Leseprobe Tod mit fünf Sternen | Ein humorvoller Cosy Crime mit einem schwulen Ermittlerpaar

1.

Verträumt blinzelte Mike durch das regenverhangene Fenster des Ankleidezimmers. Normalerweise konnte man von hier aus das beeindruckende Panorama der Hollywood Hills bewundern. Doch augenblicklich herrschte dort draußen nichts als trübe Tristesse in Grau. Wenn es wenigstens mal aufhören würde, Bindfäden zu regnen, dachte er, während er sich verdrießlich durch die blonden Haare strich.

Aber zum Glück lag die Aufhellung in greifbarer Nähe. Nach dem Schmuddelwetter der letzten Tage war die Woche Sonnenschein, die Alex und ihm bevorstand, wie die Verheißung einer anderen, besseren Welt.

Genau das Richtige, um endlich abzuschalten und die Seele im Nichtstun baumeln zu lassen.

Und kaum hatte Mike diesen Gedanken gefasst, da wähnte er sich auch schon leibhaftig in ebendieser anderen Welt: Vor seinen Augen tauchten Bilder von weißem Sand und azurblauem Wasser auf – er fühlte die angenehme Hitze eines Strandtages auf seiner Haut brennen, während der feine Geruch von exotischen Pflanzen in seine Nase stieg. Und wenn er sich nicht täuschte, dann war das, was gerade verstohlen an sein Ohr drang, das leise Rauschen von Palmenblättern, die sanft im warmen Tropenwind schaukelten – oder war es etwa doch nur das Rascheln kleiner, frecher Nagetiere, die hinter seinem Rücken verbotene Dinge taten?

Mit einem Ruck fuhr er herum. »Erwischt, Hase! Glaubst du, ich merke nicht, dass du gerade einen deiner Schuhbeutel unter meinen T-Shirts versteckt hast?«

Alex zuckte ertappt zusammen. »Sei doch nicht so streng, Captain«, gab er schmollend zurück. »Mein Gepäck ist längst schon über der Gewichtsgrenze, und bei dir ist noch jede Menge Platz!«

Mike stöhnte und betrachtete kopfschüttelnd den Berg an Klamotten, der aus Alex’ schickem Samsonite quoll. »Das willst du doch nicht etwa alles mitnehmen? Allein deine Schuhe füllen den halben Koffer! Soweit ich weiß, läuft man auf dieser Insel die meiste Zeit über barfuß.«

»Nichts da«, protestierte Alex. »Ich gehe nicht zweimal im Monat zur Pediküre, um mir meine Füße mit schmutzigem Sand zu ruinieren!« Unglücklich verzog er den Mund. »Aber ich werde wohl abrüsten müssen. Keine Ahnung warum, aber ich scheine mich irgendwie verschätzt zu haben.«

Seufzend ließ er seinen Blick durch den hellerleuchteten Raum schweifen. An allen Seiten erhoben sich stylische Einbaumöbel bis unter die Decke, die jede Menge Platz für die bisweilen exzentrische Garderobe der zwei boten. Sonst sorgte hier ihre Haushälterin Conchita für peinliche Ordnung, nun aber schien es, als wären sämtliche Schränke geplündert und ihr Inhalt wahllos im Raum verstreut worden.

Mit anderen Worten: Alex’ und Mikes Urlaubsvorbereitungen liefen auf Hochtouren.

»Hoffentlich bereue ich nicht, mich auf diese Reise eingelassen zu haben«, brummte Alex, während er verdrossen zwei Paar Sneakers zurück ins Schuhregal stellte. »Eine ganze Woche auf einer Mini-Insel – wenn das mal nicht todlangweilig wird.«

»Geh nicht immer vom Schlechtesten aus! Es gibt dort ein nagelneues Gym und jede Menge kristallklares Wasser, das ganz heiß darauf ist, in Hautkontakt mit dir zu kommen. Außerdem hat mir Stan Forbes verraten, dass er einige äußerst interessante Gäste zur Eröffnungswoche erwartet. Wir werden also bestimmt genug Abwechslung haben.«

»Muss ein komischer Kauz sein, dieser Forbes«, erwiderte Alex bei dem Versuch, sich zwischen einer flamingoroten und einer delphinblauen Bermuda zu entscheiden. »Auf die verrückte Idee, eine ganze Insel zu kaufen, um dort ein Luxusressort zu bauen, muss man erst mal kommen.«

»Jedenfalls war es nett von ihm, mich anzurufen. Immerhin habe ich ihn seit Jahren nicht mehr gesehen. Und unser damaliger Kontakt war auch eher geschäftlich gewesen. Übrigens steht dir Flamingo eindeutig besser.«

Begleitet von einem schmalen Seufzer wanderte die blaue Bermuda zurück auf den Kleiderhaufen, der sich neben Alex’ Koffer aufgetürmt hatte.

»Bei den Preisen, die er für diese Woche verlangt, dürfte der Anruf nicht allein aus Nächstenliebe erfolgt sein«, bemerkte er.

Mike zuckte mit den Schultern. »Stimmt leider. Aber die Anlage muss auch bezahlt werden. Ehrlich gesagt frage ich mich, wie Forbes das alles finanzieren konnte. Früher bei der Bank hat er garantiert gut verdient, aber er hat dort vor mindestens fünf Jahren aufgehört. Keine Ahnung, was er seitdem getrieben hat.«

In diesem Augenblick erschien Conchita mit einem Stapel frisch gebügelter Hemden in der Tür. Missbilligend beäugte sie das allseitige Chaos.

»Santa Madre!«, schnaubte sie. »Hier sieht es aus, als wäre Bombe geplatzt! Gewiss brauche ich eine ganze Woche, um wieder Ordnung zu schaffen!«

Mike schenkte ihr ein schuldbewusstes Lächeln. »Keine Sorge, Conchita. Morgen früh muss uns Ernesto nur noch unfallfrei zum Flughafen bringen, dann seid ihr uns los und das Haus gehört allein euch beiden. Ein paar Tage Urlaub von uns werden euch sicher guttun!«

Aber von Urlaub wollte die umtriebige Haushälterin nichts wissen: »Pah! Diesen Urlaub kann sich Ernesto an den Schnurrbart stecken! Ich habe viel zu viel Arbeit, um auf fauler Haut zu liegen!«

Kopfschüttelnd bahnte sie sich den Weg durch das bunte Sammelsurium aus Hemden, Hosen, Badetüchern und Kopfbedeckungen, das ohne Weiteres mit dem Sortiment einer Boutique am Rodeo Drive konkurrieren konnte. Als ihr Blick auf die Schnorchelmaske in Mikes Koffer fiel, die sich dort wie ein grimmiger Alien versteckt hatte, lief ihr ein Schauer über den Rücken.

»O Dios!«, rief sie, sich vor Unbehagen schüttelnd. »Niemals würde ich freiwillig diese verrückte Reise machen! Ich hoffe nur, die jungen Herren kommen lebendig zurück. In solche Ländern gibt es nämlich gefährliche Tiere und giftige Pflanzen an jeder Ecke! Und auf einsamen Inseln man kann auch ganz leicht verhungern!« Es folgte eine theatralische Pause, bevor sie mit geheimnisvollem Flüstern nachschob: »Oder man wird verspeist von bösen Menschfressern

Amüsiert registrierte Mike den Hauch von Panik, der sich auf Alex’ Miene schlich. »Zumindest was das Verhungern angeht«, meinte er schnell, »können wir entspannt bleiben. Forbes hat einen Sternekoch engagiert, der bestens für das leibliche Wohl der Gäste sorgen wird.«

Conchita winkte ab. »Jaja, Mr Mike ist immer schlauer. Bis er im Kochtopf landet und sich erinnert an weise Worte von dummer Conchita!«

Seufzend hielt sie Ausschau nach einem freien Fleckchen für ihre Bügelwäsche. »Aber wie sagen die Leute: ›Eine Fiesta man soll feiern, wie sie fällt‹. Also werde ich die Zeit nutzen und dieses Haus von oben bis unten saubermachen. Und aufräumen! Vor allem die Sachen von Mr Alex, die er überall fallen lässt!«

»Das trifft sich gut«, murmelte Alex etwas zerstreut. »Vielleicht findest du bei dieser Gelegenheit meinen Bunny-Charm wieder. Ich muss ihn nämlich irgendwo verloren haben.«

Conchita machte ein ratloses Gesicht.

»Deinen Bunny-was?«, fragte Mike.

»Ein kleiner Anhänger in Form eines Hasen. Lucy hat ihn mir für das Armband meiner Smartwatch geschenkt. Ist doch gerade der letzte Schrei unter den Gymrats. Und ich Trottel habe ihn nicht richtig befestigt und suche ihn nun seit Tagen.«

Mike stieß glucksend Luft aus, bevor er mit übertriebener Liebenswürdigkeit bemerkte: »Das ist zwar ärgerlich, Hase, aber wieder ein Gramm weniger auf der Gepäckwaage.«

Er sah zu, wie die Augenbrauen seines Freundes zu hüpfen begannen. »Lieber ein Gramm mehr auf der Gepäckwaage als fünf Pfund Schokokekse zu viel auf den Hüften«, konterte dieser ungnädig.

»Jetzt bist du aber gemein. Nur weil du jedes Zuckerkorn zählst, werde ich nicht auf Tante Amys legendäre Schokokekse verzichten. Wo sie doch so sparsam mit ihnen ist und mir bloß zweimal im Jahr welche schickt.«

Alex verdrehte die Augen. Tante Amy war in Wirklichkeit keine Tante, sondern eine entfernte Verwandte von Mike. Trotzdem wusste er, dass die beiden seit jeher ein besonderes Verhältnis verband. Tante Amy war es, die sich nach dem Tod seiner Eltern rührend um Mike gesorgt hatte. Und Tante Amy war es auch gewesen, die irgendwann kurzerhand mit ihren Koffern vor der Tür gestanden hatte und für sechs Monate in die Villa am Vermissa Drive eingezogen war, um Mike zur Seite zu stehen. Das war vor Alex’ Zeit gewesen, aber Mike ließ selten eine Gelegenheit aus, um es zu erwähnen. Und die regelmäßigen Pakete mit selbstgemachten Kuchen, Keksen und Pasteten, mit denen die alte Dame ihn seither versorgte, waren für seinen Freund mit den Jahren zu einer Herzenssache geworden.

Im Grunde rührend, dachte Alex nachsichtig. Trotzdem konnte er sich einen kleinen Tadel nicht verkneifen: »Dir ist schon klar, dass diese Kekse zu hundert Prozent aus Fett und Zucker bestehen?«

»Aber sie schmecken wie ein unendlicher Kuss!«

Alex kapitulierte. »Es ist deine Entscheidung. Ich jedenfalls halte mich zwei Meilen von diesen Kalorienbomben entfernt. Und bitte wundere dich nicht, wenn du auf Finch-Island feststellen solltest, dass du nicht mehr in deine Badehose passt!«

»Und bitte wundere du dich nicht, wenn du gleich feststellen solltest, dass deine Badehose nicht mehr in den Koffer passt!«

Mike griff seufzend nach seinem Trolley, der geöffnet auf dem Boden lag. »Ich fürchte, wir müssen unser Gepäckmanagement noch mal neu starten. Am besten wird sein, wir werfen alles zusammen und teilen es dann durch zwei. Was hältst du davon? Wäre doch gelacht, wenn wir die Waage nicht gemeinsam austricksen könnten.«

»Super Plan! Und wie heißt es so schön: ›Gemeinsam kann man Berge versetzen.‹«

Mike warf einen skeptischen Blick auf den Kleiderhaufen, der inzwischen wie ein kleines Gebirge vor ihnen aufragte.

»Ich kann nur hoffen«, rief er lachend, »dass diese gipfelstürmende Weisheit auch für Klamottenberge gilt!«

2.

»Halt dich fest, Hase! Gleich geht’s ab in die Luft!«

Alex klammerte sich mit beiden Händen an die abgeschabte Lederlehne seines Vordersitzes, während sich ein breites Grinsen in sein Gesicht stahl. »Ui!«, rief er begeistert. »Das rumpelt heftiger als unser alter Dodge – und dabei dachte ich immer, schlimmer als der kann es nicht werden!«

Ein letzter Anlauf auf der glitzernden Wasseroberfläche, dann stieg die kleine Propellermaschine knatternd in den strahlend blauen Himmel hinauf, der sich über den Horizont spannte, so weit das Auge reichte.

Der Lärm des Motors war so laut, dass man in der Kabine kaum sein eigenes Wort verstand. Die meisten anderen Passagiere benutzten die schlammgrauen Ohrstöpsel, die beim Einsteigen verteilt worden waren. Jetzt bereuten es die beiden, sie wegen ihrer hässlichen Farbe abgelehnt zu haben. Liebe mag blind machen, dachte Mike. Aber Eitelkeit macht taub.

Außer ihm und Alex befanden sich noch ein knappes Dutzend anderer Fluggäste in dem Wasserflugzeug, das soeben den reichlich chaotischen Flughafen der Hauptinsel verlassen hatte und nun Kurs auf Finch-Island, das Ziel ihrer langen Reise, nahm.

Zu diesem Zeitpunkt hatten sie bereits mehrere Flugstunden und eine turbulente Umsteigeaktion hinter sich. Doch ab jetzt sollte der Transport zum Finchville Beach Resort nur noch etwa dreißig Minuten dauern.

Von Zeit zu Zeit sahen sie vorne im Cockpit die beiden Piloten miteinander Scherze treiben – zwei blutjunge Einheimische in Shorts und Badeschlappen. Dürfen die überhaupt schon fliegen?, fragte sich Alex und warf seinem Freund einen besorgten Blick zu.

»Keine Angst«, schrie ihm dieser ins Ohr, »solche Maschinen stürzen seltener ab als ein Jumbojet!« Dabei nickte er in Richtung des Kabinenfensters. »Und falls wir dennoch notlanden müssten, dann hätten wir es nie weit zum rettenden Ufer.«

Und tatsächlich: Nicht tief unter ihnen tauchten in regelmäßigen Abständen kleine und größere Inselchen, Archipele und Cays auf, manche mit Gebäuden darauf, manche mit dichten Palmen- oder Mangrovenwäldern, die aussahen, als hätte sie noch nie ein menschliches Wesen betreten.

Einige der Inseln waren von hellen Strandabschnitten umgeben, auf denen sich kleine Gestalten in bunten Badesachen tummelten. Durchs Fenster wirkten sie wie Spielzeugfiguren, die jemand liebevoll im Sand arrangiert hatte.

Als die Maschine schließlich ihre Flughöhe von kaum fünfhundert Fuß erreicht hatte, ließ der Lärm nach, so dass sich die beiden wieder einigermaßen verstehen konnten.

Alex warf einen neugierigen Blick durchs Innere des kleinen Flugzeugs. »Schau mal da drüben. Unser Superstar muss gerade eine mächtige Ladung Körperkontakt ertragen. Und weit und breit ist kein Schiedsrichter in Sicht, der ein Foul pfeifen könnte!«

Da sie als Letztes eingestiegen waren, saßen sie nun zwar in der hintersten Reihe, konnten dafür aber alles umso besser überblicken. Alex’ Bemerkung galt dem Passagier ganz vorne links, der so lang war, dass seine beeindruckenden Dreadlocks die Kabinendecke berührten. Die attraktive Dame zu seiner Rechten hatte sich an ihn gelehnt und war leidenschaftlich dabei, seinen Nacken zu massieren.

»Ist das wirklich RJ Dempson von den Hawks?«, fragte Mike.

»Aber ja doch. Ich hab ihn gerade schon am Gate erkannt. Und die liebeswütige Lady neben ihm ist seine Frau Shanice. Du weißt schon – über die ständig in den Klatschblättern berichtet wird. Bei der jagt ein Skandal den nächsten.«

Mike kräuselte die Stirn. Wenn etwas die Welt des Sports betraf, konnte man Alex nichts vormachen. Daher war ihm der berühmte Basketballprofi von den Atlanta Hawks auch gleich ins Auge gesprungen. Mike hatte zwar den Namen schon einmal gehört, hätte mit ihm aber kein Gesicht verbinden können. Und Dempsons Ehefrau war ihm erst recht unbekannt. Offenbar gehörte das prominente Paar ebenfalls zu Forbes’ Gästen.

Mike besah sich die beiden etwas genauer. Dempson mochte um die dreißig sein und hatte die typische Statur eines Basketballers. Anstelle der Kunststoffstöpsel hatte er es vorgezogen, große Over-Ear-Kopfhörer aufzusetzen, deren Bügel eine lustige Schneise in seine Lockenpracht schlugen. Seine Frau war etwas jünger und trug ein hautenges Trägertop, das ihre makellose Figur betonte. Mike wunderte sich über die verkrampfte Körperhaltung von Dempson. Andererseits wirkten die intensiven Streicheleinheiten seiner Gattin auch reichlich verstörend.

»Hm, mir scheint, Mrs Dempson will sich auf dieser Reise von ihrer besten Seite zeigen«, bemerkte er trocken. »Es fehlt nicht viel und sie bricht ihm vor lauter Inbrunst noch das Genick.«

Alex kicherte. »Erinnert mich an diese Heuschrecken, bei denen die Weibchen ihre Männchen beim Sex auffressen. Der arme RJ scheint jedenfalls nicht begeistert zu sein.«

Lautes Bellen unterbrach seine Betrachtungen.

Stöhnend ließ er seinen Kopf gegen die Lehne fallen. »Um Himmels willen! Jetzt fängt das schon wieder an! Wenn ich gewusst hätte, dass auch Hunde auf der Gästeliste stehen, wäre ich lieber zu Hause geblieben und hätte Conchita bei ihrer Putz-Fiesta unterstützt.«

Der lebhafte Kläffer gehörte zu einer fülligen Frau um die siebzig, die in einen weiten Umhang mit großen Blumenmustern gehüllt war. Auf ihrem Schoß thronte ein kleiner weißer Malteser, der mit heraushängender Zunge seine Umgebung begaffte, wobei er seine Eindrücke in unregelmäßigen Abständen lauthals kommentierte.

Obwohl das Gespann vier Reihen vor ihnen saß, konnte Mike erkennen, dass die Perlen, die um den Hals der Dame hingen, ein Vermögen wert sein mussten. Ihre üppigen Formen und der große Sonnenhut, den sie unpassenderweise noch immer aufgesetzt hatte, ließen nur wenig Platz für den schmächtigen Kerl, der neben ihr kauerte und mit ausdruckslosem Gesicht aus dem Fenster schaute.

»Was meinst du«, murmelte Alex, »ob das wohl ihr Sohn oder ihr Liebhaber ist?«

»Letzteres halte ich für unwahrscheinlich. Die Dame ist nicht nur mindestens doppelt so alt wie er, sondern wahrscheinlich auch doppelt so breit.«

Wie eine Reaktion auf Mikes spitze Bemerkung, meldete sich der Malteser wieder zu Wort. Anlass hierfür war ein kleines Mädchen von etwa acht Jahren, das auf der anderen Seite des Gangs saß und den Hund grinsend mit ihrer Puppe neckte. Die abstehenden Ohren des Kindes und die zwei kurzen, wie Antennen aussehenden Seitenzöpfe erinnerten Alex mit Schrecken an seine Mitschülerin Miranda, die ihn in der Grundschule regelmäßig verprügelt hatte und die heute, wenn er richtig informiert war, einen Schlachthof in San Bernardino leitete. Unwillkürlich musste er schlucken.

Die Kleine wurde von einem leicht spießig wirkenden Elternpaar begleitet. Der Vater, ein unscheinbarer Mann in den Vierzigern mit Nickelbrille und Reiseblazer, fotografierte unentwegt mit seinem Handy aus dem Kabinenfenster, während die Mutter stocksteif auf ihrem Gangplatz saß, die Schultern angespannt und die gefalteten Hände wie im Gebet vor den Mund gelegt.

Typischer Fall von Flugangst, urteilte Alex. Aber er konnte es ihr nicht verdenken. Die Manövrierkünste der Piloten waren doch recht gewöhnungsbedürftig, und für jemanden, der schwache Nerven hatte, musste sich die antiquierte Cessna wie ein Boot in stürmischer See anfühlen.

Als hätte man im Cockpit Alex’ Gedanken gelesen, neigte sich die Maschine in diesem Moment scharf nach links. Das kleine Mädchen jauchzte vor Freude auf, während seine Mutter panisch nach der Hand ihres Mannes griff.

»Die arme Frau«, murmelte Alex kopfschüttelnd. »Bestimmt leidet sie Höllenqualen.«

Mike, der dem Blick seines Freundes gefolgt war, bestätigte schulterzuckend: »Ja, und ihre reizende Tochter lacht sich schief darüber. Die Kleine scheint es faustdick hinter den Ohren zu haben!«

Alex blinzelte vergnügt. »Jetzt haben wir schon ein verzogenes Kind, einen vorlauten Hund und eine liebestolle Skandalnudel in unserer Reisegruppe. Fehlt nur noch, dass sich Brad und Angelina im Nebenzimmer eingebucht haben. Wenigstens sieht der Rest der Passagiere einigermaßen vernünftig aus.«

Bei diesem ›Rest‹ handelte es sich um zwei alleinreisende Herren, der eine mit Panamahut und großer Sonnenbrille, der andere ohne jede nennenswerten Eigenschaften, sowie eine elegant gekleidete Dame Anfang fünfzig in Begleitung ihres sechzehn- oder siebzehnjährigen Sohnes, die unentwegt damit beschäftigt war, sich und ihre Umgebung mit Hygienespray einzunebeln.

Doch den beiden blieb keine Zeit mehr für weitere Beobachtungen, denn in diesem Augenblick wandte sich einer der Piloten Richtung Kabine und deutete mit dem Daumen nach unten. Das Grinsen, das er dabei auflegte, war so breit, dass es kaum auf sein Gesicht passte.

Mike und Alex schoben ihre Köpfe zusammen, um durch das schmale Kabinenfenster zu spähen.

Das Flugzeug näherte sich jetzt einer kleinen Insel, die ziemlich genau die Form eines Hühnereis hatte. Mike schätzte den Durchmesser auf kaum eine Viertelmeile.

»Sieh mal, Hase. Das da unten muss Finch-Island sein!«

Alex’ Augen weiteten sich. »Du lieber Himmel! Diese Insel ist ja kaum größer als eine Briefmarke. Und wie lustig die winzigen Häuschen am Strand aussehen. Wie bunte Schatzkästlein!«

Die Insel war größtenteils von weißem Sandstrand umgeben, der an den beiden längeren Küstenabschnitten mit kleinen, freistehenden Bungalows in verschiedenen Farben gesäumt war. Vor jedem ragte eine Palme in die Höhe, unter der das frische Blau eines kleinen Pools in der Sonne glitzerte.

»Wow, hier hat jeder seinen eigenen Pool!«, rief Alex. »Wenn das mal kein Luxus ist!«

Das Innere von Finch-Island sah dagegen eher aus wie ein wilder Dschungel. Dichte Vegetation, nur vereinzelt einmal das Dach eines Bauwerks oder die Andeutung einer schmalen Lichtung. Ansonsten nur verschlungenes Grün, das bis an die Rückseiten der Bungalows reichte.

Die Cessna passierte das Eiland und drehte dann nach einer engen Kurve aus der entgegengesetzten Richtung wieder darauf zu. Auf dieser Seite von Finch-Island konnte man einen größeren Gebäudekomplex ausmachen, der hufeisenförmig angelegt war und eine Reihe hübscher Terrassen und Loggien beherbergte. Offensichtlich das Restaurant. Von hier aus führte auch ein schmaler Holzsteg rund fünfzig Yards ins Meer hinein, wo er in einem runden Pavillon mit Strohdach und Bootsanleger mündete.

Genau dorthin steuerte der Wasserflieger, während er rasch an Höhe und Geschwindigkeit verlor. Ein letztes Mal heulte der Motor auf, dann setzten die beiden Schwimmer unerwartet weich auf dem Meer auf. Beinahe lautlos glitt die Maschine noch ein kurzes Stück über die spiegelglatte Oberfläche, bevor sie beidrehte und wie ein Boot auf den Anleger zusteuerte.

Wenige Minuten später hatten sie am Holzsteg angedockt.

3.

Getreu den Worten ›Die Letzten werden die Ersten sein‹ machten Alex und Mike beim Aussteigen den Anfang. Über eine leicht schwankende Gangway, die an der geöffneten Kabinentür angebracht wurde, gelangten sie direkt unter das Dach des kleinen Pavillons.

Dort wurden sie von einer Handvoll Animateuren begrüßt, die in farbenfrohen Kostümen steckten und dabei zu Trommelmusik tanzten. Mike und Alex nickten ihnen freundlich zu. Die Luft hier draußen über dem Meer war angenehm frisch, und beide waren heilfroh, nun endlich am Ziel ihrer langen Reise angekommen zu sein. Fast am Ziel, um genau zu sein, denn vom Finchville Beach Resort trennten sie noch der schmale Landesteg und die bunte Begrüßungszeremonie, die jetzt auch noch durch rhythmisches Klatschen verfeinert wurde.

Seine Glieder streckend, ließ Mike einen neugierigen Blick Richtung Insel schweifen. Vom Wasser aus konnte man das Strandrestaurant mit seinem einladenden Außenbereich und der beeindruckenden Holzpergola gut erkennen. Hier würden sie heute Abend ein ausgezeichnetes Dinner genießen. Und nach einer friedlichen Nacht konnte morgen ihr langersehntes Erholungsprogramm starten. Das zumindest war der Plan, und er klang verführerisch.

Mikes behagliche Gedanken wurden von einer dominanten Stimme durchbrochen: »Junger Mann, wären Sie wohl so freundlich, mir die Tasche abzunehmen?«

Er drehte sich um und erkannte die elegante Dame wieder, die im Flugzeug zwei Reihen vor ihnen gesessen hatte. Jetzt balancierte sie unsicher auf der altersschwachen Gangway, wobei sie ihre große, beutelartige Handtasche mit beiden Armen fest umklammert hielt.

Ihr Sohn, der schon auf dem Steg stand, streckte ihr genervt die Hand entgegen. »Aber Mum, warum gibst du mir nicht die Tasche?«

Die Frau stieß ein ungeduldiges Glucksen aus, während sie taumelnd das Gleichgewicht zu halten versuchte. »Gott, Dickie! Bloß nicht! Ich hätte ja Angst, dass du damit ins Wasser fällst!«

Der Junge schlug frustriert die Augen nieder.

Alex und Mike tauschten stumme Blicke aus. Diese Lady hatte gerade keine Sympathiepunkte bei ihnen gesammelt!

Mike setzte seine Gentleman-Miene auf, rührte sich aber demonstrativ nicht von der Stelle. »Madam, Ihr Sohn macht mir nicht den Eindruck, als würde er ins Wasser fallen. Ich bin überzeugt, er hat die Situation im Griff.«

Sein Grinsen begegnete Dickies dankbarem Blick, als dieser ihm flüchtig zulächelte. Dessen Mutter gab einen schmallippigen Laut von sich, bevor sie ihrem Sohn schließlich die Tasche in die Hand drückte.

»Und schon hast du eine Freundin weniger auf Finch-Island«, raunte Alex, als sie sich wieder umgedreht hatten.

Die gleichgültig zuckenden Schultern seines Freundes gaben zu verstehen, dass man manche Dinge in Kauf nehmen musste.

Die Tanzgruppe hatte jetzt ihre kleine Performance beendet und damit begonnen, den Ankommenden Erfrischungen zu reichen. Die beiden entschieden sich für einen exotischen Cocktail, der verführerisch nach Papaya duftete.

Während sie mit zufriedenen Gesichtern ihre Drinks genossen, wurde es unter dem kleinen Strohdach allmählich lebendiger. Zwischen den Flugzeuginsassen, die endlich alle ausgestiegen waren, und dem Begrüßungskomitee waren zwei Hotelangestellte damit beschäftigt, das Gepäck aus dem Laderaum auf große Rollwagen zu befördern. Auch die Koffer der Jungs hatten es schließlich bis hierher geschafft, auch wenn deren endgültige Befüllung am Vortag noch eine echte Geduldsprobe gewesen war.

»Ruinart! Ruinart!«

Die lauten Rufe, die plötzlich aus dem Stimmenwirrwarr hervordrangen, kamen von der fülligen Frau mit Sonnenhut, die in Begleitung des kleinen Maltesers angereist war.

Alex stutzte. »Na sowas! Unsere Hundefreundin scheint ja ganz besonders durstig zu sein. Ich kann nur hoffen, dass die hier genug Champagner gebunkert haben, sonst gibt’s ein langes Gesicht!«

Die ungeduldige Ruferin wandte sich schroff an den Mann, der im Flugzeug neben ihr gesessen hatte: »Benson, holen Sie sofort Ruinart zurück! Er wird vor Aufregung noch ins Meer fallen! Und ich wette, Sie können nicht mal schwimmen, um ihn zu retten!«

Im Handumdrehen hatte sich der magere Bursche aufgemacht, den ungezügelten Hund zu verfolgen, der quietschfidel zwischen den Beinen der anderen Gäste herumwuselte.

Alex beobachtete die Szene mit offenem Mund. »Captain, kneif mich«, stieß er verblüfft hervor. »Dieser Köter heißt nicht wirklich wie die Champagnermarke, oder? Aua!«

»Ich sollte dich doch kneifen.«

»Aber nicht so fest!« Alex rollte, seinen Unterarm massierend, mit den Augen. »Na, wenigstens weiß ich jetzt, dass ich nicht träume.«

»Tatsache. Und außerdem wissen wir jetzt, warum Mr Benson mit von der Partie ist.«

»Mit unserer Einschätzung lagen wir ziemlich daneben.«

»Stimmt. Er ist weder ihr Sohn noch ihr Liebhaber. So viel steht fest.«

»Ich würde sagen, da hat er doppelt Glück gehabt«, kicherte Alex und deutete mit dem Kinn in Richtung der strengen Lady, die mit verschränkten Armen am Rand des Pavillons stand und Mr Benson, der augenscheinlich ihr Angestellter war, schonungslos herumkommandierte.

Die beiden staunten nicht schlecht, wie gelenkig sich Benson durch das wabernde Touristenknäuel schob. Doch der kleine Ruinart schien genau zu wissen, was ihm blühte. Geschickt entschlüpfte er wieder und wieder den Händen seines Jägers, und erst nach einigen Zickzackmanövern war der Hund schließlich zurück in die Obhut seiner Besitzerin verbracht.

»Hm«, murmelte Mike teilnahmsvoll, »dieses ›Glück‹ würde ich mit einem sehr dicken Fragezeichen versehen.«

In der Zwischenzeit hatte eine junge Frau mit kurzen, korallenroten Haaren die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Ihre Aufgabe war es, den Neuankömmlingen die Strandbungalows zuzuteilen, was sie mithilfe eines Tablets in der Hand und einer entschlossenen Stimme tat. Anschließend mussten die Urlauber kleine Aufkleber mit den passenden Nummern auf ihren Gepäckstücken anbringen, bevor diese fortgeschafft wurden.

Damit waren die Anreiseformalitäten erledigt.

Alex und Mike wollten sich schon auf den Weg Richtung Insel machen, als ihnen ein großer Mann mit weißem Leinenanzug und giftgrünem Einstecktuch entgegentrat. Die Begrüßung, die er herausbrüllte, war so laut, dass sie sicher noch auf der Nachbarinsel zu hören war.

»Mike Greenfort! Da laust mich doch der Affe! Ha! Welche Freude, dass Sie mir auf meinem bescheidenen Eiland die Ehre erweisen!«

Auf dem sonnengebräunten Gesicht strahlten Begeisterung und Stolz. Während er sprach, fuchtelte er aufgeregt in der Luft herum, ehe seine Hand in weitem Bogen auf Mikes Schulter landete.

»Stan!«, gab dieser lächelnd zurück. »Die Freude ist ganz auf meiner Seite. Sie sehen fabelhaft aus!«

Die Stimme des anderen wurde unversehens leiser. »Sehr nett, Mike. Aber nennen Sie mich auf der Insel bitte François.« Er blinzelte komplizenhaft. »Das macht sich doch viel besser als Hoteldirektor, nicht wahr?«

»François?« Mike hob die Augenbrauen. Er hatte Stan Forbes zwar als leicht exzentrisch in Erinnerung, sein alberner Namenswechsel überraschte ihn jedoch. »Sicher doch, Stan, äh, François. Aber glauben Sie wirklich …«

Doch Forbes hatte bereits wieder seine Direktorpose angenommen und gestikulierte vergnügt mit seinen Armen herum. »O Mike, Sie müssen mir bei Gelegenheit unbedingt erzählen, wie es Ihnen ergangen ist. Wenn man der Presse traut, muss es bei Greenfort Enterprises ja blendend laufen!« Ein neugieriger Blick flog in Richtung Alex. »Und das ist also …« Er ließ den Satz unbeendet.

»Ja, das ist Alex«, vervollständigte Mike.

»Prächtig! Auch an Sie, Alex, ein herzliches Willkommen auf Finch-Island, dem Fabergé-Ei unter den tropischen Inseln, haha!«

Alex wich der ausladenden Begrüßungsgebärde aus, bevor er Mr Forbes alias François die Hand schüttelte, die so groß wie eine Schaufel war.

»Danke, die Anlage sieht vielversprechend aus«, bemerkte er freundlich und deutete Richtung Insel. »Aus der Luft haben Mike und ich schon einiges erkennen können. Die kleinen Strandhäuschen sehen echt niedlich aus. Wie viele Gäste können hier eigentlich unterkommen?«

Forbes wippte eifrig auf den Zehenspitzen, während er sich zufrieden die Hände rieb. »Ha, mehr als man denkt!«, trompetete er. »Wir haben zwanzig nagelneue Luxus-Bungalows, in denen bis zu vier Personen wohnen können. Außerdem gibt es neben dem Restaurant noch ein größeres Gebäude mit einigen Einzel- und Doppelzimmern. Anlässlich unserer Eröffnungswoche haben wir uns allerdings für einen sehr überschaubaren Gästekreis entschieden. Einige sind schon heute Mittag mit dem Speedboot angekommen, das ist für gewöhnlich etwas günstiger als das Wasserflugzeug. Aber die meisten sind mit Ihnen beiden angereist und marschieren gerade hier im Welcome-Pavillon herum. Das da drüben ist übrigens Lora, meine Geschäftspartnerin und Lebensgefährtin.« Er deutete auf die rothaarige Frau, die die Bungalows verteilt hatte. »Eine umwerfende Lady, haha! Sie werden sie gewiss bald kennenlernen.«

Mittlerweile waren sie an die Frontbrüstung des Pavillons vorgerückt, um die anderen Gäste passieren zu lassen, die sich nach und nach über den Steg auf den Weg zu ihren Bungalows machten.

»Tja, Sta… François« – Mike würde sich wohl nie an diesen Namen gewöhnen – »ich muss schon sagen, ein sehr beeindruckender Sinneswandel: Von der hektischen Wall Street auf eine einsame Insel. Das muss Ihnen erst mal einer nachmachen.«

»Nun ja, was soll man sagen?« Forbes schaukelte selbstgefällig mit dem Kopf. »Etwas Abwechslung hat noch niemandem geschadet. Und ganz so einsam ist es dann ja doch nicht, wie man sieht.« Sein Blick flog über die Menschentraube hinter sich, die sich allmählich aufzulösen begann. »Nach so vielen Jahren im Finanzdickicht kommt mir der Urwald hier wie das Paradies vor. Allein meine spannenden Motorradtouren werde ich vermissen, denn dafür ist Finch-Island eindeutig zu klein, haha!«

Alex’ Aufmerksamkeit war geweckt. »Sie fahren Motorrad? Ist ja ’n Ding! Ein Biker-Kollege! Darf ich fragen, welche Maschinen Sie bevorzugen?«

Forbes zeigte sich hocherfreut über Alex’ Neugier und begann lebhaft, über sein früheres Hobby zu plaudern. Während er erzählte, flogen seine Hände und Arme durch die Luft, als wäre er ein Dirigent.

Die Unterhaltung bog gerade durch die besonders engen Kurven der Blue Ridge Mountains, als Forbes abrupt innehielt und wie gebannt auf einen Punkt hinter Alex’ Schulter starrte.

Alex bemerkte, dass das Gesicht des Direktors totenblass geworden war. Sonderbar. Sieht aus, als hätte er einen Geist gesehen …

Doch der Inselbesitzer hatte sich ebenso schnell wieder gefangen, wie er aus der Fassung geraten war. »Du lieber Himmel«, stieß er mit gespielter Munterkeit hervor, »da habe ich vor lauter Gequassel glatt die Zeit vergessen. Sie machen sich keine Vorstellung, was ich alles erledigen muss! Gerade heute zur Eröffnung! Aber wir haben ja noch ein paar Tage, um unsere Plauderei fortzusetzen. Und gewiss sehen wir uns später beim Champagnerempfang vor dem Dinner!«

Mit dieser Ankündigung entschwand Forbes Richtung Insel, nicht bevor er den beiden noch einmal kräftig auf den Rücken geklopft hatte.

Mike und Alex wechselten amüsierte Blicke und machten sich dann ebenfalls auf den Weg zu ihrem Bungalow.