Leseprobe Unser perfektes Zuhause | Der spannende Domestic Thriller über eine toxische Ehe

Prolog

Der Dezemberhimmel ist tintenschwarz und sternenlos. Meine Faust pocht vom Hämmern gegen die verschlossene Tür. Ich warte. Stille …

Meine Handytaschenlampe flackert wie eine zuckende Kerze, während ich über den unebenen Untergrund zur Rückseite des Gebäudes stapfe. Ein Lichtstrahl schimmert durch eine Lücke zwischen zwei Fensterläden, löst sich aber in der Dunkelheit auf, ohne den Boden zu erhellen.

Indem ich einen Fuß vor den anderen schiebe, bewege ich mich im Zeitlupentempo über den stockfinsteren Hof. Mit jedem Schritt wirble ich losen Kies auf, bis ich bei Gras und Matsch ankomme. Meine Augen gewöhnen sich an die Dunkelheit. Ein schemenhafter Schatten schält sich aus der Finsternis, erhebt sich pechschwarz vor dem matt schimmernden Himmel – der gemietete Bagger, die Metallschaufel lässig schräg in der Luft hängend. Direkt daneben türmen sich Erdmassen, Hügel aus Sand und Kies sowie drei frisch ausgehobene rechteckige Gruben.

Ich setze behutsam einen Schritt vor den anderen, in dem Wissen, dass jede dieser Gruben tiefer ist als ein erwachsener Mann groß. Mein Telefon gibt ein kraftloses Piepsen von sich, als der Akku seinen drohenden Tod ankündigt. Mit hämmerndem Herzen schnappe ich nach Luft und richte das flackernde Licht hinunter in die Grube …

Kapitel eins

EMMA

Sommer 2015

Aus der Ferne erinnert es mich an eine neolithische Grabstätte mit eingestürzten Mauern, überwuchert und von der Natur zurückerobert. Erst als wir näher kommen, entdecke ich das lange, niedrige Gebäude mit einer Giebelseite aus bröckelndem Stein und zerschlagenen Tonziegeln.

Wir stapfen einen Trampelpfad entlang und kämpfen uns mit unseren zarten Sandalen durch das kniehohe Gras. Monsieur Renaud, der Immobilienmakler, gibt den Weg vor. Mit der einen Hand umklammert er sein Tablet, und mit der anderen wischt er immer wieder Samen und Pollen von seiner cremefarbenen Hose.

Mein Ehemann Paul schlendert neben ihm her und scheint gar nicht zu bemerken, wie ihm die Vegetation die Beine zerkratzt. Mit seinen eins neunundachtzig überragt er den gepflegten Makler mühelos und löchert ihn mit Fragen über die Liegenschaft.

„Wie lange steht es schon leer? Wie groß ist das Grundstück? Wo ist die Grenze?“

Der Makler antwortet in fließendem Englisch und scheint das Verhör gelassen zu nehmen.

Der Pfad ist von Brennnesseln gesäumt, deshalb hebe ich meine vierjährige Tochter Mollie hoch und trage sie. Die blonden Locken kleben ihr in der schweren, feuchten Luft an der Stirn. „Hier, bitte.“ Ich drücke ihr eine Wasserflasche in die Hand und sehe mich nach meinem Sohn um, der wie immer hinter uns her trödelt.

Mit seinen zehn Jahren benimmt sich Owen manchmal, als hätte er kaum etwas mit unserer Familie zu tun. Er ist groß für sein Alter und wird oft älter geschätzt – zwölf oder sogar dreizehn. Ich sage mir, dass er nach Unabhängigkeit strebt, aber insgeheim habe ich Angst, dass wir ihm peinlich sind – denn Paul, Mollie und ich sind hellhäutig, während Owen als Sohn meines Ex-Mannes Zak stolz auf die nigerianische Seite seiner Herkunft ist.

Das Anwesen heißt Les Quatre Vents und steht zu einem Schleuderpreis zum Verkauf. Nachdem Paul in Limoges mit dem Immobilienmakler die Einzelheiten besprochen hatte, hatte er versucht, mich davon zu überzeugen, wie einfach es wäre, das Haus in ein Urlaubsdomizil zu verwandeln. Ich habe dieser Besichtigung nur zugestimmt, um ihn aufzuheitern, weil er bei der Arbeit gerade eine schwere Zeit durchmacht.

Jetzt sind wir nah genug dran, dass ich von Efeu überwucherte Wände erkennen kann, ein absackendes Dach, das kaum noch Schutz vor Wind und Wetter bietet, und eine schlaffe Ranke, die sich an einer Gebäudeseite festklammert. Die vermoderte Haustür ist aus ihren Angeln gehoben und an eine Wand gelehnt worden, sodass man von hier bereits einen Blick auf den Lehmboden im Inneren erhaschen kann.

„Das war ganz sicher nie ein Cottage“, sage ich, als wir stehen bleiben. Es sieht vielmehr nach einem Kuhstall aus. „Sagten Sie nicht, jemand hätte hier gewohnt?“

„Ah, oui. Bis zehn Jahre zuvor.“ Monsieur Renaud wirft einen Blick auf das Exposé auf seinem Tablet. „Madame Durand, Tante der Familie.“

Mollie windet sich in meinen Armen. „Lass mich sie nehmen“, bietet Paul an.

Ich werfe einen Blick nach links und stelle mir vor, wo der Fotograf gestanden haben muss, um die weichgezeichnete Aufnahme durch die Kirschblüten zu schießen. „Wann wurde dieses Foto gemacht?“, frage ich.

Monsieur Renaud setzt eine betretene Miene auf. „Wurde im Frühling gemacht.“ Er späht noch einmal auf den Bildschirm. „Frühling 2009.“

„Nun, jetzt sind wir schon da. Lasst uns reingehen“, sagt Paul und zieht den Kopf ein, um sich durch den niedrigen Eingang zu ducken.

Für mich ist die Höhe des Türstocks kein Problem. Ich gehe einen Schritt hinein und atme die dunstige Luft ein. Paul setzt Mollie ab, und sie klammert sich an mein Bein. „Es ist gruselig, Mummy.“

„Wir bleiben nicht lange. Daddy will sich nur umsehen.“

In der Ecke steht ein alter Ofen, und die Wand darüber ist von jahrzehntealtem Rauch schwarz gefleckt. Ganz in der Nähe haben sich in einem Steinspülbecken unzählige vertrocknete Leichen von Fliegen und Käfern angesammelt. Es ist kaum vorstellbar, dass eine ältere Dame allein hier gelebt haben soll, ohne jeglichen Komfort oder moderne Einrichtungen. Ich versuche, den Messinghahn aufzudrehen, aber er rührt sich kein Stück.

„Lass mich.“ Paul umklammert den Wasserhahn und dreht. Etwas Rost rieselt in die Spüle, aber kein Wasser. „Badezimmer?“, fragt er den Makler.

„Draußen.“

Wir treten aus der muffigen Düsternis zurück in die Augusthitze. Monsieur Renaud führt uns hinter das Gebäude, wo er die Tür eines Nebengebäudes aufstößt. Dahinter kommt ein einfaches Plumpsklo zum Vorschein, das aus nichts weiter besteht als zwei Trittbrettern, die je an einer Seite eines Lochs im Boden angebracht sind.

„Mummy, was ist das?“, fragt Mollie.

„Ein sehr altes Klo von früher.“

„Igitt!“

Theatralisch hält sie sich mit Zeigefinger und Daumen die Nase zu. Aber jeder unangenehme Gestank ist schon vor Ewigkeiten von der Erde verschluckt worden. Jetzt riecht es einfach nur nach feuchtem Dunst und vergammeltem Laub.

Fosse Septique ist hier drüben.“ Der Makler zeigt auf einen mit roten Tonziegeln eingefassten Erdhaufen – im früheren Leben wohl ein Blumenbeet, das jetzt von Gräsern überwuchert ist. Er packt ein Büschel trockenes Gras, wickelt es sich um die Faust und zieht es samt der Wurzel heraus. Mit seinen hellbraunen Slippern schiebt er die bloße Erde beiseite, bis Beton zum Vorschein kommt.

Paul späht in das Loch. „Klärgrube“, übersetzt er, obwohl ich diejenige bin, die an der Uni Französisch studiert hat – bis ich mit Owen schwanger wurde und abbrechen musste, weil ich kein Auslandssemester einlegen konnte.

„Wird auspumpen brauchen.“ Monsieur Renaud schabt mit dem Schuh über einen Ziegel, um die Erde abzukratzen. „Vielleicht muss auch ersetzen. Wir ’aben neue Vorschriften in Kraft.“

Das hier ist eine gigantische Zeitverschwendung. Ich drehe mich zu Paul um und will vorschlagen, dass wir uns auf den Weg machen sollten, aber er stapft bereits über die Wiese in Richtung der Grundstücksgrenze, wo das Sommerlaub von drei majestätischen Eichen fließend ineinandergreift: eine grüne Wolke vor dem saphirblauen Himmel – so wunderschön, dass es mir den Atem raubt.

Owen stochert mit dem Finger in den Spalten einer niedrigen Mauer herum. „Schau, Mum. Eine Eidechse.“

Der Gecko kriecht aus seinem Versteck und huscht über den Hof davon.

„Wo?“ Mollie sieht sich um, aber es ist zu spät.

Paul kommt über die Wiese zurückgeschlendert, hält sein Handy ausgestreckt vor sich und spricht mit sich selbst. „Zwei Hektar Land. Ausgewachsene Pflaumen- und Walnussbäume, Eichen an der Grenze“, höre ich ihn sagen, und mir wird bewusst, dass er ein Video aufnimmt.

„Weißt du, wie einfach es wäre, dieses Anwesen zu sanieren und ein Ferienhaus für unsere Familie daraus zu machen?“ Paul streckt mir sein Telefon entgegen, damit ich mir das Video auf dem winzigen Bildschirm ansehen kann.

Ich starre mit zusammengekniffenen Augen auf das Display, bis sich eine Wolke vor die Sonne schiebt und ich mir die nackten Arme reiben muss, um einen Schauder zu vertreiben.

„All dieses Land!“ Paul macht eine ausladende Handbewegung. „Mit einer Baugenehmigung könnten wir die Nebengebäude in gîtes verwandeln und sie vermieten, dann könnten wir vielleicht sogar etwas Geld verdienen.“

„Du machst Witze, oder?“

Er tut so, als würde er mich nicht hören. Während unserer Urlaubsreisen sehen wir uns gern Immobilien an, die zum Verkauf stehen, und träumen von einem anderen Leben – aber bis heute haben sich unsere Besichtigungen dabei die Fotos in den Schaufenstern von Maklerbüros beschränkt. „Paul, es mag billig sein, aber es ist ein Wrack. Und was ist mit den Sanierungskosten?“

„Eine Ruine, Emma – das ist der französische Begriff für ein Projekt wie dieses.“

Monsieur Renaud steht in diskreter Entfernung, hat aber jedes Wort unserer Unterhaltung gehört, und seine Makler-Antenne muss ihm Handlungsbedarf signalisieren, denn er schleicht sich näher heran und räuspert sich dezent.

„Wieso ist es so billig?“, fragt Paul.

„Die Familie von Madame Durand wartet schon zehn Jahre auf ihr Geld.“

„Aber ich verstehe das nicht“, werfe ich beunruhigt ein. „Es muss doch einheimische Familien geben, die nach einem Zuhause suchen?“

„Die wollen lieber neue. Und näher an Limoges für Arbeit.“

„Wie einfach würden wir an eine Baugenehmigung kommen für, sagen wir, fünfzig Prozent mehr als die ursprüngliche Grundfläche?“, fragt Paul.

Der Makler strafft den Rücken. „Grundfläche?“

Paul wirft mir einen Blick zu, beschließt aber, dass meine Übersetzungskünste nicht bis ins Bauwesen reichen. „Größe, Dimensionen …“

Oui. Kein Problem. Der Bebauungsplan in dieser Gegend erlaubt Neubauten, aber Sie werden eine permis de construire beantragen müssen.“

„Komm schon, Paul.“ Ich zwänge mich zwischen ihn und den Makler. „Gehen wir. Wir haben genug von Monsieur Renauds Zeit verschwendet.“

Ein Schwarm Möwen kreist über uns am Himmel und bildet dabei eine Diamantform mit ausgefransten Kanten. Der Leitvogel stürzt sich kopfüber herab, als wollte er auf dem durchhängenden Dach von Les Quatre Vents landen. Aber dann überlegt er es sich anders und drängt wieder Richtung Himmel, lässt sich vom Wind davontragen und verschwindet aus meinem Blickfeld.

Kapitel zwei

EMMA

Sommer 2015

Ich schneide rote Paprika für unseren Mittagssalat und frage mich: Verbringen andere Familien ihren Sommerurlaub auch damit, durch baufällige Ruinen zu stapfen, die sie gar nicht vorhaben, zu kaufen?

Es ist zwei Tage her, dass wir Les Quatre Vents besichtigt haben. Pauls Stimmung pendelt zwischen Aufregung und Niedergeschlagenheit hin und her, weil die Folgen eines tödlichen Unfalls in der Firma, die er leitet, ihn zunehmend unter Druck setzen.

Diese ländliche Gegend im Limousin habe ich für unseren Urlaub gewählt, damit wir uns entspannen können – aber seit wir in dieser kühlen, widerhallenden gîte angekommen sind, scheinen wir gefangen an einem aus der Zeit gefallenen Ort.

Die Schlafzimmerwände sind mit rotem Mehltau gesprenkelt, und der Swimmingpool ist wegen Wartungsarbeiten gesperrt. Das Dorf Sainte Violette liegt etwa eine halbe Stunde Fußweg entfernt, und dort gibt es nichts weiter als ein einziges Hotel, eine Bar, deren Öffnungszeiten von Lust und Laune des Besitzers abhängen, und eine Boulangerie.

Jeden Morgen klappert ein Brotwagen die abgelegenen Dörfchen ab: Er hält um sieben Uhr dreißig am Ende unserer Straße, hupt drei Mal und düst wieder los, während ich noch in meine Crocs schlüpfe und ihm hinterherjage.

In unserer gîte gibt es Satellitenfernsehen, und Owen hat seine Xbox mitgebracht. Aber er und Mollie zanken sich den ganzen Tag: Sie will Disney Channel gucken, er will Videospiele spielen.

Paul verbringt seine Tage drinnen und bekämpft die Flut an Arbeitsmails. Nachts kann er nicht schlafen, und sein Gesicht ist schon ganz blass vor Erschöpfung und – ironischerweise – von dem Mangel an Sonnenlicht. Sein dunkles Haar muss mal wieder geschnitten werden, und sein Zehntagebart kratzt, wenn ich ihn küsse.

Um ihm etwas Freiraum zu geben, schleife ich die Kinder auf Ausflüge mit oder schleppe sie zum Einkaufen auf dem lokalen Markt, wo jeder von ihnen fünf Euro bekommt, um sie für überteuerte Souvenirs zu verschwenden.

Den Rest der Zeit strecke ich auf dem Liegestuhl alle viere von mir, starre mit finsterer Miene den dreckigen, nutzlosen Pool an oder verliere mich in einem Roman. Die Sonne brennt gnadenlos, deshalb ziehe ich mir immer einen Hut mit breiter Krempe über mein rotbraunes Haar und creme mich mit dem denkbar höchsten Lichtschutzfaktor ein, aber meine blasse Haut ist trotzdem schon ganz pink und gefleckt. Die Kontaktlinsen habe ich gegen eine Sonnenbrille mit braun gefärbten Gläsern getauscht.

„Mittagessen!“, rufe ich.

Paul und Mollie nehmen ihre Plätze am Tisch ein, aber von Owen keine Spur. Als Paul Owens Abwesenheit bemerkt, steht er halb von seinem Stuhl auf.

„Lass ihn“, sage ich und reiche ihm die Salatschüssel.

Mollie schiebt den kleinen Happen Schinken weg, den ich ihr auf den Teller geschmuggelt habe, und knabbert an einem Stück Käse.

„Das ist lächerlich!“ Paul legt sein Besteck hin, geht in den Flur und brüllt: „Owen!“

Wir alle hören Owens Antwort: „Sag mir nicht, was ich zu tun habe. Du bist nicht mein Dad.“

Die verbale Attacke kommt aus dem Nichts. Eine Andeutung einer Auseinandersetzung ist plötzlich zu Worten eskaliert, die nicht mehr ungesagt gemacht werden können.

Mollie richtet den Blick auf mich, bricht in Tränen aus und rennt nach oben zu ihrem Bruder. Ich vergrabe die Fingernägel in den Handflächen, als Paul zum Tisch zurückkommt und das Sonnenblumenmuster auf dem Tischtuch anstarrt.

„Es tut mir leid. Ich weiß nicht, was in ihn gefahren ist.“

Paul zuckt mit den Schultern. „Er hat aber recht, Emma. Ich bin nicht sein Dad.“ Er schiebt seinen Teller weg, und ich bin stinkwütend auf meinen Sohn, dass er noch mehr Stress auslöst.

Ich erinnere mich, wie Owen Paul früher angehimmelt hat, aber damals hatte er auch kaum Kontakt zu seinem Dad gehabt. Zak arbeitete im Ausland.

Owen hatte gerade mit der Schule begonnen, als ich mich für eine Teilzeitstelle in Pauls Firma bewarb, und Paul saß im Vorstellungsgremium. Ich bekam den Job nicht – wer würde auch jemanden wie mich einstellen, ohne Studienabschluss und mit einem kümmerlichen Lebenslauf? Als Paul mich anrief, um mir die schlechte Neuigkeit mitzuteilen, überredete er mich, mit ihm etwas trinken zu gehen. Irgendwie warf ich meine übliche Vorsicht über Bord und stimmte zu.

Nach und nach schlich sich Paul in unser Leben. Er und Owen verbrachten Stunden mit wilden spielerischen Raufereien, kicherten bei ihren Superhelden-Filmen und kickten sich im Park Fußbälle zu. Bald wurde das Vergnügen extravaganter. Paul organisierte Ausflüge in Vergnügungsparks, Zoos, Aquarien und Museen – manchmal sogar zwei an einem einzigen Wochenende. Als Paul anfing, über einen Skiurlaub zu sprechen, zog ich die Reißleine. „Owen hat nicht einmal einen Pass.“

Ich hätte noch dazusagen können, dass wir mit unserem Leben sehr glücklich waren und diese ganzen aufwändigen Ausflüge nicht brauchten, aber ich hatte etwas Wichtigeres auf dem Herzen. „Ich bin schwanger.“

Paul und Owen waren begeistert, und noch bevor Mollie zur Welt kam, ließen wir unser altes Leben hinter uns – und mit ihm die unbeheizte Wohnung, die Owen mit seinem Asthma jeden Winter zur Hölle machte – und zogen in Pauls Haus in Wimbledon.

Paul greift ins Regal und stellt seinen Laptop auf den Tisch, den er vorher mit der flachen Hand von Krümeln befreit hat. Nachdem das Gerät hochgefahren ist, höre ich ein Ping nach dem anderen, als die Mails in seinen Posteingang trudeln. „Irgendetwas Neues?“, frage ich.

Paul seufzt. „Wo soll ich anfangen?“

Direkt nach dem Unfall war die Geschichte in allen Nachrichten und wurde in Dauerschleife im Fernsehen gezeigt: Ein Arbeiter namens Dorek war aus dem dreizehnten Stock eines Bürogebäudes gestürzt, das die Firma sanierte, bei der Paul als operativer Leiter arbeitete. Als Verantwortlicher für die Bauprojekte von Manifold Developments war Paul zum Unglücksort zitiert und plötzlich von Reportern mit Mikrofonen belagert worden.

Die Medien waren auf einer Mission: Sie suchten nach einem Skandal. Einige Zeitungen berichteten, der Arbeiter sei nicht anständig gesichert gewesen, und die Gesundheit sowie die Sicherheit der Mitarbeiter hätten bei Manifold keinen Stellenwert. Es kursierte ein Gerücht, Dorek habe persönliche Probleme gehabt und sein Tod sei kein Unfall gewesen, sondern Selbstmord. Nachdem sämtliches Öl im Feuer verbrannt war, verlor die Presse das Interesse, verschwand und ließ Paul mit schweren Verbrennungen zurück.

Die lange Liste von E-Mails in seinem Posteingang ist durchgehend mit „vertraulich“ und „dringend“ gekennzeichnet. Sein Gesichtsausdruck ist düster. „Fragen über Fragen. Die suchen nach einem Sündenbock.“

„Aber wie kann es deine Schuld sein, wenn er freiwillig gesprungen ist?“ Ich spüre das Brennen im Gesicht von der Sonne gestern.

„Er ist nicht gesprungen, Emma. Diese Geschichte war nur Effekthascherei von der Presse.“

„Das bedeutet also …?“

Er nickt. „Ich bin der operative Leiter. Es ist meine Verantwortung.“

Ich trinke einen Schluck von meinem Kaffee. Er ist lauwarm und schmeckt bitter.

Paul wendet sich wieder seinem Laptop zu. Eine Fliege schwirrt surrend am Fenster herum. Ich öffne es und lasse sie frei. Plötzlich kann ich den Gedanken nicht ertragen, einen weiteren Nachmittag in diesem trostlosen Haus eingesperrt zu sein. „Komm, wir gehen raus.“

„Gut. Ich muss ein Dokument unterschreiben und per Expresspost an Manifold schicken. Auf nach Limoges.“

Ich gehe in den Flur. „Owen, Mollie, kommt sofort runter!“, schreie ich.

Betreten stapfen beide die Treppe hinunter und drücken sich vor der Küchentür herum.

„Owen, rein da, und entschuldige dich bei Paul.“

Mein Sohn zieht eine Grimasse und wirft mir einen mürrischen Blick zu. „Aber ich habe nur gesagt …“

„Ich weiß, was du gesagt hast. Jetzt sag Entschuldigung!“

Widerwillig schlurft er in die Küche, bleibt einen Meter vor Paul stehen und richtet den Blick starr auf den Boden. „’tschuldigung.“

„Okay, vergessen wir es“, sagt Paul. „Deine Mutter will, dass wir etwas unternehmen.“

Ich nicke. „Wir fahren nach Limoges. Holt eure Sachen und wartet im Auto. Zehn Minuten.“

Ich packe einige Flaschen Wasser und den Reiseführer ein. Wir setzen uns alle ins Auto und fahren in Stille in die Stadt.

Wir bummeln durch enge Gassen und schlendern die Rue Raspail entlang, wo die Straßenfronten einiger Häuser kaum breiter sind als die Armspanne eines Mannes. In der Nähe der Kathedrale spannen sich grün-weiße Wimpelketten im Zickzack zwischen den Fachwerkhäusern über die schmalen Kopfsteinpflasterwege.

„Wieso gehst du nicht mit den Kindern in die Kathedrale, während ich zur Post gehe?“, schlägt Paul vor. „Wir treffen uns dann wieder hier.“ Er zeigt auf ein Café mit riesigen Sonnenschirmen.

Owen, Mollie und ich betreten die kühle Dunkelheit der St.-Étienne-Kathedrale. Sofort biegt Owen ab, setzt sich in der Nähe des Eingangs auf eine Bank und streckt seine langen Beine aus. Ich lasse ihn schmollen und schlendere mit Mollie durch einen gewundenen Seitengang.

Die Buntglasfenster filtern das Licht, bis nur noch kühles Blau übrig bleibt, und eine gigantische Vase mit weißen Lilien verströmt einen Duft, der sämtliche Luft zu verdrängen scheint. In der Stille höre ich ein klopfendes Geräusch: Eine Reiseführerin begleitet drei sehbehinderte Touristen mit langen weißen Stöcken. Ich gehe näher heran und unterziehe mein Französisch einem kleinen Test, indem ich ihre Beschreibung des extravaganten gotischen Stils belausche. Sie erklärt ihrer Gruppe, dass im Mittelalter lediglich Bischöfe und Geistliche die Messe sehen konnten, aber im achtzehnten Jahrhundert wurde dieser heilige Ort neu angeordnet und der Altar verschoben, sodass alle Gemeindemitglieder endlich alles sehen konnten. Die Blindengruppe geht weiter, und ihre Stöcke erzeugen ein Echo auf den Bodenfliesen.

Mollie will eine Kerze für ihre Oma und ihren Opa anzünden, also gebe ich ihr eine Ein-Euro-Münze. Sie steckt sie in die Kasse, und wir murmeln ein schnelles Gebet für Pauls Eltern, die beide gestorben sind, bevor ich ihn kennenlernte. Ich stabilisiere ihre Hand, während sie eine neue Kerze mit einer alten anzündet, dann nehme ich sie ihr ab und stelle sie in den Mini-Kerzenwald aus flackernden Flammen und schmelzendem Wachs.

„Können wir sie jetzt auspusten?“, fragt sie aufgeregt.

„Nein, Darling, die brennt von selbst nieder.“

Das einfache Kerzenritual, das majestätische antike Gebäude, ein Hauch von Spiritualität – aber das alles reizt mich nicht, ich kann mit Religion nichts anfangen. Trotzdem sorgt irgendetwas an diesem Ort dafür, dass mein Puls sinkt, und bis wir mit unserer Runde fertig sind und wieder im Hauptgang ankommen, bin ich ruhig.

Owen schließt sich uns an, und wir gehen zurück nach draußen, wo wir die Augen gegen das Sonnenlicht zusammenkneifen. Wir schlendern zu dem Café, setzen uns an einen Tisch und bestellen Getränke. Mollie und ich sitzen im Schatten, und Owen zieht seinen Stuhl aus dem Schutz des Sonnenschirms hinaus ins Licht.

Unsere Getränke werden gebracht, und Owen erzeugt mit einem Strohhalm kleine Bläschen in seinem Glas, um Mollie zu unterhalten, die direkt versucht, es ihm nachzumachen. Orangina läuft ihr übers Kinn und verstärkt ihr Gekicher. Sie steht auf, rennt über den verkehrsfreien Platz und flattert mit den Armen, um die Tauben aufzuschrecken.

Eine Uhr in der Nähe schlägt vier.

„Glaubst du, Dad hat sich verlaufen?“, fragt Mollie.

„Können wir einfach gehen?“ Owen tritt mit den Füßen gegen die Tischbeine, und das sich ständig wiederholende metallische Klirren löst einen dumpfen Kopfschmerz bei mir aus.

„Nein, Owen. Außerdem hat Dad die Autoschlüssel.“

„Mir ist langweilig.“

„Da ist er!“ Obwohl sie die Kleinste von uns ist, entdeckt Mollie ihn als Erste. Sie schirmt die Augen gegen die Sonne ab, rennt auf ihn zu, und er hebt sie schwungvoll hoch.

„Ich dachte, du schickst das an Manifold?“, hake ich nach, als Paul einen gewölbten Umschlag auf den Metalltisch legt. „Hast du das Postamt nicht gefunden?“

„Doch. Das hier ist etwas anderes. Viel aufregender.“ Er zieht einen Stapel Papiere heraus und reicht ihn mir.

Es sind einige Seiten offiziell aussehender Dokumente mit Kleingedrucktem und sonstigem Immobilien-Papierkram, aber das Foto auf dem Deckblatt ist mir bekannt: ein langes niedriges Steingebäude umgeben von grünen Wiesen, durch Kirschblüten hindurch fotografiert.

„Ist das nicht …?“

Er nickt. „Les Quatre Vents. Und jetzt gehört es uns.“

Ein Sonnenstrahl stiehlt sich unter den Schirm und beleuchtet sein breiter werdendes Lächeln.

„Was?“, brülle ich und springe auf.

„Ich war gerade im Immobilienbüro und habe die Anzahlung hinterlegt.“