Ein unerwartetes Geschenk
»Du hast – was gemacht?!« Ich stelle die Kaffeetasse so hart auf den Tisch, dass Cappuccino über den Rand schwappt.
Meine Mutter sieht mich ruhig an. Ihre klaren blauen Augen blinzeln nicht einmal. »Ich habe uns zu deinem dreißigsten Geburtstag einen tollen Urlaub gebucht. Vier Wochen Wellness in der Toskana. Alles dreht sich darum, das Leben zu verlangsamen. Mit allen Sinnen zu genießen – ganz bewusst.« Sie legt den Kopf leicht schief. »Ich habe sogar schon mit deinem Chef gesprochen. Also ehrlich, Nele – ich finde, dafür habe ich ein Dankeschön verdient.«
Kein Funken Reue. Keine Spur von Zweifel. So ist meine Mutter. Sie hat eine Idee – und ich soll sie lieben. Das war schon früher so. Sie steckte immer voller Pläne. Anne Winter weiß nun mal, was andere wollen. Oft hat sie mir damit tolle Erlebnisse beschert. Aber manchmal war es auch eher der Griff ins Klo. Und genau das befürchte ich bei dieser Sache. »Hättest du mich nicht vorher fragen sollen?«
»Du wolltest sowieso über deinen Geburtstag verreisen.«
Ja. Eine Woche mit Alessia. In der wir Party machen, shoppen, schwimmen oder am Strand abhängen. Mist, wir hätten doch schon buchen sollen. »Mama, das geht nicht. Das ist viel zu lange. Ich stecke mitten in den Vorbereitungen für eine neue Hotellinie. Wenn alles gut läuft, ist das mein Karriereturbo. Aber nur, wenn ich weiter Gas gebe.«
Meine Mutter schüttelt energisch den Kopf. »Nele. Darüber haben wir schon gesprochen. Du brauchst dringend eine Auszeit. Du steuerst geradewegs auf ein Burnout zu.«
Ich schnaube. »Blödsinn. Das ist kein beginnender Burnout. Höchstens ein bisschen Stress.«
Sie hebt eine Augenbraue und nimmt betont langsam einen Schluck Kaffee. »Ein bisschen Stress. So nennst du also Schlaflosigkeit und Herzrasen?«
Verdammt, ich sollte mir echt abgewöhnen, mit Mama über solche Dinge zu sprechen! Aber manchmal brauche ich etwas mütterlichen Trost. Oder einen Rat. Schließlich bin ich auch nur ein Mensch, der hin und wieder an sich zweifelt. Aber sie tut so, als stünde ich kurz vor dem Zusammenbruch. Ich zucke mit den Achseln. »Jeder hat mal Tage, an denen er schlecht einschläft. Selbst du. Und das mit dem Herz war nur ein-, zweimal.« Von denen ich ihr erzählt habe … Ich spüre einen Anflug von Verlegenheit, doch ich verdränge ihn hastig.
»Aber nicht jeder arbeitet fünfzig, sechzig Stunden die Woche.« Sie setzt ihre Tasse mit einem Klacken auf der Untertasse auf. Dann beugt sie sich vor, betrachtet mich mit sorgenvoller Miene und drückt sanft meine Hand. »Wenn du so weitermachst, klappst du mir noch vor deinem fünfunddreißigsten Geburtstag zusammen. Erlaube mir doch, dass ich mir ein wenig Sorgen um dich mache. Du bist mein Kind.«
Wie soll ich da widersprechen? Es ist ja lieb, wie sehr sie sich um mich kümmert. Wenn sie nur nicht so überfürsorglich wäre … Gequält lächle ich sie an. »Natürlich darfst du dir Sorgen machen. Aber das hier ist mehr als das. Du hast über meinen Kopf hinweg entschieden. Und mit meinem Chef über meine Karriere gesprochen.«
Sie lacht leise. »Schatz, du dramatisierst wieder einmal maßlos. Herr Strömer war ausgesprochen nett. Und er hat betont, wie viel ihm an dir liegt. Du bist eine seiner hoffnungsvollsten Nachwuchsmanagerinnen.«
So redet Jens also von mir? Das war mir gar nicht bewusst. Stolz durchflutet mich und wärmt mein Herz. »Das freut mich, dass er das sagt. Trotzdem … ich kann nicht ausgerechnet jetzt vier Wochen aussteigen.« Ich seufze.
»Vier Wochen sind nichts. Du bist noch so jung! Und du hast seit Jahren keinen richtigen Urlaub gemacht. Wovor hast du denn Angst? Dass es ohne dich nicht läuft? Oder eben doch?« Prüfend schaut sie mich an.
Der letzte Satz zwickt. Ganz unrecht hat sie nicht, denn natürlich möchte ich nicht ersetzt werden. Würde Jens das machen? Jens schätzt mich, natürlich. Aber bedeutet das, dass er mir den Job einen Monat freihält? Das weiß ich nicht und das macht mich verrückt. Arbeit ist der eine Bereich in meinem Leben, den ich kontrollieren kann. Wenn ich genug leiste, bekomme ich gute Ergebnisse. Anerkennung. Ganz anders als Menschen, die für meinen Geschmack zu oft unberechenbar reagieren. Vor allem Männer.
»Schatz, glaub mir, das wird dir guttun. Die Inhaber haben sich auf Menschen spezialisiert, die ihren Fokus verloren haben. Sie helfen ihnen, wieder zu sich zu finden. Danach bist du gut erholt, klar im Kopf – und kennst deine Grenzen.«
Ich verdrehe die Augen. »Und wie soll das gehen? Halten wir uns alle an den Händen und singen?«
»Natürlich nicht! Sie haben ein tolles Konzept mit Slow Food und einem vielseitigen Anti-Stressprogramm.« Sie schiebt mir einen Umschlag über den Tisch. Darin befinden sich ausgedruckte Flugtickets und ein Prospekt, auf dem in weichen Lettern steht:
La Casa Essenza – Retreat & Slow Living. Bewusst entschleunigen. Bewusst genießen.
Ich sehe die Szenerie förmlich vor mir: selbst ernannte Coaches, die von Achtsamkeit sprechen. Menschen, die zustimmend nicken, während sie Grünkernlinge futtern. Und alle tun so, als hätten sie das Leben neu erfunden. Gott, nein, das ist meine persönliche Hölle! Ich öffne den Mund, um etwas in der Art zu erwidern.
Aber dazu sieht mich meine Mutter zu hoffnungsvoll an. »Wir beide vier Wochen in der schönen Toskana, mein Schatz. Schau es dir doch wenigstens einmal an.«
Sofort schließe ich den Mund. Das schlechte Gewissen macht sich in mir breit. Sie meint es nur gut. Außerdem ist sie so überzeugt davon, dass mir genau das jetzt guttut. Und wer weiß – vielleicht braucht sie es sogar auch? Wann hat sie das letzte Mal einen längeren Urlaub gemacht? Das ist ewig her. Nachdenklich betrachte ich sie. Sehe die leichten Schatten unter ihren Augen, die Falten, die etwas tiefer wirken. Ja, sie braucht dringend eine Auszeit. Zeit für sich. Für uns.
Also tue ich ihr den Gefallen und klappe den Prospekt auf. Sanfte Hügel ziehen sich über die Seiten, dazwischen schmale Zypressen, die wie dunkle Pinselstriche in den Himmel ragen. Kleine Häuser mit terracottafarbenen Dächern schmiegen sich an die Hänge, als würden sie schon seit Jahrhunderten dort stehen. Über allem liegt dieses warme, goldene Licht, das die Landschaft weichzeichnet und selbst den Schatten etwas Sanftes gibt.
Für einen Moment verstehe ich, warum so viele Deutsche hier ihren Urlaub verbringen. Warum sie herkommen, um durchzuatmen. Und obwohl ich das eigentlich gar nicht will, spüre ich, wie irgendetwas in mir auf diese Aussicht reagiert.
»Es ist wirklich schön«, murmle ich.
Ein erfreutes Lächeln zieht über ihr Gesicht. »Nicht wahr? Nele … überleg es dir, es gibt schließlich so viel mehr im Leben als nur die Arbeit.« Sie seufzt leise und dieses Seufzen tut mir in der Seele weh.
Ich spüre ihre Sorge um mich, ihr Bestreben, mich zu schützen. Notfalls vor mir selbst. Anne Winter, Löwenmutter. Die Kehle wird mir eng. Sie hat recht: Sie verdient Dankbarkeit für so vieles, was sie richtig gemacht hat. Auch wenn das ein gemeinsamer Zwangsurlaub ist. Sanft lege ich eine Hand auf ihren Arm. »Das weiß ich doch, Mama. Und das ist ein schönes Geschenk. Danke. Vielleicht ist es wirklich genau das, was mir fehlt.«
Das Gesicht meiner Mutter hellt sich auf. Sie strahlt, als hätte ich ihr gerade selbst ein Geschenk gemacht. »Na siehst du, Schatz. Das werden sicher wunderbare Ferien!«
***
»Du siehst aus, als hättest du gerade einen Krieg verloren«, witzelt Alessia, als ich am nächsten Tag zu ihr in die Küche stoße. Der vertraute Mix aus Gewürzen, Gemüse und frischen Kräutern umfängt mich. Meine Bestie steht an der Anrichte, die schwarzen Haare zum Knoten gebunden und bearbeitet Zwiebeln in einer schwindelerregenden Geschwindigkeit.
»Habe ich auch. Und der Gegner heißt Anne Winter.«
Alessia lacht schallend los. »Was hat sie diesmal gemacht? Dir neue Klamotten besorgt? Oder ein Date?«
»Noch schlimmer. Einen Urlaub gebucht: Vier Wochen mit ihr in der Toskana, und zwar über meinen Geburtstag …« Vorsichtig schaue ich sie an.
Alessia reißt ihre braunen Augen weit auf. »Über deinen Geburtstag? Aber da wollten wir doch zusammen wegfliegen. Ibiza. Rimini. Oder was weiß ich. Hauptsache Party.«
»Ja. Und das würde ich auch viel lieber machen. Mama findet allerdings, ich brauche richtige Erholung bei irgendwelchen Relax Gurus. Sie hat sogar schon mit Jens gesprochen.« Stöhnend schüttle ich den Kopf.
»Also keine Chance für uns, was?« Alessia seufzt.
»Ich könnte ihr sagen, du verbietest es mir …« Hoffnungsvoll lächle ich sie an.
Sie grinst. »Und Stress mit deiner Mutter bekommen? Vergiss es. Ich liebe sie. Aber ich habe auch Angst vor ihr.«
»Was meinst du, wem das noch so geht?«, brumme ich. »Ich schwöre dir, ich werde wahnsinnig mit ihr!«
Alessia lacht leise in sich hinein, während sie die Zwiebeln beiseitestellt und eine Knoblauchzehe schält. »Trotzdem – aus der Nummer kommst du nicht mehr raus. Du kennst Anne doch.«
»Wem erzählst du das … Ich habe ja auf Jens gesetzt und ihm gesagt, dass er das ruhig verbieten kann, wenn ihm das zu viel ist. Aber nein. Er findet die Idee super. Meint, ich könnte neue Perspektiven gewinnen, kreative Impulse finden.« Ich lehne mich gegen das Regal hinter mir. »Als würde ich zwischen Olivenöl-Tasting und Klangschalen plötzlich das nächste große Hotelkonzept erfinden.«
Alessia kichert. »Vielleicht inspirieren dich die Oliven.«
»Oh wow. Sicher.« Verzweifelt sehe ich sie an. »Gott, wie soll ich das nur aushalten? Vier Wochen Langeweile.«
»Komm, Nele – es könnte schlimmer sein. Urlaub in der Toskana. Also, ich würde mich nicht wehren … Ich war schon ewig nicht mehr da. Immer nur in Apulien, wo meine Eltern geboren sind. Wir fahren jedes Jahr zu meiner Nonna und meinem Nonno. Und jedes Mal kommen die Fragen, wann ich endlich heirate und warum ich in Deutschland arbeite.«
Sie wischt sich die Hände an der Schürze ab, kommt um den Tresen herum und drückt meine Hände. Ihre Finger sind etwas klebrig von den Zwiebeln und dem Knoblauch. Aber das ist mir egal. Die Berührung tut gut.
Alessia schmunzelt. »Außerdem: Wer weiß? Vielleicht fällt dir ja ein heißblütiger Italiener vor die Füße. Einer mit dunklen Augen und einer Stimme wie Samt. Und du willst gar nicht mehr zurück.«
Ich lache. »Genau. Ich kündige einfach und eröffne mit ihm ein kleines Hotel zwischen Zypressen.«
»Mit offener Küche«, ergänzt sie grinsend.
»Und du bist meine Küchenchefin.«
»Sonst ersteche ich dich.« Sie zwinkert mir zu, bevor sie zurück zur Arbeitsplatte geht und den geschälten Knoblauch mit dem Messer zerdrückt.
Ich bleibe noch einen Moment stehen, dann verschwinde ich aus der Küche, ziehe die Tür hinter mir zu und tauche wieder ein in die gedämpfte Eleganz des Hotels. Die Lobby liegt ruhig da wie ein perfekt inszeniertes Foto. Die kühlen Marmorböden werden von Wänden in Cremetönen eingerahmt. Messinglampen werfen warmes Licht auf makellose Oberflächen. Ein dezenter Duft nach weißem Tee schwebt in der Luft. Alles ist hochwertig.
Allerdings auch etwas langweilig. Ich liebe dieses Hotel wirklich. Aber während ich durch den Innenhof gehe und die akkurat geschnittenen Buchsbäume betrachte, sehe ich etwas anderes vor mir. Ein Haus mit knalligen, frischen Farben. Mit Events, die knistern, und Musik, die pulsiert. Gäste, die nicht nur übernachten, sondern sich wohlfühlen wollen.
Ganz genauso stelle ich mir nämlich die neue Linie vor. Und ich will unbedingt diejenige sein, die sie formt.
***
Ich mache meinen täglichen Rundgang durch das Hotel. Prüfe, ob alle so ist, wie es sein soll, korrigiere hier und da. Schließlich sollen sich die Gäste in unserem Hotel hundertprozentig wohlfühlen, sich um nichts Gedanken machen müssen. Wir bieten Topservice zu bezahlbaren Preisen, das ist das Leitmotto der Nordic Crown Collection.
Zufrieden gehe ich zurück ins Foyer. Noch eine halbe Stunde bis zum nächsten Meeting. An der Rezeption sehe ich Mia, eine unserer neuen Auszubildenden. Ihr Dutt ist etwas aufgelöst, und sie tippt mit angespannten Fingern auf die Tastatur. Vor ihr steht ein älterer Herr mit streng zurückgekämmtem Haar und hochgezogenen Augenbrauen.
»Ich habe ausdrücklich ein Zimmer mit Blick in den Innenhof gebucht!«, sagt er scharf und schaut Mia an, als habe sie ihm Gift zum Frühstück angeboten. »Nicht zur Straße. Bei diesem Verkehrslärm kann ich nicht schlafen.«
»Es tut mir leid, Herr … ähm …« Mias Stimme ist leise und ihre Miene drückt pure Verzweiflung aus.
Sie tut mir sofort leid, anscheinend ist sie mit dieser Situation total überfordert. Beruhigend lächle ich ihr zu und trete neben sie. Spüre, wie sie sich ein wenig entspannt, auch wenn sie immer noch aussieht, als würde sie sich am liebsten hinter irgendwem verstecken.
»Das ist Herr Kessler«, sage ich ruhig zu ihr, bevor ich mich an den Mann wende. Auf den Lippen immer noch ein Lächeln, obwohl mir dieser Kerl äußerst unsympathisch ist. Wie kann er die arme Mia nur so anfahren! Dennoch muss ich professionell bleiben. »Willkommen zurück in Berlin.«
Er blinzelt. »Sie erinnern sich?«
»Natürlich. Sie waren zuletzt im Frühjahr bei uns. Damals hatten wir auch das Hofzimmer für Sie reserviert.«
Seine Schultern sinken ein paar Millimeter hinab. Ich werfe einen Blick auf den Bildschirm. Das ist anscheinend eine klassische Doppelbelegung, ein Fehler im System. Dafür kann Mia nichts, deren Finger zittern.
»Da ist uns ein Missverständnis unterlaufen. Wir kümmern uns sofort darum. Nicht wahr, Frau Meier?« Es ist wichtig, sie einzubeziehen, damit die Ärmste wieder ein wenig Selbstbewusstsein bekommt. Indem sie selbst die Lösung findet und nicht ich.
Mia nickt.
»Gut, dann schauen Sie bitte im System, welche Hofzimmer noch frei sind.«
Sie macht es. Ein Lächeln zieht bald über ihr Gesicht, und zwar ein echtes, kein verkniffenes wie vorhin. »Zimmer 314 ist gerade fertig geworden. Innenhof«, sagt sie eifrig.
Herr Kessler sieht sie immer noch wütend an. »Das hätte schneller gehen können.«
Mias Gesicht nimmt augenblicklich die Farbe einer überreifen Erdbeere an. Allmählich werde ich wütend auf den Mann. Ich weiß, dass er ein wichtiger Businessgast ist. Trotzdem, Mia befindet sich noch in der Ausbildung.
»Fehler passieren«, erwidere ich daher mit fester Stimme und fixiere ihn mit meinem Blick. »Dafür kann Frau Meier nichts. Aber als Entschuldigung lasse ich Ihnen eine Flasche unseres Hausweins aufs Zimmer bringen.«
Herr Kessler mustert mich noch einen Moment, dann nickt er knapp. »So stelle ich mir das vor.«
Als er im Aufzug verschwindet, atmet Mia hörbar aus.
»Es tut mir leid, Frau Winter. Ich habe –«
»Nele, bitte. Das Sie braucht es nur vor den Gästen. Und du musst dich nicht entschuldigen. Du hast nichts verkehrt gemacht. Das System hat das Upgrade falsch zugeordnet. So etwas ist ärgerlich, aber es kann passieren. Wichtig ist doch nur, dass wir es zusammen gelöst haben.«
»Danke«, flüstert sie.
»Und beim nächsten Mal nenn ihn direkt beim Namen«, füge ich hinzu. »Das wirkt souveräner.«
Ein zaghaftes Lächeln huscht über ihr Gesicht. »Ich werde daran denken, Nele.«
»Das ist gut.«
***
Der Konferenzraum liegt in unserer Meeting-Etage, dem achten Stock. Die Designer haben dafür bewusst die höher liegenden Räume gewählt, die einen atemberaubenden Blick über Berlin bieten. Durch die großen Fensterfronten sieht man den Funkturm. Den Reichstag. Die Spree. Ich liebe diesen Ausblick. Es zeigt, was die Hauptstadt so faszinierend macht.
Das Zimmer ist in etwa so groß wie ein normales Wohnzimmer, allerdings ohne dessen Gemütlichkeit. Stattdessen besticht die Konferenzetage durch eine elegante Mischung aus schwarzer Bestuhlung, anthrazitfarbenen Tischen und Accessoires aus glänzendem Chrom. Bis auf Jens sind schon alle da, plaudern miteinander.
Die Stimmung ist gelöst, heute stehen keine wichtigen Entscheidungen an. Nur ein normales Projektmeeting. Ich setze mich neben Nina, auch eine Junior Hotelmanagerin, die jedoch erst seit einem Jahr hier ist. Wir kommen miteinander aus, allerdings habe ich den Eindruck, dass sie dieses Projekt genauso will wie ich.
Kurz vor elf betritt Jens den Raum. Sein dunkler Anzug sitzt perfekt, genau wie sein helles Hemd. Die Gespräche ersterben sofort, alle schauen zu ihm.
»Hallo in die Runde«, grüßt er uns. Danach sieht er sich kurz um. »Gut, wir sind vollzählig.« Er schließt die Tür und setzt sich an die Stirnseite des Tisches. Fährt seinen Laptop hoch. »Dann starten wir auch gleich.«
Auf dem Bildschirm erscheint die Präsentation. Nordic Crown Urban. Das neue Logo hat klarere Linien, wirkt modern und geradlinig, weniger verspielt als die Hauptmarke.
»Wie ihr wisst, müssen wir jünger werden. Ohne unseren Qualitätsanspruch zu verlieren. Wir werden erste Hotels in ausgewählten Städten eröffnen. New York. London. Stockholm. Eventuell Barcelona oder Mailand im zweiten Schritt«, erläutert Jens. »Immer in Trendvierteln, in der Nähe zur City und zur Kreativszene. Mit flexiblen Preismodellen. Die Zimmer sind kleiner, dafür haben wir mehr Community-Flächen. Und mehr Trendstyle. Darüber wird euch Nele mehr erzählen, sie hat einiges vorbereitet.«
Ich nicke ihm zu, verbinde meinen Laptop mit dem Beamer und beuge mich vor. »Ganz genau. Wir setzen auf Rooftop-Bars mit hipper Atmosphäre statt klassischer Hotelbars. Elektronische Musik statt Jazz. Trenddrinks für faire Preise.« Ich zeige Skizzen von modernen, offenen Bars. »Dazu bieten wir Co-Working-Lounges mit Membership-Modell.« Mittelgroße Räume erscheinen, die durch Glaswände und Mattglas in mehrere Boxen aufgeteilt sind.
Jens lächelt mir anerkennend zu. »Sehr gut vorbereitet, Nele. Genau dieses Flair soll das neue Konzept vermitteln: Erlebnis statt Übernachtung.«
Mein Puls beschleunigt sich bei seinem Lob. Es gefällt ihm! Vor Erleichterung hätte ich am liebsten leise geseufzt, aber das kann ich mir gerade eben noch verkneifen. Zumal Ninas Blick puren Neid ausdrückt. Tja, das ist mein Projekt!
»Wir müssen dabei preislich unter der Grand-Linie bleiben. Sonst verlieren wir die Zielgruppe. Die wollen viel für wenig«, wirft sie nun kritisch ein.
»Deswegen darf es weder billig sein noch so wirken«, sage ich entschlossen. Als ob mir das nicht ebenfalls klar wäre! »Es geht um Wertigkeit mit Pep.«
»Und wie genau willst du das erreichen?« Sie reißt die Augen weit auf, als würde sie das wirklich interessieren.
»Durch einen Mix von angesagten Stilen. Und durch das Besondere. So planen wir für die Zimmer Kooperationen mit lokalen Designern statt Standardkunst.«
»Das wird sensationell.« Jens lehnt sich zurück. »Nele arbeitet bereits an einem detaillierten Konzeptpapier.«
Tschaka, Nina. Ich hab’s drauf! Ich kann nicht verhindern, dass sich Triumph in mein Lächeln legt. Das Gesicht meiner Kontrahentin friert hingegen regelrecht ein. Doch dann kommt das Lächeln wieder und sie notiert sich etwas. Was um alles in der Welt plant sie bloß?
»In zwei Wochen muss der erste Entwurf stehen. Das schaffst du doch, oder?« Jens wirft mir einen Blick zu, der weniger Frage als vielmehr Aufforderung ausdrückt.
Ich schlucke hart. Zwei Wochen. Das ist kaum zu schaffen für ein Projekt dieser Größenordnung. Andererseits ist das mein letzter Arbeitstag vor der Zwangspause. Damit hat meine Mutter mir echt ein ganz schönes Eigentor gelegt. Aber irgendwie kriege ich das hin. Weil ich es muss.
Ich nicke. »Bekommst du.«
»Gut«, sagt Jens knapp, als habe er mit nichts anderem gerechnet. Was vermutlich auch stimmt. Er ist ein toller Chef, aber er erwartet niemals weniger als hundert Prozent. »Wenn das Konzept ankommt, werden wir das ganz groß ausrollen.«
***
Das Meeting geht noch eine Stunde, dann löst Jens es auf. Allerdings bittet er mich, noch dazubleiben. Die anderen verlassen den Raum. Wir sitzen uns gegenüber, wobei er mich nachdenklich ansieht. »Du weißt, ich halte viel von dir. Du denkst strategisch, siehst Trends und lieferst immer zuverlässig ab. Das mag ich, denn darum geht es letztlich. Und das muss so bleiben.«
Mein Herz schlägt schneller. Kommt jetzt das, was ich mir so sehnsüchtig wünsche? Bitte, bitte, bitte.
»Damit Nordic Crown Urban erfolgreich wird, brauchen wir jemanden, der den Rollout vor Ort begleitet. Ich habe dabei an dich gedacht, Nele. Was sagst du dazu?«
Was ich dazu sage? Das könnte mein Ticket für die große Karriere bei Nordic Crown sein. Ich sehe mich schon als Verantwortliche für eine internationale Hotelkette überall herumjetten. New York. London. Vielleicht sogar Sydney. Was für eine Chance! Am liebsten würde ich schreien, kreischen, ihm um den Hals fallen.
Aber das mache ich natürlich nicht, sondern setze eine nonchalante Miene auf. »Das freut mich. Ich bin bereit, mich beruflich weiterzuentwickeln, und ins Ausland zu gehen.«
»Das dachte ich mir.« Er lächelt leicht. »Ich glaube, dass die Reise mit deiner Mutter genau zum richtigen Zeitpunkt kommt. Danach wirst du kaum Zeit für einen solchen Urlaub haben. Außerdem – sicher kannst du etwas von dort mitnehmen. Halte Augen und Ohren offen in der Toskana. Schau nach neuen Hotelkonzepten. Spannenden Trends …«
Ich seufze leise. »Davon würde ich mir nicht zu viel erhoffen. Das ist ein kleines Dorf im Nirgendwo. Und ehrlich, ich würde es verstehen, wenn du den Urlaub ablehnst. Schließlich müssen wir das Projekt festzurren.«
Er macht eine abwehrende Handbewegung. »Das hat Zeit bis danach. Während du weg bist, können die Controller rechnen, wie viel Geld wir überhaupt ausgeben können. Danach wird es erst wieder interessant für uns.«
»Gut. Dann suche ich in Porto Bella Luna nach Entschleunigung und Inspiration.« Ich grinse.
»So kenne ich dich. Du bist schließlich nur in Italien, nicht auf dem Mond. Falls es Rückfragen gibt, erreiche ich dich ja bestimmt per Mail, oder?«
»Sicher. Ich habe das Handy dabei. Kann zwar manchmal dauern, es gibt reichlich Programm. Reden mit Steinen und so.« Ich rolle mit den Augen und er grinst.
»Das möchte ich sehen.« Er steht auf, geht zur Tür. Im Rahmen bleibt er stehen, schaut mich an. »Während du weg bist, werde ich übrigens Nina einbinden. Ich glaube, sie ist so weit, um uns bei einem Projekt dieser Größenordnung zu unterstützen. Sie kann bestimmt viel von dir lernen.«
Meine Kehle schnürt sich zusammen und ich erstarre regelrecht. Nein, bitte nicht Nina. Sie wird die vier Wochen sicher nutzen, um mir das Wasser abzugraben. Bis es am Ende ihr Projekt ist. Ich traue ihr nicht mehr, seit sie mich einmal bei einem Meeting hat auflaufen lassen. Hat mir gesagt, es wäre nur ein Brainstorming und ist selbst mit perfekt durchgestylten Folien aufgekreuzt. Doch das kann ich Jens unmöglich sagen. Er runzelt die Stirn, wartet auf meine Antwort. Hastig räuspere ich mich.
»Sicher, klar. Nina ist hoch qualifiziert. Wir arbeiten bestimmt gut zusammen. Sag ihr bitte, dass sie sich nicht scheuen soll, mich anzurufen, wenn es wichtig ist. Du weißt ja, ich mache Dinge am liebsten selbst. Kleiner Kontrollfreak.« Ich zucke scheinbar lässig mit den Achseln. Dabei spüre ich, wie sich Angst in mir breitmacht. Die Angst, am Ende doch nicht zu genügen. Ausgebootet zu werden. Nur weil ich im falschen Moment Urlaub mache.
Er nickt. »Das richte ich ihr aus. Danke für das Angebot. Wir werden versuchen, es so wenig wie möglich zu nutzen.«
Doch, bitte! Lass Nina nichts allein entscheiden! Der mentale Schrei hallt durch meinen Kopf, aber mein Mund formt ein professionelles Lächeln. Dann ist Jens verschwunden und ich lasse mich auf einen Stuhl sinken. Vier Wochen mit meiner Mutter in der Toskana – und eine ehrgeizige Harpyie mit im Team. Na bravo.
***
Am späten Abend sitze ich immer noch in meinem Büro. Die Lichter in der Lobby sind gedimmt. Nur noch das Summen der Klimaanlage begleitet das Klicken meiner Tastatur.
Ich arbeite an Moodboards und Zielgruppenanalysen. Lese denselben Absatz zum dritten Mal. Warum steht da eigentlich emotional distracted? Ich wollte doch schreiben emotional involvement. Stöhnend reibe ich mir über die Augen. Der Bildschirm flimmert für einen Moment.
Ein Blick auf die Uhr. Schon fast neun. Aber ich darf nicht nachlassen. Dieses Konzept muss sitzen, sonst schnappt Nina es sich und fliegt an meiner Stelle zu all den spannenden Metropolen dieser Welt.
Mein Herz schlägt schneller als nötig. Ich spüre einen Druck in der Brust. Das Atmen fällt mir schwerer. Ich atme tiefer ein, aber trotzdem habe ich das Gefühl, die Luft erreicht meine Lungen nicht richtig. Vielleicht übertreibt Mama doch nicht ganz …
Blödsinn. Das ist Stress. Ganz normaler Stress. Wer etwas bewegen will, arbeitet eben mehr als andere. Und ich will diese Stelle! Energisch tippe ich weiter.
Irgendwann ist das Hotel vollkommen still. Nur mein Bürofenster spiegelt mein eigenes Gesicht zurück. Blasser als sonst. Auf meinem Schreibtisch liegt die Broschüre. La Casa Essenza – Retreat & Slow Living. Bewusst entschleunigen. Bewusst genießen. Einen schlechteren Zeitpunkt hätte meine Mutter sich nicht aussuchen können. Aber ich kann mich entschleunigen und das Projekt trotzdem durchziehen. Weil es sein muss. Weil ich so kurz vor dem Ziel stehe.
Energisch drehe ich den Prospekt um. Und arbeite weiter.
Willkommen im Tempel der Entschleunigung
Der Flughafen Berlin-Brandenburg ist ein einziger Strom aus Rollkoffern und drängelnden Menschen. Um uns herum vibriert die Luft regelrecht vor gespannter Erwartung. Urlauber in viel zu bunter Sommerkleidung hetzen neben Businessleuten in dunklen Anzügen durch die Terminals. Erstere wirken freudig erregt, reden zu laut und zu schnell, während sie sich nervös umsehen. Die Arbeitsfraktion hingegen verströmt eine Aura der abgeklärten Ruhe.
Obwohl ich beruflich immer wieder fliege, mag ich Flughäfen irgendwie. Dieses unterschwellige Gefühl von Aufbruch. Als könnte hinter dem Gate plötzlich ein anderes Leben warten. Für ein paar Sekunden fühlt sich alles möglich an. Ein kleines Lächeln schiebt sich auf meine Lippen.
Meine Mutter ist natürlich ganz aus dem Häuschen. Sie zieht ihren geblümten Rollkoffer hinter sich her und sieht sich mit leuchtenden Augen um, als würde unser Urlaub bereits hier beginnen. Ich dagegen überprüfe automatisch zum dritten Mal unsere Bordkarten auf dem Handy.
»Schaffen wir es auch wirklich pünktlich? Die Fahrt hat länger gedauert, als ich gedacht habe.«
»Sicher Mama, wir haben noch ewig Zeit«, sage ich mit einem leisen Seufzen. Seit ich sie mit dem Uber abgeholt habe, steht sie unter Dauerstrom. Die Anne-Winter-Reisekrankheit. Weniger als zwei Stunden vor Abflug am Gate zu sein, scheint ihr körperliche Schmerzen zu bereiten. Plötzlich bleibt sie mitten im Weg stehen und schaut suchend auf die große Anzeigetafel.
»Ich weiß. Ich möchte nur sicher sein, dass wir wirklich richtig sind.« Sie kneift die Augen zusammen. »Da steht überall irgendetwas mit B.«
»Das ist ein Flughafen, keine Schnitzeljagd.« Grinsend nehme ich ihren Arm und ziehe sie sanft weiter Richtung Sicherheitskontrolle.
Dort windet sich die Schlange bereits in engen Kurven durch den abgesperrten Bereich. Das typische Chaos aus piepsenden Scannern, Durchsagen und Menschen, die hektisch Gürtel öffnen oder nach ihren Reisepässen kramen.
»Flüssigkeiten raus«, murmle ich automatisch.
Meine Mutter schaut mich erschrocken an. »Oh Gott, stimmt!« Hastig beginnt sie, ihre Handtasche zu durchwühlen. »Wo ist denn jetzt mein Beutel? Ich hatte ihn eben noch.«
»Ganz ruhig.« Ich ziehe den durchsichtigen Plastikbeutel halb aus ihrer Tasche hervor. »Der hier?«
»Ach.« Sie lacht erleichtert. »Was würde ich nur ohne dich machen?«
Wahrscheinlich einen Herzinfarkt bekommen, denke ich, sage es aber lieber nicht.
Während wir durch die Kontrolle gehen, bleibt meine Mutter auffallend angespannt. Sie schaut ständig, ob ihre Tasche noch da ist, ob ihr Rollkoffer wirklich aufs Band gelegt wurde und ob sie nichts vergessen hat.
Hinter der Kontrolle suchen wir unser Gate. Meine Mutter bleibt immer wieder stehen, um sich umzusehen, während ich zielstrebig den Schildern folge.
»B17«, murmle ich. »Das kann nicht so weit sein.«
»Wir sollten uns trotzdem beeilen«, sagt sie nervös.
Ich werfe ihr einen Seitenblick zu. »Mama, wir haben immer noch eine Stunde, bis das Boarding beginnt.«
»Dann sind wir wenigstens entspannt.«
Ich lache leise. »Du bist alles, aber nicht entspannt.«
Empört schnauft sie, doch ihre Mundwinkel zucken verräterisch. Sie weiß selbst, dass sie zu nervös ist.
Am Gate angekommen, lässt sie sich schließlich erleichtert auf einen Sitz fallen, holt ihre Zeitschrift heraus und blättert darin herum. Ich bin mir allerdings sicher, dass sie kein Wort wahrnimmt. Selbst hier am Gate hat sie Angst, dass doch noch etwas schiefläuft.
Ich schnappe mir mein Diensthandy und gebe meine Anmerkungen für die Übergabe ein. Das Konzeptpapier ist gestern Nacht um zwei fertig geworden. Zwei Wochen für ein Projekt, das eigentlich zwei Monate bräuchte. Aber ich habe es geschafft. Dank viel Kaffee und wenig Schlaf. Jetzt muss ich nur noch sicherstellen, dass Nina sich darauf beschränkt, mich zu vertreten, nicht mich zu ersetzen. Ich wähle meine Worte an Jens und Nina mit Bedacht, achte darauf, weder zu bossy rüberzukommen noch zu devot.
Warum bin ich überhaupt so unsicher ihr gegenüber? Ich weiß doch, dass Jens viel von mir hält. Und er fand die Idee mit der Toskana gut. Trotzdem kann ich nicht verhindern, dass mein Magen sich jedes Mal verkrampft, wenn ich Ninas Namen schreibe. Überreaktion oder Vorahnung?
»Jetzt leg mal endlich dein Telefon weg oder willst du im Urlaub auch ständig Mails schreiben?«
»Noch sind wir nicht im Tempel der Entschleunigung.« Wo ich keine Möglichkeit habe, weiterzuarbeiten. Meinen Laptop habe ich nach langen Diskussionen mit meiner Mutter zu Hause gelassen. Und ich vermisse ihn jetzt schon.
»Das Boarding beginnt bestimmt gleich. Ehrlich, Nele, so habe ich mir das nicht vorgestellt. Du sollst dich schließlich erholen.« Ein Blick mütterlicher Strenge trifft mich.
Ich stöhne leise. Das geht ja gut los. »Bloß noch eine Mail, Mama.« Hastig schreibe ich die Nachricht zu Ende, prüfe ein letztes Mal, ob ich keine Tippfehler eingebaut habe. Nein, alles korrekt. Das Ding kann so raus. An Jens und Nina. Mein linkes Auge beginnt zu zucken. Nur ein bisschen. Trotzdem nervig. Hoffentlich sieht Mama das nicht. Das würde sie bloß als Burnout-Symptom deuten. Pfff.
Ich ignoriere sowohl das Zucken als auch die auffordernden Blicke meiner Mutter. Alles in Ordnung. Entschlossen drücke ich auf Senden und sperre das Handy.
Meine Mutter lächelt mich zufrieden an. »Na, siehst du. Und das Teil bleibt jetzt vier Wochen aus.«
»Sicher, Mama.« Von wegen …
***
Ich lehne den Kopf gegen die Lehne und schließe die Augen. Den Fensterplatz habe ich meiner Mutter gelassen, sie fliegt so selten, dass das für sie immer noch ein Highlight ist. Mittlerweile sind wir schon auf halbem Weg nach Italien. Die Alpen liegen unter uns, recken sich majestätisch hoch.
»Nele, schau doch mal, wie schön das ist! Weißt du noch, als wir Urlaub in Österreich gemacht haben? Damals warst du zwölf Jahre alt und wir waren jeden Tag wandern.«
»Sicher. Für mich waren die Alpen mindestens so hoch wie die Rocky Mountains. Ich bin mir wie eine Entdeckerin vorgekommen. Lange Jahre war das mein Berufsziel.« Automatisch schiebt sich ein Lächeln über meine Lippen.
Auch meine Mutter strahlt. »Du warst voller Begeisterung. Immer vornweg mit deinem kleinen Fernglas. Hast uns den Weg gewiesen. Es war so ein schöner Urlaub.«
»Das war es.« Lächelnd drücke ich ihre Schulter. Damals waren Papa und sie noch glücklich verheiratet gewesen. Zumindest glaube ich, dass sie glücklich waren. Sie machten immer einen zufriedenen, wenn auch wenig euphorischen Eindruck. Ich dachte, das sei normal.
Aber als ich fünfzehn war, hat sich mein Vater Knall auf Fall in seine Physiotherapeutin verliebt. Das hat selbst meine toughe Mutter aus der Bahn geworfen. Wochenlang war sie nur noch ein Schatten ihrer selbst. Bis sie ihre Power wiedergefunden hat und erblüht ist. Jetzt ist sie der Inbegriff einer glücklichen Single-Frau.
Ein Teil von mir beginnt, sich auf den Urlaub zu freuen. Wieder mehr Zeit mit ihr zu verbringen. Das haben wir schon viel zu lange nicht mehr getan.
Ja, weil du nie Zeit hattest, ätzt meine innere Stimme.
***
Als wir in Florenz landen, trifft mich die Hitze wie eine Wand. Schweiß bricht mir aus. Aber es ist trotzdem schön. Bella Italia! Ich atme einmal tief ein, lasse die Aromen auf mich einwirken. Die Luft riecht hier irgendwie anders. Schwerer. Selbst auf dem Rollfeld erahne ich neben dem Kerosin süßliche Aromen. Zumindest rede ich mir das ein.
»Hach, ist das schön!« Meine Mutter reckt genießerisch das Kinn in die Höhe, lässt die Sonne ihr Gesicht bescheinen.
Auch ich muss lächeln. Ja, das Wetter ist toll! In Deutschland hat sich der Sommer mal wieder Zeit gelassen. Obwohl schon Anfang Juni ist, hatten wir kaum mehr als sechzehn Grad und es hat genieselt. Furchtbar! Umso willkommener ist mir die Wärme Italiens. Sie prickelt auf meiner Haut wie kleine Champagner-Bläschen. Und macht genauso gute Laune wie die edle Blubberbrause.
Wir folgen der Menge zu den Gepäckbändern, schnappen uns die Koffer und passieren den Zoll. Dann kommen wir heraus und ich staune, wie klein alles ist. Im Vergleich zum hektischen Berliner Flughafen wirkt dieser beschaulich. Fast schon provinziell. Schräg, immerhin ist Florenz eine bedeutende Metropole. Aber am Flughafen hat man eher das Gefühl, irgendwo in Posemuckel zu sein. Da beginnt die Entschleunigung gleich bei der Ankunft.
Gegenüber vom Durchgang wartet ein Mann mit einem Schild: Winter, Anne und Nele – La Casa Essenza.
Meine Mutter stößt mich aufgeregt an. »Das ist für uns.«
Ich nicke und gehe zielstrebig auf den Mann zu. »Buongiorno, siamo Nele e Anne Winter.« Ich hatte in der Schule drei Jahre Italienisch. Viel ist davon nicht geblieben, aber zumindest dafür reicht es.
Der Mann lächelt breit. »Benvenuta!«
»Grazie.« Ich bete, dass er keinen drängenden Wunsch nach Konversation spürt. Das würde meine bescheidenen Sprachkenntnisse gnadenlos überfordern.
Zum Glück dreht er sich nur um und bedeutet uns, mitzukommen. Der Wagen, zu dem er uns führt, ist kein typischer Reisebus, sondern ein kleiner, schwarzer Business-Van. Na, immerhin weiß die Casa Essenza, was gut ist. Das ist schon mal ein hoffnungsvolles Zeichen.
»Schick«, sagt meine Mutter, als wir uns setzen.
Ich lächle wegen der Ehrfurcht in ihrer Stimme. Klar, mir gefällt das auch. In den sieben Jahren, die ich nun für die Nordic Crown arbeite, bin ich öfter vor Ort abgeholt worden. Wieder einmal frage ich mich, ob sie sich nicht selbst genauso etwas Gutes mit dem Urlaub tun will wie mir. Verdient hätte sie es auf jeden Fall. Und ich werde alles versuchen, damit sie eine gute Zeit hat. Das bin ich ihr schuldig. Sie hat sich immer so toll um mich gekümmert. Selbst, als Papa gegangen ist, hat sie mich aufgemuntert.
Der Fahrer steuert den Wagen durch die Straßen. Bis auf gelegentliche Palmen sieht man wenig Unterschiede zu deutschen Randbezirken. Als wir den Stadtgürtel von Florenz hinter uns lassen, verändert sich die Landschaft. Die Straßen werden schmaler. Hügel tauchen auf. Zypressen heben sich gegen den Horizont ab. Weinberge ziehen sich über die Landschaft, die Weinstöcke in ordentlichen Reihen gepflanzt.
Gott, ist das schön hier! Automatisch richte ich mich etwas auf, beuge mich dichter zum Fenster und meine Mutter macht dasselbe. Während der ganzen Fahrt schauen wir hinaus in die verschwenderische Pracht der Toskana. Ich spüre, wie mein Herz leichter wird und sich meine Mundwinkel heben. Vielleicht wird es doch schön.
Irgendwann erreichen wir Porto Bella Luna. Es ist ein kleines Örtchen hoch oben auf einem sanften Hügel. Überall sieht man die typischen terracottafarbenen Dächer. Kein Hochhaus. Keine Glasfronten. Kein Beton. Alleine durch den Anblick scheint mein Puls ein wenig langsamer zu gehen.
»Hier vergisst man die Zeit«, sagt der Fahrer gut gelaunt auf Deutsch. Er hat mitbekommen, dass Mama gar kein Italienisch spricht und meins eher rudimentär ist.
Ich lehne mich zurück und sehe zu, wie die Sonne langsam tiefer sinkt und alles in dieses goldene Licht taucht, das man aus Reisemagazinen kennt. Bisher bin ich noch nie in der Toskana gewesen. Die Landschaft zieht mich in ihren Bann. Sie ist irgendwie weicher, malerischer als alles andere, was ich kenne. Und so italienisch, wie es nur sein kann. Zumindest das ist ein massiver Pluspunkt an dem Urlaub.
Der Wagen biegt in eine schmale Auffahrt ein. Hinter einem schmiedeeisernen Tor taucht ein Anwesen auf, eingebettet in Olivenbäume. An der Seite prangt ein Schild: La Casa Essenza. Das hier ist also unser Zuhause für die nächsten vier Wochen. Von außen schon mal nicht schlecht.
Der Wagen hält vor einem großzügigen Gebäude mit hölzernen Fensterläden und einer Terrasse, die in die Olivenhaine hinausragt. Wir steigen aus und eine leichte Brise trägt den Duft von warmem Stein und Lavendel zu uns herüber. Ich nehme meinen Rollkoffer, schließe die Augen, sauge das Aroma in mich ein. Fühle, wie ich ankomme. Das ist Italien. Die Toskana. Egal, was für ein Programm geplant ist, ich bin in einem der schönsten Orte der Welt. Und vielleicht wird es ja nicht so schlimm. Mama freut sich schon so sehr darauf. Also werde ich dem Ganzen eine faire Chance geben.
Ich genieße es, wie der warme Wind über meinen Körper streicht und die Sonne meine Haut kitzelt. Meine Mutter strahlt übers ganze Gesicht und ich drücke sie an mich.
»Ist es so, wie du es dir vorgestellt hast?«
Sie nickt. »Sogar noch besser.« Ihre Freude wärmt mein Herz. Sie wird diesen Urlaub sicher genießen. Und genau so soll es ja auch sein. Irgendwie finde ich schon einen Weg, ab und an etwas zu arbeiten. Nicht viel. Nur gerade eben genug, wie es sein muss, damit ich auf dem Laufenden bin. In Entscheidungen eingebunden bin.
Die Eingangstür öffnet sich, noch bevor der Fahrer unseren Koffer aus dem Kofferraum gehoben hat. Eine sonnengebräunte Frau mit silbergrauen Locken, die ihr fast bis zur Hüfte gehen, kommt uns entgegen. Sie trägt ein weites Leinenkleid in Salbeigrün und mehrere lange Ketten, die bei jeder Bewegung leise klimpern.
»Anne! Nele!«, ruft sie, als kenne sie uns seit Jahren. »Willkommen in eurer neuen Langsamkeit.«
Sofort kommen all meine Vorbehalte zurück. So in etwa hatte ich mir das vorgestellt. Und gehofft, ich irre mich. Anscheinend doch nicht. Unsere neue beste Freundin sieht aus wie jemand, der einem Achtsamkeit notfalls einprügelt. Natürlich mit genau diesem strahlenden Lächeln.
Hinter der Frau tritt ein Mann hervor. Vielleicht Anfang, Mitte sechzig. Er trägt ein schlichtes, helles Leinenhemd, die Ärmel hochgekrempelt. Er wirkt wie derjenige, der hier die Rechnungen bezahlt und Handwerker koordiniert. Sie würde wohl eher einen Brennnesseltee mit ihnen trinken.
»Ich bin Valeria.« Die Frau umarmt erst meine Mutter, danach mich. »Und das ist mein Mann Paolo. Wir freuen uns, dass ihr euch entschieden habt, eure Zeit mit uns zu teilen.«
Ich habe mich für gar nichts entschieden. Aber meine Mutter sieht so selig aus, dass ich die bissige Bemerkung herunterschlucke, die mir auf der Zunge liegt.
»Wir sind sehr froh, hier zu sein«, erwidere ich daher und ringe mir meiner Mutter zuliebe ein kleines Lächeln ab.
Freudig drückt sie mich an sich. »Es wird eine wunderbare Zeit! Nur Mutter und Tochter.«
Valeria drückt sich eine Hand gegen die Brust und seufzt. »Das ist so süß! Genau darum geht es bei uns. Um Verbindung. Präsenz. Und bewusste Wahrnehmung. Wir entgiften nicht nur den Körper, sondern auch die Gedanken.«
Meine Mutter nickt bei jedem dieser Worte.
»Das klingt … umfassend«, erwidere ich und überlege, wie sie den Geist wohl entgiften – haben sie hier vielleicht einen Stress-Exorzisten? Ich sehe mich schon über einem Bett schweben wie das besessene Mädchen in »Der Exorzist«, während Valeria ein Mantra singt. Die Vorstellung ist so albern, dass ich beinahe losgeprustet hätte.
Paolos Mundwinkel heben sich an, aber sein Lächeln wirkt ruhiger, weniger beseelt als das seiner Frau. »Wir glauben daran, dass man nur dann wirklich genießen kann, wenn man sich erlaubt, nichts zu müssen.«
Nichts zu müssen. Ein interessantes Konzept. Ich muss ständig etwas. Einem Gast etwas besorgen. Ein Konzept fertigbekommen. Das Unmögliche möglich machen. Komische Vorstellung, vier Wochen lang keine Zwänge zu verspüren. Das macht mich ganz kribbelig. Zumal sie eine Illusion ist. Im Job hat man nun mal Verpflichtungen.
»Wir werden es genießen«, stößt meine Mutter voller Inbrunst aus, als wäre sie sonst im Dauerstress.
Nachdenklich betrachte ich sie und frage mich, welchen Zwängen sie wohl entfliehen möchte. Es muss noch einen Grund haben, warum sie diesen Urlaub wollte.
»Sehr gut!« Valeria klatscht begeistert in die Hände. »Aber bevor wir euch eure Zimmer zeigen, beginnen wir mit unserem kleinen Ankommensritual.«
Ankommensritual? Oh Gott, nein. Vermutlich halten wir uns gleich alle an den Händen und tanzen den Stress raus.
Meiner Mutter entfährt ein leises Quietschen des Glücks. Verdammt, wie soll ich nur angemessen zynisch sein, wenn ihr das Ganze so unglaublich gut gefällt?
Valeria deutet nach vorne, zu einem hellen Raum mit großen Fenstern. Langsam schreitet sie voran, während wir mit unseren Koffern dahinter folgen. Das leise Quietschen der Rollen wirkt hier so unpassend wie eine Death Metal Band. An einem Tresen stehen Gläser mit schreiend grünem, schaumigem Zeugs darin. Der Schaum hat exakt die Farbe von frisch gemähtem Rasen. Und ich wette, es schmeckt ähnlich scheußlich.
»Matcha«, säuselt Valeria, als hätte sie meine Gedanken gehört. »Sanfte Energie. Keine Nervosität, kein Absturz.«
Natürlich. Hier stürzt man nicht ab. Hier schwebt man.
Meine Mutter greift sofort nach einem der grünen Gläser. »Oh, wie schön!« Sie hebt es gegen das Licht, als würde sie einen seltenen Edelstein prüfen.
Ich nehme mir demonstrativ ein Glas von dem Gurken-Zitronen-Wasser, das danebensteht. Es ist eiskalt. Die Kondensperlen laufen über meine Finger. Ich setze das Glas an die Lippen. Schmecke Rosmarin heraus. Interessante Kombi. Sicherlich besser als das Graszeug.
Meine Mutter trinkt ihren Matcha wie einen Bordeaux. »Der ist toll, Nele! Willst du nicht auch?«
»Danke nein. Ich … mir reicht im Moment das Wasser.« Jetzt und für immer. Ob die wohl Alkohol haben? Wenn ja, dann könnte ich gerade einen Eimer brauchen.
Valeria stellt sich vor uns, legt die Fingerspitzen aneinander. »Bevor wir starten, atmen wir einmal bewusst ein. Ihr seid jetzt hier. Der Alltag darf draußen bleiben.«
Von wegen. Der Alltag steht auf dem Parkplatz und lacht sich scheckig über uns.
Aber natürlich bleibt es mir nicht erspart mitzumachen. Paolo stellt sich neben seine Frau, meine Mutter zieht mich zu den beiden. Wir legen die Fingerspitzen sanft gegeneinander, wodurch sich ein Kreis ergibt. Ein Kreis der Harmonie. Herr, rette mich vor der Antistress-Polizei!
»Ein. Wir kommen an«, intoniert Valeria. »Aus. Wir lassen alles los.«
Dreimal hintereinander müssen wir »unsere Lungen mit klarer, reiner Luft« füllen. Erst danach ist Valeria zufrieden.
»Jetzt seid ihr bereit für die Casa Essenza. Und damit das so bleibt, lasst ihr noch etwas hier.«
Meine Seele? Kommt jetzt der Part, wo ich all mein weltliches Vermögen an die beiden überschreibe, oder was?
Valeria deutet auf die Wand, wo sich schmale, moderne Schließfächer mit kleinen Displays befinden. Darüber ein Schild in eleganter Schrift: Disconnect to reconnect.
»Das sind unsere Klarheitsboxen.« Valerias Augen leuchten. »Darin dürfen eure digitalen Begleiter für eine Weile ruhen. Damit sie euch nicht unter Druck setzen.«
Ich blinzle verwirrt. »Äh – bitte was sollen wir?«
Paolo hebt beschwichtigend die Hände. »Keine Sorge. Es ist freiwillig – zumindest theoretisch.«
Valeria lacht. »In den ersten Tagen empfehlen wir, die Geräte vollständig abzugeben. Wenn ihr euch eingelebt habt, habt ihr täglich dreißig Minuten bewusste Onlinezeit.«
»Bewusste Onlinezeit?«, wiederhole ich ungläubig. Die Worte hallen in meinem Kopf wie ein absurdes Echo.
Sie nickt mit todernster Miene. »Ganz genau. Ihr verdient sie euch durch Präsenz und durch Teilnahme an unseren Sessions. Wir bieten so vieles an: Atemarbeit, achtsames Kochen, Sonnenaufgangsrituale oder Genussabende.«
Meine Mutter seufzt verzückt. »Das ist wundervoll. Nele, das wird dir so guttun.« Sie drückt meine Hand.
Schnappatmung überfällt mich. Völlige elektronische Abstinenz! Wie soll ich das aushalten? Jens erwartet von mir, dass ich auf Mails reagiere und Kommentare beantworte. Die sicher von Nina kommen werden. Das geht aber nicht, weil unsere digitalen Begleiter konfisziert werden. Und diese Scheißdinger sind auch noch elektronisch gesichert. Mit Zahlencode! Ein Einbruch in Fort Knox wäre einfacher.
Zögerlich hole ich das Handy aus der Tasche. Ich will es übergeben, aber ich kann nicht. »Ich-ich … muss erreichbar sein! Falls etwas im Hotel ist. Mit der neuen Linie!«
»Genau das solltest du doch nicht machen. Wir waren uns einig, dass du hier zur Ruhe kommen sollst.« Mama sieht mich traurig an und mein Magen verknotet sich.
Ich will sie nicht enttäuschen. Es ist ihr immerhin so wichtig. Trotzdem umklammere ich mein Handy wie einen Rettungsanker. Es hält mich in der anderen, der realen Welt.
Meine Mutter dreht sich seufzend um und übergibt ihr Handy an Valeria, die es mit feierlicher Miene ins Schließfach legt. Zack. Zu.
Valeria sieht mich auffordernd an. »Jetzt du, Nele.«
»Und … wenn etwas Wichtiges ist? Etwas, um das ich mich kümmern muss?« Meine Stimme klingt leicht schrill.
Valeria legt den Kopf schief. »Dann ist das meist ein Zeichen dafür, dass man zu viel Verantwortung mitnehmen will. Weißt du nicht mehr – das lassen wir alles draußen.«
Ich presse die Lippen aufeinander. Wie von selbst schließen sich meine Finger fester um das Gerät. Es gehört zu mir. Ist ein Teil meines Lebens. Mein Schatz … Mist, ich komme mir vor wie ein Süchtiger, der Schnaps zum Treffen der Anonymen Alkoholiker geschmuggelt hat.
Paolo tritt einen halben Schritt näher. »Im Notfall können wir Ausnahmen machen. Aber wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Welt erstaunlich gut ohne permanente Verfügbarkeit weiterläuft. Versuch’s mal.« Er lächelt mich beruhigend an. Bei ihm habe ich immerhin das Gefühl, dass er versteht, wie schwer mir das fällt – und auch warum.
»Es ist nur für eine Weile.« Valerias Stimme klingt zwar sanft, aber sie wirkt dennoch sehr bestimmt. »Versprochen.« Auffordernd hält sie mir ihre Hand hin.
Meine Mutter umfasst sanft meinen Arm. »Komm schon, Nele. Probier es aus.«
Das gibt den Ausschlag. Mama ist es so wichtig, dass ich keinen Burnout bekomme. Was ich ja auch nicht anstrebe. Wer will schon mental zusammenbrechen? Wobei das natürlich sowieso völlig übertrieben ist. Trotzdem: Es wird mich schon nicht umbringen, mal ein paar Tage auf das Gerät zu verzichten. Seufzend schaue ich auf das Handy, streiche übers Display. Langsam atme ich aus. Dann lasse ich das Gerät widerstrebend in Valerias Hand gleiten.
Sie legt das Handy in eine gepolsterte Schale, schließt die Tür. Ein leises Klicken verrät, dass mein bester Freund für eine ganze Weile von mir getrennt ist. Hoffentlich schaufle ich mir mit der Nummer nicht mein eigenes Karrieregrab.
Valeria lächelt strahlend. »Seht ihr? Der erste Schritt in eure Freiheit.«
Ich fühle mich nicht frei. Im Gegenteil, auf meiner Brust lastet ein Gewicht von der Größe der Alpen.
***
Valeria führt uns über die Terrasse, vorbei an niedrigen Steinmauern. Überall blühen Pflanzen in warmen, satten Farben. Besonders die Bougainvillea scheint hier alles zu erobern. Ihre pinken und violetten Blüten ranken sich über Mauern und Geländer, leuchten im goldenen Licht der Abendsonne und lassen die Casa Essenza aussehen wie einen Ort aus einem Reisemagazin. Dies wirkt wie die Verkörperung all dessen, was Menschen am Süden lieben: Wärme, Leichtigkeit und dieses Gefühl, das Leben etwas langsamer anzugehen. La Dolce Vita.
Es riecht nach Sommer. Und nach Erholung, die ich vielleicht doch nötig habe. Ich spüre, wie etwas in mir weicher, schwerer wird. Und gleichzeitig leichter. Das Kiesbett knirscht unter unseren Schuhen. Warmer Wind streicht durch meine Haare, spielt damit. Automatisch heben sich meine Mundwinkel an. Ich kann es kaum erwarten, in meine Sommerkleidung zu schlüpfen. Mich mehr wie meine Urlaubsversion zu fühlen. Eine andere Nele.
»Euer Zimmer liegt im oberen Flügel«, erklärt Paolo. »Mit Blick auf das Meer.«
Das Wort Meer lässt mich aufhorchen, bringt mein Herz dazu, etwas schneller zu schlagen. Ich liebe Wasser. Nichts ist so schön wie der Klang von Wellen. Vielleicht untermalt vom Zirpen der Zikaden oder dem Schreien von Möwen. Gibt es Möwen in der Toskana? Vielleicht können Mama und ich mit einem Buch am Strand chillen. Das wäre mal ein Programm, das mir zusagt.
Oben angekommen öffnet Valeria eine schwere Holztür. »Hier werdet ihr wohnen.« Das Zimmer ist hell und freundlich. Terracottafarbene Wände, zwei Betten mit weißen Laken, ein verschnörkelter Holzschrank. Kein Fernseher. Natürlich nicht. Und ebenso wenig ein Schreibtisch. Nur ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen und eine Karaffe Wasser.
Obwohl ich wusste, dass wir uns einen Raum teilen, überkommt mich ein Gefühl der Beklemmung. Vier Wochen lang werden wir rund um die Uhr zusammen sein. Im selben Raum schlafen, zu Kursen gehen und gemeinsam essen. Keine Chance auf Privatsphäre. Noch nicht einmal durch einen kleinen Schreibtisch, an den ich mich hin und wieder zurückziehen könnte. Ich fühle mich wie amputiert.
»Wir haben bewusst auf jegliche Arbeitsflächen verzichtet«, sagt Valeria. »Hier soll nichts erledigt werden.«
Meine Mutter nickt. »Ist das nicht toll?«
Klar. Wie Patience legen an einem Samstagabend. Sofort schäme ich mich für den Gedanken. Ich muss diesem Ort eine echte Chance geben. Auf dem Weg hierher sah doch schon alles sehr nett aus. Ich lasse den Koffer los, gehe zum Fenster und schnappe nach Luft. Wir sind umgeben von der malerischen toskanischen Landschaft mit diesen sanften Hügeln, den Olivenhainen und schlanken Zypressen. Außerdem liegt ein kleines Örtchen unten am Meer, dessen Wasser so sagenhaft blau aussieht, dass ich am liebsten sofort hineinspringen würde.
Meine Mutter tritt neben mich. Sie atmet tief ein und aus. »Ach, Nele, gibt es etwas Besseres als Seeluft?« Sehnsucht liegt in ihrer Miene und ihre Stimme klingt weich.
»Nein. Es ist wunderschön.« Das meine ich sogar ernst. Ich drücke sie an mich. »Das hast du gut ausgesucht, Mama. Wir machen uns zusammen eine tolle Zeit. Versprochen!«
An der Art, wie sich die Schultern meiner Mutter entspannen, merke ich, wie sehr sie sich über meine Worte freut. Sie will, dass es mir genauso gut gefällt wie ihr.
»Dann seid ihr also beide zufrieden.« Valeria lächelt.
Wir drehen uns zu ihr.
»Ja, das sind wir.« Mama sieht so glücklich aus, dass sich mein Herz zusammenzieht. Sie hat das verdient.
Valeria nickt. »Sehr schön. Um sechzehn Uhr beginnt unser erstes Ritual. Ankommen im Jetzt. Danach empfehlen wir eine Stunde bewusstes Nichtstun.«
»Wie genau macht man das?«, frage ich.
Paolo lächelt leicht. »Man setzt sich. Atmet. Und tut nichts. Außer für das Leben dankbar zu sein.«
»Es ist eine wunderbare Erfahrung! Ich bin sicher, ihr werdet es lieben.« Valeria nickt begeistert.
Meine Mutter strahlt wieder dieses selige Lächeln.
Ich lächle gequält zurück. Wetten, dass nicht?