Leseprobe Das Geheimnis von Eelbrook | Ein düsterer Liebesroman in England

Prolog

Eelbrook Manor, Ostengland

Oktober 1945

Langsam stieg sie die verschmutzten Treppenstufen des verlassenen alten Hauses hinauf, und wie immer zog sie ihr linkes Bein nach. Auf dem Treppenabsatz im ersten Stock verharrte sie und sah zu der Tür am entfernten Ende des Korridors.

Seit jener Nacht vor vielen Jahren, in der Alice gestorben war, hatte niemand mehr das Zimmer betreten.

Kaum war ihr der Gedanke gekommen, glaubte sie, einen kühlen Lufthauch zu spüren. Sie fragte sich ob, es nur Einbildung war. Wie zur Antwort schwang langsam und knarrend die Tür des Zimmers auf. Im Inneren des Raums bewegte sich etwas, sie sah es durch den Türspalt: eine weibliche Silhouette, die leichtfüßig tanzte, und aus der Ferne ertönte ein helles Lachen.

Sie umschloss das Treppengeländer fest mit ihrer Hand. Es sind nur die Schatten der Zweige, die sich draußen im Wind bewegen, sagte sie sich. Es ist nur meine Fantasie, die mir einen Streich spielt.

Im zweiten Stock schloss sie die Tür zum ehemaligen Zimmer des Butlers auf. In der Ecke, von einer Staubschicht bedeckt, stand noch immer die alte Holztruhe, die sie vor Jahren dort versteckt hatte.

Keuchend kniete sie davor nieder und öffnete die Truhe. Sie nahm ihre alten Tagebücher heraus, blätterte in ihnen und überflog die Einträge.

»Unerträglich«, murmelte sie und riss nach und nach die Seiten heraus.

Am Boden der Truhe kam ein Schmucketui zum Vorschein. Sie erinnerte sich nicht, es hineingelegt zu haben. Als sie es öffnete, fand sie einen goldenen Ring darin, und bei genauerem Hinsehen entdeckte sie im Inneren eine Gravur:

Für George. In Liebe, A. 1925.

Es dauerte einen Moment, bis sie den Ring wiedererkannte. »Verflucht seist du«, sagte sie leise, erhob sich, nahm die herausgerissenen Seiten und machte sich auf den Weg nach draußen. Humpelnd gelangte sie zum Ufer des Baches, der am westlichen Rand des Grundstücks verlief.

Sie holte aus und schleuderte den Ring ins plätschernde Wasser. Dann riss sie die Tagebuchseiten in Stücke, warf sie hinterher und sah zufrieden zu, wie die Strömung die Papierfetzen davontrug.

KAPITEL 1

Eelbrook Manor, siebzig Jahre später

Anfang Oktober 2015

Wie eine schweigsame Präsenz ragte das alte Herrenhaus vor Emily auf. Ein Windstoß wirbelte ihr Blätter vor die Füße, und sie fröstelte. Vorsichtig stieg sie die breite Eingangstreppe hinauf. Zwischen Herbstlaub, Kieselsteinen und abgebrochenen Zweigen entdeckte sie verschmutzte Stufen, die vor vielen Jahren einmal weiß gewesen sein mochten. Auf halber Höhe blieb sie stehen und sah an der Hausfassade hinauf.

Die teils zerbrochenen, teils verbarrikadierten Fenster glichen leeren Augen, die auf sie herabzustarren schienen. Trotz seiner Wuchtigkeit und des herrschaftlichen Charakters wirkte das Haus überraschend schlicht. Offenbar ein gewolltes Understatement des Architekten, und Emily fand, dass es vor allem Kälte und Strenge ausstrahlte.

Die Flügeltür am Eingang des Hauses war durch ein rostiges Vorhängeschloss gesichert. Emily griff nach der Klinke und rüttelte vergeblich daran. Wie gern hätte sie das Haus von innen gesehen, aber das musste wohl noch etwas warten.

Am Nachmittag hatte sie in London ihre restlichen Habseligkeiten zusammengepackt. Irgendwie war es ihr gelungen, ihr Gepäck in den viel zu kleinen Kofferraum des roten, zehn Jahre alten Minis zu stopfen. Sie verließ die Stadt, fuhr an Feldern vorbei, auf denen sich Schafe tummelten. Die herbstliche Landschaft rauschte an ihr vorüber, dunkle Wolken türmten sich bedrohlich am Horizont auf. Nach zwei Stunden Fahrt war Emily schließlich erleichtert gewesen, als ihr Navi die Zeit bis zur Ankunft mit »5 Minuten« angekündigt hatte.

Und nun stand sie vor dem verlassenen Anwesen und fragte sich zum wiederholten Mal, ob sie den Verstand verloren hatte. Vielleicht würde sie hier eine Antwort auf diese Frage finden, doch sie war nicht sicher, ob die Aussicht sie hoffnungsvoll oder eher ängstlich stimmte.

Schließlich kehrte sie zu ihrem Auto zurück, stieg ein und fuhr in Richtung Ortskern. Unterwegs dachte sie an die letzte Unterhaltung mit ihrem Vater zurück. Lebhaft hatte sie seinen entsetzten Gesichtsausdruck vor Augen, als sie von ihrer Entscheidung erzählt hatte, ihre gut bezahlte Stelle in einem angesehenen Londoner Architekturbüro für eine mittelmäßig bezahlte auf dem Land aufzugeben.

»Wie kommst du ausgerechnet auf Eelbrook?«, hatte er wissen wollen. »Das liegt doch am Ende der Welt!«

»Nach der Sache mit Marc brauche ich Abstand«, erwiderte Emily. »Die neue Stelle kommt mir wie gerufen.«

»Du hättest dich von Anfang an nicht auf diesen Mann einlassen dürfen«, entgegnete ihr Vater. »Ich wusste gleich, das gibt nur Probleme. Und jetzt tust du das, was du immer tust: weglaufen! Ich kenne dich. Eelbrook wird nur ein weiterer Zwischenstopp für dich sein. Wie lange soll es noch so weitergehen, Emily? Wann wirst du dein Leben endlich in den Griff bekommen?«

Darauf hatte sie nichts mehr gesagt, denn sie war die immer gleichen Vorwürfe leid. Nach der Schule war sie für ein paar Jahre umhergereist, hatte hier und da gejobbt, ohne ein wirkliches Ziel zu verfolgen. Und da war ihr spezielles Problem, das sie seit ihrer Jugend verfolgte – der Grund, weshalb sie es nie lange irgendwo ausgehalten hatte.

Ihrem Berufswunsch zuliebe hatte sie das Nomadenleben irgendwann aufgegeben, sich allen Widrigkeiten zum Trotz durch ein Studium gekämpft und war Architektin geworden – wie ihr Vater. Sie liebte Architektur, trat mit ihrer Berufswahl in seine Fußstapfen und hatte gehofft, er wäre stolz auf sie.

Stattdessen erntete sie von ihm die gleiche Reaktion wie immer: Kopfschütteln, gepaart mit der Erwartung, dass sie scheitern würde. Egal, was sie in ihrem Leben tat, ihrem Vater würde es nie genügen. Inzwischen hatte sie sich damit abgefunden, dass sie es ihm nie würde recht machen können.

Eine zweispurige Straße führte sie vorbei an mannshohen grünen Hecken, hinter denen sich Cottages und Obstgärten verbargen. Emily wusste, dass ihre Entscheidung, hierherzuziehen, überstürzt gewesen war. Bis vor Kurzem noch hatte Trennungsschmerz ihren Verstand vernebelt, und aus dieser Stimmung heraus hatte sie beschlossen, dass sich etwas ändern musste. Nun, mit ein paar Wochen Abstand, sah sie die Dinge etwas nüchterner, aber es gab kein Zurück mehr. Ihr alter Job war gekündigt, den neuen würde sie morgen früh antreten.

Doch die Trennung von Marc war nicht der einzige Grund für ihren Job- und Ortswechsel, oder zumindest nicht der ausschlaggebende. Im Grunde war sie dem Gefühl gefolgt, das sie beim Anblick des Fotos in der Stellenanzeige ergriffen hatte.

Vor vielen Jahren war Emily schon einmal hier in Eelbrook gewesen. Damals, vor langer Zeit, als ihre Mutter noch gelebt hatte. Zu dritt hatten sie hier Urlaub gemacht und ein paar Tage auf dem Land verbracht, um dem städtischen Trubel zu entkommen. Nicht dass Emily sich daran erinnert hätte, denn zu dem Zeitpunkt war sie erst drei gewesen.

»In Eelbrook hat es dir überhaupt nicht gefallen«, erzählte ihr Vater oft. »Eigentlich warst du ein ruhiges und pflegeleichtes Kind, aber in Eelbrook warst du plötzlich wie ausgewechselt und hattest jede Nacht Albträume. Deine Mutter und ich konnten kaum schlafen, weil du ständig weinend aufgewacht bist. Einmal bist du uns sogar entwischt, als wir spazieren waren. Wir haben alles abgesucht und waren schon kurz davor, die Polizei zu rufen. Aber dann hat Mum dich gefunden. Ein Glück! Du hast seelenruhig auf der Treppe dieses leer stehenden Herrenhauses gesessen und keinen Mucks von dir gegeben. Als hättest du dort die ganze Zeit auf uns gewartet.«

Das Haus von damals war Eelbrook Manor. Emily kannte es nur von alten Urlaubsfotos. Und aus wiederkehrenden Träumen, die sie seit ihrer Kindheit heimsuchten: Sie war im Haus, durchquerte einen langen Flur und blieb vor einer geschlossenen Tür stehen. Von drinnen ertönte eine freundliche Stimme, die sie zu sich rief.

Jedes Mal betrat sie das Zimmer und stellte fest, dass es leer und völlig heruntergekommen war. Die Tapete war verblasst und hing in Fetzen von den Wänden. Im Staub auf dem Boden ließen sich noch die Umrisse von Möbeln erahnen, die dort vor langer Zeit einmal gestanden haben mussten. Die Stimme rief nach Emily, lockte sie zu einem Spiegel, doch sobald sie hineinsah, erwachte sie.

Nie hätte sie damit gerechnet, dass ihr das alte Anwesen eines Tages unverhofft wiederbegegnen würde. Und das nicht nur in irgendeinem Traum, sondern ganz real in einer Stellenausschreibung einer Online-Jobbörse.

Lange hatte sie das Foto auf dem Bildschirm angestarrt. Der Anblick des Gebäudes berührte sie tief, fast so, als sähe sie das Bild eines geliebten Menschen vor sich, den sie seit Jahren vermisste. Ein Durcheinander aus Gefühlen überwältigte sie, und ihr kamen die Tränen. Sie konnte sich selbst nicht erklären, was mit ihr los war, aber in diesem Augenblick war ihr klar geworden, dass sie sich unbedingt auf diese Stelle bewerben musste.

Vielleicht war es verrückt, aber sie fragte sich, ob es in dem Haus wirklich so aussah wie in ihren Träumen. Sie wollte es unbedingt von innen sehen, und morgen wäre es endlich so weit, wenn sie es zum ersten Mal mit ihren neuen Kollegen besichtigte.

Emily folgte der High Street, die in den Ortskern führte. Hier reihte sich ein schiefes Fachwerkhaus ans nächste. Einige waren in heiteren Farben gestrichen und liebevoll restauriert, andere vegetierten in einem bedauernswerten Zustand vor sich hin. Wegen dieser Häuser aus der Tudorzeit war Eelbrook bei Touristen äußerst beliebt. Es gab kaum ein Haus, an dem kein Schild mit »Bed and Breakfast« hing. Doch es war Herbst, und die Hauptsaison war vorüber. Beim Anblick der leeren Straßen fragte Emily sich, ob überhaupt noch Menschen hier wohnten. Womöglich diente der Ort nur noch als Kulisse, um im Sommer ganze Reisebusse voller zahlungskräftiger Großstädter anzulocken.

An einem Laternenpfahl entdeckte sie ein Plakat: »Alternative Festival – Live Music«. Gleich darauf kam sie am örtlichen Pub vorbei, in dem reger Betrieb herrschte. Vor der Tür unterhielt sich eine Gruppe von rauchenden Männern mittleren Alters. Es gab also doch noch Einwohner in Eelbrook.

Emily bog in die Heather Street ein, folgte der verwinkelten Straße und hielt vor einem viktorianischen Reihenhaus aus braunem Backstein. »Sie haben Ihr Ziel erreicht«, verkündete das Navi.

»Fletcher« stand auf dem Briefkasten, hier war sie also richtig. Sie klingelte, und kurz darauf öffnete sich die weiß gestrichene Holztür.

»Ja?«, sagte eine alte Dame und zog ihre graue Strickjacke zu. Sie sah zu Emily auf und musterte sie durch die dicken Gläser ihrer Brille.

»Mrs Fletcher? Hallo, ich bin Emily Barton«, stellte sie sich lächelnd vor. »Ich habe bei Ihnen ein Apartment gemietet.«

Die Miene der alten Frau erhellte sich. »Die junge Dame aus London, richtig! Kommen Sie herein.«

Mrs Fletcher führte Emily ins Wohnzimmer und bat sie, in einem Sessel Platz zu nehmen. »Kann ich Ihnen einen Tee anbieten, während wir den Papierkram erledigen?«

»Gerne, wenn es Ihnen keine Umstände macht.« Emily ließ sich in das weiche Polster sinken. Während die alte Dame in die Küche ging, um einen Kessel aufzusetzen, ließ Emily ihren Blick durch die Wohnung schweifen. Vor allen Fenstern, in Regalen und auf Kommoden waren Dutzende Porzellanfigürchen verteilt, und an den Wänden hingen mit Blumenmotiven bemalte Teller. Anscheinend gab es keine Fläche, die nicht mit irgendeinem Nippes dekoriert war.

»Einen ganz schön weiten Weg haben Sie hinter sich, was?«, ertönte Mrs Fletchers Stimme aus der Küche. »Und, wie gefällt Ihnen Eelbrook? Als Londonerin finden Sie es hier bestimmt langweilig, oder?«

Emily überlegte, wie sie diese Frage diplomatisch beantworten konnte. Natürlich war ein Dorf wie Eelbrook kein Vergleich zu einer pulsierenden Metropole wie ihrer Heimatstadt. »Hier ist alles recht klein und übersichtlich«, antwortete sie. »Mir gefallen die historischen Gebäude.«

Mrs Fletcher kehrte mit einem vollen Tablett aus der Küche zurück. Sie stellte es auf den Couchtisch und schenkte Tee in zwei Tassen. »Eelbrook ist ein verschlafenes Kaff, da muss man sich nichts vormachen. Kein Wunder, dass die jungen Leute alle in die Stadt ziehen.«

Emily nahm die heiße Tasse entgegen, die Mrs Fletcher ihr reichte.

»Und Sie sind also hier, weil Ihre Firma den alten Kasten renovieren will?« Die alte Dame deutete auf ein Milchkännchen und eine Zuckerdose. »Bitte, bedienen Sie sich.«

»Wir sind von einem amerikanischen Investor beauftragt worden.« Emily nahm ein Stück Würfelzucker. »Eelbrook Manor soll in ein Golfhotel umgewandelt werden.«

Mrs Fletcher nickte. »Wird ja auch Zeit, wenn Sie mich fragen. Das Haus steht schon jahrzehntelang leer. Ein neues Hotel, das lockt die Leute aus der Stadt an, das schafft Arbeitsplätze. Es muss etwas getan werden, sonst wohnt hier in ein paar Jahren keiner mehr. Die Schule haben sie letztes Jahr schon schließen müssen. Nicht genug Kinder in Eelbrook! Die armen Dinger müssen jeden Morgen mit dem Schulbus bis nach Sudbury fahren. Furchtbar.« Sie winkte ab. »Entschuldigung, manchmal rede ich zu viel. Trinken Sie in Ruhe aus, dann hole ich den Mietvertrag, und anschließend zeige ich Ihnen alles.«

Wenig später folgte Emily der alten Dame nach draußen. Mrs Fletcher deutete auf eine außen gelegene Metalltreppe, die zur Wohnung im ersten Stock führte.

»Also, das da oben ist ab sofort Ihr Reich. Zur Wohnung gehört der Stellplatz hier vorne an der Einfahrt.«

Während Mrs Fletcher redete, wanderte Emilys Blick zum benachbarten Haus. In der Einfahrt stand ein altes Triumph-Bonneville-Motorrad. Ein junger Mann, etwa in Emilys Alter, kniete dahinter und kramte in einem Werkzeugkoffer. Plötzlich hob der Fremde den Kopf, und ihre Blicke begegneten sich. Er richtete sich auf, wischte sich die Hände an einem Lappen ab und lächelte ihr zu.

Schüchtern wandte sie sich ab und folgte ihrer Vermieterin die Stufen hinauf. Oben schloss Mrs Fletcher die Tür auf und ließ Emily den Vortritt.

Nach der Wohnung im Erdgeschoss war sie überrascht, wie schlicht und modern dieses Apartment dagegen wirkte: weiße Wände, eine kleine graue Couch und ein Flachbildfernseher. Nur in einer Ecke hatten sich drei von Mrs Fletchers bemalten Porzellantellern wie zum Trotz an die ansonsten nackte Wand verirrt.

Emily begutachtete die Küchenzeile und das kleine Bad. Alles war so sauber, dass es blitzte. Ja, hier kann man es aushalten, stellte sie zufrieden fest.

»Brauchen Sie noch irgendwas?«, erkundigte sich Mrs Fletcher.

»Danke, ich komme zurecht«, versicherte Emily, die es nicht erwarten konnte, endlich allein zu sein.

Die alte Dame verabschiedete sich und ging. Emily atmete auf, und ihr fiel ein, dass sie noch ihren Koffer aus dem Auto holen musste. Sie ging nach unten und zerrte das klobige Gepäckstück aus dem Kofferraum.

»Warte, ich helfe dir!«, rief jemand hinter ihr.

Emily schloss die Kofferraumtür und drehte sich um. Vor ihr stand der blonde junge Mann, den sie eben beim Reparieren des Motorrads beobachtet hatte. Er überragte sie um einen Kopf und sah sie erwartungsvoll an.

»Soll der nach oben?«, fragte er und deutete auf den Koffer.

Bevor sie antworten konnte, nahm er den Griff des Gepäckstücks, hob es mühelos hoch und trug es mit großen Schritten zu ihrer Wohnungstür hinauf. Emily folgte ihm und kam nicht umhin, seine Muskeln zu bewundern.

»Danke«, sagte sie, als sie oben angekommen waren.

Er nickte. »Kein Problem. Ich bin Aidan.«

Sie musterte ihn. Von den ausgetretenen Sneakern über die zerrissene Jeans und das graue T-Shirt bis zu den hellen Bartstoppeln in seinem Gesicht – überall klebte Öl an ihm.

Ihr wurde klar, dass sie ihn anstarrte. Sie räusperte sich und reichte ihm die Hand. »Emily. Ich komme aus London.«

»Hab mir gleich gedacht, dass du nicht von hier bist. Ich kenne fast alle Gesichter im Ort.« Er lächelte, und seine blauen Augen strahlten. Noch immer hielt er ihre Hand fest. »Sie ist eiskalt.«

»Hm?«

»Deine Hand. Wie ein Eiszapfen.«

Emily entzog sie ihm und wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Aidan hatte etwas Verwirrendes an sich. War es sein Lächeln? Sein durchdringender, wenn auch freundlicher Blick?

»Ich muss jetzt auspacken.« Sie wich in ihr Apartment zurück. »Hat mich gefreut, dich kennenzulernen.«

»Willkommen in Eelbrook!«, rief er noch, bevor sie die Tür vor seiner Nase schloss.

Drinnen fragte sie sich, ob er es ihr übel nehmen würde, dass sie ihn so schnell abgewimmelt hatte. Als Städterin konnte sie nicht einschätzen, wie die Gepflogenheiten in einem Dorf wie Eelbrook waren. Sie konnte nicht anders, als bei zu viel Herzlichkeit auf Abstand zu gehen. So etwas stellte zu schnell zu viel Nähe her, und Nähe war etwas, das ihr Unbehagen bereitete.

 

In dieser Nacht hatte sie wieder einen seltsamen Traum.

Sie stand in einem Bahnhof vor dem Waggon eines langen Zuges. Durch eines der Fenster beobachtete sie einen hochgewachsenen Mann mit dunklem Haar. Er stand in seinem Abteil und hatte ihr den Rücken zugewandt. Emily wusste nicht, wer er war, und doch vermittelte er ihr ein vertrautes Gefühl. Sie sehnte sich danach, sein Gesicht zu sehen. Im Traum kannte sie seinen Namen und rief ihn laut und deutlich.

Plötzlich rollte der Zug los. Emily schlug mit der Hand an die Fensterscheibe und rief nach dem jungen Mann, so laut sie konnte. Wenn er sich doch umdrehen würde, nur ein einziges Mal! Er ignorierte ihre Rufe, der Zug beschleunigte und war schließlich fort.

Sie erwachte, setzte sich auf und brauchte ein paar Sekunden, um zu begreifen, wo sie sich befand. Draußen trommelten Regentropfen an die Scheibe ihres Schlafzimmerfensters.

Angestrengt versuchte sie, sich an den Namen des jungen Mannes aus ihrem Traum zu erinnern. Eben noch hatte sie ihn gewusst, aber nach dem Aufwachen war er wie ausgelöscht.

Sie wusste nicht einmal mehr, mit welchem Buchstaben er angefangen hatte.

KAPITEL 2

Eelbrook, Anfang Oktober 2015

Am nächsten Morgen stand Emily frühzeitig auf und machte sich fertig, denn heute stand die Ortsbegehung mit ihren neuen Arbeitskollegen an. Bevor sie aufbrach, sah sie rasch nach, ob sie wirklich an alles gedacht hatte: Digitalkamera, Lasermessgerät und eine Kopie des Originalplans von Eelbrook Manor. Sie warf sich ihre Tasche über die Schulter, verließ ihre Wohnung und machte sich auf den Weg.

Vor dem Gebäude parkte sie und stieg aus. Außer ihren eigenen Atemzügen und dem fernen Krähen eines Hahns war kein Geräusch zu hören. Morgendlicher Nebel lag ringsum über den Hügeln, und die kühle Feuchtigkeit kroch ihr unter die Kleidung.

Gleich darauf erklang hinter ihr das unverkennbare Knirschen von Autoreifen auf Kies, und ein silberner Audi tauchte in der Auffahrt auf. Es war der Wagen von Susan Hyde, Mitbegründerin von Hyde & Spencer Architects – Emilys neue Chefin.

Hyde & Spencer hatte sich im Osten von England mit der Restaurierung und Modernisierung historischer Gebäude einen Namen gemacht, aber der Zuschlag für das Multimillionenprojekt »Eelbrook Manor Golfresort« war für das kleine Team überraschend gekommen. Wo es ging, waren Mitarbeiter von anderen Projekten abgezogen und diesem zugeteilt worden. Zusätzlich hatte man eine neue Stelle geschaffen, die rechtzeitig zu Projektbeginn besetzt werden sollte.

Emily wusste, dass sie den Job nie bekommen hätte, wenn es allein nach Susan Hyde gegangen wäre. Beim Vorstellungsgespräch hatte sie wiederholt Zweifel daran geäußert, ob eine junge und unerfahrene Architektin wie Emily die Richtige für die Mitarbeit an einem so anspruchsvollen Projekt sei. Roy Spencer, die andere Hälfte von Hyde & Spencer, war jedoch anderer Meinung gewesen und hatte Susan davon überzeugt, Emily eine Chance zu geben.

Der Audi parkte neben Emilys altem Mini. Zusammen mit Susan stiegen drei Mitarbeiter aus, denen Emily kürzlich zum ersten Mal die Hand geschüttelt hatte: Ben Carter, der Statiker, und Andrew Singh und Lisa Nguyen, die Einzigen im Büro, die noch ungefähr in Emilys Alter waren. Alle zusammen bildeten sie das Team, das für die Neugestaltung von Eelbrook Manor verantwortlich war.

Susan blieb vor dem Gebäude stehen und sah an der Fassade hinauf, bevor sie sich an Emily wandte. Flüchtig fuhr sie sich mit ihren knallrot lackierten Fingernägeln durch das streichholzkurze, blondierte Haar. »Meine Güte, sind Sie aber pünktlich«, sagte sie in einem Ton, der halb jovial, halb spöttisch wirkte. »Haben Sie an alles gedacht?«

»Natürlich, Susan«, erwiderte Emily und zückte zum Beweis ihre Digitalkamera. Ein wenig fühlte sie sich wie eine Schülerin, die einer strengen Lehrerin die Hausaufgaben präsentierte.

Ein weiterer Wagen näherte sich dem Anwesen, und ein älterer Herr stieg aus und gesellte sich zu ihnen. Susan reichte ihm die Hand. Es war Mr Holcombe vom örtlichen Bauamt. Mit ihm mussten sie sich bei allen Fragen abstimmen, die den Denkmalschutz betrafen.

Mr Holcombe nickte zur Begrüßung in die Runde.

»Zunächst werden wir das Aufmaß nehmen und den aktuellen Zustand des Gebäudes dokumentieren«, erklärte Susan. »Mr Holcombe wird uns mit fachmännischem Rat zur Seite stehen.« Sie wandte sich an Emily. »Beginnen wir mit der Außenansicht.«

Emily zückte die Kamera und machte Fotos vom Gebäude. Währenddessen referierte Mr Holcombe über die Entstehung und die Geschichte des Hauses. Emily versuchte, ihm zuzuhören, und bekam noch mit, dass es 1745 nach dem Entwurf eines berühmten Architekten erbaut worden war, über einen Ost- und Westflügel und eine Balustrade verfügte, die rund um das flache Dach verlief.

Dann aber schweiften ihre Gedanken endgültig ab. Sie konnte es kaum erwarten, Eelbrook Manor zu betreten und herauszufinden, ob das Innere wirklich so aussah, wie sie es seit ihrer Kindheit in ihren Träumen gesehen hatte. Waren es womöglich verschüttete Erinnerungen an ihren ersten Besuch in Eelbrook? Und was hatte diese geheimnisvolle Stimme zu bedeuten, die sie jedes Mal im Traum zu sich rief?

Wahrscheinlich nichts, dachte sie sich und besann sich wieder auf ihre Arbeit. Sie durfte sich nicht zu sehr in diese Traumgeschichte hineinsteigern. Sie glaubte nicht an Übersinnliches, aber die Träume verfolgten sie schon so lange, und sie wollte endlich wissen, ob an ihrem seltsamen Gefühl irgendetwas dran war.

Angeführt von Mr Holcombe umrundeten Emily und ihre Kollegen das Haus und blieben vor der Gartenfront stehen.

»Wunderschön«, fand Susan. »Eine Schande, dass sich dieses Gebäude seit Jahrzehnten in einem so desolaten Zustand befindet.«

Innerlich pflichtete Emily ihr bei. Zu sehen, wie einst prächtige Gebäude nach und nach verfielen, tat ihr in der Seele weh. Was andere Menschen beim Anblick verwaister Hundewelpen empfanden, fühlte Emily, wenn sie ein verfallenes Haus wie Eelbrook Manor sah. Jahrzehntelang war es von Menschen bewohnt und gepflegt worden, bis seine Bewohner ihm während des Zweiten Weltkriegs den Rücken gekehrt hatten. Die britische Armee hatte es damals vereinnahmt und als Lazarett genutzt, wie Mr Holcombe erzählte.

Susan tippte Emily an und deutete auf die Fenster.

Emily verstand, zoomte heran und machte Fotos.

»Bis Kriegsbeginn wohnte hier die Familie Worthington«, redete Mr Holcombe weiter.

»Die berühmten Teeimporteure?«, fragte Susan.

»Ganz recht. Lady Worthington sah sich nach dem Tod ihres Mannes außerstande, die Renovierung und Instandhaltung finanziell zu stemmen. Nach dem Krieg verkaufte sie das Anwesen an einen Londoner Unternehmer, der es als Landsitz nutzen wollte. Bald darauf wurde er zahlungsunfähig, und seitdem steht das Haus leer.«

»Und dort hinten befindet sich der Gemüsegarten, richtig?«, fragte Susan, wandte dem Haus den Rücken zu und sah hinaus auf das Grundstück.

Sie folgten einem Kiesweg und durchschritten einen Torbogen, an dem ein Schild mit der Aufschrift »Eelbrook Manor – Organic Walled Garden« hing. Vor ihnen erstreckte sich ein weitläufiges Gelände, das von einer ovalen Mauer umschlossen war. Ein halbes Dutzend Gärtner lief geschäftig umher. Der Kontrast zwischen dem verfallenen Herrenhaus und dem Leben, das hier herrschte, hätte nicht größer sein können. Emily hatte nicht gewusst, dass ein Teil des Grundstücks noch bewirtschaftet wurde. Ein Beet reihte sich ans nächste, und sie staunte über das gepflegte Aussehen der Anlage. Sie beeilte sich, alles zu fotografieren.

»Dies ist ein ummauerter Gemüsegarten aus der viktorianischen Ära«, erklärte Mr Holcombe. »Die Mauern schützen die Beete vor Wind, speichern die Wärme der Sonne und geben sie im Laufe der Nacht an die Pflanzen ab. So erzeugen sie ein mildes Klima, in dem vieles gedeihen kann. Ein solcher Garten ernährte einst einen gesamten Haushalt.«

Susan nickte anerkennend. »Eine wunderschöne Anlage. Wenn ich mich nicht irre, gibt es noch einen separaten Obstgarten?«

»Weiter hinten auf dem Grundstück«, antwortete Mr Holcombe. »Darin finden sich zahlreiche seltene Apfelsorten.«

Emily erstarrte, als ihr Sucher plötzlich ein bekanntes Gesicht erfasste. Langsam ließ sie die Kamera sinken. Vor ihr stand Aidan, ihr neuer Nachbar.

»Hallo«, sagte sie verblüfft. »Du arbeitest hier?«

Er verschränkte die Arme und musterte sie. »Du bist eine von denen?«

Erst jetzt fiel ihr auf, dass alle Gärtner ringsum ihre Arbeit unterbrochen hatten und sie anstarrten.

Eine junge schwarze Frau näherte sich. »Mary Samuel«, stellte sie sich den Besuchern vor und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Ich leite das alles hier. Wie kann ich Ihnen helfen?«

Mr Holcombe stellte sich ebenfalls vor und erklärte kurz, warum die Architekten hier waren. Emily lauschte der Unterhaltung und hörte heraus, dass Mary und die anderen für eine Non-Profit-Organisation arbeiteten, die den Gartenbereich noch bis Ende des Jahres von der Gemeinde gepachtet hatte, um Biogemüse anzubauen.

Schlagartig wurde Emily bewusst, wie ihr Verhalten auf die Menschen wirken musste, die hier arbeiteten. Sie kam mit ihren Kollegen hereinmarschiert und fotografierte alles, ohne vorher um Erlaubnis zu fragen. Peinlich berührt schaltete sie die Kamera aus und ließ sie in ihrer Handtasche verschwinden.

Mr Holcombe schlug vor, zum Haus zurückzukehren. Am Gartentor zögerte Emily kurz, unsicher, ob sie noch einmal zu Aidan gehen und ihm alles erklären sollte, aber jetzt war keine Zeit für einen Plausch, darum bemühte sie sich, ihre Kollegen einzuholen.

Mr Holcombe blieb vor der großen Eingangstür stehen, kramte einen Schlüsselbund hervor und entriegelte das Vorhängeschloss. Dann stieß er die Tür auf.

Emily hatte lange auf diesen Moment gewartet. Mit klopfendem Herzen folgte sie den anderen ins Innere des Hauses. Es war dunkel, und ihre Augen brauchten ein paar Sekunden, um sich daran zu gewöhnen. Sie fröstelte, und ein leicht modriger Geruch stieg ihr in die Nase. Durch schmale, hoch gelegene Fenster fielen blasse Lichtstrahlen, in denen Staubpartikel tanzten.

Langsam konnte sie etwas erkennen und sah sich neugierig um. Die zwei Stockwerke hohe Eingangshalle war mit weißem Marmor ausgekleidet. Ihr Blick streifte die Säulen an den Wänden und die opulenten Stuckornamente an der Decke. Rechts und links blickten zwei in die Wand eingefasste Jünglingsstatuen aus einer Galerie auf die Besucher herab. Alles wirkte sehr beeindruckend, aber nichts davon war ihr je in ihren Träumen begegnet, wie sie enttäuscht feststellen musste.

Mr Holcombe fuhr derweil mit seinen Erklärungen fort. Bis auf jede Menge Staub und Spinnweben, die sich im Laufe der Jahrzehnte angesammelt hatten, war dieser Raum für sein Alter in einem erstaunlich guten Zustand. Die Eingangshalle besaß einen Ehrfurcht gebietenden, weihevollen Charakter, als gehörte sie zu einer Kathedrale, und doch empfand Emily die Atmosphäre darin als beklemmend. Der prächtige weiße Marmor, die Statuen – alles strahlte Kälte aus und wirkte tot. Plötzlich wurde Emily klar, woran sie das gesamte Gebäude erinnerte: an eine Grabkammer.

Nach einer Weile bedankte sich Susan bei Mr Holcombe. Er verabschiedete sich und ging, und Susan wandte sich an das Team. »Wir werden nun damit beginnen, das Aufmaß zu nehmen. Emily, Sie fangen im Westflügel an.«

Emily wandte sich nach rechts und verließ die Eingangshalle. Vielleicht entdeckte sie im Westflügel etwas, das ihr bekannt vorkam? Sie kam an einer Treppe vorbei, die in den ersten Stock führte, lief weiter geradeaus und betrat einen quadratischen Raum.

Ihre Schritte auf dem Steinboden hallten von den Wänden wider. Während sie nun allein war, spürte sie wieder die unerklärliche Verbundenheit zu dem Gebäude. Oder war es doch nur Einbildung?

Aus ihrer Handtasche holte sie die Kopie des alten Grundrisses, um sich zu orientieren. Hier war einst das Esszimmer gewesen. Teile des Stucks waren von der Decke gebrochen. Bei dem Anblick schnalzte sie bedauernd mit der Zunge.

Sie ging von Zimmer zu Zimmer, nahm mit dem Lasermessgerät alle Maße, machte Fotos und Notizen und bewunderte prächtige Kamine, kunstvolle Wandvertäfelungen und Deckengemälde. In dem Raum, der unverkennbar die Bibliothek gewesen sein musste, suchte sie in den leeren Regalen vergeblich nach alten Büchern.

Auch hier kam ihr nichts bekannt vor, und sie beschloss, in den ersten Stock hinaufzugehen. Ein langer Korridor erstreckte sich nach beiden Seiten und verband den Ost- mit dem Westflügel. Sie hielt inne, als etwas dort ihre Aufmerksamkeit erregte: Auf einem Beistelltisch stand eine Vase mit frischen roten Rosen.

Emily ließ den Plan sinken, näherte sich dem Tisch und roch vorsichtig an den Blumen. Der zartsüße Duft verriet ihr, dass sie echt waren. Ihr fiel die besondere Schönheit der Blüten auf. Die Farbe war auch im trüben Licht von ungewöhnlicher Strahlkraft, und sie wirkten, als leuchteten sie von innen heraus. Ob jemand von den Gärtnern vorhin im Haus gewesen war und die Rosen hier platziert hatte?

Ihre Überlegungen wurden jäh unterbrochen, denn plötzlich erklangen links von ihr Schritte. Ein Knarren ertönte, als ob jemand eine Tür öffnete.

Emily sah sich um. Einer ihrer Kollegen musste in der Nähe sein und war vermutlich gerade dabei, den Ostflügel zu vermessen. »Susan?«, fragte sie in den leeren Gang hinein.

Ihr Blick fiel auf die halb offene Zimmertür am Ende des Korridors. Emily hätte schwören können, dass sie eben noch geschlossen gewesen war. Vermutlich ein Luftzug, dachte sie. In einem so alten und verfallenen Gebäude war es kein Wunder, dass der Wind durch die zahllosen Ritzen und zerbrochenen Fensterscheiben drang.

Sie beschloss, sich den Ostflügel genauer anzusehen, und konnte nicht anders, als die verfallene Pracht ringsum zu bestaunen. Unwillkürlich fragte sie sich, wie viele Lords, Ladys und Bedienstete wohl vor ihr durch diesen Flur gegangen waren – Menschen, die gelebt und gelitten hatten und zu Staub zerfallen waren, lange vor ihrer Geburt. Das Haus mochte seit Jahrzehnten verlassen sein, doch das Echo vergangener Tage hallte unterschwellig in ihm wider. Man musste nur aufmerksam hinhören.

Sie blieb vor der Zimmertür stehen, stieß sie ganz auf und verharrte auf der Schwelle. Ein Himmelbett aus dunklem Holz dominierte den Raum. Ölporträts feiner Herrschaften starrten von den Wänden, die mit edler roter Tapete überzogen waren. Orientalische Teppiche zierten den Boden. Auf der anderen Seite des Raums stand ein geschwungener Diwan.

Staunend trat Emily ein. Nicht nur dass die Einrichtung vollständig und der Zustand des Zimmers einwandfrei war, es fand sich auch kein einziges Staubkorn, nicht eine Spinnwebe darin. Sie näherte sich dem Kamin und strich mit der Fingerspitze über das steinerne Sims. Es war so sauber, als wäre es gerade erst abgestaubt worden.

Nachdenklich rieb sie Daumen und Zeigefinger aneinander. Sie fragte sich, wer hinter der Einrichtung dieses Raums steckte. Wer auch immer es war, hatte weder Kosten noch Mühen gescheut. Ob Mr Holcombe oder die Leute vom Hof nebenan irgendetwas darüber wussten? Immerhin musste derjenige einen Schlüssel zum Gebäude besitzen, und zweifellos kam er regelmäßig her, um das Zimmer zu pflegen.

Sie sah sich um, und ihr fiel auf, dass das Rot der Tapete und das Muster des Teppichs zu leuchten schienen. Wie schon bei den Rosen im Korridor ging von allem eine ungewöhnliche Strahlkraft, ein Pulsieren aus. Sie näherte sich einem Bettpfosten und strich über das polierte Holz. Plötzlich gab das Material nach, und ihre Fingerspitzen versanken darin.

Erschrocken wich sie zurück und bemerkte, dass die dunkle Farbe des Holzes vor ihren Augen verschwamm. Die Stelle, die sie berührt hatte, war transparent geworden.

Emily blinzelte und musste noch einmal hinsehen, weil sie es nicht glauben konnte. Nun erkannte sie, dass sämtliche Gegenstände ringsum durchscheinend waren. Das Bett, die Porträts an der Wand, der Diwan – alles wirkte wie aus Glas.

Sie erschauderte und versuchte, ihre aufsteigende Furcht niederzukämpfen. Ganz ruhig. Das bildest du dir nur ein. Wäre ja nicht das erste Mal, oder?

Ja, das musste es sein. Ihr spezielles Problem, das sich wieder einmal bemerkbar machte. Wie oft hatte sie schon unerklärliche Dinge gesehen oder Blackouts gehabt? Früh hatte sie gelernt, ihrer eigenen Wahrnehmung zu misstrauen. Sie beschloss, den Raum zu verlassen und nach Susan und den anderen zu suchen. Hoffentlich merkte ihr niemand etwas an.

Gerade wollte sie sich umdrehen, als sich das Zimmer verfinsterte. Emily trat ans Fenster, und ihr stockte der Atem. Schlagartig war es Nacht geworden. Sie sah auf ihre Armbanduhr. Die Zeiger waren um kurz nach zehn stehen geblieben.

Für einen Moment kniff sie die Augen zu. »Alles Einbildung«, flüsterte sie und sah wieder hinaus. Der Mond tauchte die Gärten in silbriges Licht, und dort unten, befreit von Laub und Schmutz, plätscherte ein weißer Springbrunnen.

Erst jetzt fiel ihr auf, dass an der Wand zu ihrer Linken ein Spiegel mit einem prächtig verzierten Goldrahmen hing, und darin sah sie –

Eine Fremde.

Emily erstarrte. Ihr Herz pochte wie wild, und sie spürte ein Prickeln im Nacken. Am liebsten wäre sie weggelaufen, doch ihre Angst war wie eine eisige Faust, die sie umklammert hielt.

Ungläubig musterte sie die Fremde. Sie trug ein champagnerfarbenes Kleid aus seidigem Stoff, das mit silbernen und schwarzen Perlen bestickt war. Ihr Haar war goldblond, die Haut wie Porzellan.

Plötzlich glaubte Emily, eine sanfte Berührung an der Wange zu spüren. Hinter sich nahm sie leise, schwere Atemzüge wahr. Und dann einen ohrenbetäubenden Knall.

Etwas traf sie am Hinterkopf, und ihr wurde schwarz vor Augen.

Stunden schienen vergangen zu sein – oder waren es nur Sekunden? – als sie langsam wieder zu sich kam. Mein Kopf, war ihr erster Gedanke. Sie bewegte sich, und ein scharfer Schmerz durchfuhr ihren Schädel, wie nach einer durchzechten Nacht. Wo bin ich überhaupt? Warum ist es so kalt? Sie lag auf irgendeiner harten Oberfläche …

Stöhnend griff sie sich an den Hinterkopf und spürte warme Nässe. Als sie die Augen öffnete, sah sie Blut an ihren Fingerspitzen.

Mit einem Mal wusste sie wieder, wo sie war: das Rote Zimmer. Für ein paar Atemzüge blieb sie reglos am Boden liegen. Was war gerade passiert? Erst die Fremde im Spiegel und dann dieser Schuss …

Langsam erhob sie sich. Weit und breit keine Spur von der Frau. Und was war mit den edlen Gemälden und der vornehmen Einrichtung passiert? Das Zimmer war plötzlich so leer und trostlos wie alle anderen, und doch setzte bei seinem Anblick ihr Herz für einen Schlag aus.

Die zerrissene Tapete an den Wänden, der Staub auf den gesprungenen Fliesen, der Spiegel – alles wirkte mit einem Mal vertraut, und sie begriff: Es war das Zimmer aus ihren Träumen.

Emily hielt es nicht länger aus. Sie wollte nur noch hier raus, so schnell sie konnte. Noch immer fühlte sie sich wackelig auf den Beinen, aber sie schlurfte zur Tür, verließ das Zimmer, eilte den Korridor entlang und zur Treppe.

Unten durchquerte sie die Eingangshalle. Die Marmorstatuen der beiden Jünglinge starrten gleichgültig auf sie herab. Sie stieß die Tür auf, stürmte nach draußen und stieß mit Aidan zusammen.

»Du meine Güte, Emily! Was hast du denn?«

Bevor sie etwas erwidern konnte, wurde ihr wieder schwarz vor Augen.

»Hab keine Angst«, hörte sie noch seine sanfte Stimme. »Folge nicht den Toten. Komm zurück.«

Als sie einen Herzschlag später die Augen öffnete, fand sie sich auf den steinernen Stufen von Eelbrook Manor wieder. Zwei fremde Männer beugten sich über sie, und aus ihren Uniformen schloss sie, dass es Sanitäter waren.

»Wie geht es Ihnen?«, fragte einer der beiden, ein junger Mann mit blonder Stoppelfrisur und Pickeln am Kinn.

Emily hob den Kopf. Ein Rettungswagen stand in der Auffahrt von Eelbrook Manor, und daneben entdeckte sie Susan und ihre Kollegen.

Wo war Aidan? War er eben wirklich bei ihr gewesen, oder hatte sie sich auch das nur eingebildet? Sie begriff nicht, warum, doch seine Nähe und der Klang seiner Stimme hatten sie augenblicklich beruhigt.

Wenn er doch auch jetzt hier sein könnte. Sie spürte die Blicke ihrer Kollegen und wäre am liebsten im Erdboden versunken. Und das ausgerechnet an ihrem ersten Tag!

»Mir ist schwindlig«, antwortete sie. »Ich glaube, ich bin am Kopf verletzt.«

Der Sanitäter untersuchte sie. »Ich kann keine Verletzung erkennen.«

»Aber es hat geblutet!« Emily befühlte die Stelle an ihrem Hinterkopf. Tatsächlich, keine Spur von Blut.

»Ganz ruhig«, meinte der Mann. »Wir bringen Sie ins Krankenhaus nach Sudbury.«

Bevor Emily protestieren konnte, halfen die Sanitäter ihr auf eine Liege und trugen sie in den Rettungswagen.