, die allesamt so aussahen, als könnten sie ihr passen. Die Sachen machten einen respektablen Eindruck, wirkten aber nicht, als stammten sie von einem teuren Schneider. Der Händler bot ihr auch einen warmen Mantel mit zwei Capes an, der nur ein klein wenig zu lang war. Doch das ließe sich ändern.
„Wissen Sie, wo ich hier auf dem Markt Schuhe, einen Hut und ein paar kleinere Sachen bekomme?“, erkundigte sich Juliana höflich. Seine Empfehlungen würden ihr die Suche sehr erleichtern. Nach kurzem Feilschen packte er ihre neu erworbenen Kleider in eine Tasche und erklärte sich bereit, ihre Maronenabfälle in einen Sack unter seiner Verkaufstheke zu werfen.
Auf der Suche nach den empfohlenen Ständen erstand sie noch etwas Leinenstoff, Polierbürsten und Nähutensilien. Bald hatte sie alles beisammen und ging zu dem nahe gelegenen Geschäft eines Perückenmachers. Ein Teil des Ladens war aus Diskretionsgründen mit einem Vorhang abgeteilt, hinter dem Juliana ihr feuchtes Kleid ablegte und sich mit der gerade erworbenen Männerkleidung ausstaffierte. Das Kleid würde sie trocknen und ausbessern, wenn sie erst im Hotel wäre.
Ohne neugierige Fragen zu stellen, half ihr der Friseur, ihr dunkles Haar aufzustecken und unter einer kurzen blonden Perücke zu verbergen, die, wie sie zugeben musste, ihr Erscheinungsbild völlig veränderte. Wenn sie jetzt noch einen Zylinder trug und längere Schritte machte, konnte sie ohne Zweifel als Mann durchgehen. Mit einem Lächeln auf den Lippen und einem Gefühl der Entschlossenheit bezahlte sie den Perückenmacher und machte sich auf die Suche nach einem bescheidenen Hotel für die Nacht.
Und morgen würde Julian Pryce seine Dienste als Kammerdiener anbieten.