Leseprobe Vendetta d'Azur | Der Nizza Krimi an der südfranzösischen Küste

Prolog

Er lehnte sich in seinem Sessel zurück und lauschte. Es war eine göttliche Musik. Die Holzbläser intonierten gerade das Anfangsmotiv des Beethoven-Violinkonzerts: eine zärtliche, innige Melodie voller Sehnsucht und Wärme. Dann der Einsatz der Streicher als gelungener Kontrast – wuchtig, bedrohlich, unheilvoll. Und immer wieder fünf Schläge der Pauke, als würde das Schicksal anklopfen. Ein bitteres Lächeln überflog sein Gesicht. Er war ein großes Risiko eingegangen und musste vielleicht dafür bezahlen. Aber er würde es jederzeit wieder tun.

Er sah aus dem offenen Fenster und ließ den Blick über die grünen Hügel seiner Heimat schweifen. Es war ein heißer Sommer gewesen. Trotzdem verführte die Macchia noch im September die Nase mit ihrem würzigen, verheißungsvollen Duft. Er atmete tief ein. Betrachtete man lediglich die wundervolle Natur, käme man niemals auf den Gedanken, wie schrecklich diese Zeiten doch waren. Warum nur fügten sich Menschen so viel Leid zu?

Er schloss die Augen, gleich kam seine Lieblingsstelle. Das Orchester schwieg für einen Moment und aus der kurzen Stille heraus schwang sich die Geige des Solisten in Oktavsprüngen empor, kraftvoll und zerbrechlich zugleich.

So wie er selbst. Der Kampf hatte ihn härter gemacht, entschlossener, aber tief im Innern war er noch immer der sensible Musiklehrer von früher.

Die Pistole lag immer griffbereit auf dem kleinen Tisch neben ihm. Wenn sie ihn finden sollten, würde er sich nicht mitnehmen und foltern lassen wie so viele Mitstreiter vor ihm. Flucht war keine Alternative. Wenn sie ihn nicht zu fassen bekämen, würden sie sich seine Familie greifen. Er hatte das so oft miterleben müssen.

In die Töne aus seinem Grammofon mischten sich plötzlich Motorengeräusche von Autos. Er hörte gehetzte Rufe und Befehle. Sie waren da. Und sie wussten offenbar genau, dass er sich hier aufhielt. Wer hatte ihn verraten? Er würde es nicht mehr herausfinden. Er konzentrierte sich auf die Streicher, die gerade das zweite Motiv so friedlich und liebevoll interpretierten. Es schmerzte ihn, den Satz nicht mehr zu Ende hören zu können. Jetzt nahm er Gepolter auf der Treppe vor dem Zimmer wahr. Stiefel bahnten sich ihren Weg. Er nahm die Pistole in die Hand.

Die Tür flog krachend auf. Mit gezückter Pistole stürmte ein junger Mann ins Zimmer, gefolgt von einigen Mitkämpfern. Seine blauen Augen blitzten. Der Mann schrie auf ihn ein, bedeutete ihm, die Waffe wegzuwerfen. Er sah diesen Mann nun direkt und mit gleichmütigem Stolz an. Die Zeit war gekommen. Er schob sich seine Pistole in den Mund und drückte ab.

Kapitel 1

Alain Pizzioli hielt den Kopf über die Pfanne und fächelte sich mit der Hand etwas Luft in Richtung Nase. Er atmete tief ein. Der Duft des Veau aux olives ließ ihn für einen kurzen Moment genussvoll die Augen schließen. Er nahm einen Löffel, tauchte ihn kurz in die Sauce des geschmorten Rindfleischs, pustete einmal sanft und probierte. Die Oliven- und Kräuteraromen mischten sich vortrefflich mit dem Sherry, den der Saucier vorher hinzugefügt hatte, aber es fehlte noch eine Kleinigkeit. Pizzioli zupfte etwas Thymian ab und fügte ihn der Sauce bei. Später würden seine Köche noch eine feine Gänseleberpastete kurz anbraten und über dem Rindfleisch drapieren, das in der Ossobuco-Variante mit Knochen auf den Teller kam, begleitet von einem Pastinaken-Rosmarin-Gemüse. Aber jetzt musste er dringend jemanden zur Ordnung rufen.

„Claude …!“ Seine kräftige Stimme durchdrang die ganze Küche des „Kalliste“, eines Restaurants mit ausgezeichneter korsisch inspirierter Küche in der Altstadt von Nizza, das Pizzioli sogar einen Stern im renommierten Guide Michelin eingebracht hatte. Der Chefkoch war ungehalten. Wie oft hatte er seinen Sous-Chef und Saucier Claude Dubois schon ermahnt, der Rindfleischsauce ausreichend Thymian beizufügen. Und immer wieder stellte er bei der Kontrolle fest, dass Dubois seine Anweisungen wieder mal nicht befolgt hatte. Pizzioli sah den Sous-Chef missmutig auf sich zukommen. Seine rechte Hand in der Küche erwies sich mehr und mehr als unfähig. So konnte es nicht weitergehen.

„Was gibt’s, Chef?“ In Dubois‘ hagerem Gesicht zeigte sich deutlicher Widerwille.

„Was predige ich dir seit Wochen?“

„Vieles, was meinst du genau?“

„Die Sauce für das Veau aux olives, da gehört mehr Thymian rein. Wie oft soll ich dir das noch erklären, bis du es endlich kapierst?“

„Ich denke nicht, dass Thymian zu dem Gericht passt.“

Pizzioli überkam eine Hitzewallung, obwohl die Temperatur in der Küche ohnehin schon schweißtreibend war. Was erlaubte sich dieser Crétin?

„Soso, was schlägst du stattdessen vor?“

„Mir sind das zu viele Kräuter. Ich würde das Rindfleisch neutraler präsentieren und auf den Eigengeschmack setzen.“

Pizzioli runzelte die Stirn. „Eigengeschmack? Dir ist schon klar, dass die Kräuter der korsischen Macchia in meiner Küche eine große Bedeutung haben, oder?“

„Eine viel zu große, wie ich finde.“

Jetzt überschritt der Kerl eindeutig seine Kompetenzen. Pizzioli holte tief Luft und ließ jegliche Contenance fahren. „Was hast DU hier überhaupt zu bewerten? Ich habe dich zu meinem Sous-Chef gemacht, weil du ein guter Koch bist, aber nicht, um meine Küchenphilosophie zu torpedieren oder gar infrage zu stellen. Wenn du mir noch einmal so widersprichst, schmeiße ich dich raus, kapiert? Und dann werde ich dafür sorgen, dass du hier in Nizza keinen guten Posten mehr bekommst.“

Dubois’ Augen verengten sich zu Schlitzen. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, drehte er sich um, stürmte zurück zu seinem Platz und rempelte dabei noch den Patissier um, der gerade den korsischen Käsekuchen „Fiadone“ mit einem leichten Zuckerguss versehen wollte.

Der Dessertkoch rief Dubois einen Fluch hinterher und wandte sich Pizzioli zu. „Was ist los mit ihm?“

„Dubois nervt. Als Saucier ist er nicht annähernd so gut wie du als Patissier.“

Pizzioli wusste, was er an seinem Chef-Dessertkoch Philippe hatte, ein erfahrener Spezialist für alles Süße, der schon seit dem Start des Restaurants vor zehn Jahren ein wichtiger Teil des Küchenteams war.

„Und warum arbeitet er dann noch hier?“

Pizzioli winkte ab. „Weil ich es mir im Moment nicht leisten kann, ihn zu feuern. Du weißt, wir stehen wegen des Dîners unter Druck. Ich habe läuten hören, dass wir heute oder morgen Testesser bei uns zu Gast haben.“

In zwei Monaten sollte in Nizza ein großer Empfang samt Abendessen stattfinden. Der französische Präsident hatte die Regierungschefs von Italien und Spanien zu einem Gipfel der europäischen Südländer in die Stadt am Mittelmeer eingeladen. Wer für das Menü beim gemeinsamen Dîner der Delegationen verantwortlich sein würde, war noch offen. Um die Gunst des Élysée-Palastes wetteiferten zwei Spitzengastronomen Nizzas: Alain Pizzioli und sein Konkurrent Gaston Lejeune.

„Warum sollten die sich für Lejeune entscheiden?“ Philippe schüttelte unwillig den Kopf. „Dieser Textur-Clown!“

„Da hast du recht. Wer heute noch an die Molekularküche glaubt, hat wirklich gar nichts verstanden. Aber wer weiß schon, wie die in Paris ticken.“

Der Patissier nahm achselzuckend die Verzierungsarbeiten an seinem „Fiadone“ wieder auf.

Während sich Pizzioli über seinen akkurat getrimmten dunklen Kinnbart strich, schaute er sich in der Küche um. Über ein Dutzend Köche werkelten konzentriert auf ihren Posten: Der Rotisseur kümmerte sich um das Braten von Fleisch, der Gardemanger um Salate, der Entremetier war für Gemüse und Beilagen zuständig, der Potager für Suppen und Brühen. Gesprochen wurde nur das Nötigste. Lediglich das Brutzeln in den Pfannen, das Klappern der Töpfe und das Schleifen der Messer auf den Schneidebrettern waren zu hören. Pizzioli verabscheute das Gebrüll, das er noch als junger Koch in Gourmetküchen hatte miterleben müssen. Eine Unart, wie er fand, und dazu meistens noch absolut überflüssig. In einer Sterneküche waren die Aufgaben klar verteilt, jeder Koch hatte seinen Platz, ein Rädchen griff ins andere wie in einem gut geölten Motor – und er herrschte als Maître de Cuisine penibel, aber gerecht über sein Küchenuniversum. Als Chef achtete er peinlich genau darauf, dass das Timing perfekt stimmte und die Küche trotz Hochbetriebs immer sauber blieb. Dafür hatte er eigens einige Mitarbeiter eingestellt, die mit nichts anderem beschäftigt waren, als die Küchenflächen zu wischen, Abfälle sofort zu entsorgen und Kochwerkzeuge zu reinigen.

Pizzioli war überzeugt, dass das Präsidenten-Dîner den ganz großen Durchbruch für ihn bringen könnte. Er hatte sich bereits in Nizza und ganz Südfrankreich mit seiner Kochphilosophie einer verfeinerten korsischen Küche einen guten Namen gemacht. Dabei verwendete er ausschließlich qualitativ hochwertige Bio-Produkte seiner Heimatinsel und verschaffte den Gästen immer wieder neue Geschmackserlebnisse.

Ganz im Sinne seines großen Mentors Paul Bocuse. Bei ihm hatte Pizzioli die Kochkunst gelernt. Die Philosophie von Bocuse war, frische Produkte aus der Umgebung zu nehmen und sie schonend zuzubereiten. Die natürlichen Aromen der Lebensmittel sollten nicht überdeckt werden. Pizzioli erlaubte sich aber doch, Korsikas Kräuter in seiner Küche einzusetzen, gehörten sie doch zur authentischen korsischen Küche zwingend dazu. Seine Familie stammte aus dem Süden der Insel, seine Eltern waren mit ihm nach Südfrankreich übersiedelt, als er noch ein kleiner Junge war.

Den Präsidenten und die Staatsgäste bewirten zu dürfen, würde ihn gewiss in den kulinarischen Olymp katapultieren. Ein internationales Schaufenster seiner Kochkunst. Um den Zuschlag zu bekommen, würde er weit gehen, sehr weit. Sonst hätte er sich nicht auf diesen mysteriösen Anrufer eingelassen, der ihn wegen des Dîners heute Nacht allein im Restaurant treffen wollte. Seinen Namen hatte der Typ nicht verraten. Vielleicht ein hoher Beamter der Protokollabteilung, der unter der Hand einen Deal mit ihm machen wollte? Oder einer der Testesser, dessen Urteil mit einem netten Sümmchen an Bargeld beeinflusst werden sollte? Pizzioli war jedenfalls bereit, eine hohe Summe an Bestechungsgeld zu bezahlen, um sein Ziel zu erreichen.

Er nahm einen Löffel und probierte die Sauce erneut. Jetzt war sie ganz nach seinem Geschmack. Auch das geschmorte Kalbfleisch hatte genau die richtige Konsistenz: zart, aber mit fester Textur.

„Das Veau aux olives kann raus, allez, vite!“

Auf das knappe Kommando des Maître richteten die Köche die Teller an. Pizzioli kontrollierte seine Mitarbeiter genau, als sie den Tellerrand kunstvoll verzierten. Denn das Essen musste nicht nur exzellent schmecken, sondern auch optisch höchsten Ansprüchen genügen. Die Gäste des „Kalliste“ erwarteten Perfektion und ließen sich das eine Menge Geld kosten. Und diese Perfektion würde auch der Präsident der Republik zu schätzen wissen. Pizzioli straffte sich innerlich. Vielleicht könnte ihm das Dîner sogar die Ordre national du Mérite bescheren. Vor seinem geistigen Auge heftete ihm der Staatspräsident persönlich den nationalen Verdienstorden an die Brust. „Chevalier Alain Pizzioli“, das klänge doch sicher hervorragend. Der Sternekoch war so in Gedanken versunken, dass er gar nicht bemerkte, wie der Chefkellner ihn auffordernd ansah.

„Maître? Können die Teller so serviert werden?“

Pizzioli begutachtete die Speisen und nickte. Der Kellner nahm die Teller routiniert auf und eilte damit in den Gastraum. Pizzioli sah ihm nach. Vielleicht würden sie auf dem Tisch von Testessern aus Paris landen. Er lächelte. Bon appétit.

Kapitel 2

Aminata Bony schüttelte missmutig den Kopf. Schon wieder hatte eine dicke Stoffserviette ihren Staubsauger verstopft, was dieser durch beleidigtes Aufheulen signalisierte. Aminata zog den Sauger unter dem Tisch hervor, entfernte den Stoff von der Düse und setzte mit einem kurzen Fluch die Arbeit fort. Beim Schimpfen verfiel sie wie üblich in ihre Muttersprache Bambara von der Elfenbeinküste, obwohl sie schon über zwanzig Jahre in Nizza lebte. Aber wenn sie emotional oder wütend wurde, gab es keine bessere Sprache, um ihre Gefühle auszudrücken.

Seit einer Stunde saugte sie nun den Fußboden im Gastraum des „Kalliste“. Und was hatte sie nicht alles unter den Tischen und Stühlen vorgefunden: neben den Servietten auch Dessertlöffel, Gabeln, Salattomaten und Gratinreste, die sie mühsam von dem edlen Teppichboden abkratzen musste, um danach alles mit Teppichreiniger zu säubern. Aminata wunderte sich über die Nachlässigkeit der Gäste. Wenn sie selbst so viel Geld für das Essen bezahlen müsste, würde sie doch alles verputzen, was auf dem Teller lag. Und darüber hinaus gehörte es sich einfach nicht, so achtlos mit Lebensmitteln und Besteck umzugehen. Womöglich glaubten die Gäste eines derart teuren Restaurants, diese Sauereien seien im Preis inbegriffen.

Draußen dämmerte bereits der neue Tag und durch die Fenster fiel ein mildes, rötlich schimmerndes Licht. Es würde wieder heiß werden. Am Morgenhimmel war keine Wolke auszumachen. Aminata sah auf ihre zierliche Armbanduhr, es war kurz nach sechs. In zwei Stunden wartete schon der nächste Job in einem Kiosk an der breiten Strandpromenade. Dort verkaufte sie Zeitschriften, Zigaretten oder Souvenirs an die Touristen. Dabei hätte sie sich nach dem Saugen und Putzen im „Kalliste“ gern noch ein wenig aufs Ohr gelegt. Aber das konnte sie sich als alleinerziehende Mutter von drei kleinen Kindern nicht leisten, denn dieser Mistkerl von Vater wollte sich am Lebensunterhalt einfach nicht beteiligen.

Unwillkürlich bewegte sie den Staubsauger wütender und schneller über den hellen Teppichboden. Ihre Mutter hatte sie vor dem Mann gewarnt. Aber sie hatte ihrem Herzen mehr vertraut als den Warnungen ihrer Eltern. Anfangs erschien alles rosarot, sie war verliebt, die Kinder kamen schnell – dann fing er zu trinken an, schaute sich nach anderen Frauen um und wurde gewalttätig, wenn er besonders viel intus hatte. Irgendwann hatte sie es nicht mehr ausgehalten, sich von ihm getrennt und die Scheidung eingereicht. Den Unterhalt für die Kleinen verweigerte er beharrlich.

Aber Aminata ließ sich nicht leicht unterkriegen. Sie war ein positiver Mensch, freundlich und fleißig, hatte schnell Arbeit gefunden und ihre Chefs waren sehr zufrieden mit ihr. Den Restaurantbesitzer Alain Pizzioli hatte sie nur am Tag ihrer Einstellung kurz getroffen. Er hatte ihr eindringlich klargemacht, dass ein Sternerestaurant auch in puncto Sauberkeit vorbildlich sein müsse. Diesem hohen Anspruch wurde sie seit einem Jahr gerecht, und das erfüllte sie mit Stolz. Von Pizzioli wusste sie auch, warum das Restaurant „Kalliste“ hieß. Sie hatte den Meisterkoch beim ersten Treffen gefragt und ihre Neugierde hatte ihm imponiert. Die alten Griechen hatten der Insel diesen Beinamen gegeben, er bedeutete „die Schönste“. Aminata gefiel das.

Sie hatte sich angewöhnt, mit dem Gastraum zu beginnen, denn dieser war in der Regel viel schmutziger als die Küche. Warum hatte sich der Chef nicht für einen dunkleren Teppichboden entschieden, wo der Dreck nicht so auffiel? Aber sie sah schon ein, dass der helle Teppich viel besser zur Holzbalkendecke und den schicken dunkelbraunen Sesseln passte. In der Küche musste meist nur der Boden gewischt werden, den Rest hatte das Küchenpersonal bereits penibel aufgeräumt und gesäubert. Pizzioli führte offenbar ein strenges Regiment. Ihr konnte das nur recht sein, umso schneller war sie fertig.

Mittlerweile hatte sich Aminata Bony bis zur elektrischen Schiebetür vorgearbeitet, die in die Küche führte. Sie stellte den Staubsauger ab, die Tür surrte auf und sie betrat den dunklen Raum. Ihre Augen mussten sich zunächst an die Dunkelheit gewöhnen. Mit der rechten Hand suchte sie den Lichtschalter und fand ihn schließlich. Die Neonröhren flackerten und sprangen an.

Aminata stellte zufrieden fest, dass die Küche wie üblich einen guten Eindruck machte. Die Küchenzeilen waren blitzeblank. Sie inspizierte den Boden. Im hinteren Teil machte sie einen roten Fleck aus. War dort etwa Tomatensauce auf den Fliesen gelandet? Sie bewegte sich darauf zu und bemerkte, dass es nicht nur ein Fleck, sondern eine richtige Lache war, schon leicht eingetrocknet. Nach Tomate roch diese Flüssigkeit allerdings nicht. Es war ein unangenehmerer Duft, den sie aber nicht zuordnen konnte. Nun hatte sie die Küchenecke erreicht. Sie warf einen Blick in den Seitengang und stieß einen spitzen Schrei aus. Gleichzeitig taumelte sie vor Schreck einige Schritte zurück.

Auf dem Küchenboden saß der Sternekoch, die Beine weit von sich gestreckt, Oberkörper und Kopf lehnten schlaff an einem Küchenschrank. Seine braunen Augen starrten ins Leere, was besonders schrecklich aussah. Der Hals war aufgeschlitzt, die weiße Kochjacke voller Blut.

Aminatas Herz schlug bis zum Hals. Panisch rannte sie aus der Küche und durchsuchte mit zittrigen Händen ihre am Eingang deponierte Handtasche. Als sie das Mobiltelefon endlich gefunden hatte, konnte sie vor lauter Aufregung nur mit Mühe die Nummer der Polizei wählen.

Kapitel 3

Er wusch das Messer sorgfältig unter heißem Wasser in seinem Badezimmer ab. Die Blutflecken lösten sich langsam von der Klinge. Er betrachtete, wie sie sich mit dem Wasser vermischten und als hellrote Flüssigkeit in einem kleinen Strudel im Ausguss verschwanden. Es schien, als würde Pizziolis Leben mit seinem vergossenen Blut nochmals und endgültig verrinnen. Es war schnell gegangen im Restaurant. Obwohl er mit Messern vertraut war, hatte er die Bewegung trainiert und zuvor dutzendfach im Kopf durchgeführt. Ein gezielter Schnitt, der die Schlagader öffnete. Er hatte noch Pizziolis Röcheln im Ohr, als er verzweifelt die Hände auf seinen Hals presste, aber nicht verhindern konnte, dass sein Blut mit jedem Herzschlag aus dem Körper katapultiert wurde. Es spritzte in großen Mengen heraus. Mit weit aufgerissenen Augen hatte ihn sein Opfer ungläubig angesehen. Aber Pizziolis Schicksal war damit besiegelt. Nach wenigen Sekunden war der Koch vor einem Küchenschrank zusammengesunken. Seine hilflosen Bewegungen waren immer schwächer geworden, bis er schließlich die Arme sinken ließ und sein Blick starr wurde. Noch immer sickerte Blut aus seinem Hals. Es hatte ihm Genugtuung verschafft, Pizzioli so zu sehen. Nun war es vorbei. Er schaute in den Badezimmerspiegel. Seine Anspannung legte sich langsam. Er trocknete das Messer sorgfältig ab.