Kapitel 1
Aidan
Gemeinsam mit Dad und Onkel Richard verließ ich die Innenkabine der Yacht, welche uns zur Insel gebracht hatte.
Unser Gastgeber Elijah Curtis war ein paranoider Kontrollfreak. Obwohl am heutigen Tag jeder mit Rang und Namen in der amerikanischen Mafia zu seiner Hochzeit anreiste, hatte er wie auch bei seinen sagenumwobenen Partys dafür gesorgt, dass seine Gäste die Anreise verschliefen. Ein wirklich unangenehmes Gefühl, wenn man die Spannungen zwischen unseren Familien bedachte.
Wäre Onkel Richard nicht gewesen, hätte ich dem niemals zugestimmt. Da er jedoch schon seit vielen Jahren mit Elijahs Vater befreundet war, hatten wir uns schließlich darauf eingelassen.
Jaxon, Elijahs Stellvertreter, nahm uns in Empfang und führte uns zur Villa, wo wir bereits vom Brautpaar erwartet wurden. Bis zu diesem Moment wusste ich nicht, wer die Braut war. Ich kannte zwar den Namen – Aubrey Kennedy hatte auf der Einladung gestanden – doch die Frau die dort an seiner Seite stand, war keine Geringere als Alannah O´Connor.
Als ich sie erkannte geriet ich kurz aus dem Tritt. Alannah war vor vier Jahren bei einem schweren Autounfall ums Leben gekommen. Exakt eine Woche bevor ich sie zu mir holen wollte. Seither machte ich mir Vorwürfe, sie nicht bei der ersten Gelegenheit, die sich mir geboten hatte, entführt zu haben.
»Was zum Teufel«, knurrte ich und sah Dad an, der kein bisschen verwundert zu sein schien.
»Reiß dich zusammen«, raunte er mir zu, ehe er sich an mir vorbeischob, um das Brautpaar zu begrüßen.
Irritiert wandte ich mich an meinen Onkel, der mich entschuldigend ansah. »Atme tief durch, Junge. Sie gehört ihm. Das kannst du nicht ändern.«
Er hatte ja keine Ahnung, was ich konnte. Alannah war alles, was ich je gewollt hatte. Schon als Kind sollten wir einander versprochen werden, um Frieden zwischen unseren Familien zu garantieren. Damals wusste ihre Mutter dies zu verhindern. Nach ihrem viel zu frühen Tod hatte Dad erneut die Verhandlungen mit Alannahs Vater aufgenommen, wobei ich zu diesem Zeitpunkt alles andere als begeistert von der Idee gewesen war.
Sie war damals ein Kind, während ich fast volljährig gewesen war. Erst als ich sie durch Zufall vier Jahre später auf einer Party wiedersah, hatte sich meine Einstellung ihr gegenüber verändert. Das größte Hindernis war, dass sie ein Schweizer Internat besuchte, während ich mich auf mein Studium in Harvard vorbereitete.
Erst nach ihrem Abschluss hatte ihr Vater es zugelassen, dass sie nach Pennsylvania zurückkehren durfte. Schon kurz danach hatte er mit diversen Familien Verhandlungen über eine Vermählung geführt. Nachdem er mich als Kandidaten recht schnell ausgeschlossen hatte, war mir nichts anderes übriggeblieben, als nach einem Weg zu suchen, sie dennoch in die Finger zu bekommen.
Kurz bevor ich sie endlich zu mir hatte holen wollte, war die Nachricht von ihrem Tod gekommen. Ihr jetzt, vier Jahre später gegenüberzustehen war verständlicherweise ein Schock.
»Elijah, es ist schön, dich zu sehen. Ich danke dir sehr für die Einladung«, sagte ich extrem bemüht, mir nichts anmerken zu lassen.
»Die Freude ist ganz auf meiner Seite. Darf ich dir meine zukünftige Frau vorstellen? Aubrey, Schatz, das ist Aidan Graham.«
Ihr Blick flackerte kurz und ich war mir sicher, dass sie mich erkannte. Obwohl wir uns nur zwei Mal begegnet waren, dürfte auch sie das letzte Mal nicht ganz so schnell vergessen haben, denn immerhin hatte sie mir in dieser Nacht ihre Jungfräulichkeit geschenkt.
»Entschuldigt bitte, aber mir ist ein wenig, als würde ich einen Geist sehen«, gestand ich, während ich ihre Hand nahm und einen Kuss auf ihre Knöchel hauchte.
»Glaub mir, mein Guter, damit bist du nicht allein«, mischte sich in diesem Moment ihr Vater ein. »Komm, wir besorgen dir einen Drink auf den Schreck.«
»Eine Erklärung wäre mir lieber«, gestand ich, ließ mich aber von ihm zur Bar führen, wo Dad und Onkel Richard uns schon erwarteten. »Wieso zur Hölle seid ihr nicht geschockt?«, wandte ich mich an die beiden.
»Weil ich die junge Dame bereits seit zwei Jahren in meinem Wirtschaftskurs sitzen habe«, beantwortete Richard meine Frage.
»Und da bist du nicht auf die Idee gekommen, etwas zu sagen?«
»Die Kleine hat Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um ihren eigenen Tod vorzutäuschen. Es war einfach nicht richtig mich da einzumischen. Erst als Elijah nach den Frühlingsferien in Providence aufgetaucht ist, habe ich Samuel angerufen.«
»Mich hat fast der Schlag getroffen, als er mir Bilder von meiner totgeglaubten Tochter geschickt hat.«
»Sag bloß, sie hat selbst dich in dem Glauben gelassen, sie sei tot?«, rutschte es mir geschockt heraus.
»Meine Tochter wollte ihre Freiheit. Das Einzige, das ich ihr nicht geben konnte. Nicht zuletzt, da jemand es auf sie abgesehen hatte.« Sein Blick verriet ihn. Er hatte von meinen Plänen gewusst.
»Jetzt ist sie ja genau da, wo du sie haben wolltest«, bemerkte ich resigniert.
»Die beiden lieben sich wirklich. Glaub mir, bei Elijah ist sie in guten Händen«, versicherte mir mein Onkel und alle drei musterten mich mit ernsten Mienen.
»Jetzt seht mich nicht so an, als wäre ich eine tickende Zeitbombe. Sie hat sich entschieden und ich werde das akzeptieren.«
»Wirklich?«, hakte Dad nach.
Ich nickte, obwohl mir selten etwas so schwergefallen war. »Entschuldigt mich, ich brauche einen Moment für mich. Aber ihr müsst euch keine Sorgen machen. Alannah ist tot. Aubrey gehört Elijah.« Nachdem ich die Worte ausgesprochen hatte, zwang ich mich zu einem Lächeln und folgte dem Weg zum Strand hinunter.
Hätte ich das geahnt, wäre ich zu Hause geblieben.
Kapitel 2
Cassy
»Alles okay mit dir?«, wollte ich von Aubrey wissen, die aussah, als hätte sie einen Geist gesehen.
»Ja … nein … ach, ich weiß auch nicht.«
Da sie für den Moment alle neuen Gäste begrüßt hatte, hakte ich mich bei ihr unter und zog sie mit mir von den anderen weg in Richtung Strand.
»Sag mir, was los ist. Bekommst du jetzt doch kalte Füße?«
Ich könnte es ihr nicht verübeln, immerhin kannte sie ihren zukünftigen Mann gerade mal seit knapp drei Monaten. Als sie mich angerufen hatte, um mir von der Hochzeit zu erzählen, war meine erste Frage gewesen, ob sie schwanger war. Ich verstand beim besten Willen nicht, warum eine Frau heutzutage überhaupt noch bereit war dieses Ehespiel mitzumachen. Die Einzigen, die davon profitierten, waren die Männer, die sich auf diesem Weg eine günstige Putzfrau ins Haus holten.
»Definitiv keine kalten Füße. Ich liebe Elijah und ich habe keinerlei Bedenken ihn morgen zu heiraten.«
»Was ist es dann? Du benimmst dich so, seit Professor Graham angekommen ist«, überlegte ich und da kam mir ein Gedanke. »Sag mir bitte, dass du keine Affäre mit dem Professor hattest«, rief ich entsetzt aus.
Zumindest brachte ich sie damit zum Lachen.
»Wie kommst du denn auf das schmale Brett?«, wollte sie kichernd wissen.
»Der Mann ist ziemlich heiß. Ich würde ihn nicht von der Bettkante stoßen.«
Aubrey zog eine Augenbraue hoch und musterte mich ernst. »Du stehst also auf ältere Männer«, bemerkte sie.
»Du kannst es mir wohl nicht verübeln, dass ich einen erfahrenen Liebhaber dem vorziehe, was die Kerle in unserem Alter so abliefern.« Prompt wurde ihr Blick wieder glasig und dieser verträumte Ausdruck machte sich auf ihrem Gesicht breit, wie jedes Mal, wenn sie an ihren zukünftigen Ehemann dachte. »Ja, ja, binde mir ruhig auf die Nase, dass dein Macker ein Hengst im Bett ist.«
»Redet ihr von mir?« Der jüngere Mann, der zusammen mit dem Professor hier angekommen war, näherte sich uns mit einem umwerfenden Lächeln auf den sinnlichen Lippen.
»Schätzchen, um dich als Hengst zu bezeichnen, müsste wenigstens eine von uns mit dir im Bett gewesen sein«, entgegnete ich mit einem Zwinkern.
Aubrey war bei seinen Worten feuerrot angelaufen und so langsam hatte ich einen Verdacht, wer sie derart verwirrt hatte.
»War das ein Angebot?«
»Möglicherweise. Das entscheide ich, nachdem ich mit meiner Freundin über dich gesprochen habe, denn ich habe das Gefühl, dass sie mir dazu Erfahrungswerte liefern kann.«
Ihr entsetzter Blick bestärkte mich nur in meinem Verdacht.
»Dann lasse ich die Damen mal wieder allein. Ich hoffe, du lässt mich nicht allzu schlecht aussehen, Liebes«, sagte er noch zu Aubrey, strich ihr zärtlich mit dem Zeigefinger über die Wange und ging dann Richtung Haus davon.
»Ich will Details.«
»Was meinst du?«, wollte sie wissen und tat so, als hätte sie keine Ahnung, worum es ging.
»Fangen wir mit dem Namen von Mr Sexy an.«
»Das war Aidan Graham, und du solltest dich von ihm fernhalten.«
»Das rätst du mir vermutlich nicht, weil du noch auf ihn stehst, oder?«, hakte ich nach.
»Nein, ganz sicher nicht. Ich bin ihm zuvor nur ein einziges Mal begegnet«, sagte sie. »Na ja, zumindest kann ich mich nur an das eine Mal erinnern.«
»Und dann gelingt es ihm so leicht dich aus der Fassung zu bringen?« Das passte so gar nicht zu meiner sonst so toughen Freundin.
»Damals war ich sechzehn und habe mich mit einer Freundin auf eine Verbindungsparty geschmuggelt. Er hat mir an dem Abend ganz schön den Kopf verdreht«, gestand sie.
»Ihr hattet also einen One-Night-Stand.«
»Ja.«
»Dafür hat er offensichtlich ziemlichen Eindruck hinterlassen«, bemerkte ich.
»Du erinnerst dich vermutlich auch noch an dein erstes Mal«, murmelte sie und ließ sich in den Sand sinken, wo sie den Kopf zwischen die Knie steckte.
»Jetzt verstehe ich, warum du so durch den Wind bist. Somit müsstest du mir nur noch erklären, warum ich mich von ihm fernhalten soll«, bat ich sie.
»Reicht es, wenn ich sage, dass er gefährlich ist?«
»Gefährlicher als die übrigen Gäste?«, hakte ich nach, denn mir war nicht entgangen, dass das hier keine gewöhnlichen Geschäftsmänner waren. Spätestens seit ich Nigel Campbell gesehen hatte, einen der Paten von New York.
»Wie kommst du darauf?«, wollte Aubrey verwundert wissen.
»Süße, mein Dad ist einer der skrupellosesten Strafverteidiger von New York. Das Who`s Who der Unterwelt gibt sich bei uns zu Hause die Klinke in die Hand. Wenn hier heute nicht mindestens ein Dutzend Mafiabosse angekommen sind, bin ich ein Einhorn.«
Meine Freundin musterte mich schmunzelnd, ehe sie wieder aufstand und sich nun ihrerseits bei mir unterhakte.
»Ich sehe schon, um dich muss ich mir keine Sorgen machen. Aidan gehört zu den Iren. Sein Dad ist eine große Nummer im Waffenhandel. Angeblich hat er mich jahrelang gestalkt und meine Entführung geplant, weshalb Dad mich gleich nach dem Schulabschluss verheiraten wollte«, erklärte sie.
»Deswegen hast du also damals deinen Tod vorgetäuscht«, sagte ich, denn sie hatte mir die verrückte Geschichte über ihre falsche Identität schon vor einigen Wochen gestanden.
Bis dahin hatte ich, wie alle anderen auch, geglaubt, ihre Eltern seien bei einem Verkehrsunfall vor vier Jahren ums Leben gekommen. Tatsächlich war die echte Aubrey Kennedy an diesem Tag gestorben und jemand hatte meiner Freundin geholfen, ihre Identität anzunehmen. Eine ziemlich verrückte Geschichte, von der sich von Tag zu Tag mehr und mehr Puzzleteile zusammenfügten.
»Richtig. Ich erzähle dir das nur, damit du weißt, worauf du dich bei Aidan einlässt. Ich weiß, dass du es nicht lassen kannst ihn zu provozieren«, bemerkte sie mit einem verschwörerischen Zwinkern.
»Er muss sich ja nicht provozieren lassen«, entgegnete ich ihr, während wir die Terrasse der beeindruckenden Villa betraten.
Ich ließ den Blick schweifen und blieb prompt an dem dunkelhaarigen Adonis mit den sturmgrauen Augen hängen, der mich direkt ansah. Die Art, wie er mich musterte, war derart intensiv, dass ich erschauderte.
»Du hast ganz offensichtlich sein Interesse geweckt«, flüsterte Aubrey mir zu. »Ich hoffe du weißt, worauf du dich da einlässt.«
Das hoffte ich auch.