Leseprobe Unruhige Gezeiten

Kapitel 1

Seeglingen, Sommer 1943

Als Charlotte Kent die Veranda hinter sich gelassen hatte, um die ersten Stufen der Treppe hinunter ins Dorf zu nehmen, war ihr, als verblasste für einen Augenblick alles, das sie dieser Tage mit der Meereskrone verband. Jeder Klagelaut verstummte, die schmerzverzerrten Gesichter lösten sich auf, und sämtliche Nöte traten vorübergehend in den Hintergrund.

Das Haus hoch auf der Steilküste über der Ostsee war eben längst nicht mehr jenes Hotel, welches in den letzten vier Jahrzehnten unter der Führung ihrer Familie so viel Ansehen und Erfolg erlangt hatte, dass es bis über die Landesgrenzen hinaus bekannt geworden war. Im Grunde genommen war es inzwischen gar kein Hotel mehr – eine Tatsache, die Charlotte beinahe täglich schmerzte, wenn sie die Räume durchschritt, in denen unter anderen Umständen Kurgäste behandelt würden und Sommerfrischler ihren Urlaub genießen sollten.

Kurz nach Kriegsbeginn waren mehr als zwei Drittel der Zimmerkapazitäten als Lazarett für verletzte Soldaten der Wehrmacht ausgewiesen worden, Betten dicht an dicht oder sogar übereinandergestapelt. Der verbliebene Teil galt Menschen ohne Obdach und Evakuierten. Vor allem Frauen, mit oder ohne Kinder, wurden bevorzugt zugeführt, ebenso betagte Leute, die keine Angehörigen mehr hatten, die sich ihrer hätten annehmen können.

Als Krankenschwester und mit gerade mal neunzehn Jahren hatte Charlotte gelernt, dem Schicksal ins Auge zu sehen, wenn kein Weg daran vorbeiführte. Sie gab sich Mühe, hinzunehmen, dass die Meereskrone schwerer atmete als früher, durchsetzt vom Geruch nach scharfer Seife, alten Verbänden und dem Angstschweiß der Menschen, denen alles genommen worden war. Meist gelang es ihr sogar. Nur manchmal, wenn der Wind vom Meer durch die Kiefern der Steilküste strich und in Charlotte die Erinnerung an den Duft gestärkter Tischdecken und frisch aufgebrühten Kaffees weckte, schnürte es ihr für einen Herzschlag die Brust zu.

Eine wohltuende Böe in ihrem schulterlangen dunklen Haar, die salzige Luft in der Nase, atmete Charlotte tief ein und aus. Sie lauschte den Vogelstimmen von Silbermöwen, Spatzen und Schwalben, verlor sich in ihren Rufen und Gesängen, verfolgte ihren gleichmäßigen Flug ebenso wie ihre leichtfüßige Akrobatik, wenn sie von Ast zu Ast sprangen. Wie sehr sie darauf vertrauten, dass jeder Zweig, auf dem sie landeten, ihr Gewicht trug, und wie schnell sie reagierten, wenn etwas sie aufschreckte, ließ Charlotte immer wieder staunen. Fast verspürte sie einen Stich des Neides, ignorierte die Regung aber sogleich und ließ ihren Blick über das Dorf schweifen, welches zu ihren Füßen lag. Mit seinen Straßen und Gässchen mutete es wie ein feines Adergeflecht an, das sie schon immer mit allem versorgt hatte, was sie zum Glücklichsein brauchte. Zwar pulsierte das Leben mit deutlich weniger Energie hindurch, doch erweckte Seeglingen – jedenfalls von oben und mit einem Hauch von Wohlwollen betrachtet – immer noch den Eindruck des friedlichen Fischerörtchens, das es von jeher gewesen war.

Die reetgedeckten Häuser mit ihren angrenzenden Gärten, in denen Obst und Gemüse mit bunten Blumen konkurrierten. Die Kirche am Marktplatz, deren Glockengeläut bis hinauf aufs Plateau der Steilküste schallte und den Menschen das Gefühl vermittelte, dass es Dinge gab, die sich hoffentlich nie ändern würden. Die Kinder, welche aus der Schule eilten; die meisten von ihnen trotz der widrigen Umstände lachend und tobend, um auf dem Heimweg Nachlaufen oder Verstecken zu spielen. Das alles wirkte beschaulich, beinahe idyllisch; der Alltag an der Ostsee schien ebenso in sich zu ruhen wie das Gemüt der Küstenbewohner, deren Uhren für gewöhnlich einen Tick gemächlicher liefen als die der Städter.

Doch der Schein trog.

Charlottes Finger krümmten sich um den eisernen Handlauf. Sie wusste, es war an der Zeit, wieder in die nötige Habachtstellung zurückzukehren, durch die das Leben seit Jahren charakterisiert war. Immerhin hatte sie sich nicht aufgemacht, um den sonnigen Nachmittag zu genießen, bestenfalls mit einem Spaziergang an der Wasserkante entlang und dem Geschmack frischer Buttermilch auf ihren Lippen.

Natürlich wünschte sich ein Teil von ihr, sie könnte sich im Licht jener Erinnerungen sonnen, die sie in ihrer Kindheit und frühen Jugend hatte sammeln dürfen. Die Erlebnisse, welche sie geformt und dafür Sorge getragen hatten, dass sie Seeglingen und die Meereskrone als Heimat ihres Herzens verstand. Doch so sehr sie sich in ihrem tiefsten Inneren danach sehnte, beim ersten Wimpernschlag eines neuen Morgens nichts als Freude in ihrem Inneren zu verspüren, so war ihr schmerzlich bewusst, dass sie Teil einer Realität war, die für Wunschdenken keinen Raum ließ.

Sich zur Räson rufend, setzte Charlotte ihren Weg hinunter ins Dorf fort. Das Empfinden von Grenzenlosigkeit, das sie für ein paar Minuten hatte aufatmen lassen, wich der bleiernen Schwere, die sich sofort wieder auf ihrer Brust niederließ, als habe sie nur darauf gewartet, sie mit gewohnter Intensität in die Knie zu zwingen, jeden wohltuenden Gedanken in seine Schranken verweisend.

Als Charlotte wenig später auf die Bergstraße trat, fiel ihr Blick unwillkürlich auf das Eckhaus zu ihrer Linken, in dessen Fenster eine graue Katze hockte. Reglos, mit halb geschlossenen Augen schien das Tier zwar seine Umgebung wahrzunehmen, schenkte Charlotte jedoch kaum Beachtung. Wahrscheinlich wartete es wie seine Artgenossen, von denen mindestens drei durch den Vorgarten huschten, auf ein Schälchen stark verdünnter Milch oder ein paar Fischreste, die die alte Frau Claßen ihnen hinstellte, obwohl sie sie selbst kaum entbehren konnte. Seit Jahren schon kümmerte sie sich um herrenlose Katzen, teilte mit ihnen, was immer bei ihr auf den Tisch kam, und nichts hielt sie davon ab, das stille Vertrauen der Tiere zu enttäuschen. Sie machte weiter, hielt fest an den wenigen Routinen, die noch Bestand für sie hatten und erfreute sich an der Dankbarkeit, die die Kätzchen ihr entgegenbrachten, indem sie sich auf ihrem Schoß zusammenrollten und schnurrten.

„Moin, Fräulein Kent“, begrüßte Georg Treske, einer der alteingesessenen Dorfbewohner, Charlotte, stieg von seinem klapprigen Fahrrad ab und blieb neben ihr stehen. „Willst wohl ein bisschen frische Luft schnappen, was? Ich komme gerade vom Strand. Das Wasser ist schön kühl und es weht eine angenehme Brise.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Leider nein“, antwortete sie im Versuch, sich des letzten Males zu entsinnen, da sie ihre Freizeit damit verbracht hatte, von der Promenade aus das Spiel der Wellen zu beobachten, geschweige denn im Sand zu sitzen, mit nichts als Leichtigkeit im Herzen. Es war lange her, so viel stand fest.

„Anton erwartet mich mit einer Lieferung fürs Hotel. Es gibt Hering.“

Treske verzog kaum merklich den Mund. „In rauen Mengen, nehme ich an.“

„Sie wissen ja, wie es läuft“, antwortete Charlotte und zuckte mit den Schultern. „Für die Verwundeten wird alles möglich gemacht.“

Der Mann rückte seine Schirmmütze zurecht, sah die Straße hinauf und hoch zur Steilküste.

„Jaja“, brummte er, „die bekommen, was sie brauchen, während unsereins zusehen kann, wie er überlebt. Wenn Anton oder sein Vater zu bestimmen hätten, wie es aufgeteilt wird, sähe es anders aus, nicht wahr?“

Charlotte erwiderte nichts. Obwohl sie um die Ungerechtigkeit wusste, sogar gezwungen war, ihr tagtäglich in ihr hässliches Antlitz zu schauen, war sie außerstande, etwas an dieser Situation zu verändern. Niemand, weder sie noch ein anderer Mitarbeiter der Meereskrone, war befugt, darauf Einfluss zu nehmen, ganz gleich, wie sehr sie es sich manchmal wünschten, egal, wie alles verzehrend der Hunger ihnen unten im Dorf begegnete.

Das Lazarett genoss Vorrang, was unter anderem bedeutete, dass für die Soldaten der Wehrmacht Lebensmittelmengen festgelegt wurden, von denen die Einheimischen nur zu träumen wagten. Es war ein unumstößliches Gesetz, eine Tatsache, und es nutzte nichts, sich in Diskussionen darüber zu verlieren. Ganz im Gegenteil.

„Machen Sie sich noch einen schönen Tag, Herr Treske“, sagte Charlotte, bemüht um einen nicht allzu resignierten Tonfall, und hob zum Abschied die Hand. „Passen Sie gut auf sich auf.“

Als Charlotte die Tür von Lorenz’ Fischhandel aufstieß, kündigte ein metallenes Glöckchen ihr Eintreten an. Sein Klang wirkte weder hell noch einladend, sondern fast so, als hütete es sich davor, ein Gefühl von Unbeschwertheit hervorzurufen, wo doch nichts und niemand im Raum entsprechend darauf reagieren würde.

„Tag, Herr Lorenz“, sagte Charlotte mit einem Blick zu dem Mann, der hinter der Theke stand, und seiner Kundin, Frau Kämmerer, die gerade einen hoffnungslosen Blick in die Auslage warf. Genau dorthin, wo eigentlich Hering lagern sollte, zurzeit aber mit Ausnahme von ein paar Blechdosen, einem Eimer mit Eisklumpen und zwei Flundern, die so dicht beieinanderlagen, als wollten sie sich gegenseitig wärmen, gähnende Leere herrschte.

„Gibt es irgendwann heute noch neue? Hier steht, dass ich Hering bekommen soll“, hörte Charlotte die Frau drängen, während sie ihre Rationierungskarte auf die Ablage schob und mit dem Zeigefinger die Buchstaben einer Zeile nachfuhr. „Die Kinder mögen Hering“, fügte sie in einem verzweifelten Ton hinzu.

Herr Lorenz seufzte leise. Er wusste genau wie Charlotte, dass es Frau Kämmerer nicht um den Fisch ging, sondern vielmehr darum, ihre Pfannen und Töpfe mit irgendetwas füllen zu können, den restlichen Tag zu überstehen, den nächsten nicht allzu sehr fürchten zu müssen.

„Ich seh schon, was draufsteht“, sagte er und blickte kurz auf, um Charlotte zuzunicken. „Aber, Frau Kämmerer, nur weil es auf der Karte steht, heißt das noch lange nicht, dass ich es auch da hab. Sie sehen es ja selbst, viel ist das nicht.“ Er zeigte auf die Auslagen und zuckte mit den Schultern.

Frau Kämmerer griff sich an die Stirn, ihre Augen schimmernd. „Und was soll ich jetzt tun?“

Charlotte lenkte ihren Blick auf den Korb, den die Frau so fest umklammert hielt, als hinge ihr Leben daran. Sie konzentrierte sich auf das Geflecht aus Weidenruten, fuhr das Muster nach, blieb hier und da an aufgesplitterten Enden hängen und tat ihr Möglichstes, um nicht daran zu denken, dass Anton eine große Ladung Heringe für sie beiseitegelegt hatte, die wahrscheinlich hinter dem Verkaufsraum auf ihre Abholung wartete.

Herr Lorenz griff unter die Theke und reichte Frau Kämmerer ein geschnürtes Päckchen.

„Es ist nicht viel“, sagte er und schob ihr die Rationierungskarte gleich wieder hin, ohne etwas abzustreichen. „Ein paar Köpfe und Gräten. Für eine Suppe wird es wohl noch reichen.“

„Danke“, flüsterte die Frau und verstaute das Bündel in ihrem Korb. „Gott wird es Ihnen vergelten.“

Herr Lorenz wartete, bis sie den Laden verlassen hatte, wischte mit einem nassen Lappen über die Theke, obwohl sich weder Krümel noch Fischreste darauf fanden, und wandte sich dann mit einem Räuspern Charlotte zu.

„Danke, dass du dich geduldet hast.“

„Aber natürlich“, gab sie zurück, schaute über ihre Schulter, um sich zu vergewissern, dass nicht bereits der nächste Kunde im Anmarsch war, dessen Blick sie gezwungen hätte, die für sie reservierte Ware vor ihrem schlechten Gewissen zu rechtfertigen. Doch niemand machte Anstalten, den Laden zu betreten.

„Ist Anton draußen?“ Sie wusste, dass ihr bester Freund eher selten den ganzen Vormittag im Verkaufsraum verbrachte, sondern meist unterwegs war, um Handelsgut abzuholen oder auszufahren. Seit das Herzleiden seines Vaters diesen immer öfter nach Luft ringen ließ und er die schweren Arbeiten im Laden nicht mehr allein bewältigen konnte, galt Anton für die Versorgung des Dorfes und der Meereskrone als unabkömmlich. Nur deshalb war er nicht eingezogen worden. Vorerst zumindest, denn wer heute noch verschont wurde, konnte bereits morgen einen Stellungsbefehl in den Händen halten.

Herr Lorenz lächelte. „Warte, ich sag ihm eben Bescheid, dass du da bist. Er liegt hinten noch unterm Laster und kriegt ihn nicht richtig zum Laufen. Wäre eine Schande, wenn er damit zur Werkstatt muss; das kostet ja jedes Mal ein halbes Vermögen.“ Damit verschwand der Mann durch eine Schiebetür in die kleine Küche, aus der die Klänge eines im Radio abgespielten Tanzstückes an Charlottes Ohren tönten. Ein gleichbleibender Rhythmus, die anmutige Stimme einer Sängerin, schwappte in den Laden und sorgte für ein bisschen Ablenkung, sodass Charlottes rechter Fuß, ohne dass sie es gewollt hätte, im Takt auf den Boden tippte. Sie sah hinaus durch das Fenster auf die Bergstraße, nahm Bewegung an den Tischen wahr, die direkt vor dem Gasthaus Anker aufgestellt waren, und entdeckte einen Fremden, der sich mit dem Wirt unterhielt. Charlotte reckte für einen Moment den Hals.

Sollte dies wirklich ein Urlauber sein? Jemand von außerhalb, der sich von einem Aufenthalt am Meer ein bisschen Zerstreuung, vielleicht sogar Erholung erhoffte? Doch bevor sich der Gedanke festigen konnte, löste er sich bereits in Luft auf. Sommerfrischler, Kur- oder Badegäste hatte Seeglingen so lange nicht mehr gesehen, dass Charlotte schon fast vergessen hatte, wie selbstverständlich sie einst zum Bild des Ortes gehört hatten.

In diesem Moment trat Anton in den Verkaufsraum, auf seinem Arm eine Holzkiste balancierend, die randvoll gefüllt war. Das Packpapier, in dem der Fisch eingerollt war, zeigte bereits feuchte Stellen, und der Geruch von frischem Hering, salzig und leicht metallisch, breitete sich sofort aus.

„Du bist schon da“, richtete Anton das Wort an Charlotte, während er die Kiste behutsam auf der Theke absetzte und sich seine Hände danach an der Schürze abwischte, die seinen schmalen Leib umschloss. „Ich hatte noch gar nicht mit dir gerechnet.“ Sein Lächeln war unverkennbar und hob nicht nur seine Mundwinkel, sondern brachte sein gesamtes Gesicht zum Leuchten, ließ ihn immer noch aussehen wie den kleinen Jungen, den Charlotte in ihrer frühesten Kindheit kennengelernt hatte. Damals hatte sie mit ihren Eltern am Rand von Seeglingen gewohnt, wo sie mit Anton, kaum ein Jahr älter als sie, dieselbe kleine Schule besuchte. Die meisten ihrer Nachmittage hatten sie am Strand verbracht, egal bei welchem Wetter, mit Sand in den Schuhen und vom Wind zerzausten Haaren, während sie im Spülsaum nach Bernstein suchten oder Treibholz sammelten.

„Ich war ein paar Minuten eher mit den Verbandswechseln fertig“, gab Charlotte zurück und ließ sich von Anton an sich drücken, ganz selbstverständlich, wie sie es immer schon getan hatten. Dann schob er sie nur Zentimeter von sich, seine linke Hand immer noch an ihrer Taille. „Dein ganzes Gesicht schimmert.“ Prüfend sah er sie an, hob dann die andere Hand und strich mit der Kuppe seines Zeigefingers über ihre Wange. „Als hättest du in Blütenstaub gebadet“, murmelte er.

Charlottes Haut prickelte angenehm unter seiner Berührung, von der sie nicht wusste, ob er sie absichtlich langsam ausführte oder nur besonders gründlich vorging. Warum sie diese Momente der Nähe in letzter Zeit eine Nuance verändert wahrnahm, ließ sich nicht klar benennen, denn so vertraut ihr Antons Gegenwart war, verbarg sich in ihr etwas, das über alles hinausging, was sie bislang zwischen ihnen gekannt hatte. Sie konnte nicht einmal behaupten, dass ihr dieser Gedanke missfiel. Im Gegenteil. Aber gerade weil er sich nicht falsch anfühlte, sondern auf eine Weise richtig, die sie durcheinanderbrachte, erschien es ihr umso notwendiger, ihn nicht weiterzuverfolgen.

Nicht jetzt.

Unwillkürlich erinnerte sie sich an eine Situation, die einige Wochen zurücklag. Anton hatte sich mit ihr in der Bibliothek der Meereskrone aufgehalten, einem weitläufigen Raum, der als einer der wenigen nicht der Umfunktionierung zu einem Kranken- oder Behandlungszimmer zum Opfer gefallen war.

„Ich könnte dir behilflich sein“, hatte er vorgeschlagen, als sie sich auf den Sprossen der Leiter auf die Zehenspitzen stellte und sich weit nach oben reckte, um im höchsten Regal die alten Bildbände zu erreichen.

„Wobei denn?“, hatte sie geantwortet und ihm einen flüchtigen Blick zugeworfen. „Denkst du etwa, ich schaff das nicht allein?“

Anton hatte leise gelacht. „Doch, das schon. Aber ein bisschen Hilfe schadet ja nicht.“

Endlich war es ihr gelungen, den dicken Schmöker über Südamerika hervorzuziehen, den sich einer ihrer Patienten so gerne anschauen wollte, doch das Gewicht des Buches hatte sie deutlich unterschätzt. Sie versuchte noch, ihr Gleichgewicht wiederzufinden, als sie das Ding mit beiden Händen balancierte, aber die Schwerkraft forderte ihren Tribut, sodass Charlotte nicht nur den Bildband fallen ließ, sondern auch selbst von der obersten Sprosse der Leiter rutschte.

Alles war im Bruchteil einer Sekunde geschehen, und sie war fest davon ausgegangen, auf den Boden aufzuschlagen, aber dann hatte sie sich in Antons Armen wiedergefunden.

„Hab ich dich!“, rief er, während sich seine Arme um ihren Körper schlossen.

Im ersten Augenblick hatte Charlotte einfach nur aufgeatmet, im nächsten war ihrer Kehle ein befreiendes Lachen entstiegen, in das Anton eingestimmt hatte, der Griff seiner Hände so fest und doch so sanft, als liefe sie immer noch Gefahr, sich demnächst den Kopf auf den harten Dielen anzustoßen. Und dann … dann war Charlotte die Situation plötzlich höchst unangenehm gewesen.

Anton hatte die Röte, die ihr übers Dekolleté ins Gesicht gekrochen war, zweifelsfrei bemerkt, sie hatte es an seinem irritierten Blick gesehen. Doch er hatte sich bemüht, so zu tun, als habe er keine Notiz davon genommen, war darüber hinweggegangen und hatte auch anschließend nicht nachgefragt, als sie sich beschämt aus seinen Armen gewunden und fortgedreht hatte, um den Bildband aufzuheben.

Das leichte Zittern seiner Finger hatte sie dennoch registriert.

„Schön, dich zu sehen“, sagte er jetzt und presste seine Wange erneut an ihre. Seine Bartstoppeln kratzten ein wenig; die dunkelblonden Strähnen, von denen einzelne im Licht des Sommers heller leuchteten als andere, kitzelten an ihrer Halsschlagader. Fast hätte sie eine Hand angehoben, um Anton in seinen dichten Schopf zu packen, denn wie immer standen seine Haare in sämtliche Richtungen ab, folgten jeder Böe, die durch sie hindurchfuhr, kräuselten sich in der feuchten Seeluft und dufteten herrlich nach Beständigkeit.

Charlotte hielt gedanklich inne, aber ihr fiel kein anderer Begriff ein, der auszudrücken vermochte, welche seiner ganz eigenen Aromen ihre Sinne vereinnahmen wollte.

Sie löste sich einen Herzschlag früher aus seiner Umarmung, als nötig gewesen wäre, trat zwei Schritte zur Seite, um die Holzkiste zu inspizieren, und schüttelte die aufkeimenden Empfindungen von sich ab wie einen Schwarm Mücken, der sie zu verfolgen suchte.

„Und du denkst, dass das für die kommende Woche ausreicht?“ Charlotte schob das Packpapier beiseite, um ihren Blick über die Heringe wandern zu lassen. Silbrig glänzend, an einem Stück und grob gesalzen.

„Muss es“, gab Anton schulterzuckend zurück. „Der Rest geht wie üblich per Eisenbahn und Schiff auf die Reise.“

Charlotte nickte. Die Betriebe Seeglingens unterstanden den strengen Abgabepflichten, die vor allem den Bedarf der Wehrmacht bedienten; sie verteilten die Mengen, die verlangt wurden, wobei die Dorfbewohner mit dem zurechtkommen mussten, was am Ende übrigblieb.

Und das war nie genug.

„Ich weiß“, sagte Charlotte und schlug das Papier wieder über den Fisch. „Ich frage mich immer, was -“

Das Radio aus der Küche knackte laut, die Musik brach mitten in der Strophe ab, als hätte jemand das Gerät ausgeschaltet. Für einen Augenblick war nur Rauschen zu hören, bevor sich eine Stimme meldete, nüchtern im Ton und doch von einem unterschwelligen Schaudern durchzogen, das Charlotte in Mark und Bein fuhr.

Achtung, Achtung, wir bringen eine Sondermeldung. In der vergangenen Nacht haben feindliche Bomberverbände erneut schwere Luftangriffe auf das Stadtgebiet von Hamburg geflogen. Trotz des entschlossenen Einsatzes unserer Luftabwehr kam es in mehreren Stadtteilen zu erheblichen Schäden an Wohn- und Industrieanlagen. Die Aufräumarbeiten haben unverzüglich begonnen, Hilfs- und Rettungskräfte sind im Einsatz, die Bevölkerung wird aufgefordert, Ruhe zu bewahren und den Anweisungen der zuständigen Stellen Folge zu leisten. Weitere Meldungen folgen in Kürze.

Anton stemmte die Hände in die Hüften und schüttelte kaum merklich den Kopf.

„Wann hört das endlich auf?“

Charlotte reagierte nicht gleich. Natürlich war Antons Frage berechtigt, obschon niemand darauf eine befriedigende Antwort wusste und sie sich deshalb erübrigte.

„Jetzt jedenfalls nicht“, sagte sie, eine Spur Bitterkeit in ihrer Stimme. „Es geht genauso weiter.“ Es war eine trockene Feststellung, die sie machte, eine, die mit gerade so vielen Emotionen einherging, dass die grausamen Fakten nicht an ihrer inneren Festung rüttelten. Einen Zusammenbruch konnte sie sich nicht leisten, sie wurde schließlich gebraucht.

In Charlottes Kopf wirbelten die Aufgaben, die sie in nächster Zeit zu bewältigen haben würde, in einem heillosen Chaos durcheinander, bevor sie sie schließlich nach Dringlichkeit zu ordnen begannen.

Wenn Hamburg brannte, würden neue Flüchtlingsströme die Ostseeküste erreichen. Sie fragte sich zwar, wie all diese armen Menschen untergebracht werden sollten, doch sie hatte es sich längst abgewöhnt, um Rat zu fragen oder den fortwährenden Zustand zu beklagen.

Entweder hörte niemand zu oder es gab schlicht und ergreifend keine Antworten. Das Einzige, was feststand, war, dass es weitergehen musste.

„Ich mache mich besser auf den Rückweg“, murmelte Charlotte und ließ sich von Anton die Holzkiste auf die Unterarme hieven.

„Ich würde dir gern helfen, aber der Laster …“ Er legte die Stirn in Falten. „Du weißt ja, wie dringend wir ihn brauchen. Ich muss mich darum kümmern.“

Charlotte schüttelte den Kopf. „Mach dir um mich keine Sorgen, ich schaff das schon.“

Er schenkte ihr ein schiefes Lächeln, nickte und hielt die Ladentür auf.

Kapitel 2

Charlotte arbeitete sich Bett für Bett durch die Zimmer, die kaum noch an jene Räumlichkeiten erinnerten, in denen bis vor einigen Jahren Gäste residiert hatten. Vom einstigen Komfort waren nur die hohen Decken, die breiten Fenster und hier und da ein Schrank geblieben, dessen blank poliertes Holz zwischen eisernen Bettgestellen seltsam fehl am Platz wirkte. Die gemütlichen Sessel und Tische gab es nicht mehr, und an den Fenstern ersetzten grobe Verdunkelungsbahnen die edlen Stoffe, die damals den Blick aufs Meer gerahmt hatten.

Aber wie üblich hatte Charlotte wenig Zeit, der Vergangenheit nachzuhängen. Den Korb mit den nötigsten Verbandsmaterialien fest unter ihren Arm geklemmt, war sie bereit, jenen Patienten, die ihr auf Gehstützen oder schon ohne jegliche Hilfen entgegenkamen, ein paar Worte des Lobes mitzugeben. Sie gab sich Mühe, Hoffnung zu verbreiten, sofern die Genesenen nicht gleich wieder gezwungen waren, ins Gefecht zurückzukehren. Für so manch einen der eher leicht Verletzten, die in der dritten Etage der Meereskrone untergebracht waren, war es genau diese Aussicht, die ihnen den Schlaf raubte. Selbst dann, wenn sie nach außen hin von Pflicht und Kameradschaft sprachen. Doch es gab auch diejenigen, deren Verletzungen eine Rückkehr an die Front verhinderten oder zumindest hinauszögerten. Obwohl sie sich hätten glücklich schätzen dürfen, verließen die meisten von ihnen das Lazarett mit gesenktem Haupt, als hätten sie etwas empfangen, das ihnen eigentlich nicht zustand.

Charlotte warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Mit nur einem Arzt fürs ganze Haus und, sie selbst mitgerechnet, drei Schwestern waren sie heute wieder so unterbesetzt, dass es schwer werden würde, bis zum Nachmittag auch nur die Hälfte aller Verletzten zu versorgen. Vor allem, wenn unvorhersehbare Eingriffe wie etwa Amputationen durchgeführt werden mussten, weil sich Wunden lebensbedrohlich infiziert hatten – was häufiger vorkam, als Räume und Personal zur Verfügung standen. Abszesse zu öffnen, um eine Ausbreitung von bakteriellem Befall zu verhindern, war hingegen etwas, das fast täglich passierte und den Zeitplan des Personals gehörig durcheinanderbrachte. Schließlich waren Charlotte, die fest eingestellten Krankenschwestern und die wenigen Hilfskräfte nicht nur für die Art von Patienten zuständig, die mit den begrenzten Möglichkeiten eines Behelfslazaretts, wie die Meereskrone es war, versorgt werden konnten.

Bauchschüsse, tiefgehende Splitterverletzungen, Schädeltraumata oder schwere Verbrennungen verlangten weitreichendere Behandlung und intensive Überwachung. Nichts davon konnte ein umfunktioniertes Grand Hotel leisten. Doch wenn die regulären Krankenhäuser hoffnungslos überfüllt waren oder Transportketten zusammenbrachen, wurden immer wieder Männer eingeliefert, die nicht hierhergehörten. Natürlich sprachen die Ärzte dann von rascher Verlegung, aber nicht selten wurden aus Stunden Tage und aus einer Übergangslösung ein Zustand, der am Ende über Leben und Tod entschied.

Charlotte hatte ihre Runde im oberen Geschoss des Hauses beendet und eilte durchs lichtdurchflutete Treppenhaus in die zweite Etage hinab, wo Schwer- und Schwerstverletzte auf eine Wendung ihres Schicksals hofften. Normalerweise war sie überall schnellen Schrittes unterwegs, und selbst wenn sie sich stets bemühte, gesprächsoffen und zugewandt zu arbeiten – wofür die Patienten sie sehr schätzten –, war sie gedanklich meist schon bei ihrer nächsten Aufgabe, sortierte Arbeitsschritte oder überlegte, wer wann welche Schichten übernehmen konnte, damit wenigstens kleine Pausen gewährleistet waren.

War sie jedoch mit den Menschen beschäftigt, die außer der Gewogenheit des medizinischen und pflegerischen Personals niemanden hatten, der ihnen in ihren schwersten Stunden zur Seite stehen konnte, nahm Charlotte sich etwas mehr Zeit.

Als sie Zimmer 205 erreichte, hielt sie einen Moment inne, um durchzuatmen. Nicht nur, um ihren Puls zu beruhigen, sondern vielmehr, um sich auf die folgenden Minuten vorzubereiten. Dass Paul Hartmann bald von seinem Leiden erlöst sein würde, sollte der Herrgott ihm gnädig sein, hatte sie der Nachtschwester bereits gestern übergeben. Eine Granatsplitterverletzung hatte seinen Darm und mehrere Bauchgefäße in Mitleidenschaft gezogen, zu schweren Entzündungen geführt und schließlich eine fortschreitende Blutvergiftung in Gang gesetzt. Es hatte von Anfang an nicht gut um den Unteroffizier gestanden, doch damit, dass sein Zustand sich so rasant verschlechterte, wie es nun der Fall war, hatte Charlotte nicht gerechnet.

Vor der geschlossenen Tür stehend, horchte sie vergeblich nach den typischen Geräuschen, die regelmäßig aus eben solchen Zimmern wie diesem bis in den Flur drangen. Laute, die zwar von Schmerzen und Verzweiflung der Verwundeten zeugten, aber eben auch bewiesen, dass sie noch bei Bewusstsein und imstande waren, dem, was sie verspürten, Ausdruck zu verleihen. War es erst einmal so weit, dass sie verstummten, bedeutete das nie etwas Gutes.

Der Geruch von Karbol und Alkohol, vermischt mit saurem Schweiß und etwas Süßlichem, das sich nicht verziehen wollte, egal wie oft sie die Fenster öffnete, schlug ihr entgegen, als sie eintrat. Mit einem Seitenblick auf das Bett links von ihr vergewisserte Charlotte sich, dass der zweite Patient, einer mit Schädel-Hirn-Trauma und seit gestern auf Verlegung nach Berlin wartend, noch unter den Lebenden weilte. Anschließend näherte sie sich der Pritsche von Paul Hartmann.

Der Mann wirkte klein und nicht mehr so jung, wie er war, fast unscheinbar in seinem grauen Krankenhemd und um Jahre gealtert durch die eingefallenen Wangen. Charlotte zog einen einfachen Holzschemel heran und setzte sich neben das Bett. Ihr Blick glitt über die Gesichtszüge des Unteroffiziers. Die tiefe Falte oberhalb seiner Nasenwurzel ließ vermuten, dass er litt, auch wenn er kaum noch befähigt war, seinen Schmerz zu äußern. Sie betrachtete die geschlossenen Lider, unter denen nur noch selten Augenbewegungen zu erahnen waren, und die spröden Lippen, leicht geöffnet, über die unregelmäßige Atemzüge entwichen.

Charlotte griff über Hartmanns Körper, streifte die Wolldecke ein Stück zurück, um die straffen Verbände, welche seinen Leib umspannten, zu inspizieren. Sie wirkten sauber, doch unter dieser vermeintlichen Ordnung hatte das Gewebe längst zu zerfallen begonnen, unaufhaltsam und im Verborgenen.

Sie zog die Decke wieder glatt, spülte den Lappen, der auf seiner Stirn lag, in der Waschschüssel aus und platzierte ihn wieder unterhalb seines Haaransatzes. In diesem Moment regte sich der Mann fast unmerklich. Es war nicht viel mehr als ein Flattern unter seinen Lidern, das Zucken eines Mundwinkels, doch als Charlotte ihn leise ansprach, schien er zu reagieren.

„Herr Unteroffizier Hartmann“, sagte sie im Wissen, dass es in den Augen vieler anderer Schwestern unnötig war, Patienten in diesem Stadium noch mit vollem Rang und Namen anzusprechen. Charlotte tat es dennoch. „Können Sie mich hören?“

Sie nahm seine Hand in ihre, strich sanft über die marmorierte Haut.

Ein Laut, der mehr einem müden Seufzen als einer Stimme ähnelte, drang an ihre Ohren, gefolgt von ein paar Wortfetzen, die sie zwar nur schwer verstand und doch richtig deutete: Geht es zu Ende mit mir?

„Ja, es wird nicht mehr lange dauern“, antwortete sie ehrlich. „Ich bin hier. Und ich bleibe, bis sie eingeschlafen sind.“

Sein Kopf drehte sich um wenige Zentimeter in ihre Richtung, seine Finger übten kaum spürbaren Druck aus, eine Reaktion, die sie als stillen Dank empfand. Mehr konnte er nicht mehr tun, und es ging über das, was Charlotte erwartet hätte, weit hinaus.

Sie zählte seine Atemzüge nicht, bemerkte aber, dass zwischen ihnen Pausen entstanden, die länger und länger anhielten, gefolgt von einem Ringen nach Luft, das dem eines Ertrinkenden ähnelte, wenn er endlich durch die Wasseroberfläche drang und seine Lungen mit Sauerstoff füllte. Doch in Fällen wie Hartmanns war mit einer Besserung nicht mehr zu rechnen, ganz im Gegenteil.

Es dauerte nicht lange, da hob und senkte sich seine Brust kaum noch, und dann plötzlich gar nicht mehr. Alles kam zum Stillstand, die Uhr seines Lebens war angehalten worden, und nichts würde sie mehr in Gang setzen.

Charlotte nahm das zerknitterte Bild vom Nachttisch des Unteroffiziers, eine Schwarz-Weiß-Fotografie, die seine Frau in einem wunderschönen Kleid zeigte, auf ihrem Schoß ein Mädchen von vielleicht drei oder vier Jahren. Komm bald heim, wir erwarten dich, stand in feiner Schreibschrift am unteren Rand vermerkt, daneben zwei winzige ineinander verschlungene Herzen.

Ebenso wie einen Brief, den Hartmann begonnen hatte, als sein Gesundheitszustand es noch erlaubte, klemmte Charlotte das Bild in die oberste Schlaufe seines Verbandes, damit er beides mitnehmen konnte. Dorthin, wo auch immer seine letzte Ruhestätte sich befinden mochte – mit großer Wahrscheinlichkeit weit weg von seiner Frau und seinem Kind, denn Überführungen in die Heimat waren eine absolute Ausnahme.

Charlotte strich Hartmann noch ein letztes Mal über seine Hand, bekreuzigte ihn und sich und verließ den Raum, um dem Arzt Meldung zu machen.

Auf dem Weg ins Foyer, wo sie Doktor Gellen vermutete, begegnete sie Luise, die gerade ein fahrbares Gestell mit frischen Laken und Wolldecken belud. Sie war wie Charlotte neunzehn Jahre alt, und gemeinsam waren sie die jüngsten Lazarettschwestern der Meereskrone, hatten die verkürzte Ausbildung in Stettin gemeinsam absolviert und sich während dieser Zeit angefreundet. Einem Zufall war es zu verdanken gewesen, dass Luise nach ihren Prüfungen nach Seeglingen versetzt wurde. Einem überaus glücklichen Zufall, denn auch wenn es während des Krieges nicht viel gab, über das sich zu freuen lohnte, gehörte der Umstand, die beste Freundin beinahe tagtäglich an seiner Seite zu wissen, definitiv dazu.

„Wenn nichts dazwischenkommt“, sagte Luise, während Charlotte ihr die restlichen Wäschestücke aus einem Schrank reichte, „würde ich gegen Abend gern etwas spazieren gehen. Vielleicht eine halbe Stunde unten am Strand. Oder“, ihre Augen blitzten auf, während ihre Brauen verheißungsvoll wackelten, „wir schauen im Anker vorbei und fragen ein paar Burschen, ob sie Lust haben, mit uns durch den Schloonsee zu schwimmen.“ Sie gluckste. „Das würde sicher viel Spaß machen, meinst du nicht? Es ist so lange her, und wir könnten Anton mitnehmen.“

Charlotte hielt einen Moment inne. „Du meinst, wenn wir nicht auch den Spätdienst übernehmen müssen, was, wenn du mich fragst, gar nicht so unwahrscheinlich ist? Soweit ich es mitbekommen habe, wird Franziska heute noch nicht antreten können; ihr Hautausschlag hat sich verschlimmert, und bevor Doktor Gellen nicht eine Aussage über den Ursprung der Erkrankung machen kann, will er kein Risiko eingehen. Es könnten immerhin die Pocken sein.“ Luise verdrehte die Augen und zählte die Laken durch, schien im Kopf zu überschlagen, ob sie weitere benötigte. „Daran habe ich auch schon denken müssen. Aber deine Großmutter sagte heute früh, dass jemand aus dem Dorf kommt, um auszuhelfen – wenn wir ein bisschen Glück haben, auch regelmäßig. Jedenfalls erwähnte Doktor Gellen so etwas, als die beiden sich gestern über die Einteilung der Schichten unterhalten haben.“

„Freu dich besser nicht zu früh!“, antwortete Charlotte.

„Dass du stets alles so schwarzmalen musst, ist nicht gut für dich, meine Liebe. Sorgenfalten graben tief und verschwinden nie wieder.“ Luise hob ermahnend den Zeigefinger, lachte aber dann und zog Charlotte in eine herzliche Umarmung. Sie hatte die Angewohnheit, auch dann Scherze zu machen, wenn es eigentlich nichts zu lachen gab. „Immerhin könnte Fortuna mit uns sein. Denk doch mal daran!“, versuchte sie, Charlotte aufzumuntern.

„Du hast ja recht“, gab diese zurück, glaubte aber trotzdem nicht daran, dass sie heute noch etwas Freizeit mit ihrer Freundin würde verbringen können. Die Erfahrung lehrte sie in jeder Minute das genaue Gegenteil. Zudem empfand es niemand als unbeschreibliches Glück, wenn jemand aus dem Dorf aushalf oder der Meereskrone – oft nur vorübergehend – eine neue Krankenschwester zugeteilt wurde. Für den Rest bedeutete dieser Umstand nicht automatisch, dass ihnen mehr Freizeit zur Verfügung stand, denn die Einarbeitung neuer Arbeitskräfte kostete Zeit und Mühen.

Phasen, in denen sich das Personal erholen konnte, existierten schlicht nicht. Vielmehr waren es kurze Atempausen. Oftmals sehr kurz. Ein kaum merkliches Innehalten, bevor alles wieder von vorne begann.

Charlotte erlaubte sich, einen Augenblick lang loszulassen, um das Gewicht, welches auf ihren Schultern lag, mit Luise zu teilen. Dann löste sie sich aus der Umarmung, um zum Tagesgeschäft zurückzukehren.

Sie erledigte ihre Arbeit gewissenhaft, verfolgte Abläufe konzentriert und beklagte sich so gut wie nie. Das Gefühl, gebraucht zu werden, hatte sie schon immer gemocht, auch wenn ihr Bemühen am Ende nicht immer ausreichte. Sie tat ihr Bestes, und es war keine Seltenheit, dass die Ärzte erleichtert aufseufzten, wenn sie gewahr wurden, dass Charlotte in ihrer Schicht zugegen sein würde.

Vielleicht war es genau dieses Gefühl, welches Charlotte schon immer den größten Halt versprochen hatte: nützlich zu sein.

Rike, ihre Mutter, war im selben Alter gewesen wie Charlotte heute, als sie Mutter geworden war. Auch sie war in der Meereskrone aufgewachsen, hatte die Flure in- und auswendig gekannt, die Stimmen im Speisesaal, das Knarren sämtlicher Holzdielen. Die Verbundenheit mit dem Hotel war ihr ebenso selbstverständlich gewesen wie das Atmen. Und doch hatte sie erfahren, dass selbst das Beständigste im Leben nicht unverrückbar war.

Charlottes Vater, Patrick Kent, ein aufstrebender Kaufmann aus New York, der mit Stoffen und Kolonialwaren handelte, war an die Ostsee gereist, um neue Verbindungen zu knüpfen sowie Verträge zu schließen. Zwischen Gesprächen über Lieferketten und Frachtpreise waren ihre Eltern sich begegnet, hatten sich Hals über Kopf ineinander verliebt und bald darauf geheiratet. Nur kurz nachdem die beiden ein kleines Haus am Rande von Seeglingen bezogen hatten, wurde Charlotte in einer stürmischen Winternacht geboren. Sie wuchs zwischen englischen Redewendungen und dem ruhigen, gedehnten Tonfall ihrer Mutter auf, und es waren wundervolle Jahre gewesen, an die sie sich gern erinnerte.

Doch ihr Vater hatte sich nie ganz heimisch an der Ostsee gefühlt. Oft war sein Blick über das Meer geglitten, und so, als lauschte er einem Ruf, den sonst niemand hörte, träumte er sich zurück in seine Heimat und sprach letztlich immer häufiger von den unbegrenzten Möglichkeiten, die Amerika bereithielt.

Charlotte hatte kurz vor ihrem fünfzehnten Geburtstag gestanden, als ihre Eltern nach New York gingen. Natürlich hätte dies nicht ohne sie geschehen sollen, aber als Charlotte krank wurde vor Kummer, weil der Zeitpunkt des Umzuges näher rückte, die Koffer gepackt waren und der Abschied bevorstand, ließen sie sich auf einen Kompromiss ein. Charlotte sollte nachkommen, sobald in New York alles geregelt war, womit sie ihr auch ein wenig mehr Zeit einräumten, sich von Seeglingen und der Meereskrone zu verabschieden.

Natürlich traten ihre Eltern die Reise nicht ohne eine gewisse Sorge an – jene beständige Unruhe, die eine Mutter und einen Vater begleitet, wenn sie ihre Tochter zurücklassen –, doch im Vertrauen darauf, dass Charlotte kein kleines Kind und die Versorgung durch Rikes Mutter Anna gewährleistet war, willigten sie schweren Herzens ein. Dass aus ein paar Monaten Jahre werden sollten, hatte damals niemand kommen sehen.

Am allerwenigsten Charlotte.

In den ersten Wochen, nachdem ihre Eltern nach Amerika übergesetzt hatten, war es ihr noch wie ein Triumph erschienen, ihren Kopf durchgesetzt zu haben. Doch je länger ihre Mutter und ihr Vater fort gewesen waren, desto schmerzlicher hatte sie sie vermisst.

Später hatte Charlotte sich gefragt, ob sie ihren Eltern nach den angedachten drei Monaten nicht sogar weniger trotzig nach New York gefolgt wäre. Allerdings stellte es sich als müßig heraus, darüber zu sinnieren. Was blieb, waren Briefe, die anfangs in loser Regelmäßigkeit eingetroffen waren, dann nur noch vereinzelt, die Tinte tränenverschmiert, die Schrift krakelig. Und als Charlotte zufällig ein Schreiben ihres Vaters in die Hände fiel, das allein an ihre Großmutter adressiert gewesen war, eine Nachricht, in der er darüber berichtete, dass Rike ihre Tochter so sehr vermisste, dass ihr kein Schritt möglich war, ohne die Fassung zu verlieren, hatte Charlotte begriffen, dass ihr damaliges Sträuben nicht nur eine Narbe in ihrer eigenen Seele hinterlassen hatte.

Sich zu beschweren, war für sie dennoch nie infrage gekommen. Sie beendete die Volksschule, absolvierte auf Anraten ihrer Großmutter die verkürzte Ausbildung zur Krankenschwester, sodass sie unabhängig war, falls sie irgendwann von ihrem gefassten Plan absah, in Annas Fußstapfen zu treten und die Leitung der Meereskrone zu übernehmen.

Während ihre Eltern auf einem anderen Kontinent Fuß fassten, unfreiwillig ohne ihre Tochter, und Charlottes Zeit in Stettin voranschritt, hatte sich das Hotel verwandelt. Wo es zu Beginn des Krieges noch Gäste beherbergt hatte, der Betrieb weitgehend wie gewohnt weitergelaufen war, bewohnte seit Ende 1942 kein einziger Sommerfrischler oder Kurgast mehr die Zimmer. Stattdessen war im gesamten ersten Stockwerk, der damaligen Beletage des Hauses, behelfsmäßige Behandlungssäle eingerichtet worden. Früher hatte dieser Teil der Meereskrone den Gästen gehört, die besonderen Komfort erwarteten; nun wurden dort kleinere Notoperationen durchgeführt, Gliedmaßen geschient und Entscheidungen getroffen, bei denen kein Mensch mehr von echter Erholung sprach. Die Patientenzimmer in den Etagen darüber waren damals wie heute meist überfüllt, durchzogen vom leisen und lauten Wehklagen jener Verwundeten, die die sinnlosen Schlachten fortwährend ausspuckten.

Und Charlotte hatte sich gefügt.

Nachdem sie Doktor Gellen die Nachricht über den Tod des Unteroffiziers Hartmann überbracht und ihm die nötigen Dokumente für die formelle Bestätigung in die Hand gedrückt hatte, steuerte sie den Verwaltungstrakt an. In dem Flur, der sich unweit der ehemaligen Empfangstheke des Hotels befand – heute erste Anlaufstelle für Patienten, Sanitäter und Ärzte –, lagen drei Büros. Eines davon hatte ihre Großmutter ihr überlassen, damals, als viele noch gehofft hatten, der Krieg ließe sich abwenden oder zumindest begrenzen.

Charlotte hatte an der Einrichtung keine großen Veränderungen vorgenommen. Abgesehen davon, dass sie den Raum kaum für die Erledigung der Aufgaben einer stellvertretenden Hoteldirektion nutzte, sondern ihre Großmutter lediglich dabei unterstützte, rein organisatorische Belange des Lazaretts zu bearbeiten, war nach ihrer Rückkehr aus Stettin keine Zeit gewesen, um an Modernisierung oder Gemütlichkeit zu denken.

Charlotte schloss die Tür hinter sich, lehnte sich für einen Augenblick dagegen und lauschte in die Stille hinein. Das kurze Gespräch mit Luise noch in ihren Ohren nachhallend, setzte sie sich an ihren Schreibtisch. Die vage Aussicht auf einen kurzen Spaziergang am Strand, einen Ausflug ins kühle Nass des Sees, der sich unweit des Dorfes Richtung Hinterland in die Natur einfügte, und der Drang, frische Luft zu atmen sowie das Geräusch der Brandung zu hören, ließen sie nach dem Dienstplan suchen. Sie wollte nachsehen, ob die Besetzung der Spätschicht es vielleicht erlaubte, auch nur einen Gedanken an ein mögliches Treffen mit Luise auf der Promenade zu verschwenden. Sich auf etwas verlassen zu wollen, glich dem Versuch, einen Schmetterlingsflügel zu berühren, ohne ihm Schaden zuzufügen. Aber Charlotte tat ihr Bestes.

Sie schob ein paar Akten zur Seite, Genesungsverläufe von Patienten, die gestern entlassen werden konnten, öffnete eine Mappe, in der sie Materialanforderungen sammelte und schaute in die unterste Schublade ihres Schreibtisches. Wann immer sie schnell Ordnung schaffen wollte, in der Regel dann, wenn unangekündigter Besuch im Türrahmen stand, ließ sie darin gern Aufträge, Pflegeberichte und hin und wieder eben auch den Dienstplan verschwinden. Doch er blieb unauffindbar.

Charlotte erhob sich, klopfte an die Tür des kleinen Korrespondenzzimmers, das ihr Büro von dem ihrer Großmutter trennte. Vielleicht wusste Mechthild, die schon seit einigen Jahren als Sekretärin für die Meereskrone arbeitete, wo der Plan abgeblieben war.

„Darf ich dich kurz stören?“, fragte Charlotte leise, als sie Mechthild über ein Abrechnungsformular sitzen sah, ihr Rücken leicht gekrümmt, die Brille tief auf ihrer Nase. „Ich bin auf der Suche nach dem Dienstplan.“

„Den hat sich deine Großmutter vorhin geholt – es mussten Änderungen eingetragen werden.“ Mechthild lächelte Charlotte an, wies mit dem Kinn auf die andere Tür, die von ihrem Zimmer abging, und beugte sich dann wieder über ihre Papiere.

Charlotte dankte der Sekretärin und wollte gerade ihre Hand auf die Klinke zum Nachbarbüro legen, da sah Mechthild noch einmal auf.

„Sie führt ein Telefonat. Es dauert schon eine ganze Weile, aber geh ruhig hinein.“

Charlotte nickte, öffnete die Tür und schob sich durch den Spalt. Ihre Großmutter saß hinter ihrem Schreibtisch, den Hörer ans Ohr gedrückt, ihren Blick auf ein aufgeschlagenes Notizbuch gerichtet. Sie sprach konzentriert und präzise, mit jener Selbstverständlichkeit, die Charlotte schon als Kind beeindruckt hatte. Immer schon war es ihr vorgekommen, als wüsste ihre Großmutter auf jedes Problem eine Antwort, ließe sich durch nichts aus ihrem Konzept bringen, ein Grund, warum sie trotz ihres hohen Alters von vierundsiebzig Jahren immer noch die Führung der Meereskrone innehatte.

An ihrem Durchsetzungsvermögen und ihrer ungebrochenen Haltung hatte sich selbst vor zwei Jahren nicht viel geändert, als ihr Mann, Charlottes Großvater Matthias, verstorben war – zumindest nicht in einer Weise, die nach außen hin sichtbar wäre. Und doch gab es Augenblicke, in denen Charlotte meinte, einen Teil ihrer Großmutter durchschimmern zu sehen, der stiller geworden war, als hätte ihr großer Verlust doch mehr als eine Spur hinterlassen, die sich nicht mehr ganz verwischen ließ.

Wie wünschte Charlotte ihr, dass sie nicht mehr gezwungen war, jeden Tag als Erste im Büro zu erscheinen, jede Entscheidung mittragen zu müssen, obwohl das Hotel, ihr Herzensprojekt, sich so verändert hatte. Sie hatte es mehr als verdient, dass ihr das Haus endlich zurückgab, was sie ihm jahrzehntelang geschenkt hatte: Raum zum Atmen. Doch die Zeit, sich in den Ruhestand zurückzuziehen und die Früchte getaner Arbeit zu genießen, war für Anna Albrecht noch nicht gekommen.

Einen Moment, formten sich ihre Lippen zu der Bitte, während sie ihre Enkelin kurz ansah, sich aber dann gleich wieder ihrem Gesprächspartner am Telefon zuwandte. „Können Sie nähere Angaben dazu machen?“, fragte sie und nahm einen Bleistift zur Hand, notierte eine Zahl und schrieb dahinter etwas, das Charlotte von ihrer Position aus nicht entziffern konnte. Was sie jedoch erkannte, war die säuberliche Schrift ihrer Großmutter, die exakte Führung, den Schwung, den sie manchen Buchstaben verlieh. Anna mochte müde wirken, doch ließ sie nichts davon ihre Arbeit beeinflussen. Ihre Art, jede Aufgabe zu bewältigen, grenzte in Charlottes Augen an Perfektion, und nicht weniger als Perfektion war sie bereit einzusetzen, wenn sie selbst irgendwann einmal die Direktion der Meereskrone übernehmen würde.

„Liebes“, begrüßte ihre Großmutter sie, nachdem sie den Hörer eingehängt hatte und sich zurücklehnte, die Hände über den schmalen Gürtel ihres Rockes ineinander verschränkt. „Entschuldige, es hat etwas gedauert, aber jetzt bin ich für dich da.“

Charlotte setzte sich in den Sessel, der auf der anderen Seite des Schreibtisches stand und schlug die Beine übereinander. „Ich bin auf der Suche nach dem Dienstplan. Mechthild sagte, du hättest ihn eben aus meinem Büro geholt, um Änderungen daran vorzunehmen.“

„Ganz recht.“ Die Aussage ihrer Großmutter klang unheilverheißend.

„Dann nehme ich an, es geht um den Spätdienst und darum, dass Franziska länger ausfallen wird als gedacht.“

Anna nickte langsam. „Wir bekommen zwar jemanden aus dem Dorf, aber es wird eng werden, befürchte ich.“

Charlotte wusste, was das bedeutete. Luises Wunsch, den langen Tag mit ihr am Strand oder am See ausklingen zu lassen, verblasste wie ein letztes Sonnenuntergangsglühen, bevor der Nachthimmel sein dunkles Firmament aufspannte und jedes Licht verschluckte.

„Dann werde ich mich mal umhören, ob außer mir noch jemand aus der Frühschicht länger bleiben kann“, sagte sie und erhob sich wieder. „Den Dienstplan brauche ich doch nicht.“

„Ich danke dir.“ Anna nickte ihr schwach lächelnd zu, massierte ihre Schläfen und schloss für einen Moment ihre Augen. Charlotte betrachtete die Linien, die sich darum zogen wie ein feingewobenes Netz, zeichnete die geschwungene Kontur einer Locke nach, die ihr in die Stirn gefallen war. „Wer war am Telefon?“, fragte sie, weil sie merkte, dass etwas ihrer Großmutter Sorgen bereitete. Etwas, das den Rahmen des Gewohnten sprengte.

Anna zögerte nicht mit ihrer Antwort. „Hamburg. Es ging um die Evakuierung nach den Bombenangriffen. Ganze Viertel sind zerstört.“

Charlotte spürte, wie sich ihr Innerstes zusammenzog. Sie hatte damit gerechnet, dass Usedom von neuen Flüchtlingsströmen heimgesucht werden würde, seit sie und Anton vor ein paar Tagen die Meldung im Radio gehört hatten. Doch so lange keine konkrete Ankündigung eingetroffen war, war es ein Gedanke geblieben, nicht mehr und nicht weniger als eine dunkle Wolke, die heranrollte, unschlüssig, sich wieder in Luft aufzulösen oder sie mit Regen zu überschütten.

„Das heißt, die Ersten werden bald eintreffen?“, fragte Charlotte.

Anna nickte kurz, bevor sie sich wieder ihren Notizen zuwandte. „Morgen schon.“