Kapitel 1: Zurück in Murdock-on-Marsh
Das blecherne Bimmeln der Kirchturmglocke klang eine Spur trauriger als sonst, befand Martha. Jetzt hatte es also wieder jemanden aus ihrem Jahrgang erwischt. Einige waren ja schon hinübergegangen, vermutlich an Krankheiten verstorben, so genau wusste sie das nicht. Schließlich hatte sie nicht ihr ganzes Leben hier verbracht wie Robin, deren hennarote Locken aus der sich langsam auflösenden Trauergemeinde herausstachen. Knirschende Schritte auf den Kieswegen und aufblitzende weiße Taschentücher, mit denen sich die Leute Tränen aus den Augenwinkeln und Schweiß von den Stirnen tupften. Dass es aber auch so heiß sein musste. Martha ächzte unwillkürlich. Robin hatte natürlich selbst zu diesem traurigen Anlass ein dünnes Blumenkleid an, zumindest in gedecktem Blau, das musste man ihr zugutehalten, während sie selbst in ihrem schwarzen Kostüm unangenehm schwitzte. Trotzdem, anmerken lassen würde sie sich das nicht. Wenn sie eines in ihren langen Jahren in den Diensten der Königin gelernt hatte, dann war es Contenance. Das hatte Busy Lizzie, wie ihre Arbeitgeberin im Pressebüro genannt worden war, gar nicht auszusprechen brauchen. Wenn sie vorbeigerauscht war, die Handtasche fest in der Armbeuge verhakt, das Kinn eisern parallel zum Boden, dann hatte man unwillkürlich Haltung angenommen. Von so etwas konnte Robin in ihren Hippieröcken nur träumen.
Die Leute trafen sich wohl noch zu Kaffee und Kuchen im Pfarrsaal. Die Frau des Vikars hatte ihr das ebenfalls angeboten, aber Martha hatte abgelehnt. Sie hatte absolut keine Lust auf den Klatsch und Tratsch der Kleinstadt Murdock-on-Marsh, in der sie zwar großgeworden, in die sie aber erst jetzt, seit ihrer Pension, zurückgekehrt war. Nein danke. Hundertmal würde sie wieder gefragt werden: „Bist du Martha? Wir kennen uns da und da her, weißt du noch? Lebst du jetzt wieder in Murdock-on-Marsh? Seit wann denn?“ Und auf ihre wahrheitsgemäße Antwort: „Seit drei Monaten“, wurde regelmäßig aufgequiekt: „Was? Und ich habe dich noch gar nicht gesehen. Wo steckst du denn immer?“
Zuhause, bei meinem Kater, hätte sie dann wahrheitsgemäß antworten können, und in meinem Garten, da muss ich niemanden treffen, der mir blöde Fragen stellt. Aber natürlich war sie zu höflich für so etwas und beschränkte sich auf nichtssagendes Brummen. Sie blieb eben lieber für sich, basta. Und, nein, sie war nicht verbittert. Auch nicht schrullig oder menschenscheu. Sie war einfach so. Punkt.
Der Hennaschopf von Robin kam näher, sie hatte eine mollige Frau untergehakt. War das nicht Penelope? Kamen die etwa auf sie zu? Jawohl. Die Frauen stellten sich ihr jetzt auch noch direkt in den Weg und betrachteten sie stumm lächelnd. Am besten sie brachte es sofort hinter sich. „Äh, hallo Robin! Penelope! Also, ich bin zwar schon ein Weilchen wieder zurück in Murdock-on-Marsh, aber ich bleibe lieber für mich. Bei meinem Kater“, setzte sie etwas matt hinzu. „Und im Gar…“
„Robin sagt, dass du auch keine Lust auf den Schmaus im Pfarrsaal hast“, unterbrach Penelope sie.
„Nun, um …“
„Robin hat Ahnungen.“ Penelope riss die Augen auf und machte mit der freien Hand flatternde Handbewegungen durch die Luft.
„Ist das so? Nun denn …“ Sie machte Anstalten, weiterzugehen.
„Dazu brauche ich keine Ahnungen, Penny. Das stand Martha deutlich ins Gesicht geschrieben.“ Robin grinste und sah plötzlich aus wie das Schulmädchen von einst. Bevor sich Martha versah, hatte dieses Schulmädchen sie ebenfalls untergehakt. „Wo gehen wir hin? Ins Pub möchte ich nicht, aber wir könnten zu Maisy’s. Was meint ihr?“
„Äh …“ Martha rang nach Worten. Das fehlte gerade noch, mit der Verrückten, die aussah wie ein Hippie, und der anderen irgendwo hinzugehen.
„Ich hasse es übrigens immer noch, Penelope genannt zu werden.“ Die mollige Frau beugte sich an Robin vorbei und blickte Martha vorwurfsvoll an. „Daran könntest du dich eigentlich erinnern.“
„Es … ist lange her.“ Martha fühlte sich plötzlich schuldbewusst. Ja, eigentlich wusste sie es ja. Auch aus welchem Elternhaus ihre ehemalige Schulkollegin stammte und wie der grässliche Vater immer Penelope! geschrien hatte, bevor sie verdroschen wurde. Während die Mutter nur stumm danebengestanden und die Nachbarschaft geflissentlich weggesehen hatte. Was, Schulkollegin? Sie waren Freundinnen gewesen. „Entschuldige Penny“, setzte sie sanfter hinzu. „Natürlich erinnere ich mich. Manchmal ist es einfach ein wenig anstrengend, dieses ständige Bad in der Vergangenheit.“
„Ach, das kann ich mir vorstellen, Liebes!“ Penny streckte den Arm aus und tätschelte Marthas Hand. „Wir sind ja immer hiergeblieben und nichts anderes gewohnt, aber nach all den Jahren, die du fort warst, plötzlich mit den Geistern der Vergangenheit konfrontiert zu sein. Ach, Gott! Das stelle ich mir wirklich schrecklich vor.“
„Na ja, so schlimm ist es auch nicht.“ Martha versuchte, sich von dem nun doppelten Griff loszumachen, der sie mit sanfter Entschlossenheit zu dem schmiedeeisernen Tor des Friedhofs zog. „Aber jetzt muss ich wirklich … wir können ja ein andermal …“ Endlich schüttelte sie die Hände ab und drängte sich an den Frauen vorbei durch das Tor, aber bevor sie auch nur eine höfliche Formulierung des Abschieds finden konnte, bog ein verbeultes Jaguar Coupé mit offenem Verdeck in die Straße, raste mit einem Schlenker auf sie zu und kam mit einem letzten Aufheulen des Motors nahe der Bordsteinkante vor ihnen zum Stehen.
„Bin ich etwa zu spät?“ Eine in die Jahre gekommene, nichtsdestotrotz spektakuläre Blondine riss sich das Seidentuch vom Kopf, fuhr mit der anderen Hand glättend über den schwungvollen Bob und stieß dabei mit Elan die Wagentür auf.
„Chloe Cloudwell!“ Penny quiekte auf, und fast war Martha ein wenig neidisch, dass das Quieken erst jetzt kam.
„Ach, Mädels!“ Mit einem leisen Ächzen schob sich die Angekommene aus dem Ledersitz. „Und ihr alle hier versammelt! Als hättet ihr auf mich gewartet. Ist das nicht wunderbar?“
Robin kicherte und stieß Martha leicht in die Seite. „Immer noch gut für einen großen Auftritt unsere Chloe, nicht wahr?“
„Oh, genau was ich auch gerade gedacht habe.“ Martha blickte leicht irritiert zu der Frau an ihrer Seite, die ihr zublinzelte. Robin konnte doch wohl nicht wirklich Gedanken lesen, mit ihren Ahnungen und so, oder? Unsinn!
Inzwischen war Chloe um den Wagen herumgekommen, breitete die Arme aus und versuchte, sie alle auf einmal zu umarmen. „Ach, ist das schön, euch zu sehen! Fast wie früher! Wisst ihr noch? All unsere Abenteuer? Und das erste Herummachen mit den Jungs? Und dann unser Detektivclub? Als wir ständig jemanden verfolgt und uns Nachrichten mit unsichtbarer Tinte geschrieben haben!“
„Ja, ja“, kicherte Penny. „Mit Zitronensaft! Wie ich die Tageszeitung in Brand gesetzt habe, weil man die Nachrichten an eine Kerze halten musste, um sie sichtbar zu machen. Mein Vater hat mich fast umgebracht deswegen.“
„Oh!“ Chloe blickte erschrocken und für einen Moment senkte sich Schweigen über das Grüppchen. Nur Penny kicherte noch. Ihr Vater hatte sie grün und blau geschlagen, weil seine Zeitung ein Raub der Flammen geworden war, und eigentlich war das das Ende ihres Detektivclubs gewesen.
„Nun ja, auf jeden Fall warst du damals noch nicht so stark parfümiert, Chlo“, merkte Martha trocken an und der Moment der Spannung löste sich.
„Und dein Heiligenschein war noch nicht so grau, meine liebe Martha“, stichelte Chloe zurück. „Aber was ist jetzt mit der Beerdigung? Ich wollte doch Agnes das letzte Geleit geben, auch wenn es wunderbar ist, dass ich euch in die Arme gelaufen bin. Oder ihr mir.“
„Agnes wird auch ohne dich in die andere Welt gefunden haben, meine Liebe.“ Robin hakte Chloe unter. „Wir gehen gerade zu Maisy’s und du kommst natürlich mit.“
„Sie ist schon immer zu spät gekommen“, brummte Martha. „Die ganze Schulzeit lang. Manche Dinge ändern sich nie.“
„Ich höre dich, Martha Fich, auch wenn du hinter meinem Rücken vor dich hinmurmelst. Ich bin noch nicht schwerhörig.“
„Fich-Osborne, wenn ich bitten darf, und es war nur ein Test, ob du wirklich Ohren am Hinterkopf hast, wie immer gemunkelt wurde.“
„Ich habe allerdings so eine Ahnung, Chloe“, unterbrach Robin das Geplänkel, „dass du deinen Wagen nicht unbedingt hier parken solltest.“
„Ach, Robin! Du und deine Ahnungen …“
„Na, na, na! Das geht nicht! Wem gehört denn das Auto hier?“ Eine Stimme grollte hinter ihnen und ein Grüppchen Passanten schüttelte die Köpfe und hob abwehrend die Hände. Ein Polizist, sichtlich schwitzend in seiner Uniform, hatte bereits seinen Block hervorgezogen.
„Ist das nicht der kleine Archie, den Ruth immer mitschleppen musste? Ihr kleiner Bruder?“, rief Chloe.
Der Polizist zuckte zusammen und verzog das Gesicht. „O Gott, ihr seid es! Steckt ihr denn immer noch zusammen?“
„Nicht immer noch, sondern wieder, kleiner Archie.“
„Auch für euch Police Sergeant Arjuna Brown, wenn ich bitten darf.“
„Ach Archie, das ist ja sowas von fantastisch! PS Arjuna Brown!“ Als hätte jemand einen Schalter umgelegt, strahlte Chloes Gesicht auf und wurde zu dem Antlitz, das sie alle aus den Seifenopern von unzähligen Fernsehabenden kannten.
Mit den Spitzen ihrer pinkfarbenen Nägel tippte sie auf den Uniformärmel und schenkte dem Polizisten ein betörendes Lächeln. „Erinnerst du dich noch an diesen Sommer?“
„Volle Breitseite“, murmelte Martha und Penny presste sich eine Hand vor den Mund um ihr Kichern zu unterdrücken.
„Was denn für einen Sommer?“ Eine Schweißperle löste sich unter seinem Bobby-Hut und rollte dem Police Sergeant bis in den dichten schwarzen Schnurrbart. Arjuna Brown hatte von seiner indischen Mutter nicht nur den dunklen Honigton der Haut und das schwarze Haar, sondern auch den glutvollen Blick der dunkel umschatteten Augen geerbt. „Du kannst den Wagen nicht hier stehenlassen, Chloe!“
„Das Café hat einen Parkplatz“, mischte sich Robin ein.
„Na gut, aber wir sprechen uns noch Archie. Bis gleich, Mädels!“ Mit einem Winken stieg Chloe wieder in ihr Automobil und rauschte so temperamentvoll ab, wie sie gekommen war.
„Dieser Sommer?“ Penny blickte den Polizisten mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Ach, was. Ich weiß ja gar nicht, wovon sie spricht.“ PS Arjuna Brown riss sich den Hut vom Kopf, gleichzeitig ein Taschentuch aus der Hosentasche und wischte sich über die Stirn. „Die ist ja noch genauso verrückt wie damals.“
„Vor mehr als einem halben Jahrhundert.“ Martha seufzte. „Kommt, lasst uns gehen. Chloe ist wahrscheinlich schon dort, wenn sie das Tempo beibehalten hat.“
„Warum sind wir denn nicht mitgefahren?“, wollte Penny wissen. „So ein tolles Auto!“
„Weil es nur um die Ecke ist und das Auto vollgeräumt war mit irgendwelchem Zeugs.“ Robin hakte sie unter und zog sie weiter.
Chloe wartete tatsächlich bereits auf dem Parkplatz neben dem Café Maisy’s. Im Schatten der ausladenden Kastanienbäume stand sie angelehnt an den Wagen, augenscheinlich ohne sich an der Staubschicht, die über dem klassischen Dunkelgrün lag, zu stören. Jetzt löste sie sich und kam schnell auf sie zu. „Maisy’s Café, dass es das immer noch gibt!“ Mit einer ausholenden Bewegung drehte sie sich einmal um die Achse. „Überhaupt das Ganze. Die Reihe alter Steinhäuschen. Das wirkt wie aus der Zeit gefallen.“
„Es ist aus der Zeit gefallen.“ Martha zuckte die Achseln. „Aber seit diesen Harry Potter-Filmen hat der Tourismus stetig zugenommen, heißt es.“
„Davon profitiert auch mein Esoterik Shop“, warf Robin ein. „In der Touristensaison kann ich inzwischen die Laden-Miete aus dem Verkauf von Zauberstäben finanzieren. Ts! Als hätte das auch nur irgendetwas mit echter Spiritualität zu tun.“
„Maisy muss doch schon steinalt sein, oder?“ Chloe blickte sich fragend um, als würde sie nach der alten Dame Ausschau halten.
„Sie ist tot. Ihre Enkelin Annabell führt den Laden“, antwortete Robin.
„Ach, wie die Zeit vergeht! Na egal, nichts wie rein.“
Penny schob sich an Chloes Seite. „Was war denn nun in dem besagten Sommer, Chlo? Wir sind alle neugierig und Archie hat nichts verraten.“
„Sommer? Ach so. Keine Ahnung!“ Chloe lachte. „Der war doch noch ein halbes Baby damals. Der absolute Nachzügler. Wisst ihr noch, wie sich seine Mutter immer geniert hat, weil alle sie mit diesem Gesichtsausdruck angesehen haben: Schaut euch die an, die hatte in dem Alter noch Sex. Der Gedanke stand jedem förmlich auf die Stirn geschrieben. Dabei war sie im Nachhinein betrachtet gar nicht so alt. Uns Jungen kam sie allerdings vor wie eine Greisin und der Gedanke, dass sie und ihr Greisenmann herumgemacht hatten. Iiiigh!“
Martha musste zu ihrer eigenen Überraschung laut auflachen. Chloe warf ihr einen Seitenblick zu. „Jetzt sehen wir das alle ein bisschen anders, nehme ich an?“
„Sag das mal meinem Mann!“ Penny ächzte gedankenverloren und hob dann erschrocken eine Hand an den Mund, als wäre ihr erst jetzt bewusst geworden, was sie gerade gesagt hatte. „Das meine ich natürlich nicht wörtlich, dass du das zu Gerry sagen sollst!“
„Natürlich nicht.“ Chloe hob zwei Finger. „Lippen versiegelt. Aber wir beide sollten uns einmal unterhalten.“
Das Bimmeln eines Glockenspiels ertönte, als sie die Eingangstür zu Maisy’s aufstießen. Das Innere des Cafés erinnerte an ein altmodisches Wohnzimmer, mit Spitzendeckchen, die über jede verfügbare Oberfläche gebreitet lagen, verstaubtem Nippes auf dem Sims des Kamins, in dem ein elektrischer Ofen auf den Herbst wartete, verschossenen Plüschsesseln und verblassten Plastikblumen. Die blonde junge Frau, die gerade mit einem Tablett hinter einer Kuchentheke hervorkam, wirkte dagegen erfrischend modern. Sie schenkte den Eintretenden ein breites Lächeln.
„Tisch für vier Damen?“ Sie verharrte kurz im Schritt.
„Und zwar möglichst ungestört“, befahl Martha, die vorausmarschiert war.
„Wollen Sie vielleicht in den hinteren Raum? Da haben Sie alle Privatsphäre der Welt.“
„Guten Tag, Annabell!“, grüßte Penny. „Der Hinterraum wäre wunderbar, Liebes.“
„Tag, Penny!“ Die junge Wirtin stellte das Tablett schwungvoll vor zwei Frauen ab, die das Grüppchen neugierig musterte. „Ich habe Kartons für dich, die kannst du nachher mitnehmen. Dann macht es euch schon mal gemütlich, ich bin gleich bei euch mit Scones.“
„Ist das nicht … wie hieß sie noch? Aus dieser Serie mit dem Königshaus?“, raunte es ihnen von den Damen am Tisch hinterher, während sie auf eine Schwingtür zusteuerten, in deren Flügeln Bullaugen prangten. Die runden Fensterchen aus dickem Glas gaben den Raum dahinter seltsam verzerrt wieder, stellte Martha fest, als sie kurz hindurchspähte. „Gute Idee mit dem Hinterzimmer“, knurrte sie, bevor sie sie aufstieß.
„Oh Gott, Annabells göttliche Scones. Ich fühle mich schwach werden. Dabei hatte ich fest vor, ab sofort auf Diät zu sein.“ Penny nahm sich ein Gebäck von der Etagere und biss herzhaft hinein. Sie strahlte in die Runde, während sie sich Brösel vom Mund strich.
„Wozu brauchst du denn Kartons?“, warf Martha ein.
„Na, für die Sommer-Kirmes. Wir sammeln für die Tombola. Außerdem Altkleider. Gut erhaltene natürlich. Also, wenn ihr etwas habt, was ihr loswerden wollt, nur her damit. Ihr könnt es im Pfarrsaal oder bei mir abgeben.“
„Ich habe ein ganzes Auto voller Zeugs, das ich loswerden möchte“, meinte Chloe. „Aus dem Haus, Sachen von meiner Mutter und so.“
„Das trifft sich ja wunderbar. Möchtest du nachher rüberkommen und sie vorbeibringen?“
„Es ist nur so, dass ich es nicht so recht schaffe, mich davon zu trennen.“ Chloe zuckte die Achseln. „Ich nehme die Sachen in die Hand und mir fallen zu jedem Teil Geschichten ein. Versteht ihr, was ich meine?“
„Nur zu gut, Liebes. Nur zu gut. Mir ist es ganz ähnlich ergangen, als ich nach dem Tod meiner Eltern die Wohnung ausräumen musste.“ Pennys rundes Gesicht wurde weich vor Mitgefühl. „Dabei hatte ich vor allem scheußliche Erinnerungen, aber das schien die Sache nur schlimmer zu machen. Es war nicht so einfach, das Zeug damals zurückzulassen und ein neues Leben anzufangen. Plötzlich findet man sich kopfüber im Kindheitstopf wieder und rudert wie der Frosch in der Milch.“
„Ach ja, so alt kann man gar nicht werden, dass einem so etwas nichts mehr ausmacht.“ Chloe seufzte. „Für einige von uns wird es wirklich Zeit, ein neues Leben anzufangen, nicht wahr?“
„Absolut“, knurrte Martha.
„Apropos neues Leben.“ Penny legte eine Hand auf Robins Arm. „Ich sage nur: Tee und Tarot im Hinterzimmer. Möchtest du nicht vielleicht ein klitzekleines Bisschen unserer gerade beginnenden Zukunft ans Tageslicht bringen? Das wäre genau, was einige von uns im Moment brauchen könnten.“
„Für Chloe, meinst du?“ Robin begann geistesabwesend an ihrem Blumenrock zu zupfen und ein Ende der blauen Tunika, die sie darüber trug, um einen Finger zu wickeln. Dann schüttelte sie den Kopf, wie um einen unangenehmen Gedanken zu vertreiben und blickte Chloe aus dunklen Augen an. „Ich habe montagvormittags geschlossen, da ich in der Touristen-Saison sonntags öffne. Also, Montagmorgen bei mir in der Witchery?“
Chloe schluckte. Die beiden meinten das wirklich ernst. Mit einem Mal war ihr mulmig zumute. „Aber nur wenn ihr alle mitgeht“, krächzte sie.
Martha drehte den Schlüssel in dem glänzenden Messingschloss der dunkelrot lackierten Eingangstür und empfand wie jedes Mal einen Anflug von Wohlbehagen, wenn sie Oak Manor betrat. Ein wirklich schönes Nest hatte sie sich hier geschaffen. Aus dem gleichen honiggelben Stein, wie die meisten alten Häuser des Ortes, stand es inmitten eines weitläufigen Gartens, der durch das Alter seiner Bäume und dem nachlässigen Charme seiner Blumenrabatte wie ein kleiner Park wirkte. Eigentlich war ihr Häuschen nur ein Nebengebäude des Manors gewesen, aber das große Haus war, zusammen mit den Ländereien, die dazugehört hatten, längst verschwunden und existierte nur noch in alten Niederschriften. Aus seinen Steinen waren dann die umliegenden Häuser errichtet worden, aber der Name Oak Manor, zusammen mit dem Stückchen Grund, das nun ihr Garten war, hatten sich erhalten.
Percy erwartete sie bereits und strich schnurrend um ihre Beine, während sie sich die unerträgliche schwarze Jacke nebst Bluse vom Leib riss.
„Na, mein Schöner, hast wohl Hunger? Gleich gibt’s was!“ Der schwarze Kater maunzte zustimmend. Er stammte aus dem örtlichen Tierheim und Martha hatte ihn zu sich genommen, kurz nachdem sie hierhergezogen war. Natürlich wusste sie, dass man Katzen, um ihre sozialen Bedürfnisse zu erfüllen, nur paarweise halten sollte. Bei Percy hatten allerdings alle Versuche ihn zu vergesellschaften bereits im Tierasyl fehlgeschlagen, was den Kater in Marthas Augen zu einem Seelenverwandten machte.
Sie schaufelte Dosenfutter in seine Schüssel und hielt dann die Gabel unter den Wasserhahn der Spüle, dabei ließ sie den Blick aus dem Fenster der Hintertür über die alten Eichen hinten im Garten und die sanfte Hügellandschaft schweifen, die sich dahinter erstreckte, saftig grün, gesprenkelt von Schafen, und ihr von klein auf vertraut. In ihrem Alter sehnte man sich plötzlich nach dem Vertrauten, nach einem Stück Heimat. Deswegen war sie nach Murdock-on-Marsh zurückgekehrt. Die Menschen zu der Landschaft konnten ihr allerdings gestohlen bleiben. Zumindest bis heute. Gott, war das schön gewesen, die alten Mädels zu treffen! Was für ein Spaß! Ein Glück, dass sie sich aus reinem Pflichtbewusstsein aufgerafft hatte, zu dem Begräbnis zu gehen. Auf einmal fragte sie sich, ob sie die vergangenen Monate schlichtweg vergeudet hatte. Zumindest Robin und Penny hätte sie schon längst wieder treffen können, statt ihnen, genauso wie allen anderen, so beharrlich aus dem Weg zu gehen. Nun gut, mit ihren achtundsechzig Jahren war sie auch für Reue zu alt, befand sie. Entweder man tat etwas, oder man tat etwas nicht. Punkt. Dieses ganze Hätte-ich-doch war absolut für die Katz‘. Wie viele Erinnerungen im Hinterstübchen von Maisy’s aufgetaucht waren! Im Raum hatte es geradezu geschwirrt davon.
Und diese Sache mit dem Girls‘ Mordclub, wie sie ihr Detektivspiel genannt hatten. Inzwischen waren sie altersmäßig Omas und der Name Old Girls’ Mordkränzchen wohl angebrachter. Sie stieß schnaubend die Luft aus. Ach, dieses Alter! Dabei hatte es ja noch kaum begonnen. Wie sollte das denn noch werden, wenn ihr heute manchmal schon jeder Knochen im Leib wehtat?
In der Thermoskanne war noch Tee. Natürlich Earl Grey. Sie schenkte sich ein und setzte sich auf das Sofa im Wohnzimmer. Wie würde der Raum wohl auf ihre alten Freundinnen wirken, sollten sie einmal zu Besuch kommen, was früher oder später unausweichlich wäre? Sie blickte sich mit kritischem Blick um. Auf schlichte Art sah es hier aus wie in Buckingham Palace. Ohne das ganze Gold natürlich. So wie sie selbst wahrscheinlich wie ein Klon ihrer ehemaligen Arbeitgeberin wirkte. Zumindest wenn die ehemalige Regentin Urlaub auf Balmoral gemacht hatte: Twinsets, wadenlange Röcke, vernünftige Schuhe. Dazu Perlenkette, einen dezenten Lippenstift und bei Bedarf ein Kopftuch über den kurzen, grauen Locken. Martha lachte trocken auf. Hauptsache sie verlor den Humor nicht. Wobei auch das eine Eigenschaft war, die die beiden Frauen teilten. Sie atmete tief durch. Wieder allein. Wie schon einmal.
Ihre Ehe als junge Frau war kurz gewesen. Ihr Mann hatte sie gehalten. Nur gab es nach Marthas Gefühl zwei Arten von Halten. Einmal die fürsorgliche, bei der man in den Stürmen des Lebens Rückhalt, Trost und Sicherheit fand, und dann ein schlichtes Festhalten. In ihrer Ehe war es Letzteres gewesen. Ihr Mann hatte sich an sie geklammert wie ein Kind an einen Gasluftballon, den es auf der Kirmes überraschend geschenkt bekommen hat, und sie hatte getanzt und gezappelt, um freizukommen. Dann war er gestorben. Sie war frei gewesen. Und hatte schlussendlich mit ihrer Freiheit nichts anzufangen gewusst. Der Ballon war – nach einem kurzen heftigen Aufstieg in zu dünne Luftmassen – zu einer kläglichen Hülle geschrumpft und zu Boden getrudelt. Da hatte sie sich schließlich befunden. Allein. In der Zeit war das Job-Angebot gekommen. Die Pressestelle der Queen hatte um ihre geschätzte Mitarbeit angesucht. Das Royal Communications und Medien Zentrum. Was für eine Ehre! Hatte sie sich bei allem doch einen Namen in der Presselandschaft gemacht gehabt! Ja und seitdem hatte die Königin die Stelle ihres Mannes eingenommen. Oft nicht weniger fordernd, aber Martha hatte es gerne akzeptiert. Sie hatte dazugelernt. Als das Unsägliche eingetreten und Busy Lizzie, wie ihre Arbeitgeberin in den Pressebüros genannt wurde, schließlich – Towerbridge down! – verstorben war, war Martha schier das Herz gebrochen. Der nachfolgende König war kein würdiger Ersatz und so hatte sie ihren Abschied genommen. Pensionierung. Wieder dieses Gefühl, wie ein alter verschrumpelter Ballon zurückgeblieben zu sein.
Percy war herangeschlichen und sprang mit einem Satz auf ihren Schoß, was sie aus ihren trüben Gedanken riss. Mit einem Gurrlaut rollte er sich zusammen, sie streichelte über seinen seidigen Pelz. Papperlapapp, alleine, Martha! Nicht, solange du Percy hast!
Chloe stand indessen vor dem Spiegel in dem kleinen, schäbigen Bad ihres Elternhauses, schob nun mit flachen Händen ihr Haar zurück und betrachtete sich eingehend. Ohne ihr Dauerlächeln und die kontrollierte Miene, die sie ihren Mitmenschen präsentierte, hatten ihre Mundwinkel eine unglückliche Disposition nach unten zu sacken und zwei mürrische Falten neben ihrem Mund zu enttarnen. Schrecklich! Damit sah sie gleich zehn Jahre älter aus, was wiederum den dringenden Wunsch nach einem Gin Tonic in ihr entfachte. Dabei machte Alkohol auch Falten. Aber irgendein Allheilmittel brauchte man gegen die Stürme des Alltags. Manchmal bedeutete schon jedes Vor-die-Tür-Gehen so einen Sturm. Immer war da jemand, der sie anstarrte. Hin und wieder hatte sie das schreckliche Gefühl, der kalte, wertende Geist ihrer Mutter verfolge sie immer noch. Ob sie den je loswerden würde? Je diese spitz nörgelnde Stimme aus dem Off verlieren, die ein Chloe, zieh keinen Fluntsch! oder sonst eine Anweisung so plötzlich durch ihren Kopf sausen ließ, als hätte jemand einen Pfeil auf sie abgefeuert? Höchstwahrscheinlich nicht. Was für eine Ironie des Schicksals, dass sie ausgerechnet wieder hier gelandet war. Genau hier, in Murdock-on-Marsh. Wo sie nie wieder hatte sein wollen. In dem Haus, dem sie mit achtzehn den Rücken gekehrt hatte, um nur noch zu widerwilligen und seltenen Besuchen zurückzukehren, bei denen sie sich bemüht hatte, möglichst bald wieder zu verschwinden. Das Haus ihrer Kindheit, in dem ihre Mutter schließlich, bitter wie eine alte Zichorienwurzel, ihr Alter verdämmert hatte und das nach ihrem Tod zwei Jahre lang leergestanden hatte. Hätte die pure Not sie nicht zu diesem Schritt gezwungen, hätte Chloe nie mehr einen Fuß hier hineingesetzt. Das Ganze roch nach Verfall und der alten Frau, die sie mit jedem Dein Bruder hätte nicht …! Ach, wenn er doch nur noch …! mehr gehasst hatte. Simon war als junger Mann mit dem Motorrad tödlich verunglückt und ihr seitdem als leuchtendes Beispiel von Kinderliebe und sonstigen Tugenden vor Augen geführt worden. Chloe stieß schnaubend die Luft aus.
Gleich nachher würde sie einen Makler anrufen. Sie würde diese alte Bruchbude verkaufen und vielleicht genug dafür bekommen, dass sie nach London zurückkehren und sich dort eine kleine Wohnung nehmen konnte. Wenn sie allerdings an die Immobilien-Preise dort dachte …
Heute hatte sie die Mädels noch zu einer Runde Prosecco eingeladen, einfach um der alten Zeiten willen. Auch wenn sie sich solche Eskapaden gar nicht leisten konnte. Nicht mehr. Damals, zu ihren Glanzzeiten im Fernsehen, hatte sie zwar ein Vermögen verdient, aber auch einen aufwendigen Lebensstil gepflegt. So wie es eben von ihr verlangt wurde, um im Gespräch und somit im Geschäft zu bleiben. Mit zunehmendem Alter waren die Rollen allerdings weniger geworden. Dann hatte es ein kurzes Comeback in einer Soap-Serie über die Royale Familie gegeben, wodurch ihr Gesicht wieder allseits bekannt geworden war, und dann nichts mehr. Ende der Vorstellung. Hin und wieder vermittelte ihr Agent ihr noch eine Sprechrolle oder kleinen Werbespot, aber wenn sie nicht aufpasste, würde auch er sie eines Tages vergessen, einfach so. Sie wusste, wie es in ihrem Business zuging. Pah! Chloe trat einen Schritt zurück. Ein Gin Tonic mehr oder weniger schadete nun wirklich nicht.
Seltsam, dachte Penny, während sie das letzte Stück Straße entlanghastete, das sie von ihrem Reihenhaus trennte. Bei anderen schienen diese schrecklichen Hitze-Wallungen nach den Wechseljahren aufzuhören, aber ihr waren sie geblieben. Vielleicht war aber auch ihr Übergewicht schuld, dass sie so schnell schwitzte. Vermutlich sollte sie sich doch endlich zu dem Gymnastik-Kurs anmelden, der im Gemeindezentrum angeboten wurde. Ihr fehlte nur die Zeit für solche Extravaganzen, wie Gerry das nannte. Zum Glück hatte sie die Gassi-Runden mit den Tierheimhunden, die hielten sie einigermaßen fit. Beim Gedanken an die stürmische Liebe, mit der die Tiere sie bei jedem Kommen empfingen, wurde ihr warm ums Herz. Daran hätte Gerry sich wirklich mal ein Beispiel nehmen können! Stattdessen blickte er sie hin und wieder an, als wüsste er nicht genau, wer sie eigentlich war und was sie in seinem Haus zu suchen hatte. Nun ja, er war eben durch und durch Wissenschaftler, Altphilologe, römische Antike, die waren einfach so. Versponnen und immer in Gedanken. Einmal in der Woche hielt er noch eine Vorlesung drüben an der Universität in Oxford, ansonsten verbrachte er die Tage und Abende in seinem Studierzimmer, wo er an einem Werk über den Renaissance-Dichter Petrarca arbeitete, der in Gerrys Vorstellung schon zu moderner Literatur zählte. Penny hatte den Verdacht, dass er sich das Schreiben einfacher vorgestellt hatte. Wie auch immer, das Essen wollte er pünktlich auf dem Tisch haben. Wieder etwas, was er sich einfacher vorstellte, als es manchmal war. Wie zum Beispiel heute, nachdem sie sich mit den alten Freundinnen verplaudert hatte. Ihr ehemaliger Detektiv-Club. Nicht zu fassen! Wie ihre Freundinnen alle verstummt waren, als die Rede auf Pennys Vater gekommen war. Sie hatte es überspielt, als würde es ihr nichts bedeuten, dabei war jeder Gedanke an ihn immer noch ein kleiner Schock, auch wenn die Angst, die sie vor ihrem Vater gehabt hatte, nur noch gedämpft auftrat. Sie schob das quietschende Gartentor auf, eilte durch den Vorgarten zu der Tür ihres kleinen Reihenhauses, das sich nahtlos in die Straße gleich aussehender Steinhäuschen einfügte, und sperrte die Tür auf.
„Lieber, ich bin wieder da!“, rief sie, während sie durch den Flur in die Küche eilte. Auf der Arbeitsplatte neben der Spüle lag ein Löffel in einer kleinen braunen Pfütze und ein Häufchen Zucker schmolz zwischen braunen Bröseln vor sich hin. Kopfschüttelnd griff Penny nach dem Küchenlappen. Gerry schien sich einen Instant-Kaffee gemacht zu haben.
Während sie begann, Gemüse zu zerkleinern und Kartoffeln zu schälen, wanderten ihre Gedanken zu ihren Kindheits-Freundinnen zurück. Wie ihr eigenes Leben wohl verlaufen wäre, wenn sie wie Chloe und Martha Karriere gemacht hätte? Wenn sie nicht … Sie spürte Bedauern wie einen scharfen Stich irgendwo in ihrer Brust, sofort abgelöst von Schuldgefühlen. Ihre Kinder waren zwei wunderbare Menschen, nicht daran zu denken, dass es sie nicht geben könnte und doch … Sie hätten ja auch etwas später … Nachdem Penny ihr Studium abgeschlossen hätte …
Aber dafür konnten die Kinder ja nichts. Lucy und Ben. Sie lebten beide in London und von den Enkeln bekam Penny leider herzlich wenig zu sehen. Penny war noch während ihres Tiermedizin-Studiums schwanger geworden. Damals gab es das ja noch nicht, dass Studentinnen schwanger an der Uni geblieben wären, geschweige denn Kinderkrippen und solche Sachen. Sie hatte Gerry geheiratet und war von da an Hausfrau gewesen. Bis die Kinder aus dem Haus waren und die Stelle als Ordinationshilfe beim örtlichen Tierarzt frei geworden war. Das war Pennys Chance gewesen und eigentlich doch auch irgendwie eine Karriere, wenn auch spät und wenig spektakulär, aber es hatte ihr Freude gemacht.
Robin hatte sich mit Penny ein Stück des Heimwegs geteilt, bis sie in die kleine Seitenstraße mit Kopfsteinpflaster abgebogen war, deren engstehende mittelalterliche Häuser wie aus einem Märchenbuch gefallen wirkten. Genauso altertümlich wie die windschiefe Fassade und vollgestopfte Auslage der Witchery, ihrem Geschäft für Wunderbares, wie sie es gerne nannte. Wunderbar fühlte es sich immer an, durch die Glastür in ihre Zauberwelt zu treten. Das Gebimmel des Windspiels, das sich beim Eintreten in klingende Bewegung setzte, der Duft von Räucherwerk. Heute, bevor sie zur Beerdigung aufgebrochen war, hatte Robin Weihrauch in einer Eisenschale verbrannt, so dass die verstorbene Agnes ein gutes Hinübergehen haben möge.
„Ich bin gleich bei Ihnen!“, erklang die Stimme ihrer Tante aus dem Hinterzimmer.
„Ich bin’s nur, Tilly!“
„Ach, meine Liebe! Jetzt hätte ich mich fast abgehetzt! Dabei habe ich dich schon längst zurückerwartet und Tee überbrüht. Möchtest du eine Tasse? Ich habe ihn warmgestellt. Genau das Richtige bei Hitze. Das haben wir schon damals in den Tropen so gehalten.“
Robin musste lächeln. „Ein Tässchen Tee ist bei dir in jeder Situation das Richtige.“
„Na ja, es gibt ja auch verschiedene Tees, nicht wahr, meine Liebe? Aber das weißt du schließlich besser als ich, was? Na, machst du uns vielleicht einen?“ Tante Tilly zwinkerte unter ihrem Blumenkranz hervor, den sie seit dem keltischen Fruchtbarkeitsfest Beltane, bei dem der Beginn des Sommers mit Tänzen ums Feuer gefeiert wurde, auf den weißen Locken trug. sie sah dabei aus wie ein Kind, klein, verschmitzt und zart wie ein Vögelchen. Allerdings ein ziemlich runzeliges Kind. Außerdem war Beltane Anfang Mai gewesen und inzwischen ging der Monat dem Ende zu und die Blüten ihres Kranzes waren vertrocknet. Robin seufzte inwendig. „Nicht heute schon wieder, Tilly! Du weißt doch, dass es bei allem auf die Dosierung ankommt. Täglich Marihuana-Tee ist einfach keine gute Idee, glaub mir.“
„Och, na, wenn du meinst.“ Tilly zog eine schmollende Schnute, den dunkelroten Seidenumhang, den sie im Wohltätigkeitsgeschäft gegenüber erstanden hatte, enger um sich und verschwand durch den leise klimpernden Holzperlenvorhang wieder in den Hinterraum, den Tee holen. Robin machte eine Gedankennotiz, diskret nachzukontrollieren, ob die Tante Kleidung unter ihrem Umhang trug, bevor sich noch ein später Kunde in die Witchery verirren sollte. Bei Tilly wusste man nie, was ihr gerade so in den Sinn kam. Robin machte sich daran, einen Stapel Engel-Ratgeber neu zu ordnen. Begräbnisse hatten so die Neigung, einen über den Lauf des eigenen Lebens nachdenken zu lassen. Wie schnell alles vergangen war, wenn sie es rückblickend betrachtete. Und wie lange sie und Tilly sich schon die Wohnung über dem Laden teilten. Eigentlich war es die Wohnung der Tante, aber nachdem Robins Mann so jung verstorben war, und sie mit dem Baby nicht gewusst hatte, wohin, hatte Tilly sie beide bei sich aufgenommen. Tilly war es auch gewesen, die sie mit den Wicca in Kontakt gebracht hatte, den neuen Hexen, die allerdings nur weiße Magie betrieben, und mit den neuen Heiden und ihren naturverbundenen Ritualen. Wobei sich alle männlichen Heiden bemühten, wie Merlin der Zauberer auszusehen, dachte sie manchmal, wenn sie im Schein von Feuern ihre keltischen Feste feierten. Irgendwann war Tilly das mit Robins Ahnungen aufgefallen, die sich verstärkt hatten, seit Robin regelmäßig Zwiesprache mit ihrem verstorbenen Mann führte. Für Robin waren ihre Eingebungen, genau wie ihr geistiger Kontakt zu inneren Wesenheiten, von klein auf so alltäglich gewesen, dass sie nie gedacht hatte, eine besondere Fähigkeit zu besitzen. Vielmehr hatte es sie völlig erstaunt, zu erfahren, dass andere Menschen diese Hilfe nicht zur Verfügung hatten. Sie konnte sich nach wie vor nicht erklären, wie man Entscheidungen traf, ohne Rücksprache mit inneren Geisterführern, Engeln oder dem persönlichen Einhorn zu halten. Allerdings hatte sie schnell festgestellt, dass die Leute sie seltsam ansahen, wenn sie von so etwas sprach und behielt ihre Wesenheiten seitdem lieber für sich. Alles zusammen hatte sie ein gutes Leben gehabt, auch wenn ihr manchmal ein wenig irdische Liebe gefehlt hatte. Nach ihrer kurzen Ehe hatte sie nie wieder eine längere Liebesbeziehung geführt, außer dieses eine Mal, aber daran wollte sie lieber nicht denken, es hatte sie genug Jahre ihres Lebens gekostet, darüber hinwegzukommen. Danach hatte sich einfach nichts mehr ergeben, obwohl die Sterne oft gar nicht so schlecht gestanden hatten. Sie war wohl immer zu versponnen gewesen, oder zu selbstständig, außerdem musste sie feststellen, dass ihre regelmäßigen Séancen im Hinterzimmer bei Männern nicht so gut ankamen. Außer bei den neuen Heiden mit den Merlin-Bärten natürlich, aber von denen hatte ihr nie einer gefallen. Und eines Tages war sie dann alt gewesen. Sie erinnerte sich genau an den ernüchternden Moment, als ihr aufgefallen war, dass die männlichen Blicke durch sie hindurchgingen, als wäre sie nachgerade unsichtbar, um zu den jungen Mädchen hinter ihr zu schweifen. Dabei war sie damals erst Mitte fünfzig gewesen und die liebe Penny beteuerte immer, das wäre kein Alter und obwohl sich kein einziges graues Haar in ihren Locken zeigte. Aber das lag natürlich am Henna. Versonnen betrachtete Robin sich in der Spiegelwand hinter den Energiekristallen und Räucherstäbchen. Irgendwann würde sie aussehen wie Tante Tilly, ein zartes Gewächs, das immer weniger und trockener wurde. Dabei hätte sie sich eigentlich gerne erst noch einmal richtig verliebt, bevor es so weit war. Wenn sie sich Chloe so ansah! Dabei war Chloe die Älteste in ihrer Runde, wenn auch nur um ein Jahr, was ihr früher gefallen hatte und inzwischen sicher nicht mehr. Chloe wirkte absolut lebendig. Und wenn Robin die prüfenden Blicke, mit denen die Schauspielerin diskret ihre Umgebung prüfte, richtig deutete, dann hielt Chloe eindeutig Ausschau nach einem männlichen Bewunderer, so viel stand fest. Auf einmal wurde Robin unruhig und sie spürte den dringenden Impuls, zu Chloe zu laufen und sie zu warnen. Aber wovor? Sie versuchte, das Gefühl und das geistige Bild dahinter klarer zu greifen, aber umsonst. Beides löste sich einfach in Luft auf und ließ sie ratlos zurück. Wenn die Eingebungen nicht wollten, dann war da nichts zu machen, das wusste sie aus Erfahrung. Vielleicht wurde es Zeit, Tarotkarten zu legen. Oder doch ihren selbstgezogenen Marihuana-Tee anzusetzen, das würde auch Tilly freuen. Und ihr selbst hoffentlich dieses Gefühl von Schwere und Gefahr nehmen, das ihr wie ein Klammeraffe aufs Herz gesprungen war.
Kapitel 2: Neue Projekte
Die ersten Strahlen der Morgensonne strichen sanft über die grünen Hügel der Cotswolds, funkelten auf Bachläufen, über die sich die weißen Blütenwolken der Weißdornbüsche neigten, und Wiesen, auf denen Lämmer ihre ersten wackeligen Schritte wagten, während ihre Mütter ruhig grasten. Vögel zwitscherten um die Wette im frischen Laub der alten Eichen und über den Feldern kreiste ein Habichtpärchen und stieß heisere Schreie aus. Normalerweise ein Szenario, dem Emilio zumindest einen Blick gegönnt hätte. Nicht heute. Emilio war nervös. Die Lieferung der neuen Orchideen hätte längst ankommen müssen. Der Wagen, der ihm die frischen Schnittblumen brachte, war bereits dagewesen, die Ware in Wasserkübeln im kühlen Verkaufsraum verstaut. Aber wo blieben die neuen Anzucht-Pflanzen? Nun gut. Er warf noch einen Blick über die Auslage seines Blumenladens und beruhigte sich etwas. Sehr schön, stellte er fest. Ein üppig blühender Dschungel, aus dem exotische Orchideen leuchteten. Die Blüten der verschiedenen Sophronitis-Arten machten sich sehr gut unter den rosa Cattleyas. Zentrum des Arrangements war eine einzelne tiefschwarze Blüte, aus deren Mitte ein gelber Stempel strahlte. Dracula vampira, die Affenorchidee, die er selbst in seinem Gewächshaus gezüchtet hatte und auf die er außerordentlich stolz war.
Auf dem historischen Mauerwerk über der Auslage prangte in eleganten Messing-Buchstaben: Emilio Vantuzzi – Blumen und Exotica. Orchideen und Schlichteres wie Kurkumablüten und Flamingoblumen waren seine Spezialität und sein Ruf reichte weit über die Landesgrenzen der Cotswolds hinaus. Es verstand sich also, dass die Auslage makellos geputzt war. Der Laden hätte in jeder italienischen Altstadt eine gute Figur gemacht und brachte eindeutig Klasse in den englischen Ort. Genau wie seine eigene bescheidene Person, wie er insgeheim dachte.
„Ach!“, stieß er aus und riss dabei in einer schwungvollen Bewegung einen Arm in die Luft. Er war eben Italiener, das war etwas anderes als diese kühlen Engländer, deren seltsamen Humor er nach wie vor nicht verstand. Genauso wenig wie er seine eigene Frau verstanden hatte. Wegen ihr war er in diesem beschaulichen Ort hängengeblieben, der ihm trotz allem ans Herz gewachsen war. Im Gegensatz zu besagter Frau, die sich bald aus seinem Herz und seinem Leben verabschiedet hatte. Zumindest teilweise. Schließlich hatten sie einen gemeinsamen Sohn, da wurde man den anderen nie wirklich los, aber wenigstens lebte seine Ex Ava nicht mehr hier im Ort, das machte es einfacher.
„Ah!“ Wenn nur die neue Lieferung endlich käme. Er machte sich langsam wirklich Sorgen. Schließlich handelte es sich um Lebewesen, da musste man vorsichtig sein. Nicht auszudenken, wenn ihnen etwas zustieße. Er konnte ja noch nicht einmal die Lieferfirma verklagen. Die Pakete kamen ganz unspektakulär mit der Post, damit niemand auf die Idee kam, dass etwas Ungewöhnliches ablief. Wenn das mal keine gute Idee gewesen war! Nur dass die britische Post sich als himmelschreiend unzuverlässig herausgestellt hatte. So war das, wenn man die vertraute Straße des Gesetzes verließ und kurvenreiche Pfade einschlug. Da war man dann auf sich gestellt. Das Ganze machte ihm langsam keine Freude mehr, aber …
„Verdammt!“, stieß er aus. Er zappelte hier wie ein Fisch an einer unsichtbaren Angel, von der er nicht mehr loskam, und ihm war nicht einmal klar, was wirklich dahintersteckte. Es war offensichtlich, dass es um mehr ging, aber was das war, also, nein, er, Emilio, hatte nicht die geringste Ahnung. Manche Dinge wusste man besser nicht. Aber er brauchte das Geld. Vor allem wegen seiner schrecklichen Ex. Emilio selbst wäre trotz hoher Ladenmiete und ein paar kleineren Schulden schon zurechtgekommen. Aber nein, Ava wollte mehr und mehr und hatte unverständlicherweise auch noch das Recht auf ihrer Seite. Er musste Unterhalt zahlen und sich nur deshalb auf undurchsichtige Geschäfte einlassen. Das Leben war ein Jammertal. Basta! Und wenn er seinem Sohn James etwas beibringen würde, dann nie zu heiraten. Wirklich nie!
Mürrisch zog Chloe die Haustür hinter sich ins Schloss und trat in den frischen Morgen hinaus. Es war eines der Übel des Älterwerdens, dass man nicht mehr schlafen konnte. Senile Bettflucht. Schrecklich. Gerade jetzt, wo sie endlich Zeit dafür gehabt hätte. Und in dieser Bruchbude von einem Elternhaus, in dem aus jeder Ritze Erinnerungen sickerten, fiel es ihr nochmal schwerer, ein Auge zuzubekommen. Bestimmt würde sie bald schrecklich aussehen, faltig und zermürbt. Nun gut, genug gejammert, die Luft war herrlich und sie würde einen Spaziergang machen und sich anschließend von Robin die Karten legen lassen. Sie würde sogar ab jetzt jeden Morgen eine kleine Wanderung einplanen, nahm sie sich vor. Ihr Leben brauchte Struktur, das war alles, dann würde sie sich auch bald besser fühlen. Entschlossen stöckelte sie los. Das unebene Pflaster war dabei nicht auf elegante Art zu bewältigen. Vielleicht würde sie sich doch noch auf moderne Turnschuhe einlassen, sogar Victoria Beckham trug welche, auch wenn sie Chloe ein Gräuel waren. Diese Beckham übrigens auch, wenn sie es recht überlegte. Wie lieblich die Vögel sangen. Chloe atmete tief durch. Und die Luft war zu dem Abgas-Brodem Londons unvergleichlich sauber. So frisch, dass sie richtiggehend prickelte. Bestimmt würde sie, Chloe, bald zehn Jahre jünger aussehen in dieser gesunden Umgebung. Hoffentlich! Botox konnte sie sich nämlich nicht mehr leisten.
Sie bog um die Ecke. Ach, da war ja noch jemand auf. Du liebe Güte, warum gestikulierte der Mann denn so? Dazu machte er schnaubende Geräusche. Jetzt fluchte er auch noch. Hoffentlich kein Verrückter, auf ihren hohen Absätzen konnte sie ja noch nicht einmal fliehen. Am besten sie schlich sich hinter ihm vorbei, er schien gerade mit der Auslage des Blumenladens vor ihm beschäftigt.
In dem Moment, in dem sie sich vorbeistehlen wollte, bemerkte sie in der Schaufensterscheibe eine Frauengestalt, die sich gebückt an den Mann anzuschleichen schien. Für den Bruchteil eines Moments erkannte Chloe noch nicht einmal sich selbst in der Spiegelung. Der Mann fuhr mit einem erstickten „Ah!“ herum und Chloe richtete sich ebenfalls erschrocken hastig auf.
„Oh!“, stieß er hervor und machte ein Gesicht, als hätte der Blitz eingeschlagen, um im nächsten Augenblick so selig zu strahlen, als wäre er Zeuge einer Marien-Erscheinung. Chloe strich sich über die Hüften, ihren Rock zu glätten, der bei der Aktion hochgerutscht war. Seine Augen folgten ihren Händen und den Ausdruck, den er nun zeigte, den kannte sie gut genug. Chloe lächelte. Ihr großes Lächeln, genau für Situationen wie dieser – oder auch für Polizisten, die drohten ihr Auto abschleppen zu lassen.
Sie prüfte ihr Spiegelbild im Schaufenster des Blumenladens. „Sie mögen wohl Orchideen“, bemerkte sie dann.
„Orchideen? Ach so, natürlich, natürlich.“ Der Mann machte eine ausladende Armbewegung. „Das ist mein Geschäft.“
„Ach. Dann sind sie …?“ Was stand da? „Emilio Vantuzzi.“
„Emilio, nur Emilio, bitte!“ Er legte beide Hände aufs Herz. „Für Freunde.“
Oh, das war ja schnell gegangen. Schon Freunde. „Ich bin Chloe. Nur Chloe. Freut mich, Emilio. Was für wunderbare Blüten in dem vielen Grün. Der reinste Dschungel. Wirklich schick, Ihr Laden.“
„Oh, danke, Chloe.“ Er sang ihren Namen regelrecht mit italienischer Intonation. „Er verblasst neben Ihnen, wenn Sie mir gestatten, das zu bemerken.“
Chloe lachte hell auf. Der ging ja ran. Und dieser feurige Blick dazu. Graumeliertes Haar, aber sehr attraktiv. Und gepflegt. Chloe spürte all ihre Instinkte erwachen. „Ihre Frau muss stolz auf sie und diesen Laden sein.“
„Oh, nein, nein, nein, da gibt es keine Frau. Überhaupt nicht. Irgendwann mal, ja, aber nicht mehr.“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung. „Jetzt bin ich schon lange sehr, sehr allein.“
Die Tür des Ladens, die nur angelehnt war, öffnete sich ein Stückchen, und eine energische Hundeschnauze schob sich heraus, bis sich schließlich der ganze Hund zeigte: eine rundliche Mischung mit Stummelbeinen. „Oh, Toto ist aufgewacht. Hallo, Toto! Er schläft gern ein bisschen länger. Ich hoffe, Sie haben keine Angst vor Hunden?“
„Aber nein, ich liebe Hunde!“ Chloe bückte sich und streckte dem Kleinen Fellknäuel eine Hand entgegen, während Emilio im Anblick ihrer dabei präsentierten Rundungen regelrecht versank. Chloe kraulte den Kleinen unter dem Kinn, der hechelnd die Lefzen zurückzog, als wolle er sie angrinsen. „Ist er ein Corgi?“
„Ein Unfall von einem Corgi. Eines der Elternteile scheint ein Pudel gewesen zu sein.“
„Wie süß! – Nun denn!“, sie richtete sich auf. „Ich muss weiter. Bis bald, Emilio.“
Chloe spürte, dass er ihr nachsah. Manche Frauen stolperten ja, wenn sie sich beobachtet fühlten. Nicht sie, nein. Sie schritt wie eine Königin, zumindest fühlte es sich so an: Die Schultern zurückgenommen und die Brust gereckt wie eine Gallionsfigur, den Kopf gleich einer Blüte locker auf ihrem Stängel. Ein Hüftschwung, wie das leichte Rollen tropischer Wellen, das Gewicht auf den Ballen, während die Absätze kaum den Boden berührten, damit die Gefahr zwischen Pflastersteinen steckenzubleiben, minimiert war. Genauso oder ähnlich musste man es sich vorstellen, hatte sie beim Film gelernt, denn wie sollte man in den Zuschauern eine Welt der Illusion erzeugen, wenn man nicht selbst daran glaubte? Für einen Moment fühlte sie sich zurückkatapultiert in ihr altes Leben, ihren alten Körper, ihr altes Ich und sie lächelte beseligt, nur um umgehend das Gesicht zu verziehen. Das Wort alt störte eindeutig in dieser lieblichen Vorstellung. Die Zeit ließ sich nicht zurückdrehen, das war mal sicher, und wenn sie nicht in einer Depression versinken wollte, musste sie sich schleunigst ein neues Projekt überlegen. Und sie hatte da auch schon so eine Idee, so frisch geschlüpft wie ein Küken, ein Ideen-Küken sozusagen, genaugenommen so alt, wie ihre Bekanntschaft mit dem attraktiven Blumenhändler jung war. Er sah blendend aus, hatte ein sehr geschmackvolles Geschäft und wie es aussah, keine Frau, dafür eine gehörige Portion südländischen Temperaments. Und sie gefiel ihm, das war offensichtlich. Chloe fühlte sich plötzlich atemlos vor stillem Entzücken und beschwingt wie lange nicht. Die Karten konnten doch gewiss nur Gutes für sie haben.
Hingerissen blickte Emilio Chloe hinterher. Was für eine Frau! Nicht mehr ganz jung, egal, aber welche Klasse! So etwas hatte er in dem beschaulichen Ort nur selten gesehen und er hatte einen Blick für so etwas. Diese Frau war ein Vulkan! Wie sie ihn angesehen hatte! Ihm war jetzt noch schwindelig. Sie hatte ihn so sehr verwirrt, dass er sie nicht ihrem Woher gefragt hatte, oder ihrer Telefonnummer, der Adresse. Nichts. Ob sie eine Touristin war? Im Ort hatte er sie auf jeden Fall noch nicht gesehen. Trotzdem, er hatte das Gefühl, sie irgendwie zu kennen. War das vielleicht ein Zeichen für Seelenverwandtschaft? Es würde ihm nichts anderes übrigbleiben, als die Straße im Auge zu behalten und zu beten, dass sie wieder vorbeikäme. Was keinen besonderen Umstand machte, da er sowieso auf der Lauer lag wegen dieser verflixten Sendung, die nicht eintraf. Inzwischen würde er ein Blümchen bereitstellen, das er ihr überreichen konnte. Eine seiner Orchideen hätte natürlich wunderbar zu ihr gepasst, aber er konnte ihr schlecht einen Blumentopf in die Hand drücken. Nein, nein, am besten eine Rose, keine rote allerdings, dass würde er sich für ihr drittes Treffen aufheben. Gelb auch nicht, das bedeutete Eifersucht und wäre eventuell beim zweiten Date angebracht. Nein, rosa. Rosa war gut. Natürlich würde er die Dornen entfernen. Dann würde er sie zum Essen einladen. Vielleicht konnten sie ja nach Greenton fahren, dort gab es einen annehmbaren Italiener und es würde kein Getratsche geben, wie hier im Ort, wenn man sie zusammen sah. Genau, Greenton war gut. Hoffentlich wollte sie überhaupt. Eine wie sie, der lagen die Kerle doch bestimmt reihenweise zu Füßen. Ach ja! Emilio seufzte. Kaum tauchte ein weibliches Wesen auf, begannen schon wieder die Sorgen. Aber noch waren sie süß. Süße Sorgen. Vielleicht sollte er ihr ein Gedicht schreiben?
Auf jeden Fall führte die Begegnung ihm ganz deutlich vor Augen, dass es Zeit wurde, die ganze Misere, in der er steckte, loszuwerden. Stück für Stück. James war doch ein erwachsener Mann, der würde eben lernen müssen, ohne Papas beständige Geldspritzen zurechtzukommen. Seine Frau verdiente inzwischen mehr als er, wenn er recht informiert war, und ihre ständigen Geldforderungen waren reine Show, um ihm eins auszuwischen. Groll war das, sonst nichts, und er, Emilio, er wollte endlich wieder ruhig schlafen können und sich nicht ständig um Pakete sorgen müssen.
„Nein, nein! Wir sind gute Menschen, nicht wahr, Toto?“ Er bückte sich zu dem Hund hinunter und tätschelte ihn. „Und deshalb werden wir jetzt als erstes das Telefonat führen, das schon längst überfällig ist. Ich steige aus, aus der Geschichte, hörst du? Der Laden hat sich inzwischen einen guten Namen gemacht. Wir schaffen das, auch wenn wir am Anfang vielleicht den Gürtel ein wenig enger schnallen müssen. Du natürlich nicht, das verspreche ich dir“, setzte er hastig hinzu, als der Hund ihn fragend und augenscheinlich besorgt ansah. „Na, komm!“ Er richtete sich auf und zog dabei das Handy aus der Hosentasche. Das Gespräch führte er besser hinter geschlossenen Türen.
Unter solchen Gedanken kehrte Emilio in den Laden zurück, während im Durchgang gegenüber, neben dem Wohltätigkeitsladen, eine Gestalt im schwarzen Hoodie ächzend die langen Arme über den Kopf reckte. Wie öde war das denn? Der Chef hatte gesagt, Observieren, bis das Paket kommt und dann Meldung erstatten und wehe, du lässt dich sehen, und das war, was er tat. Warten und sich nicht sehen lassen. Was nicht so einfach war, wenn die da praktisch genau vor ihm auftauchten und so endlos herumpalaverten. Und Pakete gab es immer noch keines. Sollte er jetzt hier stehen, bis er Wurzeln schlug, oder was? Aber weggehen, wenn der Chef was anderes angeordnet hatte, war auch keine gute Idee. Absolut nicht! Er hatte da Sachen gehört, wie es denen ergangen war, die nicht gespurt hatten, und nein, in deren Fußstapfen wollte er nicht treten. Ihre Füße hatten danach in Betonschuhen gesteckt, hieß es. Und zwar am Grunde der Marsh. Allerdings hatten das die Junkies erzählt, die manchmal bei den Kids hinter dem Pub abhingen, und die waren alle nicht mehr ganz klar im Kopf. Ob ihr kleiner Fluss überhaupt so tief war? Für einen unruhigen Moment hatte er die Vision, wie die Köpfe der armen Opfer halb aus dem Wasser ragten und dazu sacht in der Strömung ruckten. Hastig vertrieb er das Bild. Nein, nicht mit ihm. Er würde warten, okay. Irgendwann musste das Ding ja mal geliefert werden.
Martha gab dem erbarmungswürdigen Maunzen nach, eilte durch die Eingangshalle und öffnete Kater Percy die Vordertür. „Es wäre einfacher, wenn du die Küchentür benutzt, mein Lieber, wenn ich in der Küche bin. Dann kann ich dir nämlich einfach aufmachen, statt durchs Haus zu laufen, weil du hier vorne reinwillst! Dein Futter wäre auch näher, weißt du?“ Percy strich ihr ungerührt um die Beine und maunzte weiter. Martha warf einen Blick hinaus, während sie die Haustür zuzog und stutzte. Was lag denn da? „Percy! Hast du etwa wieder einen Vogel erlegt?“ Mit wehendem Morgenmantel lief sie in den Vorgarten hinaus.
„Huhu, Martha!“
Oh, nein! Wieso stand plötzlich Chloe an der Pforte? Jetzt machte sie auch noch Anstalten hereinzukommen. „Ich bin noch nicht angezogen, Chloe!“, rief sie abwehrend.
„Ach, papperlapapp. Es ist ja nicht so, dass du nackt im Garten stündest, oder?“ Ungerührt eilte Chloe ihr entgegen. „Außerdem sind wir doch alte Freundinnen, nicht wahr?“ Chloe umarmte sie und hauchte Küsschen neben ihre Ohren. Martha fühlte sich erstarren und schob die Freundin dann energisch zurück. „Deshalb müssen wir uns ja nicht ständig herzen und küssen“, raunzte sie unwillig.
„Ich werde ab sofort jeden Morgen wandern gehen“, erklärte Chloe strahlend. „Heute habe ich bereits damit angefangen und dabei auch schon mein neues Projekt entdeckt. Und dann treffen wir uns ja auch in der Witchery. Das hast du doch nicht vergessen? Ich bin ja so gespannt, was die Karten zu meinem Projekt sagen. Und ich bin so froh, Martha, dass ich dich treffe. Ich wusste gar nicht, dass du hier wohnst. Ich wollte zu den Feldern dort hinten und da sehe ich dich plötzlich hier im Garten stehen. Iiigh! Was ist denn das? Etwa ein toter Vogel?“
„Ja. Den hat mir wahrscheinlich jemand vor die Tür gelegt, um mich zu warnen. Ich tippe auf Mafia, und du?“, knurrte Martha, während sie die kleine Gartenschaufel aus der Erde zog, die noch von der letzten toten Maus im Beet steckte, und den Kadaver auflud.
„Martha! Um Himmels willen!“ Chloe schlug die Hände vor der Brust zusammen und flüsterte plötzlich: „Meinst du, es ist wegen deiner Verbindung zum Königshaus?“
„Das war doch nur ein Scherz, Chloe.“ Martha musste schmunzeln. „Den hat der Kater erwischt, sonst nichts.“
„Ach, Gott! Und ich Kuh glaub dir das auch noch!“ Sie stupste Martha gegen den Arm. „Du hast schon immer solche wilden Späße gemacht, aber ab jetzt werde ich auf der Hut sein.“
„Komm mit, ich werfe ihn auf den Kompost, da kann ihn sich der Fuchs holen. Dabei kannst du mir von deinem Projekt erzählen. – Und du willst wirklich wandern?“ Martha sah missbilligend auf Chloes Füße, die über das Gras balancierten. „Vielleicht solltest du dir dazu andere Schuhe aussuchen.“
„Du hast ja so recht, meine Liebe. Aber stell dir mal vor, ich hätte diesen attraktiven Blumenhändler in flachen Schuhen getroffen. Vielleicht wäre dann alles ganz anders gekommen.“
„Was ist denn wie gekommen?“
„Bis jetzt noch nichts, aber es wird, glaub mir, es wird.“
„Ja, was denn nun?“
„Martha, hörst du mir denn gar nicht zu? Mein Projekt. Davon spreche ich doch die ganze Zeit.“
Martha warf den Vogel mit Schwung auf den Komposthaufen und unterdrückte ein Stöhnen. „Was ist denn nun dein Projekt?“
Chloe strahlte sie triumphierend an. „Ehemann Nummer fünf.“
Martha warf sich in Windeseile in ihre Kleider, vor allem um Chloe daran zu hindern, ihr ins Schlafzimmer nachzukommen und ihr Tun zu kommentieren. Sie hörte die Freundin so ziemlich alles im Untergeschoss lautstark begutachten. „Was? Du hast wirklich noch so eine altmodische Perkolator-Kaffeemaschine? Du liebe Güte! Ich dachte, die hätte das letzte Jahrhundert mit ins Grab des Vergessens gezogen! Inzwischen gibt es doch viel bessere Geräte, Martha, meine Liebe! Glaub mir!“ Lachen. „Ach, der Blick über die Wiesen ist herrlich! Hast du gar kein Foto von deinem Mann? Ich bin zu neugierig, wie er ausgesehen hat. Ups, jetzt dachte ich, das ist ein Bild von deiner Mutter, dabei ist es ja die Queen!“ Lachen. „Ist Pennys Mann Gerry einer von hier? Kenne ich ihn von früher? Ich habe komplett vergessen, sie danach zu fragen! Hast du ihn schon getroffen? Ach nein, du hattest dich ja ganz zurückgezogen, ja?“
Bevor Chloe noch einmal so unangenehm lachen konnte, war Martha bei ihr. „Ich war nicht zurückgezogen, ich wollte einfach nur meine Ruhe“, knurrte sie und riss Chloe den Bilderrahmen mit dem Foto ihrer ehemaligen Arbeitgeberin aus den Händen. „Welche ich immer noch schätze, davon abgesehen.“
„Ach, keine Sorge, meine Liebe! Jetzt hast du uns Mädels wieder, jetzt ist Schluss mit der Einsamkeit.“ Bevor Martha reagieren konnte, hatte Chloe ihre Hand genommen und tätschelte sie. „Aber sag mal, Martha, willst du wirklich mit Strickjacke gehen? Es ist ein wunderbarer Tag draußen und wird sicher noch wärmer. Du wirst schwitzen.“
„Papperlapapp, eine Dame trägt immer ein Jäckchen in der Öffentlichkeit. Lass uns gehen!“
„Na, wenn du meinst. Deinen Kater habe ich übrigens gerade hinten hinausgelassen. Ich hoffe, das war in Ordnung. Aber nachdem er dir den Vogel vor die Tür gelegt hat, ist er ja wohl ein Freigänger.“
„Ja, ja, schon gut.“ Martha verzichtete darauf, zu erklären, dass sie Percy erstens gerne selbst hinausließ und er zweitens daran gewöhnt war, dass sie ihm ein „Pass auf dich auf, mein Lieber“ nachrief. Aber vielleicht war das einfach nur eine Marotte von ihr und dem Kater völlig egal. Seit sie die Mädels getroffen hatte, schien ihr so einiges, was bis jetzt selbstverständlich gewesen war, plötzlich fragwürdig. Wie auch immer. Sie schob Percys Futterschüssel vor die Tür, kontrollierte, ob genügend Wasser im Napf war und drängte Chloe schließlich zur Vordertür hinaus.
„Vielleicht hat Robin auch Zeit und Lust dir die Karten zu legen, was meinst du?“
„Nein, danke.“ Martha nickte und deutete: „Da. Wir gehen links.“
„Links, durch die Stinky Lane? Bist du dir sicher? Aber rechts kämen wir am Blumenladen vorbei und ich könnte dir …“
Und links würde ihr genau das erspart bleiben: der Blumenladen. Martha spürte einen Anflug von Heiterkeit.
Hatte die Stinky Lane in ihrer Jugend einen matschigen Durchschlupf zwischen den Rückseiten von Häusern und Schuppen, Gärten und Wiesen am Rande des Ortes gebildet, war die Gegend nun in einen anderen Grad der Verkommenheit gerutscht. Zwischen die alten Mauern hatten sich Neubauten geschmuggelt, die alten Kompoststätten hatten Müllcontainern Platz gemacht, neben denen Plastiksäcke und Papierabfall nachlässig hingestreut lagen. Hatte es früher nach Schlamm und undefinierbarem organischem Unrat gerochen, stank es nun schlicht nach in der Sonne verrottendem Abfall. Aber die Gasse war gepflastert, Martha hatte recht gehabt. Allerdings nicht mit romantischem Kopfstein, wie die anderen alten Gassen des Ortes, sondern mit billigem Asphalt. Bretterzäune, die ihnen als Kinder über den Kopf gereicht hatten, waren gewichen und gaben den Blick auf Hinterhöfe frei, während die schmale Gasse in einer gemächlichen Steigung den Gallows Hill, den mittelalterlichen Galgenhügel, hinanstieg.
„Ist das ein neues Pub?“ Martha schüttelte den Kopf beim Anblick der Getränkekisten, Schachteln und metallenen Bierfässer, die wahllos eine Hoffläche verstellten. Sie beäugte ein paar Jugendliche, die sich an der hinteren Wand des Hofs zusammengerottet hatten, teils auf der Mauer saßen, teils daran lehnten. Sie trugen einheitlich schwarze Hoodies und T-Shirts, hielten Getränkedosen in den Händen und musterten die Damen nun gleichweise. „Komm schnell weiter, Chlo! Die jungen Menschen dort drüben scheinen sich zu langweilen, da kommt meist nichts Gutes bei heraus.“
„Ich kann nicht schneller“, jammerte Chloe. „Du wolltest ja unbedingt hier gehen. Ich habe ja gleich gesagt, das ist keine gute Idee.“
„He, Omas!“, schrie ein Mädchen mit wirrem schwarzem Haar und gleichfarbigen Netzstrümpfen herüber und ein Junge mit einem schwarzen Hoodie wedelte mit seiner Aludose durch die Luft. „Wollt ihr auch ein Bier?“
„Nur dein Bier, Alter, meins behalte ich“, grölte das Mädchen.
„Sehr freundlich, aber nein danke“, rief Chloe zurück. Aus der Gruppe drang Gelächter.
„Sehr freundlich, aber nein danke“, wiederholten sie rundum in affektiertem Ton, aber da waren die Damen bereits weiter und sahen das Ende der Gasse wie das Versprechen auf Rettung und Sicherheit vor sich. Beide ächzten, als sie endlich auf der Main Street standen, der Hauptstraße.
„Puh! Von vorne sieht das alles so beschaulich aus. Dabei lauert hinter den Fassaden die moderne Welt.“
„Wie überall.“ Martha seufzte und kniff die Augen zusammen. „Und der unordentliche Hinterhof ist von der Vorderseite wirklich ein neues Pub. The Hangman. Hm. Vertrauenerweckender Name.“
„Na ja, sehr passend. Das war doch der alte Galgenhügel, oder?“ Chloe hakte die Freundin unter. „Ich brauche jetzt dringend eine Tasse Tee. Zum Glück geht’s ja ab hier bergab.“
Robin war nervös. Die Mädels würden bald kommen und Chloe wollte die Karten gelegt bekommen. Natürlich war das Pennys Idee gewesen. Robin war sich noch unschlüssig, ob Madame Lenormands Karten besser wären oder das Tarot. Beides waren eigentlich reine Hilfsmittel für ihre Intuition. Ihre „Ahnungen“, wie Penny das immer nannte. Sie hätte weder das eine noch das andere benötigt, aber mit den Karten zu hantieren half ihr, Zeit zu gewinnen und sich zu konzentrieren. Es war wichtig zu einem Einklang, in einen Flow-Zustand zu kommen. Sie zündete ein kleines Büschel weißen Salbeis an und wedelte durch die Luft. Erstmal musste geräuchert werden, die Atmosphäre gereinigt von Negativem, und dann würde sie noch etwas für ihre Nerven tun müssen. Sie fühlte sich wie vor einer Prüfung.