Leseprobe Tod unter dem Herrenhaus

1

Mittwoch, 25. August – 16:30 Uhr

Sophies Hände zitterten, als sie den Schlüssel in das Türschloss steckte. In der Dunkelheit fühlte sie sich gar nicht wohl. Dennoch zwang sie sich dazu, ihren inneren Widerstand zu überwinden – genau wie der Schlüssel, der den Widerstand des Schlosses überwinden musste. Sie biss die Zähne zusammen, als der kunstvoll geschmiedete Eisenschlüssel sich in ihre Hand bohrte. Oh, komm schon, du … Erleichterung durchströmte sie, als ein klickendes Geräusch ertönte. Dann stieg die Furcht in ihr auf. Mit einer Hand drückte sie gegen die Eichentür, die von dem alten Haus in den Tunnel führte. Sie war beinahe froh darüber, dass sie nicht nachgab.

Aber es gab kein Entrinnen – sie musste hindurchgehen. Sie drückte mit der Schulter gegen das massive Holz. Die Tür knarrte und flog auf, was sie die Stufen hinunterstolpern ließ – direkt in die Dunkelheit. Ein Schwall feuchter, kühler Luft streifte sie. Mit zitternden Fingern versuchte sie, die Taschenlampe auf ihrem Telefon einzuschalten. Es kam ihr vor, als ob sie eine Leichenhalle betreten würde.

Der Akku ihres Telefons war beinahe leer. Mist. Sie musste sich beeilen. Dann konnte sie im Auto nach einem Ladegerät suchen.

Etwas fuhr durch ihr langes blondes Haar. Sie duckte sich und unterdrückte einen Aufschrei, wobei sie nach einer Haarsträhne griff. Ein Spinnennetz hing von der Decke herunter und streifte ihre Wange. Unterdessen krabbelte die aufgeschreckte Spinne über ihren Hals. In dem Versuch, das Tier loszuwerden, schlug Sophie danach und schüttelte sich. Die Vorstellung, dass ihr die Spinne unter das T-Shirt kriechen könnte, jagte ihr Schauer über den Rücken.

Am liebsten wäre sie zurückgelaufen. Aber dann atmete sie tief durch. Reiß dich zusammen. Ein Knarren aus der Ferne, das aus der Richtung des Hauses kam, ließ sie herumfahren. Vor ihr lag der dunkle Tunnel. Nachdem sie gerade in das helle Licht gestarrt hatte, konnte sie nur verschwommene Schwärze erkennen. Vielleicht hat ja ein Luftzug die Tür hin- und herschwingen lassen. Sie erschauderte. Wieder spürte sie dieses Kribbeln auf ihrer Haut.

Das Licht ging aus. Sie hämmerte auf dem Display ihres Telefons herum und drückte auf den Taschenlampen-Knopf. Nichts passierte. Großartig.

Im Dunkeln schienen die Wände immer näherzukommen. Sie ging auf die Knie und kroch zum Haus zurück. Das Gefühl, dass außer ihr noch etwas – oder jemand? – im Tunnel war, erfüllte sie mit Furcht.

Das Knirschen von Steinen ließ sie erstarren. Das waren nicht meine Schritte. Ihr Herz pochte.

„H… Hallo?“ Mühsam presste sie das Wort heraus. Ihre Lippen waren staubtrocken und ihr Gesicht vor Angst verzerrt. Sie spürte die dunkle Gestalt mehr, als sie sie sah. Panik stieg in ihr auf. Schnell stolperte sie zurück zum Haus, in Richtung des hellen Streifens. Dort wäre sie in Sicherheit.

Plötzlich wurde sie von einem leuchtend weißen Licht geblendet. Sie hob schützend die Arme, blinzelte und wich zurück.

Ein heftiger Schlag ging auf Sophies Schläfe nieder. Durch die Wucht des Aufpralls wurde sie gegen die Wand geschleudert. Der Schmerz breitete sich explosionsartig in ihrem Kopf aus. Ihr Magen überschlug sich beinahe vor Übelkeit. Sophie taumelte. Sie schreckte vor dem grellen Licht zurück und hielt sich schützend die Hände über den Kopf. Benommen fasste sie sich an die Schläfe. Angst stieg in ihr auf, weil ihre Fingerspitzen sich warm und klebrig anfühlten.

Ein beißender Geruch nach Metall stieg ihr in die Nase.

Im Dunkeln wankte sie panisch weiter. Sie schmeckte Blut in ihrem Mund und spürte ein Pochen hinter den Augen.

Sie fiel auf die Knie. Da traf sie ein weiterer Schlag.

 

Mittwoch, 25. August – 16:30 Uhr

Tief in den Wäldern von Manor House Farm entfernte Dr Nell Ward die letzten verrottenden Blätter, die an den schmiedeeisernen Toren des Tunneleingangs klebten. Der Tunnel war in den Abhang der Böschung eingegraben worden. Keuchend trat sie einen Schritt zurück. Ein erdiger Verwesungsgeruch stieg ihr in Mund und Nase, als sie sich die ranzigen Blätter von den Händen strich, doch das kümmerte sie nicht. Endlich habe ich dich gefunden.

Es hatte beinahe eine Stunde gedauert, um sich durch die jahrzehntealte Laubschicht zu graben und dadurch die Tore freizulegen. Sie wusste nur, dass sie da waren, weil sie auf eine Karte aus der Zeit Edwards VI. gestoßen war. Dieses Dokument bildete die Gegend ab, wie sie vor über vierhundert Jahren ausgesehen haben musste. Oberflächlich war nur eine kleine Einsenkung im Waldboden zu sehen. Ihre Hartnäckigkeit hatte sich ausgezahlt.

Nell überprüfte die Karte, die den unterirdischen Verlauf des eintausendfünfhundert Meter langen Tunnels zeigte. Er führte vom Keller eines Hauses, das aus dem 15. Jahrhundert stammte, zu dem Eingang, der direkt vor ihr lag. Der Tunnel schlängelte sich durch den Grund unterhalb des vernachlässigten Ziergartens und der Biotope, die sie zuvor begutachtet hatte.

Nebel stieg über der Wiese auf, die reich an Blühpflanzen und Gräsern war. Dabei handelte es sich um Kreidegrünland von einer solchen Biodiversität, dass es ein Naturschutzgebiet sein könnte. Neben summenden wirbellosen Tieren hatte sie eine seltene Grashummel dabei beobachtet, wie sie an den spiralförmigen Blüten einer Orchideenart hochflog – einer Herbst-Drehwurz. Aus den hohen Eichen und Buchen erklangen die Melodien zahlreicher Vogelarten. Eine einsame kleine Eule betrachtete lautlos ihr Werk. Es war eine Freude, endlich einmal einen Ort in der Nähe ihres Zuhauses zu begutachten – insbesondere, da es sich dabei um ein Privatgrundstück handelte. Wunderbarerweise war das Waldgebiet mehrere Jahrhunderte alt und bedeckte die Kreidehügel im Tiefland, die sich über den ganzen Südosten Englands erstreckten. Nell hatte den ganzen Tag gearbeitet. Dabei war ihr der moschusartige Geruch von Füchsen aufgefallen, sie hatte einen Dachsbau aufgespürt und Beweise für das Vorkommen von Haselmäusen gefunden. Jetzt wollte sie überprüfen, ob der Tunnel für überwinternde Fledermäuse geeignet war.

Nell holte einen Filzhut aus ihrem Rucksack und machte ein Selfie am Tor. Beim Anblick ihres blassen, geröteten Gesichts stöhnte sie auf. Es war mit Blättern bedeckt, von denen nur noch die Blattadern übrig waren. Der tiefe, blutige Kratzer auf ihrer Stirn erinnerte sie daran, dass sie zuvor durch ein Brombeergestrüpp gekrochen war. Dennoch schickte sie das Bild an Adam, zusammen mit einer Nachricht:

Verglichen mit mir ist Indiana Jones ein Anfänger – ich habe den Tunnel der Verdammnis gefunden.

Seine Antwort ließ nicht lange auf sich warten:

ECHT JETZT?

Nells Blick fiel auf sein Profilbild. Selbst in diesem kleinen Ausschnitt konnte sie sein breites, freches Grinsen ausmachen. Die Ärmel seines alten Kapuzenpullis waren zurückgeschoben und gaben den Blick auf seine starken Unterarme frei. Eine Strähne dunklen Haars fiel über seine strahlenden Augen. Sprechblasen erschienen, was bedeutete, dass Adam tippte. Geduldig wartete sie auf seine Antwort.

Dein authentischer Look gefällt mir. Durch wie viele Hecken bist du heute gekrochen?

Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Bei seinem flirtenden Tonfall verspürte sie ein Kribbeln im Bauch. Sei nicht dumm. Adam flirtet mit jeder, und das trotz der Bemühungen seiner Mutter, ihn mit einem netten Mädchen aus dem Punjab zu verkuppeln. Damit fiel Nell glatt durch, selbst wenn sie Interesse gezeigt hätte. Einmal hatte sie während eines Reptiliengutachtens eines seiner Telefonate mit seiner Mutter belauscht. Mit einem Seitenblick auf Nell hatte er zugestimmt, auf ein arrangiertes Date zu gehen, und wechselte dann zu Punjabi. Nell hatte gerade eine Otter gemessen und wollte ihn damit aufziehen, dass ein Mann über dreißig von seiner Mutter verkuppelt wurde. Doch ihm war die Sache nicht peinlich gewesen. Er warf Nell einfach nur ein umwerfendes Grinsen zu und sagte, dass er sie keineswegs enttäuschen durfte. Auf Nells Frage, ob er damit seine Mutter meinte, lachte er und verneinte – wenn er jemanden nicht enttäuschen wollte, dann war das seine potentielle Partnerin. Nell hatte nur die Augen verdreht. Jetzt ertappte sie sich dabei, wie sie es wieder tat. Dabei saß sie im selben Boot. Auch ihre Eltern wünschten sich für sie, dass sie einen passenden Partner fand. Sie machten sich nicht nur wegen der Erbschaft Sorgen. Seit diesem … Vorfall hatte eine allgemeine Vorsicht um sich gegriffen. Nell erschauerte bei dieser Erinnerung, die sie genauso schmerzte wie das Brombeergestrüpp, durch das sie vorher gekrochen war. In nächster Zeit würde sie sich auf keine Beziehung einlassen, und mit Sicherheit nicht mit einem Kollegen. Nicht, wenn sie solche Anstrengungen unternahm, um ihr Privatleben von der Arbeit zu trennen.

Nell steckte ihr Telefon weg. Dann zog sie es wieder heraus und schrieb eine Nachricht:

Heute bin ich durch etwa zwanzig Hecken gekrochen. Dazu habe ich direkt im Brombeergestrüpp einen Dachsbau gefunden.

Es war schon fast 17:00 Uhr, weshalb sie hinzufügte:

Ich sollte jetzt lieber weitermachen. Es gibt viel zu tun, bis du nachher kommst.

Die verrosteten Tore musste sie mit aller Kraft aufschieben. Sie ließen sich gerade weit genug öffnen, damit Nell sich hindurchquetschen konnte. Sie bereitete sich darauf vor, dass sie gleich in eine Umgebung eintreten würde, die so kalt war wie ein Kühlschrank. Wassertropfen fielen mit melancholischen, widerhallenden Plumps-Geräuschen vom Tunneldach auf den Boden, der voller Löcher war. Mit ihren Wanderschuhen watete sie in Pfützen und stieg auf knirschende Steine. Sie griff nach oben, um einen Klumpen losen Mörtels aus der löchrigen Ziegelsteindecke herauszulösen. Dabei stellte sie sich vor, wie sich die Fledermäuse in den Mauerspalten aneinander kuschelten, um den Winter in dieser geschützten Umgebung zu verbringen. Hier herrschten ideale Bedingungen dafür.

Sie schritt etwa vierhundert Meter in den Tunnel hinein und notierte sich die Temperatur. Während sie die verfallenen Wände betrachtete, fielen ihr ein paar kurze, dünne Pellets auf: Fledermaus-Exkremente. Treffer! Vorsichtig kratzte sie so viele davon ab, wie sie finden konnte, und gab sie in einen Probenbehälter. Dann vervollständigte sie ihre Notizen und schob den Behälter in ihre Tasche.

Als sie sich umwandte, um zu gehen, stellten sich ihr die Nackenhaare auf.

Sie erstarrte.

Das war nicht nur eine Reaktion auf die Kälte, die ihr in die Knochen kroch, die Dunkelheit oder die Tatsache, dass sie alleine war. An all das war sie gewöhnt. Mit angehaltenem Atem lauschte Nell. Ihr Herz pochte.

Ein Wassertropfen fiel neben ihr auf den Boden und ließ sie zusammenzucken. Sie schaltete die Taschenlampe aus und starrte in die Dunkelheit. Ihre Haut kribbelte.

Ein dumpfes Geräusch hallte aus dem Inneren des Tunnels wider.

Das bedrohliche Gefühl ließ es ihr eiskalt den Rücken hinunterlaufen. Nell zuckte zusammen und machte einen Schritt zurück, als sie das leise Klirren eines Steins vernahm, der auf einen anderen aufschlug. Ein Ziegelstein musste von der Decke gefallen und auf dem Boden zerbrochen sein.

Dennoch bekam sie eine Gänsehaut. Eine Urangst stieg in ihr auf.

Sie widerstand dem Drang, davonzulaufen, und evaluierte die Lage. Dabei lauschte sie den Tröpfchen, die in unregelmäßigen Abständen herunterfielen. Dieses Geräusch weckte in ihr das Bedürfnis, schnellstmöglich zu verschwinden.

Wie eine Katze schlich Nell in mäßigem Tempo zum Ausgang zurück. Das Knirschen ihrer Schritte ließ sie zusammenzucken. Mit schlotternden Knien eilte sie zu den Toren.

Als sie sich nach draußen quetschen wollte, steckte sie plötzlich fest. Ihr Rucksack hatte sich verhakt. Panik stieg in ihr auf. Sie zerrte daran und wand sich.

Endlich schaffte sie es, den Rucksack aus seiner Umklammerung zu lösen. Nell fiel vorwärts auf die Knie und schnappte nach Luft. Der Schweiß lief ihr den Rücken hinunter.

Das Rascheln der Blätter ließ sie herumfahren und aufspringen. Eine Amsel, die in den aufgehäuften Blättern herumgewühlt hatte, stieg protestierend in den Himmel auf.

Nell stieß die Luft aus und sank zusammen. Sie wischte sich den Schlamm von den Händen und wünschte sich, sie könnte dasselbe mit der beunruhigenden Ungewissheit tun.

Schnell holte sie ihr Telefon heraus, um Adam anzurufen, steckte es aber gleich wieder ein. Sie wollte nicht, dass er – oder jemand anders im Büro – sie für einen Dummkopf hielt, der sich vor herunterfallendem Mörtel fürchtete. Außerdem brauchte sie niemanden, der ihr bei der Arbeit die Hand hielt.

Im strahlenden Sonnenschein kam ihr ihre Angst geradezu lächerlich vor. Wahrscheinlich war ihre Fantasie mal wieder mit ihr durchgegangen.

2

Freitag, 27. August – 8:00 Uhr

DS James Clark lehnte sich aus dem Fenster seines Wagens und streckte sich nach dem Knopf der Gegensprechanlage am Torpfosten. Weil er ihn nicht erreichen konnte, öffnete er die Fahrertür und löste seinen Gurt. Jetzt hing er halb aus dem Auto heraus und versuchte es so lange, bis er mit großer Mühe den Knopf drücken konnte. Neben ihm saß seine Vorgesetzte, DCI Val Johnson. Sie blickte aus dem Fenster und tat so, als ob sie sein Missgeschick nicht bemerkt hätte.

James hatte keine Ahnung, was ihn hinter den massiven, über zwei Meter hohen Holztoren erwartete, aber er hatte auch nicht erwartet, dass die erste Person, die sie in diesem Fall befragten, an einem solchen Ort lebte – dem exklusiven Dorfrand von Cookingdean, wo weitläufige Gärten um abgelegene Cottages auf das Hügelland trafen. Auf der Fahrt hierher hatte die kurvige Allee sie von Pendlebury aus durch die enge Hauptstraße geführt, die von Fachwerkhäusern im Tudor-Stil und kleinen Familienbetrieben gesäumt war. Als sie The Mill erreicht hatten – ein Ausflugsrestaurant gegenüber der Dorfwiese –, bogen sie ab. Sie fuhren an der alten Kirche vorbei und kamen auf eine einspurige Straße mit hohen, blumenbedeckten Banketten, die zu diesen Toren führte.

Die Gegensprechanlage summte. „Hallo? Kann ich Ihnen helfen?“, fragte eine Frauenstimme. Sie klang kultiviert und freundlich, aber auch kurz angebunden. Es schien, als ob der festungsartige Eingang Besucher abschrecken sollte.

„Wir sind von der Mordkommission der Polizeidienststelle Pendlebury und möchten gerne mit Dr Nell Ward sprechen. Ich bin DS James Clark, bei mir ist DCI Val Johnson.“

Die Frau hielt kurz inne. „Was ist passiert?“

James sah Val fragend an und beugte sich wieder zur Kamera. „Wir stellen Nachforschungen in einem Fall an. Dürfen wir hereinkommen? Es ist einfacher, wenn wir persönlich mit Ihnen sprechen können.“

„Sicher. Schauen Sie, ich bin gerade beschäftigt. Aber kommen Sie ruhig herein.“ Mit einem weiteren Summen öffneten sich die Tore. Auf dem Grundstück stand ein ehemaliger Stall, der zu einer Dreifachgarage umgebaut worden war, und eine langgezogene, aus Feuerstein erbaute Scheune, die in zwei Doppelhaushälften umgewandelt worden war. Das moderne Sicherheitssystem war völlig unscheinbar, es sei denn, man wusste, wonach man suchen musste: eine Alarmanlage mit Infrarotsensoren und gut versteckte Kameras, die erst ihrem Auto folgten und jetzt ihnen, als sie zu der großen Eichentür gingen, die in einen gläsernen Rahmen eingelassen war. Sie erspähten eine schnelle Bewegung, begleitet vom Rasseln der Vorhängekette und dem dumpfen Geräusch des Schlüssels, der sich im Schloss herumdrehte. Die Tür öffnete sich einen Spalt.

„Hallo, kann ich Ihre Dienstausweise sehen?“

James und Val hielten ihre Dienstausweise vor dem Spalt übereinander. Sie hatten weder erwartet, dass ihre Identität überprüft werden würde, noch dass Dr Ward die 101 – die Nummer für nicht dringende Polizeianfragen – anrufen und um ihre Beschreibung bitten würde. James wusste nicht, ob er von ihrer ungewöhnlichen Gründlichkeit beeindruckt oder irritiert sein sollte. Seufzend sah er auf seine Armbanduhr. Sein Tag hatte früh begonnen – mit der Untersuchung eines Mordopfers in einem feuchten, modrigen Tunnel. Er brannte darauf, den Fall aufzuklären. Sobald sie hier fertig waren, konnten sie sich endlich ein wohlverdientes Frühstück und einen Kaffee gönnen. Gott, ich brauche dringend Kaffee. Das wird ein langer Tag.

Das Bild der ermordeten Frau, die in ihrem eigenen Blut gelegen hatte, hatte sich in sein Gedächtnis eingebrannt: Sophie Crows’ rechte Schläfe war über den vor Schreck weit aufgerissenen Augen zertrümmert, blutig und eingedrückt. Leuchtend weiße Knochensplitter vermischten sich mit einer klumpigen Masse von zinnoberrotem, geronnenem Blut. Beim Anblick ihres Gehirns, das aus der Schädeldecke herausragte, hatte James sich erbrochen. Der Gedanke daran ließ ihn nicht mehr los. Er biss sich auf die Unterlippe und schluckte hart.

Eine blecherne Stimme ertönte aus Dr Wards Mobiltelefon. „DS James Clark, 1,83 Meter, dunkles Haar, blaue Augen, Mitte dreißig. DCI Val Johnson, 1,79 Meter, grauer Bob. Ihr Alter würde ich lieber nicht sagen.“

James warf einen Blick auf Val und musste sich ein Grinsen verkneifen, weil sie vorgab, es nicht zu hören. Val war eine Meisterin darin, einen undurchschaubaren Gesichtsausdruck aufzusetzen. Dadurch schien sie immer die Kontrolle über eine Situation zu haben und durch nichts zu erschüttern zu sein. James hatte versucht, es ihr nachzumachen – mit mäßigem Erfolg. Genau wie er hatte Val in letzter Zeit kaum Schlaf bekommen. Anders als bei ihm sah ihr maßgeschneiderter grauer Hosenanzug aber makellos aus, und ihre weiße Bluse war so glatt, dass sie wie gestärkt wirkte. Ihr Erscheinungsbild war genauso geordnet wie ihre Gedanken. Dass sie ihm die Leitung dieses Falles übertragen hatte, war ein enormer Vertrauensbeweis. Er trat in große Fußstapfen.

Nachdem Dr Ward aufgelegt hatte, schloss sie die Tür und entfernte die Kette. James’ Ungeduld löste sich in Luft auf, als er einen Blick auf sie warf. Er ertappte sich dabei, wie er tief in ihre braunen Augen sah, die bernsteinfarbene Sprenkel aufwiesen, und lächelte sie an. Ihre Augen funkelten lebendig und zeigten einen Anflug von Übermut, obwohl ein Schatten der Beunruhigung auf ihrem Gesicht lag. Das war nur allzu verständlich. Er kannte niemanden, der sich keine Sorgen machte, wenn er und Val auftauchten. Dadurch verliehen Dr Wards feine Gesichtszüge, die durch den Pixie-Cut betont wurden, ihr ein rehartiges Aussehen. Er musterte sie einen Augenblick zu lange.

Das prickelnde, fast vergessene Gefühl der Anziehung stieg in ihm auf. Vor zwei Jahren hatte er sich von seiner damaligen Freundin getrennt. Dass er sich mit seinem Herzschmerz und seinem verletzten Stolz in der Arbeit vergraben hatte, hatte ihm einen regelrechten Karriereschub beschert. Es war wirklich dumm von seiner Ex gewesen, anzunehmen, dass James als Detective nicht hinter ihre Affäre kommen würde. Körpersprache zu lesen war eine seiner leichtesten Übungen. Als ihm auffiel, wie der Blick von Dr Ward an seinen Lippen hängen blieb – die flüchtigste aller Mikroexpressionen –, kostete es ihn einige Mühe, seine Freude darüber zu verbergen. Konnte das gegenseitige Zuneigung sein? Irgendwie schaffte er es, vor Val einen neutralen, professionellen Gesichtsausdruck aufzusetzen.

Nell gab ihnen ihre Dienstausweise zurück. „Danke, DS Clark, DCI Johnson.“

„Bitte, nennen Sie mich Val.“

„James.“ Er schenkte ihr ein ungewöhnlich warmes Lächeln. Das war eine Taktik, die er gezielt anwandte, um ein gewisses Maß an Vertrautheit zu suggerieren. Normalerweise verschaffte ihm das einen besseren Zugang zu seinem Gesprächspartner. Heute musste er seine wohlwollende Haltung jedoch nicht vortäuschen.

Sie erwiderte sein Lächeln. „Nennen Sie mich Nell. Ich hoffe, es stört Sie nicht, dass ich Ihre Angaben überprüft habe. Ich empfange selten Besuch, und diese Gegend ist sehr ruhig. Worum geht es hier?“ Sie hielt einen weißen Baumwollhandschuh, der aussah wie der eines Antiquars, in der Hand. Mit einer umständlichen Bewegung zog sie ihn über. Das wirkte etwas seltsam, weil sie in der anderen Hand ein Bündel Tücher und eine medizinische Pipette hielt.

James starrte auf das Tuch, das sich jetzt bewegte. „Äh … wie ich schon sagte, stellen wir Nachforschungen in einem Fall an.“

Er folgte Nell ins Haus und versuchte, beim Anblick der Inneneinrichtung nicht allzu überrascht zu wirken. Für ihn gehörte sie eher in eine seiner Sammlerausgaben des Architectural Digest. Hinter dem Garderobenschrank im Eingangsbereich erstreckte sich ein Deckengewölbe, das bis ins Wohnzimmer reichte. Sein Blick schweifte zu einem Esstisch aus aufgearbeitetem Holz und dann zu den verglasten Faltschiebetüren, die in einen Garten führten, der von einer Mauer umgeben war. Der Ausblick über das Hügelland war atemberaubend. Ein wunderbarer Duft nach frischem Kaffee strömte aus der Designer-Küche herüber, die auf der linken Seite lag. Marineblaue Schränke und hölzerne Arbeitsflächen waren in die schwere Holzkonstruktion der Scheune eingearbeitet worden. Darüber hingen glänzende Kupferpfannen. Alte Teppiche schluckten die Kälte, die von den patinierten Steinplatten ausging. Die Treppe führte zu einem gläsernen Absatz. Über der Küche befanden sich zwei Schlafzimmer und zwei weitere geschlossene Räume. Meine Güte, wie viel verdient man als Biologin?

Er war immer der Meinung gewesen, dass umgebaute Scheunen zugig und staubig waren, mit all dem Holz und den bloßen, rauen Wänden – und voller Spinnennetze in den Ecken. Doch dieses Haus war angenehm sauber. Die Feuersteine, aus denen die Wände gebaut waren, funkelten beinahe. Er wischte seine Schuhe sorgfältig an der Fußmatte ab und freute sich über das Lächeln, das Nell ihm schenkte. Sie führte die beiden Detectives in die Küche.

„Können Sie mir sagen, worüber Sie Nachforschungen anstellen?“, fragte Nell.

James war sich darüber im Klaren, dass Val sich absichtlich zurückhielt, damit er die Führung übernehmen konnte. „So wie wir es verstehen, waren Sie vor zwei Tagen auf Manor House Farm“, setzte James an. Die Farbe wich aus Nells ohnehin blassem Gesicht. Ihr besorgter Blick vermischte sich mit einem instinktiven Erschaudern. Mein Gott. Sie muss etwas wissen. „Wir möchten Sie fragen, was Sie dort gemacht haben.“

„Geht … Geht es um Sophie Crows? Ist ihr etwas passiert?“

Damit hatte sie genau die richtigen Schlüsse gezogen. Er beobachtete sie genau. „Warum glauben Sie das?“

„Ich …“ Ihr Gesicht lief feuerrot an. „Ich hatte das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Als sie nicht zu unserem Treffen erschien …“

Das Piepsen der Kaffeemaschine schreckte sie auf. Ein Pawlowscher Reflex sorgte dafür, dass James der Magen knurrte, doch er ignorierte diese Tatsache geflissentlich.

„Oh, entschuldigen Sie bitte. Möchten Sie vielleicht etwas trinken?“

James konzentrierte seine Aufmerksamkeit auf Nell. „Warten Sie. Sophie ist nicht zum Treffen mit Ihnen erschienen?“ Dass Nell ein Treffen mit dem Mordopfer vereinbart hatte, bedeutete, dass sie die erste – und möglicherweise einzige – potenzielle Zeugin auf ihrer Liste war.

„Nein. Obwohl ihr Auto dort war …“

James schaltete sein iPad ein und schrieb sich ein paar Fragen auf. Woher wusste sie, dass das Auto Sophie gehörte, wenn letztere gar nicht da war? Wo war der Wagen geparkt? Die Polizei hatte das Auto heute Morgen in der verschlossenen Garage vorgefunden. Sofern die Tür nicht erst nach Nells Besuch abgesperrt worden war, hätte sie es nicht durch das Fenster sehen können, es sei denn, sie wäre über den Zaun gestiegen. Und warum um alles in der Welt hätte sie das tun sollen?

„Wenn Sie Anlass zur Sorge hatten“, fragte er, „haben Sie das dann der Polizei gemeldet? Gibt es eine Fallnummer?“ Er ließ seinen Finger über das iPad schweben, bereit, sich die Nummer zu notieren, damit er die Sache nachverfolgen konnte.

Sie schüttelte jedoch den Kopf. Ihre Wangen wurden noch röter. „Nein. Ich … Ich dachte, ich sehe Gespenster. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Klienten nicht zu Besprechungen auftauchen. Manchmal ändern sich ihre Pläne kurzfristig.“

„Aber Sie glaubten, dass etwas nicht stimmte. Sie haben uns sogar gefragt, ob Sophie etwas passiert ist, als wir uns nach Ihrem Aufenthalt auf Manor House Farm erkundigten.“

Nell verlagerte ihr Gewicht. Sie fühlte sich eindeutig unbehaglich.

James versuchte es auf eine andere Art. „Wie lange waren Sie am Mittwoch auf dem Anwesen?“

„Um … ich bin um etwa elf Uhr vormittags dort angekommen und um halb elf wieder losgefahren.“

James schrieb sich die Zeiten auf und runzelte die Stirn. „Meinen Sie damit, dass Sie um 11:30 Uhr weggefahren sind?“

„Nein. Mein Treffen mit Sophie sollte um 18:00 Uhr stattfinden. Ich bin um halb elf Uhr abends aufgebrochen.“

Der Polizei lagen jedoch Informationen vor, dass Nells Treffen mit Sophie früher angesetzt gewesen war. Warum log sie, was den Zeitpunkt ihres Treffens anging? Und was zum Teufel hatte Nell die ganze Zeit auf dem Anwesen gemacht? „Soweit wir wissen, sollte Ihr Treffen mit Sophie um 17:00 Uhr stattfinden.“

James’ Blick ging zu Val hinüber. Ihr alarmierter Gesichtsausdruck, ruhig, nach vorn gebeugt, mit zusammengekniffenen Augen, bedeutete, dass er seine Taktik ändern würde. Er musste genau aufpassen, welche Fragen er jetzt stellte, nur für den Fall, dass weitere Fragen besser in einem … formelleren Rahmen gestellt werden sollten. Er unterdrückte einen Seufzer.

Val musterte Nell eingehend. Ihre Augen ruhten auf dem Kratzer auf ihrer Stirn.

Nell fing ihren Blick auf und rieb sich unsicher mit dem Handrücken über die Stelle. Kopfschüttelnd wandte Nell sich James zu, um seine Frage zu beantworten. Sie zog sich den Handschuh aus und blickte auf das Bündel in ihrer anderen Hand, als ob sie vergessen hätte, was sie als nächstes tun wollte. Kurz darauf neigte sie die Hüften, zog ihr Telefon aus der Tasche und entsperrte es mit einer Hand – mit einer Daumenbewegung über den Bildschirm. Dann scrollte sie durch ihre E-Mails und reichte das Telefon den Detectives.

„Hier ist meine E-Mail-Korrespondenz mit der Projektmanagerin, Anna Maddison. Sie hat das Treffen auf 18:00 Uhr verlegt.“ Das Tuch, das Nell in ihrer anderen Hand hielt, zuckte. Eine pinkfarbene Nase erschien in der Umhüllung, die einem Burrito ähnelte.

James nutzte dies, um näherzukommen. „Was haben Sie da?“

„Tut mir leid. Ich war gerade dabei, ihn zu versorgen, als Sie hier angekommen sind. Das ist ein verletztes Langohr.“

James riss neugierig die Augen auf.

Nell wirkte überrascht und erfreut über sein Interesse. „Falls er ein Graues Langohr ist, gehört er zu den seltensten Säugetieren in ganz Großbritannien. Ich muss ihn messen, um das zu überprüfen, aber seine Banditenmaske ist ein eindeutiges Anzeichen. Sehen Sie? Deshalb habe ich ihn Zorro genannt.“

James lief ein Schauer über den Rücken. Er ließ sich jedoch nichts anmerken und trat einen Schritt zurück. Das war eine verdammte Fledermaus!

„Er wurde von einer Katze angegriffen und stand an der Schwelle des Todes. Ich füttere ihn von Hand …“

„Oh.“ James verstand den Wink mit dem Zaunpfahl. „Machen Sie ruhig weiter, während wir uns unterhalten.“

„Danke. Kommen Sie mit.“ Sie stand auf und nickte in Richtung des frisch aufgebrühten Kaffees. „Falls Sie etwas trinken möchten, können Sie sich gerne selbst bedienen. Die Tassen sind da drin.“

„Danke.“ James trat in Aktion. In der Ecke standen eine Kaffeekanne, ein Teekessel, ein Toaster und eine Espressomaschine. Er achtete penibel darauf, nichts über die blitzsaubere Arbeitsplatte zu verschütten.

Mit hochgezogener Augenbraue reichte Val ihm die Milch. Sie hielt kurz inne, als sie den kupfernen – maßangefertigten? – Retro-Kühlschrank wieder schließen wollte. Anscheinend verspürte auch sie das Bedürfnis, ihre Fingerabdrücke abzuwischen.

Der Hauswirtschaftsraum war vom offenen Wohnbereich abgetrennt. Darin befand sich ein langer Tresen, auf dem der große Netzkäfig der Fledermaus stand. Eine Tischlampe erleuchtete ein Tablett, auf dem Mehlwürmer und Instrumente lagen. Nell setzte sich an den Tresen, während James und Val im Türrahmen stehenblieben. Er hielt seine Kaffeetasse in der Hand. Val sah sich unterdessen Nells E-Mails durch.

James verstand, dass es an ihm war, das Gespräch in Gang zu halten, während Val sämtliche Ordner in Nells Postfach überprüfte. Bei seinen Ermittlungen hatte er das schon hunderte Male getan. Aber jetzt, in Nells Gegenwart, machte sich ein unbehagliches Gefühl in seiner Magengegend breit. Er konnte nicht bestreiten, dass er sich von ihr angezogen fühlte. Schließlich ergriff er das Wort, verstummte aber, als Nell nach den sich windenden Mehlwürmern griff. Sie legte zehn davon in einer Reihe ab und köpfte einen nach dem anderen mit einer Nagelschere. Dann nahm sie einen der sich krümmenden, kopflosen Würmer in die Hand, quetschte seine puddingartigen Innereien heraus und bot sie der Fledermaus an. „Gut, mein Schatz. Es ist Zeit für das Abendessen.“

Mit abgewandtem Blick stellte James seine nächste Frage. „Dann waren Sie fast zwölf Stunden auf Manor House Farm. Was haben Sie dort gemacht?“

„Umweltgutachten.“ Die Fledermaus wich vor dem sich krümmenden Wurm zurück. „Ach, stell dich nicht so an, mein Schatz.“ Sie hielt der Fledermaus den Wurm vor die Nase. Die Fledermaus schnüffelte daran. Dann zermahlte sie den goldenen Wurm mit ihrem winzigen Kiefer. James drehte sich der Magen um. Als er Nells Blick auffing, zwang er sich zu einem Lächeln. „Diese Fledermaus gehört zu einer geschützten Art, nicht wahr? Arbeiten Sie für den Bat Conservation Trust?“

„Als Freiwillige. Zusätzlich zu meinem regulären Job.“

„Die arbeiten manchmal mit unserer Wildlife Crime Unit zusammen.“

Es half nichts: Als Nell einen weiteren Wurm an die Fledermaus verfütterte, wurde ihm schlecht. Sie versenkte einen winzigen Spatel in einem Topf mit der Aufschrift ANTIBIOTIKA-SALBE und trug sie auf die Backenzähne der Fledermaus auf. Danach gab sie ihr etwas Wasser mit der Pipette. „Schau, Schätzchen. Das spült den schlechten Geschmack weg.“ Sie erklärte genauer, was vorgefallen war. „Die Katze hat Zorro am Ellbogengelenk verletzt und ein Loch in seinen Flügel gerissen, weshalb das Risiko einer Infektion besteht. Wenn er eine kämpferische Zwergfledermaus wäre, würde ich mir keine Sorgen machen. Aber Langohren sind zerbrechlich. Gestern hat er kaum getrunken. Ich kann nicht zulassen, dass er unter meiner Aufsicht stirbt.“ Wie auf Kommando verspeiste Zorro einen weiteren Wurm.

In der dicken Eichentür hatte James eine Katzenklappe erspäht. „Ach so. Hat Ihre Katze das getan?“ Er kam näher und lehnte sich an den Tresen.

Nell schüttelte den Kopf, während sie einen weiteren Wurm an Zorro verfütterte. „Jezebel jagt meist nachts. Deshalb muss sie über Nacht im Haus bleiben.“

„Ich dachte, Katzen wären die natürlichen Feinde eines jeden Biologen, nachdem sie so viele Wildtiere töten?“ Er wollte nicht so angriffslustig wirken und versuchte, seine Worte mit einem Lächeln aufzulockern.

„Ich bin praktisch Jezebels Sklavin. Sie wurde an der M25 ausgesetzt. Damals war sie erst ein paar Wochen alt. Wahrscheinlich könnte nicht einmal der hartgesottenste Biologe einem Kätzchen widerstehen.“ Zorro schnappte sich den angebotenen Mehlwurm. „Und ich bin Pragmatikerin, keine Puristin.“ Mit einem halben Lächeln sah sie auf. „Falls Sie erwartet haben, dass ich eine Bäume umarmende, missionarische Veganerin wäre, muss ich Sie leider enttäuschen.“

Ihr verschwörerischer Gesichtsausdruck und das Glimmern ihrer dunklen Augen unter noch dunkleren Wimpern ließ die Hitze in ihm aufsteigen. Ich würde nicht sagen, dass ich enttäuscht bin. Doch dann quetschte sie die Gedärme aus einem weiteren Mehlwurm heraus, um ihn an diese verdammte Fledermaus zu verfüttern. Zum zweiten Mal an diesem Vormittag hätte James sich am liebsten übergeben. Er drehte sich zu Val um und zeigte auf die Tür. „Ich, äh … während Sie … ich muss nur kurz …“

Val blickte von Nells Telefon auf und nickte. Er würde diese Zeit nutzen, um sich Nells faszinierendes Zuhause genauer anzusehen. Interessiert nahm er seine Umgebung in sich auf. An diesem Ende wirkte der Raum normal: Sofas standen um einen Couchtisch gegenüber dem Fernseher, geschmackvolle Naturfotografien hingen an den Wänden, gerahmte Fotos standen auf der Kommode. Er inspizierte die Bilder, um herauszufinden, ob Nell einen Lebenspartner hatte, wobei er sich einredete, dass er nur eine Hintergrundrecherche durchführte. Die Bilder zeigten meist andere Paare oder Gruppen, alle formell gekleidet, doch er konnte nicht erkennen, ob sie einen festen Partner hatte. Auf einem Bild war Nell im Vintage-Stil zu sehen: Süß und in einem Overall neben einem Oldtimer, mit Ölspritzern auf dem Gesicht. Ihr Interesse an Autos war besser als ihre Begeisterung für Fledermäuse. Er hoffte, dass Val Nell fragte, ob sie einen Partner hatte; er selbst würde vermutlich zu interessiert wirken, wenn er ihr diese Frage stellte.

Am anderen Ende des Raumes stand eine Anordnung sorgfältig arrangierter Kuriositäten, die zu einer näheren Betrachtung einlud. Ein Mikroskop nahm eine Hälfte eines breiten Tisches ein, der vor dem Fenster stand. Außerdem waren darauf Petrischalen und Probenbehälter zu sehen. Daneben lagen ein Skalpell, eine Spritze und Metallpins, die aussahen, als ob sie zum Arztkoffer eines Pathologen gehörten.

Gegenüber standen mehrere Bücherregale. Fachbücher über Genetik, Chemie, Mikrobiologie und Physiologie nahmen die unteren Reihen ein, während Journale, Artikel, wissenschaftliche Arbeiten und Artefakte in die Regale darüber gequetscht waren. Ein winziges, fein gearbeitetes Vogelnest lag zwischen zwei weißen Wannen mit der Aufschrift DACHSKÖDER. James erinnerte sich an einen Fall von Wilderei, den die Wildlife Crime Unit aufgedeckt hatte. Dabei waren Dachse aus ihrem Bau ausgegraben worden, um sie für Hundekämpfe einzusetzen. An so etwas kann Nell unmöglich beteiligt sein. Es sei denn … Betreibt sie womöglich Sabotage? Ein unbehagliches Gefühl machte sich in seiner Magengegend breit. Er konnte nur hoffen, dass das nicht der Fall war. Die Welt war brutal.

Eine offene Kiste fiel aus einem der unteren Regale. Sie trug die Aufschrift SCHÄDEL in dicker roter Schrift. Die Zahl 13 war mit Bleistift darauf geschrieben worden, wobei die Spuren ausradierter Zahlen noch zu sehen waren. James ging in die Hocke, um sich die cremefarbenen, gewölbten Schädel in verschiedenen Formen und Größen genauer anzusehen. Ein Geräusch ließ ihn hochfahren. Vor Schreck stieß er mit dem Ellbogen etwas um. Als er sich umdrehte, bemerkte er die braunen Pellets, die über dem Schreibtisch verstreut waren.

Peinlich berührt fegte James die Pellets in seine Hand, beförderte sie wieder in die schmale Dose und versuchte dabei, alle zu erwischen.

Nell kam näher. „Zorros Appetit hat sich verbessert. Jetzt kann ich Ihnen meine ganze Aufmerksamkeit widmen.“ Sie nahm die Szene in sich auf. Ein irritierter Ausdruck erschien auf ihrem Gesicht. „Es tut mir leid, dass Sie warten mussten. Allerdings schätze ich es gar nicht, wenn Fremde in meinem Haus herumwühlen.“ In ihrem Tonfall lag Entrüstung. Sie atmete tief durch, als ob sie sich beruhigen wollte.

James entschuldigte sich nie für dafür, dass er sich umsah, wenn sich ihm die Gelegenheit bot. Aufgrund seiner Ungeschicklichkeit – und der Tatsache, dass er sie verärgert hatte – fühlte er sich jedoch schuldig. „Entschuldigen Sie, ich habe Ihre … Ihre … Was ist das?“ Er hob den Behälter hoch.

„Das ist Kot. Ich schicke ihn für eine DNA-Analyse ins Labor.“ Sie machte ein langes Gesicht. Die Sorge war ihr anzusehen. „Um Gottes willen, sind die jetzt überall verstreut?“ Sie eilte herüber, hielt aber mitten im Raum inne und suchte den Boden ab, bevor sie weiterging. Ihr Vorgehen erinnerte ihn daran, wie seine Kollegen von der Spurensicherung einen Tatort untersuchten. Sie mussten sichergehen, dass sie nicht auf Beweismittel traten.

„Ich habe sie nur auf dem Schreibtisch verschüttet. Und ich habe alle wieder aufgesammelt.“ James beobachtete, wie sie den Inhalt des Behälters überprüfte und dann fest den Deckel zudrückte. „Das ist also Kot.“ Er zuckte zusammen und konnte es gar nicht abwarten, sich die Hände zu waschen. „Von welchem Tier? Nein … Ich will es gar nicht wissen. Wenn ich im Haus einer Biologin etwas ausschütte, habe ich es nicht besser verdient.“

Er wusch seine Hände in der Küchenspüle. James bemerkte Vals grimmigen Gesichtsausdruck. Sie wartete, bis er seine Hände abgetrocknet hatte, und zeigte ihm dann ein Foto auf Nells Telefon. „Ich sehe hier keine E-Mail, die ihr Treffen mit dem Opfer von 18:00 Uhr auf 17:00 Uhr vorverlegt. Es sei denn, diese E-Mail wurde gelöscht. Aber schau dir das mal an.“

Was ist so besonders an einem Foto von Nell, wie sie Grimassen schneidend und mit rotem Gesicht vor irgendeinem klaffenden Eingang im Wald steht? Er tippte auf das Display, wodurch das Foto wieder minimiert wurde. Ein Austausch von Nachrichten erschien. Es war eine freundliche – intime? – Unterhaltung zwischen ihr und einem Kerl namens Adam. James fühlte einen Stich. Sind die beiden ein Paar? Dann sah er es: Tunnel der Verdammnis. Nein … Er erstarrte und starrte das Bild mit offenem Mund an. Aufgewühlt gab er Nell das Telefon zurück. Seine Gedanken rasten.

Nell starrte ihn an wie ein Kaninchen im Scheinwerferlicht. „Was ist los?“ Als sie den Bildschirm sah, machte sich ein wütender Ausdruck auf ihrem Gesicht breit. „Warum lesen Sie meine privaten Nachrichten?“

„Vor ein paar Minuten haben Sie uns erlaubt, Ihre Kommunikation zu überprüfen. Unter den gegebenen Umständen wären wir Ihnen für Ihre Kooperation dankbar.“ Val legte den Kopf schräg und überließ James das Feld.

Er atmete tief durch. „Dr Ward, die Ergebnisse der Obduktion deuten darauf hin, dass Sophie Crows ermordet wurde, als Sie auf ihrem Anwesen waren.“ Seine Worte ließen sie zusammenzucken. Ihr Atem ging schnell und ihre Schultern spannten sich an. „Das macht Ihre Version der Ereignisse an diesem Tag sehr wichtig. Falls Sie Sophie am Mittwoch getroffen haben, waren Sie vielleicht die letzte Person, die sie lebend gesehen hat.“

Nell schüttelte den Kopf. Dann biss sie sich auf die Unterlippe.

Sein Instinkt meldete sich. Sie verschwieg etwas. Vals unausgesprochene Erwartung lastete schwer auf ihm. Oh Gott. Er stählte seine Nerven und sah Nell direkt in die Augen. „Sie müssen heute auf die Dienststelle kommen, um eine Aussage zu machen, was Ihre Aktivitäten auf Manor House Farm betrifft. Und was genau Sie in diesem Tunnel gemacht haben.“

Großartig. Seit Ewigkeiten war sie die erste Frau, für die er sich interessierte. War ja klar, dass sie verdächtig sein würde.

3

Freitag, 27. August – 9:30 Uhr

James hielt vor David Stephensons Haus an. Das große, umgebaute Stadthaus im georgianischen Stil lag im Süden der Marktgemeinde Pendlebury, nahe der Cookingdean Road. Als er aus dem Auto sprang, blinzelte James in die Morgensonne, die sich auf dem scheußlichen Goldlack des BMW aus den 1980er Jahren widerspiegelte, der draußen geparkt war.

Neben ihm stand DS Ashley Hollis und machte eine Handbewegung in Richtung des Autos. „Gehört das David?“

Als James nickte, runzelte sie die Stirn. „Das ist mutig. Ein interessanter Ansatz für meine psychologische Begutachtung.“ James grinste sie an. Wie immer machte die Zusammenarbeit mit Ashley seinen Tag angenehmer. Sie hatten sich am Bramshill College kennengelernt. Damals hatte Ashley das Draufgängertum ihrer neuen Klasse abgelehnt und ihre Klassenkameraden stattdessen lieber mit ihrem einzigartigen Kaffee für sich eingenommen. Auch ihr bescheidenes Auftreten wirkte sich zu ihrem Vorteil aus. Mit ihren hellen, haselnussbraunen Augen und ihrem hohen Afro-Knoten wirkte sie viel jünger als fünfunddreißig. Allerdings war ihr Psychologiestudium für die Polizei Gold wert. Als Familienbeauftragte hielt sie engen Kontakt zu den Angehörigen von Mordopfern, die in der Regel auch die Hauptverdächtigen in einem Mordfall waren.

Gedämpftes Schimpfen ließ sie innehalten. Im nächsten Moment liefen sie zu dem hohen Schiebefenster der Erdgeschosswohnung.

Drinnen stand David mit den Rücken zu ihnen und hielt sein Telefon vor sich. „Was zum Teufel haben Sie sich dabei gedacht? Damit ruinieren Sie alles!“ Er wirbelte herum. Beim Anblick von Ashley und James, die vor dem Fenster standen, zuckte er zusammen und warf das Telefon aufs Sofa. Die roten Flecken auf seinem Gesicht breiteten sich auf seinem Hals aus.

James hob die Hand zur Begrüßung und zeigte zur Tür. David spannte den Kiefer an und stieß die Luft aus. Dann nickte er und trat in den Flur.

„Die Hälfte aller ermordeten Frauen wurden von ihrem Partner umgebracht. Oder ihrem Ex“, murmelte Ashley, als sie David entgegengingen. James erkannte das Mantra wieder, das sie jedes Mal rezitierte, wenn sie einerseits ein vertrautes Verhältnis zu einer Familie aufbauen und andererseits eine professionelle Distanz wahren musste. Auch regelmäßige Berichte an das Ermittlerteam gehörten zu ihren Aufgaben. Als David die Tür öffnete, setzte sie ein sanftes, freundliches Lächeln auf.

David trug noch denselben Anzug wie bei seinem letzten Treffen mit der Polizei um etwa ein Uhr nachts, nachdem er panisch bei der Polizei angerufen hatte. Dies hatte dazu geführt, dass auf Manor House Farm eine Suche nach Sophie durchgeführt wurde. Um sechs Uhr morgens war er dann zur Dienststelle gekommen, um seine Frau zu identifizieren. David war aus der Leichenhalle gestolpert, auf einen der Plastikstühle im Flur gesunken, hatte seinen Kopf in die Hände gestützt und geschluchzt. „Entschuldigung.“ Ein gezwungenes Lächeln erschien auf seinem Gesicht, verschwand aber sofort wieder. Er zeigte auf sein Telefon. „Normalerweise verliere ich nicht so die Beherrschung. Ich … Ich habe nicht geschlafen. Und …“

„Mein herzliches Beileid, Mr Stephenson.“ Ashley führte ihn hinein. „Ich bin Ashley Hollis, Ihre Familienbeauftragte während der Ermittlungen. Darf ich Sie David nennen?“ Wie üblich erwähnte sie ihren Titel – DS – nicht, nur für den Fall, dass ihn das misstrauisch machte. David nickte.

James hatte das Gefühl, schneeblind zu sein, als er die Wohnung betrat. Die Einrichtung bestand aus weißen Möbeln in einem weißen Raum. Ein Musterhaus hat mehr Persönlichkeit. David schlug seinen Laptop zu und setzte sich auf eine Eindellung auf dem Ledersofa unter dem Fenster. James konnte sich gut vorstellen, dass David die ganze Nacht dort verbracht hatte.

„Wir haben zufällig mitgehört“, sagte Ashley. „Ist alles in Ordnung?“

„Oh.“ David zuckte mit den Schultern. „Das war die Arbeit.“ Mit einem angespannten Lächeln streckte er das Kinn vor. „Ich habe einfach überreagiert. Gerade kann ich nicht klar denken.“ Er rieb sich über seinen Stoppelbart.

„Das ist verständlich.“ Ashley setzte sich. „Was arbeiten Sie denn?“, fragte sie.

„Ich bin Bauunternehmer. Zusammen mit Soph habe ich am Umbau von Manor House Farm gearbeitet. Ich habe mich um die Finanzen gekümmert, um die Planung und die Genehmigungen. Sophie verhandelt mit den Subunternehmern … Ich meine, sie hat mit ihnen verhandelt.“ Seine Lippen zitterten.

„Sie waren bestimmt ein gutes Team.“ Ein mitfühlendes Nicken. „Warum ausgerechnet Manor House Farm?“

„Das Anwesen gehört uns. Es wurde uns vermacht.“

„Ach wirklich? Sophie oder Ihnen?“

„Ihr.“

„Oh. Wie kann es dann sein, dass Ihre Arbeit ruiniert wird?“

„Wie ich schon sagte, habe ich überreagiert. Mein Planer, Simon Mayhew, dachte, dass ich die Baugenehmigung erst später beantragen möchte.“ Er schüttelte den Kopf. „Armer Kerl. Er wollte nur rücksichtsvoll sein. Aber ich sehe keinen Grund, die Sache zu verzögern. Ich muss mich irgendwie beschäftigen.“ Er tippte nervös mit dem Fuß. „Soph hätte es so gewollt.“

James setzte sich. „Haben irgendwelche Subunternehmer, andere Interessierte oder Einheimische Kenntnis von dem Tunnel?“

„Nicht, dass ich wüsste. Meine Projektmanagerin, Anna Maddison, kann Ihnen das genau sagen.“

„Ich werde sie fragen. Ihre Kontaktdaten liegen uns vor.“ Anna hatte bestätigt, dass Sophie sich mit Nell treffen wollte.

Mit einem Blick auf Davids Ehering und die Bilder auf dem Kaminsims stellte Ashley ihre nächste Frage. „Sophie Crows. Sie hat also ihren Familiennamen behalten?“

David ballte die Fäuste. „Ich glaube, dass sie es für ihre Familie getan hat.“

„Stand sie ihrer Familie denn nahe?“ Ashley nahm die beiden gerahmten Fotos in die Hand. Sie waren die einzige Dekoration in dem schlicht eingerichteten Raum. Sophie als Jugendliche saß auf einem Pferd mit einer Rosette. Neben ihr standen ihre stolzen Großeltern. Das andere Bild war ein verwackeltes Foto einer Kapelle in Las Vegas hinter Sophie, deren Gesicht halb von einem kirschroten Schleier verdeckt war, und einem lachenden David. Er war schweißgebadet.

„Ja. Ihre Eltern sind gestorben, als sie noch sehr jung war“, sagte David. „Sie hat keine Geschwister. Ihre Großeltern haben sie großgezogen. Sie hat sie über alles geliebt. Ihre Großmutter, Marjorie Crows, lebt in einem Pflegeheim in Applewood.“ Er zeigte auf die Fotos. „Deshalb haben wir in Las Vegas geheiratet. Meine Eltern sind geschieden und meine Schwester lebt im Ausland. Es schien das Beste zu sein. Wir … na ja, ich wollte ein Abenteuer daraus machen, damit die Abwesenheit unserer Familienmitglieder nicht so schmerzt.“

„Haben Sie Mrs Crows schon informiert über … Sophie?“, fragte Ashley.

„Nein. Ähm, nein. Noch nicht. Ich habe gestern im Pflegeheim angerufen, um die Rezeptionistin zu fragen, ob Sophie dort war. Aber das war sie nicht.“ David zuckte zusammen. „Ich rufe noch an, aber ich fürchte mich davor.“

„Sollen wir ihr diese Nachricht überbringen? Wir müssen ohnehin mit ihr sprechen.“

„Würden Sie das tun?“ David ließ die Schultern hängen.

„Natürlich. Dürfen wir uns vielleicht ein wenig umsehen? Vielleicht stoßen wir ja auf etwas, das uns weiterhilft.“

„Äh … sicher.“

„Darf ich Sophies Computer mitnehmen?“

David nickte.

„Ihren auch?“, fügte Ashley hinzu.

„Meinen?“ David runzelte die Stirn. Er wirkte völlig erschöpft und überreizt und hatte eindeutig Schwierigkeiten, der Unterhaltung zu folgen. „Ähm … Ja, gut. Aber ich brauche ihn für meine Arbeit.“

„Sie bekommen ihn schnellstmöglich zurück.“

Er zuckte zögerlich mit den Schultern, doch Ashley wertete das als Ja. Resolut packte sie den Laptop ein und beschriftete den Beweisbeutel, bevor er protestieren konnte. „Danke, David.“

Als Ashley in den Flur ging, beugte James sich nach vorn. Er wechselte das Thema, um das Gespräch in Gang zu halten. „Seit wir uns das letzte Mal gesehen haben, konnten wir Sophies Todeszeitpunkt eingrenzen. Er lag zwischen 16:00 Uhr und 18:00 Uhr am Mittwoch.“

„Am Mittwoch.“ David rieb sich über das Gesicht. „Da hatte sie eine Besprechung, glaube ich. Anna weiß bestimmt mehr darüber.“

„Ich weiß, dass Sie schon mit meinen Kollegen gesprochen haben, aber falls Sie sich erinnern können, was Sophie am Mittwoch gemacht hat, wäre das sehr hilfreich.“

David nickte. „An diesem Tag bin ich früh aufgebrochen. Sophie hatte sich noch nicht einmal angezogen. Ich hatte eine wichtige Besprechung, um mich auf die Bauvorantragskonferenz im Pendlebury Hotel vorzubereiten. Dort habe ich mich von 8:00 Uhr am Mittwoch bis 14:00 Uhr am Donnerstag aufgehalten. Dass etwas nicht stimmte, ist mir nicht aufgefallen. Ich bin sogar noch ins Büro gefahren, bevor ich nach Hause kam. Unterwegs habe ich ihr ein paar Nachrichten geschickt. Einige davon hat sie beantwortet, andere nicht. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, habe ich seit Mittwochnachmittag nichts mehr von ihr gehört. Aber ich … ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht.“ Sein Gesichtsausdruck verzerrte sich. „Sie hat ständig vergessen, ihr Telefon aufzuladen. Der Akku war oft leer …“ Er zuckte zusammen.

James tippte auf seinem iPad herum. Die Spurensicherung hatte Sophies Telefon sichergestellt. Sie musste es also bei sich gehabt haben, als die Leiche gefunden wurde.

„Um etwa 18:00 Uhr bin ich nach Hause gekommen. Sophie war nicht da. Es wurde spät, weshalb ich mir Sorgen gemacht habe. Deshalb bin ich erst zum Anwesen und danach in mein Büro gefahren, um sie zu suchen, aber von Sophie fehlte jede Spur. Dann habe ich im Pflegeheim und bei ihren zwei besten Freundinnen angerufen. Niemand hatte sie gesehen. Um etwa 23:15 Uhr habe ich sie als vermisst gemeldet. Ich wünschte … Ich wünschte, ich …“ Er kniff die Augen zusammen. „Ich wünschte, ich wäre nie auf diese verdammte Konferenz gegangen.“

„Waren dort viele Leute?“, fragte James.

„Äh, ja. Das Hotel war komplett ausgebucht.“

„Gut. Dann wird es bestimmt nicht schwierig, Ihr Alibi zu überprüfen.“

 

Freitag, 27. August – 9:45 Uhr

Nach dem Besuch der beiden Detectives schoss das Adrenalin nur so durch Nells Adern. Bei ihrer Ankunft hatte sie zunächst befürchtet, ihrer Familie könnte etwas zugestoßen sein – vor allem ihrer Mutter. Ihre Arbeit als Politikerin machte sie zu einem Anschlagziel. Die Sorge, dass ein Attentat auf sie verübt werden könnte, war für Nell ein ständiger Begleiter. Doch in diesem Fall hätte die Polizei sie mit dem Namen angesprochen, den sie normalerweise nicht verwendete: Lady Eleanor Ward-Beaumont. Ihre diesbezüglichen Befürchtungen waren wie weggefegt gewesen, als sie wieder an den Tunnel zurückdachte. Seitdem sie das Gutachten auf Manor House Farm durchgeführt hatte, sträubten sich ihr bei dieser Erinnerung die Nackenhaare.

James war bei der Durchsuchung ihres Wohnzimmers nicht gerade zimperlich vorgegangen. Der hatte vielleicht Nerven! Aber hier ging es um eine Mordermittlung. Sie musste zur Dienststelle, um eine Aussage zu machen. Um ihre innere Unruhe zu überwinden, schrieb sie eine Nachricht an Percy:

Hast du Zeit zu plaudern?

Ihre beste Freundin enttäuschte sie nicht. Sofort erschien ein Anruf über FaceTime. Percys kupferrote Locken schwangen hin und her, weil sie gerade über einen holprigen Weg auf ihrem Anwesen in den schottischen Highlands fuhr. „Ich arbeite gerade meinen neuen Jagdhelfer ein. Ben, das ist Nell.“ Sie schwenkte das Telefon zur Seite, sodass ein Mann mit einer Schiebermütze auf dem Bildschirm erschien. Er saß hinter dem Steuer des Land Rover und hob seine Hand zum Gruß. Dann erschien Percy erneut im Bild. „Jetzt habe ich kurz Zeit. Geht’s dir gut?“

Nell klärte sie über ihre Unterredung mit den Detectives auf. Percy war entsetzt über den Mord. Sie fragte Nell, wie es ihr ging, was als Nächstes passieren würde und wie der Ablauf war.

„Ich muss eine Aussage bei der Polizei machen. Aber der Detective Sergeant hat schon in meinem Haus herumgeschnüffelt.“

„Die nutzen wohl jede Gelegenheit, was? Das kann man ihnen nicht verübeln. Immerhin könntest du eine Schwerverbrecherin sein.“ Percy setzte ein unschuldiges Grinsen auf, was typisch für sie war, und beugte sich nach vorn. „Du sagtest, dass der DS James heißt, stimmt‘s? Wie alt ist er?“

„Er ist ungefähr in unserem Alter.“

„Sieht er gut aus?“

„Ähm …“ Im Geiste sah sie seine blauen Augen vor sich, die sich in ihre bohrten. Seine ruhige Zuversicht hatte nichts mit Arroganz zu tun, und sein verstohlenes, sexy Lächeln … Nell biss sich auf die Unterlippe.

„Treffer! Deshalb bist du so nervös. Hast du etwa deine bequeme Jogginghose herumliegen lassen?“

Oh, Mist. Habe ich? Zumindest ist er nicht nach oben gegangen. „Aber er hatte überhaupt keinen Grund, herumzuschnüffeln! Und er hatte auch kein Recht dazu. Ich bin eine Zeugin, keine Verdächtige.“ Sie fuhr sich mit den Fingern über die Nase. „Allerdings hat er sich entschuldigt. Ich hatte den Eindruck, dass er es auch so gemeint hat.“

„Was ist dann dein Problem? Lass es gut sein, Nell. Die Polizei möchte den Fall schnellstmöglich aufklären, das ist alles. Geh und mach deine Aussage. Es klingt ja nicht so, als ob dein scharfer Detective es dir allzu schwer machen würde. Oh, wir sind gleich da. Ich schreib dir später.“ Beim Gedanken an Percys Pragmatismus und James’ Befragung wallten erneut Schuldgefühle in Nell auf. Warum war sie im Tunnel nicht ihrem Bauchgefühl gefolgt und hatte eine Meldung bei der Polizei gemacht? Tief in ihrem Innern hatte sie gespürt, dass etwas Schreckliches passiert sein musste. Sie hatte sich in falscher Sicherheit gewiegt. In der Hoffnung … Habe ich vielleicht gehört … wie Sophie ermordet wurde? Hätte ich den Mörder aufhalten können? Oder ihr helfen?

Na ja, jetzt war James auf ihre Unterstützung angewiesen. Das war das Mindeste, was sie tun konnte. Sie nahm einen USB-Stick und speicherte hunderte Fotos mit Zeitstempel darauf, die eindrucksvoll aufzeigten, wie sie bei ihrem Gutachten vorgegangen war. Dazu druckte sie E-Mails und Risikoeinschätzungen aus und legte sie zusammen mit den Quittungen in ihre Mappe mit den Landkarten. Dann transkribierte sie ihre Telefonate und die Nachrichten, die sie mit Adam wegen seiner Reifen ausgetauscht hatte. Er musste bis zum nächsten Monat warten, um sie zu ersetzen. Na ja, dabei konnte sie ihn ja unterstützen.

Sie schickte eine kurze Nachricht an ihren Mechaniker. Danach stellte sie fest, dass es keine weiteren Unterlagen gab, die für die Polizei von Interesse waren. Falls sie sahen, wann sie sich wo aufgehalten hatte, wussten sie auch, dass sie nichts gesehen hatte. Vielleicht würde ihnen das die Ermittlungen erleichtern.

Ein Anruf durchbrach die nachdenkliche Stille. Sie hatte nicht erwartet, dass ihr Mechaniker sie noch am selben Tag zurückrief. „Überlassen Sie das ruhig mir, Nell. Ich bringe Adam die Reifen nach dem Feiertagswochenende vorbei.“

Das war nur fair. Sie konnte sich das ohne Schwierigkeiten leisten, ganz im Gegensatz zu Adam. Außerdem wäre sie diejenige mit dem Platten gewesen, wenn er nicht für sie eingesprungen wäre, damit sie Manor House Farm begutachten konnte. Sie würde Adam sagen, dass sie einen Vorzugspreis erhielt. Irgendwie stimmte das ja auch. Aber dann würde Adam vielleicht wissen wollen, wie das sein konnte, und einen Haufen Fragen stellen, die sie abwehren musste. Das war wirklich eine Schande, weil er womöglich großes Interesse an diesem Projekt hätte …

„Haben Sie das Motorrad schon ausprobiert?“ Es war, als ob ihr Mechaniker ihre Gedanken gelesen hätte.

„Habe ich.“ Trotz des Stresses spürte sie, wie sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht ausbreitete. „Ich hatte eine richtig tolle Fahrt. Sie hatten recht – die Beschleunigung ist bei dem Elektromotor brutal.“

„Tja, seien Sie lieber vorsichtig. Wenn Sie zu stark beschleunigen, könnten Sie sich die Schulter auskugeln.“

Nell stimmte zu und beendete das Gespräch.

Mit zitternden Händen packte Nell ihre Tasche. Ihre innere Unruhe ließ sie wirklich schuldig erscheinen. Na ja, noch schuldiger als ohnehin schon. Sie musste das Adrenalin aus ihrem Körper vertreiben, bevor sie auf der Dienststelle ankam.

Vielleicht war es die Anregung ihres Mechanikers, die sie zum Garderobenschrank im Eingangsbereich gehen ließ. Sie schob die Mäntel beiseite und griff nach ihrer Motorradkleidung. Der Verkehr an einem Feiertagswochenende war ein Alptraum. Sie durfte die Detectives nicht warten lassen – oder die Ermittlungen aufhalten. Das Motorrad war somit die beste Wahl.

In der Garage schwang sie ihr Bein über den Prototypen eines Elektro-Superbikes und ließ sich auf den gefederten Sattel sinken, der wie eine mattschwarze Skulptur aussah. Sie streckte sich nach vorn und griff nach dem niedrigen Lenker. Mit den Zehenspitzen gab sie Gas. Draußen drückte sie auf den Knopf, um das Garagentor hinter sich zu schließen.

In moderatem Tempo fuhr sie an der Dorfwiese und dem Pub vorbei über die Hauptstraße, doch als die kurvige Landstraße vor ihr lag, drückte sie auf das Gaspedal, bis die Bäume in ihrem Sichtfeld verschwammen. Sie lehnte sich tief in die Kurven. Ihr Knie streifte die Straße. Mit geschärften Sinnen suchte sie weit entfernte Hecken und den Seitenstreifen nach Bewegungen ab, falls ein Tier heraussprang. Sie fühlte sich wie eine flüssige Verlängerung des Motorrads und spürte jede minimale Abweichung von Gewicht und Richtung, als sie die leere Straße entlangraste. Das schnelle Tempo ließ das Adrenalin durch ihren Körper rasen und vertrieb ihre Angst.