1
Der Knall eines verspäteten Silvesterböllers holte Kari Lürsen am dritten Tag des neuen Jahres aus dem Schlaf. Sie spürte Bents ruhigen Atem in ihrem Nacken, seine warme Hand auf ihrer Hüfte. Eine Weile lag sie einfach so da, mit geschlossenen Augen und einem Lächeln auf den Lippen. Seit sie am 19. Dezember ihren Urlaub angetreten hatte, war die Zeit wie im Flug vergangen. Nun zogen die Bilder der letzten Tage in ihrer Erinnerung vorbei. Heiligabend hatte sie Sesles Gottesdienst in Süderende besucht. Alleine, denn ihr Freund Bent machte sich nichts aus der Kirche und allem, was damit zusammenhing. Kari im Grunde ebenfalls nicht, aber Sesle war nicht nur Pfarrerin, sondern auch Karis engste Freundin seit Jugendjahren. Nach dem Gottesdienst hatte sie die Zeit genutzt, um das Grab ihres Vaters auf dem angrenzenden Friedhof zu besuchen und ihr Patenkind, Sesles kleine Tochter Smilla, zu sehen, die im vergangenen Sommer zur Welt gekommen war und so unbeschwert schaute, wie es wohl nur Kindern vergönnt war. Am ersten Feiertag hatte Bent für sie beide und Karis Freundinnen Tanja und Jette gekocht. Für Letztere, die sehr eigen war mit bestimmten Nahrungsmitteln, sogar das ganze Menü – Flädlesuppe, Roulade mit Rotkraut und Kirschkompott mit Griesnocken – ohne Zucker und Salz. Silvester hatten sie auf der inzwischen unter einer hohen Schneedecke liegenden Insel inmitten einer fröhlichen Menschenmenge in Wyk auf dem Sandwall gefeiert. Dazwischen hatten ruhige Tage gelegen, die sie für lange Spaziergänge entlang der verschneiten Küste, für Saunabesuche und entspannte Tee- und Lesestunden genutzt hatten. Nach den anstrengenden Monaten als Mentorin einer fünfköpfigen Gruppe von angehenden Ermittlerinnen und Ermittlern tat ihr diese Auszeit gut.
Sie rekelte sich. Bent murmelte etwas im Schlaf, wälzte sich auf den Rücken und schlummerte weiter. Karis Blick fiel im Dämmerlicht des Schlafzimmers auf die halb gepackte Reisetasche. Zwei Tage Hamburg und ein Kurztrip nach Oslo standen auf dem gemeinsamen Programm, bevor es für sie wieder zurück nach Kiel ging. Wenigstens lag das nicht so weit entfernt wie Berlin, ihr früherer Wohn- und Arbeitsort.
Kari erhob sich, um in der Küche ein Glas Wasser zu trinken. Danach schlenderte sie ins Wohnzimmer und schaute aus dem Fenster von Bents Wohnung, die über seiner bis zur zweiten Januarwoche geschlossenen Kneipe, der Blauen Möwe, lag. Unter ihr glitzerte der vereiste Jaardenhuug, gesäumt von kleinen Hügeln aus aufgehäuftem Schnee am Straßenrand. Kein Mensch war jetzt, um kurz nach sechs, unterwegs. Sie jedoch war hellwach und beschloss, sich einen Kaffee zu kochen. Zurück in der Küche ignorierte sie Bents schicke Barista-Maschine und entschied sich, wie immer, für die einfache Bialetti. Während das Wasser sich erwärmte, warf sie aus einem Automatismus heraus einen Blick auf ihr stumm geschaltetes Handy – und erschrak, als sie dort eine Nachricht ihrer Vorgesetzten, Frau Dr. Irmgard Adam, entdeckte.
Frau Lürsen. Bitte rufen Sie mich umgehend zurück. Es ist dringend.
Die Polizeioberrätin hatte ihr um kurz nach fünf Uhr morgens geschrieben. Und das an einem Samstag. Kari zögerte nur kurz. Dr. Adam nahm den Anruf schon nach dem ersten Klingeln an.
»Frau Lürsen. Danke für den Rückruf«, sagte sie, ohne sich mit einer Begrüßung aufzuhalten. »Wo sind Sie gerade?«
»Auf Föhr.« Im Urlaub, hätte sie hinzusetzen können, ließ es aber.
Dr. Adam stieß einen dumpfen Laut aus.
»Wir müssen uns sehen. Es gibt etwas, das ich nicht am Telefon mit Ihnen besprechen kann. Besteht die Möglichkeit, noch heute ein vertrauliches Gespräch auf der Insel zu führen?«
Kari ging mit dem Handy am Ohr zum Fenster. Die Dringlichkeit in Dr. Adams Worten überraschte sie. Ebenso das Ansinnen, sich auf Föhr zu treffen. Ihre Chefin zu sich nach Hause einzuladen, kam ihr zwar etwas distanzlos vor, war aber die einzige Möglichkeit.
»Wie wäre es bei mir? In Utersum?«
»Sind wir dort unter uns?«
»Ja«, bestätigte Kari. »Ich lebe hier allein.«
Dr. Adam ließ sich die Adresse durchgeben.
»Gut. Wir haben jetzt sechs Uhr dreißig. Wir treffen uns um elf.«
»Bis dahin«, entgegnete Kari verdattert. Dazu, zu fragen, worum es ging, war sie gar nicht mehr gekommen. Ihre Vorgesetzte hatte bereits aufgelegt.
»Moin Kari Lürsen«. Kari fuhr zu Bent herum. Er stand an die Tür gelehnt, das schwarze Haar verwuschelt. Dennoch wirkte er schon bei den nächsten Worten hellwach. »Ein Anruf um diese Uhrzeit?« Der Blick seiner schiefergrauen Augen lag halb fragend, halb alarmiert auf ihr.
»Das ist merkwürdig«, gab sie leise zurück und warf das Handy auf den Tisch. »Mein Ladyboss war dran. Sie will sich mit mir treffen.«
»Du musst nach Kiel?« Bent rieb sich das mit dunklen Bartstoppeln bedeckte Kinn.
»Ne. Sie kommt hierher. Also, zu mir nach Hause.« Kari blies die Wangen auf und ließ die Luft laut entweichen.
»Das hat nichts Gutes zu bedeuten.« Bent kam auf sie zu und küsste sie auf die Stirn.
Kari sagte nichts. Sie war seit ihrem Weggang vom BKA Berlin nicht mehr im operativen Geschäft eingesetzt, sondern leitete in Kiel als Mentorin eine Gruppe von Polizeibeamtinnen und -beamten, die sich über ein Sonderprojekt für die Arbeit bei der Kripo qualifizieren wollten. Da war es mehr als ungewöhnlich, dass sie aus dem Urlaub heraus zu einer Besprechung gebeten wurde. Kari griff nach ihrer Tasse. Der Espresso war kalt. Sie seufzte.
»Ich koche dir einen neuen. Aber jetzt erzähl mal.« Bent machte sich an seinem Kaffeeautomaten zu schaffen.
»Da gibt es nichts zu erzählen. Sie sagte, es sei wichtig und dass sie mich treffen will. Um elf.« Kari schüttelte den Kopf. »Worum es genau geht, hat sie nicht gesagt.«
Bent biss sich auf die Unterlippe.
»Hoffentlich muss ich nicht gleich zurück in den Dienst«, murmelte Kari. »Ich freue mich so auf Oslo.«
Bent warf ihr einen schnellen Blick zu. Er sagte nichts, aber seine Miene sprach Bände. Mit Ausnahme eines kurzen Aufenthalts in Esbjerg – sie hatten im Herbst des vergangenen Jahres Karis dänische Mutter Trine dort besucht – würde das ihre erste gemeinsame Reise werden.
Als Bent nichts sagte, ging Kari zu ihm hinüber, umarmte ihn von hinten und schmiegte sich an seinen Rücken.
»Mach dir erst einmal keine Gedanken. Dazu ist noch Zeit, wenn du weißt, worum es geht.« Bent drehte sich zu ihr um und strich ihr zärtlich über die Wangen, bevor er sich wieder dem Espresso zuwandte, genau die richtige Menge Zucker hineinrührte und ihr die Tasse reichte.
»Du hast wahrscheinlich recht.« Kari blies über das heiße Getränk. Bents Blick war zum Küchenfenster gewandert. Er wirkte nachdenklich.
»Aber noch haben wir ein bisschen Zeit, oder?« Er wandte sich zu ihr um.
»Frühstück im Bett?« Sein Lächeln wärmte sie.
»Mit Vergnügen«, gab sie zurück. Bis elf war es noch lange hin.
2
Es war halb elf, als Kari sich, inzwischen in ihrer eigenen Wohnung, im Badezimmer für das Treffen mit ihrer Vorgesetzten zurechtmachte. Dunkelgrüner Kajal brachte ihre bernsteinfarbenen Augen zum Leuchten. Dazu gab sie etwas Vaseline auf die Lippen, die von der Winterkälte spröde geworden waren. Den Rest verstrich sie in den Handflächen, um damit einige elektrisiert abstehende Strähnen ihres haselnussbraunen Haars zu glätten. Sie betrachtete sich prüfend im Spiegel. Für das Gespräch hatte sie sich eine neue schwarze Jeans und einen ebensolchen Rollkragenpullover angezogen. Wenn Frau Dr. Adam schon zu ihr nach Hause kam, wollte Kari wenigstens mit ihrer Aufmachung signalisieren, dass dies ein dienstliches Treffen war und kein privater Besuch.
Im Wohnzimmer stellte sie Wasser und Gläser auf den Tisch, dazu eine Kanne grünen Tee auf einem Stövchen. Kekse? Sie hatte ihre Vorgesetzte in bisherigen Gesprächen stets als pragmatisch und zielorientiert erlebt. Sie verlor nicht gern Zeit, und während einer Besprechung Kekse zu essen, gehörte für sie vermutlich in die Kategorie Zeitverschwendung. Dass sie sich überhaupt solche Gedanken machte, zeigte Kari deutlich, wie angespannt sie wegen dieses Treffens war.
Zehn Minuten vor der vereinbarten Zeit hörte sie vor dem Haus einen Wagen vorfahren und ging zur Tür. Zu ihrem Erstaunen erkannte sie nicht nur die kleine, kompakte Gestalt von Frau Dr. Adam, sondern auch die größere, schlankere von Jo Weinheimer, der ebenfalls aus dem Auto stieg.
»Frau Lürsen.« Dr. Adam nickte knapp und trat zügig ein.
»Moin Kari.« Jo, Karis ehemaliger Chef beim BKA Berlin, reichte Kari die Rechte und legte ihr die Linke an den Oberarm. »Wie geht es dir?« Sein Blick war müde und forschend zugleich.
»Weiß noch nicht«, gab sie leise zurück und führte ihn ins Wohnzimmer. Dr. Adam schälte sich aus einem scheußlichen wadenlangen wattierten Mantel und schaute sich dabei ungeniert in dem Raum um, der noch immer so möbliert war, wie Kari ihn von ihrem verstorbenen Großvater übernommen hatte.
»Haben Sie einen Safe im Haus? Ihre Dienstwaffe und Ihre Marke?«, fragte ihre Vorgesetzte. Kari deutete mit dem Kopf in Richtung des hohen, mit Schnitzereien versehenen Schranks. Schon vor längerer Zeit hatte sie sich dort einen kleinen Safe einbauen lassen, in dem Sie ihre Heckler & Koch P30, ihre Dienstmarke und die restliche Ausrüstung aufbewahrte.
»Nehmen Sie doch Platz«, bat Kari Frau Dr. Adam, nachdem sie ihr den Mantel abgenommen hatte, um ihn neben Jos Wollmantel in der Diele aufzuhängen. Danach ging sie in die Küche, um eine weitere Tasse und ein Glas zu holen.
»Grüner Tee, Wasser«, zurück im Raum deutete sie auf die Getränke. »Oder wollen Sie lieber Kaffee? Ich habe bereits welchen aufgesetzt.«
»Gern Kaffee«, antworteten beide unisono.
»Und wir brauchen ein viertes Gedeck.«
Bevor Kari fragen konnte, wofür, hörte sie von draußen, wie eine Autotür zugeschlagen wurde. Gleich darauf stand Sebastian Kuhl an der Haustür.
»Sorry, mich hat die Nachricht heute früh überrascht, ich weiß auch nicht, worum es geht«, flüsterte er Kari zu. Sie musterte ihren Mentee. Er war einer von fünf und derjenige, mit dem sie auf Föhr bereits in einem Fall ermittelt hatte.
»Herr Kuhl. Sie und Herr Weinheimer kennen sich vermutlich noch nicht«, begrüßte Frau Dr. Adam den Neuankömmling.
Also waren sie nicht alle drei mit derselben Fähre gekommen.
Schweigend nahm Sebastian Platz. Kari musterte ihn besorgt. Er sah verheerend aus. Das blonde Haar wirr. Schwarze Schatten unter den rotgeäderten hellen Augen. Hohle Wangen. Wenn sie nicht gewusst hätte, dass er keinen Alkohol trank, hätte sie auf einen Absturz getippt. Frau Dr. Adam und Jo Weinheimer schienen sein Auftreten entweder darauf zurückzuführen, dass er ebenfalls zu nachtschlafender Zeit geweckt und in Bewegung gesetzt worden war, oder sie störten sich einfach nicht weiter daran. Falls doch, ließen sie es sich nicht anmerken. Während Kari den Kaffee aus der Küche holte, blieb es im Wohnzimmer still. Erst als sie alle vier am Tisch saßen, eröffnete Frau Dr. Adam das Gespräch.
»Der folgende Austausch findet ausschließlich unter uns vieren statt. Keine der Informationen darf diesen Raum verlassen. Keine Notizen, keine Protokolle, außer denen, die Sie an uns schicken. Sie berichten beide mir direkt, ich informiere den Kollegen Weinheimer.« Sie blickte aufmerksam von Kari zu Sebastian.
»Okay«, presste der hervor, Kari nickte. Die Geschichte wurde immer verwirrender.
»Wir haben einen Todesfall auf Föhr«, begann sie. »Eine Frau wurde erschossen. Ihre Identität konnte noch nicht festgestellt werden. Sie reiste mit falschen Papieren.« Sie blickte zu Jo Weinheimer, der fortfuhr.
»Exzellent gemacht, wir tippen bei der Herkunft auf die Türkei. Die Daten stimmen mit denen einer bereits vor über zehn Jahren Verstorbenen überein. Außerdem fand man Falschgeld bei der Toten. Ebenfalls aus einer Fälscherwerkstatt. Das passt zu einer Spur, die wir beim BKA schon länger verfolgen.«
Jetzt wurde langsam klarer, warum beide angereist waren.
»Wir haben den Fall gemeinsam übernommen«, fuhr Dr. Adam fort. »Beziehungsweise das BKA hat darum gebeten, ihn Ihnen vorläufig zu übertragen. Die Kripo Flensburg und die Polizeibehörde hier auf Föhr haben uns sämtliche Erkenntnisse zur Verfügung gestellt und sind zu Stillschweigen verpflichtet worden.«
Kari spürte, wie eine kalte Hand über ihren Rücken strich. Ihr war klar, was das bedeutete. Der Fall hatte eine Dimension, die sie momentan gar nicht überblicken konnte. Was ihre Chefin mit den nächsten Worten bestätigte.
»Sie haben allerdings nicht viel Zeit, uns sitzen demnächst ein paar andere Behörden im Nacken.«
»Weil?« Kari griff nach ihrem Wasserglas und trank gegen die Trockenheit in ihrer Kehle an.
»Die Tatwaffe«, erläuterte Jo Weinheimer. »Die Unbekannte wurde mit einer Pistole erschossen, die vor zwei Jahren bereits einmal benutzt wurde. Das Opfer stammte aus dem Ausland.« Sein Blick war vielsagend genug für Kari, um zu verstehen. Sie spürte, wie das Blut aus ihren Wangen wich. Internationale Verwicklungen, das war immer heikel. Der Fall ist zu groß für uns beide, hätte sie am liebsten gesagt. Gleichzeitig erfasste sie so etwas wie Jagdfieber.
»Wir sollen lediglich den Mord aufklären?«, vergewisserte sie sich.
»Genau.«
»Darf ich auf meine Gruppe zurückgreifen?« Die vier anderen Teilnehmerinnen des Ausbildungslehrgangs sollten, so die Vorstellung bei diesem Sonderprojekt, als Mitarbeitende im Backoffice eingebunden werden.
»Nein, dieses Mal nicht. Alles, was Sie benötigen, auch an personeller Unterstützung, kommt direkt über uns beide.« Frau Dr. Adam fuhr sich über ihr kinnlanges dunkles Haar, als wollte sie ihre Naturkrause damit bändigen.
»Zurzeit laufen die Anfragen an den Fährbetreiber und die Bahn. Wir können nach den ersten Befragungen auf Föhr die ungefähre Ankunftszeit der Frau einkreisen und hoffen, dass sich jemand an sie erinnert. Oder dass wir über Online-Buchungen an ihre Identität kommen.«
Sie brauchte nicht zu betonen, dass es sich dabei um zeitintensive Nachforschungen handelte. Karis Blick wanderte nach unten. Seit er angekommen war, knetete Sebastian unter dem Tisch ununterbrochen seine Hände. Sie bemerkte die aufgeplatzten Fingerknöchel und fragte sich flüchtig, welche Art von Sport so etwas verursachte, bevor sie ihre Aufmerksamkeit erneut auf die beiden Vorgesetzten richtete.
»Wir sollen uns also bei unseren Ermittlungen nicht um die Herkunft des Falschgeldes und des Ausweises kümmern, sondern entsprechende Erkenntnisse an Sie weiterleiten?«
Jo nickte knapp. Sein Blick war ernst.
»Okay«, antwortete Kari schleppend. Sie ahnte, warum man ausgerechnet sie mit der Aufgabe beauftragte. Als ehemalige verdeckte Ermittlerin und Zielfahnderin erhoffte Jo sich wohl, dass sie den Kolleginnen oder Kollegen, die bereits in diese Nachforschungen eingebunden waren, nicht in die Quere kam. Vermutlich handelte es sich um eine internationale Kooperation, was die Angelegenheit noch kniffliger machte. Fingerspitzengefühl war gefragt.
»Wie lange haben wir Zeit?«, wollte Sebastian wissen.
»Genau kann ich Ihnen das hier und heute nicht sagen.« Dr. Adam zuckte bedauernd die Schultern. »Noch arbeiten wir geräuschlos. Aber ich schlage vor, Sie fangen sofort an.« Sie beugte sich nach unten, um etwas aus ihrer Aktentasche zu nehmen. »Ich habe mir erlaubt, Ihre beiden Dienst-Tablets aus Ihrem Büro zu holen.«
Karis Blick flog zu Jo. Der schaute unbehaglich drein. Er selbst hätte niemals ohne zwingenden Grund den verschlossenen Schreibtisch einer Mitarbeiterin ohne vorherige Mitteilung geöffnet.
»Alle relevanten Unterlagen finden Sie bereits dort. Außerdem haben wir eine Chatgruppe eingerichtet. Nur wir vier.«
»Sie meinen so etwas wie WhatsApp?« Sebastian schien wirklich nicht auf der Höhe zu sein.
»Ich denke, dass dort niemand von uns unterwegs sein sollte, vor allem nicht mit vertraulichen Informationen«, gab Dr. Adam schmallippig zurück. Jo und Kari wechselten einen amüsierten Blick. »Unser Austausch läuft über einen gesicherten Kanal und ist natürlich verschlüsselt. So, wie Ihre Dienst-Tablets auch. Aber das wissen Sie ja bereits vom letzten Einsatz.«
Kari und Sebastian nahmen ihre Geräte entgegen.
»Lesen Sie sich ein. Und melden Sie sich jederzeit. Bei mir.« Die Polizeioberrätin erhob sich so abrupt, dass Jo irritiert blinzelte, bevor er es ihr nachtat.
Jo ging nach der Verabschiedung von Kari und Sebastian zum Wagen voraus. Er blickte zum Himmel, der so aussah, als würde er bald weiteren Schnee auf die Erde fallen lassen, zog seinen Mantel zurecht und schob sich einen Hut auf das schüttere Haar.
Derweil schüttelte Dr. Adam Kari an der Tür die Hand und hielt sie dabei ein wenig länger als nötig fest. »Der Kollege Weinheimer hält große Stücke auf Sie«, sagte sie leise. »Ich kann nur hoffen, dass er damit richtig liegt.«
3
»Vertraust du diesem Weinheimer?« Sebastian war im Wohnzimmer sitzen geblieben. Jetzt hatte er sich über sein Tablet gebeugt und griff nach einem Glas Wasser, das er sich eingeschenkt hatte.
»Tue ich«, gab Kari zurück. »Er war lange mein Chef und hat mich nie im Stich gelassen. Er kommuniziert offen und steht zu seinen Leuten.«
»Ist das der Grund, warum ausgerechnet du jetzt schon den zweiten Fall zugeteilt bekommst? Schließlich gibt es ja noch vier andere Teams beziehungsweise Teamverantwortliche, innerhalb der Sonderausbildung.«
»Möglich.« Mit einem dumpfen Laut ließ Kari sich auf einen Stuhl fallen. »Musst du zurück nach Kiel, bevor wir anfangen?«
»Nö.« Er bewegte den Kopf von einer Seite zur anderen. »Hatte die Anweisung, meine Reisetasche zu packen und mich in Wyk in meiner Dienstwohnung einzufinden.«
»Dieselbe Ferienwohnung wie bei unserem letzten Fall?«
Sebastian war in einer schönen Anlage am Sandwall untergebracht.
Er nickte. »Gewöhne mich langsam dran.« Ein Grinsen folgte seinen Worten.
»Was ist mit deinen Händen passiert?«
»Ach das. Habe ein bisschen geschreinert.« Er blickte weiterhin auf das Tablet.
Kari musterte ihn eine Weile schweigend.
»Hör mal. Meine Nachbarin ist kräuterkundig. Sie hat für alle Eventualitäten ein Mittelchen parat.«
»Und?« Sebastian schaute sie zweifelnd an.
»Ich denke, wenn wir morgen unsere ersten Befragungen durchführen, solltest du nicht mit derart malträtierten Händen auftauchen.«
Er lehnte sich zurück und blickte sie amüsiert an. »Du meinst, die Leute könnten die falschen Schlüsse ziehen?«
Sie wollte gar nicht darüber nachdenken, welche das wohl sein könnten, nickte aber. »Ein ramponierter Polizeibeamter weckt kein Vertrauen«, stellte sie fest und erhob sich. »Komm, wir gehen nach nebenan.«
Sebastian folgte ihr zögerlich.
***
»Moin Jette, grüßte Kari ihre Nachbarin, als sie mit Sebastian im Schlepptau durch die Hintertür das Nachbarhaus betrat.
»Moin Lütte«, grüßte Jette, die wesentlich kleiner war als Kari, die aber seit ihrer Rückkehr nach Föhr unter die Fittiche genommen hatte, als wäre sie ihr eigenes Küken. Dabei schaute sie neugierig zu Karis Begleiter.
»Jette, das ist Sebastian. Mein neuer Kollege.«
Der brummte etwas, das mit Mühe und Not als Begrüßung durchging.
»Er hat sich die Hände aufgeschürft. Hast du was, was schnell hilft?«
Jette, die entspannt an ihrem Küchentisch gesessen und gelesen hatte, legte die Zeitung weg, hob ihren Kater vom Schoß und erhob sich.
»Sebastian, ja?«
»Moin Frau …«
»Hansen. Aber du kannst mich Jette nennen.« Sie grinste ihm spitzbübisch zu, dann wurde ihre Miene ernst.
»Meine Güte. Das sieht schlimm aus. Wo hast du denn gegen geschlagen.«
Sebastian wiederholte die Geschichte mit dem Schreinern, die Kari ihm nicht glaubte und die auch Jette nicht zu überzeugen schien.
»Ringelblume. Das hilft«, beschied die Ältere nun und bat Sebastian mit einer Kopfbewegung, am Küchentisch Platz zu nehmen. Jettes Kater strich um Sebastians Beine und miaute lautstark.
»Er will gestreichelt werden«, übersetzte Jette, bevor sie in einem angrenzenden Kabuff verschwand. In dem bewahrte sie, wie Kari wusste, ihre Salben, Tinkturen und Tees auf. Alles aus Kräutern hergestellt, die überwiegend in ihrem eigenen Garten wuchsen. Kurze Zeit später saß sie Sebastian gegenüber und strich vorsichtig etwas Salbe auf die aufgeplatzten Fingerknöchel.
»So, mindestens eine halbe Stunde nicht waschen. Irgendwo habe ich noch ein kleines Döschen, da fülle ich was für dich ab und gebe es Kari morgen mit.«
Sebastian bedankte sich und stand auf.
Einen Moment lang stand er unschlüssig da.
»Wir haben Arbeit«, erinnerte Kari ihn und sie gingen zurück ins Nachbarhaus, wo sie sich in Karis Wohnzimmer einander gegenübersetzten, um sich in ihren Fall zu vertiefen.
***
»Hattest du nichts vor? Jetzt, wo du Urlaub hast.« Sebastian hob nach einer Weile den Kopf und schaute interessiert zu ihr herüber.
»Doch. Schon. Aber das kann ich jetzt knicken.« Sie sog die Unterlippe ein und fixierte so konzentriert das Display ihres Laptops, dass Sebastian nicht mehr nachfragte. Ob Bent noch immer so relaxt bleiben würde, wenn sie ihm mitteilte, dass ihr Städtetrip ins Wasser fallen musste?
»Und du?«, lenkte sie von sich ab.
»Nö. Nicht wirklich.« Er bewegte den Kopf, sodass sie seinen Nacken knacken hörte.
In der folgenden halben Stunde lasen sie sich überwiegend schweigend in den Fall ein. Während Kari sich für sich selbst ein paar Notizen machte, verzichtete Sebastian darauf. Sein Gedächtnis war phänomenal, dennoch fragte sich Kari, wie er es schaffte, bei komplexen Ermittlungen nicht den Überblick zu verlieren.
»Rekapitulieren wir mal«, sagte Kari, als sie beide durch waren. »Unsere Unbekannte mietet sich über Silvester für drei Tage eine Ferienwohnung in der Badestraße in Wyk. Sie checkt mit einem falschen Ausweis unter dem Namen Emma May ein und bezahlt im Voraus. Die Vermieterin will das Geld gestern früh bei der Bank einzahlen, dort wird festgestellt, dass es sich bei drei der Banknoten, drei Fünfzigeuroscheinen, um Falschgeld handelt. Die alarmierte Polizei findet die Mieterin tot in der Wohnung. Je ein Schuss in Kopf und Brust. Inzwischen wissen wir, dass der Tod höchstwahrscheinlich in der Silvesternacht, genauer am frühen Morgen des Neujahrstages eingetreten ist. Außer dem falschen Personalausweis, der genauso wie zwei weitere Blüten in der hinteren Jeanstasche der Toten steckt, befinden sich kaum persönlichen Dinge im Appartement. Kein Koffer, keine Handtasche, kein Handy. Lediglich ein paar Körperpflegeartikel – alles Drogerieware –, wenige Kleidungsstücke und Wäsche – ebenfalls Massenproduktion. Bis auf die Mütze und die Handschuhe, ein Set, das selbstgestrickt war. Eine Beamtin hat dazu notiert, die Arbeit sei sehr professionell. Der Ausweis stellt sich als gefälscht heraus. Weil die Schüsse nach der Auftragsarbeit eines Profis aussehen, werden die Geschosse gecheckt und bei der ballistischen Suche wird festgestellt, dass die Waffe bereits einmal benutzt wurde. Bei einem Delikt, in dem der Geschädigte ausländischer Staatsbürger war.« Kari hielt inne und schaute auf ihre Notizen. »Habe ich etwas vergessen?«
»Nö.« Sebastian starrte mit gerunzelter Stirn auf seinen Laptop. »Dieses Verbrechen müsste ja das BKA und womöglich Europol beschäftigen. Mich wundert es, dass Dr. Adam und dieser Weinheimer das Ganze so schnell an sich reißen konnten.«
»Na ja, von Reißen ist sicher nicht die Rede. Jo ist inzwischen in übergeordneter Funktion beim BKA und hat von dem Fall wegen der Blüten, deren Urheber sie sowieso suchen, Kenntnis erhalten. Ist also seine Baustelle. Alles andere sieht ebenfalls nach organisierter Kriminalität aus.«
»Und dann ruft er unsere Chefin an und bittet sie, uns seiner Dienststelle auszuleihen? Weil er dich und deine Erfolgsquote kennt?«
»So ähnlich wird es wohl gewesen sein.«
»Ich habe nur keine Lust, in dem Fall zu ermitteln, und dann kommen irgendwelche anderen Fuzzis und nehmen ihn uns wieder ab.«
»Dann müssen wir eben schneller sein. Außerdem sind wir gerade die Fuzzis, die den Fall an sich genommen haben.« Kari untermalte ihre Worte mit einem leichten Grinsen. »Aber ehrlich gesagt fühle ich mich da schon ein bisschen unter Druck.«
»Du bist zu gut.« Sebastian klappte seinen Laptop zu. »Und ich muss jetzt erst mal eine Runde pennen.«
»Was? Du willst schlafen? Wo wir gleich loslegen müssen?«
»Sorry, Kari. Aber ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan und wurde um kurz nach fünf von Dr. Adams Nachricht aufgescheucht. Ich habe gepackt und bin sofort hierher gefahren. Ich muss dir sicher nicht sagen, wie erledigt ich bin.«
»Na gut. Wann bist du einsatzbereit?«
»Mir reichen zwei Stunden. Power Nap. Extended Version.« Er zwinkerte ihr zu, aber es wirkte nicht lustig. »Fahrtzeit natürlich noch dazu.«
»Jetzt ist es halb eins. Dann hören wir um halb vier voneinander?
Er nickte lediglich, zog sich die Kapuze seines schwarzen Hoodies über den Kopf und nahm den Laptop, bevor er sich mit einer Handbewegung verabschiedete. Kari sah ihm durchs Fenster nach. Ein großer, sportlicher Mann, der auf dem Weg zu seinem Wagen seine fellgefütterte Lederjacke vor der Brust zusammenzog. Er fuhr davon, ohne sich noch einmal umzudrehen.