Leseprobe Traue ihr nicht

PROLOG

Die Morgenluft liegt schwer über dem Wald, als trüge sie noch die Last der vergangenen Nacht. Die gequälten Laute, die zwischen den Bäumen widerhallten, sind längst verstummt. Von der Gruppe ist kaum noch etwas übrig. Nur eine Spur bleibt.

Der Boden hier, weitab von den ausgetretenen Pfaden der Wälder um Santa Barbara, kennt kaum menschliche Schritte. Gewöhnlich ist das leise Tappen von Füchsen und Kojoten die einzige Störung. Aasfresser auf der Suche nach der nächsten Mahlzeit.

Den Geiern und Kondoren, die hoch oben kreisen und aufmerksam den Boden absuchen, ist gleich, was unter ihnen liegt. Ein Hirschkadaver, ein krankes Nagetier oder wie in diesem Fall ein achtzehnjähriges Mädchen, reglos auf feuchter, fruchtbarer Erde.

Heute werden zahlreiche Tiere und Insekten von dem zehren, was man ihnen hinterlassen hat, als wäre es genau dafür bestimmt. Ihre Arme und Hände sind unter ihrem schmalen Brustkorb eingeklemmt. Sie ist ihnen schutzlos ausgeliefert.

Ihr langes blondes Haar, einst sorgfältig gebürstet und zu einem ordentlichen Zopf geflochten, hat sich gelöst. Lose Strähnen bewegen sich in der leichten Brise um ihren Hals. Ihre Beine liegen ausgestreckt, als hätte sie noch versucht, vor diesem unheimlichen Ort davonzulaufen.

Ein flacher Bach streicht über ihr Gesicht und spendet den Tieren die Feuchtigkeit, die sie in der erbarmungslosen Hitze dieses kalifornischen Sommers brauchen. Die Hitze wird die Verwesung beschleunigen. Haut und Muskeln werden zerfallen, bis für die letzten Aasfresser nur noch Knochen bleiben. Sie werden die Reste forttragen und verstreuen, bis von jener Nacht nichts mehr übrig bleibt außer den Erinnerungen derer, die sie hier zurückgelassen haben.

Diese Erinnerungen werden sich in ihnen festsetzen. Sie werden sich in ihre Herzen krallen und sie langsam von innen heraus zerfressen, bis es ihnen vorkommt, als wären sie es, die verwesen. Faulend und verrottend in ihrem Innersten, dort, wo niemand es je sehen wird.

KAPITEL EINS

JETZT

Ich habe einmal gelesen, dass Paare, die einander wirklich lieben, wie Bäume sind. Ihre Wurzeln reichen tief in die Erde. Am Anfang ist da Leidenschaft, eine herrliche Mischung aus Verlangen, Zuneigung und Aufregung. Dann kommen die ersten Blüten, erste Küsse, heimliche Blicke und das aufregende Gefühl, den anderen nach und nach zu entdecken. Alles fühlt sich geladen an. Manchmal genügt eine einzige Berührung, Haut auf Haut, und es ist, als führte Strom durch den ganzen Körper.

Doch die Jahreszeiten wechseln. Die Blüten dieser ersten Euphorie fallen von den Zweigen, und an ihre Stelle tritt eine stille Geborgenheit. Wenn alles ruhiger wird, merken die beiden, dass das, was bleibt, noch schöner ist als das, was vorher war. Denn tief unter der Oberfläche haben sich ihre Wurzeln ineinander verschlungen. Aus zwei Bäumen ist einer geworden.

So ist es mit Seth und mir.

Wir sind nicht nur Mann und Frau. Wir sind zwei Hälften eines Ganzen. Wir passen zusammen wie Puzzleteile und sind so aufeinander eingespielt, dass schon der kürzeste Blick zwischen uns mehr sagen kann als zehn Seiten voller Worte. Wenn ich strauchle, fängt er mich auf. Wenn er ins Wanken gerät, gebe ich ihm Halt. So bewegen wir uns durch jeden Tag, als folgten wir den Schritten eines Tanzes, den wir schon tausendmal geübt haben.

Jeden Morgen wache ich mit seinem Arm um meine Taille auf. Seine hellen Brusthaare kitzeln meinen Rücken. Er schmiegt sich an meinen Nacken und küsst sanft meine Schultern, bis ich mich zu ihm umdrehe und seinen Kuss erwidere. Wir duschen zusammen und seifen uns gegenseitig ein. Manchmal lassen wir uns Zeit, wenn uns beiden danach ist, und manchmal eben nicht. Wir putzen nebeneinander die Zähne und wechseln uns beim Ausspucken und Ausspülen ab, damit wir uns nicht in die Quere kommen. Er benutzt Zahnseide, ich nicht. Er sagt mir, dass ich das wirklich tun sollte, und ich verspreche, abends daran zu denken, obwohl ich genau weiß, dass ich es vergessen werde. Wir ziehen uns gemeinsam an. Dabei wandert sein Blick immer wieder vielsagend über meine nackte Haut, während ich in meine Kleidung schlüpfe. Es hat etwas unwiderstehlich Anziehendes, wie Seth mich ansieht. Hungrig, als wäre ich die einzige Frau auf der Welt. Dann kocht er Kaffee, während ich Eier und Toast zubereite. Wenn der Duft von frisch gebrühtem Kaffee durch die Küche zieht, holt er Penny aus dem Bett und zieht sie an. Ich packe ihre Brotdose für die Vorschule, dann setzen wir uns alle zusammen an den Frühstückstisch.

Abends sitzen wir am Esstisch und reden beim Essen. Es entsteht nie ein peinliches Schweigen, und Penny hat immer eine neue Geschichte aus der Vorschule zu erzählen. Nach dem Essen lasse ich ihr allabendliches Schaumbad ein und ziehe ihr den Schlafanzug an, den Seth auf ihr Bett gelegt hat. Dann deckt Seth sie zu und liest ihr vor, bis sie einschläft. Danach sehen wir uns zusammen etwas an, meistens einen Krimi, manchmal auch eine Dokumentation. Wir gehen ins Bett, lieben uns, lesen noch eine Weile Seite an Seite in unseren Büchern und schlafen ein, bevor am nächsten Tag alles wieder von vorn beginnt. Es ist wie ein gut eingespielter Tanz. Wir kennen jeden Schritt. Und das Wichtigste ist, dass wir es genießen.

Niemand glaubt mir je, wenn ich das erzähle, aber Seth und ich haben uns in den fünfzehn Jahren, die wir zusammen sind, kein einziges Mal richtig gestritten.

Verdrehe ruhig die Augen, so viel du willst. Es stimmt trotzdem. In der Ehe hatten wir wohl einfach ein besonders gutes Blatt.

Das heißt nicht, dass wir nie unterschiedlicher Meinung waren oder einander nicht auch mal genervt hätten, wie jedes andere Ehepaar auch. Wir sind schließlich auch nur Menschen. Aber es gab nie etwas, das groß genug gewesen wäre, um uns wirklich auseinanderzubringen.

Da war zum Beispiel der Tag, an dem Seth bei Groupon einen Gutschein für eine Raftingtour auf einem Wildwasserfluss kaufte. Für zwei Personen. Ich weigerte mich schlicht mitzukommen, und er war gereizt, während er versuchte, mich davon zu überzeugen, dass es Spaß machen würde. Ich glaube, diese spezielle Meinungsverschiedenheit kam zustande, da er schon immer Wildwasserrafting ausprobieren wollte, während ich noch nie in meinem Leben daran gedacht hatte. Aber wir lösen solche Dinge, ohne laut zu werden, ohne wütend die Stimme zu erheben und ohne zuzulassen, dass ein Streit sich zwischen uns schiebt. Und vor allem sind wir füreinander da, wenn es darauf ankommt.

So wie heute.

Eigentlich hätte ich Penny nach der Arbeit abholen und zu einer Geburtstagsparty bringen sollen. Seit sie in der Vorschule ist, findet fast jede Woche irgendeine Kinderparty statt. Also habe ich mich daran gewöhnt, Spielzeugläden nach harmlosen Geschenken abzusuchen, über die sich ein Kind freuen könnte, das ich noch nie gesehen habe. Heute wollte ich in der Mittagspause los, um etwas zu besorgen, das ich für den Geburtstag in eine Geschenktüte stecken konnte. Aber in der Bäckerei waren wir heute Morgen nur zu dritt, und ich war damit beschäftigt, die Bestellung einer dreistöckigen Jubiläumstorte und vier Dutzend Cupcakes für eine Feier der Little League fertigzustellen. Ich hatte keine Gelegenheit, mich davonzustehlen.

Also schrieb ich Seth und fragte, ob er einspringen konnte. Keine Stunde später stand er mit einem perfekt verpackten Set aus Spielzeugponys und Zubehör, um das eine große rosa Schleife gebunden war, in der Bäckerei. Er hatte sogar eine Karte gekauft und in Pennys Namen Geburtstagsgrüße hineingeschrieben. Er stellte das Paket sicher auf die Theke, kam zu mir, während ich bis zu den Ellbogen in Schokoladenglasur steckte, gab mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange, zwinkerte mir zu und ging wieder.

Es war keine große, extravagante Geste, aber für mich bedeutete sie alles.

Er blieb nicht einmal lange genug, damit ich mich bedanken oder ihn loben konnte. Er wusste, dass ich viel zu tun hatte, und wollte mir einfach ein wenig Last abnehmen. So ist Seth. Er lässt alles stehen und liegen, wenn ich Hilfe brauche, und gibt sich noch dazu Mühe, damit ich glücklich bin. Natürlich würde ich dasselbe für ihn tun. Ich würde alles für Seth tun.

Einmal verschenkte ich Tickets für meine Lieblingsband Creed – bitte keine Kommentare –, damit ich bei Seth zu Hause bleiben und mich um ihn kümmern konnte, als er Bronchitis hatte.

„Geh, Jade. Du wartest schon seit Monaten darauf, sie zu sehen. Ich komme hier allein klar, versprochen.“

Er versuchte, mich zu überreden, auszugehen und Spaß zu haben. Aber wie hätte ich Spaß haben sollen, während er unter einer Decke auf dem Sofa lag, hustete und mit jedem Atemzug kämpfte? Ich dachte gar nicht daran, ihn dort allein zurückzulassen. Das sagte ich ihm auch. In dieser Nacht wich ich nicht von seiner Seite. Wir sahen uns seine Lieblingsfilme an, ich kümmerte mich um ihn und kochte ihm zum Abendessen sogar Hühnersuppe mit Nudeln.

In Krankheit und Gesundheit. Ich nehme dieses Versprechen ernst. Wir beide tun das.

Seth und ich waren schon auf der Highschool ein Paar. Für uns beide war es die erste große Liebe. Nach sechs gemeinsamen Jahren heirateten wir, und fünf Jahre später kam Penny zur Welt. Wir hatten unsere Höhen und Tiefen, aber unsere Beziehung steht auf festem Grund. Und ich glaube wirklich, dass es im Leben kaum etwas Besseres gibt als ein Fundament, das absolut unerschütterlich ist.

Ich habe Freundinnen, bei denen eine Beziehung nach der anderen kam und ging. Fast immer gab es etwas, das an dem entscheidenden Kern nagte und ihn Stück für Stück abtrug, bis nur noch Trümmer übrig waren. Es ist herzzerreißend, das mit anzusehen. Streit ums Geld, Flaute im Schlafzimmer, unterschiedliche Vorstellungen von der Zukunft, mangelndes Vertrauen, eine verheimlichte Sucht.

Da gab es einmal einen Typen, mit dem ich früher in der Bäckerei zusammengearbeitet habe. Er fand heraus, dass seine Freundin ihn seit über zwei Jahren hinter seinem Rücken mit ihrem Ex betrog. Heraus kam es an dem Tag, als wir wegen eines kleinen Küchenbrands alle früher nach Hause geschickt wurden. Er kam heim und erwischte die beiden auf der Terrasse hinter dem Haus. Ich frage mich bei so etwas immer, warum jemand das tut. Warum verlässt man den anderen nicht einfach und erspart ihm den Schmerz dieses Verrats?

Unter der Oberfläche der beneidenswerten Beziehungen anderer Leute scheint fast immer irgendein verborgenes Drama zu lauern. Eine Freundin von mir ließ sich nach zwei Ehejahren von ihrem Mann scheiden, weil er faul und antriebslos geworden war und Online-Spiele und Wochenenden auf dem Sofa den romantischen Ausflügen und liebevollen Gesten vorzog, mit denen er sie einst für sich gewonnen hatte.

Ich bin so dankbar, dass ich mit meinem Mann keines dieser Probleme habe. Bei Seth muss ich nie an mir zweifeln oder mich allein fühlen. Er ist immer für mich da, im Alltag genauso wie emotional. Ich weiß, das klingt wahrscheinlich furchtbar kitschig und viel zu gut, um wahr zu sein. Als könnte unsere Beziehung unmöglich so traumhaft sein. Aber das ist sie. Unser gemeinsames Leben ist wirklich perfekt.

Ich meine, so perfekt, wie es eben sein kann, nachdem wir die Leiche dieses Mädchens im Wald zurückgelassen haben.

KAPITEL ZWEI

„Na, na, junge Dame. Du kennst die Regel“, sage ich zu Penny, die mit großen, flehenden Augen zu mir aufsieht. Sie hat offenbar geglaubt, sie könnte sich einfach vom Esstisch davonschleichen, ohne aufzuessen.

„Aber ich mag Brokkoli gar nicht!“, jammert sie und spricht es wie „Bwokkowi“ aus.

Ich muss mich sehr zusammenreißen, um bei diesem kleinen Stimmchen nicht weich zu werden. Aber ich bleibe hart und stütze eine Hand in die Seite. „Das mag sein, junge Dame, aber wie willst du jemals groß und stark werden, wenn du dein Gemüse nicht isst?“

Seth hat gerade die Spülmaschine fertig eingeräumt. Jetzt kommt er zu uns herüber und hebt Penny auf den Arm. „Na, da irrt sich Mom aber. Du bist schon die Stärkste, die ich kenne.“

Penny kichert und windet sich in den Armen ihres Vaters.

„Schau dir das nur an“, verkündet Seth, setzt Penny auf den Tisch und fordert sie auf, die Fäuste zu heben. „Los, Penny. Schlag mich so fest, wie du kannst.“

Mit stählernem, entschlossenem Blick ballt Penny ihre kleinen Fäuste, holt mit beiden Armen aus und rammt sie Seth mitten in den Bauch. Er taumelt theatralisch zurück, prallt gegen die Wand und sackt zu Boden. Die Augen geschlossen, die Zunge seitlich aus dem Mund hängend. Penny bricht in Gekicher aus.

„Noch mal, Dad! Noch mal!“

Doch Seth gibt nicht nach. Er steht auf und setzt sie behutsam zurück auf ihren Platz. „Erst wenn du deinen ganzen Brokkoli aufgegessen hast, okay?“

Penny murrt protestierend, schiebt sich dann aber ein großes Stück Brokkoli in den Mund.

Ich muss es Seth lassen. Er weiß, wie man selbst die schwierigsten Seiten des Elternseins ein kleines bisschen leichter macht. Und er hat recht. Unser kleines Mädchen ist wirklich der stärkste Mensch, den ich kenne.

Nicht lange nach Pennys Geburt merkten wir, dass etwas nicht stimmte. Manchmal wurde ihr Körper minutenlang ganz steif, wenn ich versuchte, sie anzuziehen, oder sie im Arm hielt. Als frisch gebackene Eltern sagten wir uns anfangs, dass es vielleicht normal war, aber schon bald häuften sich diese Vorfälle. Als ihre Augen anfingen, unkontrolliert hin und her zu zucken, wussten wir, dass etwas nicht in Ordnung war.

Sie war erst einen Monat alt, als wir sie eines Nachts ins Krankenhaus brachten, fast außer uns vor Angst. Es dauerte nicht lange, bis wir die Diagnose bekamen. Epilepsie. Als sie zwei Jahre alt war, begannen die schweren Anfälle. Es lässt sich nicht beschreiben, was einem durch den Kopf geht, wenn man das eigene Kind so sieht. Es tut mehr weh als alles andere, sich zurückzuhalten und zuzusehen, unfähig einzugreifen, weil man Angst hat, alles nur noch schlimmer zu machen.

Wir schlossen uns einer Selbsthilfegruppe an, lasen alles, was wir über die Krankheit finden konnten, stellten ihre Ernährung um und probierten jede erdenkliche Methode aus, um die Anfälle zu stoppen. Doch es wurde nur schlimmer. Schließlich wurde sie auf einen strengen Medikamentenplan mit zwei Einnahmen täglich eingestellt, und wahrscheinlich wird sie noch viele Jahre darauf angewiesen sein.

Ich hasse es, dass mein kleines Mädchen Medikamente braucht, nur um jeden Tag halbwegs normal leben zu können. Aber das Gute daran ist, dass wir unser Leben zurückbekommen haben. Früher war schon ein einfacher Einkauf nervenaufreibend. Heute können wir stundenlang aus dem Haus gehen, in den Zoo fahren oder sogar ein Wochenende lang die Stadt verlassen, ohne ständig Angst haben zu müssen.

Letztes Jahr sind wir an die Küste gefahren. Penny baute Sandburgen und ging zum ersten Mal in ihrem Leben ins Meer. Sie planschte herum und genoss es wie jedes andere Kind. Es gab eine Zeit, da hatte ich Angst, dass so etwas nie möglich sein würde.

„Fertig!“, verkündet Penny mit dem Mund voller Brokkoli, bevor sie auf Seth losstürmt, ihn zu Boden wirft und auf ihm herumhüpft, als wäre er ein Trampolin.

Ich lasse die beiden erst einmal fertig balgen. Das gehört ebenfalls fest zu unserer Abendroutine. Dann nehme ich Penny mit, um ihr Bad vorzubereiten. Sie greift nach der Flasche mit dem Schaumbad und gießt mit zittrigen Händen eine Kappe voll hinein. Ein wenig läuft an der Flasche herunter, bevor sie den Rest unter den laufenden Wasserhahn kippt. Ich wirble mit der Hand durchs Wasser, bis sich Schaum bildet. Sobald sie in der Wanne sitzt und aussieht wie ein kleiner Engel in einer flauschigen weißen Wolke, lasse ich mich neben ihr auf den Boden sinken und knete meine schmerzenden Füße.

Acht Stunden Stehen in der Bäckerei, gefolgt von zwei weiteren Stunden auf Chloe Lindmans Geburtstagsparty mit Einhornmotto, haben mich völlig erledigt. Plaudern mit den anderen Eltern, während eine Horde überdrehter Vier- und Fünfjähriger kreischend durch die Gegend rannte. Ich hoffe, Seth nachher eine Fußmassage abschmeicheln zu können, sobald Penny im Bett ist. Ich habe sie bitter nötig.

Früher war es genau andersherum. Bis vor Kurzem habe ich nur vormittags gearbeitet, damit ich nach der Vorschule mit Penny zu Hause sein konnte, während Seth bei der Arbeit war. Aber seit die Firma, für die er gearbeitet hat, pleitegegangen ist und er vorübergehend ohne Job dasteht, habe ich zusätzliche Schichten in der Bäckerei übernommen. Jetzt bin ich diejenige, die unsere Brötchen verdient. Kein Wortspiel beabsichtigt.

Diese Regelung ist fürs Erste okay. Wir haben genug Ersparnisse auf dem Konto, um zumindest noch einen Monat oder so zu überbrücken, aber mit den Kreditkartenzahlungen geraten wir allmählich in Rückstand. Heute kam eine Rechnung mit einem Aufkleber, auf dem in fetten roten Buchstaben „LETZTE MAHNUNG“ stand. Trotzdem vertraue ich darauf, dass Seth bald wieder Arbeit findet.

Auch wenn ich merke, dass die Jobsuche allmählich an ihm zehrt.

Große Blasen sammeln sich um Penny, und ich sehe lächelnd zu, wie sie sie mit beiden Händen zusammenschiebt, während das Wasser gegen die Fliesen schwappt. Ein ganzer Schwall läuft über den Wannenrand direkt in meinen Schoß, und ich beuge mich vor, um zurückzuspritzen.

„Ach, du hältst dich wohl für witzig, was?“, necke ich sie. „Das bekommst du zurück!“

„Mama, nein!“, quietscht sie vergnügt, als ich sie nass spritze.

Selbst nach vier Jahren kann ich immer noch nicht fassen, wie viel Freude uns dieser kleine Mensch bringt. Und Chaos, zugegeben. Ich fahre mit den Fingern durch ihre nassen, platt gedrückten Locken und seufze glücklich. Momente wie dieser erinnern mich daran, warum all der Stress es wert ist.

Die letzten sechs Monate waren für unsere Familie alles andere als einfach. Penny in die Vorschule zu schicken, ist für mich, als würde ich sie ohne Rettungsweste mitten im Ozean aussetzen. Noch immer zieht sich mir bei jedem Abschied das Herz zusammen. Wegen ihrer gesundheitlichen Probleme fühlt sich jeder Schritt in Richtung Selbstständigkeit wie ein gewaltiger Sprung aus der schützenden Blase an, die wir um sie herum aufgebaut haben.

An ihrem ersten Tag musste ich die Tränen zurückhalten, während ich zusah, wie sie das Klassenzimmer betrat, den viel zu großen Rucksack auf ihrem kleinen Rücken. Ich wollte ihr hinterherlaufen, sie hochheben und wieder mit nach Hause nehmen, dorthin, wo sie sicher war und ich sie im Auge behalten konnte. Und obwohl es von Tag zu Tag ein kleines bisschen leichter wird, muss ich immer noch täglich gegen den Drang ankämpfen, in der Vorschule anzurufen und zu fragen, ob alles in Ordnung ist.

„Alles klar, Schätzchen, holen wir dich raus“, sage ich und hebe sie aus der Wanne, während das Wasser von ihr tropft. Ich wickle sie in ein flauschiges Handtuch und trage sie in ihr Zimmer. Ihre nassen Beine baumeln hin und her.

Ich erwarte, ihren Schlafanzug auf dem Bett zu finden, dort, wo Seth ihn jeden Abend für sie bereitlegt, aber er ist nicht da. Es ist nur eine Kleinigkeit, trotzdem kommt es mir merkwürdig vor. Seth vergisst nie, ihren Schlafanzug herauszulegen, während ich sie bade.

Während ich in ihrer Schublade nach einem frischen Schlafanzug suche, höre ich Stimmen vom Flur. Jemand muss vorbeigekommen sein. Das erklärt, warum Seth abgelenkt war. Aber ich kann mir nicht vorstellen, wer so spät am Abend noch bei uns auftauchen sollte.

Ich trockne Penny ab, ziehe ihr den Schlafanzug an, nehme sie hoch und gehe mit ihr den Flur entlang in Richtung Küche. Doch auf halbem Weg höre ich eine Stimme, die ich sofort erkenne. Ich bleibe wie angewurzelt stehen, und ein vertrautes Grauen kriecht mir den Rücken hinauf.

Nicht sie. Jeder, nur nicht sie. Sie ist der einzige Mensch auf der Welt, der alles, was Seth und ich uns in den letzten fünfzehn Jahren so mühsam aufgebaut haben, in winzige Stücke zerschlagen könnte.

Vorsichtig spähe ich um den Türrahmen der Küche, und mein Herz sackt mir in die Magengrube, als ich sie meinem Mann gegenüber am Tisch sitzen sehe. Sie dreht den Kopf, zieht eine Augenbraue hoch und wackelt zur Begrüßung mit den Fingern.

Sacha.