Kapitel 1 – Dante
Selten war Dante so guter Laune wie heute. Er summte sogar eine Melodie, als er den Schlüssel ins Schloss steckte und umdrehte.
Seine Wohnung empfing ihn so groß und edel wie immer, aber der verdiente Wohlstand war nicht der Grund für seine heutige Hochstimmung. Vielmehr die Trophäe, die ihn im Inneren erwartete.
»Verfickte Scheiße!«
Ah. Er war wach.
Dante schloss die Wohnungstür leise hinter sich. In aller Ruhe zog er die teuren Lederschuhe aus. Dann stellte er die Aktentasche ab und strich sich sein Jackett glatt.
Das hier war auch für ihn das erstes Mal. Sonst tendierte er nicht zu so impulsiven Handlungen. Noch weniger zu illegalen Aktivitäten. Umso wichtiger war es, jetzt mit Bedacht vorzugehen. Sein Schatz war nicht nur teuer gewesen, er war zudem gefährlich. Hochgefährlich. Ein Killer.
Etwas in Dantes Unterleib kribbelte bei dem Gedanken. Er biss sich auf die Unterlippe, atmete tief durch und lauschte den lauter werdenden Flüchen und dem Gerumpel. Offensichtlich versuchte sein Fang, sich zu befreien.
Entschlossen, ihn nicht länger im Unklaren zu lassen, trat Dante durch den Flur, das Wohnzimmer und dann in sein großzügig geschnittenes Schlafzimmer ein. Durch die verglaste Wand zu seiner Linken schien späte Abendsonne hinein und tauchte das große Bett ebenso wie den Mann darauf in rotgoldenes Licht. Es stand ihm ausgezeichnet.
»Guten Abend«, grüßte Dante. Jahrelanges Training hielten seine Stimme kühl und seine Miene unbeeindruckt.
Sein Gast erstarrte – und sah ihn dann mit großen Augen an, ehe sie sich zu Schlitzen verengten. »Du.« Ein Wort, kaum mehr als ein Zischen.
»Hmm.« Schmunzelnd trat Dante näher. »Wir wurden uns noch nicht vorgestellt, meine ich.«
»Tss. Ich weiß, wer du bist.«
Der Mann, der der Länge nach ausgestreckt auf seinem Bett lag, Hand- und Fußgelenke an die Bettpfosten gebunden, durchbohrte ihn mit einem so mörderischen Blick, dass ihn ein aufgeregter Schauer durchfuhr. Die kurze Zeit in der Zelle hatte ihm nichts von seiner Attraktivität geraubt. Wenn überhaupt, wirkten seine schönen, dunklen Augen noch wilder. Seine Nasenflügel bebten, als wollte er eine Fährte aufnehmen. Die dichten Augenbrauen hatten sich zusammengezogen.
Dantes Blick glitt von der großen, geraden Nase über die vollen Lippen. Er sehnte sich danach, hineinzubeißen.
Alles zu seiner Zeit. Er würde bekommen, was er sich wünschte, sobald sein Besuch ihn anhörte – und sich für Vernunft entschied.
Trotzdem ließ sich Dante es nicht nehmen, auch noch den Rest des heißen Körpers zu betrachten, der ihm ausgeliefert war. Die großen Brustmuskeln, deren Ansatz er unter dem halb offenen, schwarzen Hemd sehen konnte. Die schlanke Taille und die langen Beine, gekleidet in eine dunkle Anzughose. Dieser Mann schien nur aus Muskeln und Wut zu bestehen. Dante konnte es kaum erwarten, ihn zu zähmen – oder wenigstens müde zu reiten.
»Nun?«, hakte er nach, weil sein Gast während seiner gründlichen Observation verbissen geschwiegen hatte. Er blieb neben dem Bett stehen und strich mit einer Zeigefingerspitze über den flachen Bauch des Mannes. »Ich höre.«
»Dante White.« Sein Fang spie den Namen regelrecht hasserfüllt aus. »Der verfickte Anwalt, der halb New York auf dem Gewissen hat.«
Mit einem leisen Lachen fuhr sich Dante übers rote Haar. Vorsichtig, um die kunstvolle Tolle nicht zu zerstören, die das i-Tüpfelchen seiner Eitelkeit war. »Auf dem Gewissen«, wiederholte er. Die Worte provozierten ihn.
Weil er der Versuchung nicht länger widerstehen konnte, kam Dante aufs Bett, schwang ein Bein über die Mitte des Mannes und ließ sich auf ihm nieder.
Augenblicklich fing dieser an, sich zu winden. »Runter von mir!«, fuhr er ihn an und eine Eiseskälte erschien in seinen Augen, die zum Fürchten war. »Ich wusste, dass du ein Biest bist, aber dass du so weit gehst? Wie viele von uns hast du schon auf diese Weise verschwinden lassen? Wie viele hat die Polizei dir in deine Wohnung geliefert, damit du sie selbst zum Schweigen bringen kannst?«
Dantes Lippen kräuselten sich. Ja, er war Anwalt. Der beste der Stadt, wie er gern glauben wollte. So gut war er nur geworden, weil er früh gelernt hatte, zuzuhören – und zwischen den Zeilen zu lesen.
Die Drohung ließ ihn kalt. Stattdessen legte er fast sanft die Hand an die Kehle des Mannes, der augenblicklich in seinem Gekeife innehielt und sichtlich die Zähne zusammenpresste. Seine Kiefermuskeln zuckten. Das war heiß.
»Tja, wie viele?«, fragte Dante und lachte leise. »Was schätzt du? Mehr oder weniger als dein Clan und du auf dem Gewissen haben, Todesengel Forte? Oder sollte ich sagen Angelo?«
Angelos Kiefermuskeln zuckten heftiger. »Gib mir eine Gelegenheit«, hauchte er. »Nur eine einzige und ich reiße dir alle Gliedmaßen einzeln aus.«
Das Spiel mit dem Feuer war brandgefährlich. Es weckte Dantes Lebensgeister.
»Bezaubernd.« Schmunzelnd ließ er von der Kehle des Mannes ab und strich mit dem Daumen über die scharfe Kieferkante. »Also, Angelo …«
Er war dreist, das wusste er. Der Todesengel führte den größten Mafiaclan New Yorks. Er war ein Don. Das war er nicht durch Glück geworden, sondern durch seine Skrupellosigkeit. Ihn zu reizen, war sehr dumm – wenn man es nicht durchdacht hatte.
Doch Dante hatte einen Plan. Einen, der sich mit jedem Winden des attraktiven Körpers unter sich erhärtete. Von diesem Moment hatte er schon einige Zeit geträumt.
»Ich werde dich losbinden«, versprach er, und als Angelo versuchte, seine Überraschung zu verbergen, lächelte er stärker. »Nachdem ich dir mein Angebot unterbreitet habe.«
Sein Gast schnaubte. »Ich lehne ab.«
Gespielt verwundert hob Dante die Augenbrauen. »Wie hast du es bis zum Don gebracht? Durch Zuhören wohl nicht.«
»Wie hast du es bis zum Anwalt gebracht?«, konterte Angelo giftig. »Indem du deine Feinde ans Bett gefesselt hast?«
Der Kerl war schlagfertig. Die Cleverness und schnelle Auffassungsgabe hatten Dante von Anfang an gefallen. Er machte nicht den Fehler, Angelo zu unterschätzen. Und er würde sich nicht zu früh in die Karten schauen lassen. Das hier musste geplant ablaufen.
»Du bist hier …«, begann er geduldig und nahm zufrieden wahr, wie Angelos Brustmuskel unter seiner Fingerspitze zuckte, »… weil ich deinen Wärtern eine stattliche Summe gezahlt habe, um dich freizukaufen.«
Wieder schnaubte Angelo. »Verarsch mich nicht.«
»Vielleicht nicht gänzlich frei«, lenkte Dante ein. »In meiner Obhut bis zum nächsten Gerichtstermin.«
Die dichten Augenbrauen des Mannes sanken so tief hinab, dass seine braunen Augen kaum noch zu sehen waren. Ein Jammer.
»Es gibt keinen neuen Termin.«
»Bisher nicht.«
Jetzt, da Angelo zuhörte, erlaubte sich Dante, ihn weiter zu erkunden. Er legte die Hand auf die Brust des Mannes. Diese Muskeln ließen ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen. Ein erregendes Kribbeln rauschte durch seine Adern. Auf dem gefährlichen Mafiaboss zu sitzen und jede seiner Bewegungen genau zu spüren, erregte Dante.
»Lass mich raten.« Angelo hob eine Augenbraue. Sein Mienenspiel war faszinierend. »Du willst mich ficken. Dafür versprichst du mir, einen zweiten Gerichtstermin zu beantragen. Nur ist uns beiden klar, dass das ein Bluff ist. Ich musste die Schlagzeilen nicht lesen, um zu wissen, was für eine große Sache es für euch ist, mich drangekriegt zu haben.« Er zog die Lefzen hoch und zeigte Dante in einer Drohgebärde die Zähne. »Ich bin das Größte, was euch bisher untergekommen ist. Auch ohne dass du dich an mir aufgeilst wie ein rolliges Flittchen auf Stoffentzug.«
Ein rolliges Flittchen hatte noch nie jemand Dante genannt. Jeden anderen hätte er mit kalten Argumenten in Grund und Boden argumentiert. Aber Angelo traf den Nagel auf den Kopf – und er hatte keine Lust, um den heißen Brei herumzureden.
»Fast.« Sein neues Schmunzeln geriet schmallippig. »Der Gerichtstermin wird stattfinden. Es ist bereits alles beantragt. Und ich versichere dir …« Verschlagen lächelnd neigte er den Kopf. »Mit mir an deiner Seite wird dir das Urteil vom letzten Mal erspart bleiben. Keine Todesstrafe. Du wirst mit einer Geldstrafe davonkommen, wenn wir es richtig spielen.«
Eben noch war Angelo so selbstgefällig gewesen. Jetzt hatten ihm die Worte abermals den Wind aus den Segeln genommen. Er starrte Dante an.
Dann lachte er – tief, freudlos und hämisch. »Wenn du das glaubst, stehst du weiter hinter deinem Ruf zurück, als ich erwartet hatte, White.«
Dante ließ ihm den Moment.
Erst als das Objekt seiner Begierde mit dem Lachen fertig war, sortierte er seine nächsten Worte. Bedächtig sagte er: »Niemand hat gesagt, dass es leicht wird. Doch wenn es jemandem gelingt, dann mir.«
»Ganz schön selbstverliebt.« Angelo schnalzte mit der Zunge. Er spannte die Muskeln an, als wollte er seine Fesseln testen. Die dicken Seile hielten der Prüfung bestens stand. Eins von Dantes vielen verborgenen Talenten.
Als der Körper unter ihm abermals zuckte, als wollte er ihn abwerfen, fuhr Dante fort: »Dein letzter Anwalt war ein Stümper. Sein Team und er haben Fehler gemacht, die mir nicht unterlaufen werden.«
»Und das weißt du woher?«
Dantes Lippen kräuselten sich. »Ich habe zugesehen.« Sehr genau hatte er den Fall beobachtet – und schnell auch Angelo, der in der Realität so viel attraktiver ausgesehen hatte als in den Zeitungsberichten. Der sein Interesse geweckt hatte.
»Hast du das?« Die Frage war ein skeptisches Knurren.
Dante entschied, sie nicht zu beantworten. Er konzentrierte sich aufs Wesentliche. »Wir werden nur die sinnvollen Zeugen in den Zeugenstand rufen, werden vermeiden, was wir umgehen können, und alles andere erhobenen Hauptes durchstehen. Darüber hinaus …« Er schenkte Angelo sein strahlendstes Lächeln und fuhr sich abermals übers Haar. »… weiß ich, wie man die Geschworenen von seiner Sache überzeugt.«
Angelo schwieg einen Moment. Er sah ihn so durchdringend an, als wollte er ihn aufspießen und sezieren. Unerschrocken hielt Dante den Blick – so lange, bis der Mafioso schließlich sagte: »Du bist teuer.«
»Qualität hat ihren Preis.«
Wieder hob Angelo die Augenbraue. Und abermals wollte Dante ins Schmachten verfallen, weil der Mafiaboss so attraktiv aussah, wenn seine Braue diesen hohen Bogen formte.
Dann schien der große, böse Don einen Entschluss zu fassen. Er nickte. »Na schön. Mach mich los.«
»Wieso sollte ich?«
»Ich stimme zu, oder? Wir ficken, ich verschwinde und zum Gerichtstermin vertrittst du mich.«
Verdutzt sah Dante ihn an.
Dann musste er lachen, als ihm klar wurde, dass sich Angelo das Ganze sehr leicht vorstellte. »Zauberhaft«, säuselte er und erlaubte sich, die Finger, die eben noch züchtig auf dem Hemd gelegen hatten, unter den Stoff zu schieben. Als er zugriff, zuckte Angelos Brustmuskel in seiner Hand. Zum Anbeißen. »Aber ich kann dich nicht einfach gehen lassen, Don Forte.«
Angelos Kiefer mahlte. »Und wieso nicht?«
»Du bist offiziell im Gefängnis«, erinnerte Dante ihn. »Es ist meiner reinen Großzügigkeit zu verdanken, dass du die Nächte nicht in einer engen, kalten Zelle in Untersuchungshaft fristen musst, während du auf deinen nächsten Termin wartest.«
»Du meinst, deinem Schwanz.«
Dante überging das. Salbungsvoll fuhr er fort: »Selbst ich kann niemanden mit einem solchen Vorstrafenregister vollkommen freikaufen.« Er schürzte die Lippen und schüttelte den Kopf. »Du kannst nicht verschwinden. Ich habe eine Vereinbarung mit den netten Herren von der Polizei. Jeden Abend ein Bericht an sie, dass du noch hier bist, sonst suchen sie dich und ich wandere gleich mit hinter Gittern.«
Angelo zuckte mit den Achseln, so gut er es in seiner festgebundenen Position konnte. »Lüg sie an.«
Damit entlockte er ein weiteres sanftes Lachen. »Nein. Ich lüge nicht, um einen Kriminellen zu schützen, der eigentlich dem Tod geweiht ist. Immerhin stehe ich auf der guten Seite des Gesetzes.«
»Schöner Gerechtigkeitssinn«, spottete Angelo. »Ist nur wenig wert, wenn dir dein Druck ständig dazwischenfunkt, oder?« Er schien wieder zorniger zu werden.
»Ausnahmen bestätigen die Regel. In jedem Fall …« Dante ließ die Hand tiefer wandern und strich über das definierte Sixpack des Mafiosos. Die Muskeln zitterten unter seiner Berührung. Fuck. Er mahnte sich, sich zu konzentrieren. »In jedem Fall wirst du, statt in der Zelle, deine Zeit in dieser Wohnung verbringen, bis der Termin stattfindet.«
»Tss. Schön«, blaffte Angelo.
»Und du wirst mir in dieser Zeit vollkommen hörig sein.«
»AM ARSCH!«
Kapitel 2 – Angelo
Angelo hatte gewusst, dass er verkackt hatte, als der Richter den Urteilsspruch verkündet und man ihn abgeführt hatte. Schuldig gesprochen, nachdem er so dämlich gewesen war, sich schnappen zu lassen. Weil er zu nachlässig gewesen war.
Kaum dreißig und schon zum Tode verurteilt. Was für ein trauriges Ende seiner so vielversprechenden Karriere. Er war der jüngste Don, den der Forte-Clan je gehabt hatte. Den Posten hatte er sich hart erkämpft durch Gerissenheit, Skrupellosigkeit und ein gewisses Maß Gewaltbereitschaft. Ja, er hatte gemordet. Nicht zu knapp, aber nie sinnlos. Oft waren es Mitglieder feindlicher Clans gewesen oder Leute, an denen er ein Exempel statuiert hatte.
Ansonsten war Angelo clean. Keine Drogen, kein Alkohol. Hin und wieder Zigaretten. Seine wahre Droge waren Tattoos. Wenn er einen Rausch wollte, ließ er sich ein neues stechen. Totenköpfe, Tribals und verschlungene Buchstaben zierten seine rechte Seite von der Schulter bis zum Fuß. Auf dem Rücken trug er einen Flügel in Schwarz.
Sein Vorname war ihm immer zuwider gewesen. Zu rein, zu sauber, zu unschuldig. Schon früh hatte er gelernt, dass er Respekt einfordern musste – mit so einem Namen erst recht. Den hatte er gehabt – bis zu dem Tag, an dem der Deal geplatzt war, weil die Polizei unerwartet aufgekreuzt war und sie alle festgesetzt hatte. Scheiß Bullen. Er hatte sie so gut geschmiert, aber sie waren gierig geworden. Verfickte Verräter.
Während er in seiner Zelle gesessen und seinem nahenden Ende entgegengesehen hatte, hatte er sich vorgenommen, jeden zu bestrafen, der ihn hintergangen hatte. Jeden einzelnen verdammten Cop, der ihm in den Rücken gefallen war. Man verriet den Todesengel nicht.
Er hatte sich ausgemalt, wie er ihre Knochen brechen und ihnen das Fleisch in Streifen abschälen würde, als seine nächste Ration gekommen war. Man hatte ihn nicht zusammen mit den anderen gehalten. Er war zu gefährlich und die Bullen hatten befürchtet, dass er sie zu einer Rebellion anstacheln würde. Das war nicht schwer zu erraten gewesen.
Im Kopf darüber spottend, dass sie ihn fürchteten, hatte er hungrig seine Suppe ausgelöffelt – und viel zu spät bemerkt, dass sie mit irgendetwas versetzt gewesen war.
Jetzt lag er im weichen Bett dieses reichen, arroganten Schnösels, der das Glück gehabt hatte, in eine wohlhabendere Gesellschaftsschicht hineingeboren zu werden, und versuchte zu begreifen, was dieser ihm gerade verklickern wollte. Das war doch Wahnsinn!
»Ich soll dein verfickter Sklave sein?«, knurrte Angelo und die Vorstellung, White den Hals umzudrehen, wurde mit jeder Sekunde verführerischer. Er sah zu dem blasiert lächelnden Mistkerl auf, dessen Arsch sicher schon von vielen gepudert worden war.
»Hmm.« Mit einem zustimmenden Summen ließ White die Hände wandern. Seit er auf ihm saß, befummelte er ihn. Seine Berührungen lösten ein unangenehmes Kribbeln aus, das Angelos Wunsch nach Abstand verstärkte.
»Vergiss es.« Zornig sah Angelo zu ihm auf. Er hatte sich bisher nie so weit erniedrigt und wenn es ihn den Kopf kosten würde, er würde es auch jetzt nicht tun.
»Wie du schon sagtest.« Der Anwalt schien von seiner Reaktion gänzlich unbeeindruckt. Seine Aufmerksamkeit lag auf Angelos Körper. »Ich bin nicht billig. Zu teuer für ein einziges Mal. Aber ein paar Mal werden ausreichen.« Er hob den Blick und seine kühlen, blauen Augen sahen Angelo direkt an. »Dann sind wir quitt. Sieh es als einen Handel an. Wir zahlen beide in Naturalien, nur sind meine eher geistiger Natur und deine, nun …« Sein Lächeln wurde anzüglich.
Angelo hatte große Lust, ihm die Pest an den Hals zu wünschen.
Der Mann war nicht hässlich, im Gegenteil. Großgewachsen, wenngleich ein wenig kleiner als er. Dafür sehr schlank. Etwa in seinem Alter, wenn sich Angelo nicht irrte. Vielleicht ein paar Jahre älter. Es dauerte seine Zeit, Jura zu studieren und dann an die Spitze zu gelangen.
Dante White war jedem im Milieu bestens bekannt. Es hieß, dass er seine Gegner erst in Sicherheit wiegte und dann hinterrücks außer Gefecht setzte, wenn sie es nicht kommen sahen. Im Augenblick mochte er handzahm und unscheinbar tun, aber im Gerichtssaal war er der wahre Killer.
»Du zögerst«, sagte er, schürzte die Lippen und neigte den Kopf prüfend zur Seite. »An deiner Sexualität kann es nicht liegen. Ich weiß, dass du nicht wählerisch bist.«
»Du scheinst eine Menge zu wissen.«
»Ich informiere mich immer über meine Klienten.« White kicherte. Er schien ihre Unterhaltung zu genießen.
»Was weißt du noch von mir?«
Angelo war mit seinen Opfern nie zimperlich umgegangen, aber sein Privatleben hatte er eisern unter Verschluss gehalten. Allein schon, dass White wusste, dass er bisexuell war, war mehr, als er je jemandem erzählt hatte. Angelo hatte nie mehr als One-Night-Stands und Freundschaften mit Vorzügen. Nichts, womit er hausieren ging.
In einem breiten Lächeln blitzten die perlweißen Zähne des Anwalts auf. »Genug, um diesen Handel mit dir zu wollen und sicher zu sein, dass du ihn auch willst.«
Seine Hand wanderte unverfroren noch tiefer. Inzwischen war sie an Angelos Bauchnabel angekommen. Er knurrte warnend. Das hielt White nicht auf. Der knöpfte bedächtig das Hemd weiter auf.
»Sag mir, was genau du von mir willst«, verlangte Angelo in der Hoffnung, dass ihn das hinhielt.
Zu seinem Glück zögerte White und riss den Blick von seinem Sixpack los, um ihm ins Gesicht zu sehen. »Sex.«
»Nur Sex?«
Die Lippen des Mannes kräuselten sich. »Möchtest du noch mehr?«
»Dir den Hals umdrehen.«
White lachte leise. »Das hier ist ein Deal«, wiederholte er. »Keine Entführung.«
»Es fühlt sich aber verfickt noch mal wie eine Entführung an. Nimm deine Dreckshände weg!«
»Hach.« Mit einem Seufzen zog er die Hand zurück. »Du bist temperamentvoll. Heiß.«
»Es ist mir scheißegal, was du heiß findest.«
»Sollte es nicht.« In mildem Tadel schürzte White die Lippen. »Immerhin würdest du in einer Zelle vergammeln, wenn ich nicht wäre.«
»Hmpf.« Stur drehte Angelo den Kopf zur Seite.
Der Anwalt seufzte wieder. Diesmal klang es kühler. Er lehnte sich zurück. »Wie du willst«, sagte er. »Wenn dir die Zelle und der Stuhl lieber sind, als es ein paar Tage mit mir zu treiben, will ich dich nicht zwingen.« Er schob die Hand in sein Jackett. »Ich werde die Beamten bitten, dich abzuholen. Dann hast du bis zu deinem jämmerlichen Ende deine Ruhe.«
Angelo blieb liegen und starrte aus dem großen Fenster hinunter auf die Stadt. Er sah sie gar nicht richtig. Dafür kämpften in ihm Zorn und Selbstachtung gegen seinen Überlebenswillen. Wäre es so schlimm, seinen Körper zu verkaufen, wenn er ihn anschließend lebend und frei aus einem Gerichtsgebäude tragen durfte?
Er schielte zu White hoch, der eben die Nummer wählte und sich das Smartphone ans Ohr drückte. Der Kerl war alles andere als sein Typ. Äußerlich vielleicht, aber sein Charakter war verdorben. Jedes seiner Worte brachte Angelo zur Weißglut. Wie sollte er das tagelang aushalten, ohne ihm das Maul stopfen zu wollen?
Doch wenn er das nicht erdulden konnte, bedeutete das, dass der Tod auf ihn wartete. Er bezweifelte, dass White sich mit Geld als Gegenleistung zufriedengeben würde. Er wollte Angelo für seinen Körper, darin war er eindeutig. Und er war der beste Anwalt der Stadt. Wenn ihn einer rausboxen konnte, dann dieser Kerl.
Auf der anderen Seite hatte gerade jemand abgehoben und White hatte gegrüßt, da blaffte Angelo: »Na schön!«
Der Anwalt sah auf ihn herab.
»Ich mach’s, okay?«
Etwas blitzte in den blauen Augen auf.
Samten säuselte Dante: »Hat sich erledigt, Officer, danke.« Er legte auf und schob das Smartphone zurück in die Innenseite seines Jacketts. Lasziv, sodass sein Schritt über Angelos rieb, beugte er sich vor. »Wie schön«, flüsterte er.
Angelo hielt den lüsternen Blick verbissen und ignorierte die Wärme des fremden Körpers an seinem ebenso wie den Duft nach wildem Wasser, der ihm in die Nase steigen wollte. »Mach mich los.«
Sein Befehl ging ins Leere.
Der Mann lachte leise. »Nein.«
Angelo knirschte mit den Zähnen. »Wenn du mich bis zur verfluchten Gerichtsverhandlung hier festgebunden lässt, sterbe ich schneller weg als in der verdammten Zelle.«
»Du hast so ein loses Mundwerk.« Tadelnd schnalzte White mit der Zunge, doch man sah deutlich, dass er viel zu viel Spaß hatte.
Pissig funkelte Angelo ihn an. »Fick dich.«
Whites Mundwinkel zuckten. »Mach nur so weiter«, schnurrte er, »und ich werde dich auch noch knebeln.«
Das brachte Angelo zum Schweigen. Sein Mund war im Moment seine einzige Waffe. Unverändert hasserfüllt starrte er ihn an. Das schien White auszureichen.
Zufrieden lehnte sich dieser zurück. »Geht doch.«
Die Art, wie sein Po über Angelos Schritt rieb, war mehr als anzüglich. Er löste damit rein gar nichts aus – außer den Wunsch, Abstand zwischen sie zu bringen. Angelo hoffte, dass der Kerl das auch bald bemerken würde und die Lust verlor.
Dann jedoch kam ihm der erschreckende Gedanke, dass sie nicht über die Position gesprochen hatten. Da es ihn im Augenblick nicht zu stören schien, war die Sache wohl schlimmer als gedacht: Er wollte Angelo ficken.
Verflucht. Er hatte sich noch nie von jemandem nehmen lassen und er würde es auch jetzt nicht wollen. Aber nun hatte er schon zugestimmt.
Die neu aufkommende Nervosität wollte seine Wut wieder steigern. Er spannte die Muskeln an. Es brachte nichts, außer dass sich seine Handgelenke weiter an den dicken Seilen aufrieben. Welcher Anwalt hatte solche Seile im Schlafzimmer? So was benutzten doch eher Angelos Leute.
Etwas in seinem Magen verknotete sich. Sex klang so harmlos. Was, wenn der Kerl irgendwelchen irren Scheiß von ihm verlangte? Mit Argusaugen beobachtete er, wie White sich erneut vorbeugte und nach einem Glas langte, das neben ihnen auf dem Nachttisch stand. Es war halb voll mit Wasser.
Er setzte es an Angelos Lippen. »Trink. Du bist schon eine Weile hier und ich brauche dich fit.«
Endlich sagte er mal was Sinnvolles. Angelo hatte Durst.
Er zögerte trotzdem. Schnupperte daran.
»Es ist Wasser. Ich habe nichts davon, dich zu vergiften.«
Skeptisch sah Angelo zu ihm auf. Er traute diesem Mann nicht.
Weil er nicht trank, seufzte White tief und theatralisch. »Auch keine K.-o.-Tropfen«, beteuerte er. »Glaubst du wirklich, ich würde riskieren, dass dein Herz stehen bleibt und du mir in meinem Schlafzimmer wegstirbst?«
Angelo zog den Kopf zurück, so gut es ging. »Du bist intelligent genug, um die Dosis richtig zu berechnen.«
Ein rosa Hauch legte sich auf Whites blasse Wangen. Er schien geschmeichelt. »So sehr mich das Kompliment ehrt, ich verspreche, dass ich dich nicht k. o. setzen werde. Davon habe ich nichts.« Ein lüsternes Lächeln verzerrte seine eben noch kühlen Züge. »Ich bevorzuge meine Männer lebendig und voller Tatendrang.«
Angelo wollte ihm etwas Giftiges an den Kopf werfen, aber er riss sich zusammen und nahm stattdessen das Getränk an. Die ersten Schlucke bestätigten ihm, dass es tatsächlich nur Wasser war. Gierig trank er mehr. Doch als er das Glas fast geleert hatte, fiel ihm auf, dass es unnatürlich bitter schmeckte. Und als er begriff, dass White gelogen und ihm was untergemischt hatte, war es schon zu spät.
Angelo hustete gegen den letzten Schluck an. Sein Herz machte einen kräftigen Schlag, der seine Rippen vibrieren ließ. Erschrocken sah er zu White hoch. »Was war das?«
»Wasser.« Ungerührt stellte der Anwalt das Glas zurück. »Das sagte ich doch schon.«
»Lüg mich nicht an!« Angelo schluckte und horchte auf die Signale seiner Zunge. Eindeutig zu bitter. »Du hast mich vergiftet. Du verfickter …«
Whites leises Lachen unterbrach ihn. »Du bist wirklich eine angenehme Abwechslung.«
»ICH GEB DIR GLEICH EINE ANGENEHME ABWECHSLUNG!« Wütend riss Angelo an den Fesseln. Natürlich ohne Wirkung. Hasserfüllt funkelte er White an. »Verdammter Wichser, welchen Scheiß hast du mir gegeben?«
Der Mann antwortete nicht. Stattdessen ließ er sich alle Zeit der Welt, sich das Jackett abzustreifen und es sorgsam zu Boden gleiten zu lassen, ehe er sein Hemd aufknöpfte. Die Manschetten folgten. Er zog den Stoff von seinem Oberkörper und thronte nun halb nackt auf Angelo, während er ihn neugierig beobachtete.
Angelo biss sich die Lippe blutig. Sein Herz schlug schwer und kräftig in der Brust und alles in ihm wollte kämpfen. Aber er konnte nicht – weil dieses Arschloch ihn viel zu gut gefesselt hatte.
Wütend stierte er zu White hinauf und versuchte zu ignorieren, wie attraktiv der Anwalt ohne Kleidung aussah. Muskulöse Schultern, doch eine schlanke Mitte. Sommersprossen lagen auf seinen Armen und dem Ansatz seiner weißen Brust. Sein Oberkörper verlief in einer Kurve in eine schmale Taille und dann schloss sich sein Becken an, das kaum breiter war. Ohne seinen Anzug, der für klare Linien gesorgt hatte, wirkte White weicher.
Verdammt. Er entsprach genau Angelos Beuteschema.
Dass der Körper ihn locken wollte, steigerte seinen Zorn. Das machte der Mistkerl doch mit Absicht!
»Ahnst du es allmählich?«, fragte White mit salbungsvoller Stimme und öffnete die letzten von Angelos Hemdknöpfen. Er schob den Stoff beiseite und legte die Hand direkt dorthin, wo das Herz aufgewühlt schlug. »Spürst du es?«
Zornig funkelte Angelo ihn an. »Ich spüre gar nichts«, fauchte er.
Whites Mundwinkel zuckten. »Lange kann es nicht mehr dauern.« Seine Hand wanderte tiefer.
Angelos Puls beschleunigte sich abermals, als sie bei seinem Hosenbund ankam und sich dann ungeniert auf seinen Schritt legte. Sie drückte zu. Angelo keuchte. White schnurrte zufrieden.
»W-was …« Irritiert sah er zu dem Mann auf, der seine Härte erfühlte. Eine Härte, die bis eben noch nicht da gewesen war. Sein Herz setzte aus, als er begriff. »Du verficktes Arschloch.«
Tadelnd schnalzte White mit der Zunge und hob die Augenbraue. »Ich muss doch sehr bitten.« Das Zucken um seine Lippen wurde ein durchtriebenes Lächeln. »Ich tue dir einen Gefallen. Oder willst du behaupten, dass du von allein hart geworden wärst?«
Wütend biss sich Angelo auf die Zunge. Dieser Hurensohn hatte ihm Viagra untergemischt! Daher der bittere Geschmack. Sein Schwanz stand wie eine Eins – oder würde es, wenn ihn die enge Hose nicht davon abhalten würde. Er pumpte sich gerade mit Blut voll und mit jeder Sekunde wurde es unangenehmer. Jetzt wusste Angelo wenigstens, welche Position er einnehmen sollte. Aber erleichtert war er nicht.