Kapitel 1
»Und du bist dir sicher, dass du das durchziehen willst, Livia?« Marianna zieht skeptisch die Augenbrauen zusammen.
Ich nicke meiner Mitbewohnerin zu. »Es ist die einzige Möglichkeit …«
»Ist es nicht. Du könntest einfach das Internet durchforsten, und -«
»Nein«, falle ich ihr ins Wort. »Ich will ihn … treffen. Will ihm gegenüberstehen und in seine Augen blicken. Will verstehen …« Sobald ich an ihn denke, beginnt alles in mir aufgeregt zu kribbeln. Es ist wie ein unbekannter Rausch, dem ich seit Jahren nicht mehr entkommen kann. Ich will seine Gemälde verstehen, will wissen, was diesen Mann antreibt. Und warum er sich von einem Tag auf den anderen aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat. Wie ein Phantom. Jemand, den es scheinbar niemals gegeben hat. Ein bisschen unsicher bin ich mir dennoch, ob ich in der Lage bin, ihn zu finden. Vielleicht will Alessandro Marino nicht gefunden werden? Bei diesem Gedanken klopft mein Herz erneut einen Takt schneller.
»Du bist besessen«, murmelt Marianna kopfschüttelnd. »Ich kann wirklich nicht verstehen, was du an seinen Gemälden findest. Sie sind so …« Grübelnd legt meine Mitbewohnerin ihren Daumen ans Kinn, als würde sie tatsächlich nach den richtigen Worten suchen.
»Inspirierend? Tiefgründig?«, versuche ich, ihr zu helfen. Ein Grinsen huscht über mein Gesicht, denn es amüsiert mich immer wieder, wenn Marianna sich über meine Leidenschaft für Marinos Kunst auslässt.
»Düster«, beendet sie schließlich ihren Gedankengang, dann grinst sie ebenfalls.
»Na ja, sie waren nicht immer so düster«, verteidige ich meinen Kunstgeschmack. Am Höhepunkt seiner künstlerischen Laufbahn zeigte Alessandro Marino Bilder in leuchtenden Farben. Vom ersten Tag meines Kunststudiums an habe ich mich in seine Gemälde verliebt. Ich habe alles, was ich über ihn und seine Werke finden konnte, wie ein Schwamm in mich aufgesogen. Also ja, Marianna hat womöglich recht: Ich bin von ihm besessen.
»Du könntest es dir zumindest noch einmal überlegen, ob du wirklich selbst nach Florenz reisen willst«, meint sie nachdenklich. »Es heißt ja nicht, dass du diesen Marino wirklich triffst. Wenn er sich bereits seit Jahren vor der Öffentlichkeit versteckt, wird er dir sicher nicht gleich die Tür aufhalten und dich mit offenen Armen empfangen.«
»Schon möglich. Dennoch will ich es versuchen.« Achtlos werfe ich noch ein weiteres Kleidungsstück in meinen Koffer, ehe ich ihn schließe. Dann stecke ich meinen Skizzenblock und das Notebook in den Rucksack. Mein Zug nach Florenz geht in weniger als drei Stunden, und ich bin sowieso schon viel zu spät dran.
»Jetzt kann ich keinen Rückzieher mehr machen. Ich habe mein Thema für die Bachelorarbeit schon vor Monaten angemeldet und mit Professorin Bellini durchgesprochen. Sie ist begeistert von meiner Idee, ein Interview mit Alessandro Marino zu führen, um hinter seine Beweggründe zu kommen.«
Marianna stemmt die Hände in die Hüften und pustet sich eine Strähne aus dem Gesicht, was ihr einen beleidigten Ausdruck verleiht. Ich weiß, dass sie im Grunde nicht böse ist, weil ich sie den ganzen Sommer in Mailand zurücklasse. Dennoch beschleicht mich ein wenig das schlechte Gewissen.
»Du könntest mich besuchen kommen. Vielleicht nächstes Wochenende?«, schlage ich ihr vor.
»Um mir dann dein Gejammer anhören zu müssen, weil du bei deiner Suche kläglich gescheitert bist?«, entgegnet sie amüsiert. Lachend schultere ich meinen Rucksack.
»Um mit mir einen Wein auf der Veranda der kleinen Pension zu trinken und den Sonnenuntergang zu genießen, während wir uns über die Schönheit der Stadt unterhalten«, korrigiere ich. Mariannas Gesicht hellt sich auf.
»Eine wunderbare Idee, aber du weißt ja, dass ich diesen Sommerjob bei meiner Professorin angenommen habe. Zu gerne hätte ich dich besucht, doch meine Wochenenden sind bereits mit Arbeit verplant.« Mit einem leisen Seufzen umarmt sie mich, ehe ich aus der Tür unserer WG trete. »Aber du kannst jederzeit abbrechen und zurückkommen. Informationen zu Marino gibt’s haufenweise im Internet«, ruft sie mir nach, während ich meinen Koffer bereits einige Stufen die Treppe hinunterschleppe. Ich sehe über die Schulter zu ihr, wie sie sich von oben über das Geländer lehnt und mir zum Abschied zuwinkt, ehe sich die Eingangstür hinter mir schließt. Als ich hinaus ins Freie trete, schlägt mir Hitze entgegen. Die Gerüche von Zitrusfrüchten und diversen Parfüms steigen mir sofort in die Nase. Ich atme tief ein und lächle in mich hinein. Mailand hat zahlreiche Facetten: ein Hauch von Luxus und Eleganz, gemischt mit dem geschäftigen Treiben und dem Duft verschiedener Speisen. Obwohl ich gerne hier lebe, ist Mailand nie wirklich mein Zuhause geworden. Deshalb bin ich froh über die Zustimmung meiner Professorin, meine Idee in die Tat umsetzen zu dürfen. Offiziell werde ich diesen Sommer in Florenz verbringen, um Material für meine Bachelorarbeit zu sammeln. Inoffiziell flüchte ich aus Mailand – vor der stickigen Enge meiner kleinen Altbauwohnung, vor zu viel Theorie und zu wenig Leben, wie ich es mir während meines Studiums ausgemalt habe. Denn niemand scheint meine Gedanken und meine Kunst zu verstehen. Einzig allein Professorin Bellini glaubt an meine Leidenschaft. Und Marianna, auch wenn es manchmal nicht so rüberkommt. Seitdem ich für mein Kunststudium aus Sirmione nach Mailand und zu ihr in die WG gezogen bin, sind wir beste Freundinnen geworden. Wir ergänzen uns ziemlich gut. Ich mit meiner positiven Einstellung zum Leben und sie mit dem misstrauischen Blick auf die Dinge, die ich oft genug übersehe.
Endlich erreiche ich die Straßenbahnhaltestelle, die knappe zehn Minuten von unserem Wohnblock entfernt liegt. Bis zur Uni brauchen wir täglich etwas mehr als eine halbe Stunde, die ich oft dafür nutze, meinen Gedanken nachzuhängen oder bereits über neue Skizzen zu grübeln. Heute jedoch führt mich mein Weg zum Bahnhof …
Die Tram hält in diesem Moment vor mir und die Türen springen auf. Ich steige ein und suche mir einen Platz am Fenster.
Wie gewohnt ziehe ich meinen Skizzenblock heraus und beginne damit, die an mir vorbeiziehende Stadt zu zeichnen. Dabei muss ich nicht einmal genau hinsehen, denn ich kenne die Straßen Mailands bereits in- und auswendig. Alles wirkt auf mich wie ein Kunstobjekt auf einer Leinwand. In Mailand hatte ich bereits zu Beginn meines Studiums das Gefühl, durch ein Museum zu laufen, das niemand anfassen durfte. Alles war schick, kontrolliert und durchgestylt – sogar die Cafés wirkten manchmal wie Kunstinstallationen. Ich hatte schnell gelernt, wie man sich in Galerien bewegt und wie man analysiert. Ich konnte Gemälde sezieren wie ein Medizinstudent einen Körper – Farblehre, Symbolik, Pinselduktus, Kontext. Doch das war nicht das, was ich wirklich wollte. Ich wollte nicht analysieren – ich wollte erschaffen! Etwas, das für die Nachwelt bleibt. Etwas, das den Blick der Menschen verändert. Genau so, wie die Gemälde von Alessandro Marino mich verändert haben.
Die Bleistiftlinien auf meinem Papier werden zu Formen, Gebäuden, Straßen, Menschen. Hastig fliegt meine Hand über den Block, als wären mir diese Bewegungen ins Blut übergegangen. Schon als Kind habe ich überall gezeichnet. In Schulhefte, auf Tischdecken, sogar auf die Tapete im Wohnzimmer meiner Nonna. Meine Mutter war wenig begeistert, mein Vater hatte geschmunzelt und mir einen alten Aquarellkasten aus dem Keller geholt. Er war mal Architekt mit zu vielen Entwürfen in der Schublade, die nie gebaut wurden. Seine Zeichnungen waren klar, präzise, technisch. Meine waren chaotisch, voll Emotion und Farbe. Diese Zeiten sind jedoch lange vorbei. Nun betreiben meine Eltern eine Pizzeria in meiner Heimatstadt Sirmione. Die Zeichnungen meines Vaters sind längst vergessen …
Wieder sehe ich aus dem Fenster, betrachte die vorbeiziehenden Gebäude, Autos und Menschen. Ich liebe diese Route mit der Tram, denn wir kommen schon bald am Domplatz vorbei. Obwohl ich diese Strecke bereits seit zwei Jahren tagtäglich fahre, kann ich nicht anders, als den gigantischen Dom aus hellem Marmor zu bewundern. Jede einzelne Spitze, jede Figur scheint von jemandem geschaffen worden zu sein, der scheinbar von Perfektion besessen war. Unzählige Türmchen ragen in den Himmel, und zwischen ihnen thront ganz oben die goldene Madonnina, die aus der Entfernung vom Tramfenster aus winzig erscheint. Bereits einige Male habe ich versucht, den Dom zu skizzieren, doch mir fallen immer wieder neue Details auf, weshalb ich das Bild bisher nicht vollenden konnte.
Die Tram macht einen Bogen um den Platz und lässt den Dom hinter sich. Instinktiv drehe ich den Kopf und sehe über die Schulter, blicke ein letztes Mal zu den riesigen Fenstern, die wie dunkle Spiegel in Steinornamente eingefasst sind. Ich erkenne Menschen, die bereits am frühen Morgen in alle Richtungen strömen. Touristen mit Kameras, Einheimische mit schnellen Schritten, Paare, die sich an den Händen halten. Ich bin ein Teil davon und doch irgendwie außen vor, weil ich mich manchmal fehl am Platz fühle. Diese schillernde Welt aus Luxus und Eleganz erinnert mich immer wieder daran, dass ich lediglich versuche, dazuzugehören. Deshalb sehne ich mich insgeheim nach meiner Heimat Sirmione. Dort sind die Gassen überschaubar, die Stadt weniger laut und die Menschen wirken dort glücklicher.
Ich merke viel zu spät, dass die Tram in den Bahnhof einfährt. Weil die Menschen um mich herum bereits aussteigen, packe ich schnell meinen Skizzenblock ein und zerre den Koffer unter meinem Sitzplatz hervor. Mein Herz hüpft vor Aufregung, während ich durch die Bahnhofshalle zum richtigen Gleis eile. Ich habe immer noch etwas Zeit, dennoch will ich rechtzeitig da sein, um den Zug nach Florenz nicht zu verpassen. Denn in nur wenigen Stunden werde ich meinem Ziel näherkommen. Dann werde ich hoffentlich herausfinden, warum Marinos Bilder voller Traurigkeit mein Herz so berühren, dass ich an kaum etwas anderes mehr denken kann.
Die ganze Fahrt nach Florenz schaue ich aus dem Fenster und bewundere die sattgrünen Hügel und die weiten Felder, die das leuchtende Gold des Sommers widerspiegeln. Die Anspannung breitet sich mit jeder Minute immer stärker in meinem Inneren aus, ich starre hinaus, als würde ich nach etwas suchen. In der vergangenen Nacht habe ich kaum geschlafen. Zu viele Gedanken und Fragen wirbelten in meinem Kopf umher. Was, wenn ich Alessandro Marino gar nicht in Florenz finde? Was, wenn ich einem Phantom nachjage, das längst verschwunden ist? Und doch hatte ich das Gefühl, dass diese Reise mehr verändern würde als nur den Verlauf meiner Bachelorarbeit.
Als ich nach meiner zweistündigen Fahrt aus dem Zug steige, schlägt mir die Hitze wie eine Wand entgegen. Florenz empfängt mich mit dem Duft von Zypressen und Espresso. Mit wachsender Aufregung atme ich tief ein und schiebe meinen Koffer auf die Straße, um mich staunend nach allen Seiten umzusehen. Irgendwo hier, verborgen hinter Mauern, lebt er …
Kapitel 2
Mit einem mulmigen Gefühl gehe ich auf das alte Steinhaus zu, in dem ich die kommenden Wochen unterkommen werde. Einerseits freue ich mich auf meinen Aufenthalt in Florenz, andererseits nagen leise Zweifel an mir, ob mein Plan, etwas über Alessandro Marino herauszufinden, wirklich Früchte tragen könnte. Neugierig betrachte ich die von der Sonne gebleichte Fassade, denn die Jahrzehnte sind an diesem Gebäude nicht spurlos vorbeigezogen. Laut der Beschreibung im Onlinebuchungsportal ist es eine kleine und familiengeführte Pension in der dritten Generation. Der Preis war erschwinglich, weshalb ich nicht lange nach einer anderen Unterkunft gesucht habe. Außerdem hatte ich mich auf den ersten Blick in den Stil des Gebäudes verliebt, als ich mir die Bilder im Internet angeschaut habe. Neben den Fenstern hängen hölzerne Läden. Ich entdecke ein schmales Balkongeländer in der obersten Etage, das von wildem Wein umrankt wird. Bereits jetzt stelle ich mir vor, wie ich dort auf diesem Balkon stehe und die untergehende Sonne betrachte. Mit einem kleinen Lächeln schiebe ich meinen Koffer über den weiten Hof. Die Rollen klappern auf dem unebenen Kopfsteinpflaster.
Mit wild klopfendem Herzen bleibe ich unter dem altem Steinbogen stehen, der die hölzerne Eingangstür umrahmt. Vor dem Haus wachsen Rosmarinbüsche, ein paar Lavendelsträucher und eine rankende Bougainvillea, deren violette Blüten die Wand zum Leuchten bringen. Es duftet herrlich nach Zitronenblüten und Rosmarin, die in großen Kübeln auf Fensterbänken wachsen.
»Buonasera«, rufe ich durch das gemütliche Foyer der Pension. Es ist weniger ein Foyer, als einfach ein Flur mit einem Tischchen und einem wandhohen Regal dahinter, in dem ich die Unterlagen der jeweiligen Gäste vermute. Neugierig sehe ich mich im engen Raum um, dessen Fenster von einer mit Blumenmuster verzierten Gardine verdeckt ist und dadurch kaum Licht hineinlässt. Die Wände sind mit gerahmten Schwarz-Weiß-Fotografien verschiedener Personen geschmückt, vermutlich der Familienmitglieder früherer Generationen. Aus einem Nebenraum dringt leises Klappern von Töpfen. Es dauert einen Moment, dann betritt eine ältere Dame die Rezeption durch eine weitere Tür. In ihrem rundlichen Gesicht liegt ein freundliches Lächeln, das meine zuvor aufkeimende Nervosität direkt verpuffen lässt. Ihre grauen Haare sind zu einem lockeren Dutt gesteckt, sie trägt eine weiße Schürze über dem weiten Rock, an der sie sich die Hände trocknet.
»Buonasera«, wiederhole ich mit einem Lächeln. »Ich habe hier reserviert …«
Sogleich nickt sie wissend, geht um den kleinen Tisch herum und zieht ein großes, in schwarzes Leder eingebundenes Buch aus dem hohen Regal hinter sich. Darin blättert sie, als würde sie etwas Bestimmtes suchen. Dann tippt sie mit dem Zeigefinger auf ein dicht beschriebenes Blatt.
»Ah, Signorina, Sie sind also die, die das Zimmer unterm Dach genommen hat«, sagt sie in einem melodischen Ton. »Dieser Raum wird selten gebucht, denn wir haben keinen Fahrstuhl, und die Gäste scheuen die schmale Treppe hinauf ins Dachgeschoss.«
Sie mustert mich aufmerksam, jedoch mit einem freundlichen Gesichtsausdruck. »Sie reisen allein?«, fragt sie mich, obwohl sie es aus meiner Buchung eigentlich herauslesen könnte. Stumm nicke ich, und sie nickt ebenfalls.
»Es wird Ihnen hier gefallen, Signorina. Unsere Gäste schätzen die Ruhe dieses Ortes – und meine gute Küche!«, erklärt sie schmunzelnd, und ich höre einen gewissen Stolz heraus, der in ihren Worten mitschwingt. Die alte Dame stellt das Buch zurück ins Regal und öffnet eine Schublade, aus der sie einen Schlüssel herauszieht. Dann wendet sie sich mir wieder zu.
»Mein Name ist Bianca Ferrari. Mir gehört diese Pension schon seit …«, grübelnd legt sie ihre Stirn in Falten und denkt einen Augenblick nach, »seit fast fünfzig Jahren. Ich habe sie gemeinsam mit meinem Mann Giuseppe von meiner verstorbenen Großmutter Lucia übernommen, Gott hab sie selig.« Bianca tritt neben mich und deutet mit der Hand auf ein gerahmtes Foto zu meiner Rechten, das eine ältere Frau inmitten einer Kinderschar zeigt.
»Die Kleine hier vorne bin ich. Mit der großen Schleife im Haar«, erklärt sie mit einem Lachen. »Meine Großmutter hatte viele Enkel, doch niemand von ihnen wollte die Pension übernehmen. Ich war die jüngste von allen und immer schon gerne hier gewesen. Weshalb es für mich klar war, eines Tages ebenfalls hier zu arbeiten.«
»Es ist schön hier«, sage ich das Erstbeste, das mir einfällt. Bianca lacht erneut, drückt jedoch freundlich meine Schulter.
»Vorranging ist hier alles alt, Signorina. Mein Giuseppe kommt mit den Reparaturen nicht hinterher, immerhin ist er ebenfalls nicht mehr der Allerjüngste.« Sie führt mich durch einen angrenzenden, schmalen Gang, an dessen Ende ich eine Treppe erkenne. Scheinbar leichtfüßig und mühelos beginnt Bianca mit dem Anstieg. Ich hebe den Koffer mit beiden Händen an und folge der Inhaberin. Das alte Holz knackt unter unseren Schritten. Bereits nach der ersten Etappe spüre ich die Anstrengung, denn die Stiege wird immer schmaler und steiler. Bianca hat jedoch keinerlei Mühe die enge Treppe hinaufzusteigen. Auf dem obersten Treppenabsatz bleibt sie stehen und öffnet die Holztür mit dem Schlüssel. Ein leises Quietschen ertönt, dann schwingt die Tür nach innen auf. Der Duft von frischer Bettwäsche empfängt mich.
»Bitte, Signorina«, sagt sie, während sie einen Schritt zur Seite tritt, »dies ist nun Ihr Zuhause. Ich bin mir sicher, dass Sie sich wohlfühlen werden.« Sie drückt mir den Schlüssel in die Hand und wendet sich zum Gehen.
»Danke«, erwidere ich, als sie bereits die Treppe hinab ins Erdgeschoss geht. Nachdem Bianca verschwunden ist, betrete ich neugierig mein Zimmer. Für einen Moment stehe ich einfach still da, nur mit dem Koffer in der Hand, und lasse meinen Blick durch den Raum schweifen. Er ist schlicht und doch voller Charme: Die Wände sind in einem warmen Ocker gestrichen. Ein schmales schmiedeeisernes Bett mit einer weißen, handgehäkelten Tagesdecke steht neben einem großen Eichenschrank. Ein kleiner Tisch steht an der Wand, darauf eine Karaffe mit Wasser und zwei schlichte Gläser. Daneben ein Teller mit ein paar Feigen, die frisch gepflückt sein müssen.
Ich stelle den Koffer neben dem Bett ab und gehe zum geöffneten Fenster, vor dem ein leichter Vorhang im Wind weht. Mit angehaltenem Atem schiebe ich den Vorhang zur Seite und lehne ich mich nach vorne, um die sommerlichen Hügel zu betrachten. In der Ferne kann ich vage den Arno erkennen, der sich wie ein glänzendes Band durch die Stadt schlängelt. Mit geschlossenen Augen ziehe ich die frische Luft in meine Lungen und verharre einen Augenblick in dieser Position, lasse mir die Sonne ins Gesicht scheinen und spüre, wie die Anspannung der vergangenen Tage von mir abfällt. Ein Windstoß bringt den Duft von Thymian und Zitrusfrüchten mit sich und zerwühlt mein offenes Haar. Schmunzelnd streiche ich mir die wirren Strähnen hinter die Ohren und trete wieder einen Schritt zurück. Durch meine neue Umgebung strahlt auch dieses Zimmer so viel Wärme und Geborgenheit aus, die ich in der Metropole Mailand schon lange vermisst habe. Zum ersten Mal seit Langem habe ich das Gefühl, angekommen zu sein.
Ich durchquere den Raum und öffne die angrenzende Tür, hinter der ich das Badezimmer vermute. Tatsächlich ist es ein schmales, hell gefliestes Bad, mit einer Wanne und einem winzigen Waschbecken auf der gegenüberliegenden Seite. Mich fasziniert das bodentiefe Fenster, das zwar sehr schmal ist, jedoch helles Sonnenlicht in den engen Raum wirft, sodass er nicht drückend wirkt. Sofort wächst die Aufregung in mir, als ich das Fenster öffne, mich durch den engen Spalt schiebe und … mich auf dem kleinen Balkon wiederfinde, den ich bereits von der Straße aus bewundert habe. Er ist zwar nur wenige Meter lang, jedoch mit einem kleinen Tischchen und einem Stuhl ausgestattet. Begeistert umfasse ich das schmiedeeiserne Geländer, spüre die Weinranken unter meinen Fingern und blicke über die Straße. Die Abendsonne taucht den Himmel in rötliche Farben und schimmert auf den Dächern der umliegenden Häuser. Unten fährt ein Mann auf einem Fahrrad an einem Gemüsestand vorbei, während der Gemüsehändler ihm lachend etwas hinterherruft. Zwei Kinder jagen einer Taube hinterher, die aufgebracht flatternd auf einem Fensterladen landet. Eine Frau hängt Laken aus dem Fenster. Ein Hund rennt bellend über die Straße und verschwindet zwischen den eng stehenden Häusern. Die Stadt unter mir scheint zu vibrieren. Hier in Florenz ist alles … echt und lebendig! Ich entdecke eine junge Frau, die auf einer Bank vor einem Blumenladen auf der gegenüberliegenden Straßenseite sitzt und in einem Buch liest. Sofort überkommt mich das kribbelnde Gefühl, sie zeichnen zu müssen, weil sie so friedlich aussieht. Also flitze ich zurück ins Zimmer, um meinen Skizzenblock und einen Stift aus dem Rucksack zu holen.
Zurück auf dem Balkon setze ich mich an den Tisch und schlage den Block auf. Sofort springt mir das Bild von heute ins Auge, das ich in der Tram auf dem Weg zum Bahnhof angefangen habe. Die Straßen Mailands … Verrückt, dass ich vor nur wenigen Stunden dort gewesen bin, mir es aber jetzt schon so vorkommt, als läge dieser Moment weit in der Vergangenheit.
Ich blättere durch die vollgekritzelten Seiten mit unfertigen Skizzen und Gedanken, bis ich ein leeres Blatt vor mir sehe. Leer … bis auf den Namen, winzig klein in eine Ecke gezwängt, als würde ich es verdrängen wollen.
Alessandro Marino …
Andächtig streiche ich mit dem Finger über die Buchstaben in der Hoffnung, sie könnten mir verraten, wo ich diesen geheimnisvollen Mann finden kann, an den ich ununterbrochen denken muss. Dabei kenne ich ihn nicht. Alles, was ich über Marino weiß, stammt aus Artikeln, alten Katalogen, Gesprächen mit Professoren. Und seine Bilder. Diese farbenfrohen Gemälde, die mein Herz erwärmen. Und dazu seine beinahe düstere Seite. Bilder, die mich erschaudern lassen und doch berühren, wie es nichts anderes vermag. Sie sind wie gebrochene Spiegel – zersplittert, aber ehrlich. In ihnen liegt etwas Ungefiltertes, als hätte er nicht mit der Hand, sondern mit dem Herzen gemalt. Oder mit einer Wunde, die nie verheilte …
Ich habe sie in kleinen Galerien gesehen. Sie waren manchmal nur für wenige Tage ausgestellt. Und ich fühlte sie, diese Verzweiflung, die er mit seinen Werken auszudrücken versuchte. Diese Sehnsucht, Schuld, aber auch Liebe. Ich frage mich oft, wer er war, während er diese Bilder gemalt hat. Was passiert, wenn so ein Mensch plötzlich aufhört zu schaffen? Wofür lebt man dann? Kann man überhaupt einfach so aufhören? Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie es sein muss, wenn die Farben nicht mehr in jemanden leuchten, der dafür geschaffen ist, sie auf die Leinwand zu bringen. Seitdem ich einen Stift in der Hand halten konnte, habe ich gezeichnet. Ich kann mich an keinen Tag in meinem Leben erinnern, an dem keine Skizze in meinem Kopf war. Deshalb wollte ich Kunst studieren. Nicht, um stets selbst zu zeichnen, sondern um die Gedanken und Gefühle hinter den großen Kunstwerken zu verstehen. Ich brenne darauf zu erfahren, was die Meister ihrer Zeit dazu bewogen hat, solche Werke auf Leinwand zu bannen, die Generationen begeistern.
Was wohl in Marinos Kopf vorging, als er ›Die lachende Madonna‹ malte? Ich weiß nicht, warum ich diesen Drang habe, ihn zu finden. Vielleicht, weil ich glaube, dass ein Mensch, der solche Bilder malen kann, nicht einfach verschwinden darf? Vielleicht auch, weil ich der festen Überzeugung bin, dass Kunst nicht sterben darf, nur weil der Künstler es will.
Wie von selbst fliegt der Stift über das Papier. Umrisse entstehen. Ich setze feine Linien, skizziere das Gesicht der jungen Frau. Zeichne ihre weichen Locken, die ihr beim Lesen in die Augen fallen. Versuche das Gefühl, das ich in diesem Moment in meinem Inneren spüre, auf Papier zu bannen.
Erneut sehe ich auf und stelle fest, dass sie bereits aufgestanden und in den Blumenladen verschwunden ist. Enttäuscht lasse ich die Hand sinken. Der Stift rollt über die rohe Skizze und kullert über den Tischrand zu Boden.
»Oh nein«, murmele ich bestürzt und sehe, wie der Stift über die glatten Fliesen des Balkons direkt zum Geländer rollt und zwischen den eisernen Stäben und Weinranken hinabfällt. Entsetzt springe ich vom Stuhl auf und flitze aus meinem Zimmer die schmale Stiege hinab ins Erdgeschoss. Ich hänge sehr an dem Stift, denn ich habe ihn zum Beginn meines Studiums von meinem Vater bekommen. Er hat vor vielen Jahren ihm gehört, als er selbst noch voller Träume und Ideen gewesen ist.
»Wohin so eilig, Signorina?«, kommt es überrascht von einem grauhaarigen Mann, den ich im Foyer beinahe umrenne.
»Mi scusi«, entschuldige ich mich förmlich, beachte ihn jedoch nicht weiter und trete durch die hölzerne Tür in den Innenhof. Ich suche den Boden nach meinem Stift ab. Inspiziere die breiten Fugen zwischen dem Kopfsteinpflaster und schaue in die kleinste Ritze, entdecke meinen Zeichenstift jedoch nirgends. Eine schwarze Katze springt mir vor die Füße und lässt mich hochschrecken. Irritiert sehe ich dem Tier hinterher, das durch einen Spalt am Zaun der Pension huscht.
»Suchst du den hier?«, ertönt eine melodische Stimme. Ich wende mich um und erkenne die junge Frau, die ich vor wenigen Minuten heimlich gezeichnet habe. Ihr Lächeln ist freundlich, und ihre grünen Augen funkeln amüsiert, während sie mir meinen Stift in der offenen Hand entgegenhält.
»Danke«, murmele ich verlegen und nehme ihn an mich. Das kühle Metall des Griffels schmiegt sich vertraut in meine Handfläche. Einzelne Stückchen der Mine fallen auf meine geöffnete Handfläche. Entsetzt muss ich feststellen, dass die Mine gebrochen ist. Na großartig! Jetzt brauche ich einen Ersatz, sonst kann ich meine Skizze nicht vollenden.
»Du hast Glück, dass mir dein Stift aufgefallen ist. Sonst wäre er vermutlich in den Abfluss gerollt«, meint die Frau und deutet mit einem Kopfnicken zum Gullideckel am Ende des Grundstücks. »Nero hatte damit gespielt.«
»Nero?«, frage ich verdutzt. Ein Grinsen erscheint auf ihrem Gesicht.
»Die Katze der Ferraris. Sie ist vorhin durch den Zaun geschlüpft«, erklärt sie, dann mustert sie mich fragend. »Du hast mich beobachtet …«
»Ähm … ja«, gebe ich gedehnt zurück, und Hitze steigt in meine Wangen. »Sorry. Ich habe dich gezeichnet.«
Ihre Augenbrauen fliegen überrascht in die Höhe. »Wirklich? Zeigst du es mir?«
»Vielleicht ein anderes Mal. Die Skizze ist noch nicht fertig.« Ich deute auf meinen Stift, der nun nicht mehr zu gebrauchen ist. »Es wird wohl dauern, bis ich es beenden kann …«
»Mh …« Die Frau legt grübelnd Daumen und Zeigefinger an ihr Kinn, dann hellt sich ihr Gesicht auf. »Ich weiß, wo du eine Ersatzmine herbekommst.«
»Wirklich? Aber es muss eine spezielle Kreidemine sein«, gebe ich skeptisch zurück. »Kennst du einen Laden für Künstlerbedarf?« Zwar könnte ich selbst nach so einem Laden suchen, doch vermutlich kennt sie sich besser aus und würde mir viel schneller helfen können.
Sie schüttelt den Kopf, ihre blonden Locken fliegen dabei sanft um ihr Gesicht, was meine Hoffnungen zerplatzen lässt.
»Das nicht, aber ich kenne eine Galerie, in der du bestimmt gut beraten wirst«, erzählt sie breitwillig. »Silvana Marino ist eine Freundin meines Vaters. Sie kennt sich mit Kunst aus, bestimmt weiß sie, wo du so eine spezielle Mine schneller findest, statt lange das Internet danach zu durchforsten.«
Bei dem Namen Marino stellen sich mir die Nackenhärchen auf. Natürlich gibt es unzählige Personen mit demselben Nachnamen wie Alessandro Marino, dennoch beschleunigt sich mein Puls bei dem Gedanken, ich könnte bei meiner Suche einen Schritt weiterkommen.
»Gleich muss ich bei einer Blumenlieferung für eine Veranstaltung helfen. Aber morgen könnten wir zu Silvana gehen. Was sagst du?«
»Das wäre klasse«, entgegne ich erfreut. Sie lächelt mich an, dann hält sie mir die Hand hin.
»Mein Name ist übrigens Francesca Antonini. Meinem Papá gehört der Blumenladen. Vermutlich werden wir uns jetzt öfter sehen, solltest du länger als ein paar Tage in Florenz bleiben«, stellt sie sich vor und schüttelt überschwänglich meine Hand. »Es ist schön, eine neue Freundin gefunden zu haben.«
»Ich bin Livia.«
»Freut mich sehr, Livia. Also dann, wir sehen uns morgen. Ich muss wieder zurück in den Laden«, sagt Francesca und winkt, bevor sie wieder zum Blumenladen geht.