Leseprobe Verführt vom verbotenen Duke | Eine leidenschaftliche Regency Romance

Kapitel 1

Stanwood Place, Juni 1823

Leo, der Duke of Chandos, streckte eine Hand nach seiner Geliebten aus. Ihre Freundin kniete zwischen seinen Beinen. Dass die heute dabei war, war ein besonderes Geschenk seiner Gespielin gewesen. Was für ein Glück, dass sie keine Ahnung hatte, dass er sie nächste Woche schon wieder abservieren würde. Pamela setzte sich auf ihn und reckte sich nach seinem Kissen, um es zu richten. Aber warum war das Kissen so flach und der Stoff so kratzig? Die Bettwäsche, die er in der Villa nutzte, war doch eigentlich weich und die Kissen schön fluffig. Plötzlich hatte er das Gefühl, in eiskaltem Wasser zu ertrinken. Wie nur hatte er von seinem Bett aus ins Wasser stürzen können? Und wo waren überhaupt die Frauen abgeblieben?

„Wacht gefälligst auf!“

Zum Teufel! Keine Frau hatte je in so einem Tonfall zu ihm gesprochen! Er öffnete die Augen. Sofort floss Wasser hinein. „Was geht hier vor sich?“

Eine junge Dame stand über ihm, die Hände hatte sie in die Hüften gestützt. „Ihr solltet Charlie helfen und nicht faul herumliegen, als wäret Ihr in eine Flasche voller Brandy gefallen und hättet vergessen, wieder herauszukrabbeln!“

Er starrte sie an, bemüht darum, wieder einen klaren Blick zu erlangen. „Sie schreien mich an.“

„Das stimmt nicht. Ich spreche nicht einmal besonders laut.“ Ein gemeiner Ausdruck erschien in ihren Augen, die so tiefblau wie Lapislazuli schimmerten. Er konnte seinen Blick nicht abwenden. „Ich werde es aber, wenn Ihr nicht endlich aufsteht. Und zwar sofort!“

„Bitte nicht.“ Leos Kopf tat doch jetzt schon weh. Noch mehr Schmerzen könnte er nicht aushalten. Er setzte sich mühevoll auf. „Ich bin wach.“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust und wippte ungeduldig mit dem Fuß. Sofort dachte er an einen zierlichen, von Seide umhüllten Fuß. Aber der hier steckte in robustem Leder. „Das reicht NICHT!“

In diesem Moment fiel ihm ihr kastanienbraunes Haar auf, das sich in üppigen Locken über ihren Rücken ergoss. „Sind Sie etwa eine Lehrerin?“ Dann wurde sein Blick endlich klarer und er erkannte auch den Rest von ihr. „Ach, Sie sind es. Die, die mich beim Kartenspiel geschlagen hat.“

„Und Ihr seid dieser eine Duke.“ Lady Theodora Vivers verzog missbilligend den Mund. „Aber das ist ja auch egal. Steht jetzt endlich auf, oder ich greife zu anderen Mitteln.“

Diese ‚anderen Mittel‘ beunruhigten ihn dermaßen, dass er sich schwerfällig aufrappelte. „Wo werde ich gebraucht?“

Sie blickte ihn so abschätzig an, als wäre er lediglich ein Wurm. „Ich lasse Euch ein Bad bereiten. Ihr habt eine halbe Stunde, um Euch wieder präsentabel zu machen. Dann könnt Ihr Euch zu den anderen in den Salon gesellen. Und putzt Eure Zähne. Ihr riecht wie eine Destille.“

Theo drehte sich auf dem Absatz um und schritt davon. Noch nie in seinem Leben war jemand so mit Leo umgegangen. Nie hatte sich jemand getraut, auf diese Weise mit ihm zu reden. Und schon gar nicht so ein junges Ding! Gott stehe den Londoner Gentlemen bei, wenn sie erst einmal in die Gesellschaft eingeführt worden war! Sie wird gehörig für Tumult sorgen! Vor seinem inneren Auge sah er schon, wie sich ein ganzer Haufen Idioten um sie scharte, die um ihre Aufmerksamkeit buhlten.

Nein! Sie gehört mir!

Verdammt seien sie alle! Er selbst würde sie heiraten.

Leo sammelte sich und flitzte dann hinter ihr her. „Lady Theo!“

Sie blieb stehen und drehte sich zu ihm um.

„Sie könnten mich heiraten.“ Eigentlich hatte er gar nicht vorgehabt, ihr einen Antrag zu machen. Es war einfach so aus ihm herausgeplatzt. Scheinbar war es ihm wirklich ein Bedürfnis, Theo zu seiner Angetrauten zu machen. „Nächstes Jahr natürlich erst, wenn Sie Ihr Debüt hatten.“

Ihre Augen wurden groß, dann brach sie in Gelächter aus. „Ihr würdet es hassen, mit mir verheiratet zu sein.“

Das hatte Leo nun wirklich nicht erwartet. Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich wüsste nicht warum.“

Lady Theo hob einen Finger. „Ihr könntet nicht mehr bis zur Besinnungslosigkeit saufen.“

Da hatte sie wohl recht. Aber er hatte eh keine Lust mehr auf die lästigen Nachwirkungen derartiger Exzesse.

Sie hob den zweiten Finger. „Ihr dürftet Euch nicht mehr mit Euren leichten Mädchen, Witwen und gelangweilten Ehefrauen vergnügen.“

Wenn er Theo hätte, so sagte ihm sein Bauchgefühl, würde ihn das wohl auch überhaupt nicht stören. Aber was zum Teufel wusste ein Schulmädchen über derartige Angelegenheiten?

„Drittens.“ Sie hob den dritten Finger. „Ihr müsstet tatsächlich etwas mit Eurem Leben anfangen.“

„Ich habe bereits etwas mit meinem Leben angefangen! Ich bin immerhin ein Duke!“

„Dabei handelt es sich doch nur um eine soziale Stellung. Einen möglichen Zeitvertreib, aber keine wirkliche Arbeit.“

Zu seinem Glück war er mittlerweile nüchtern, sonst hätte er wohl nicht verstanden, worauf sie hinauswollte. Doch auch so fiel es ihm noch schwer genug. „Und sonst? Sie haben doch noch zwei weitere Finger.“

Sie trug keine Handschuhe und ihre Hände gefielen ihm so irgendwie ziemlich gut. „Der Herr schenke mir Geduld.“ Aber sie hielt einen vierten Finger in die Höhe. „Ihr müsstet früh aufstehen.“

Nicht wenn es ihm gelänge, dass sie in seinem Bett bliebe. „Fahren Sie fort.“

„Ihr seid albern. Das waren bereits alle meine Finger. Den anderen nennt man Daumen.“

Sie wandte ihm den Rücken zu und ging. Er musste unbedingt mit ihrem Bruder sprechen. Mit Stanwood. Über sie. Bestimmt war es möglich, eine Ehe zu arrangieren.

Chandos Hall, Ende März 1824

Leo öffnete die Augen. Einmal mehr hatte er von Lady Theo Vivers geträumt, die ihn mit Wasser übergoss. Fast konnte er spüren, wie es ihm über das Gesicht floss. Seit gut einem Jahr schon hatte er immer wieder denselben Traum. Jetzt war er noch fester entschlossen, sie zu heiraten. Um sicherzugehen, dass er die Richtige zu seiner Braut auserkoren hatte, hatte er das Haus seines Freundes Charlie, der nicht nur der Earl of Stanwood, sondern auch Theos Schwager war, immer wenn die große Familie dort zusammenkam, regelrecht heimgesucht. Doch Theo lebte bei ihrem Bruder und Vormund Matt, dem Earl of Worthington, dessen Frau Grace, der Countess of Worthington, und deren Kindern im Worthington Place. Und so hatte sich Leo auch Einladungen in dieses Haus ermogelt. Die ganze Zeit wartete er auf den richtigen Augenblick, auf den Moment, wenn sie endlich in die Gesellschaft eingeführt werden würde. Und nun war der Tag gekommen. Heute würde er in die Stadt fahren und damit beginnen, sie zu umwerben. „Matson, wie viel Uhr ist es?“

Leos Kammerdiener steckte seinen Kopf durch die Tür, die vom Ankleidezimmer in sein Schlafgemach führte. „Kurz nach fünf Uhr morgens, Euer Gnaden. Um acht Uhr fahren wir los. Die Koffer sind gepackt und Ihre Gnaden, Eure Mutter, ist ebenfalls bereit zur Abfahrt. Es läuft alles in den rechten Bahnen.“

Zum ersten Mal fühlte es sich für Leo so an, als hätte sein Leben endlich einen Sinn. Er hatte mit dem übermäßigen Trinken aufgehört, spielte nicht mehr – er hatte eh nie viel vom Glücksspiel gehalten -, und, seit er letzten Juni London verlassen hatte, hatte er sich auch keine Geliebte mehr genommen. Jetzt war er bereit, genau der Ehemann zu sein, den Theo verdiente und den ihre Familie verlangte. Außerdem war er nun zu dem Mann geworden, der er selbst immer sein wollte. „Ausgezeichnet. Ich werde in einer halben Stunde frühstücken. Wird Turner nachkommen?“

Der Sekretär von Leos Vater hatte seine Meinung mindesten schon zwanzig Mal geändert. Er war sich unsicher, ob er vor oder nach Leo abreisen wollte. „Mr Turner wird überhaupt nicht mitkommen. Er hat sich nun für den Ruhestand entschieden und ist bereits bei Sonnenaufgang abgereist. Er bat mich auszurichten, er habe alle Dokumente, die Ihr benötigt, vorbereitet.“

„Mist!“ Vielleicht brauchte Leo gar keinen Sekretär. Aber damit wollte er sich jetzt nicht befassen. Er trat ans Waschbecken. Er hatte sich noch nie so auf eine Reise in die Stadt gefreut.

Genau dreißig Minuten später betrat er das Frühstückszimmer, wo er auf seine Mutter und deren Gesellschaftsdame, eine Cousine namens Mrs Merryweather, traf. Beide saßen bereits am Tisch und seine Mutter blickte nun zu ihm auf. „Constance und ich haben beschlossen, in Kürze bereits aufzubrechen. Wir werden dann in der Stadt wieder zu dir stoßen. Wenn du diese Saison wirklich vorhast, dir eine Braut zu suchen und zu heiraten, gibt es für mich noch eine Menge zu erledigen.“

Leo ging zum Buffet und legte sich Eier und einige Scheiben Rindfleisch auf seinen Teller. Toast stand schon auf dem Tisch. Er setzte sich auf seinen üblichen Platz. „Haben wir schon die Eintrittskarten für Almack’s?“

„Darum muss ich mich noch kümmern. Aber ich habe bereits mit einigen meiner Freundinnen korrespondiert. Zwei von ihnen gehören dieses Jahr zu den Schirmherrinnen.“ Sie kaute auf ihrem Toast herum. Als sie heruntergeschluckt hatte, fuhr sie fort: „Außerdem steht Lady Bellamnys Soirée an, auf der die jungen Damen vorgestellt werden. Ich werde natürlich ebenfalls dort sein und mir einen Eindruck davon machen, welche von ihnen in Betracht käme.“

Leo hatte mit sich selbst gerungen, ob er seiner Mutter von seiner Wahl erzählen sollte, hatte sich dann aber dagegen entschieden. Im Laufe des letzten Jahres konnte er Theo besser kennenlernen und wusste nun, dass er vorsichtig vorgehen musste. Sie würde sich ihm nicht einfach so in die Arme werfen, nur weil er ein Duke war und noch dazu reich. Er musste sie in aller Form umwerben. Natürlich würde er versuchen, den Prozess abzukürzen, und sich an ihren Bruder Matt wenden, aber er war sich jetzt schon sicher, dass das zum Scheitern verurteilt war. „Eine ausgezeichnete Idee, Mutter.“

„Wenn wir auf dem Ball im Almack’s sind, kannst du eine der Schirmherrinnen um einen Walzer mit einer der Debütantinnen bitten. Denn diese muss dafür erst noch die Erlaubnis bekommen.“

„Die Erlaubnis? Was soll das heißen?“ Das war wirklich das Seltsamste, das er je gehört hatte. „Ich wette, die meisten von ihnen haben schon einmal einen Walzer getanzt. Auf einem Ball oder bei einer Tanzveranstaltung auf dem Land. Oder auf einem privaten Fest. Wie sonst sollen sie den Tanz gelernt haben?“

„Natürlich, mein Liebling.“ Seine Mutter verdrehte entnervt die Augen. „Hier geht es auch nur um die Erlaubnis, einen Walzer auf dem Ball im Almack’s zu tanzen. Sie gilt nicht für andere Veranstaltungen an anderen Orten.“

Das machte etwas mehr Sinn. Natürlich bäte er um einen Walzer mit Theo. Es würde ihn absolut verrückt machen, wenn es einem anderen Gentleman gelänge, sich diesen besonderen Walzer mit seiner zukünftigen Frau zu sichern. „Das klingt so, als sollten die Patronessen dadurch noch mehr Einfluss gewinnen.“

Seine Mutter zuckte leicht mit den Schultern. Sie war wirklich die umsichtigste Person, die er kannte. Nicht einmal im Privaten würde sie sich zu einer unangemessenen Bemerkung verleiten lassen. Sie tupfte sich die Lippen mit ihrer Serviette ab und stand dann auf. „Bis in ein paar Tagen, mein Lieber.“

Kaum hatte sie ihren Stuhl zurückgeschoben, war Leo schon aufgesprungen. „Bis dahin. Ich werde einen kurzen Zwischenstopp in Stanwood Place machen.“

„Natürlich, Liebling.“ Sie gab ihm ein Küsschen auf die Wange. „Viel Spaß.“

„Den werde ich haben, danke. Dir aber auch.“ Er nickte ihrer Gesellschaftsdame zu. „Ich wünsche euch eine angenehme Reise.“

***

Als sie sich Stanwood Place näherten, bemühte sich Theo wirklich, still zu sitzen und nicht auf und ab zu hüpfen. Immerhin war sie jetzt achtzehn. Seit die ehemalige Lady Grace Carpenter, ihre Schwägerin, und Matt, ihr Bruder, vor zehn Jahren geheiratet hatten, war aus den Carpenter Geschwistern und Theos Brüdern und Schwestern eine große Familie geworden. Sie alle hatten beschlossen, von nun an Brüder und Schwestern zu sein, unabhängig davon, ob eine Blutsverwandtschaft bestand oder nicht. Stanwood Place war der Hauptsitz des Familienoberhaupts der Familie Carpenter. Charlie, Earl of Stanwood, lebte dort mit seiner Ehefrau, Countess Oriana. Theo, Grace, Matt und deren Kinder – Gideon war neun Jahre alt, Elisabeth acht, und die Zwillinge Edward und Gaia waren fast fünf – trafen gegen Mittag dort ein. Mary war die Schwester, die Theo am nächsten stand. Sie lebte seit gut einem Monat bei Charlie, Oriana und deren Babys. Theo hoffte, dass Mary mit ihr zusammen nach London reiste und nicht erst mit Charlie und seiner Familie nachkommen wollte.

Charlies Dogge Apollo wartete bereits an der Tür und beobachtete die ankommenden Kutschen. Eine von ihnen war speziell für die anderen beiden Doggen, Daisy und Zeus, angefertigt worden. Schon ertönte daraus ein Bellen und Apollo rannte ihr entgegen.

Grace wollte, dass sie, Matt und Theo ein paar Tage hierblieben, bevor sie sich auf in Richtung Worthington House machten, das direkt am Berkley Square in Londons Stadtviertel Mayfair lag.

„Theo!“ Mary eilte bereits zu ihnen. „Ich freue mich so, dich zu sehen. Du wirst nicht glauben, wie groß die Zwillinge geworden sind.“

Während Charlie und Oriana Matt und Grace begrüßten, gingen Mary und Theo schnell ins Haus.

„Sie sind einfach bezaubernd“, fuhr Mary fort.

Ein Gefühl der Angst durchzuckte Theo. Dennoch gelang ihr ein strahlendes Lächeln. „Und? Bist du bereit, mit uns nach London zu reisen?“

Ihre Schwester hielt inne und wandte sich ihr zu. „Ich habe mich dazu entschlossen, erst mit Charlie und Oriana zu fahren.“

„Aber ich werde doch in die Gesellschaft eingeführt.“ Theo bemühte sich, nicht zu verzweifelt zu klingen. Zehn Jahre lang waren sie unzertrennlich gewesen, seit sie acht und Mary fünf war.

„Ich weiß doch.“ Marys Stimme war so sanft, und doch rutschte Theo das Herz in die Hose. „Aber es ist deine Einführung in die Gesellschaft, und ich kann nicht daran teilnehmen. Wir wussten doch beide, dass es irgendwann so kommen würde.“ Mary hakte sich bei ihrer Schwester unter. „Genieße die Zeit und deine neuen wunderschönen Roben. Und ehe du dich versiehst, bin ich auch schon in London, noch vor deinem ersten Ball. Der Rest der Familie wird auch da sein. Die Zwillinge und Madeline, Charlotte, Louisa und Dotty haben uns schon geschrieben, dass sie auch kommen. Wir werden alle für dich da sein.“ Mary lächelte sie an. „Du weißt doch gewiss, dass ich dich nie im Stich lassen würde, wenn du mich brauchst.“ Sie führte Theo nach oben. „Chandos war auch ein paar Tage hier. Er ist gestern wieder aufgebrochen.“ Theo hatte nur Mary anvertraut, welche Gefühle ein Walzer mit ihm auf dem Weihnachtsball in ihr ausgelöst hatte. „Er hat nach dir gefragt.“

„Bestimmt wollte er nur höflich sein.“ Sie wünschte, es wäre nicht so. Doch der Duke of Chandos hatte den Ruf, sich nicht für junge, heiratswillige Ladies zu interessieren. Außerdem würde er sowieso einen schrecklichen Ehemann abgeben.

Mary zuckte mit den Schultern. „Er hat sich nicht weiter mit mir unterhalten, aber er hat stundenlang mit Charlie geredet.“

„Vielleicht sollte ich meine Einführung in die Gesellschaft einfach so lange verschieben, bis es bei dir auch so weit ist.“ Das würde der Familie bestimmt nicht gefallen, aber Theo fühlte sich eben alleingelassen.

„Nein, ganz gewiss nicht.“ Mary schüttelte energisch den Kopf. „Das haben wir doch schon besprochen.“ Sie umarmte Theo. „Das ist jetzt deine Zeit. Und alles wird so laufen, wie es soll.“

„Da hast du vermutlich recht.“ Theo versuchte zu lächeln, scheiterte jedoch kläglich. „Komm, gehen wir zu den Babys.“ Bei den Carpenters waren Zwillingsgeburten durchaus verbreitet und so hatte auch Oriana Zwillinge bekommen. Einen Jungen und ein Mädchen: Lady Olivia Elizabeth Prudence und Charles Robert Edward, genannt Robin, Viscount Carpenter. Beide hatten sie das blonde Haar der Carpenters und Olivia hatte die gleichen himmelblauen Augen wie ihr Vater, ihre Tanten und Onkel und viele ihrer Cousins und Cousinen. Robin aber hatte die bernsteinfarbenen Augen seiner Mutter geerbt. Theo durchzuckte ein Gedanke: Wenn sie diese Saison heiraten würde, könnte sie nächstes Jahr um diese Zeit auch schon ein Kind haben. Sie dachte an Chandos. Groß und breitschultrig, dunkles welliges Haar und moosgrüne Augen. Alle Damen Londons würden bei seinem Anblick sicherlich in Ohnmacht fallen. Und trotzdem, so attraktiv er auch war, schien er doch nicht der Richtige für sie zu sein. Ihr Bruder würde eine Heirat mit ihm nie erlauben. Deswegen musste sie jemanden finden, der geeigneter für sie war und der all die Eigenschaften besaß, die sie von ihrem Ehemann erwartete. Und so ein Vagabund wie Chandos sollte er ganz sicher nicht sein!

***

„Matt“, begrüßte Charlie seinen Schwager und ehemaligen Vormund. Da es dieses lächerliche Gesetz gab, welches verheirateten Frauen verbot, Kindern ein Vormund zu sein, hatte Grace nach ihrer Hochzeit mit Matt dementsprechend ihre Vormundschaft aufgeben müssen. Daher hatte Matt sie übernommen. Zu diesem Zeitpunkt war Charlie sechzehn gewesen. „Wir haben etwas zu besprechen.“

Matt schaute zu Grace, die gerade mit Oriana zur Treppe ging. „Dann mal los. Ich vermute, die beiden werden eine ganze Weile mit deinen Kindern beschäftigt sein.“

Charlie ging zu seinem Arbeitszimmer und bat seinen Schwager vor dem Kamin Platz zu nehmen. Der Tee wurde ihnen serviert, und nachdem Charlie eingeschenkt hatte, richtete er seinen Blick auf Matt. „Chandos hat mir neulich einen Besuch abgestattet. Er will Theo heiraten.“

Matt verschluckte sich und griff schnell nach einer Serviette. „Konntest du damit nicht warten, bis ich heruntergeschluckt habe? Was zum Teufel hat er vor?“

„Er sagt, er liebt sie.“

„Ach, wirklich?“ Matt zog skeptisch eine Augenbraue hoch. „Ich weiß, dass er ein guter Freund von dir ist. Aber ich denke dennoch nicht, dass er eine geeignete Partie für Theo ist.“

„Noch letztes Jahr hätte ich dir zugestimmt.“ Charlie hätte seinem alten Freund sogar geraten, sich bloß von seiner Schwester fernzuhalten. „Aber er hat sich verändert. Er lebt jetzt viel gesünder. Als er hier war, hat er kaum etwas getrunken. Und er redete hauptsächlich über seine Ländereien und Güter, und welche Verbesserungen er dort vorgenommen hat. Du hast ihn in den Wintermonaten doch auch getroffen. Sind dir die Veränderungen nicht aufgefallen?“ Er ließ Matt einen kurzen Moment, um die Informationen zu verarbeiten. „Außerdem hatte er schon seit der letzten Saison keine Mätresse mehr oder sonst eine Liebesbeziehung.“

„Mir ist nichts an ihm aufgefallen. Aber letztendlich ist er ja dein Freund. Und wenn es stimmt, was du sagst, hat er sich wahrlich verändert.“ Matt blickte Charlie streng an. „Macht er das nur wegen Theo? Meiner Meinung nach sind solche Veränderungen, die man nur einer anderen Person zuliebe macht, selten von Dauer.“

„Ich denke schon. Zumindest teilweise.“ Charlie leerte seine Tasse. „Dennoch habe ich den Eindruck, dass er es hauptsächlich für sich selbst macht. Es war an der Zeit, dass er sich wie ein verantwortungsbewusster Erwachsener benimmt.“ Er nahm sich eines der kleinen Sandwiches, die auf einem Teller angerichtet waren. „Er wird auf dich zukommen, sobald wir in London sind.“

„Nun gut. Ich werde mir anhören, was er zu sagen hat.“ Matt trank seinen Tee aus und nahm sich ebenfalls ein Sandwich. „Ist Oriana über Chandos’ Absichten im Bilde?“

„Ja. Nachdem er abgereist war, habe ich es ihr erzählt. Ausschließlich aufgrund ihrer eigenen Beobachtungen glaubt auch sie, dass er reifer geworden ist.“

„Da wir gerade von London reden, wann wirst du dort sein?“

„Ein oder zwei Tage vor Ostern. Die Kinder werden dann fast sechs Wochen alt sein. Mary hat den Wunsch geäußert, noch zu warten und erst zusammen mit uns anzureisen.“ Charlie nahm sich einen Ingwerkeks. „Außer natürlich, du hast etwas dagegen?“

„Nicht das Geringste. Aber Theo wird das nicht gefallen.“ Matts Mund wurde ganz schmal. „Es wird sie jedoch darin bestärken, sich mit anderen jungen Damen zu treffen, die ebenfalls in die Gesellschaft eingeführt werden.“

Charlie nickte. „Darüber hat sich Mary ebenfalls Gedanken gemacht.“

„Sie verhielt sich schon immer sehr erwachsen und weise.“ Matt lächelte. „Ich erinnere mich noch daran, als sie gerade einmal fünf Jahre alt war. Da wies sie mich darauf hin, dass ich dabei war, die Sache mit Grace gründlich zu verpatzen, und fragte, was ich dagegen unternehmen wolle.“

„Ja, mir ist zu Ohren gekommen, dass sie ein Hühnchen mit dir zu rupfen hatte.“ Charlie kicherte. „Ich bin sehr froh, dass du Grace letztlich davon überzeugen konntest, dich zum Mann zu nehmen. Eigentlich wollte sie niemals heiraten.“

„Das war das erste Mal, dass ich mich wirklich um etwas bemühen musste, das ich haben wollte.“ Matt atmete tief aus. „Ich wusste, dass ich nie wieder glücklich sein könnte, wenn sie mich nicht heiratete.“ Er grinste. „Und dann erfuhr ich, dass sie euch alle mit in die Ehe bringen würde.“

„Gott sei Dank ist alles gut gegangen.“ Charlie war zu diesem Zeitpunkt im Internat gewesen, aber seine Geschwister hatten ihm geschrieben und mitgeteilt, dass sie die Verbindung unterstützten. „Nun komm. Es wird Zeit, dass du dir meine Zwillinge ansiehst. Ich bin ein überaus stolzer Papa!“

Matt stand auf. „Ich freue mich für dich.“

„Ich mich auch.“ Tatsächlich war Charlie noch nie glücklicher gewesen. Sie traten hinaus in den Flur und gingen dann die Treppe hoch. „Für wen auch immer sich Theo entscheidet, sie wird ganz bestimmt die richtige Wahl treffen.“

„Mein Verstand stimmt dir zu. Aber sie war so jung, als unser Vater starb, dass ich mich mehr als ihr Vater denn ihr Bruder fühle … Hoffentlich kann ich mich zurückhalten und ihr einfach vertrauen.“

„Du wirst schon das Richtige machen.“ Charlie deutete zur Tür des Kinderzimmers. „Das hast du schließlich immer.“

Kapitel 2

Theo, Grace und Matt blieben vier Tage in Stanwood Place. Schließlich gaben sie sogar den Bitten ihrer zwei älteren Kinder nach und erlaubten ihnen, so lange bei Onkel Charlie und Tante Oriana zu bleiben, bis diese nach London reisten. Mary bestand ebenfalls darauf, noch zu bleiben und sich um die Babys zu kümmern.

Während ihr Bruder und ihre Schwester in die Kutsche stiegen, umarmte sie Theo. „Ich hätte fast vergessen, dir zu sagen, dass sich Sarah Pettigrew schon sehr darauf freut, dich in der Stadt wiederzusehen.“ Mary warf Theo einen ihrer typischen bedeutungsvollen Blicke zu. „Du bist die einzige junge Dame, die sie kennt und die ebenfalls in die Gesellschaft eingeführt wird.“

„Ich werde schon dafür sorgen, dass sie sich wohlfühlt.“ Theo traten Tränen in die Augen, doch sie blinzelte sie schnell weg. Mary kümmerte sich einfach um jeden. Das war das erste Mal, dass sie nicht zusammen in die Stadt fuhren. „Ich kann es kaum abwarten, dass du nachkommst.“

„Darauf freue ich mich schon.“ Mary drückte Theo noch einmal an sich. „Du gehst jetzt besser. Wir sehen uns doch bald wieder!“

Während die Kutsche die Auffahrt hinunter fuhr, blickte Theo aus dem Rückfenster zurück zu Mary – solange bis sie ihre Schwester nicht mehr sehen konnte.

Grace beugte sich zu ihr und tätschelte ihr Knie. „Ich weiß, dass du sie vermisst, und sie wird dich ebenfalls vermissen. Aber du musst dir ins Gedächtnis rufen, dass das nun deine Saison ist. Sie dagegen wird noch drei Jahre warten müssen, bis sie in die Gesellschaft eingeführt wird.“

„Dessen bin ich mir bewusst.“ Theo zog ihr Taschentuch hervor und putzte sich die Nase. „Und ich wusste ja auch, dass es einmal so kommt. Ich habe nur nicht damit gerechnet, dass es so schwierig sein würde.“

„In gewisser Weise ist es genauso wie damals, als Madeline und Eleanor vor Alice heirateten“, überlegte Grace laut.

Theo hatte vergessen, wie unglücklich Alice gewesen war, als ihre Zwillingsschwester Eleanor und ihre Schwester Madeline geheiratet und das gemeinsame Zuhause verlassen hatten. Das schien schon so lange her zu sein. Alice war es so schlecht gegangen, dass sie fast den falschen Mann geheiratet hätte. Wenigstens beging Theo die Saison allein. Das würde es ein bisschen einfacher für sie machen. „Du hast recht.“ Sie hätte Mary noch einmal umarmen und lächeln sollen. „Sarah Pettigrew wird dabei sein. Immerhin jemand, den ich schon kenne.“

Grace nickte. „Ihr werdet bestimmt schnell Freundinnen.“

„Ja.“ Theo dachte daran zurück, wie Lord Pettigrew versucht hatte, seiner Tochter die Saison zu verweigern, indem er behauptete, sie sei bereits mit Charlie verlobt. Glücklicherweise erwies sich dies als Lüge. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich Theo und Sarah zum ersten Mal getroffen und sich gut verstanden. „Bestimmt. Wir müssen unbedingt herausfinden, wo Sarah wohnt. Wann statten wir Madam Lisette einen Besuch ab? Und wann findet Lady Bellamnys Soirée statt?“

„Ich habe ihre Anschrift bereits.“ Grace musste grinsen. „Zum Glück haben sie ein Haus in unserer Nähe gemietet. Deine erste Anprobe findet in ein, zwei Tagen statt und Lady Bellamnys Soirée dann in einer Woche. Bis dahin wird mindestens eine angemessene Robe fertig sein. Ich werde ihr deine Maße gleich zukommen lassen. Außerdem habe ich dafür gesorgt, dass Sarah ebenfalls zu der Soirée eingeladen wird.“

„Perfekt.“ Theo fühlte sich mittlerweile ein bisschen besser. Grace hatte an alles gedacht. Sie lehnte sich in die weichen Polster zurück und beschloss, dass sie die beste Saison haben würde, die ihr möglich war. Sie würde einen Gentleman finden, der sie liebte und den sie ebenfalls liebte. Das war schließlich ihre Saison und sie würde sie genießen!

Sie verbrachten die Nacht in dem gleichen Gasthaus wie immer und setzten ihre Reise nach London am nächsten Morgen fort.

***

Nur einen Tag nach ihrer Ankunft besuchten Theo und Grace schon die Pettigrews.

„Die Countess of Worthington und Lady Theodora Vivers.” Der Butler kündigte sie an und führte sie in den Salon.

„Theo!“ Sarah sprang auf und sauste zu Theo, während Lady Pettigrew ihre Tochter für deren Überschwang tadelte. „Ich freue mich so, dass Sie hier sind. Ich kenne doch sonst niemanden und einige der anderen Damen, die ich bereits getroffen habe, waren nicht gerade herzlich.“

Hmpf. Das war absolut inakzeptabel. „Ich freue mich auch, Sie zu sehen.“ Theo hakte sich bei Sarah unter. „Lassen Sie uns Pläne machen.“ Sie rief sich all die Orte in Erinnerung, die sie während ihrer Aufenthalte in London schon gesehen hatte. „Wir können hier so viel unternehmen. Vor Beginn der Saison sollten wir unbedingt den Tower besuchen und einige Museen. Und die Burlington Arcade. Meine älteren Schwestern haben gesagt, dass man dort Fächer und Kämme und allerlei andere Dinge günstig erstehen kann.“ Ihre Augenbraue hob sich. „Wir müssen schließlich vorsichtig mit unserem Spillgeld umgehen.“

„Das stimmt.“ Sarah klatschte in die Hände. „Zu Hause schien es für alles zu reichen, aber ich kann mir vorstellen, dass London viel teurer ist.“

„Genau das haben meine Schwestern auch gesagt. Außerdem braucht man hier viel mehr. Wir sind schließlich keine Schulmädchen mehr.“ Theo war froh, dass sie gekommen war. Und sie war entschlossen, herauszufinden, welche Damen Sarah nicht freundlich willkommen geheißen hatten. „Wir müssen unbedingt in Davis’s Amphitheatre gehen und uns die Reiter ansehen, die dort Kunststücke aufführen. Oh, wir werden so viel Spaß zusammen haben!“

Sie wandte sich an Grace. „Auf was können wir uns sonst noch freuen?“

„Wir dürfen natürlich das Theater und die Oper nicht außer Acht lassen. Vauxhall muss jedoch noch warten“, antwortete sie. „Welche Modistin werden sie beauftragen?“ Grace richtete ihrer Frage an Lady Pettigrew.

Diese seufzte schwer. „Dieses Problem konnten wir bislang nicht lösen.“ Sie zog eine Schnute. „Offensichtlich ist die Modistin, die meine Roben anfertigte, mittlerweile im Ruhestand und die anderen, die mir empfohlen wurden, haben keine Termine mehr frei.“

Grace presste die Lippen aufeinander. „Erlauben Sie mir, Erkundigungen einzuholen. Ich werde sie dann bald benachrichtigen.“

Da ihre fünfzehn Minuten vorbei waren, erhoben sich Grace und Theo. Theo nahm Sarahs Hand. „Haben Sie Lust, morgen in der Früh mit mir im Park auszureiten? Wenn Sie Ihr Pferd hier haben?“

„Sehr gerne! Und ja, das habe ich. Wann sollen wir uns treffen?“

„Schon sehr früh.“ Theo war dankbar, dass sie einen schönen Ausritt im Park haben könnte. Doch leider mussten sie dafür bereits bei Tagesanbruch aufbrechen. „Seien Sie kurz vor Sonnenaufgang fertig. Ich werde Sie abholen.“

Sarah nickte aufgeregt. „Ich werde bereit sein. Und wenn nicht, zerren Sie mich einfach aus meinem Bett.“

„Das werde ich. Denn ich liebe es, frühmorgens auszureiten.“ Theo umarmte ihre Freundin noch einmal.

Grace wandte sich an Lady Pettigrew. „Theo wird von einem Reitknecht begleitet werden.“

Deren Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. „Vielen Dank. Ich werde Sarah ebenfalls einen zur Seite stellen.“

„Ich bringe die beiden zur Tür“, sagte Sarah. „Ich freue mich schon auf morgen.“

„Ich mich auch.“ Theo tätschelte die Hand ihrer Freundin. „Wir werden eine ausgezeichnete Saison haben.“

„Ja, das werden wir.“ Sarah lächelte breit.

An der Tür wartete bereits ein Diener der Worthingtons und geleitete sie zur Kutsche. Nachdem er ihnen hineingeholfen hatte, wandte sich Theo an Grace. „Warum nur waren die anderen jungen Damen so unfreundlich zu Sarah?“

„Ich habe noch nie verstanden, warum manche Leute einfach nicht nett sein können.“ Sie schüttelte langsam den Kopf. „Aber noch wichtiger ist es, dass du dich mit den jungen Damen anfreundest, die sich eben deswegen schlecht fühlen.“

„Das werde ich.“ Theo wusste, dass ihre Familie genau das von ihr erwartete. „Ich bin froh, dass wir die Pettigrews besucht haben.“

„Ja, ich auch.“ Ihre Schwester lächelte sie an. „Mir ist wichtig, dass du weißt, dass du nicht unbedingt sofort heiraten musst. Wir alle wollen, dass du den Richtigen findest, auch wenn du dafür länger als eine Saison brauchst.“

Das war Theo bewusst. Ihre Geschwister vertraten immer schon diese Meinung. Und doch hatten alle bis auf Grace, die gar keine richtige Saison gehabt hatte, ihre Ehepartner bereits in der ersten Saison gefunden. Und so wollte es Theo auch. Sie hatte sogar das Gefühl, dass es so kommen würde. Als sie zu Hause angekommen waren, schickte sie sofort eine Anweisung an die Stallungen, dass ihre Stute Epione am nächsten Tag bereits frühmorgens für sie bereit gemacht werden sollte. Theo atmete tief ein. Mary hatte schon recht. Sie musste einfach nur ihre Saison genießen, und dann würde alles gut werden.

***

Leo war gerade dabei, sich um seine Bücher zu kümmern, als sein Butler an die Tür klopfte und kurz darauf ins Arbeitszimmer trat. „Euer Gnaden, Lord und Lady Worthington sowie Lady Theodora sind in der Stadt eingetroffen.“

„Danke, Hoover. Finden Sie bitte heraus, ob Lady Theo gedenkt, morgen früh auszureiten. Und wenn dem so ist, stellen Sie sicher, dass Asclepius bei Tagesanbruch fertig ist.“ Als seine Schwestern in die Gesellschaft eingeführt wurden, waren sie immer bereits im Morgengrauen ausgeritten. Es war naheliegend, dass Theo es auch so halten würde. Glücklicherweise musste Leo nicht erst noch darauf warten, ihr vorgestellt zu werden.

„Sehr wohl, Euer Gnaden.“ Sein Butler verbeugte sich und verließ das Zimmer.

Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, seinen Feldzug zu planen. Im Laufe des letzten Jahres hatte er sich nicht nur vergewissert, dass Theo die richtige Ehefrau für ihn wäre, sondern auch mit ihren Schwägern über deren Brautwerbungen gesprochen. Die Worthington Damen – egal ob sie aus dem Hause Carpenter oder Vivers stammten, - waren allesamt dafür berüchtigt, wie schwierig es war, sie zu umwerben. Vom Marquis of St. Albans, der mit Alice verheiratet war, hatte er erfahren, wie wichtig es war, die Lieblingsblumen und andere Favoriten der begehrten Lady herauszufinden. Der Marquis of Montagu, Ehemann von Eleanor, hatte Leo geraten, sich niemals zu verstellen. Er musste stets er selbst sein. Der mit Louisa vermählte Duke of Rothwell betonte, dass er seine Auserwählte nicht anlügen dürfe. Niemals! Und der Marquis of Kenilworth, dessen Ehefrau Charlotte war, teilte ihm mit einem ironischen Unterton mit, dass sich die Worthington-Ladies nie zu einer Hochzeit drängen lassen würden. Das kam Leo zwar komisch vor, doch waren die Damen eben sehr eigensinnig und ihre Familie stand voll hinter ihnen. Harry Stern und Phinn Carter-Woods, einer mit Madeline, der andere mit Augusta verheiratet, waren ihm überhaupt keine Hilfe gewesen. Das einzige Problem, das Stern geplagt hatte, war seine zukünftige Schwiegermutter gewesen, und das konnte schnell gelöst werden. Und Carter-Woods war Augusta durch ganz Europa hinterhergejagt, weil sie unbedingt einen Universitätsabschluss machen wollte, den sie jetzt auch hatte. Obwohl Leo so viele Ratschläge erhalten hatte, war er noch immer unsicher, was seine Zukünftige wirklich wollte oder wie er sie umwerben sollte. Wahrlich kein Gefühl, mit dem sich ein Duke gerne auseinandersetzen wollte. Gewissheit war ihm schließlich in die Wiege gelegt worden. Er sollte einfach wissen, was zu tun war. Er erlaubte sich ein Glas Brandy am Tag und das hob er nun zu seinen Lippen und nahm einen Schluck. Irgendetwas war ihm entgangen. Aber was zum Teufel? Außerdem hatte er Charlie versprochen, dass er Theo erst tatsächlich den Hof machen würde, wenn sie auf ihrem ersten Ball in die Gesellschaft eingeführt worden war.

Am nächsten Morgen ritt Leo in den Park und hielt dort Ausschau nach Theo. Als er sie endlich sah, war sie in Begleitung einer anderen jungen Lady und befand sich bereits auf dem Rückweg vom Serpentine. Mist! Zu spät. Er trabte ihnen entgegen und lüpfte seinen Hut. „Meine Damen, ich wünsche Ihnen einen guten Morgen.“

Theo neigte höflich den Kopf. „Euer Gnaden. Was für eine Überraschung, Euch schon so früh am Morgen zu sehen.“ Sie wandte sich der anderen Dame zu. „Sarah, entsinnen Sie sich noch an den Duke of Chandos? Sie haben letztes Jahr auf dem Ball von Lady Stern mit ihm getanzt.“ Theo hob eine ihrer dunklen Augenbrauen. „Chandos, Ihr werdet Euch natürlich noch an Miss Pettigrew erinnern.“

Theo war wirklich gut. Sie würde eine perfekte Herzogin abgeben. Er erinnerte sich noch dunkel daran, dass er auf irgendeiner Veranstaltung und später auch auf dem Ball mit zahlreichen jungen Ladies tanzen musste, aber der Name dieses Mädels war ihm natürlich entfallen. Leo verbeugte sich. „Aber sicher.“ Herrje, sie wurde nun wohl ebenfalls in die Gesellschaft eingeführt. Zusammen mit Theo. Er warf ihr einen schnellen Blick zu, lächelte und verbeugte sich vor Miss Pettigrew. „Natürlich kann ich mich an Sie erinnern. Ich hoffe, Sie genießen Ihre Zeit in der Stadt.“

Die junge Dame kicherte. Nur ganz leise. Aber dennoch war es ein Kichern. „Es ist mir ein Vergnügen, Euch wiederzusehen, Euer Gnaden.“

„Äh, ja.“ Er lächelte einfach weiter. Ein Reitknecht schloss nun zu ihnen auf. Theo neigte den Kopf. „Entschuldigt. Man erwartet uns zu Hause.“

Er lenkte sein Pferd ein Stück zur Seite und nickte. „Ich freue mich schon auf unsere nächste Zusammenkunft.“

„Ich ebenfalls.“ Ihre lapislazuliblauen Augen blitzten herausfordernd.

Er zwang sich, seinen Blick zu senken. Himmel, er war schließlich ein Duke! Und nicht irgendein dahergelaufener Gentleman, der darauf hoffte, als angemessener Kandidat gelten zu dürfen. „Meinen Damen, ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Tag.“

Theos Mundwinkel hoben sich, als sie ihr Pferd antrieb. Miss Pettigrew folgte ihr, schien aber ziemlich verwirrt zu sein.

***

„Können Sie ihn etwa nicht leiden?“ Sarah schloss zu Theo auf. Nun ja, sie war wohl schneller davongeritten als gedacht.

„Doch, natürlich. Er ist schließlich ein Freund von Stanwood.“ Theo holte tief Luft. „Ich vertraue ihm nur nicht.“

„Aber warum denn nicht?“ Ihre Freundin war offenbar durcheinander. „Er ist doch ein Duke!“

„Ein Duke, der sich nicht zu vermählen gedenkt.“

Sarahs Mund stand offen. „Oh, jetzt verstehe ich. Er ist ein Frauenheld!“

„Kurz gesagt, ja, so ist es. Er hat jedoch noch nie den Ruf einer Lady ruiniert. Um ehrlich zu sein, bin ich schockiert, dass er auf dem Ball im Almack’s sein wird. Vielleicht übte seine Mutter Druck aus und er hat beschlossen, sich nur mit Damen zu umgeben, die nicht davon ausgehen, dass er auf der Suche nach einer Ehefrau ist.“

„Das leuchtet mir ein“, meinte Sarah. Obwohl es offensichtlich war, dass sie nichts verstanden hatte. „Wenn er mit uns tanzt, bedeutet das nur, dass er nett zu der Schwester seines Freundes und deren Freundin ist.“

„Ja, genau.“ So verworren das auch schien, war es doch die Wahrheit. „Ich nehme an, dass er daher auf alle Fälle mit uns tanzen wird.“ Theo verdrehte die Augen und schüttelte dann den Kopf. „Ihnen ist doch auch aufgefallen, dass er nicht gesagt hat, welchen Tanz er will, oder?“

Sarah war sich des Problems sofort bewusst. „Oje, das wäre äußerst unangenehm, wenn man schon einen anderen Partner für eben den Tanz akzeptiert hat, den er nun möchte.“

„Genau.“ Theo holte noch einmal tief Luft. „Dann muss er sich wohl darauf einstellen, enttäuscht zu werden.“

„Wie traurig“, sinnierte Sarah. „Ich vermute, dass Dukes generell davon ausgehen, stets allen anderen vorgezogen zu werden.“

„Ich denke, da haben Sie recht.“ Chandos war nicht dumm, aber ignorant. Sie erinnerte sich noch deutlich, wie sie ihm in Stanwood Place das Wasser überschütten musste. „Sein Pech.“

„Ja, natürlich.“ Sarah zeigte nun eine unerwartete Entschlossenheit. „Wenn mich ein Gentleman vor ihm um einen Tanz bittet, werde ich diesen akzeptieren.“

„Ganz genau.“ Theo gab ihrem Pferd die Sporen und galoppierte in Richtung des Tores. „Davon abgesehen, wird es bestimmt eine interessante Veranstaltung werden.“

„Da haben Sie natürlich recht“, stimmte ihr Sarah zu.

Und plötzlich überkam Theo das Gefühl, dass ihre Freundin sie als eine Art Orakel ansah. Ihr wurde bewusst, dass Sarah im Gegensatz zu ihr keine älteren Schwestern hatte, die schon eine Saison hinter sich und geheiratet hatten, oder wie Theo selbst schon während mehrerer Saisons in London gewesen war. Sie musste aufpassen, dass sie ihre Freundin nicht fehlleitete. Theo bezweifelte, dass deren Vater ihr eine zweite Chance geben würde, um einen Ehemann zu finden. Eher arrangierte er selbst eine Ehe für seine Tochter. Vielleicht könnte sie ja Charlie und andere Familienmitglieder – oder sogar Chandos - fragen, wen sie als Partner für Sarah vorschlagen konnten. Ja, genau, das sollte sie machen. Und ihrer Freundin dabei helfen, einen Ehemann zu finden.

Sie ritten zuerst zu Sarahs Haus, da sie aus irgendeinem Grund doch keinen Reitknecht dabei hatte. Da dies also der Fall war, hatte Theo beschlossen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Sobald sie zu Hause angekommen und abgestiegen war, wandte sie sich an Mick, ihren Reitknecht. „Können Sie bitte morgen noch einen der anderen Reitknechte mitnehmen, damit er Miss Pettigrew begleiten kann?“

„Sehr wohl, Mylady, wird erledigt.“

Sie lächelte ihn an. „Vielen Dank.“

Theo wusch sich, zog sich um und ging dann zum Frühstück. Als sie das Speisezimmer betrat, traf sie dort überraschenderweise auf die meisten ihrer Schwestern. „Oh, wie ich mich freue, euch zu sehen!“

Madeline, Alice und Eleanor stürmten sogleich auf sie zu, und Louisa und Charlotte folgten. Nur Augusta war nicht da. Mit ihrem Ehemann und Sohn lebte sie wieder im Ausland.

„Wir freuen uns ebenfalls!“ Madeline grinste. „Du bist zu einer wahren Schönheit herangereift.“

„Sie war doch schon immer schön“, sagte Eleanor und umarmte Theo. „Und intelligent und weise. Komm zu uns, wenn du unsicher bist. Männer können ziemlich seltsam sein.“

„Und außerdem sind sie schwer zu verstehen“, fügte Alice hinzu und drückte Theo ebenfalls an sich. „Glaub mir. Ich bin von Männern umgeben, die keine Ahnung haben, wie man sich einer Dame gegenüber benimmt.“

„Außer du würdest gerne von einem Highlander verschleppt werden“, witzelte Alices Ehemann St. Alban, als er in das Zimmer trat.

Theo legte die Stirn in Falten und blickte ihn an. „Nein, danke. In den Highlands möchte ich wirklich nicht wohnen. Ich glaube, ich werde einen erwählen, der nicht so weit weg von zu Hause lebt.“

St. Alban brach in schallendes Gelächter aus. „Dann werde ich wohl all meinen männlichen Verwandten sagen müssen, dass sie in Schottland bleiben sollen.“ Er setzte seinen traurigsten Dackelblick auf. „Die werden wirklich traurig sein.“ Sein schottischer Akzent war nun unüberhörbar.

Seine Frau Alice schlug ihm auf den Arm. „Ach, komm schon, du Schwindler.“ Auch sie klang plötzlich sehr schottisch.

„Du hast einen Akzent!“ Theo starrte ihre Schwester an. „Wo kommt der denn her?“

Alice zuckte zusammen. „Das liegt nur an meiner Schwiegermutter. Es färbt irgendwie ab.“

Theo verdrehte beinahe die Augen, hielt sich dann aber selbst davon ab. „Das ist eine wahrlich interessante Ausrede.“

Ihre Schwester zuckte mit den Schultern. „Das ist die einzige, die ich habe. Außerdem mag ich es, wenn man mich auch wirklich hört – die Schotten neigen nämlich dazu, jeden einfach zu ignorieren, der das Englisch des Königs spricht.“

Theos andere Schwäger schlenderten nun ebenfalls in das Zimmer und begrüßten sie. Jetzt war der richtige Zeitpunkt, um Sarahs Aussichten anzusprechen. Sobald sich alle hingesetzt hatten und die Kinder versorgt waren, wandte sie sich also an die Erwachsenen. „Erinnert ihr euch an Sarah Pettigrew?“ Alle nickten. „Sie muss diese Saison einen Ehemann finden. Sonst, so glaube ich, wird ihr Vater einen für sie auswählen.“

„Wir brauchen schon noch mehr Informationen“, wandte Kenilworth ein. „Wie ist ihr Charakter? Was gefällt ihr?“

„Wie soll ihr Ehemann sein?“, fügte Charlotte hinzu.

„Sie ist wirklich umgänglich.“ Theo dachte daran, wie unglücklich sie über das unfreundliche Verhalten der anderen Ladies gewesen war. „Sie braucht einen netten Mann, einen, der ihr in Liebe zugetan ist. Natürlich sollte er auch seine Ehefrau und Familie ernähren können.“

Die anwesenden Gentlemen nickten. Kenilworth stellte seine Tasse ab. „Wir werden die Augen offen halten.“

„Wir ebenfalls“, versicherte Charlotte. „Wir werden alle bei Lady Bellamnys Soirée sein. Und dort sind gewiss genug Damen anwesend, die ihre Söhne verheiratet sehen möchten.“

„Ausgezeichnet! Ich bin mir sicher, wir werden den richtigen Ehemann für sie finden.“ Die verschiedenen Gerichte wurden am Tisch herumgereicht. Theo nahm sich Rührei und ein paar Scheiben Roastbeef. Sie würde wohl beschäftigter sein als gedacht.