Leseprobe Verrat an der Grand Central Station

Prolog

Montag, 19. April 1909

„Nein“, rief ich. Es war eher ein Stöhnen als ein Schrei. Zu schreien hätte auch überhaupt nichts gebracht, da ein Zug wenige Zentimeter neben mir vorbeidonnerte und sämtliche Geräusche übertönte. „Bleib bei mir, Liebes!“ Ich hielt Bridies schlaffen Körper in meinen Armen und hoffte, ein Lebenszeichen auszumachen. Ich wollte sehen, dass sich diese geliebten blauen Augen noch einmal öffnen. Mein Herzschlag raste.

Eine Reihe harmloser Entscheidungen hatte zu diesem Augenblick geführt. Vielleicht hätte Daniel das Ganze verboten, wenn er zu Hause gewesen wäre; vielleicht hätten Sid und Gus mich weniger bestärken sollen. Doch ich hatte anzunehmen gewagt, dass es im Leben darum ging, Spaß zu haben und Abenteuer zu erleben, und hatte dabei vergessen, dass in jedem Augenblick eine Katastrophe über uns hereinbrechen konnte. Wenn ich doch nur in der Zeit zurückgehen könnte, dachte ich, während der Zug in der Ferne verschwand und ich in der entstandenen Stille saß, mit einem Gefühl grauenvoller Angst im Magen. Wenn ich doch nur zurückgehen könnte, um mich selbst zu warnen.

Eins

Acht Tage vorher

Sonntag, 11. April 1909

„Du bist wirklich ein Mann zum Verzweifeln, Daniel Sullivan“, murmelte ich wütend, während ich die Lammkeule in den Ofen schob. „Ich kann nie auf dich zählen, nicht einmal am Ostersonntag.“

„Mit wem redest du, Mama?“ Mein Sohn Liam lugte verdutzt unter dem Tisch hervor, wo er sich ein Fort gebaut hatte und Entdecker spielte. „War Papa böse?“

Augenblicklich überkam mich Reue. „Nein, Schätzchen“, sagte ich in einem sanfteren Ton. „Ich bin nur ein wenig enttäuscht, weil er unser Festessen verpasst. Als ich diese schöne Lammkeule als Leckerbissen ergattert habe, war ich sehr froh, und jetzt muss er ausgerechnet am Ostersonntag arbeiten.“

Ich war daran gewöhnt, dass Daniels Tätigkeit als Police Captain mit unvorhersehbaren Arbeitszeiten einherging. Doch in der vergangenen Woche war er kaum zu Hause gewesen. Ich liebte mein Leben als Ehefrau und Mutter zwar, doch so langsam fühlte ich mich in diesem Haus gefangen und ein wenig einsam. Ich war wohl immer noch ein wenig zu emotional, nachdem ich im November Mary Kate zur Welt gebracht hatte. Die Aussicht, das Ostermahl allein mit meinen Kindern zu verbringen, obwohl ich mich auf einen Tag mit der ganzen Familie gefreut hatte, kam mir wie der Tropfen vor, der das Fass zum Überlaufen bringt. Als ich innehielt, um über meinen albernen Gefühlsausbruch nachzudenken, merkte ich, dass meine Wut eigentlich nur die quälende Sorge in mir überdeckte: Daniels „Arbeit“ bestand an diesem Tag darin, am Sarg eines Kollegen Wache zu halten.

Wir hatten geplant, in den nördlichen Teil der Stadt zu gehen, um uns die Osterparade anzuschauen und dann für ein spätes Mittagessen nach Hause zurückzukommen; mit Lammkeule und allem Drum und Dran. Normalerweise hätte ich mich nicht sonderlich für die Osterparade interessiert. Ich war kein Mensch, der sich mit Bewunderung oder Neid die neuen Hüte und Kleider der New Yorker Elite anschauen wollte, während sie sich nach dem Kirchgang zu Fuß oder in ihren Kutschen auf der 5th Avenue präsentierten. Doch dieses Jahr gab es für uns einen guten Grund dafür, die Parade sehen zu wollen: Unsere Adoptivtochter Bridie nahm daran teil. Bridies beste Freundin, Blanche, hatte sie dazu eingeladen, in der Familienkutsche mitzufahren. Bridie besuchte dank meiner großzügigen Nachbarinnen ein gehobenes Lehrinstitut für junge Damen und verkehrte mit den Töchtern der reichsten Familien der Stadt. Sie hatte in Blanche McCormick eine besonders gute Freundin gewonnen und verbrachte jeden freien Moment in der Villa der Familie auf der Upper East Side. Ich kann nicht behaupten, dass ich davon allzu begeistert war – meinem Gefühl nach bekam Bridie dabei hauptsächlich Dinge zu sehen, die sie nie würde haben können – doch ich musste mir eingestehen, dass Blanche meiner Bridie eine echte Freundin war, und Blanches Mutter war sehr lieb und großzügig.

Als von oben ein Schrei zu hören war, stürzten Liam und ich beide in Richtung Tür. Mary Kate kam leider ganz nach mir und verfügte über eine kräftige Lunge. Wir wussten beide, dass wir sie nicht in Fahrt kommen lassen sollten. Wenn sie erst einmal weinte, war sie zu stur, um wieder damit aufzuhören.

Ich stürmte die Treppe hinauf und wurde von unserem Dienstmädchen Aileen empfangen. Sie hielt mir Mary Kate entgegen, die zum Glück nicht weinte.

„Hier ist sie, Mrs. Sullivan“, sagte Aileen mit ihrem leichten, irischen Akzent. „Bereit für ihr nächstes Mahl.“

Die Geburt von Mary Kathleen Sullivan am 20. November 1908 hatte den gesamten Haushalt auf den Kopf gestellt. Wir hatten Sie Mary genannt, nach Daniels Mutter, und Kathleen nach Bridies lieber Mutter, die nicht mehr unter uns weilte. Liam war nach seiner Geburt sehr friedlich gewesen und hatte in der Regel entweder geschlafen oder gespielt. Das Gleiche hatte ich auch beim zweiten Mal erwartet. Doch Mary Kate, die schon jetzt feuerrotes Haar auf dem Kopf hatte, war ein ganz anderes Kind. Sie verlangte, gestillt oder bespaßt zu werden, und schrie wütend, wenn man sie ignorierte. Zum ersten Mal im Leben hatte ich Mitgefühl für meine Mutter. Ich konnte mir vorstellen, wie sie aus dem Himmel zu mir herabschaute und lachte. „Jetzt erntest du, was du gesät hast, Mary Margaret“, würde sie sagen. Und ich dachte, dass sie damit durchaus recht hätte. Meine Mutter hatte in unserem Cottage ihre Kinder häufig allein im Zaum halten müssen, doch ich hatte Aileen und manchmal auch Bridie. Ich wusste, dass ich für ihre Hilfe dankbar sein sollte, und auch für das Kind, auf das Daniel und ich gehofft hatten; für das wir so lange gebetet hatten. Sie war endlich zu uns gekommen, gesund und kräftig. Ich sollte von Glück reden.

„Ah, da bist du ja.“ Daniel streckte den Kopf herein und musterte mich, während ich dasaß und das Kind stillte. Er trug seine Ausgehuniform und sah darin überaus adrett aus. „Wann möchtest du aufbrechen?“

„Bridie sagte, dass sie um elf nach der Messe aus der St. Patrick’s Cathedral kommen“, antwortete ich. „Ich muss die Kleine bei Aileen lassen. Ich werde ganz sicher keinen Kinderwagen durch die Menschenmassen an der 5th Avenue schieben.“

„Kommen deine Freundinnen von gegenüber nicht mit zur Parade?“, fragte Daniel. „Ich hätte angenommen, dass sie selbst mitlaufen, auch wenn ich nicht weiß, welche Kostüme sie dafür wohl gewählt hätten.“

Ich entschied mich dafür, den letzten Kommentar zu ignorieren. Ja, meine Freundinnen Elena und Augusta – üblicherweise unter ihren Spitznamen Sid und Gus bekannt – hatten Verbindungen in die gehobene Gesellschaft. Und ja, sie kleideten sich recht unkonventionell. Aber sie waren immer überaus gütig zu mir und dafür schätzte ich sie sehr.

„Sie haben Gäste zum Mittagessen da“, sagte ich. „Und du weißt bestimmt, dass sie sich nicht allzu viel aus gesellschaftlichen Veranstaltungen machen, selbst wenn in diesem Fall ihre geliebte Bridie teilnimmt.“

„Wenn du dich schnell fertigmachst, können wir zusammen mit der Hochbahn zur St. Patrick’s Cathedral fahren“, sagte er. „Ich muss ohnehin da sein, um zu überprüfen, ob alles für die Parade bereit ist, bevor ich zur Old Cathedral an der Mulberry Street gehe, wo Petrosino aufgebahrt wird.“

Er legte mir eine Hand auf die Schulter, doch ich schüttelte ihn ab. „Ach, komm schon, Molly. Du weißt, dass ich den Tag lieber mit meiner Familie verbringen würde. Es war nicht meine Idee, die Beisetzungsfeierlichkeiten von Lieutenant Petrosino am Tag der Osterparade zu veranstalten.“

„Du bist ein Captain“, sagte ich. „Du bist der Leiter der Mordkommission. Du hättest doch bestimmt eine Möglichkeit finden können, um einem einfachen Wachdienst zu entgehen.“

„Ich kann nicht von meinen Männern verlangen, dort zu arbeiten, und dann selbst nicht auftauchen“, sagte er ruhig. „Bei der Petrosino-Aufbahrung werden zwanzigtausend Leute erwartet; und morgen bei der Beerdigung noch mehr. Sämtliche Polizisten der Stadt werden ihren Respekt zollen wollen. Es geht nicht nur darum, dass einer der ihren brutal ermordet wurde. Es war das erste Mal, dass es die italienische Mafia, die Black Hand, gewagt hat, einen Polizisten zu töten. Ich bin froh, dass die Stadt ihre Solidarität mit uns zum Ausdruck bringt. Und außerdem bin ich froh, einen Beitrag zu seinem Gedenken zu leisten.“

Danach konnte ich nicht mehr viel sagen, ohne kindisch zu klingen. Ich wusste, dass die Arbeit meines Mannes mit Risiken einherging. Und jetzt war einer der ihren getötet worden. Es hätte genauso gut mich treffen können. Doch es war Mrs. Petrosino, deren Ehemann nie wieder zum österlichen Festessen nach Hause kommen würde. Auch Daniel war schon mit der geheimen, sizilianischen Bande aneinandergeraten, die sich selbst als Black Hand bezeichnete. Ich schickte ein schnelles Dankgebet gen Himmel, weil ich meinen Ehemann wohlbehalten zu Hause hatte, und schämte mich für meinen Unmut.

„Aileen, wir sind zum Aufbruch bereit“, rief ich, als ich mit Mary Kate nach unten kam. „Sie ist gestillt, sollte also zufrieden sein, bis wir zurückkommen.“

„Sehr wohl, Mrs. Sullivan.“ Aileen nahm mir das kleine Kind ab. „Jetzt bist du bei mir, du kleiner Racker“, sagte sie mit gespieltem Ernst. „Und du benimmst dich besser.“

Mary Kate grinste sie an und gab glückliche Geräusche von sich. Ich beobachtete die beiden mit einem liebevollen Blick.

„Und machen Sie sich keine Sorgen. Wir sind früh genug zurück, damit Sie am Nachmittag Ihre Familie besuchen können, Aileen“, sagte ich. Ich hatte ihr versprochen, dass sie sich den Rest des Tages freinehmen dürfte.

Sie nickte, setzte sich das Kind auf die Hüfte und trug die Kleine so in die Küche.

Ich zog meine Schürze aus und griff nach dem Hut, der im Flur an seinem Haken hing.

„Ich hätte dir eine Osterhaube mitbringen sollen“, merkte Daniel an. Er trat hinter mich, um seine eigene Mütze vom Hutständer zu nehmen.

„Sei nicht albern.“ Ich gab ihm einen spielerischen Klaps. „Und warum sollte ich eine Kopfbedeckung brauchen, die ich nur einmal trage? Ich werde mir ganz sicher nicht so ein Gebilde mit Obst und Blumen aufsetzen, und weiß Gott, was da noch alles dran ist.“

„Ich würde dir gern schöne Dinge kaufen“, sagte Daniel. „Du warst in letzter Zeit ein wenig deprimiert.“

„Ich weiß“, sagte ich. „Ich glaube, noch ein Kind zu bekommen, hat mich sehr erschöpft. Insbesondere dieses Kind. Sie ist rund um die Uhr wach und schreit sich die Seele aus dem Leib.“

Er nickte. „Sie ist wirklich temperamentvoll. Ich weiß gar nicht, woher sie das hat.“ Er warf mir einen vielsagenden Blick zu.

Ich fixierte meinen Hut mit einigen Hutnadeln und warf mir ein Schultertuch über. „Bereit“, sagte ich. „Komm, Liam, wir gehen uns die Parade anschauen.“

„Ist es wirklich klug, ihn mitzunehmen?“, fragte Daniel. „Bei all den Leuten.“

„Er will Bridie sehen“, sagte ich. „Und er ist jetzt ein großer Junge. Das wird schon gutgehen. Außerdem könnte ich die Gesellschaft gut gebrauchen.“

Daraufhin sagte Daniel nichts mehr. Wir verabschiedeten uns von Aileen und begaben uns zur Hochbahnstation an der 6th Avenue. Daniel nickte im Vorbeigehen anderen Polizisten zu, die in ihren besten Uniformen schon auf dem Weg zur Old Cathedral waren. Sie würden ihren Kollegen definitiv gebührend verabschieden. Und heute ging es nur darum, dem aufgebahrten Toten Respekt zu zollen. Morgen würden sie dem gefallenen Beamten bis zum Calvary Cemetery Geleit geben.

Der Zug war voller Menschen aus bescheideneren Vierteln, wie wir selbst, die das Spektakel der Edelleute auf der 5th Avenue begaffen wollten. Liam wurde gegen mich gedrückt und in meinem Kopf blitzten die schrecklichen Erinnerungen an das Zugunglück auf, das ich mit ihm erleben musste, als er noch ganz klein gewesen war. Vielleicht hätte ich ihn doch bei Aileen lassen sollen … Doch nachdem wir im völlig überfüllten Grand Central Terminal umgestiegen waren, stiegen wir wohlbehalten an der Haltestelle in der 53rd Street aus und liefen hinüber zur 5th Avenue. Daniel suchte eine Stelle für uns aus, an der die Menschen nicht zu dicht gedrängt standen; ganz in der Nähe der neuen, großen St. Patrick’s Cathedral. Dann gab er mir einen Kuss auf die Wange und wuschelte Liam durchs Haar. „Pass für mich auf deine Mama auf, großer Mann“, sagte er.

„In Ordnung, Papa“, antwortete Liam ernst.

„Ich versuche, so schnell wie möglich zurückzukommen“, sagte er mit einem entschuldigenden Nicken. Dann machte er sich auf den Weg zur St. Patrick’s Cathedral und war bald in der Menschenmenge verschwunden. Ich schaute ihm mit einem Anflug von Sorge hinterher. Würde ich jetzt jedes Mal Angst verspüren, wenn er sich von uns verabschiedete?

„Mama!“ Liam zog an meinem Rock. „Mama, heb mich hoch. Ich kann nichts sehen. Da sind zu viele Leute.“

Ich war so in Gedanken versunken, dass ich gar nicht bemerkt hatte, wie sich die Menschenmenge um uns geschlossen hatte und jetzt die Sicht versperrte. Ich hob ihn hoch. „Tut mir leid, Liebling“, sagte ich. „Mama hat nicht aufgepasst. Wir suchen uns eine Stelle, von der aus wir etwas sehen können.“

Wir liefen die Straße entlang, bis wir eine große Platane erreichten, an der ich Liam auf die Bordsteinkante stellte. Zum Glück mussten wir nicht lange warten, bis ein Raunen durch die Menge ging, gefolgt von den ersten Rufen: „Da kommen sie.“

Wir lehnten uns vor. Liam trat einen Schritt auf die Straße, als die ersten Teilnehmer der Prozession auftauchten. Wir sahen Herren mit Zylindern und Damen in kostbaren Kleidern; manche hatten sogar Sonnenschirme dabei. Sie schlenderten vorbei und unterhielten sich, als wären sie auf einem ganz gewöhnlichen Spaziergang, und schienen die Menschenmassen, die sie beobachteten, gar nicht zu bemerken. Liam war wie bezaubert. „Schau mal, Mama. Die Frau da hat einen Vogel auf ihrem Hut!“, rief er. „Ist das ein echter Vogel?“

„Nein, Spätzchen, nur eine Attrappe“, sagte ich. „Es ist ein wenig albern, oder?“ Manche der Hüte waren wirklich lächerlich hoch. Dieses Jahr schien Obst in Mode zu sein. Manche Frauen sahen auf, als hätten sie sich eine ganze Streuobstwiese auf den Kopf gestapelt. Ich war sehr froh, nicht zugelassen zu haben, dass Daniel mir einen solchen Hut kauft. Welchen Sinn hatten diese Hüte?

„Wann kommt Bridie?“

„Ich bin mir nicht sicher. Wir werden abwarten und die Augen aufhalten müssen“, sagte ich. Die Spaziergänger wurden von einer doppelten Reihe aus Fuhrwerken abgelöst; lange Reihen aus Kutschen und einspännigen Mietwagen, die jeweils mit weiteren, wohlgekleideten Menschen besetzt waren. Wir suchten jedes einzelne Gefährt ab und versuchten, Blanche und Bridie auszumachen.

„Sie ist nicht hier“, sagte Liam wütend. Doch dann leuchteten seine Augen auf. „Schau mal, Mama, Autos“, sagte er. So wie sein Vater war auch er von den Automobilen fasziniert, die mittlerweile regelmäßig auf unseren Straßen zu sehen waren. Sie fuhren eines nach dem anderen an uns vorüber, bis …

„Da ist sie!“ Liam sprang auf und ab und winkte aufgeregt mit beiden Armen. „Bridie!“

Vorne in dem großen, burgunderroten Automobil saß ein Chauffeur und auf der Rückbank Mrs. McCormick, Blanche und Bridie. Bridie hatte unser Haus in ihrem weißen Nesselstoffkleid und einer Strohhaube verlassen, doch jetzt schien sie blassblaue Seide zu tragen und eine mit Blumen besetzte Seidenhaube. Es freute mich, zu sehen, dass sie für ihr Alter angemessen gekleidet war und keinerlei Obst im Spiel war. Offensichtlich hatte sie sich wieder einmal die Kleidung ihrer Freundin ausgeliehen. Ich musste mir eingestehen, dass sie darin bildschön aussah, auch wenn es mir Unbehagen bereitete, dass meine Tochter vorgab, jemand zu sein, der sie nicht war.

Blanche entdeckte uns und stieß Bridie an. Dann winkten sie uns alle. Wir winkten zurück und dann waren sie auch schon wieder fort. Ich nahm Liam an der Hand. „Na gut, Junge“, sagte ich. „Lass uns nach Hause gehen und unser Lamm essen, ja?“

Zwei

Auch auf dem Rückweg war die Hochbahn voll. Ich fragte mich, ob das alles Zuschauer der Parade waren, die nach Hause zurückkehrten, oder Trauergäste auf dem Weg zur Old Cathedral in der Mulberry Street. Es war schön, dass die gesamte Stadt einem der ihren solch eine Ehrerbietung erwies. Mir stellte sich die unerwünschte Frage, ob die Menschen für Daniel das Gleiche tun würden, sollte es zum Schlimmsten kommen. Heilige Mutter Gottes – was für ein Gedanke am Ostersonntag.

Als wir zu Hause eintrafen, wurden wir vom Duft des Lammbratens und den ohrenbetäubenden Schreien von Mary Kate empfangen.

„Sie ist gerade aufgewacht, Mrs. Sullivan“, sagte Aileen zaghaft. „Ich konnte sie nicht beruhigen.“

„Dieses Kind ist einfach immerzu hungrig“, sagte ich, während ich Aileen das kleine Mädchen abnahm, dessen Gesicht schon ganz rot angelaufen war. „Je früher wir sie an feste Nahrung gewöhnen, desto besser.“

Ich trug sie nach oben zum Schaukelstuhl und fütterte sie, sodass sie ausnahmsweise einmal glücklich und still war, als wir den Tisch deckten.

Aileen brach auf, um ihre eigene Familie zu besuchen, und als es auf zwei Uhr zuging, wurde die Haustür geöffnet und Bridie kam hereingestürmt.

„Der Chauffeur hat mich im Automobil nach Hause gefahren“, sagte sie. Ihre Augen leuchteten und ihre Wangen waren ganz rot vor Aufregung. „Du hättest die Blicke sehen müssen, als wir am Patchin Place hielten. Ich kam mir vor wie eine Königin.“

„Du solltest dich glücklich schätzen, weil du mehr als nur ein Kleid besitzt“, sagte ich. „Als ich aufwuchs, hatte ich ein Kleid für die Sonntage und eines für alle anderen Tage. Mehr nicht.“

Bridie verdrehte die Augen, wie es nur eine Vierzehnjährige tun kann. „Ich würde sterben, wenn ich nur ein Kleid hätte“, sagte sie. „Ich weiß gar nicht, wie du das ausgehalten hast.“

„Wir hatten keine Wahl“, sagte ich. „Wir waren arm. Manchmal gab es nicht einmal genug Essen für alle. Du solltest dein Glück schätzen lernen, junge Dame. Und jetzt zieh dir eine Schürze über das Kleid, während du isst.“

Wir aßen unser Festmahl und Bridie unterhielt uns mit Geschichten über das Leben bei den McCormicks und die Parade. „Und manche Leute aus der Menge haben auf mich gezeigt“, sagte sie, während sie aufgeregt mit ihrer Gabel gestikulierte. „Und jemand sagte, dass Blanche und ich wohl zu den Debütantinnen dieses Jahres gehören müssten. Stellt dir das nur vor, Mama.“

„Lass dir das nicht zu Kopf steigen“, sagte ich. „Blanche könnte eines Tages durchaus debütieren, aber du nicht. Du kommst aus einer guten, respektablen Familie; und dafür kannst du dankbar sein.“

 

Wir beendeten unser Festmahl mit Brotpudding und Vanillesoße, einem von Daniels Lieblingsgerichten. Ich verspürte einen Anflug von schlechtem Gewissen, weil ich ihn dafür getadelt hatte, dass er heute arbeiten musste. Natürlich würde er lieber hier bei uns sitzen und sein Lieblingsessen genießen, statt stundenlang an der Kathedrale Wache zu stehen. Und morgen würde er den Sarg zum Calvary Cemetery begleiten müssen.

„Und was machen wir jetzt?“, fragte Bridie, als wir das Geschirr abwuschen. „Wenn ich gewusst hätte, dass Papa nicht hier ist, hätte ich auch bei Blanche bleiben können. Ihr Bruder wollte mit Freunden aus Paris zu Besuch kommen. Das wäre prima gewesen.“ Sie seufzte dramatisch, während sie das Geschirrtuch schwang.

„Ich weiß“, sagte ich, während ich versuchte, heiter zu klingen. „Lass uns schauen, ob der italienische Eisladen heute geöffnet hat.“

„Eis! Prima!“ Immerhin klang Liam begeistert. Er hatte sich Bridies neustes Lieblingswort angeeignet.

„Ich gehe Mary Kate holen. Sie war heute noch gar nicht draußen.“

Ich hatte gerade erst zwei Stufen geschafft, als jemand an die Haustür klopfte.

„Wer in aller Welt …“, hob ich an, doch Bridie war vor mir an der Tür und dann hörte ich Liam freudig rufen: „Tante Gus ist da!“

„Frohe Ostern, Kinder.“ Das war Gus’ geschmeidiger, Bostoner Akzent. Ich eilte zu ihnen. Sie hielt einen Korb mit bunt bemalten Eiern und Süßigkeiten in der Hand. „Die sind für später“, sagte sie. „Wir wollten euch am Feiertag eigentlich nicht stören, aber einer unserer Gäste brennt darauf, dich kennenzulernen, also fragten wir uns, ob du Zeit für etwas Tee und Kuchen hast.“

Mit der Erwähnung von „Tee und Kuchen“ war Liam schon aus dem Haus gestürmt, ehe ich ihn zu fassen bekam.

„Danke, nur zu gern“, sagte ich. „Ich werde allerdings die Kleine mitbringen müssen. Aileen hat den Rest des Tages frei.“

„Natürlich musst du unsere geliebte Patentochter mitbringen“, sagte Gus. „Etwas anderes hätten wir gar nicht hingenommen.“

Obwohl weder Sid noch Gus katholisch waren und so keine offizielle Patenschaft übernehmen konnte, hatten sie sich selbst zu Patentanten ernannt und würden Mary Kate zweifellos schrecklich verwöhnen. Nicht dass ich etwas dagegen einzuwenden hatte. Ich hätte in meiner eigenen, harten Kindheit weiß Gott jede Form der Verwöhnung mit offenen Armen entgegengenommen.

„Und der Captain?“, fragte Gus, als ich ihr den Korb abnahm und mich bedankte.

„Arbeitet“, sagte ich. „Er überwacht die Beisetzungsfeierlichkeiten für den getöteten Polizisten.“

„Oh, ja, natürlich. Es wird eine große Menge von Trauergästen erwartet, nicht wahr?“ Gus nickte. „Habt ihr die Osterfeierlichkeiten aufgeschoben, bis er nach Hause kommt?“

„Nein“, antwortete ich. „Wer weiß, wie spät es ist, wenn er nach Hause kommt. Aber wir haben ihm reichlich Essen aufgehoben. Er wird nicht verhungern.“

Ich schlich auf Zehenspitzen nach oben und schaffte es, Mary Kate in das Weidenkörbchen zu verfrachten, in dem sie als Neugeborenes oft gelegen hatte, und sie darin auf die andere Straßenseite zu tragen, ohne sie zu wecken, was durchaus eine beachtliche Leistung war. Wir legten sie im Esszimmer hin, und folgten Gus dann ins Wohnzimmer.

„Hier sind sie“, verkündete Gus. „Mr. Armitage, ich möchte Ihnen meine guten Freundinnen und Nachbarn vorstellen, Mrs. Sullivan und ihre Kinder Liam und Bridie.“

Ich entdeckte den Mann, der es sich im Sessel gemütlich gemacht hatte. Er war schmal gebaut, elegant gekleidet, hatte helles Haar, helle Augen und einen blonden Schnurrbart. Mir fiel der Spitzenbesatz an seinen Manschetten auf. Ich wollte ihn gerade ansprechen, als Gus hinzufügte: „Und unser anderer Gast bedarf natürlich keiner Vorstellung.“

Als ich in den Raum trat, erhob sich der extravagante, irische Stückeschreiber Ryan O’Hare von seinem Platz auf der Couch und kam mit ausgebreiteten Armen auf uns zu.

„Liebste Molly. Welch angenehmer Anblick. Wie ich mich in diesen langen Monaten in England nach dir gesehnt habe.“ Ryan sah, wie üblich, so aus, als wäre er gerade den Seiten eines Liebesromans entstiegen. Er schob sich das dunkle, lockige Haar aus den Augen und enthüllte damit seinen eigenen, neuen und üppigen Schnurrbart. Er trug einen Straßenanzug aus hellbraunem Leinen und eine Kreissäge aus Stroh, womit er aussah wie ein Vanderbilt am Strand.

„Wie üblich nichts als schmeichelndes Geschwätz, Ryan“, sagte ich. Doch ich kicherte, als er mich umarmte.

Als er vor Bridie stand, hielt er inne. „Und wer ist diese adrette Person?“, fragte er. „Du liebe Güte, du hast wohl einen gesellschaftlichen Aufstieg hingelegt, Molly, wenn du jetzt mit solch feinen Damen verkehrst.“

„Ich bin Bridie“, sagte sie, ehe ich antworten konnte. „Wir sind uns letztes Jahr schon begegnet, erinnern Sie sich?“

„Unsinn. Letztes Jahr habe ich ein kleines Mädchen kennengelernt. Jetzt sehe ich eine junge Dame vor mir; in thailändische Seide gekleidet, wenn ich mich nicht täusche.“

„Und sie hat gerade an der Osterparade teilgenommen“, sagte Sid, die Bridie an der Hand nahm und sie zu einem Sitzplatz führte. „Sie steigt ganz eindeutig in der Gesellschaft auf.“

„Aber meine Liebe, du siehst ja umwerfend aus“, fuhr Ryan fort. „Solch wundervolles, blondes Haar. Diese blauen Augen. Molly, du musst sie auf der Stelle nach England bringen und sie bei Hofe vorstellen. Sie muss sich mindestens einen Duke oder einen Earl schnappen.“

„Sie wird nichts dergleichen tun, Ryan“, sagte ich. „Sie ist erst vierzehn und das Kleid ist nur eine Leihgabe für den heutigen Anlass. Morgen wird sie sich wieder wie ein normales Schulmädchen kleiden.“

Bridie wollte erklären, dass das Kleid ein Geschenk gewesen sei, doch auf meinen strengen Blick hin schloss sie den Mund wieder.

„Und wir betreiben bestimmt nicht so viel Aufwand mit ihrer Bildung, damit sie dann als Dekoration im Palast eines Dukes endet“, sagte Sid. „Wir erwarten, dass sie in unsere Fußstapfen tritt und an die Vasser geht, um dann etwas Brillantes aus ihrem Leben zu machen – vielleicht wird sie Ärztin, Chemikerin oder gar Autorin.“

Bridie lächelte schüchtern. „Ich glaube nicht, dass ich Ärztin werden könnte, Tante Sid. Ich kann kein Blut sehen.“

„Ich bin gefallen und hatte ein blutiges Knie“, sagte Liam, der seinen Schorf präsentieren wollte. „Und ich habe nicht geweint.“

Ich erinnerte mich an den anderen Mann, der jetzt aufrechter in seinem Sessel saß. „Es tut mir leid, wir haben euren anderen Gast völlig vernachlässigt“, sagte ich. „Guten Tag, Sir. Ich bin Molly Sullivan.“

„Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, Mrs. Sullivan.“ Er hatte eine sanfte Stimme, sprach mit englischem Akzent und streckte mir eine Hand entgegen. Ich fragte mich, ob er wohl erwartete, dass ich sie schüttelte oder küsste. Ich tat nichts von beidem, sondern setzte mich neben Ryan auf die Couch und hob Liam auf meinen Schoß.

„Cecil Armitage ist Schauspieler“, erklärte Sid. „Er hat in London in Ryans Stück mitgespielt.“

„Es war wie immer ein überwältigender Erfolg“, sagte Ryan. „Ich habe die Rezensionen mitgebracht. Alle waren hin und weg von den geistreichen Dialogen und dem hervorragenden Schauspiel.“

„Sagte er bescheiden“, merkte Gus mit einem Grinsen in Sids Richtung an.

„Ich wurde zur Aufrichtigkeit erzogen“, sagte Ryan. „Kann ich etwas dafür, dass alle Welt mich liebt?“

„Warum hast du dann dein so überwältigend erfolgreiches Stück zurückgelassen und bist nach Amerika zurückgekehrt; abgesehen davon, dass du deine Freunde vermisst hast?“, fragte ich.

„Man langweilt sich nach einer Weile, wenn man immer nur das Gleiche tut, nicht wahr, Cecil?“

Mr. Armitage nickte. „Insbesondere, wenn die Welt so voller Möglichkeiten ist, und voller neuer Menschen, die man kennenlernen kann.“ Er lächelte mir charmant zu.

„Sie erwarten sich hier neue Möglichkeiten?“, fragte ich.

Ryan legte sich einen Finger auf die Lippen. „Man weiß ja nie“, sagte er. „Aber sag mir eines: Wird dir dein Wüstling von einem Ehemann erlauben, morgen Nachmittag mit mir auszugehen?“

„Mein Ehemann, der ganz und gar kein Wüstling ist, Ryan, wird morgen den ganzen Tag beschäftigt sein“, sagte ich. „Wenn du gerade erst wieder in New York angekommen bist, hast du vielleicht noch nicht gehört, dass ein Kollege, ein Polizist, der unter Daniel gearbeitet hat, von der Black Hand ermordet wurde. Er ist heute in der Old St. Patrick’s Cathedral aufgebahrt und wird morgen bestattet. Man rechnet damit, dass ihm ganz New York Respekt zollen wird.“

„Ihr wundervollen Damen auch?“ Ryan wirkte schwer enttäuscht.

„Die Kathedrale werden wir uns wohl nicht antun“, sagte Sid. „Aber es käme mir recht gefühllos vor, wenn wir am Morgen ausgehen und uns vergnügen würden.“

„Der Meinung bin ich auch.“ Gus nickte. „Aber am Nachmittag sollten wir Zeit haben. Wir wollen gern etwas Vergnügliches mit dir unternehmen; selbst wenn du uns nicht sagst, was es ist.“

Jetzt warf Ryan Mr. Armitage einen Blick zu und lächelte geheimnisvoll. „Ich verrate nichts. Es ist eine Überraschung. Aber ich kann euch sagen, dass es euch gefallen wird.“

„Bin ich auch eingeladen?“, fragte Bridie. Sie warf mir einen Blick zu.

„Natürlich. Absolut.“

„Wird es denn für ein Mädchen angemessen sein, Ryan?“, fragte ich. Ich hatte keine Ahnung, worin diese Überraschung bestehen mochte, doch ich wusste, dass er sich mit fragwürdigen Gestalten umgab.

„Ich kann dir versichern, dass meine Überraschung perfekt für Miss Bridie geeignet ist. Tatsächlich ist sie für die ganze Welt perfekt geeignet, der ich sie auch bald darbieten werde“, sagte er.

„Du liebe Güte“, sagte Gus. „Das klingt ja, als würde es um irgendein neues Tonikum gehen.“

„Es wird gewiss heilsam für die Sinne sein“, sagte Ryan. „Dann ist es also beschlossen. Ich werde euch eine Wegbeschreibung zu unserem Treffpunkt geben, und euch von dort aus weiterführen.“

Er weigerte sich, auch nur ein einziges zusätzliches Wort dazu preiszugeben.

Drei

Es war schon nach Einbruch der Dunkelheit, als wir abermals die Gasse überquerten und in unser Haus zurückkehrten. Ich war aufgesprungen und zum Rückzug bereit gewesen, als Mary Kate erwacht war, da ich mit der bevorstehenden Katastrophe gerechnet hatte. Doch wie sich herausstellte, wirkte Ryan auf sie so faszinierend wie auf jeden anderen Menschen. Sie hatte sich von ihm auf den Schoß nehmen lassen und immer wieder versucht, nach seinem neuen Schnauzbart zu greifen. Die ganze Aufregung des Tages und Gus’ starker Kaffee hielten mich wach, bis Daniel nach Hause kam. Ein Blick in sein erschöpftes Gesicht ließ sämtliche verbliebene Missgunst ob seiner Abwesenheit dahinschmelzen.

„Komm rein, Liebling. Ich werde dir zum Abendessen eine Portion unseres Festmahls aufwärmen“, sagte ich sanft, als er zur Tür hereinkam. Er lächelte dankbar.

„Vielen Dank, Molly. Ich habe seit dem Frühstück nichts mehr gegessen. Es ist kaum zu glauben. Die gesamte Stadt schien ihm die letzte Ehre erweisen zu wollen. Selbst weit nach Einbruch der Dunkelheit kamen noch Leute. Zusammen mit der Parade war dadurch heute jeder Polizist der Stadt im Einsatz.“ Er setzte seine Mütze ab, zog den Mantel aus und folgte mir in die Küche, wo ich ihm die Portion Lamm mit Pastinaken und Kartoffeln servierte, die ich für ihn aufgehoben hatte. „Und morgen wird es vermutlich noch schlimmer.“ Er aß einen großen Bissen Lamm mit Minzsoße und seufzte zufrieden. „Es tut mir leid, dass ich das Familienessen verpasst habe.“

Er aß wie ein Verhungernder, während ich ihm von unserem gemeinsamen Essen und Bridies Abenteuern erzählte. Plötzlich war ich von Dankbarkeit erfüllt, weil ich hier mit meinem Ehemann sitzen konnte, während ich wusste, dass meine Kinder oben lagen und in Sicherheit waren. „Ich kann gar nicht fassen, dass sich die Black Hand traut, so unverfroren einen Lieutenant der Polizei umzubringen“, sagte ich, während ich abermals an Petrosinos arme Witwe dachte.

„Sie treten sehr skrupellos auf“, sagte Daniel. „Das Problem ist, dass es unmöglich ist, ihr Treiben komplett zu unterbinden. Solange es Armut gibt, wird es auch Gangs geben.“

Ich wagte es kaum, die Worte auszusprechen: „Bist du auch in Gefahr, Daniel? Sind wir in Gefahr?“

Er mied meinen Blick. „Im Moment nicht, glaube ich. Da ich nicht den Abteilungen vorstehe, die sich mit organisierter Kriminalität und Erpressung befassen. Ich komme nur in Kontakt mit den Gangs, wenn es einen Mord gibt, an dem sie beteiligt sind, und davon gab es zum Glück nicht allzu viele. Normalerweise bezahlen die Leute, und die Gang tötet ihre Opfer nicht gern, weil Tote nicht mehr zahlen können.“

Ich erschauderte. „Trotzdem“, sagte ich, „muss ich immer wieder an diese Bombe denken, und daran, was sie mit unserem Haus angerichtet hat.“

„Ich weiß.“ Er stand auf, kam zu mir herüber und legte die Arme um mich. „Ich glaube nicht, dass wir das je vergessen werden. Aber ich hoffe, dass die Stärke, die wir gezeigt haben und auch morgen noch einmal zeigen werden, diese Mafiabande wissen lässt, dass die ganze Stadt gegen sie zusammensteht.“

Ich nickte, war aber immer noch nachdenklich. Ich dachte an die Witwe des Lieutenant, die vermutlich gerade versuchte, tapfer zu sein. Hatte er Kinder gehabt? „Vielleicht sollte ich morgen auch mit den Kindern zur Bestattung gehen; aus Respekt.“

„Das halte ich für keine gute Idee, Molly.“ Daniel schüttelte den Kopf. „Sämtliche Plätze in der Kathedrale sind vergeben. Du müsstest mit der Menge draußen warten. Ich werde mit den anderen Polizisten hinter dem Sarg marschieren. Damit zollen wir als Familie unseren Respekt.“

„Das ist wahr“, sagte ich erleichtert. Die Bestattung eines Polizisten ging mir näher als mir lieb war; selbst wenn ich nur von ihm gelesen hatte und ihm nie begegnet war. „Ich schätze, du wirst auch morgen spät nach Hause kommen. Ich hoffe, am Dienstag erwartet dich ein ruhigerer Tag.“

„Das ist etwas, worüber ich mit dir reden muss, Molly“, sagte Daniel, während er sich mit seinem Stuhl vom Tisch nach hinten schob. „Erinnerst du dich an Mr. Wilkie vom Secret Service?“ Ja, ich erinnerte mich. Ich hatte sogar selbst schon für ihn gearbeitet. „Ich habe vor einigen Tagen von ihm gehört.“ Mir wurde flau im Magen. Ich hatte gehofft, Daniels Ermittlungen für den Secret Service würden der Vergangenheit angehören. „Es ist ihm nicht länger erlaubt, Ermittler anzuheuern“, fuhr Daniel fort, „aber die Regierung baut eine neue Ermittlungsbehörde auf, die Straftaten auf Landesebene verfolgen soll. Er hat meinen Namen ins Spiel gebracht.“

„Wofür?“ Ich rechnete mit dem Schlimmsten. „Doch nicht für eine Ermittlung gegen die Black Hand, oder?“ Ich dachte wieder an Petrosino. Personen, die bei italienischen Gangs herumschnüffelten, waren am Ende meistens tot.

„Nicht so, wie du denkst.“ Daniel legte seine Hand auf meine. „Ich vermute, es wird die erste Aufgabe der neuen Organisation werden, gegen die Black Hand zu ermitteln, aber im Moment wollen Sie nur den Rat einiger Police Captains bezüglich des Aufbaus einer solcher Dienststelle einholen. Mr. Wilkie hat mich vorgeschlagen. Das bedeutet für mich eine Reise nach Washington.“

„Washington? Für wie lange?“ Ich war müde und war seit der Geburt nicht mehr so recht ich selbst. Tränen überkamen mich. „Du willst doch nicht sagen, dass wir alles zusammenpacken und nach Washington ziehen müssen, oder?“

„Nein, Molly, beruhige dich.“ Daniel wirkte besorgt. Er war es gewohnt, dass ich hitzköpfig wurde, doch nur selten erlebte er mich verängstigt. „Ich werde eine Woche lang fort sein, für einige Besprechungen, direkt nach der Bestattung. Das ist alles. Danach bin ich wieder zu Hause.“

„Aber sie werden dich bitten, dich dieser neuen Ermittlungseinheit anzuschließen, oder?“, fragte ich, während ich immer noch mit der Angst rang. Ich erhob mich, räumte seinen Teller ab und stellte ihn zum Einweichen in die Spüle.

„Schon möglich … wahrscheinlich“, sagte er. „Aber ich verspreche dir, dass wir uns gemeinsam darüber unterhalten werden, wenn das passieren sollte; und zwar nicht mitten in der Nacht.“ Er zog seine Taschenuhr heraus und ächzte. „Es ist fast elf Uhr und ich muss um sechs auf dem Revier sein.“ Er stand auf. „Es tut mir leid, dass ich dieses Thema um diese Uhrzeit noch angesprochen habe, aber ich weiß nicht, wann ich morgen nach Hause kommen werde, und früh am Dienstagmorgen muss ich den Zug nach Washington nehmen. Kommst du zurecht, wenn du hier eine Woche auf dich allein gestellt bist?“ Er schaute mich mit aufrichtiger Sorge an. Heilige Mutter Gottes, dachte ich. Was mache ich hier nur? Ich war doch nie die schwache und weinerliche Frau gewesen, und würde jetzt auch nicht damit anfangen. Reiß dich zusammen, Molly, sagte ich mir streng.

„Mach dir keine Sorgen um mich. Ich komme schon zurecht“, sagte ich mit selbstsicherer Stimme. „Ich habe Aileen und auch Bridie ist mir eine große Hilfe. Sie hat diese Woche Osterferien; ich habe also noch ein Paar Hände mehr zur Verfügung.“ Ich sprach im Flüsterton weiter, als wir die Treppe hinaufstiegen. „Und jetzt weck um Himmels willen nicht die Kleine auf.“

 

Liam war so überglücklich, Aileen wiederzusehen, man hätte meinen können, sie sei einen ganzen Monat lang fort gewesen, statt nur einen halben Tag. Ich verabschiedete Daniel mit einem deftigen Frühstück und einem Kuss. Mit Aileens Hilfe machten wir uns auf den Weg zu unserer täglichen Runde durch den Park. Mary Kate lag in ihrem Kinderwagen und Liam rannte voller Energie voraus. Aileen war mittlerweile eine ruhige und selbstbewusste Achtzehnjährige; ganz anders als zu ihrer Zeit in unserem Haus in der 5th Avenue, wo wir sie erstmals kennengelernt hatten. Damals war sie sechzehn Jahre alt gewesen und gerade erst aus Irland hergekommen.

Ich dachte gerade darüber nach, Liam ein wenig spielen zu lassen. Doch etliche Gruppen von Menschen liefen über den Washington Square. Viele waren in Schwarz gekleidet oder trugen schwarze Armbänder und sie waren auf dem Weg zur Old Cathedral an der Mulberry Street, um der Prozession beizuwohnen, die Petrosinos Sarg von der Old Cathedral zum Friedhof in Calvary geleiteten würde. Ich entschied, dass ich nicht einfach fernbleiben konnte. Es kam mir respektlos vor, diesem Mann nicht die letzte Ehre zu erweisen, wenn mein Ehemann doch den gleichen Gefahren ins Auge blickte. Wir liefen zu viert die Prince Street entlang und schauten dann zu, während die feierliche Prozession mit dem Sarg vorüberzog. Auf den Bürgersteigen drängten sich Menschen aus allen Gesellschaftsschichten zusammen und es waren viele verschiedene Sprachen zu hören; vornehmlich Italienisch. Selbst die Läden leerten sich, als alle auf die Straße traten, um ihren Respekt zu zollen. Die Männer setzten ihre Hüte ab und die Frauen bekreuzigten sich. Ich tat es ihnen gleich und betete für Sicherheit; für meinen Daniel und sämtliche Polizeibeamte. Wir entdeckten auch Daniel, der in Uniform zusammen mit anderen Police Captains hinter dem Sarg herlief.

„Da ist mein Papa!“, rief Liam, als er ihn sah, und die Menschen um uns herum lächelten. Es war schwer, an düsteren Gedanken festzuhalten, wenn Liam in der Nähe war. Auf dem Rückweg nach Hause machte ich noch eine Pause im Park, um ihn ein wenig spielen zu lassen. Während ich dasaß und ihn beobachtete, wanderten meine Gedanken zu meinen Freunden. Worin mochte Ryans Überraschung wohl bestehen?

 

Der Nachmittag war sonnig, aber kalt. Bridie, Sid, Gus und ich machten uns auf den Weg zu der Adresse in der Bleecker Street, die Ryan uns gegeben hatte. Es war schön, mit meinen Freundinnen durch Greenwich Village zu laufen. Ich lachte, plauderte und erinnerte mich daran, dass ich mehr als nur eine Mutter war. Wir hatten alle unsere Vermutungen dazu, worin Ryans Überraschung bestehen mochte. Doch bei Ryan konnte man nie wissen. Es war gleichermaßen wahrscheinlich, dass er uns ein Mitglied einer Königsfamilie oder einen Kirmesarbeiter vorstellen würde, einen Millionär oder einen Anarchisten – ein neues Stück, ein neues Skript oder einen neuen Geliebten.

Wir erreichten die Adresse und Ryan erwartete uns vor dem Kartenschalter an einem Gebäude mit der Aufschrift: Bleecker Theater. Ryan erntete seltsame Blicke der Passanten, da er einen sehr schicken Anzug samt Zylinder trug und seinem neuen Schnurrbart mit Wachs Glanz und Form verliehen hatte.

„Hast du ein neues Stück geschrieben?“, fragte Gus heiter, als sie ihn erreichte. „Ist das die große Überraschung?“

„Es ist meine Arbeit“, sagte Ryan, während er die Arme in unbeherrschbarer Aufregung ausbreitete. „Aber das Bleecker Theater zeigt jetzt Lichtspiele. Ich habe ein Film-Skript geschrieben; ein Drehbuch!“

„Ich wusste gar nicht, dass Lichtspiele auch ein Skript haben“, sagte ich überrascht. Natürlich hatte ich schon die bewegten Bilder der Lichtspiele gesehen, aber bislang nur kurze Aufnahmen von fahrenden Zügen oder Menschen, die durch die Stadt laufen. Ich war damit beschäftigt gewesen, eine Familie zu gründen, und hatte nicht viel Zeit für Lichtspiele gehabt.

„Bislang war das auch nicht so“, sagte Ryan begeistert. Er zahlte am Schalter fünf Cent für jeden von uns und wir betraten das Theater. Es dauerte einen Moment, bis sich meine Augen vom hellen Tageslicht an die Dunkelheit gewöhnt hatten. „Sie wollten, dass ich die Geschichte einfach einspreche“, Ryan sprach jetzt leiser. „Doch ich habe darauf bestanden, ein Skript zu schreiben. Immerhin bin ich Stückeschreiber.“

„Wir sind Stammgäste in einem Lichtspieltheater in unserer Nähe“, sagte Sid, als wir unsere Plätze einnahmen. „Die Filme haben mittlerweile eine richtige Handlung, die mitunter sehr aufregend ist. Aber ich wusste nicht, dass dafür richtige Stückeschreiber beschäftigt werden.“

Als sich meine Augen den Lichtverhältnissen angepasst hatten, schaute ich mich neugierig um. Die Sitze waren angeordnet wie in einem gewöhnlichen Theater. Der Boden sank nach vorne hin leicht ab bis zu einem purpurroten Samtvorhang. Am rechten Rand des Vorhangs stand ein Klavier und der Pianist stimmte eine beliebte Melodie an, während uniformierte Angestellte die Gaslampen an den Seiten des Raumes herunterdrehten. Der Samtvorhang öffnete sich mit einem Tusch und enthüllte statt einer Bühne eine große, strahlend hell erleuchtete, weiße Leinwand. Ah, dachte ich, die Silberleinwand! So wurde sie dieser Tage genannt. Ich hörte ein mechanisches Geräusch und schaute hinter mich. In einer Kammer an der Rückseite des Theaters entdeckte ich einen Mann, der an einer Kurbel drehte. Das muss der Projektor sein, dachte ich. Die Leinwand wurde vom Bild eines Teddybären ausgefüllt. Während wir zuschauten, bewegte er sich wie von selbst und tanzte herum. Einige Menschen im Publikum keuchten hörbar. Ich muss gestehen, dass ich dazugehörte. Dann kamen weitere Teddybären ins Bild und tanzten mit. Es sah aus wie Magie. Nach den Bären wurde die Leinwand kurz schwarz. Dann sausten Buchstaben ins Bild, als würden sie eine Art Zug darstellen, bis sie schließlich zum Stehen kamen und das Wort „Biograph“ formten.

„Das ist das Studio, das diese Lichtspiele produziert“, flüsterte Ryan.

„Psst.“ Ein Mann in der Reihe vor uns drehte sich um und funkelte Ryan böse an. Die Leinwand wurde abermals schwarz und das Surren des Projektors verstummte.

„War es das schon?“, fragte ich Sid leise, die rechts neben mir saß.

„Nein, das war nur die erste Filmrolle. Jetzt legen sie den Hauptfilm ein“, antwortete sie flüsternd. Es wurde wieder hell auf der Leinwand, dieses Mal war es nur ein unbewegtes Bild: Eine bunte Aufnahme von einer Mutter, einem Vater und einem kleinen Kind in der Krippe. Der Pianist stimmte ein bekanntes Lied an und das Publikum sang mit.

Dann folgte der Film. Er begann mit der Aufnahme einer Zeitung. Gentleman-Dieb entkommt mit Juwelen!, stand als Schlagzeile auf der ersten Seite. Der Pianist spielte ein aufregendes Trillern. Dann wechselte die Szene zu einem wohlhabend ausgestatteten Salon. Die Begleitmusik wurde ruhiger. Ein Mann las die gleiche Zeitung, während seine Ehefrau und seine Tochter still an ihren Stickereien arbeiteten. Als der Mann die Zeitung sinken ließ, um mit seiner Frau zu sprechen, keuchten wir auf, während Ryan laut lachte.

„Mr. Armitage!“, rief Gus.

„Ebenjener!“ Ryan versuchte zu flüstern, erntete aber trotzdem ein erneutes „Psst“ von dem Mann vor uns.

Der Dialog wurde in weißen Lettern auf schwarzem Grund eingeblendet.

Vielleicht sollten wir deine Diamanten zur Bank bringen, bis dieser Schurke geschnappt ist, Liebling.

Die elegant gekleidete Frau zog ihre Tochter an sich.

Sind wir in Gefahr?

Die Klaviermusik kündete von der drohenden Gefahr. Es war ein Polizist zu sehen, der an der Villa vorüberlief. Ein Mann in schwarzem Anzug und Zylinder war ihm ausgewichen und kletterte jetzt an der mit Efeu überwucherten Wand der Villa hinauf. Als sein Gesicht im Fenster auftauchte, traute ich meinen Augen nicht.
„Ach du meine Güte!“, rief Sid. „Das ist ja Ryan!“