Leseprobe When we Stay | Die spicy Gay Romance über zweite Chancen und brennendes Verlangen

Kapitel 1

Patrick

»Muss das wirklich sein?«, stöhne ich genervt und drehe mich zu meiner Schwester um.

»O ja, das muss«, erwidert sie streng. Saskia mustert mich mit wohlwollendem Blick. Ihr zuliebe trage ich ein weißes Hemd, statt wie sonst nur ein verwaschenes Shirt zu meiner dunkelblauen Jeans. Es sieht furchtbar aus, viel zu streng und förmlich. Ich verdrehe die Augen und mache mich daran, die Ärmel bis zu den Ellenbogen hochzukrempeln, damit mein Outfit etwas lockerer wirkt. Es reicht, wenn ich auf der Arbeit im Anzug herumlaufe. In meiner Freizeit versuche ich es, so gut es geht, zu vermeiden. Das Hemd sitzt eng und betont meine nicht unbeachtlichen Brustmuskeln und die Oberarme. Saskia zuliebe habe ich heute sogar meinen Bart ordentlich gestutzt, um nicht wie ein wildgewordener Höhlenmensch auszusehen. Wenn ich den Schwärmereien von Saskias zahlreichen Freundinnen Glauben schenken sollte, dann bin ich in ihren Augen ein absoluter Traummann. Pech jedoch, dass ich mich nicht für Frauen interessiere. Denn sonst hätte mich meine Schwester so schnell verkuppelt, ehe ich auch nur bis zehn hätte zählen können.

»Na siehst du, Bruderherz«, sagt sie mit einem breiten Lächeln und mustert mich, als wäre ich ein Ausstellungsstück. »Wenn du dir mal Mühe gibst, kannst du richtig gut aussehen. In diesen schrecklichen Shirts findest du nie einen Mann fürs Leben.«

Ich schnaube. Wer sagt, dass ich einen Mann fürs Leben will? Ein One-Night-Stand reicht völlig.

»Wieso muss ausgerechnet ich mit? Warum nicht Maria, so wie geplant?«, brumme ich verstimmt. Saskia zupft an einer blonden Strähne, die sich aus ihrem eleganten Knoten am Hinterkopf gelöst hat. Ihre rot geschminkten Lippen formen sich zu einem breiten Grinsen.

»Weil Maria krank ist, das habe ich doch schon gesagt. Außerdem warst du es, der mir die Karten geschenkt hat. Also wirst du auch meine Begleitung für heute Abend sein.«

Sie lacht kurz auf, während sie sich im Flur ihre schwarzen High Heels anzieht. »Du hast nichts Besseres vor, als mit Mark die halbe Nacht Videospiele zu zocken. Ich kenne dich, Patrick. Mit dreißig sollte man langsam zu alt für so einen Blödsinn sein.«

Damit scheint für sie die Diskussion beendet, deshalb ergebe ich mich meinem Schicksal. Mit Saskia zu diskutieren ist zwecklos, bringt zusätzlich nur Kopfschmerzen, auf die ich heute echt keine Lust habe. Seufzend greife ich nach meiner Jacke. Vielleicht habe ich Glück und die Vorstellung dauert nicht allzu lang. Dann schaffe ich es danach noch in den Club zu Mark.

»Videospiele stehen heute zwar nicht auf dem Programm, aber ja, ich wollte zu Mark«, gebe ich zu.

Saskia zieht eine Augenbraue hoch, öffnet die Wohnungstür und schüttelt den Kopf. »War ja klar.«

*** 

Als wir beim Varieté-Theater ankommen, lenke ich meinen Wagen in die gegenüberliegende Tiefgarage. Zum GOP brauchen wir von meiner Wohnung in Essen Rüttenscheid knapp eine viertel Stunde. Ich steige aus, gehe um den Wagen herum und halte meiner Schwester die Tür auf.

»Wie galant«, entgegnet sie kichernd und ergreift meine dargebotene Hand. Gemeinsam verlassen wir die Garage und begeben uns zum Eingang des Theaters. Eine junge Dame, die unsere Eintrittskarten kontrolliert, führt uns zu unseren Plätzen.

»Im Ernst? Ganz vorn?«, murmele ich, als wir an unserem Tisch ankommen. »Willst du, dass ich mit Nackenschmerzen nach Hause gehe? Und hier vorn ist es doch viel zu laut.«

»Hör auf zu meckern, Patrick«, entgegnet Saskia gelassen. »Die anderen Plätze waren längst ausgebucht, als ich reserviert habe.«

»Hättest du mich vorgewarnt, dann wäre ich sicher noch an VIP-Plätze rangekommen«, erkläre ich verstimmt, setze mich ihr gegenüber und greife nach der Getränkekarte. Ohne ein Bier überstehe ich den Abend ganz sicher nicht.

Eine Bedienung tritt an unseren Tisch heran.

»Für mich ein großes Pils«, bestelle ich, ehe die Frau überhaupt nachfragen kann.

»Aperol Spritz«, schiebt Saskia nach. Sicher hofft sie darauf, dass ich sie einlade. Werde ich wahrscheinlich auch, damit sie Ruhe gibt. Die Bedienung nickt und geht wieder, um nur wenige Minuten später mit unseren Getränken zurückzukehren. Ich hebe das Glas an meine Lippen und sehe nach vorn. Das Licht erlischt und laute Musik ertönt. Neun Künstler betreten die Bühne.

Ich lasse den Blick gelangweilt über sie gleiten – und verschlucke mich beinahe am Bier. Ein Hustenanfall schüttelt mich, ich stelle das Glas ab, um nicht alles zu verschütten.

»Alles okay?«, ruft Saskia, halb lachend, halb besorgt. Ich nicke nur, unfähig, den Blick von der Bühne zu lösen.

Der junge Mann dort vorn, … er bewegt sich, als würde er schweben. Schlank, geschmeidig, mit schulterlangen schwarzen Haaren, die ihm beim Drehen wild um den Kopf fliegen. Keine Ahnung, ob er mich sieht, denn sein Blick ist starr geradeaus gerichtet, als müsste er sich konzentrieren, um ja keinen Fehler zu machen. Genau wie die anderen Künstler ist er schwarz gekleidet und auch seine Augen sind mit schwarzem Kajal umrahmt. Eigentlich mag ich es überhaupt nicht, wenn Männer geschminkt sind, doch bei ihm betont die Schminke das intensive Blau seiner Augen.

Mein Bier vergesse ich. Drei Tänze lang starre ich auf die Bühne, unfähig, etwas anderes wahrzunehmen. Jede Bewegung dieses Mannes ist präzise, kraftvoll, elegant. Dann verschwindet er, und einige Artistinnen übernehmen. Sie verbiegen ihre Körper in schwindelerregende Positionen, sodass mir beim Zuschauen fast der Rücken wehtut. Der Schaum von meinem Bier ist bereits komplett verschwunden.

In einem Zug kippe ich das Bier hinunter, verschlucke mich erneut und huste.

»Was ist denn los mit dir, Bruderherz?«, ruft Saskia grinsend. Ihr amüsierter Blick verrät mir jedoch, dass sie darauf keine ernsthafte Antwort erwartet. Denn ich glaube kaum, dass meiner Schwester entgangen ist, wie ich den Mann angestarrt habe. Sein Tanz hat mich in den Bann gezogen, auch wenn er sich bei der Darbietung oft im Hintergrund hielt. Nur einmal stand er ganz dicht vor mir, sodass ich den Kopf in den Nacken legen musste, um ihn richtig ansehen zu können. Mir kam es so vor, als würden sich unsere Blicke für einen Moment treffen. Und es war beinahe so, als hätte er mich angelächelt. Sicherlich wird mich Saskia nach Ende der Vorstellung mit ihren blöden Kommentaren kaum in Ruhe lassen. Denn so, wie sie mich gerade angrinst, weiß ich ganz genau, was in ihrem Kopf vorgeht. Sie malt sich meine Zukunft bereits an der Seite dieses Mannes in den buntesten Farben des Regenbogens aus. Ich will meiner süßen Schwester nicht ihre Illusionen nehmen, aber auf komplizierte Beziehungskisten habe ich gar keine Lust. Nach dem ganzen Stress, den ich damals mit Tom hatte, brauche ich so etwas gerade sicher nicht.

Und dann kommt er zurück. Ohne Shirt. Mir bleibt die Luft weg. Ein Scheinwerferkegel umhüllt ihn, lässt den Rest der Bühne in Dunkelheit versinken. Jeder Muskel zeichnet sich ab und glänzt im Licht. Er geht leichtfüßig zur Bühnenmitte, wo eine Metallstange aus dem Boden fährt.

Er greift zu und zieht sich mit einer mühelosen Kraft hinauf. Zwei Meter über dem Boden lässt er los, biegt den Rücken durch und hängt nur an den Schenkeln. Dann fasst er wieder zu, löst die Beine, dreht sich um die Stange, schwingt, fällt und fängt sich im letzten Moment.

Ein leichter Schweißfilm bildet sich auf seinem Oberkörper, der im Scheinwerferlicht glänzt. Seine Darbietung ist so erotisch, dass mir heiß und kalt zugleich wird.

Je wilder und schwungvoller seine Bewegungen werden, desto lauter werden die Musik und auch die Zuschauer im Saal. Ich blende den Lärm aus, konzentriere mich nur auf den Mann an der Stange. Nie im Leben hätte ich mir vorgestellt, dass Poledance so heiß sein könnte. Die Tänzer, die sich samstags in meinem Lieblingsclub Blue Heaven an den Stangen rekeln, sind im Vergleich zu ihm allesamt Amateure, die ihre Körper kaum im Griff haben und nur drauf hoffen, dass die Männer, die sie begaffen, besoffen genug sind, sie trotzdem noch heiß zu finden.

Als seine Darbietung endet, reißt mich der Applaus zurück in die Realität. Menschen springen jubelnd auf. Wahrscheinlich auch ich, doch ich spüre es kaum. Ich sehe nur in seine Augen, die sich in meine bohren, kurz bevor er von der Bühne verschwindet.

Kapitel 2

Oliver

»Oli, kommst du gleich noch mit in den Club?«, fragt Ramona und lehnt sich mit verschränkten Armen gegen die Wand hinter mir. Dann tritt sie näher an mich heran und mustert mich fragend. Ich antworte nicht sofort, sondern greife nach einem Kosmetiktuch aus der Box auf der Anrichte vor dem Spiegel.

»Nein, danke. Ich fahr nach Hause.« Mit geübten Bewegungen beginne ich, mein Augen-Make-up zu entfernen. »Ach komm schon.« Ihr Ton wird weicher. »Heute hast du frei, Nina holst du erst morgen früh. Einmal mit mir feiern, das ist doch nicht zu viel verlangt.«

Ich schüttele leicht den Kopf, die Müdigkeit hängt mir in den Knochen. »Trotzdem. Ich bin platt. Ich will nur schlafen.«

Das Tuch gleitet über meine Haut. Die schwarze Farbe löst sich und zieht graue Schlieren über meine Wangen. Unter der Schminke kommen die Schatten unter meinen Augen zum Vorschein. Ich sehe erschöpft aus. Mit einem leisen Seufzen greife ich nach der kleinen Schmuckdose, öffne sie und setze meine Piercings wieder in die Ohren ein. Der Ring oben links zwickt, als ich ihn durchschiebe.

»Lass mich mal«, sagt Ramona und streckt die Hand aus. Wortlos gebe ich ihr die Kugel und drehe mich auf dem Stuhl zu ihr um.

»Autsch! Nicht so fest«, beschwere ich mich, als sie an dem Piercing zieht.

»Nicht so wehleidig, Prinzessin. Ist doch schon drin«, sagt Ramona grinsend. Ich nehme die vor mir liegende Bürste und kämme durch mein leicht feuchtes Haar, ehe ich es hinten zu einem Pferdeschwanz zusammenfasse.

»Also – was ist nun?«, bohrt sie weiter. »Wir waren heute einfach grandios! Das müssen wir feiern!«

Ich rolle die Augen, muss jedoch schmunzeln. »Du willst jeden Auftritt feiern. Selbst wenn du mitten auf der Bühne stolperst.«

Ramona legt mir die Arme um den Hals. Ihr Gesicht taucht neben meinem im Spiegel auf. Sie wirkt hellwach und voller Energie, während ich aussehe, als wäre ich über Nacht zehn Jahre gealtert.

»Du wirst nie einen Freund finden, wenn du ständig zu Hause hockst«, sagt sie mit gespieltem Ernst. »Glaubst du, er klingelt einfach an deiner Tür und sagt: Hallo, hier bin ich, dein Märchenprinz?«

»Du weißt genau, dass ich keine Zeit für eine Beziehung habe. Dafür reicht mein Tag nicht«, erkläre ich ihr zum wiederholten Mal. Ramona weiß genau, dass ich viel zu beschäftigt für die große Liebe bin. Der Job hier beim GOP und das tägliche Training nehmen den größten Teil meiner Freizeit in Anspruch. Zusätzlich fahre ich auch noch ein paar Mal die Woche Pizza für den Italiener bei uns an der Ecke aus. Als Künstler verdient man nun mal keine Millionen und schließlich ist da auch noch Nina, für deren Zukunft ich sorgen muss, denn sie wird nicht für immer ein Kind mit wenig Ansprüchen bleiben.

»Ja, ja, die alte Leier.« Sie verdreht die Augen und legt sich dramatisch eine Hand an die Stirn. »Von wegen, du willst niemanden. Keiner will allein alt werden.«

Ich halte inne, sehe sie im Spiegel an. »Danke, aber ich fühle mich noch jung genug.«

Ramona beugt sich grinsend vor und küsst mich auf die Wange. »Das sagst du jetzt«, murmelt sie, bevor sie zur Tür der Künstlergarderobe geht. Doch mitten im Schritt bleibt sie stehen. »Oli … ist dir auch dieser heiße Typ aufgefallen? Ganz rechts, erste Reihe?« Ihre Augen beginnen zu funkeln, und ich spüre, wie mir das Blut in die Wangen schießt. Natürlich ist mir der Typ aufgefallen.

»Der Typ sah ziemlich heiß aus in dem schicken Hemd und dem Dreitagebart, meinst du nicht?«, säuselt Ramona und hält sich kichernd die Hand vor den Mund. »Und er hat dich die ganze Zeit angestarrt, Oli. Die ganze Zeit!«

»Ach, hör auf.« Natürlich habe ich ihn gesehen. Wie sollte ich auch nicht? Er saß keine drei Meter vor mir, und seine Blicke waren kaum zu übersehen. Bei meinem Soloauftritt an der Stange musste ich mich zwingen, ruhig zu atmen. Einmal wäre ich beinahe abgerutscht, weil meine Hände plötzlich so feucht waren, als wäre es mein erster Auftritt

Ramona hat recht damit, dass der Mann wirklich verdammt attraktiv war. Verdammt attraktiv. Das Hemd spannte sich über seiner Brust, der Bart ließ ihn männlicher wirken. Eigentlich mag ich keine Gesichtsbehaarung, aber bei ihm … bei ihm sah es richtig aus. Ein Bild schleicht sich in meinen Kopf: seine Wange an meiner Haut, ein raues Kitzeln, warm und gefährlich nah. Hastig schüttele ich den Gedanken ab, als wäre er eine lästige Fliege. Reiß dich zusammen, Oli.

»Er hatte ganz sicher Interesse an dir«, quasselt Ramona weiter, während sie sich an den Schminktisch lehnt. Ihr Blick ist ein Funkeln purer Schadenfreude.

»Falls du’s übersehen hast – er war mit einer Frau da«, stelle ich klar, um ihre Hoffnung zu zerstören.

»Und? Vielleicht wars nur seine Schwester.« Sie grinst, als hätte sie gerade den Beweis für ihre Theorie gefunden. Warum bitte soll ich mir von ihr einreden lassen, der Typ wäre an mir interessiert? Wie oft soll ich ihr noch deutlich machen, dass ich keine Beziehung haben will? Wenn es nur um Sex geht, tuts auch ein anderer Kerl, dem ich nicht im Theater begegne.

Ich starre sie an. »Ramona, bitte. Nicht schon wieder. Du siehst in jedem Typen, der mich zufällig ansieht, gleich meinen zukünftigen Ehemann.«

»Na und? Einer muss es ja irgendwann sein.« Ramona baut sich nun erneut vor mir auf und stemmt die Hände in die Hüften. »Wie dem auch sei, kommst du heute mit oder nicht?«

Ich schiebe mir eine Strähne aus der Stirn und sehe sie herausfordernd an. »Du gibst nie auf, oder?«

»Nö.« Ihr Grinsen ist ansteckend.

Ich kann nicht anders, als zurückzulächeln. »Na gut, überredet. Wohin solls gehen? Aber ich bleibe nur auf einen Drink, klar? Danach fahr ich heim.«

»Super.« Meine Freundin hakt sich bei mir unter und zieht mich aus der Garderobe.

Kapitel 3

Patrick

»Und, hast du schon jemand Passenden für heute Nacht erblickt?«, brüllt Mark mir über den Bass hinweg ins Ohr. Die Musik vibriert durch den Boden, die Lichter zucken in grellem Blau und Rot. Wir stehen mit unseren Bieren an der viel zu überfüllten Bar.

Ich lehne mich zu ihm herüber. »Noch nicht. Aber du weißt ja, ich bin wählerisch.«

Er lacht und hebt sein Glas. »Oder einfach nur blind!«

Ich rolle mit den Augen. Mark ist der Einzige, der mich immer wieder ins Blue Heaven schleppt, obwohl er hetero ist. Angeblich, weil es hier die besten Cocktails der Stadt gibt. Wahrscheinlicher ist, dass er einfach mit mir Mitleid hat. Jahrelang hatte Mark eine feste Freundin, die ihn jedoch vor einiger Zeit für einen anderen Mann verließ und nun glücklich dessen Kinder hütet, die Mark ihr nie schenken wollte. Seitdem ist er Single aus Überzeugung.

Gelangweilt nippe ich an meinem Bier. Mein Blick wandert über die Tanzfläche, über Körper, die sich im Rhythmus bewegen. Doch ich verspüre heute keine Lust darauf, irgendeinen Mann abzuschleppen. Stattdessen sehe ich wieder diese blauen Augen vor mir. Das konzentrierte, beinahe ernste Gesicht des Tänzers. Ich hasse mich ein bisschen dafür, dass ich nicht aufhören kann, an ihn zu denken.

»Alter, schau mal!« Marks Stimme reißt mich aus den Gedanken. Er stößt mir den Ellbogen in die Seite, so heftig, dass mir fast das Bier überläuft. »Die Frau da hinten ist wirklich heiß!«

Ich blicke in die Richtung, in die er mit der Hand deutet. Dort, am Rand der Tanzfläche, steht ein schlanker Typ im schwarzen Shirt. Eine blonde Frau tanzt um ihn herum, betrunken und auffallend offensiv. Er selbst hält eine Cola in der Hand und wirkt irgendwie fehl am Platz zwischen all den anderen Menschen. Doch ich erkenne ihn auf Anhieb. Diese Haltung. Diese Augen. Diese verdammten Haare. Scheiße. Das ist der Tänzer aus dem GOP.

Ein heißes Kribbeln breitet sich in meinem Magen aus, jagt mir Schauer über die Haut. Ich reiße den Blick los und drehe mich abrupt zur Bar, als hätte mich jemand bei etwas Verbotenem ertappt. Verdammt, hoffentlich erkennt er mich nicht.

»Und, was sagst du?«, ruft Mark, doch als ich mich umdrehe, ist er verschwunden. Ich sehe ihn zwischen den Körpern auftauchen – natürlich mitten auf der Tanzfläche. Mein Kumpel hat sich zu der Blonden durchgekämpft, die er sogleich in ein Gespräch verwickelt. Sie kichert über irgendwas, das er zu ihr gesagt hat. Zu meinem Entsetzen kommen sie tatsächlich zu mir an die Bar. Natürlich. Wohin auch sonst.

Sofort drehe ich mich weg, denn es wäre mir äußerst peinlich, sollte mich der Tänzer erkennen. Immerhin habe ich ihn während der ganzen Aufführung offensichtlich angestarrt.

»Was wollt ihr trinken?«, ruft Mark, während er sich demonstrativ neben mich stellt, sodass mir gar keine Möglichkeit zur Flucht bleibt.

»Für mich einen Cocktail«, antwortet die Blondine lallend.

»Cola«, sagt der Mann ruhig. Er stellt sein leeres Glas auf die Theke, direkt neben meines. Als sich unsere Blicke treffen, zuckt etwas in seiner Miene. Er sieht mich einen Moment lang etwas verdutzt an, dann senkt er den Blick, und mein Herz macht einen Satz.

»Für mich auch Cola«, sage ich schnell, ehe der Barkeeper wieder verschwindet. Ein paar Sekunden später stehen die Gläser vor uns. Der Tänzer und ich greifen fast zeitgleich nach der Cola. Unsere Finger berühren sich für den Bruchteil einer Sekunde, und dieser winzige Kontakt reicht schon aus, um es in meinem Bauch kribbeln zu lassen. Nur ein Hauch, kaum eine Sekunde. Doch es reicht. Schnell ziehe ich meine Hand zurück, als hätte ich mich verbrannt. Greife nach dem anderen Glas und trinke. Der kühle Geschmack von Cola hilft wenig gegen die Hitze, die mir ins Gesicht steigt. »Klasse Auftritt übrigens«, sage ich schließlich, um einen beiläufigen Ton bemüht. Meine Stimme klingt rauer als beabsichtigt. »Danke«, erwidert er mit einem Grinsen hinter seinem Colaglas. Zwischen uns senkt sich ein kurzes Schweigen. Nur der Bass hämmert, tief und körperlich. Ich nippe an der Cola, ringe mit Worten, die sich weigern, über meine Lippen zu kommen. Small Talk war noch nie mein Ding. Um sich vernünftig zu unterhalten, ist es im Club viel zu laut. Eigentlich genügt oft nur ein Blick, um einen Mann in den Darkroom mitzunehmen. Doch bei ihm bin ich mir plötzlich nicht so sicher, ob ich es riskieren soll. Keine Ahnung, was der Typ mit seiner Freundin im Blue Heaven verloren hat.

»Die beiden scheinen Spaß zu haben«, durchbricht der Mann das Schweigen und deutet mit einer Kopfbewegung in Richtung Tanzfläche, auf die sich Mark mit der Frau geflüchtet hat. Überrascht sehe ich den beiden beim Tanzen zu, dann schweift mein Blick wieder zu dem jungen Tänzer. Ist sie vermutlich doch nicht seine Freundin, wenn er so seelenruhig dabei zusieht, wie Mark sich an die Blondine heranmacht. Oder der Kerl womöglich auf Männer steht?

»Sollten wir vielleicht auch …?«, wage ich einen Vorstoß, um die Spannung zwischen uns aufzulockern. Mit hochgezogenen Brauen sieht er mich an, dann stiehlt sich ein spöttisches Grinsen auf seine feinen Züge. Ich bin fasziniert von diesem intensiven Blau seiner Augen, das im Schein der bunten Discolichter funkelt.

»Tanzen? Nein, das habe ich für heute bereits genug.«

»Dann etwas anderes?«, schlage ich wagemutig vor und lasse meine Absichten in der Luft hängen. Wir sind hier im Blue Heaven, einem angesagten Schwulenclub, da wird der Kerl sicherlich verstehen, worauf ich hinauswill … Lässig lehnt er auf den Arm gestützt an der Theke und betrachtet mich prüfend, als wolle er sich Zeit erkaufen, um mich einzuschätzen. Sein Blick wandert über mein Gesicht, bleibt dabei einen Moment zu lange an meinem Mund hängen.

»Ich muss Ramona noch zurück ins Hotel bringen«, sagt er schließlich, so leise, dass ich mich vorbeugen muss, um ihn zu verstehen. Seine Stimme ist ruhig, doch ich höre das Zögern darin.

Bevor er seine Hand vom Tresen wegziehen kann, lege ich meine drauf. Vermutlich spiele ich gerade mit dem Feuer, aber etwas in mir drängt mich, mir diese Chance nicht entgehen zu lassen. Immerhin begegnet man sich nicht bloß zufällig zweimal am selben Abend. Ich halte seinen Blick fest und spüre, wie die Luft zwischen uns vibriert.

»Meinst du nicht, dass Ramona heute ganz gut allein zurechtkommt?«, sage ich ruhig, doch meine Stimme klingt tiefer als sonst. »Sie sieht mir nicht so aus, als würde sie gleich ins Bett verschwinden wollen.«

Er nickt langsam, scheint jedoch immer noch zu überlegen. Ich verstärke den Druck meiner Finger auf seine Hand und rücke etwas näher heran.

»Mark kann sie begleiten«, setze ich nach, um ihn zu überzeugen. »Er ist ein anständiger Kerl. Und Ramona ist bei ihm in guten Händen, glaub mir.«

Der Tänzer runzelt die Stirn. »Soll ich jetzt einfach auf das Wort eines wildfremden Typen in einem Club vertrauen?«

»Du kannst. Musst aber nicht. Liegt ganz bei dir.« Ich schenke ihm ein offenes, hoffentlich überzeugendes Lächeln. Wieder sieht er zu Ramona rüber, die sich eng an meinen Kumpel schmiegt. Sie macht sich scheinbar viel weniger Gedanken über den restlichen Verlauf dieses Abends als ihr Begleiter. Er beugt sich leicht vor, so nah, dass ich seinen warmen Atem an meiner Wange spüre.

»Fahren wir zu dir?«, raunt er mir ins Ohr – und tritt einen Schritt zurück, bevor ich antworten kann. Für einen Herzschlag lang bleibe ich reglos, als hätte mir jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. Dann sehe ich ihm nach, wie er sich bereits mühelos durch die tanzende Menge bewegt, ohne sich umzudrehen. Schnell folge ich ihm, weshalb mir kaum Zeit bleibt, mich von Mark zu verabschieden. Ich signalisiere meinem Kumpel kurz mit Handzeichen, dass ich gehen werde.

Die kalte Nachtluft schlägt mir entgegen, sobald wir den Club verlassen. Ein Schauer läuft mir über die Arme, denn ich habe natürlich keine Jacke dabei. Der Tänzer scheint die Kälte nicht zu spüren. Selbstsicher, die Hände in die Gesäßtaschen seiner engen Jeans gesteckt, geht er vor mir her über den überfüllten Parkplatz.

»Ich habe hier drüben geparkt«, erkläre ich ihm und entriegele den Wagen aus der Ferne. Dann gehe ich die wenigen Meter zu meinem BMW und öffne die Beifahrertür für ihn.

»Wie aufmerksam«, meint er mit einem kurzen Schmunzeln, ehe er sich ohne Zögern hineinsetzt. Als wäre es für ihn selbstverständlich, zu einem Fremden ins Auto zu steigen. Ich steige ein, starte den Motor und lenke mein Auto vom Parkplatz auf die Hauptstraße. Für einen Moment ist es still zwischen uns, nur die Musik des Clubs hallt noch leise in meinem Kopf nach. Normalerweise nehme ich niemanden aus dem Blue Heaven in meine Wohnung mit. Doch bei ihm fühlt es sich anders an. Aufregend und irgendwie richtig.

Sein Duft hängt zwischen uns in der Luft. Ein Hauch von Zitrone, gemischt mit Rauch und Schweiß – und ich ertappe mich dabei, mir vorzustellen, ob meine Bettwäsche später nach ihm riechen wird. Wie es wohl aussieht, wenn sich sein schwarzes Haar wie ein Umhang auf meinem Kopfkissen ausbreitet?

Es dauert nicht lange, bis wir meine Wohnung in Rüttenscheid erreichen. Die Fahrt über sieht er schweigend aus dem Fenster. Ob er nervös ist? Ich bin es zumindest ein wenig. Seine Nähe löst ein Kribbeln in meinem Inneren aus, das ich schon lange nicht mehr gespürt habe.

»Schicke Wohnung«, sagt er schließlich, als wir meine Penthousewohnung betreten. Seine Stimme hallt leicht im offenen Raum nach, während er sich umschaut. »Danke«, antworte ich. Mehr bringe ich im Moment nicht heraus. Diese Wohnung habe ich vor fünf Jahren geerbt. Genau wie die Firma und noch einiges andere, als mein Vater nach einer langen Krankheit verstarb. Wir standen uns nie sonderlich nah, da ich als schwuler Sohn nicht in sein perfektes Leben passte. Gerade deshalb hat mich sein Testament mehr als überrascht. Denn ich habe immer geglaubt, meine Schwester Saskia würde alles bekommen, was er aufgebaut hatte. Schließlich war sie seine kleine Prinzessin. Meine Schwester bekam jedoch nur die Ferienwohnungen auf Sylt. Ich glaube, Saskia freut sich insgeheim, dass sie nichts mit dem Unternehmen zu tun hat. Als Erbe einer erfolgreichen Firma bleibt mir der Stress leider nicht erspart. Ich arbeite oft bis spät in die Nacht, weshalb mein Privatleben auf der Strecke bleibt.

Vermutlich hatte mein Vater das Testament bereits aus logischen Gründen genau so ausgerichtet, denn durch meinen Master in Wirtschaftsingenieurwesen war ich für die Unternehmensleitung die bessere Wahl.

»Fühl dich wie zu Hause«, sage ich zu dem Mann, der immer noch neben mir im Flur steht und sich neugierig umschaut. Jetzt hat er etwas sehr Jungenhaftes an sich, das mir im Club nicht aufgefallen ist. Er muss um einiges jünger sein als ich. Ich gehe an ihm vorbei ins Wohnzimmer, und er folgt mir, während er meine kahlen Wände und die ordentlich aufgestellten Möbelstücke mustert. Alles in meiner Wohnung wirkt so,

als wäre die Einrichtung einem Katalog entsprungen.

»Dir fehlt ein bisschen Farbe hier drin«, meint er mit einem Grinsen.

Ich muss leise lachen. »Farbe ist überbewertet.«

Er schüttelt den Kopf, tritt näher ans große Fenster und blickt hinaus in die Nacht. »Nicht, wenn man leben will …«

Seine Worte bleiben in der Luft hängen – und ich weiß nicht, ob er von meinen Wänden spricht oder von etwas anderem.

»Möchtest du etwas trinken?«, frage ich ihn und übergehe seinen Kommentar. Die Stimmung zwischen uns kippt, als er einen Schritt näherkommt und seine Hand auf meine Brust legt. Wärme breitet sich in meinem Inneren aus und mein Herz stolpert. Sein eindringlicher Blick fängt meinen ein. Stille hängt zwischen uns. Dann befeuchtet er langsam seine Lippen, von denen ich meinen Blick nur schwer abwenden kann, um ihm in die Augen zu sehen.

»Lass das. Wir wissen doch beide, was jetzt kommt.« Seine Stimme ist leise, jedoch fest und entschlossen. Er tritt zurück, dann greift er an den Saum seines Shirts und zieht es in einer fließenden Bewegung über den Kopf, um es achtlos auf den Boden zu seinen Füßen fallen zu lassen.

»Zeig mir lieber dein Schlafzimmer.«

Ich schlucke. Für einen Augenblick bringt er mich mit seiner Selbstsicherheit aus dem Konzept. Ich starre ihn regelrecht an, als habe ich ewig keinen nackten Mann mehr gesehen. Er ist schlanker, als das Shirt vermuten lässt. Festen Bauchmuskeln zeichnen sich unter seiner Haut ab. Bereits im Theater kam ich in den Genuss, seinen bloßen Oberkörper zu bewundern. Doch hier, aus nächster Nähe und bei besseren Lichtverhältnissen, ist er noch viel schöner.

»Gleich die nächste Tür rechts«, presse ich heiser hervor und muss erst einmal tief durchatmen. Der Mann verlässt bereits das Wohnzimmer. Sein Shirt liegt achtlos auf dem Boden zu meinen Füßen. Kurz sehe ich auf das schwarze Stück Stoff, dann befreie ich mich ebenfalls von meinem Oberteil und gehe ihm nach.

Das Licht der Nachttischlampe taucht mein Schlafzimmer in ein warmes, gedämpftes Glühen. Er liegt schon auf dem Bett, das Gesicht halb im Kissen vergraben. Seine Schultern heben und senken sich ruhig. Es ist unmissverständlich, was er von mir will. Ich schlucke aufgeregt und mein Herz schlägt einen Takt höher.

Langsam nähere ich mich dem Bett, bleibe am Fußende stehen und sehe auf ihn hinunter. Verdammt, der Kerl trägt nur noch schwarze Boxerbriefs. Vermutlich will er, dass es schnell vorbei ist. Ohne Vorspiel, ohne das ganze Drumherum. Ohne Worte. Ohne Nähe. Nur das, wofür man in Clubs wie das Blue Heaven eben geht. Ein banaler One-Night-Stand. Es ist genau das, was auch ich normalerweise will. Doch irgendwas in meinem Inneren warnt mich heute davor, einfach über ihn herzufallen. Irgendwie fühle ich mich in seiner Nähe plötzlich anders. Auf einmal habe ich gar keine Eile, bloß mein Verlangen an ihm zu stillen.

Mein Herz hämmert immer heftiger gegen meinen Brustkorb, je länger ich ihn ansehe.

»Zieh dich ganz aus«, murmele ich, immer noch reglos. Mein Brustkorb hebt und senkt sich unter meinen unregelmäßigen Atemzügen.

Der Mann brummt nur etwas Unverständliches in das Kissen. Sein Hintern spannt sich an, doch er rührt sich nicht von der Stelle. Einen Herzschlag lang warte ich ab, dann dreht er sich endlich wieder auf den Rücken und sieht herausfordernd zu mir hoch. In seinem Schritt kann ich seine Erregung deutlich erkennen.

»Dann zieh du mich aus, wenn es dich so sehr stört«, fordert er mich auf. Die Worte treffen mich wie ein elektrischer Schlag. Meine Zurückhaltung bricht. Ich reiße mir die Jeans vom Leib, streife die Socken ab und werfe alles achtlos auf den Boden. Zuerst überlege ich, meine engen Pants anzubehalten, entscheide mich jedoch dagegen. Er soll ruhig sehen, worauf er sich heute Nacht einlässt.

Der Tänzer stützt sich auf die Ellenbogen und rutscht ein Stück nach oben gegen die Kopfstütze, während er jede meiner Bewegungen verfolgt. Seine Augen weiten sich, als ich schließlich nackt vor ihm stehe. Einen Moment mustert er mich, dann seufzt er und lässt sich abermals zurück nach hinten fallen.

Mit einem Grinsen auf den Lippen steige ich aufs Bett und knie mich über ihn, sodass er unter mir gefangen ist. Ich nähere mich seinem Gesicht, unsere Nasenspitzen berühren sich und ich kann es kaum erwarten, ihn endlich zu küssen, als er den Kopf plötzlich zur Seite dreht.

»Nicht küssen«, murmelt er. Erst bin ich etwas enttäuscht über seine Aussage, denn ich würde nichts lieber tun, akzeptiere seinen Wunsch aber.

»Schade. Ich kann ziemlich gut küssen, musst du wissen«, raune ich dicht an seinem Ohr und lasse meine Lippen flüchtig über sein Ohrläppchen streifen. Ein kaum wahrnehmbares Zittern geht durch seinen Körper, und ich spüre, wie seine Atmung unregelmäßiger wird. Das schwache Licht der Nachttischlampe wirft warme Schatten über seine Haut, lässt das kleine silberne Piercing an seinem Ohr kurz aufblitzen. Wenn ich ihn schon nicht auf den Mund küssen darf, dann will ich wenigstens den Rest von ihm spüren. Ich neige mich tiefer, berühre seine Haut mit den Lippen. Es ist kaum mehr als ein Hauch, aber genug, dass er leise nach Luft schnappt. Sein Duft steigt mir in die Nase. Eine Mischung aus Schweiß und Zitrone, die mich sofort süchtig macht. Gemächlich verteile ich sanfte Küsse auf seinem Hals und seinem Schlüsselbein, was ihm ein leises Stöhnen entlockt.

Sein Körper unter mir sorgt für ein Kribbeln, das kaum auszuhalten ist. Ich sehe ihn prüfend an. Er hält meinem Blick stand. Für einen Moment frage ich mich, was er gerade denkt und ob er vielleicht doch noch einen Rückzieher machen will. Aber dafür ist es längst zu spät.

Meine Lippen gleiten über seine Brust, mit der Zunge ziehe ich eine feuchte Spur hinterher. Ich spüre, wie er unter mir erschauert. Dieser Moment fühlt sich intensiver an als sonst.

Mit den Händen streichele ich seine Seiten entlang, während ich seine weiche Haut mit meinen Lippen koste. Er windet sich unter mir.

»Was … was machst du denn?«, stöhnt er ein wenig atemlos. »Ich dachte, du wolltest Sex.«

»Will ich auch«, gebe ich zurück. Er hebt nur den Kopf, die Augen halb geschlossen. In diesem Blick liegt eine Mischung aus Ungeduld und Unsicherheit.

»Dann mach schon«, presst er schließlich hervor, krallt dabei die Finger ins Bettlaken.
Doch ich rühre mich nicht. Stattdessen lege ich die Hände an seine Hüften und spüre, wie sein Körper unter meiner Berührung angespannt ist.

»Keine Eile«, sage ich leise, fast mehr zu mir selbst als zu ihm. So ruhig war ich selten. Bei einem anderen Kerl hätte ich längst die Kontrolle verloren und hätte einfach getan, was von mir erwartet wird. Doch diesmal … ist es anders. Bei meinen anderen One-Night-Stands wäre ich direkt aufs Ganze gegangen, ohne viel darüber nachzudenken. Etwas in mir bremst mich, weil ich nicht will, dass das hier bloß flüchtig ist. Ich will mir Zeit nehmen. Für ihn. Für uns. Für diesen Moment, der sich schon jetzt gefährlich echt anfühlt. Sein Blick sucht kurz meinen, und in seinen Augen spiegelt sich ein Hauch von Überraschung. Ich weiß, dass ich ihn auf eine Weise will, die mir fast Angst macht. Meine Finger gleiten über die Innenseiten seiner Oberschenkel. Instinktiv spreizt er die Beine weiter. Sein Keuchen wird lauter, als mein stoppeliges Kinn seine empfindliche Haut streift.

»Vertrau mir, okay? Lass dich einfach fallen.« Obwohl ich mich zusammenreiße, kann ich mich dennoch kaum noch zügeln. Also gebe ich meinem inneren Dran endlich nach, greife ich an den Bund seines Boxerbriefs und ziehe das störende Kleidungsstück langsam herunter. Seine Erektion kommt mir entgegen, begleitet von seinem Stöhnen, und als ich meine Lippen um seine Erregung schließe, spannt sich sein Körper sofort an. Die langsamen, bedächtigen Bewegungen meiner Zunge lassen ihn erzittern. Stöhnend drückt er den Kopf tiefer ins Kissen, krallt seine Finger ins Laken und kommt mir entgegen. Ich erhöhe das Tempo. Der Mann windet sich immer mehr, stöhnt lauter und ich merke, wie schnell ich ihn nur durch meinen Mund zum Höhepunkt bringen könnte. Und genau deshalb ziehe ich mich zurück, bevor es zu weit geht.

Deshalb ersetze ich meinen Mund durch meine Hand. Mit einigen festen Bewegungen bringe ich ihn zum Höhepunkt.

Er atmet schwer. Sein Brustkorb hebt und senkt sich unkontrolliert und ich kann nur ahnen, wie schnell sein Herz jetzt klopft. Meins überschlägt sich regelrecht in diesem Moment. Das wäre jetzt der perfekte Augenblick für einen Kuss …

Ich komme wieder zu ihm hoch und lege mich auf ihn, presse ihn durch mein Gewicht tiefer in die Matratze. Er hebt sein Becken und drückt es gegen meins, ein unmissverständliches Zeichen. Ein Stöhnen entfährt mir. Verdammt, dieser Kerl ist echt heiß!

Er öffnet seine Augen und sieht mich ein wenig unsicher an. Sein Blick ist lustverhangen, aber ich erkenne auch einen Funken Nervosität darin. Mir geht es nicht anders. Mein Puls hämmert, mein Körper steht unter Strom und ich halte es kaum noch aus.

»Fick mich«, raunt er mir zu. Seine Worte jagen mir einen Schauer über den Rücken. Ich senke meine Lippen noch einmal an seinen Hals, küsse ihn dort, ehe ich mich von ihm zurückziehe. Ich wende mich dem Nachttisch zu und öffne die Schublade, greife nach Gleitgel und einem Kondom. Für meinen Geschmack dauert es zu lange, bis ich beides in der Hand habe.

Außerdem hole ich noch eine Packung Taschentücher heraus, von denen ich ihm eins reiche. Er greift danach und säubert sich, ehe er sich auf den Bauch dreht.

»Lass mich raten, du machst es nur von hinten?«, frage ich ihn mit einem Anflug von Enttäuschung.

»Ja«, lautet seine knappe Antwort.

»Und wenn ich dich dabei ansehen möchte?«

»Möchtest du nicht«, brummt er ins Kopfkissen.

»Okay, wie du meinst.« Ich beuge mich über ihn und küsse seinen Nacken. Sein Pferdeschwanz hat sich schon längst gelöst, die schwarzen Haare breiten sich wie ein Fächer um seinen Kopf aus. Mit den Fingern streiche ich ihm durch die seidige Pracht, dann vergrabe ich meine Nase darin. Er riecht so gut.

»Was machst du da?«, kommt es ein wenig überrascht von ihm.

»Dein Haar bewundern.«

»Blödmann«, gibt er zurück, trotzdem kann ich ein Lachen aus seiner Stimme heraushören. Weil ich es selbst jedoch kaum noch aushalte, greife ich nach dem Gleitgel und drücke einen Klecks heraus, den ich großzügig verteile, ehe ich einen Finger in ihn schiebe. Er windet sich unter mir, sein Körper reagiert auf jede Bewegung. Ein zweiter Finger folgt. Sein Atem geht stoßweise, seine Erregung ist unübersehbar. Mit einem Wimmern drängt er sich nach einem Moment gegen meine Hand.

»Mach endlich«, fordert er mich mit bebender Stimme auf. Schnell ziehe ich meine Finger aus ihm heraus und reiße die Kondomfolie ab, um mir das Kondom überzuziehen. Dann positioniere ich mich an seinem Hintern. Sein Atem stockt, als ich mich bewusst langsam in ihn schiebe, darauf bedacht, ihm Zeit zu geben. Er stöhnt auf, als ich schließlich ganz in ihm bin und beginne, mich in einem gleichmäßigen Rhythmus zu bewegen.

Stöhnend schmiege ich mich meinerseits eng an seinen Rücken, kralle meine Finger in seine Hüfte und bewege mich. Erst langsam, dann werden meine Stöße immer schneller. Er geht bei jeder meiner Bewegungen mit der gleichen Intensität mit, lässt sich fallen. Wir sind eins, bewegen uns im selben, fließenden Rhythmus.

Ich fasse um ihn herum und schließe meine Hand abermals um seine Erektion.

»Ah … ja …«, stöhnt er unter mir. Schwer atmend taste ich mit den Lippen weiter, küsse die Stelle zwischen Hals und Schlüsselbein. Ich spüre seinen wilden Puls, höre sein schweres Atmen. Dieser Kerl macht mich wahnsinnig. Wieso fühle ich mich so mit ihm verbunden? Dabei ist es doch nur Sex … oder?

Er spannt sich an, dann merke ich, wie er abermals zum Höhepunkt kommt. Nach einigen wenigen Stößen bin auch ich so weit. Bebend sinke ich auf ihn, bleibe reglos liegen und versuche wieder zu Atem zu kommen.

»Du zerquetschst mich«, murmelt er erstickt und durchbricht dabei die Stille zwischen uns.

»Oh … sorry«, entgegne ich und ziehe mich aus ihm zurück. Ein wenig träge entsorge ich das Kondom und säubere mich notdürftig. Das Duschen verschiebe ich auf morgen früh. Und wer weiß, vielleicht ist er ja noch da, wenn ich aufwache. Schön wäre es zumindest. Irgendwie.

Müde taste ich nach dem Kerl, der sich auf die Seite gedreht hat. Ehe er aufstehen kann, lege ich meinen Arm um seine Taille und ziehe ihn in meine Arme. Ein wenig können wir noch so liegen bleiben. Eigentlich kuschele ich nie nach dem Sex. Eigentlich … Doch bei ihm mache ich heute eine Ausnahme.