Leseprobe Caught by the Monster | Eine spicy Dark Mafia Romance

Kapitel 1

Milena

Mein Herz hämmerte so heftig in meiner Brust, dass es mich nicht wundern würde, wenn man es von außen sehen könnte. Nie zuvor war es mir derart schwergefallen, an eine Tür zu klopfen, wie in diesem Moment.

Himmel, reiß dich zusammen, Mädchen! Du kannst das!

Ich hatte es in den letzten Jahren mit vielen wirklich gefährlichen Männern aufgenommen. Darunter nicht nur Vergewaltiger und Mädchenhändler, sondern auch eiskalte Mörder, und immer hatten sie den Kürzeren gezogen. Doch nie zuvor hatte ich es mit einem Mann wie ihm zu tun gehabt und ich war mir nicht sicher, ob ich dem wirklich gewachsen war.

Reece Evans war eine Koryphäe auf dem Gebiet der Psychologie und des Profilings. Mit seinen knapp fünfunddreißig Jahren war er der jüngste Professor an der Columbia-University. Schon im vergangenen Semester war mir nicht entgangen, dass der Mann anders war. Wenn ich mich nicht sehr irrte, war Evans ein Psychopath, wie er im Buche stand.

Diese eisige Leere in seinen stahlgrauen Augen war mir nicht nur einmal aufgefallen, obwohl er wirklich alles tat sie zu verbergen. Hin und wieder war es mir dennoch gelungen, einen Blick hinter die Fassade zu erhaschen.

Die Tatsache, dass seit dem Jahr, in dem er seinen Job an der Uni angetreten hatte, pro Semester mindestens eine Studentin spurlos verschwunden war, stärkte nicht gerade mein Vertrauen in den Mann. Die Studenten tuschelten hinter seinem Rücken. Leider gab es dennoch Dutzende junge Frauen, die den Kerl anhimmelten, wie einen Rockstar.

Eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen, mich von ihm fernzuhalten. Das Risiko, von ihm durchschaut zu werden, war mir in diesem Fall einfach zu groß. Wäre Liam nicht gewesen, ich hätte in diesem Semester nicht mal seinen Profiling-Kurs besucht.

Im Sommer hatte ich einen recht unspektakulären Job in Virginia erledigt. Als ich zurückgekommen war, hatte sich ein alter Freund meines Bruders an mich gewandt. Liam war so alt wie mein Bruder Jonas, also achtundzwanzig und er arbeitete für das New York Police Department. Es war jedoch sein Ziel, zum FBI zu kommen.

Es hatte eine Zeit gegeben, da war ich schrecklich in ihn verknallt gewesen. Manchmal glaube ich, dass ich mich seinetwegen für Kriminalistik und Profiling interessierte. Psychologie hatte ich als Studienfach gewählt, um mich selbst und meine Familie besser zu verstehen.

Bei unserem Treffen hatte Liam mir von seinem Verdacht, meinen Professor betreffend, erzählt. Seine Ex-Verlobte schien eine Affäre mit Evans gehabt zu haben, ehe sie von einem auf den anderen Tag einfach verschwunden war. Das war nun drei Jahre her und Liam hatte von Anfang an den Professor in Verdacht gehabt. Etwas, wovon sein Boss jedoch nichts hören wollte.

Der Fall war nach kurzer Zeit als Cold Case zu den Akten gelegt worden. Selbst nachdem fünf weitere Studentinnen der Columbia-Universität verschwunden waren, war Liam der Einzige, der den Professor verdächtigte.

Da er wusste, dass ich ebenfalls an der Elite-Uni studierte, hatte er mich gefragt, ob ich Interesse an einer Zusammenarbeit hatte. Liam sah in mir den perfekten Lockvogel. Tatsächlich sah ich optisch genau so aus, wie die verschwundenen Studentinnen. Blondes, halblanges, leicht gelocktes Haar und himmelblaue Augen. Dazu der zierliche Körperbau. Ich war nicht ohne Grund meine gesamte Schulzeit über »Püppchen« genannt worden.

Was mich jedoch deutlich von den Opfern unterschied war, dass ich in der Lage war, mich zu verteidigen. Das war auch der einzige Grund, warum ich mich bereiterklärt hatte, ein wenig herumzuschnüffeln.

Tja, und jetzt stand ich hier und brachte es kaum über mich, an diese verfluchte Tür zu klopfen.

Ich zwang mich zur Ruhe, atmete ein letztes Mal tief ein, hielt die Luft an und klopfte. Keine Sekunde später wurde die Tür aufgerissen und ich sah mich einem extrem wütend dreinschauenden Leo Martell gegenüber. Instinktiv wich ich einen Schritt zurück, während er mich sichtlich irritiert musterte.

Ich hatte ja mit vielem gerechnet, aber ganz sicher nicht damit, dem Vollstrecker der Familia höchstpersönlich in die Arme zu laufen. Besonders nicht, da ich wusste, dass der Jüngste der Martell-Brüder bereits vor einigen Jahren mit seiner Frau nach Florida gezogen war und seither hauptsächlich Jobs in den Südstaaten annahm.

Mit einem Lächeln, das seine kalten blauen Augen nicht erreichte, legte er den Kopf schräg und musterte mich so intensiv, dass ich eine Gänsehaut am ganzen Körper bekam.

»Entschuldigung Miss, ich wollte Sie nicht erschrecken.« Das war eine glatte Lüge, die man ihm an der Nasenspitze ansehen konnte.

Der miese Psycho genoss meine Angst in vollen Zügen.

»Keine Sorge, ich werde den kleinen Schreck überleben«, versicherte ich ihm mit einem Zwinkern und zwang mich dabei, seinem Blick standzuhalten.

»Miss Miller, Sie sind ja schon da.« Der Professor war hinter seinem Besucher aufgetaucht und schenkte mir ein recht gezwungen wirkendes Lächeln.

Irritiert runzelte Leo die Stirn und betrachtete mich, sofern möglich, noch intensiver. »Miller? Kann es sein, dass wir uns schon einmal begegnet sind?«

»Wenn ich mich nicht irre, wurden wir uns vor zwei Jahren auf einer der Charity-Veranstaltungen meiner Familie vorgestellt.«

Überraschenderweise wurde sein Blick nun sanfter, was nicht gerade dafür sorgte, dass ich mich entspannte.

»Ich erinnere mich. Du bist Austins kleine Schwester.«

»Milena, richtig. Schön, dich wiederzusehen.«

Jetzt war sein Lächeln echt und zu meiner Überraschung zog der Kerl, der überall dafür bekannt war, dass er es hasste, angefasst zu werden, mich in seine Arme. »Du bist eine echt miese Lügnerin«, raunte er mir zu und verursachte mir damit eine Gänsehaut.

»Leo, es reicht. Miss Miller ist nicht zu deinem Amüsement hier, sondern weil sie sich auf eine Stellenausschreibung beworben hat«, mischte sich glücklicherweise Professor Evans ein.

Der Angesprochene seufzte theatralisch und gab mich frei. »Mein Cousin war schon immer ein elender Spielverderber. Ich an deiner Stelle würde mir gut überlegen, ob ich für den Sklaventreiber arbeiten möchte. Auf das Taschengeld, das er zahlt, dürftest du ja nicht angewiesen sein.«

Ich verzog das Gesicht. »Da ich mich mit Austin zerstritten habe, hat er mir den Geldhahn zugedreht und da ich erst mit fünfundzwanzig auf mein Treuhandvermögen zugreifen kann, kommt mir dieser Job sehr gelegen.«

Ich verfügte zwar bereits seit einigen Jahren über ein kleines Vermögen, das würde ich ihm aber ganz bestimmt nicht auf die Nase binden. Immerhin war ich in dieser Zeit zu seiner Konkurrenz hier an der Ostküste geworden. Es gab nur wenige wirklich gute Problemlöser in unserer Branche. Leo Martell war lange die Nummer eins gewesen. Außer ihm gab es noch den Wolf, dessen wahre Identität ich nicht kannte, der jedoch sowas wie der Schwarze Mann für die bösen Jungs war. Vor ihm hatten sie fast mehr Angst als vor Martell.

Während ich meine Opfer schnell tötete, zelebrierten die anderen ihre Taten. Angeblich ließ Leo diese gern tagelang leiden, sodass der Tod eine echte Erlösung war. Ähnlich gingen auch Carlos Pérez sowie Tyler Reed vor, die beide den Westen der USA bearbeiteten. Juri Komarow war im Gegensatz zu den anderen nicht gebunden. Er agierte weltweit. Genau wie seine Frau Ruby.

Neben diesen Einzelkämpfern gab es noch drei Teams, alle ehemalige Militärs, die solche Aufträge übernahmen.

Einen von ihnen rief man, wenn man jemanden loswerden wollte. Sie alle waren schon seit vielen Jahren aktiv und hatten sich einen Namen gemacht, und sie hatten noch etwas anderes gemeinsam: Sie mochten keine Konkurrenz. Und genau das war ich inzwischen.

Ursprünglich war es gar nicht mein Ziel gewesen, als Auftragskillerin zu arbeiten, aber ich hatte mir einen Namen gemacht, indem ich den übelsten Abschaum von den Straßen des Big Apple geholt hatte. Das war nicht unbemerkt geblieben.

»Was ist passiert?« Mit dieser Frage riss Leo mich aus den Gedanken.

»Ich habe einer Freundin, auf die er ein Auge geworfen hatte, gesteckt, was er so in seiner Freizeit getrieben hat.« Ich zuckte mit den Schultern und konnte mir nur schwer ein Grinsen verkneifen.

Dieses Mal war es Mr Evans, der mich mit zur Seite geneigtem Kopf musterte. »Du scheinst nicht besonders an deinem Leben zu hängen«, bemerkte er. Eine Aussage, die verflucht tief blicken ließ.

»Wie kommen Sie darauf, Professor?«, wollte ich mit meinem unschuldigsten Augenaufschlag wissen.

Das Lächeln, mit dem er mich nun bedachte, ging mir durch und durch. »Wir sollten dieses Gespräch definitiv in meinem Büro fortsetzen.« Sein Tonfall machte klar, dass er keinen Widerstand dulden würde.

Dennoch konnte ich nicht widerstehen herauszufinden, ob ich ihn aus der Fassung bringen konnte.

»Wenn ich mich richtig erinnere, bin ich nicht hier, um mein Privatleben mit Ihnen zu diskutieren, sondern um mich um den Job als studentische Hilfskraft zu bewerben, Professor.« Da mir der Blick, mit dem er mich beim ersten Mal, als ich ihn expliziert so angesprochen hatte, nicht entgangen war, tat ich es erneut.

Er spannte sich an und ich hätte schwören können, ein leises Knurren vernommen zu haben.

»Es ist verdammt ärgerlich, dass ich einen anderen Termin habe«, sagte Leo und ich drehte mich lächelnd zu ihm um. »Glücklicherweise werde ich noch einige Wochen in der Stadt sein. Wir werden uns also definitiv wiedersehen.«

Fuck! Das war ganz sicher nicht mein Ziel gewesen. Er schien den Schreck in meinen Augen erkennen zu können, denn nun breitete sich ein äußerst zufriedenes Lächeln auf seinen Lippen aus.

»Bis bald, Prinzessin.« Mit diesen Worten nickte er mir kurz zu, ehe er mich mit seinem Cousin allein ließ.

Ich hätte eindeutig besser recherchieren müssen. Wäre ich mir dieser Verbindung bewusst gewesen, ich hätte mich niemals in diese Sache hineinziehen lassen.

»Interessant«, bemerkte Evans mit Blick auf mich.

»Was meinen Sie, Professor?« Ich sah ihm direkt in die stahlgrauen Augen, ehe ich lächelnd das Büro betrat.

Wenn man es wusste, konnte man die Verwandtschaft zwischen ihm und den Martells eigentlich nicht übersehen. Diese ungewöhnlich hellen Iriden zu dem fast schwarzen Haar und dem gebräunten Teint, war einzigartig. Es müsste verboten werden, so verflucht sexy zu sein.

Ich hörte, wie die Tür hinter mir ins Schloss fiel. Keine Sekunde später wurde ich gepackt und fand mich im nächsten Moment mit dem Rücken an der Wand und seiner Hand an meiner Kehle wieder. Da hatte ich den Bogen wohl überspannt. Den Job konnte ich vermutlich vergessen.

»Ich schwöre, wenn du nicht aufhörst, mich zu provozieren, werde ich dafür sorgen, dass du mindestens eine Woche nicht sitzen kannst.« Sein Gesicht war direkt vor meinem und die pure Dominanz, die er ausstrahlte, ließ mich erstarren.

Das war keine leere Drohung. Ich zweifelte nicht eine Sekunde daran, dass er sie wahrmachen würde. Dennoch konnte ich nicht aus meiner Haut. Egal, ob der Mann gefährlich war oder nicht, ich würde mich ihm ganz sicher nicht so einfach unterwerfen.

»Seien Sie mir nicht böse, Sir, aber Sie sind doch mein Professor. Es zeugt in meinen Augen von Respekt, dass ich Sie so anspreche. Wenn Ihnen das unangenehm ist, kann ich es aber natürlich lassen.« Meine Stimme war vollkommen ruhig und ich hielt problemlos seinem Blick stand.

Ein Schmunzeln offenbarte ein Grübchen an seiner Wange und er schüttelte leicht den Kopf, ehe er mich losließ und einen Schritt zurücktrat.

»Das meinte ich mit interessant. Mein werter Cousin muss nur ein gewisses Interesse an dir bekunden, um echte Angst in diese schönen Augen zu zaubern, während ich dich körperlich bedrohen kann und dich damit kein bisschen aus der Fassung bringe. Das ist wirklich faszinierend.«

»Das könnte daran liegen, dass Sie Professor an einer verdammten Elite-Universität sind und einen Ruf zu verlieren haben. Ich glaube nicht, dass Sie es wagen würden, mir auch nur ein Haar zu krümmen.« Das war glatt gelogen, aber er hatte recht, nach dem Zusammenstoß mit Leo Martell konnte mich so schnell nichts mehr aus der Fassung bringen.

»Glaubst du das, ja?«

Es irritierte mich ein wenig, dass er mich einfach so duzte. Das machte mich tatsächlich nervöser als die offene Drohung zuvor. Ich beobachtete, wie er zu dem großen, altmodischen Eichenschreibtisch hinüberging und dahinter Platz nahm.

»Ihr Cousin ist bekanntermaßen ein sadistischer Psychopath. Sowohl mein Vater als auch mein ältester Bruder haben mich ausdrücklich vor ihm gewarnt. Sie hingegen sind ein herausragender Profiler, der regelmäßig mit dem FBI zusammenarbeitet. Auch wenn Sie durchaus furchteinflößend sein können, würde ich Sie niemals mit Leo Martell auf eine Stufe stellen.« Während ich das sagte, folgte ich ihm und nahm auf einem der beiden Stühle vor seinem Schreibtisch Platz.

»Ich muss gestehen, es ist wirklich erfrischend, einer Studentin gegenüberzusitzen, die in derselben Welt aufgewachsen ist wie ich. Das würde die Zusammenarbeit deutlich erleichtern.«

Nun war ich die, die ihn zu durchleuchten versuchte. »Heißt das, ich könnte bei meiner Arbeit auf Dinge stoßen, von denen ich lieber nichts wissen möchte?«

So leicht konnte es eigentlich nicht sein, ihn mit den verschwundenen Studentinnen in Verbindung zu bringen.

Evans hob lächelnd die Hände. »Keine Sorge, Prinzessin, die sadistischen Psychospielchen überlasse ich meinem Cousin. Das ist nicht mein Stil.«

»Sie sind also nicht der Typ, der Frauen in einen feuchten, dunklen Keller sperrt und sie langsam zu Tode foltert?«

Sein herzliches Lachen überraschte mich. »Nein, ich teile mir da eher die Vorlieben mit deinem großen Bruder.« Er zwinkerte mir zu und ich erschauderte.

»Ich bin mir nicht sicher, ob das besser ist«, murmelte ich.

Sollte er wirklich hinter dem Verschwinden der Studentinnen stecken, würde das zumindest bedeuten, dass diese möglicherweise noch am Leben waren. Mein Bruder hatte Frauen entführt, zu Sexsklavinnen ausgebildet und sehr gewinnbringend verkauft. Er hatte nie eine von ihnen getötet.

Als ich das damals herausgefunden hatte, war ich ernsthaft versucht gewesen, ihm die Cops ins Haus zu schicken. Wenn es um die Ausbeutung und Versklavung von Menschen ging, hörte der Spaß eindeutig auf. Austin hatte es einzig und allein unserer Schwester Silvia zu verdanken, dass ich ihn dafür nicht zur Rechenschaft gezogen hatte.

Ihr war es nämlich gelungen, ihn davon zu überzeugen, diesen Geschäftszweig fallenzulassen. Inzwischen war er in einer glücklichen Beziehung und interessierte sich nicht mehr für andere Frauen.

Ich hatte jedoch genug mitbekommen, um zu wissen, dass dadurch eine Lücke entstanden war. Nur weil mein Bruder diesen Job nicht mehr ausübte, bedeutete das leider nicht, dass es auch kein anderer tat. Die Nachfrage war hoch. Es gab einfach viel zu viele echt kranke Menschen da draußen.

Bei seiner Familiengeschichte würde es mich nicht wundern, wenn der Professor das entstandene Vakuum füllen würde.

»Was geht nur in diesem hübschen Köpfchen vor sich?« Evans hatte sich in seinem Schreibtischstuhl zurückgelehnt, seine Fingerspitzen berührten sich und er musterte mich erneut viel zu intensiv.

»Sagen Sie es mir, Professor. Sie sind doch der Experte, wenn es darum geht, in Menschen zu lesen.«

Mit einem tiefen Knurren ließ er seine Hände auf die Tischplatte hinabsausen und stand gleichzeitig auf.

»Ich habe dich gewarnt, Fräulein.« Sein Blick trieb mich auf die Beine und ich wich umgehend vor ihm zurück. »Komm hierher!«

Sein strenger Tonfall ging mir durch und durch.

»Auf gar keinen Fall. Ich werde jetzt gehen. Das mit dem Job war keine gute Idee.« Ohne ihm auch nur die Chance zu geben, etwas zu erwidern, schnappte ich mir meine Tasche und verließ fluchtartig das Büro.

Es war mir völlig egal, was Liam von mir hielt, aber ich würde mich um nichts auf der Welt mit den Martells anlegen und das sollte er auch nicht.

Kapitel 2

Jaxon

Es war Milena zwar gelungen, mir in den vergangenen Monaten aus dem Weg zu gehen, aber nur, weil ich Wichtigeres zu tun gehabt hatte, als die Schwester meines Kumpels für ihr unfamiliäres Verhalten zu bestrafen. Es hatte eine Weile gedauert, aber nun waren alle geschäftlichen Belange, wegen denen ich in der Stadt war, in richtige Bahnen gelenkt und ich konnte mich in den kommenden Wochen ganz auf Milena konzentrieren.

Leider machte sie es mir nicht gerade leicht. Im vergangenen Jahr hatte sie zu Hause gewohnt und war mit dem Auto zur Universität gefahren. Zum Start des neuen Semesters war sie jedoch zu einer Freundin in ein Apartment ganz in der Nähe vom Campus gezogen. Da es sich bei ihrer Mitbewohnerin um Xenia Parker, die Tochter von einem der einflussreichsten Männer der Ostküste handelte, waren die Sicherheitsvorkehrungen in dem ganzen verdammten Gebäudekomplex selbst für mich beinahe unüberwindbar.

Der Pförtner ließ niemanden rein, der nicht entweder dort wohnte oder explizit von einem der Bewohner angemeldet worden war. Und selbst dann musste man einen Ausweis vorlegen. Es war gelinde gesagt zum Kotzen.

Daher war mir leider nichts anderes übriggeblieben, als mich ebenfalls dort einzuquartieren. Schon seit Jahren spielte ich mit dem Gedanken, mir eine Wohnung in New York zu kaufen. Jetzt, da Elijah und ich unsere Geschäfte auf die Nordostküste ausgedehnt hatten, war das die perfekte Gelegenheit dafür. Ich würde zukünftig sehr viel Zeit hier verbringen und ich hatte nicht vor, dauerhaft in Hotels zu wohnen.

Ich hatte extra ein Team mit der Einrichtung des Apartments, das sich im Übrigen direkt gegenüber dem der beiden Frauen befand, beauftragt. So musste ich mich nicht darum kümmern.

Gestern hatten wir die Übergabe gemacht und ich war ehrlich begeistert, was die Inneneinrichter herausgeholt hatten. Die Wohnung war perfekt für mich und ich war sehr froh, mich dafür entschieden zu haben.

Im Aufzug nach oben traf ich prompt auf Milenas Mitbewohnerin. Ich hatte mich zwar über die junge Frau informiert und auch diverse Bilder auf Social Media sowie in der Presse gefunden, sie im echten Leben zu treffen, war dann aber etwas völlig anderes.

Xenia Parker war eine Schönheit. Sie wäre die Idealbesetzung für Schneewittchen, mit dem langen schwarzen Haar, den leuchtend grünen Augen und der Haut, die an eine Porzellanpuppe erinnerte. Während mein Blick an ihren vollen, sinnlich geschwungenen Lippen hängenblieb, wanderte der ihre an meinem Körper hoch und runter. Das Lächeln, das sie mir schenkte, brachte etwas in mir zum Flattern und mit einem Mal waren alle Pläne, die ich für Milena gehabt hatte, unwichtig. Ich wollte diese Frau und ich würde sie bekommen.

Der Fahrstuhl hielt in der einundzwanzigsten Etage und ich folgte Xenia auf den Flur.

Ich konnte sehen, wie sie kurz stutzte und mir tatsächlich einen misstrauischen Blick zuwarf. Erst als ich zur Tür auf der linken Seite hinüberging und meinen Daumen auf das dafür vorgesehene Feld legte, setzte sie sich ebenfalls in Bewegung.

»Sie sind also der neue Nachbar.« Ihre Stimme war unheimlich warm und samtig. Sie erinnerte mich an flüssige Schokolade.

»Jaxon Sanders«, stellte ich mich vor und hielt ihr die Hand zur Begrüßung hin, die sie mit vor der Brust verschränkten Armen ignorierte.

»Ich weiß, wer Sie sind, Mr Sanders. Meinem Dad gehört der Gebäudekomplex und er hat mir bereits alles über Sie erzählt. Milena war übrigens nicht besonders angetan davon, dass Sie sie stalken.«

Fuck! So hatte ich mir das nicht vorgestellt.

»Ich bin vieles, meine Liebe, aber ganz sicher kein Stalker.«

Xenia verzog das Gesicht und schnaubte. »Oh bitte. Geben Sie wenigstens zu, dass Sie nur hier sind, weil Milenas Bruder Sie auf seine Schwester angesetzt hat.«

Es machte keinen Sinn, die junge Frau anzulügen. Ihre Freundin hatte sie ganz offensichtlich eingeweiht. Blieb die Frage, wie viel sie tatsächlich wusste.

»Was hältst du davon, auf einen Kaffee mit zu mir zu kommen und ich erkläre dir, weshalb ich wirklich hier bin.« Es war ein Versuch, denn ich hatte nicht vor, so ernste Themen mit ihr auf dem Flur zu besprechen.

Eigentlich war ich mir sicher gewesen, sofort eine Abfuhr zu kassieren, doch die hübsche Xenia zögerte. Gerade als sie zum Sprechen ansetzte, erklang ein leises Pling und die Fahrstuhltüren öffneten sich erneut.

Milena blieb wie vom Donner gerührt stehen und sah zwischen ihrer Mitbewohnerin und mir hin und her. Sie schien einen Moment zu brauchen, um die Szenerie ganz zu erfassen. Schließlich seufzte sie und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Jaxon, ernsthaft? Hast du wirklich nichts Besseres zu tun, als mir nachzustellen? Austin hat mich nun wahrlich genug bestraft, falls dir das entgangen sein sollte.«

Das war es natürlich nicht. Mein Freund hatte mich bereits darüber in Kenntnis gesetzt, dass er seiner kleinen Schwester den Geldhahn zugedreht hatte. Sie hatten vor knapp einem Monat einen wirklich schlimmen Streit gehabt, den nicht einmal Cassandra, die Austins Verlobte und Milenas Freundin war, hatte schlichten können.

Daraufhin war Milena in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ausgezogen. Was nicht gerade dazu geführt hatte, dass sich Austin beruhigte.

»Dein Bruder sorgt sich um dich.« Eigentlich war er stinksauer und würde sie am liebsten in eine der Zellen in seinem Keller sperren, aber das würde ich ihr sicher nicht auf die Nase binden.

Bevor ich ihrer bezaubernden Mitbewohnerin begegnet war, hatte ich es noch in Erwägung gezogen, Milena Manieren beizubringen. Die Anziehung, die Xenia auf mich hatte, brachte meinen Plan jedoch schwer ins Wanken. Mir war klar, dass Austin sich besser fühlen würde, wenn ich mich seiner Schwester annehmen würde, aber ich fürchtete, dass wir dafür jemand anderen finden mussten.

Ja, Milena war heiß und ich würde sie sicher nicht von der Bettkante stoßen. Dennoch sah ich in ihr mehr eine kleine Schwester als eine Geliebte. Das war mir schon im Sommer aufgefallen und vermutlich der Grund, warum ich mich so lange zurückgehalten hatte.

»Mein Bruder darf gerne zur Hölle fahren«, stellte sie trotzig klar. »Und solltest du mich nicht in Ruhe lassen, werde ich dir die Cops auf den Hals hetzen. Haben wir uns verstanden?«

»Glasklar.«

»Gut, dann kannst du ja wieder nach Orlando verschwinden.«

»Das kann ich leider nicht. Da ich die vergangenen Monate damit verbracht habe, hier ein neues Netzwerk aufzubauen, kann ich jetzt nicht einfach wieder gehen. Das ist auch der Grund, aus dem ich mir diese Wohnung gekauft habe.«

»Oh«, machte sie und man sah ihr die Überraschung deutlich an.

»Kleines, ich habe dich sehr gern, aber du glaubst nicht wirklich, dass ich fast zwei Millionen in die Hand genommen habe, um dich im Auge zu behalten, oder?«

Ihre Wangen färbten sich feuerrot und sie schluckte schwer, ehe sie den Kopf schüttelte. »Offensichtlich habe ich gar nicht gedacht. Entschuldige, dass ich dich so angefahren habe. Heute ist einfach nicht mein Tag.«

So kannte ich sie gar nicht. Milena war sonst so tough. Sie nun derart verlegen und irgendwie neben der Spur zu erleben, war ungewöhnlich und beunruhigte mich.

»Neuer Versuch: Kommst du auf einen Kaffee mit zu mir? Ich habe das Gefühl, du kannst jemanden zum Reden brauchen.«

»Wenn sie über etwas sprechen möchte, dann hat sie mich. Du glaubst hoffentlich nicht, dass ich dir den Unsinn abkaufe, den du da eben von dir gegeben hast. Milena wird nirgendwo mit dir hingehen«, mischte sich prompt ihre Freundin ein und funkelte mich aus diesen faszinierenden giftgrünen Augen wütend an.

»Wie bereits erwähnt bist du herzlich eingeladen, uns Gesellschaft zu leisten.« Ich schenkte ihr ein betörendes Lächeln, das noch nie seine Wirkung verfehlt hatte.

»Sorry, Sunnyboy, aber ich werde nicht einen Fuß in deine Wohnung setzen.«

Ihre Worte irritierten mich. »Was stimmt mit meinem Apartment nicht?«, wollte ich daher wissen und öffnete die Tür, um den Blick in den Eingangsbereich freizugeben.

»Xenia hat sich mit einer der Inneneinrichterinnen unterhalten und dabei mehr über dich erfahren, als ihr lieb war«, bemerkte Milena mit einem frechen Grinsen und kassierte dafür prompt einen bösen Blick von ihrer Freundin.

Jetzt verstand ich, was hier los war. Neben den üblichen Wohnräumen, einem Schlafzimmer sowie einem Büro hatte ich mir auch einen extra schallisolierten Darkroom einrichten lassen, mit allem, was das Dom-Herz begehrte.

»Darling, sag bloß, du hast Angst, ich könnte euch zwei Hübschen was in den Kaffee mischen, um euch dann ans Andreaskreuz zu ketten?«, wollte ich von Xenia wissen, die umgehend meinem Blick auswich.

Anstatt zu antworten, ging sie zu ihrer Eingangstür hinüber und öffnete diese.

»Kommt ihr?«, fragte sie schließlich im Hineingehen und ich überlegte ernsthaft, mir die junge Frau zu packen, über die Schulter zu werfen und ihr zu zeigen, dass ich kein besonderes Zimmer brauchte, um meinen Willen zu bekommen.

Milena musterte mich ernst. »Um mich muss ich mir dann wohl keine Sorgen mehr machen.«

»Hey, ich bin ein netter Kerl. Es gibt überhaupt keinen Grund zur Sorge.« Ich strich ihr zärtlich eine der blonden Strähnen hinters Ohr.

»Oh bitte.« Milena seufzte und rollte mit den Augen. »Das glaubst du doch wohl selbst nicht. Als wir uns das letzte Mal gesehen haben, hast du dich aufgespielt, wie mein Dad. Ich weiß, dass Austin dich auf mich angesetzt hat, um mir eine Lektion zu erteilen.«

Es gab nur eine Person, die sie vor mir gewarnt haben konnte. »Lass mich raten: Cassy konnte ihre Klappe nicht halten?«

»Sie ist meine Freundin. Das bedeutet nicht nur mir etwas, sondern glücklicherweise auch ihr. Es gibt nicht viele Menschen, denen ich vertraue.«

Da war eindeutig Resignation in ihren Augen zu erkennen. Am liebsten hätte ich sie in die Arme genommen, um sie zu trösten. Leider kannte ich sie gut genug, um zu wissen, dass sie das niemals zulassen würde.