Leseprobe Zwei Herzen für Eleanor

1. Die Feuernacht von Grithwood

Westmorland im Jahre 1801

„Hey, voran!“ Stevens trieb die Pferde an und ließ die Peitsche in der Luft knallen. Spencer Morton hörte, wie sich die Kutsche in Bewegung setzte. Ohne ihn, den Earl of Felleringtonworth wohlgemerkt, denn Spencer Morton hatte es nicht eilig, nach Hause zu gelangen. Auch wenn er es nicht offen zugab, so kroch ihm die Angst von Stunde zu Stunde tiefer in die Knochen und wurden die Stimmen in seinem Kopf immer lauter. Unruhig, die Hände fest hinter dem Rücken verschränkt, lief er in seinem geräumigen Pensionszimmer auf und ab. Die Sohlen seiner Stiefel krachten dabei hart auf den Dielenboden.

Einige Male hatte Spencer das offene Fenster passiert. Nun blieb er stehen und sah der Kutsche, die sich bereits in beträchtlicher Entfernung befand, nach. Zügig bewegte sich das Gefährt den mattgrünen Hügel hinauf und würde schon bald dahinter verschwunden sein. Ein lauer Windstoß fand seinen Weg ins Zimmer und streifte Spencers Wangen, das graue dünne Haar und den ebenfalls ergrauten Backenbart. Er verzog missbilligend das Gesicht. Dann nahm er seine goldene Taschenuhr hervor und warf einen Blick darauf. Es war gerade erst zehn und der Tag versprach heiß zu werden. Die Vögel hatten sich schon in die Baumkronen zurückgezogen und ließen nur noch spärliche Gesänge verlauten. Ausgesprochen ungewöhnlich für Westmorland zu dieser Jahreszeit, es müsste längst kühler sein. Hoffentlich kein schlechtes Omen, dachte Spencer und schloss die Augen.

Beinahe sechs Monate war er fort gewesen und wusste nicht, was ihn zu Hause erwartete. War ihm das Schicksal endlich wohlgesonnen? Was, wenn nicht? Er sehnte sich nach Ruhe und Frieden, hatte genug und wollte sich nicht eingestehen müssen, dass er die falsche Entscheidung getroffen hatte. Während der letzten Nächte hatte der Earl of Felleringtonworth kaum ein Auge zugetan. Die Stimmen, die ihn bereits seit einigen Jahren heimsuchten, waren immer lauter und garstiger geworden. Mit jeder Meile, die er sich Grithwood Castle, seinem Zuhause, genähert hatte, waren das höhnische Gelächter und das unheimliche Tuscheln in seinem Kopf energischer und heimtückischer geworden. Die Stimmen brachten ihn um den Schlaf. Sie schürten die Wut der Verzweiflung und nährten seine Furcht vor einem neuerlichen Verrat durch Abigail, der Countess of Felleringtonworth, seiner Frau.

In einer wilden Bewegung führte Spencer die linke Faust zu seinem Mund und biss hinein. Was sollte er nur tun, wenn all seine Bemühungen wieder umsonst gewesen waren? Er hielt den Atem an, erhöhte den Druck seiner Zähne, fühlte den Schmerz in Hand und Kiefer, den immensen Druck seiner Zähne auf den Knöcheln. Nach einigen Sekunden der Stille öffnete er die Augen, lockerte den Biss, nahm die linke Faust aus dem Mund und öffnete die Hand vorsichtig. Der Schmerz ließ nach und Spencer ließ die Uhr, die er noch immer in der anderen Hand gehalten hatte, in seiner Westentasche verschwinden. Im nächsten Augenblick lagen beide Arme wieder fest verschränkt hinter seinem Rücken und er gab sich der Hoffnung hin. Vielleicht machte er sich dieses Mal gänzlich unnötig Sorgen.

Der Earl ließ seinen Blick erneut aus dem Fenster über den entfernten Hügel gleiten. Er konnte die Kutsche nicht mehr ausmachen. Sie war seinem Sichtfeld entschwunden und würde schon bald auf Grithwood Castle, der mächtigen Festung des Earls, eintreffen.

Ich sollte das Fenster schließen und verdunkeln lassen, um der Hitze zu entgehen, dachte Spencer, fürchtete jedoch im nächsten Augenblick die beklemmende Wirkung, die ein geschlossener Raum auf ihn hatte. Er trat an das Schreibpult, richtete sich kerzengerade auf und läutete nachdrücklich. Kurz darauf erschien ein dünnes, hochgewachsenes Dienstmädchen. Sie trat lautlos ein und knickste ergeben.

„Sie wünschen, Mylord?“ Mit brüchiger Stimme, den Blick auf den Boden geheftet, erwartete sie seine Anweisungen. Spencer versteifte sich und verzog angewidert das Gesicht.

Sie ist größer als du, meldete sich garstig eine der Stimmen in seinem Kopf und stachelte seinen Zorn an. Sie verspottet dich! Willst du dir das etwa gefallen lassen?

„Frühstück!“, raunzte Spencer das Mädchen an und hoffte damit die Stimme zu übertönen. „Ich nehme Tee und Scones.“

„Sehr wohl.“ Das Mädchen schickte sich an, das Zimmer zu verlassen, doch Spencers Kehle entfuhr ein rauer Schrei.

„Halt!“ Er zerquetschte mit der linken beinahe die Finger der rechten Hand hinter seinem Rücken. Durch das vor seinem Auge festgeklemmte Monokel sah er das Mädchen geringschätzig an. Wie immer, wenn er auf Menschen traf, die ihn vom Wuchs her überragten, erfasste ihn grausames Unbehagen. Dabei war es vollkommen unerheblich, welchem Stand sein Gegenüber angehörte und dass Spencer selbst der Earl of Felleringtonworth war.

Spencer fühlte sich klein und ohnmächtig, hasste die Stimmen, die ihn immer wieder mit Nachdruck an seine Unzulänglichkeit erinnerten und gab sich deshalb redlich Mühe, sein inneres Elend mit groben Umgangsformen zu überspielen.

Mit gutem Willen maß er gerade einmal fünf Fuß. Es war unnötig, zu erklären, dass die meisten erwachsenen Menschen, auf die er traf, größer waren. Zudem zeichnete sich sein Körper durch eine sehnige, drahtige Gestalt aus. Graues Haar und Bart rahmten das vom Alter durchfurchte Gesicht. Die Tränensäcke traten besonders deutlich hervor und in seinen fast schwarzen Augen glitzerte eine beängstigende Kälte. Sie ließ keinen Zweifel daran, dass Spencer Morton ein gefährlicher Mann war.

Der Blick des Dienstmädchens blieb starr auf den Holzboden gerichtet. Die Farbe war ihr aus dem Gesicht gewichen, die Atmung ging unter den hängenden Schultern schnell und flach. Offensichtlich war sie verängstigt und das gefiel Spencer.

„Port dazu. Eine Flasche.“ Er sprach leiser, aber seine Stimme blieb messerscharf. Das Mädchen knickste, zögerte noch einen Augenblick, dann verließ es das Zimmer.

Der Earl trat wieder ans Fenster und tupfte sich mit seinem Tuch erneut die Schweißperlen von der Stirn. Es war Mitte August. Er hatte seiner Gemahlin Abigail versprochen, bis zum ersten des Monats wieder nach Grithwood Castle heimzukehren. Er ließ sie warten, denn dieses Versprechen, alle Hoffnungen und die mögliche Schmach, die damit zusammenhingen, lagen ihm wie ein Felsbrocken im Magen, stiegen ihm in bitterer Galle auf.

Lass uns noch ein paar Tage fernbleiben, riet die Stimme in seinem Kopf.

Besser noch, lass uns umkehren, fiel eine andere ein. Doch dieses Mal bemühte sich der Earl, nicht nachzugeben.

„Nach dem Frühstück reite ich los.“ Er sagte es ruhig und bestimmt.

Warte doch, bis die Mittagshitze vorüber ist, erhob sich eine dritte Flüsterstimme.

„Nein.“ Spencers Vorsatz geriet erneut ins Wanken. Er griff sich unschlüssig mit der Hand in den Schopf. „Dann erreiche ich Grithwood Castle höchstwahrscheinlich erst nach Einbruch der Dunkelheit.“

Welchen Unterschied macht es schon? Dein Schicksal ist so oder so besiegelt. Sie wird dich erneut verraten, dich verhöhnen und du bist zu schwach, ihr die Stirn zu bieten.

„Nein, das wird sie nicht. Diesmal nicht.“ Spencer flüsterte seine Antwort. Seine Finger berührten die Fensterbank und sein Blick verlor sich über dem Hügel.

Die Tür wurde geöffnet. Das Dienstmädchen trat erneut ein. Spencer sah nicht hin. Sie stellte das volle Tablett mit Tee, Scones und der georderten Flasche Portwein mit zitternden Händen auf dem Tisch ab. Sie ging auf leisen Sohlen, aber der Earl hörte, wie das Geschirr in ihrer Obhut klirrte. Wenig später klappte die Tür zu und es war still.

Du kannst dich umdrehen. Sie ist weg, erklärte eine der Stimmen spöttisch. Spencer ließ dennoch einige Sekunden verstreichen. Dann zog er mit geübtem Griff ein Kissen vom Bett und drapierte es auf seinem Stuhl. Als er darauf Platz nahm, saß er in angemessener Höhe am Tisch.

Dieses Trauerspiel blieb ihm auf Grithwood erspart. Dort gab es eigens für ihn angefertigte Stühle. Auch sonst hatte er sich in seinem Heim entsprechend eingerichtet. Neben dem Versprechen, das er seiner Gattin gegeben hatte, ein wichtiger Grund, wieder nach Hause zurückzukehren. Er hatte sich im Laufe seines Lebens daran gewöhnt und Strategien entwickelt, den Größenunterschied zu seinen Mitmenschen auszugleichen. Auf Grithwood war er auf seinem auf ihn angepasstem Terrain.

Mit Geschäftspartnern traf sich der Earl of Felleringtonworth gewöhnlich hoch zu Ross. Auf diese Weise fühlte er sich weniger unterlegen, sein Titel und das ungehobelte Auftreten erledigten den Rest. Er war ein gefürchteter Mann und er wusste, dass man ihn hinter vorgehaltener Hand den verrückten Earl nannte.

Lange Zeit hatte er sich nicht darum geschert. Er legte grundsätzlich keinen Wert auf Gesellschaften und Bälle. Er war auch schon früher wie ein zeitloser Geist durch die Ländereien gereist, hatte die Pächter besucht, die Felder und Herden im Auge behalten.

Doch vor fast genau sieben Jahren, als ihn während eines Ausrittes ein Schwächeanfall ereilte, hatte sich etwas verändert. Der Earl hatte wochenlang das Bett hüten müssen, um wieder zu Kräften zu gelangen. Zu dieser Zeit waren die Stimmen in seinem Kopf aufgetaucht. Sie hatten ihn daran erinnert, wie wichtig es war, eine Familie zu gründen und einen Erben zu zeugen. Eine Tatsache, die der Earl über Jahrzehnte erfolgreich verdrängt hatte. Nächtelang hatte er mit den Stimmen gestritten, laut, verzweifelt, bettelnd. Schließlich hatte er sich von der unausweichlichen Notwendigkeit überzeugen lassen und so war es gekommen, dass der damals bereits dreiundfünfzigjährige Earl of Felleringtonworth im Jahr 1795 seine erste und einzige Ballsaison in London verbrachte.

Noch währenddessen verlobte er sich umgehend mit der gerade erst sechzehnjährigen Lady Abigail Wilmington, der einzigen Tochter des Viscount Wilmington. Es war eine Liaison, die Vorteile für beide Seiten bereithielt. Sah der Earl nun bald einem Erben für Titel und Vermögen entgegen, so durfte der Viscount ein zusätzliches stattliches Stück Land sein Eigen nennen.

Mit einer plötzlichen wütenden Bewegung fegte Spencer das Teegeschirr vom Tisch. Es fiel zu Boden und zerbrach. Der Tee ergoss sich zwischen den Scherben über die Dielen.

Sofort trat das Mädchen herein, um den Schaden zu beseitigen, doch Spencer brüllte, vom Jähzorn geplagt: „Raus! Niemand hat geläutet!“

Erschrocken trat das Mädchen den Rückzug an und entging nur knapp dem Gebäck, das der Earl schon in Richtung Tür warf.

Hastig sprang Spencer von seinem Stuhl, griff nach dem Kissen und warf es wütend von sich.

Sie hat es gewiss gesehen, lachte eine der Stimmen schadenfroh.

„Hat sie nicht!“, schrie er.

Mit wenigen Schritten erreichte Spencer das Schreibpult, ergriff die Glocke und läutete, als wäre ein Feuer ausgebrochen. Die verschreckte Magd kehrte erneut ins Zimmer zurück.

„Mylord?“ Sie zitterte am ganzen Körper.

„Ich reise umgehend ab und erwarte, dass alles Notwendige sofort veranlasst wird“, polterte der Earl und rauschte aus dem Zimmer.

***

Stunden später tauchte die untergehende Sonne den Himmel über Grithwood Castle in atemberaubendes flammendes Rot. Anmutig und widerstandsfähig zugleich thronte das Anwesen weithin sichtbar auf Berkhams Hill. Die eindrucksvollen Mauern ragten weit über die Baumkronen des anliegenden dunklen Waldes.

Gemächlich durchquerte Spencer auf seinem Pferd die friedliche Landschaft und hielt auf die alte Burg zu. Vielleicht war es auch die treue braune Stute, die ihren Herren gemächlich nach Hause trug, denn der Earl gab sich der berauschenden Wirkung des Alkohols hin. Der Wind wehte nur schwach und vermochte die Hitze des Tages kaum zu vertreiben. Diese wiederum machte ihn durstig. Er griff in die Satteltasche und zog die Flasche Portwein heraus. Wie auf Kommando blieb die Stute stehen, wartete ab, bis er einen kräftigen Schluck genommen hatte und setzte sich gemächlich wieder in Bewegung, sobald die Flasche verstaut war.

Grithwood Castle rückt näher.

Wirst du für Ordnung sorgen, wenn du daheim bist?

Wer weiß, ob sie dich noch als Herrn des Hauses ansehen.

Ob es überhaupt noch dein Zuhause ist?

Abigail hat gewiss …

„Ruhe jetzt“, grunzte Spencer mürrisch. Er tätschelte den Hals der Stute und schnaubte verächtlich. Die Stimmen hatten recht. Das Gefühl, nach Hause zu kommen, wollte sich nicht einstellen. Die Angst vor dem, was ihn erwartete, saß wie ein elendiges Geschwür in seinem Nacken.

Als der junge Earl begriffen hatte, dass er mit nicht mehr als fünf Fuß wohl seine endgültige Größe erreicht hatte, hatte die Schmach tief wie ein Stachel in seinem Fleisch gesessen. Er hatte die Gesellschaft verstoßen, bevor sie ihm dergleichen antun konnte. Er war die meiste Zeit seines Lebens ein wohlhabender Junggeselle gewesen, hatte sich um Ländereien, Geschäfte und die Jagd gekümmert. Doch dann hatte ihm seine bis dahin tadellose Gesundheit einen Strich durch die Rechnung gemacht. Spencer hatte den Stimmen geglaubt und sich geändert. Es folgten Ballsaison und Heirat mit Abigail. Alles war nach Plan gelaufen, doch die Stimmen in seinem Kopf waren nicht verstummt. Nie waren sie zufrieden, sahen immer neue Probleme und zermürbten ihn. Sie machten ihn zum Spielball ihres Amüsements, malträtierten ihn ohne Unterlass.

Offiziell hatte er den Familiensitz Grithwood Castle, auf dem mittlerweile die junge Countess und die Kinder, drei Mädchen wohlgemerkt, lebten, zu Beginn des Jahres verlassen. Er hatte sich um die vielen Ländereien zu kümmern und für seine Pächter zu sorgen. Ein armseliger Versuch, über den wahren Grund seiner Abwesenheit hinwegzutäuschen. Spencer hatte den Spott der Stimmen über ihn, seine Gattin und die Töchter nicht ertragen. Er hatte im Übermaß getrunken, war jähzornig und zerstörerisch geworden, aber die Stimmen hatten sich nicht vertreiben lassen.

Wieder biss er in seine Faust, schmeckte das Leder seiner Handschuhe und versuchte seine finsteren Gedanken zu vertreiben. Abigail war von auffallender Schönheit, zurückhaltendem Wesen und großem Wuchs. Ihr dichtes, schwarz glänzendes Haar umrahmte das feine porzellanähnliche Gesicht. Hinter ihrem schüchternen Lächeln hatte er sofort die weißen geraden Zähne entdeckt. Schnell hatte er sich für sie entschieden und die Stimmen waren mit ihm einig gewesen. Die hübsche Abigail sollte ihm einen kräftigen Sohn gebären, aus dem ein hochgewachsener Gentleman, ein würdiger Erbe des Titels, wurde. Doch ihre offenbare Unfähigkeit, einen Knaben zur Welt zu bringen, brachte den Earl schier um den Verstand. Er brauchte einen Erben und sie verweigerte ihm diesen. Dabei waren die Erwartungen an sie klar formuliert worden.

Die neue Countess of Felleringtonworth hatte Spencer gleich nach der Vermählung nach Grithwood Castle begleitet. Sie hatte sich ihm in allen Belangen gefügt, jede seiner Regeln befolgt. Dazu gehörte auch, dass Konversation nur im Sitzen oder zu Pferd betrieben wurde. Abigail durfte in Anwesenheit ihres Gatten niemals stehen. Zudem musste sie bereits im Bett liegen, bevor er das Schlafgemach betrat und durfte erst aufstehen, nachdem Spencer es wieder verlassen hatte. Abend für Abend hatte er seitdem seine Pflicht erfüllt, ihren Schoß bearbeitet, damit sie seinen Samen empfangen und einen Sprössling gebären konnte. Dabei hatte er keinen Wert auf Zärtlichkeit gelegt. Spencers Gedanken waren nie bei seiner jungen Gemahlin. Jedes Mal kämpfte er in der Dunkelheit tapfer gegen die Stimmen, die ihn schmähten. Als Abigail ihm endlich, nach vier Monaten, eröffnete, dass sie denke, guter Hoffnung zu sein, schien seine Qual beendet. Von Erleichterung beflügelt, hatte Spencer umgehend dafür gesorgt, dass sie mit ausreichend Personal in neue, entlegenere Gemächer zog. Von dort aus konnte sie den Haushalt führen und sich auf die anstehende Geburt vorbereiten. Für ihn, den Earl of Felleringtonworth war die Arbeit erledigt gewesen. Er erfreute sich an seinem Glück und war entzückt in sein altes Leben ohne Abigail zurückgekehrt.

Dieses Dasein fiel ihm um ein Vielfaches leichter. Spencer blieb für sich und ritt regelmäßig aus, um seine Geschäftsbeziehungen zu pflegen. Beinahe hatte er die Stimmen in seinem Kopf vergessen. Doch die Enttäuschung über die Geburt seines ersten Kindes, eines Mädchens, das Abigail Amalia nannte, hatte ihn tief getroffen. Sie hatte versagt. Doch er ertrug die Schmach. So bald als möglich zog die Countess wieder in die Nähe seiner Gemächer und er bemühte sich erneut nach Leibeskräften, den Schoß seiner zarten Gattin mit Leben zu füllen. Er hasste es und manchmal beschlich ihn während des Akts der Wunsch, seine Hände auf Abigails langen weißen Hals zu legen und diesem schrecklichen Schauspiel ein Ende zu bereiten. Er widerstand und war heilfroh gewesen, als sich endlich der gewünschte Erfolg einstellte. Aber auch im zweiten Versuch gebar ihm Abigail ein Mädchen, Prudence, und im Jahr darauf Charlotte.

„Verdammt!“ Spencer fluchte, als ihn die Enttäuschung abermals einholte, zog die Flasche hervor und trank einen weiteren Schluck. Die Stute schritt zielsicher und gemächlich auf das Anwesen des Earls zu.

Als der Winter hereingebrochen und die Abstände zwischen den Anfällen der Raserei, die Spencer regelmäßig heimsuchten, immer kürzer wurden, verkündete Abigail eine erneute Schwangerschaft. Ein Strohhalm, an den er sich klammern konnte. Die kommenden Monate, die Zeit des Wartens, wollte er nicht auf Grithwood verbringen. Er hatte richtig entschieden. Die lange Abwesenheit hatte ihm gutgetan. Doch nun stand die Niederkunft bevor. Er musste sich der Realität stellen.

Die Stimmen begannen wieder zu tuscheln.

Bald könntest du einen Sohn in die Arme schließen. Dann kehren endlich ruhige Zeiten in dein Leben ein und in das deiner Gattin selbstverständlich auch. Die brauchst du dann nicht mehr.

Einen weiteren Fehlversuch werden wir nicht hinnehmen.

Was fangen wir nur mit dir an, wenn es wieder ein Mädchen ist?

Sie brachen in garstiges Gelächter aus. Spencer ließ die Flasche zurück in die Satteltasche gleiten und nahm die Zügel auf.

„Komm schon, alte Mähre“, trieb er die Stute mit ungelenken Bewegungen vorwärts und lobte sie anschließend, obwohl sie in der gleichen behäbigen Gangart dahinschritt wie zuvor.

Als er Grithwood endlich erreichte, war die Nacht heraufgezogen, doch im Schloss herrschte Betrieb. Der Butler, ein ebenso kleingewachsener Mann wie Spencer, nahm Rock und Handschuhe entgegen und setzte seinen Herrn eilig in Kenntnis.

„Mylord, die Geburt steht bevor. Die Countess liegt schon seit Stunden in den Wehen. Der Arzt ist gerade bei ihr. Soll ich ihn holen lassen, damit er Ihnen berichtet?“

„Nein“, knurrte Spencer und versuchte das nervöse Zittern, das sich seines Körpers bemächtigte, zu verbergen. Der Kragen saß plötzlich zu eng und ließ kaum Luft in seine Lungen. In ungewohnter Lautstärke und Geschwindigkeit polterte Spencers Herz in seinem Brustkorb.

„Ich wünsche nicht gestört zu werden!“

Mit letzter Kraft donnerte er seine Anweisung hinaus und marschierte wild entschlossen ins nahegelegene Arbeitszimmer. Die Tür hinter ihm schlug krachend zu. Im nächsten Augenblick fiel Spencer auf die Knie und übergab sich mehrfach auf den Teppich. Durch die Dunkelheit taumelnd tastete er sich um seinen Sekretär, sank in den Stuhl und flüsterte: „Es könnte vollbracht sein. Es könnte vollbracht sein oder aber …“

Seine Faust sauste durch die Dunkelheit und landete lärmend auf dem schweren Schreibtisch aus Eichenholz. Der Geruch nach Erbrochenem durchzog die Luft und Spencer gab ein angewidertes Stöhnen von sich.

„Sie wird mich nicht noch einmal verhöhnen! In diesem Hause gibt es mehr als genug Weibsbilder!“ Spencer flüsterte, doch seine Stimme durchschnitt die Luft. Für einen kurzen Augenblick dachte er darüber nach, sich eine Lampe bringen zu lassen, aber dann geschah etwas Sonderbares mit ihm.

Urplötzlich schien er ein anderer Mann. Mit irritierender Lässigkeit lehnte Spencer sich zurück und legte seine Füße, die noch immer in den Stiefeln steckten, auf den Tisch. Etwas fiel schwer zu Boden, wahrscheinlich der Briefbeschwerer aus Bronze. Er fuhr mit der rechten Hand tastend am Schreibtisch entlang, öffnete die Tür und zog eine Flasche Whisky hervor. Von einem Seufzer der Genugtuung begleitet, fand seine Hand auch ein Glas. Mit einem überlegenen Lächeln, das in der Schwärze der Nacht verborgen blieb, schenkte er sich blind ein und hob das Glas Richtung Zimmerdecke.

„Du wirst mich nicht enttäuschen, Abigail. Das wäre unser Ende.“ Seine Stimme klang beängstigend ruhig. Als er mit der linken Hand über seinen Bart strich, war das Zittern gänzlich verschwunden.

***

Schon am frühen Vormittag hatte Abigail die ersten Zeichen der bevorstehenden Geburt wahrgenommen. Das typische Ziehen in Rücken und Unterleib, hatte sich erst leicht und in unregelmäßigen Abständen bemerkbar gemacht. Da die junge Countess bereits das vierte Kind erwartete und auf einige Erfahrungen zurückgreifen konnte, entschied sie, sich noch nicht mitzuteilen. Stattdessen zog sie sich in ihren Salon zurück und versuchte ein Buch zu lesen, während sie die letzten ruhigen Stunden mit ihrem Ungeborenen verbrachte. Dass ihr Gatte von seiner langen Reise noch nicht wieder zurückgekehrt war, erfüllte die Countess of Felleringtonworth mit einiger Erleichterung.

„Hoffen wir für uns alle, dass du ein kräftiger Knabe bist.“ Sie flüsterte und rieb sich liebevoll und wehmütig zugleich über den Bauch. Im nächsten Augenblick verspürte sie das wohlbekannte Ziehen einer Wehe, das sich nun bis unter die Brust ausbreitete.

„Huch …“ Abigail atmete erleichtert aus, als sich ihr Bauch wieder entspannte. „Ich werte das optimistisch als ein Ja.“

So unbeschwert Abigail sich gab, es lastete eine schwere Bürde auf ihr. Sie vermochte sich gar nicht auszumalen, wie ihr weiteres Leben sich gestaltete, wenn sie abermals ein Mädchen zu Welt brachte. Abigail liebte alle drei Töchter und sie würde auch eine vierte lieben. Aber ein weiteres Mädchen bedeutete auch, dass sie wieder in die Gemächer des Earls zurückkehren musste. Dass sie viele Nächte lang bei ihm liegen und den Schmerz ertragen musste, wenn er sich in angewiderter Anstrengung und mit wutverzerrtem Gesicht ihrer bemächtigte. Abigail wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel, die lautlos ihren Weg dorthin gefunden hatte, und begann, einige Zeit im Salon auf- und abzugehen. Immer wieder glitt ihr Blick aus dem Fenster über die Baumkronen des anliegenden Waldes und suchte die Hügel ab.

Erst als sie im Laufe des Nachmittags die schwarze Kutsche des Earls sichtete, war es mit Abigails Ruhe vorbei. Sie läutete und sofort trat ihre Zofe Mary ein.

„Ich denke, wir begrüßen bald den Sohn des Earls.“ Abigail strich wissend über ihren Bauch. „Bereite das Mittagessen vor. Ich habe die Kutsche entdeckt, mein Mann wird ebenfalls in Bälde zu Hause sein. Dann lass den Arzt holen und bereite mein Bett“, presste Abigail hervor.

Dabei war es keine Wehe, die ihr plötzliches Unwohlsein verursachte, sondern die erwartete Ankunft des Earls. Der Gedanke, ihn jetzt noch empfangen zu müssen, war unerträglich. Sie wusste, dass sie all ihre Kraft für die bevorstehende Geburt brauchte.

„Sehr wohl, Mylady.“

Abigail nickte abwesend und nahm ermattet auf einem der Stühle Platz.

Über zwei Stunden lag die Countess bereits im Bett, als der Arzt eintraf. Nach einer kurzen Einschätzung der Lage bestätigte er, was Abigail längst wusste.

„Nun, diese Geburt schreitet äußerst langsam voran. Machen wir uns auf eine lange Nacht gefasst. Ich werde in einer Stunde nochmals nach Ihnen sehen, Countess. Bedauerlich, dass der Earl nicht zugegen ist. So werde ich meinen Tee wohl allein nehmen müssen. Im Salon, nehme ich an?“

Abigail nickte verstört und ließ sich von ihrer Geburtshelferin Shelly das Gesicht mit einem feuchten Tuch kühlen.

„Er ist noch nicht da?“ Eine weitere Wehe baute sich auf und Abigail atmete angestrengt, bis sie vorüber war.

„Nein, die Kutsche kehrte ohne ihn zurück. Der Earl wird erst am späten Abend erwartet“, brachte Mary sich ein.

„Ist das so? Dann sollten wir die Gnadenfrist nutzen und den kleinen Lord rechtzeitig auf die Welt bringen.“ Abigail lächelte hoffnungsvoll und wurde mit einer weiteren heftigen Wehe belohnt.

Die folgenden Stunden waren lang und schmerzhaft. Zu gern hätte sie auf den Beistand ihrer Mutter zurückgegriffen, aber Spencer hatte es, wie schon bei den drei vorherigen Geburten, nicht erlaubt. Niemand durfte Abigail hier besuchen.

Die Luft im Zimmer war heiß und stickig und zwischendurch überkam Abigail immer wieder Furcht, sie hätte nicht die Kraft, alles bis zum Ende durchzustehen. Als sie schließlich unter einer Presswehe erschöpft und kraftlos zurück in die Kissen sank, alles Zureden vergeblich war, warf sich Shelly mit aller Kraft auf den Oberkörper der Countess. So sehr, dass Abigail der Atem stockte und sie um gebrochene Rippen fürchtete, doch nur wenige Augenblicke später war es geschafft. Das gurgelnde Geräusch ihres Neugeborenen zeichnete ein Lächeln in Abigails erschöpftes, schweißnasses schmales Gesicht.

„Es ist ein Mädchen“, vernahm sie Shellys besorgte Stimme.

„Und sie lebt“, setzte Abigail hinzu. „Gib sie mir.“

Behutsam schloss sie ihr Kind in die Arme. Dieses kleine Wesen sah genauso bezaubernd aus wie seine älteren Schwestern. Der Kopf war durch die lange Geburt etwas oval, aber das würde sich verwachsen und die Liebe, welche sie beide miteinander verband, würde ihnen helfen, auch alle weiteren Prüfungen zu bestehen. Für einen Moment war die Countess of Felleringtonworth voller Zuversicht und Glück.

„Gut gemacht, Mylady. Wie soll sie heißen?“

„Eleanor.“ Abigail flüsterte den Namen und ließ zu, dass Shelly das Baby behutsam an sich nahm, um es zu waschen und einzukleiden.

***

Wenige Stunden später polterte Spencers aufgeregte Stimme durch die Gänge und Gemächer des Castles. Die Dienstboten und Mädchen hielten sich versteckt, um dem Wüterich nicht in die Quere zu kommen. Der Earl hatte von Eleanor erfahren. Eine Weile noch war er in seinem Arbeitszimmer geblieben, nun hatten Raserei und Zorn Besitz von ihm ergriffen.

„Mylady, Sie müssen aufstehen.“

Erschöpft und von Schmerzen gepeinigt, vernahm Abigail die Stimme der Gouvernante Margaret.

„Was ist los?“

„Mylady, wir müssen fliehen. Der Earl setzt Grithwood in Flammen!“

„Nein, das kann nicht sein. Das Anwesen … du musst dich irren.“ Mühsam setzte Abigail sich auf.

„Mylady, er schreit und droht, uns alle umzubringen!“ Margarets Stimme zitterte.

„Um Himmels willen, wo sind die Mädchen?“ Nun war die Countess hellwach.

„Eleanor ist hier, die anderen sind in ihren Gemächern. Mary ist bei ihnen, um sie zu beruhigen. Der Earl zerschlägt das Inventar. Er ist wie im Wahn und sucht nun Öllampen und Fackeln zusammen. Mylady, wir müssen fort. Jetzt!“

„Schnell, gib sie mir und auch etwas zu schreiben.“ Abigail legte das Baby behutsam zu sich ins Bett. Ihre Gedanken arbeiten fieberhaft. Sie konnte zwar noch nicht aufstehen, aber sie musste etwas tun. Wenn die Kinder außer Reichweite waren, würde sie ihren Gatten sicherlich wieder zur Raison bringen. Koste es, was es wolle.

„Lauf zu Mary“, wies sie Margaret nun an. „Sie soll die Taschen für die Kinder packen. Lass Arthur anspannen, dann kommst du wieder zu mir.“

Wenige Minuten später kritzelte sie eilig mit der Feder einen Brief an ihre Mutter. Die Tinte tropfte dabei auf das Papier und die frische Wäsche. Sie achtete nicht darauf. Dann zog die Countess ihren Ring vom Finger und legte ihn in den Brief. Vorsichtig nahm sie ihre Kette, ein Geschenk ihrer Mutter mit einem Anhänger aus rotem Bernstein, ab. Diese legte sie Eleanor um und verdeckte den auffälligen Schmuckstein unter dem Wickeltuch.

Abigail nahm ihre Tochter behutsam auf den Arm, wiegte sie und küsste sie auf die Stirn. Als sie mit dem Finger sanft über die Wange streichelte, verzog Eleanor ihr Mündchen zu einem zarten Lächeln. Erst als Margaret wieder eintrat, löste Abigail den Blick von ihrem Kind und hob den Kopf. Die Gouvernante war blass und atmete schwer.

„Mylady, wir müssen uns beeilen. Ich werde Sie anziehen.“

Sofort begann Margaret Wäsche und Kleider zusammenzuraffen und in eine Tasche zu stopfen.

„Margaret, gib mir das Siegel.“ Abigail sprach auffallend ruhig und bestimmt.

„Mylady, wir haben keine Zeit“, flehte Margaret. „Die Bibliothek brennt.“

„Gib mir das Wachs.“ Die Countess of Felleringtonworth küsste ihre Tochter nochmals, dann übergab sie das Kind der Gouvernante und brachte ihr Siegel mit Sorgfalt auf dem Umschlag an.

„Jetzt reiche mir die Schatulle aus dem Schrank.“ Mit angsterfülltem Blick tat Margaret, wie ihr geheißen. Sie gab der Countess das Kind zurück und holte das Kästchen, in dem diese einen beträchtlichen Betrag aufbewahrte. Für den Notfall. Und dieser war nun eingetreten, was das plötzliche helle Läuten der Feuerglocke bestätigte.

„Mary und du, ihr reist mit den Mädchen zu meiner Mutter nach Wilmington Hall. Arthur wird euch sicher dort hinbringen.“

„Nach Hertfordshire? Jetzt?“

„Sofort. Hier nimm das Geld und meinen Brief. Bei meiner Mutter werdet ihr sicher sein.“

„Und Ihr, Mylady? Wir können Euch nicht allein zurücklassen.“ Erschrocken sah Margaret ihre Herrin an.

„Doch, ihr werdet tun, was ich gesagt habe. Kümmert euch um meine Kinder, beschützt sie mit eurem Leben. Ich werde bleiben und meinem Mann in dieser schweren Stunde beistehen. In ein paar Tagen seid ihr dort und dann wird alles gut. Ich reise nach, sobald hier alles wieder seine Ordnung hat.“

Margaret war außer sich. Sie musste den Anweisungen ihrer Ladyschaft Folge leisten. Sie warf der jungen, erschöpften und doch entschlossen dreinblickenden Countess of Felleringtonworth einen letzten Blick der Verzweiflung zu.

„Geh, Margaret! Wir werden uns wiedersehen.“

Sie nickte, dann verließ die Gouvernante das Zimmer. Mit der einen Hand hielt sie das Neugeborene beschützend an ihre Brust gedrückt, mit der anderen die Tasche, die sie eben noch so eilig gepackt hatte.

Die Feuerglocke tönte unablässig. Der Geruch nach Verbranntem zog bereits durchs Anwesen. Niemand begegnete ihr, als sie in die Nacht hinaustaumelte und sich suchend umsah. Die Kutsche stand nur wenige Meter entfernt bereit. Arthur öffnete den Verschlag, als er Margaret erblickte.

„Wo sind Mary und die Kinder?“, keuchte sie. Doch der Kutscher hob unwissend die Schultern. „Ich bin gerade erst vorgefahren. Sie müssen noch drinnen sein.“

„Hier, nimm das Baby und die Tasche. Ich hole sie.“

Behutsam reichte Margaret das kleine Bündel weiter. Ohne eine Antwort abzuwarten, eilte sie zurück, lief die Treppen hinauf bis zu den Gemächern der Kinder. Als sie die Tür dorthin öffnen wollte, lief sie dagegen. Sie war verschlossen.

„Mary, mach auf. Ich bin es, Margaret!“ Sie klopfte kräftig dagegen, hielt inne und lauschte. Nun hörte sie das Wimmern der Kinder. „Mary, mach auf!“ Sie klopfte energischer.

„Ich kann nicht. Er hat uns eingeschlossen.“ Margaret konnte deutlich hören, dass auch Mary weinte.

„Wer?“

„Seine Lordschaft.“ Noch einmal rüttelte Margaret am Türknauf. Nun überfiel sie die blanke Panik. Wie sollte sie die Tür öffnen? Die Küche! Miss Smither hatte einen Schlüssel für jedes Zimmer.

„Keine Sorge, ich mach das. Ich bin gleich wieder da und hole euch raus!“

Der beißende Geruch nach Verbranntem nahm stetig zu, die Glocke dröhnte, als Margaret die Dienstbotentreppen wieder hinunterlief. Doch auch hier traf sie niemanden an.

„Miss Smither! Miss Smither, wo sind Sie?“ Niemand antwortete. Margaret lief zum Schlüsselboard. Mit zitternden Fingern nahm sie alle Schlüssel, ließ sie in die Schürzentasche gleiten und hastete die Treppen wieder hinauf. Als sie die Hälfte geschafft hatte, begegnete ihr Hitze und an den Wänden tanzten Schatten. Feuer.

Um Himmels willen! Margaret hielt sich die Schürze vor Mund und Nase und lief weiter. Doch den Flur zu den Kinderzimmern konnte sie nicht mehr betreten. Der Earl of Felleringtonworth stand mit einer Fackel bewaffnet vor der Tür. Sie brannte bereits lichterloh und er drehte sich wie besessen um sich selbst. Als er Margaret entdeckte, wirkte er für einen Moment überrascht. Er blieb stehen und musterte sie, gerade so, als erblickte er sie zum ersten Mal. Noch immer die Schürze vor Mund und Nase starrte Margaret ihn an. Die goldenen Flammen spiegelten sich in ihren schreckgeweiteten Augen. Sie vergaß zu atmen.

Hinter der Tür ertönte das panische Weinen der Kinder. Es wirkte wie ein Weckruf auf Spencer Morton.

„Auch du wirst büßen.“ Er schwang die Fackel und bewegte sich mit entschlossenen Schritten auf Margaret zu. Diese stieß einen herzerweichenden Schrei aus, machte auf dem Absatz kehrt und hastete die Treppen hinab. Sie wagte nicht, sich umzudrehen. Des Earls vernichtendes Lachen war ihr dicht auf den Fersen.

Draußen wartete Arthur. Sein Blick war nach oben gerichtet. Die Flammen wüteten hinter den Fenstern.

„Los!“, wimmerte Margaret. Sie fürchtete, ihre Beine würden jeden Moment ihren Dienst versagen. Arthur half ihr in die Kutsche und sprang auf den Bock. Schon trat der Earl aus dem Dienstboteneingang, die Fackel wild schwenkend, mit wutverzerrter Grimasse. Mit einem Ruck setzte sich die Kutsche in Bewegung. Durch das Fenster starrte Margaret ihn an. Sie konnte den Blick nicht von ihm abwenden, das gnadenlose Entsetzen hatte sie gelähmt. Die Kutsche nahm Fahrt auf. Mit jedem Augenblick wurde der Earl kleiner. Grithwood Castle stand vollständig in Flammen. Ein flammendes Inferno unter dem Nachthimmel. Die Feuerglocke war in der Ferne verstummt. Die nun aufkommenden Tränen verschleierten Margarets Blick, sorgten dafür, dass das Bild verschwamm. Dann löste sich ein schrecklicher Laut aus ihrer Kehle. Er klang nicht menschlich, erinnerte an ein sterbendes Tier.

„Nein!“ Kraftlos glitten Margarets Finger am Holz hinab. Wie betäubt starrte sie ins Leere. Die Kutsche wurde nun immer langsamer.

„Brrr“, machte Arthur. Dann hielten er sie an.

Er stieg ab und öffnete den Verschlag. Noch ehe er ein Wort sagen konnte, fiel ihm Margaret in die Arme und weinte bitterlich.

„Die Mädchen, Mary, die Countess …“ Sie schüttelte verzweifelt den Kopf. „Wir müssen nach Hertfordshire, jetzt.“

„Unmöglich. Es ist zu gefährlich in der Dunkelheit.“ Arthur sprach mit tiefer Stimme, die seinen Brustkorb zum Beben brachte.

Margaret klammerte sich an ihn und folgte seinem besorgten Blick. Die Flammen von Grithwood Castle waren weithin zu sehen. In der Kutsche machte sich das Baby mit zarten Lauten bemerkbar.

„Eleanor! Sie ist die Einzige, die …“ Margaret verstummte. Es war ihr nicht möglich, diesen furchtbaren Satz, die schrecklichste aller Tatsachen, auszusprechen. Sie musste sich einen Funken Hoffnung bewahren. Vielleicht waren die Countess, Mary und die Kinder doch noch entkommen.

„Wir fahren noch ein Stück. Sobald ich einen geeigneten Platz gefunden habe, verstecken wir uns, bis der Morgen graut.“

Arthur half Margaret wieder in die Kutsche. Behutsam nahm die Gouvernante das Bündel auf den Arm und als die Kutsche sich sanft in Bewegung setzte, begann sie, ein Schlaflied für Eleanor zu summen.

2. Eine interessante Begegnung

Die Londoner Ballsaison des Jahres 1817 war bereits in vollem Gange. An diesem Abend hatten der Viscount Turner und seine Gemahlin eingeladen. Die Viscountess war nicht nur eine hervorragende Gastgeberin, sie hatte auch einen ausgezeichneten Sinn für die perfekte Auswahl ihrer Gäste. Die hübschen unverheirateten Töchter der Gesellschaft wurden von ihren Müttern zu gern vorgezeigt. Die jungen Damen putzten sich angesichts der ledigen Söhne des Hauses immer noch etwas hübscher heraus und erröteten noch etwas schneller, wenn nur das Gespräch auf einen der beiden kam.

Sampson, der jüngere Sohn des Viscounts, legte nicht viel Wert auf die Festlichkeiten, aber er liebte seine Familie und wusste, was sich gehörte. Als Zweitgeborener sah er sich eher in der Verantwortung für seine Tiere als für den Ruf der Familie Turner in der Gesellschaft. Da sein nur ein Jahr älterer Bruder Jefferson ohnehin den Titel des Vaters erben würde, lag jegliches Augenmerk auf ihm. Dieser Umstand wiederum bescherte Sampson einige Freiheiten.

Die Jagdgesellschaft, die sich schon am Morgen auf Rickhamstead Manor, dem Landsitz des Viscounts unweit von London in Hertfordshire, versammelt hatte, war Sam ein angenehmer Ausgleich zu den steifen Festen in der Stadt gewesen. Er mochte den Geruch von Wiesen und Wäldern und mistete lieber einen Stall aus, als mit jungen Damen unter den prüfenden Augen ihrer Mütter zu tanzen.

Unter der Vorherrschaft des Viscounts hatte die muntere Jagdgesellschaft einen erfolgreichen und unterhaltsamen Vormittag miteinander verbracht. Nun befanden sich Hunde und Reiter mit ihrer Beute auf dem Rückweg nach Rickhamstead Manor, einem der großen Landsitze der Familie Turner.

Allerdings hatte Sam schon vor einiger Zeit festgestellt, dass Jack, ein Spaniel mit goldbraunem Fell, nicht mehr inmitten der kläffenden Meute herumsprang. Eine Weile hatte er sich in Geduld geübt. Jagdhunde liefen nun einmal einer Fährte nach und verschwanden vorübergehend, sie kehrten aber irgendwann wieder zurück und schlossen sich ihrem Rudel an. Jack war ein Jagdhund und Sam hatte darauf vertraut, dass es auch dieses Mal so sein würde. Doch Jack kam nicht zurück und da der kleine Kerl nun einmal Sams Lieblingshund war, beschloss er, sich auf die Suche nach ihm zu machen.

„Reitet voraus, ich komme nach!“, rief er seinem Bruder, der einige Meter vorausritt, hinterher und zügelte sein Pferd.

„Was ist los?“ Jeff ließ sein eigenes Pferd auf der Stelle wenden und ritt zurück.

„Jack ist nicht da. Ich werde ihn suchen müssen.“

Jeff zog die Stirn kraus und blickte auf die Hundemeute. Er zeigte sich aber nicht sonderlich besorgt.

„Jack ist ein Hund. Mach dir um den keine Sorgen. Der kommt schon noch oder ist längst zu Hause.“

Doch seine Worte konnten Sam nicht beruhigen. Für Sam war Jack mehr als nur ein Hund in der Meute, er war besonders und Sam war sich sicher, dass sein treuer Gefährte noch irgendwo hier draußen unterwegs war. Wenn er nicht von allein kam, war ihm womöglich etwas zugestoßen.

„Nein, das glaube ich nicht.“ Sam hielt sein Pferd an und sah sich suchend um. Er konnte sich nicht erklären, was ihn beunruhigte. Er hing sehr an dem Tier und wollte es nicht zurücklassen. Selbst wenn Jeff ihn deshalb für schwach hielt, er würde zurückreiten.

„Es wird etwas geschehen sein. Ich suche nach ihm.“

Jeff warf ihm einen ungläubigen Blick zu.

„Komm schon, Sam. Du willst dich doch nur vor dem Ball drücken. Wir müssen zurückreiten, wenn wir uns nicht Mutters Unmut zuziehen wollen.“ Er räusperte sich und brachte seine nüchterne Einschätzung der Lage hervor. „Wenn dieser Hund einer Spur gefolgt ist, wird er schon wieder auftauchen. Wenn ihm tatsächlich etwas zugestoßen ist, wirst du nicht viel ausrichten können, sofern du ihn überhaupt findest. Dann bleibt dir nur, ihn zu erschießen.“

„Das werden wir sehen, wenn ich ihn gefunden habe.“ Sam sprach gefasst und entschlossen, sein Blick strich aufmerksam übers Gelände. „Richte Mutter meine Entschuldigung aus. Ich werde mich beeilen und wie ein Gentleman auf dem Fest erscheinen. Sie wird nicht enttäuscht sein.“ Seine Stimme klang nun warm und besonnen.

„Das glaubst du doch selbst nicht.“ Jeff blickte seinen Bruder spöttisch an und sah den anderen Reitern ungeduldig nach. Sie hatten bereits ein gutes Stück Abstand gewonnen.

„Es ist mir ernst. Ich finde Jack, dann komme ich nach und werde auf dem Ball erscheinen. Es ist noch früh am Tag.“

„Ich würde dich einen Dummkopf schimpfen, wenn du nicht mein Bruder wärst. Ach was, du bist ein Dummkopf. Aber gut, wie du willst. Ich werde es ihr ausrichten. Du kennst Mutter und weißt, dass sie in solchen Dingen zur Unversöhnlichkeit neigt. Wenn du dich verspätest und nicht wenigstens fünf Damen zum Tanz aufforderst, was schwierig wird, je später du auftauchst, wird sie dir für den Rest der Saison böse sein.“

„Dann werde ich wohl in den sauren Apfel beißen müssen und mir die Füße wundtanzen.“ Er machte eine Pause und fügte hinzu: „Sobald ich Jack gefunden habe, versteht sich. Glücklicherweise habe ich einen älteren Bruder, gutaussehend und mit Aussicht auf den Titel eines Viscounts. Wahrscheinlich bemerkt nicht einmal Mutter, dass ich nicht da bin, solange du die Damen galant wie immer um den Finger wickelst.“

„Gutaussehend“, echote Jeff. „Du bist unverbesserlich, Sampson Turner, aber von mir aus … tu, was du nicht lassen kannst.“ Jeff gab nickend sein Einverständnis, dann schnalzte er mit der Zunge und preschte davon. Er hatte mittlerweile einen beträchtlichen Rückstand aufzuholen.

Das Gebell der Hunde verhallte in der Ferne und Sam lenkte sein Pferd umgehend in die entgegengesetzte Richtung. Er würde Jack suchen und finden.

Eineinhalb Stunden später war er sich seiner Sache nicht mehr so sicher. Er trieb seine Stute nun bereits zum dritten Mal die Waldkante entlang, seinem scharfen Blick entging selten etwas, doch Jack blieb spurlos verschwunden.

„Jack! Jack, komm schon! Wo steckst du, mein Junge?“ Sam rief und pfiff.

Seine Bemühungen blieben vergeblich. Das Pferd schwitzte stark und Sam musste es einige Minuten Schritt gehen lassen. Dabei blickte er über die saftig grünen Wiesen Hertfordshires, die sich vor ihm erstreckten. Es regnete nicht, die letzten Tage waren erstaunlich trocken geblieben und er hatte gute Sicht. Abermals nahm er den Waldrand ins Visier und rief den Namen seines Hundes.

„Jack! Komm zu mir! Mach schon, Jack!“ Er lauschte, doch bis auf den Gesang einiger Vögel war nichts zu vernehmen.

Ein erneuter langgezogener Pfiff verhallte, doch von dem Spaniel war weder etwas zu sehen noch zu hören. Sam gab es auf, hier zu suchen. Unzufrieden und beunruhigt schnalzte er mit der Zunge, übte mit den Schenkeln etwas Druck auf die Flanken des Pferdes aus und gab die Zügel leicht nach. Die Stute verfiel wieder in gemächlichen Trab. Sie ließen den Wald hinter sich. Sam beschloss, seine Strategie zu ändern und seine Suche ausweiten. Ohne Jack wollte er nicht nach Hause zurückkehren. Er hatte es sich nun einmal in den Kopf gesetzt.

Der Rüge und dem Unmut seiner Mutter würde er nicht entgehen können. Sein Bruder Jeff hatte recht. Dolores Turner würde ihrem Sohn ihr Missfallen über seinen Ungehorsam und den Mangel an Respekt für den Rest der Saison zeigen, wenn er am Abend nicht oder erst viel zu spät auftauchte. Schließlich hatte sie sich mit der heutigen Jagdgesellschaft erst einverstanden gezeigt, nachdem die Brüder ihr Wort gegeben hatten, am Abend in London zu erscheinen und sich von ihrer besten Seite zu zeigen.

Sam hatte die Ebene fast durchquert und wollte schon wieder umkehren, als er dicht bei einer Baumgruppe eine Kutsche erkannte. Seltsam. Von Neugier getrieben, näherte er sich. War eventuell jemand in Not geraten und benötigte seine Hilfe? Als er nahe genug war, erkannte er zwei Damen auf einer Picknickdecke, die in die Beschäftigung mit irgendetwas oder irgendwem so außerordentlich vertieft waren, dass sie weder ihn noch sein Pferd bemerkten. Sie waren der adligen Gesellschaft entsprechend gekleidet. Müssten sie sich dann nicht eher in London aufhalten? Wie er zuvor mit seinem Bruder diskutiert hatte, war Ballsaison und die Damen der Gesellschaft waren ausgesprochen versessen darauf.

Er näherte sich weiter und erkannte sehr deutlich, dass die beiden Damen in hübschen Kleidern einen goldbraunen Hund streichelten. Nicht nur das, sie verwöhnten ihn auch mit Leckerbissen. Von einem Moment auf den anderen verwandelte sich Sams Besorgnis, es könnte etwas vorgefallen und gar seine Hilfe vonnöten sein, in Empörung. Die beiden Damen waren ihm fremd, aber seinen Hund erkannte er sofort.

Jack! Das durfte doch nicht wahr sein! Der Ärger, der sich in Sam zusammenbraute, ließ sich kaum unterdrücken. Nur die Ursache dafür war ihm noch nicht klar, schließlich sollte er doch froh darüber sein, dass er die Suche nach seinem Hund nun erfolgreich beenden konnte. War es der Umstand, dass Jack sich als treuloser Gefährte entpuppte oder die Tatsache, dass die Fremden mit ihren hübschen Kleidern und Sonnenschirmchen sich erdreisteten, seinen Hund mit Süßigkeiten vollzustopfen?

Sam saß ab und zog seinen Hut.

„Guten Tag, die Damen. Mein Name ist Sam Turner.“ Seine Stimme verriet nichts von seinem sonst so herzlichen Wesen. Die Frauen, eine der beiden noch sehr jung, mit beinahe kindlichen Zügen, blickten überrascht auf.

„Wie ich sehe, haben Sie meinen Hund gefunden.“ Sam bemühte sich, ruhig zu bleiben. Dass Jack nicht einmal jetzt angemessen auf ihn reagierte und zu ihm kam, sondern nur müde mit der Rute wedelte, irritierte ihn außerordentlich.

„Oh, wie wunderbar. Wir haben uns schon gefragt, ob der Ärmste nicht längst vermisst wird.“ Eine der beiden Frauen, die jüngere, zeigte sich erfreut, blickte kurz auf und schob Jack gleich darauf ein weiteres Stück Pastete in den Fang.

Sam schnaufte und trat noch ein paar Schritte näher. Sein Pferd hielt er am langen Zügel. Er stand nun am Rand der Picknickdecke und ging in die Hocke. Erst jetzt bemerkte er, dass Jacks linke Hinterpfote mit einem weißen Tuch verbunden war. Sein Ärger verflog augenblicklich und ihn erfasste erneut Sorge.

„Jack, mein Junge, was ist passiert?“ Er streckte den Arm aus. Nun bewegte sich der Spaniel in geduckter Haltung und mit verhaltener Freude auf ihn zu.

„Er hat sich verletzt.“ Der jungen Dame mangelte es reichlich an Verlegenheit. „Es steckte ein großer Dorn in seiner Pfote. Ich war so frei, ihn herauszuziehen und die Wunde zu versorgen. Wenn wir Glück haben, ist er mit ein wenig Ruhe und Pflege bald wieder auf den Beinen. Wenn Sie mich fragen, ist es halb so schlimm. Er übertreibt etwas, um noch mehr Pastetchen zu ergaunern.“ Sie strich Jack liebevoll über den Rücken. Sam beobachtete die Geste mit einer Mischung aus Wohlwollen und Eifersucht, dabei fiel ihm auf, dass die Fremde feine Lederhandschuhe trug.

„Wir?“, wiederholte er ungläubig.

Ihre Blicke trafen sich. Sam sah in ein paar sehr warme, gefühlvolle braune Augen, umrahmt von einem blassen, sehr hübschen und vor allen Dingen verdammt jungem Gesicht. Das Kleid, der Hut und die darunter frisierten dunklen Haare konnten aus der Ferne täuschen. Wie alt mochte sie sein? Allerhöchstens fünfzehn vielleicht. Wenn man sich dieser Tatsache bewusst wurde, fehlte es ihr nicht nur an Verlegenheit, sondern sie war ausgesprochen vorlaut.

„Selbstverständlich.“ Sie nickte, ließ den Hund los und stand auf. Auch Jack richtete sich wieder auf und trat einen Schritt zurück. Er war größer als sie, als beide Damen. Die andere hatte er zu seiner Verwunderung für einen Augenblick vergessen. Sie hatte sich bisher sehr zurückgehalten, war deutlich älter und reservierter. Aber auch sie kannte Sam nicht. Ob er hier Mutter und Tochter vor sich hatte? Aber wenn ja, was taten sie hier? Sie waren offenbar fremd in der Gegend. Es erschien ihm seltsam. Sein Name hatte keine von beiden besonders beeindruckt. Sie sahen ihn nicht in der gewohnten Ehrfurcht an, wie es Mütter und Töchter des ton sonst taten. Auch blickten sie nicht neugierig an ihm vorbei, um nach seinem Bruder, dem Erstgeborenen und Titelerben, Ausschau zu halten. Im Gegenteil, sie wussten offensichtlich nicht, dass er der Sohn des Viscounts war.

Die jüngere der beiden faltete nun ihren Sonnenschirm zusammen und reichte diesen an ihre Begleitung. Dann bückte sie sich hinab, hob den Hund hoch und fuhr ihm mit der Hand sanft über das Fell.

„So, mein Hündchen, jetzt ist es wohl an der Zeit, Abschied zu nehmen und nach Hause zu gehen.“ Gleich darauf drückte sie Jack dem verdutzten Sam gegen die Brust, sodass dieser schnell reagieren und ihn festhalten musste.

Dabei ließ er die Fremde keinen Moment aus den Augen. Trotz ihres jungen Alters und der offenkundig etwas nachlässigen Erziehung ‒ ihr mangelte es offenbar an Respekt ‒ faszinierte Sam ihre natürliche Eleganz. Er musste es vor sich selbst zugeben. Sie war unverblümt, selbstsicher und hinreißend.

Den Blick auf die Schönheit gerichtet, Jack auf dem Arm, gewann Sams Neugier die Oberhand. Es war längst überfällig, herauszufinden, mit wem er es zu tun hatte.

„Verzeihen Sie, wo habe ich nur meine Manieren. Ich bin Ihnen zu tiefem Dank verpflichtet. Mit wem habe ich das Vergnügen?“ Er warf ihr einen prüfenden Blick von oben herab zu.

„Nora.“ Die Antwort fiel kurz, bündig und absolut nicht zufriedenstellend aus. So benahm sich doch keine Dame. Einen Augenblick dachte er, sie würde sich doch noch dazu entschließen, ihren vollständigen Namen zu nennen, aber die Fremde dachte nicht daran. Sie bückte sich zur Picknickdecke hinab und begann damit, sie zusammenzulegen, während ihre ältere Begleitung sich schon auf den Weg zur Kutsche gemacht hatte, um den Korb dort zu verstauen.

„Und Miss Nora? Wollen Sie mir nicht Ihren vollen Namen verraten?“ Unerhört, dass er sie darauf aufmerksam machen musste.

„Nora Wilmington“, erwiderte sie und lächelte ihn unbekümmert an. Dieser kecke, vielmehr freche Ton in ihrer Antwort, imponierte und verärgerte Sam gleichermaßen. Diese Erkenntnis wiederum machte ihn sprachlos. Er betrachtete Miss Nora genauer. Ja, sie war jung und definitiv noch nicht in die Gesellschaft eingeführt, aber wenn es so weit war, gehörte sie gewiss zu den Damen, die ihren Standpunkt verteidigen konnten, sofern man sie ließ.

„Soll ich Ihnen noch mit dem Hund helfen, bevor Miss Lainshore und ich weiterfahren?“ Sie hielt die zusammengefaltete Decke mit beiden Händen fest und blickte mit schief gelegtem Kopf zu ihm auf.

„Wie kommen Sie darauf, dass Sie mir helfen müssen?“ Sam verlieh seiner Stimme etwas mehr Tiefe und zog demonstrativ eine seiner Augenbrauen hoch, um seiner Entrüstung über diese abwegige Frage zum Ausdruck zu bringen. Auch wenn ihm vorhin sein eigener Mangel an Manieren bewusst geworden war, so wusste er doch, welcher Umgang sich in seiner Gesellschaft gehörte. Er war der Sohn eines Viscounts und die junge Dame pfiff offenbar darauf oder, dies war auch möglich, wusste es nicht besser, da sie nicht die gute und standesgemäße Erziehung erhalten hatte, von der er im ersten Moment ausgegangen war.

Der Name Wilmington war ihm nur in Verbindung mit der Witwe des verstorbenen Viscount Wilmington ein Begriff, aber dieser hatte keinen Erben hervorgebracht, der den Namen hätte weiterführen können.

„Der arme Jack wird mit seiner Verletzung kaum laufen können. Sie werden ihn mit aufs Pferd nehmen müssen. Ich schlage vor, sie steigen auf und ich reiche Ihnen den Hund hinauf“, holte Nora Sam aus seinen Gedanken.

Welch vorlautes Mundwerk und sie hatte zudem auch noch recht. Jack wog mindestens zwanzig Pfund und ließ sich wahrscheinlich nicht wie ein totes Kaninchen über den Sattel legen. Sam brummte grimmig. Nora Wilmingtons Vorschlag war vernünftig und sie war auch noch vor ihm darauf gekommen.

„Also gut.“ Sam wartete, bis sie die Decke ins Gras gelegt hatte und gab ihr den Hund zurück. Eilig bestieg er sein Pferd und beugte sich hinunter zu ihr. Sie übergab ihm den Hund vorsichtig und beobachtete, wie Sam ihn sicher oben platzierte. Jack war ein geduldiger Hund.

Nun, da Sam ihn gefunden hatte und er gerettet war, sollte er zufrieden nach Rickhamstead Manor reiten. Aber die Zufriedenheit stellte sich nicht ein. Vielmehr hatte er, der Sohn des Viscounts, das Gefühl, dass diese kleine vorlaute Nora Wilmington ihn ordentlich dirigierte. Wie kam sie nur dazu?

Hinzu kam der seltsame Umstand, dass ihm noch nicht der Sinn danach war, sich zu verabschieden. Er gedachte zumindest noch ein paar Antworten auf seine Fragen zu erlangen. Welche Umstände führten sie hierher? Gab es eine Verbindung zur Witwe Wilmington? Aber er hatte die Gesellschaft der Fremden schon sehr lange in Anspruch genommen. Es wäre unhöflich, länger zu bleiben.

„Vielen Dank, dass Sie Jack gefunden und versorgt haben. Gestatten Sie mir noch eine Frage?“

„Miss Wilmington!“ Die andere Dame saß bereits in der Kutsche und platzte vortrefflich dazwischen.

„Ich komme doch schon, Miss Lainshore“, rief Nora gut gelaunt zur Kutsche hinüber und sagte dann an Sam gewandt: „Jetzt, da der kleine Pechvogel wieder sicher bei seinem Herrn ist, können wir endlich weiterfahren. Wir haben sehr viel Zeit aufzuholen. Auf Wiedersehen, Mister Turner.“ Den letzten Satz betonte sie besonders und vollführte dabei einen bemerkenswerten Augenaufschlag.

Sam stieß verärgert die Luft aus. Es passte ihm nicht, dass er nicht dazu gekommen war, seine Frage zu stellen. Er hätte zu gern mehr über Miss Wilmington und Miss Lainshore erfahren. Mutter und Tochter waren sie wohl nicht. Diesbezüglich würde er sich wohl bis zu einem anderen Tag gedulden müssen. Dass er und Jack noch dazu zur Verantwortung für eine mögliche Verzögerung gezogen werden sollten, entlockte ihm ein missmutiges Knurren. Ein guter Kutscher machte dies ohne Weiteres wett. Vielleicht sollten sie sich einfach besseres Personal zulegen. Erst jetzt fiel ihm auf, dass von eben diesem Kutscher weit und breit nichts zu sehen war. Nora hatte die Kutsche bereits erreicht.

„Aber wie wollen Sie …“, Sam stellte seine Frage nicht zu Ende, denn im nächsten Augenblick kletterte die junge Dame behände auf den Kutschbock und löste die Zügel. Mit gekonnter Bewegung dirigierte sie die Pferde, woraufhin sie sich in Bewegung setzten. Ohne sich umzublicken, lenkte Nora die Kutsche und trieb die Pferde schon bald zur Eile an. Sam konnte sich nicht daran erinnern, dass er jemals eine Dame von Rang gesehen hatte, die allein eine Kutsche lenkte. Und mindestens eine von beiden musste von Rang sein. Die Kutsche war ein Prachtstück. Er würde sich die fehlenden Informationen wohl bei seiner Mutter, der Viscountess Turner einholen. Sicherlich wusste diese, wie es um die Familiengeschichte der Wilmingtons oder Lainshores stand.

Bis zu seiner Ankunft auf Rickhamstead Manor, es dunkelte bereits, war er die Gedanken an die außergewöhnliche, offensichtlich verzogene und doch sehr hübsche Miss Wilmington nicht losgeworden.

Er brauchte sich nicht viel Mühe zu geben, um festzustellen, dass die Herren der Jagdgesellschaft längst auf dem Weg nach London waren. Abgesehen davon, dass keine fremden Droschken bei den Ställen standen, war es still und es brannten nur vereinzelt Lichter. Die Dämmerung legte sich wie ein dunkler Schleier über das Anwesen.

In London waren die Festlichkeiten sicherlich in vollem Gange. Seine Mutter liebte es hell und geschmückt. Gäste einzuladen bereitete ihr eine außerordentliche Freude. Seit Tagen schon residierte die Viscountess in London und ging in den Vorbereitungen für den diesjährigen ersten Ball in Turner House auf.

Sam war an den Stallungen angelangt. Er hielt Jack im Arm, während er sein Bein über den Hals des Pferdes schwang und dann seitlich an ihm herunterglitt. Er übergab seine Stute einem Stalljungen, der überrascht angelaufen kam und die Zügel übernahm.

„Reibe sie gut ab. Gib ihr eine doppelte Portion Hafer und viel Wasser. Sie hat heute mehr als genug gearbeitet.“

Der Junge nickte und führte das erschöpfte Tier eilig davon, um es zu versorgen. Sam sah sich um und betrachtete den Himmel. Es zeigte sich bereits in den verschiedensten tiefen und dunklen Rottönen. Jeff würde recht behalten. Wie sein Bruder es vorausgesagt hatte, war es Sam unmöglich, noch pünktlich in London zu erscheinen. Allein die Kutsche würde in der Dunkelheit mehr als zwei Stunden brauchen und er trug noch nicht einmal passende Kleidung. Er würde den Rest der Saison, wenn er irgendwann wieder die Gunst seiner Mutter erlangen wollte, mit jeder einzelnen unverheirateten Dame tanzen müssen, die ihm Gelegenheit dazu gab. Dolores Turner war eine angenehme und gerechte Person und sie neigte dazu, wenn sie sich im Recht wägte, nachtragend zu sein. Da sie aber über die Verbindungen der Gesellschaft und vor allem über sämtliche junge Damen im heiratsfähigen Alter Bescheid wusste, würde ihr Wohlwollen es ihm ungemein erleichtern, unauffällig Informationen über Miss Wilmington einzuholen.

„Komm schon, alter Freund“, sprach er aufmunternd, mehr zu sich, als zu Jack, den er immer noch auf dem Arm hielt, „eine grauenhafte Saison wartet auf uns. Nutzen wir die Zeit sinnvoll und schauen uns deine Pfote genauer an. Bilde dir nicht ein, dass ich dich hier zurücklasse. Du kommst mit nach London. Du hast mir den Schlamassel schließlich eingebrockt.“ Er strich Jack über den Kopf und brachte den Hund in seine Gemächer. Dort ließ er sich Verbandstücher und Salbe bringen, um dann vorsichtig das Tuch von der Verletzung zu lösen.

Miss Wilmington hatte gute Arbeit geleistet. Die Wunde war von ihr gesäubert worden und würde schon bald verheilt sein. Nachdem der neue Verband angelegt war, bemerkte Sam die Stickerei auf dem schmutzigen Tuch. Es waren die Initialen N.W.