Leseprobe Wie verzaubert man einen Marquess?

Kapitel 1

Helmsford, England

April 1878

Die Droschke holperte über eine Spurrille, während sie die Straße entlangraste. Mit einem wenig damenhaften Fluch klammerte sich Caroline Lawrence an den Sitz, um nicht zu Boden zu stürzen. Sie hatte für die Fahrt vom Bahnhof raus aufs Land von Essex offensichtlich den schlechtesten Droschkenkutscher der Gegend angeheuert.

„Ho!“, rief der Kutscher den Pferden zu. Das schlecht gefederte Gefährt wurde langsamer und kam zum Stehen.

Caroline blickte aus dem Fenster. Unter dem bewölkten Aprilhimmel hatte sich eine Menge aus hauptsächlich weiblichen Zuhörerinnen versammelt, die Beatrice Walker bei ihrer Rede zu Frauenrechten lauschten.

Aufregung erfüllte Caroline. Sie ließ sich den schwarzen Schleier ihrer Trauerkleidung vors Gesicht fallen. Es war die perfekte Verkleidung. Sie konnte es sich nicht leisten, dass irgendeine Klatschbase Papa darüber informierte, dass man sie gesehen hatte, wenn er von seiner Diplomatenkonferenz in Paris zurückkehrte. Er würde ihre Teilnahme nicht gutheißen, genauso wenig wie den Artikel, den sie für den London Reformer über Miss Walker schreiben wollte.

Pah! Was für eine Untertreibung. Papa hasste die progressive Zeitung. Was würde er wohl tun, wenn er herausfand, dass sie C. M. Smith war, der berüchtigtste Journalist des Blattes?

Die Stimme ihres Vaters hallte durch ihren Kopf. Eine Frau gehört ins Haus.

Papperlapapp. Als sie ihre eigenen Artikel im London Reformer gesehen hatte, hatte sie Begeisterung überkommen. Frauen hatten keine Sitze im Parlament, doch ihre Artikel verliehen denen eine Stimme, die zum Schweigen verdammt waren. Sie verliehen Frauen wie ihrer Mutter eine Stimme. Auf dem Totenbett hatte Mama ihr enthüllt, wie machtlos sie sich ihr Leben lang gefühlt hatte. Als sei sie kaum mehr als ein hübsches Schmuckstück. Auch wenn sie den Zorn ihres Vaters auf sich ziehen würde, falls er herausfand, dass sie C. M. Smith war, wusste sie doch, dass Mama stolz auf sie gewesen wäre und sie bestärkt hätte.

Der Kutscher öffnete die Tür und schenkte ihr ein zahnlückiges Grinsen.

Caroline stieg aus. „Würden Sie auf mich warten, Sir?“

„Natürlich, Miss.“

Sie nahm ihren zusammengefalteten Schirm in die Hand, hob dann den Saum ihres schlichten, schwarzen Kleides und näherte sich der Menge über die Zufahrt aus befestigter Erde.

Miss Walker, eine stämmige Frau von großer Statur, stieg auf eine Kiste, um sich an die Gruppe zu wenden. Die Suffragette schob ihr Kinn vor und räusperte sich. Das Geschwätz der Menge verstummte zu einem leisen Summen. „Heute werde ich über die Ungleichheit sprechen, mit denen Frauen leben müssen.“

Ein kleiner Mann in Carolines Nähe rief: „So ein Unsinn.“

Caroline drehte sich zu ihm. „Sir, darf ich bitten? Ich möchte gerne zuhören.“

Er schnaubte. „Diesem Quatsch?“

„Geh nach Hause, du vertrocknete alte Jungfer!“, schrie ein bulliger Mann in einem zerknitterten, braunen Anzug vorne in der Menge.

„Such dir einen Ehemann“, rief ein dritter.

In ihren zwanzig Lebensjahren hatte Caroline noch nie erlebt, dass eine Rednerin derart schäbig behandelt wurde. Als wäre sie diese Beschimpfungen gewöhnt, sprach Miss Walker weiter, ohne auch nur zu zucken.

Der unhöfliche Mann neben Caroline zog ein Ei aus der Tasche und holte aus.

Oh, dieses dreiste, kleine Wiesel! Caroline hob ihren Schirm und ließ ihn auf den Kopf des Mannes hinuntersausen.

Das Ei rutschte ihm aus der Hand, segelte rechts an Beatrice Walker vorbei und traf den Kerl im braunen Anzug.

Der Mann lief rot an und stieß Flüche aus, während Eigelb über sein Jackett rann. Er zog das beschmutzte Kleidungsstück aus, warf es zu Boden und stürmte mit erhobener Faust auf den Werfer zu. „McAlister, das war mein bestes Jackett. Sie sollten sie treffen. Nicht mich, Sie verdammter Blödmann!“

Mehrere Frauen tadelten den Mann für seine Flüche. Dann brach die Hölle aus. Eine Kakofonie lauter Stimmen erfüllte die Luft. Männer und Frauen stritten miteinander. Das unhöfliche Wiesel und der bullige Kerl rollten sich am Boden in einer Staubwolke herum, während Beatrice Walker mit erhobener Stimme weitersprach, als wäre alles in bester Ordnung.

Eine zierliche, grauhaarige Matrone, die in etwa ein Jahrhundert alt sein musste, schlug mit ihrem Schirm nach jedem Mann, der in ihre Reichweite kam. Mit einem überraschenden Schrei schwang sie den Schirm gegen einen rundlichen Mann, der vor Caroline stand.

Der Mann duckte sich.

Die Schirmspitze verfing sich in Carolines Schleier und der Hut flog ihr vom Kopf wie ein lahmer Vogel – überschlug sich und fiel zu Boden. Sie blickte sich um. Gott bewahre; niemand durfte sie erkennen. Sie schirmte ihr Gesicht mit der Hand ab, ging in die Hocke und griff nach dem Hut.

Jemand trat gegen die Krempe und er flog einige Meter weiter.

Verflixt! Auf Händen und Füßen kroch sie zwischen den Beinen der aufgebrachten Menge herum. Ihre Finger waren nur noch Zentimeter von dem Hut entfernt, als ein Fuß auf den dünnen Schleier trat. Ihr Blick wanderte nach oben – über kniehohe Stiefel, dicke, muskulöse Schenkel, eine straffe Brust und breite Schultern.

Der Gentleman trug eine schwarze Hose und einen Cutaway als Reitmantel, hatte die Fäuste in die schlanke Hüfte gestemmt und beobachtete das Handgemenge.

Seine dunklen Augen, die gerade Nase und die hohen Wangenknochen verliehen ihm einen ernsten Ausdruck. Die seidigen Locken seines schwarzen Haars hätten seine Züge sanfter wirken lassen müssen, doch sein kantiger Kiefer verhinderte das.

„Was geht hier vor sich?“, verlangte er mit gebieterischer Stimme zu wissen.

Mehrere Frauen und auch einige Männer keuchten, als wäre der Teufel persönlich vor ihnen aus dem Boden gefahren.

Caroline stand auf und trat ein Stück zurück.

Alle standen reglos und schweigend da, sogar Beatrice Walker.

Mit einem finsteren Blick lief er zu dem drahtigen, eierwerfenden Wiesel, das am Boden auf dem dickeren Mann saß.

„McAlister, was ist hier los?“

Das Wiesel kam strauchelnd auf die Beine und öffnete den Mund, doch es kam kein Ton heraus.

„Ich warte“, sagte der Gentleman.

„Das ist nicht meine Schuld, Mylord.“ Der Schuft zeigte mit dem Finger auf Caroline. „Sondern ihre.“

Sie straffte die Schultern und schluckte den Klumpen herunter, den sie im Hals hatte. „Das stimmt nicht, Sir.“

„Oh, doch!“, beharrte das Wiesel. „Sie haben mich mit Ihrem Schirm geschlagen.“

Der Gentleman mit dem ernsten Gesicht sah sie an und hob eine seiner dunklen, schmalen Augenbrauen. „Ist das so?“

Bei dem leisen, anklagenden Ton seiner Stimme wurden ihr die Beine schwach.

Vergiss nicht, dass du eine starke Frau bist. Und starke Frauen knicken nicht vor Männern ein, nicht einmal vor denen mit breiten Schultern und muskulösen Armen und Beinen. Sie reckte das Kinn in die Höhe. „Durchaus, doch nur, weil er ein Ei auf Miss Walker werfen wollte.“

Sein stechender Blick richtete sich wieder auf McAlister. „Ist das wahr?“

„J… ja, Mylord, doch es war nur ein ganz kleines Ei.“

Der Gentleman winkte einem schmalen Mann, der hinter ihm stand; der schwarzen Uniform und dem Hut nach zu urteilen irgendein Constable. „Ingles, ich glaube, McAlister muss eine Nacht im Gefängnis verbringen, um über seine Taten nachzudenken.“

Nachdem er diese Entscheidung verkündet hatte, richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf sie. „Ihr Name, Madam?“

Caroline kaute auf ihrer Unterlippe. Papa zu erwähnen, könnte sie aus dieser unbehaglichen Situation befreien, doch wenn ihr Vater davon erfuhr, wäre er gewiss so verärgert, dass er sie tatsächlich ins anglikanische Kloster in Oxfordshire verbannen würde. Das war seine Lieblingsdrohung, wenn er unzufrieden war. Er würde nie wieder ein Wort mit ihr sprechen, auch wenn er sich jetzt schon nur selten mit ihr unterhielt.

Der Constable trat auf sie zu. „Soll ich die Frau verhaften, Sir?“
Sie verhaften? Nervosität ergriff Caroline. Sie wich zurück. Ihre Füße blieben an dem bulligen Kerl hängen, der immer noch am Boden lag. Sie wedelte mit den Armen, als wäre sie ein Windrädchen, und fiel nach hinten. Ihr Hintern und ihre Schultern trafen auf die harte, verdichtete Erde, gefolgt von ihrem Kopf. Der Aufprall ihres Schädels ließ ihre Ohren klingeln. Vor ihren Augen tanzten Lichtblitze mit schwarzen Flecken.

Der große Gentleman kniete sich neben ihr hin. Sein Gesicht wurde von den mitternachtschwarzen Flecken in ihrem Blickfeld beinahe ausgelöscht. Er sagte etwas. Sie hörte nur gedämpfte Worte, die sie nicht verstehen konnte. Starke Arme hoben sie hoch. Der scharfe Geruch von Rasierseife stieg ihr in die Nase, dann umfing sie Dunkelheit und zog sie in eine tiefe, sonnenlose Grube hinab.

***

James Trent, der Marquess of Huntington, stützte die Hände auf seinen Schreibtisch und versuchte, seine Wut im Zaum zu halten, während er Dr. Clark anstarrte. Verlangte der Arzt allen Ernstes von ihm, die verletzte Frau hier auf Trent Hall unterzubringen? „Warum können Sie sie nicht in Ihre Residenz mitnehmen?“

Der Arzt errötete wie eine Debütantin, unter deren Rock sich die Finger eines lüsternen Verehrers verirrt hatten. „Mylord, ich bin Junggeselle.“

Und wofür hielt der Arzt ihn? Seine Frau war vor zwei Jahren in London gestorben. Der Doktor war neu in Helmsford, doch die Tratschtanten des Ortes hatten ihn gewiss über die niederträchtigen Gerüchte um Henriettas Tod informiert – James habe beim Tod seiner Frau eine schändliche Rolle gespielt. Er sah den Mann mit erhobener Augenbraue an.

Der Arzt scharrte nervös mit den Füßen und bestätigte damit, dass er Bescheid wusste. „So … so wie Ihr auch, Mylord, aber Ihr lebt mit Geschwistern zusammen, während ich alleine wohne.“

Geschwister. Das mochte für die Gesellschaft zwar besser wirken, war aber in der Realität nicht von Vorteil. Gestern war Anthony aus Cambridge zurückgekehrt und heute trieb er sich bereits im Hog and Thistle herum und schlief vermutlich mit einer der Bedienungen. Und jetzt würde James sich Sorgen darum machen, ob der junge Hengst auch versuchen würde, mit dieser Frau zu schlafen, während sie sich unter James’ Schutz befand.

Versuchen? Zur Hölle, sein Bruder würde geifern wie ein Hund beim Anblick eines Steaks, sobald er sie zu Gesicht bekäme. Das junge Ding war viel zu schön, mit ihren außergewöhnlich grünen Augen, ihren üppigen Lippen und dem hellbraunen Haar mit den goldenen Strähnen.

„Wie lange muss sie sich erholen?“

Der Arzt tippte sich mit einem Finger ans Kinn. „Das ist schwer zu sagen. Kopfverletzungen sind unberechenbar. Vielleicht eine Woche.“

Eine Woche? Das waren sieben Tage mehr, als ihm lieb war. „Haben Sie herausgefunden, ob sie Familie hat? Woher sie stammt?“

„Als sie zu Bewusstsein kam, fragte sie nach ihrem Schleier. Ich nehme an, der ging in dem Trubel verloren. Dann erwähnte sie, dass sie schleunigst nach London zurückkehren müsse. Sie beharrte darauf, dass es noch heute sein müsse. Als ich ihr sagte, dass sie nicht reisen dürfe, war sie sehr aufgebracht. So sehr, dass ich ihr eine Tinktur verabreichen musste. Sie schläft jetzt.“

„Danke, Dr. Clark. Schicken Sie mir Ihre Rechnung.“

Der Arzt nickte und ging ohne ein weiteres Wort.

James atmete schwer aus und nahm sich einen Finanzbericht, den er am Morgen von seinen Geschäftspartnern Simon Adler und Hayden Westfield erhalten hatte.

Die Tür des Arbeitszimmers wurde geöffnet und Georgie kam herein.

„Solltest du nicht im Schulzimmer sein?“, fragte er das jüngste seiner Geschwisterkinder. Der Kleine machte von allen am wenigsten Probleme.

Sein achtjähriger Bruder setzte sich auf einen der Sessel vor seinem Schreibtisch und ließ die Beine baumeln. „Mr. Harkins ist mitten in meiner Mathestunde eingeschlafen. Er schnarcht so laut, dass ich davon Kopfschmerzen bekomme.“

James lehnte sich zurück und fuhr sich mit einer Hand über den Kiefer. Harkins wurde offensichtlich zu alt zum Unterrichten, doch James gefiel der Gedanke nicht, den Mann in Pension zu schicken. Der Hauslehrer hatte keine Familie und James befürchtete, dass der gebildete Mann ohne den Unterricht verloren wäre. Harkins hatte der Familie gut gedient, war seiner und Anthonys Lehrer gewesen. Und letzteres hatte dem Mann graue Haare beschert.

Nein, er würde den Mann nicht fortschicken.

„Woran hast du gearbeitet?“

„An der Fünferreihe.“ Georgie rümpfte die Nase.

James stand auf und fuhr dem Jungen durch die Haare. „Nun gut. Hol dir Stift und Papier. Wir arbeiten zusammen daran.“

Kurz nachdem Georgie aus dem Raum geflitzt war, flog die Tür zu James’ Arbeitszimmer erneut auf. Anthony kam mit lässigen Bewegungen hereinspaziert. Die derangierte Kleidung seines Bruders ließ auf seine Missetaten schließen. Der Schuft konnte froh sein, wenn er sich nicht schon vor seinem zwanzigsten Geburtstag die Syphilis einfing oder von einem gehörnten Ehemann erschossen wurde.

Sein Bruder ließ sich in den Ledersessel sinken, den Georgie gerade freigemacht hatte. „James, du musst dir den Mist anhören, den die Leute im Hog and Thistle verbreiten.“

James setzte sich und knetete seinen Nacken. Er konnte sich gut vorstellen, was die Einheimischen tratschten, weil es sich meistens um ihn drehte.

„Man sagt, du hättest bei der Rede dieser Suffragette auf Wickhams Gehöft die Beherrschung verloren. Du sollst irgendein junges Ding umgeschubst haben, sodass sie das Bewusstsein verloren hat. Es ist wirklich hanebüchen, was die Bewohner dieses Nests sich so zuflüstern.“

Geschubst? Es war ja klar, dass sie ihm so etwas Niederträchtiges unterstellen würden. Er war dort hingegangen, um sicherzustellen, dass Recht und Ordnung gewahrt wurden. Beatrice Walker hatte ein Recht auf Anstand, doch wie immer fand er sich im Zentrum der Gerüchte wieder.

Die Tür ging auf und Nina kam hereingehuscht. Die blassen Wangen seiner Schwester waren gerötet. „Wer ist diese Frau, die im blauen Salon auf der Chaiselongue schläft? Und warum hat mir niemand erzählt, dass Dr. Clark hier war?“ Sie fasste sich an die Schläfe. „Ich spüre, dass sich bei mir Kopfschmerzen anbahnen. Er hätte mich behandeln können.“

James knirschte mit den Zähnen. Es beunruhigte ihn, dass Nina von dem Arzt und jeglichem anderen Mann fasziniert war. Er war von einem Jahr nicht nur deshalb aus London auf seinen Landsitz zurückgekehrt, um ein Bewässerungssystem zu planen und anzulegen, sondern auch, um seine unberechenbare Schwester im Auge zu behalten.

Anthonys Augen wurden groß. Sein Bruder sprang auf. „Eine Frau? Gütiger Himmel, James, es ist doch nicht etwa wahr, was man sich erzählt, oder?“

„Verdammt, Anthony. Du solltest wissen, dass ich nie eine Frau verletzen würde.“

Sein Bruder lief rot an. „Ja, es tut mir leid. Ich weiß nicht, was ich mir dabei gedacht habe.“

James atmete tief durch. „Ich habe zu tun, wenn ihr zwei also bitte gehen würdet.“

„Aber wer ist diese Frau?“, wiederholte Nina.

James stand auf, legte seiner Schwester eine Hand in den Rücken, schob sie zur Tür und bedeutete Anthony, ihm zu folgen. „Wie es scheint, ist sie unsere Gästin. Sagt Langley, dass einer der Lakaien sie in das Schlafgemach neben meinem tragen soll.“ Das wäre wohl der beste Weg, um dafür zu sorgen, dass Anthony sie nicht aufsuchte. Er scheuchte seine Geschwister über die Schwelle.

„Das Zimmer neben deinem“, sagten die beiden einstimmig.

„Ja“, wiederholte er und schloss die Tür, während sie noch mit offenen Mündern dastanden.

Kapitel 2

Caroline schlug die Augen auf und richtete sich ruckartig in dem riesigen Himmelbett auf. Der dunkle Raum drehte sich. Sie hielt sich den Kopf und versuchte, das Gefühl unter Kontrolle zu bekommen. Als das Drehen nachließ, sah sie sich in dem Schlafgemach um. Eine Lampe auf dem hohen, mit Schnitzereien verzierten Kaminsims warf ihr schwaches Licht auf die eleganten Mahagonimöbel und das fliederfarbene Bettzeug. Ihr Kleid, der Unterrock, das Korsett und ihre Strümpfe hingen über der Rückenlehne eines mit Chintz bezogenen Sessels am Kamin.

Sie blickte an sich hinab. Sie trug nur noch ihre Bluse und ihre Unterhose. Hitze erfüllte ihre Wangen. Wer hatte sie ausgezogen? Sie erinnerte sich an einen Gentleman. Breite Schultern und ein missbilligender Blick. Hatte er sie ausgezogen? Allein bei dem Gedanken breitete sich die Hitze in ihrem Gesicht bis zu den Ohren aus.

Irgendwo im Haus schlug eine Uhr zweimal.

Zwei Uhr morgens! Sie musste nach Hause zurück. Mrs. Roth war gewiss krank vor Sorge. Die Haushälterin war die einzige Bedienstete ihres Vaters, die wusste, dass sie nach Helmsford gereist war, um Beatrice Walkers Rede zu lauschen. Wenngleich sie nicht wusste, dass Caroline der Journalist Mr. C. M. Smith war. Niemand kannte dieses Geheimnis. Und wenn ihre Aufpasser für die Saison in London eintrafen und bemerkten, dass sie nicht dort war, würden Cousine Anne und ihr Mann Charles möglicherweise Scotland Yard einschalten oder, schlimmer noch, eine Nachricht nach Paris an ihren Vater schicken.

Ein Schnarchen zerriss die Stille.

Caroline zog die Bettdecke an ihre Brust und blickte in Richtung des Geräusches. Eine rundliche, ältere Dienstmagd in Morgenhaube und gestärkter Schürze saß in der Ecke auf einem Stuhl; ihr Kinn ruhte auf ihrer üppigen Brust.

Würde diese Frau sie aufhalten, wenn sie zu gehen versuchte? Sie wollte es nicht herausfinden.

Caroline versuchte, keine Geräusche zu machen, während sie sich von der Matratze gleiten ließ. Ihre Beine waren wackelig. Sie hielt sich am Bettpfosten fest und wartete, bis ihre Knie nicht mehr zitterten, dann zog sie sich leise an. Sie nestelte am Haken der Chatelaine an ihrer Taille herum. Ihr Geldbeutel war nicht da. Sie schob die Hand in die Seitentasche ihres Kleides. Ihre Finger legten sich um den kleinen Beutel.

Gott sei Dank. Sie brauchte das Geld, um nach Hause zurückzukehren.

Die Magd schnarchte erneut. Dieses Mal so laut, dass die Frau zusammenzuckte. Sie öffnete flatternd die Augen.

Caroline stand da, wie zur Salzsäure erstarrt, bis die Lider der Bediensteten wieder zufielen. Auf Zehenspitzen schlich sie aus dem Raum und den langen, dunklen Flur entlang. Das Anwesen wirkte so weitläufig wie Windsor Castle. Vor sich sah sie Mondlicht, das durch ein palladianisches Fenster auf eine breite, gewundene Treppe mit schmiedeeisernem Geländer fiel.

Sie legte eine Hand aufs Geländer und blickte in die Eingangshalle und zur Haustür hinab. Das Mondlicht fiel auf die schwarzen und weißen Marmorfliesen. Sie stieg die Stufen hinab. Auf halbem Weg nach unten bemerkte sie eine feine, glänzende Schweißschicht auf ihrer Haut. Sie packte das Geländer fester und legte eine Wange an die kühle, verputzte Wand.

Fast geschafft. Noch ein paar Schritte.

Sie setzte einen Fuß auf die letzte Stufe, dann auf den Marmorfußboden. Ihre Zehen krümmten sich, als sie den kalten Stein berührte. Sie raffte ihren Rock. Wo waren ihre Schuhe?

Du liebe Güte, ihr Verstand war vernebelt. Sie musste in das Schlafgemach zurückkehren, doch die Treppe wirkte jetzt so einschüchternd wie ein Aufstieg zum Gipfel des Vesuvs. Ein Paar Stiefel stand in der Nähe der Haustür. Viel zu groß, aber … Sie nahm die Schuhe und griff nach der Türklinke.

Hinter ihr räusperte sich jemand.

Sie wirbelte mit rasendem Herzschlag herum und drückte sich die Schuhe an die Brust.

Einige Meter entfernt lehnte der Gentleman mit dem ernsten Gesicht von der Kundgebung lässig in einem Türrahmen. Er trug weder Halstuch noch Jackett und die obersten Knöpfe seines weißen Hemdes waren offen. Licht aus dem Zimmer fiel auf ihn und betonte die Konturen seiner muskulösen Brust. Er verschränkte die Arme vor dem Oberkörper.

Diese Bewegung lenkte ihre Aufmerksamkeit auf die dicken Sehnen, die unter den hochgerollten Hemdsärmeln zu sehen waren. Sie hatte noch nie so viel männliche Haut zu sehen bekommen. Sie riss ihren Blick los und sah ihm ins Gesicht. Das schwache Licht verstärkte den Schatten, den seine Bartstoppeln auf seinen Kiefer warfen, und betonten sein schwarzes, zerzaustes Haar.

„Wollen Sie irgendwo hin, Madam?“ Sein Blick blieb an ihren nackten Zehen hängen, die unter ihrem Rocksaum hervorschauten, ehe er zu den Schuhen in ihrer Hand wanderte. „Ich hätte Sie eigentlich nicht für eine Diebin gehalten.“

„Ich hätte Entschädigung geschickt, sobald ich zu Hause angekommen wäre.“

„Und Ihr Zuhause ist in London?“

Sie nickte, da es ihr schwerfiel, mit dem immer trockener werdenden Mund zu sprechen.

„Hatten Sie vor, den ganzen Weg dorthin zu laufen?“

Sie schüttelte den Kopf und war sich nicht sicher, was sie mit ihrem benebelten Verstand vorgehabt hatte. Ihr Droschkenkutscher war gewiss längst fort.

„Ich versichere Ihnen, dass Sie werden laufen müssen, wenn Sie jetzt gehen, da um diese Zeit keine Züge vom Bahnhof abgehen.“ Er trat auf sie zu, wobei seine besockten Füße nicht das leiseste Geräusch machten. Selbst ohne Schuhe war er sehr groß und stellte sie mit ihren eins fünfundsechzig in den Schatten.

Die Abwesenheit seines finsteren Blickes und sein vitaler, wie gemeißelter, muskulöser Körper ließen ihn jünger wirken, als sie zunächst gedacht hatte; nicht älter als dreißig.

Als würde sich der Boden unter ihr bewegen, kippte der Raum zur Seite. Sie stützte sich mit einer flachen Hand an der Wand ab.

„Ist Ihnen schwindelig?“ Der Gentleman überbrückte die kurze Distanz zwischen ihnen. Eine seiner großen Hände legte sich um ihren Ellenbogen.

Ja. Alles drehte sich, als hätte sie auf einem Kreisel gesessen. Die Schuhe glitten ihr aus der Hand und landeten mit einem dumpfen Aufprall auf dem Boden. Ihre Beine gaben nach und sie spürte, dass sie fiel.

Er fing sie auf und zog sie an sich, als würde er ein kleines Kind in seinen Armen wiegen. „Vorsichtig. Ich habe Sie.“ Seine Stimme klang beruhigend – beinahe hypnotisch.

„Ich muss gehen.“

„Sie müssen sich erholen. Sie können in ein oder zwei Tagen gehen, wenn es Ihnen dann gut genug geht.“ Er stieg die Treppe hinauf.

Sie zwang sich, die Augen offen zu halten. „Dann wird es zu spät sein. Und binnen eines Monats finde ich mich im Kloster wieder.“

Er hielt mitten auf der Treppe an. „Sie werden einem religiösen Orden beitreten?“

Wenn ihr strenger Vater von all dem hier erfuhr, würde er sie ganz gewiss zu den Nonnen in Oxfordshire schicken. Sie nickte.

Er stieg weiter die Treppe hinauf.

Caroline schloss die schweren Augenlider. Der Körper des Fremden strotzte vor Kraft. Er könnte sie überwältigen, wenn er wollte, und dennoch stellte sich ein Gefühl von Sicherheit ein, so sehr das auch der Situation zu widersprechen schien. Sie gab es auf, gegen die Erschöpfung anzukämpfen, und kuschelte sich enger an ihn.

***

James blickte auf die schlafende Frau in seinen Armen. Als er sie in der aufgebrachten Menge stehen sah, mit geröteten Wangen und geweiteten, grünen Augen, hatte er sie für hübsch gehalten. Doch jetzt, da er ihr langes, fließendes, braunes Haar sah, kam ihm hübsch wie ein zu schwaches Wort vor. Er betrachtete ihre helle, makellose Haut, ihre wohlgeformten Augenbrauen und die Lippen, die warm und voll wirkten.

Eine Nonne? Dr. Clark hatte erzählt, dass sie nach einem Schleier gefragt habe. Es ergab alles Sinn. Schlimm genug, dass er sie in ihrer schwarzen Kleidung für irgendeine Gouvernante gehalten hatte. Vielleicht sollte er Anthony in ihre Residenz in London schicken. Wenn sie noch kein Keuschheitsgelübde abgelegt hatte, mochte sein Bruder in ihr eine Herausforderung sehen, der er nicht widerstehen konnte.

Wie hatte eine Frau mit genug Temperament, um einen Mann mit ihrem Schirm zu schlagen, beschlossen, in einen religiösen Orden einzutreten? Und was zum Teufel hatte eine Nonne bei Beatrice Walkers Rede zu suchen? Zudem hatte sie versucht, sich mit seinen Stiefeln davonzuschleichen. Das einzig Göttliche an ihr war ihr engelsgleiches Gesicht.

Als er den Flur entlanglief, gab sie ein leises Geräusch von sich. Ihre Handfläche glitt in sein offenes Hemd und strich über seine nackte Brust.

Blut schoss in seine Leistengegend. Verdammt, er hatte zu lange nicht mehr die Berührung einer Frau erlebt. Er konnte froh sein, wenn Gott ihn für diese widerwärtige Reaktion seines Körpers nicht auf der Stelle tot umfallen ließ.

James öffnete die Tür zum Schlafgemach. Die Dienstmagd, die er damit beauftragt hatte, die Frau im Auge zu behalten, saß laut schnarchend auf ihrem Stuhl. Es wäre wohl besser, die Bedienstete jetzt nicht zu wecken. Wenn jemand mitbekam, dass er die Fremde in ihr Bett zurücktrug, würde das zu falschen Annahmen führen.

Er legte sie leise ab und zog ihr die Decke bis zum Kinn. Er richtete sich auf, sah sich um und trat dann in das Wohnzimmer, das dieses Schlafgemach mit seinem verband. Das Zimmer, in dem die Frau schlief, weckte zu viele Erinnerungen an Henrietta. Er hatte es seit dem Tod seiner Frau nicht mehr betreten.

Er schloss die Tür hinter sich und zog sein Hemd aus. Er packte es mit einer Hand und hob es an die Nase. Der schwache Geruch der nach Rosen duftenden Haut der Frau hing daran.

Vielleicht sollten sein Bruder und er fortgehen.

***

Als die Sonne am folgenden Morgen über den Horizont kletterte, trieb James seinen Wallach durch das Grünland von Trent Hall. Da er keinen Schlaf gefunden hatte, hatte er sich angezogen und sein Pferd gesattelt. In der Nacht hatten ihn verschiedene Sorgen umgetrieben. Gedanken an Anthony, Nina, Georgie und die Frau hatten alle um seine Aufmerksamkeit gerungen. Er verstand, dass sich seine Gedanken um seine Geschwister drehten – er wollte sie beschützen – doch er war sich nicht sicher, warum ihm der Zustand seines Gastes den Schlaf raubte.

Heute würde er darauf bestehen, dass sie eine Nachricht an ihre Familie schickte, damit die erfuhr, dass sie gestürzt war und sich auf Trent Hall erholte. Er würde dafür sorgen, dass sie erwähnte, dass er, Lord Huntington, sich auf dem Anwesen aufhielt.

Bei der Information würde ihre Familie umgehend nach Essex eilen, um sie abzuholen. Das Gerücht, er habe seine Frau ermordet, hatte sich weit verbreitet. Eine Familie mit starken Moralvorstellungen würde nicht wollen, dass sich eine junge Frau unter einem Dach mit ihm aufhielt.

Er drückte die Knie fester in die Flanken seines Pferdes und das Tier galoppierte zu den Stallungen. James sprang herunter und strich mit einer Hand über Thors Hals. „Guter Junge.“

Ein Stallbursche kam herbeigeeilt, um ihm die Zügel abzunehmen.

„Denken Sie daran, ihm die Hufe zu säubern, Wilson, und geben Sie ihm ein Leckerchen.“

Während er aufs Haus zulief, betrachtete James den frühmorgendlichen Himmel – ein Wasserfarbgemälde aus blau und rosarot. Es versprach, ein schöner Tag mit einer kühlen Brise zu werden. Er würde mit seinen Arbeitern die neuen Gräben für sein Bewässerungssystem anlegen. Vielleicht konnte er Anthony dazu überreden, sich anzuschließen. Die harte Arbeit würde seinem Bruder guttun. Der junge Mann konnte nicht die ganze Zeit im Hog and Thistle Frauen verführen.

Im Haus zog James die schlammigen Stiefel aus und stellte sie auf die Schuhmatte. Er lief zur Treppe und genoss den frühen Morgen; die Ruhe, bevor das unruhige Treiben der Bediensteten und die komplexen Aufgaben des Lebens über ihn hereinbrachen. Im Moment waren die Bediensteten noch im Untergeschoss beschäftigt. Nicht einmal Langley kam herbeigeeilt, um ihm den Reitmantel abzunehmen. Der Butler wusste es besser.

Er würde noch für einige Stunden ungestört sein. Nur Georgie würde sich beim Frühstück im Speisezimmer zu ihm gesellen. Anthony und Nina würden ihre erste Mahlzeit im Bett zu sich nehmen.

Wenngleich er seine Geschwister liebte, stellten sie doch auch seine Geduld auf die Probe. Und doch würde er für jeden und jede von ihnen sein Leben geben. Er wollte, dass sie kluge Entscheidungen trafen, doch vor allem wünschte er sich, dass sie jemanden heirateten, den sie liebten. Ihre Zukunft würde nicht für irgendwelche Allianzen oder finanziellen Gewinn verschachert werden. Davor würde er sie bewahren, selbst wenn er sonst nichts für sie tun könnte. Er würde ihnen ersparen, was er hatte erdulden müssen – eine arrangierte Ehe ohne Liebe. Die Familienkasse war gut gefüllt und James würde das Vermögen weiter ausbauen, um sicherzustellen, dass all seine Geschwister aus Liebe heiraten konnten.

Er eilte die Stufen hinauf. Als er durch den Flur im Westflügel zu seinem Schlafgemach lief, drangen erhobene Stimmen an sein Ohr.

Wer wagte es, so früh am Morgen Unruhe zu verbreiten? Dumme Frage. Es schlief nur eine weitere Person im Westflügel. Er klopfte an der Tür zu seinem Nachbarzimmer.

„Ja.“

Er erkannte die Stimme seiner Gästin, atmete tief durch und öffnete die Tür.

Die Dienstmagd, die in dem Zimmer geschlafen hatte, presste ein Paar Stiefeletten an die Brust, als wären sie ein lange vermisstes Kind, während die Frau versuchte, die Schuhe ihrem Griff zu entwinden.

„Was soll dieser Trubel?“, fragte er.

Die Blicke der beiden richteten sich auf ihn. Seine Bedienstete wurde blass. In den grünen Augen der Frau blitzte deutlich Verärgerung auf. Ihre hellbraunen Zöpfe glänzten wie moirierte Seide. Sie warf sich das Haar über die Schulter und schritt auf ihn zu, wie eine Amazone auf dem Weg ins Gefecht.