Leseprobe Tod in Maple Grange

Prolog

September 1955

»Höher. Du musst höher klettern. Du kannst nur Mitglied in der Bande werden, wenn du uns eine Kastanie von einem der obersten Äste mitbringst.«

Lynette hatte geglaubt, sie sei schon fast ganz oben am Baum – doch als sie den Kopf neigte und nach oben blickte, wurde ihr klar, dass sie noch einen langen Weg vor sich hatte. Das Problem war nur, dass sie nicht glaubte, noch höher klettern zu können. Ihr Herz hämmerte, und ihr war furchtbar schwindelig.

Noch vor drei Minuten hatte sie auf dem versengten Sommergras gestanden, überlegt, wie sie am besten auf den Baum klettern könnte, und gedacht, das wäre ein Kinderspiel. Die dicken, nach oben geschwungenen Äste wirkten sicher und stabil und waren gleichmäßig verteilt – perfekt zum Klettern.

Vor zwei Minuten hatte sie sich mit Hilfe der Seilschaukel auf den ersten Ast hochgezogen. Von dort aus war sie selbstbewusst weiter nach oben geklettert, wobei sie sich flink bewegte, als würde sie eine Leiter hinaufsteigen.

Noch vor einer Minute war alles hervorragend gelaufen – und dann hatte sie den Fehler gemacht, nach unten zu schauen.

Am Fuß des Stammes drängten sich die drei Mitglieder der Rosskastanien-Bande, die ihre Fortschritte beobachteten und herrisch herumschrien. Sie waren alle etwas älter als sie und wesentlich selbstbewusster. Lynette redete sich ein, dass sie nur da waren, um sie anzufeuern, aber sie wusste (tief in ihrem Inneren), dass sie zu jung und zu unbeholfen war, um jemals in diese Clique zu passen. Von hier oben sah das Trio winzig aus … es war ein so langer, langer Weg nach unten.

Sie klammerte sich an den Baum und wünschte sich, er würde seine holzigen Äste um sie schlingen und sie fest an sich drücken. Sie beschützen.

Sie kniff die Augen fest zusammen und versuchte, das Schwindelgefühl in ihrem Kopf und das Klingeln in ihren Ohren zu ignorieren. Ihr Körper fühlte sich steif an, erstarrt vor Angst. Sie konnte weder hinauf noch hinunter. Sie saß fest, klebte am Baum wie Rinde. Unterdessen hallte der Lärm der Stimmen unten auf dem Boden weiter und drängte sie, noch höher zu steigen.

»Sei kein Angsthase, Lynette. Du musst weiterklettern. Zwei weitere Äste sollten reichen. Sobald du oben angekommen bist, schnapp dir die nächste Kastanie und wirf sie nach unten. Dann lassen wir dich in unsere Bande.«

Sie hatten leicht reden. Warum konnten sie ihr nicht ein paar aufmunternde Worte zurufen, anstatt sie zu verspotten?

Lass dich von ihnen nicht aus der Ruhe bringen, sagte sie sich. Du schaffst das.

Wie schwer kann das schon sein?

Sie spürte, wie sich der raue Stamm des Baumes gegen den dünnen Baumwollstoff ihrer Bluse drückte. Sie musste sich bewegen. Hoch oder runter, egal wohin.

Sie löste sich von der beruhigenden Kraft der Rosskastanie und zwang ihre wackeligen, unwilligen Beine, sich aufzurichten. »Beeil dich, Lynette. Wir müssen bald nach Hause. Dir läuft die Zeit davon.«

Mit Armen, die sich wie Gummi anfühlten, griff sie nach dem nächsten Ast und hievte sich auf den höchsten Teil des Baumes. Jetzt musste sie nur noch nach der größten Kastanie greifen, die sie finden konnte.

Sie erinnerte sich daran, was Ella ihr geraten hatte, wenn sie spürte, dass sich einer ihrer Schwindelanfälle ankündigte.

Langsame, tiefe Atemzüge, kleine Schwester. Langsame, tiefe Atemzüge.

Lynette schloss erneut die Augen, atmete tief ein und wartete darauf, dass das Schwindelgefühl in ihrem Kopf nachließ. Sobald sie sich gefasst hatte, nahm sie all ihren Mut zusammen und schob sich mit winzigen Schritten nach rechts vor, wo ganz oben im Baum eine riesige gelbgrüne Kastanienhülle hing. Lynette stützte sich mit der linken Hand ab, streckte den anderen Arm aus und lächelte triumphierend, als sich ihre Finger um die stachelige Hülle schlossen.

Und in diesem Moment hörte sie ein Knacken, als wäre ein Schuss gefallen. Der Ast, auf dem sie stand, gab nach und brach dann ab, sodass Lynette in der Luft hing und sich mit der linken Hand festklammerte.

Sie schwang ihr rechtes Bein hin und her und versuchte verzweifelt, einen Fuß am Baum einzuhaken – doch ihr fehlte die nötige Kraft, um sich wieder festzuhalten. Unten auf dem Boden verstummten die Gespräche. Irgendwo in der Nähe stieß eine Amsel einen warnenden Schrei aus.

Lynettes Hand war zu klein, zu schwach. Sie konnte sich nicht festhalten.

Sie schloss die Augen, während sie fiel, und wusste mit absoluter Gewissheit, dass sie bei ihrer Mission gescheitert war. Jetzt würden sie sie niemals in die Rosskastanien-Bande aufnehmen.

Kapitel 1

In Violet Brewsters winzigem Büro war kaum Platz für eine Person, geschweige denn für zwei – doch nach langem Umräumen und Herumprobieren hatte sie es geschafft, neben ihrem eigenen Schreibtisch noch einen weiteren unterzubringen. Dort arbeitete nun ihre neue Assistentin, Molly Gee, die sie für eine Wochenarbeitszeit von fünfzehn Stunden in ihrem Videoproduktionsunternehmen The Memory Box eingestellt hatte.

Molly hatte sich gut eingelebt und den größten Teil des Vormittags damit verbracht, eine ganze Reihe eingehender Anrufe zu beantworten. Es war ein ungewöhnlich arbeitsreicher Tag, und dass sie da war, um Anfragen zu bearbeiten, erwies sich als große Hilfe. So hatte Violet Zeit, sich ganz auf die letzten Überarbeitungen ihres neuesten Filmprojekts zu konzentrieren.

»Könnten Sie bitte einen Moment in der Leitung bleiben?«, bat Molly, nachdem sie den neuesten Anruf entgegengenommen hatte. »Ich schaue mal nach, ob Violet Zeit hat.«

Sie schaltete das Telefon stumm und rollte ihren Bürostuhl zu Violets Schreibtisch hinüber (in den beengten Räumlichkeiten von The Memory Box hatte sie es nicht weit).

»Da ist eine Dawn Pilcher am Telefon«, sagte Molly. »Sie möchte mit dir über eine persönliche Angelegenheit sprechen.«

Violet runzelte skeptisch die Stirn.

»Soll ich ihr sagen, dass du nicht verfügbar bist? Oder ich könnte sagen, dass ich dich nicht finden kann. Sie weiß ja nicht, dass wir nur eine Haaresbreite voneinander entfernt sitzen.«

Violet schüttelte den Kopf und griff nach dem Telefon. »Ist schon gut. Ich werde mit ihr sprechen.«

»Prima.« Molly stand auf. »Während du das machst, gehe ich mal schnell und koche uns einen Tee.«

***

Drei Minuten später kam Molly aus dem winzigen Hinterzimmer und trug zwei dampfende Tassen Tee in den Händen.

»Und?«, fragte sie, während sie eines der Getränke auf Violets Schreibtisch stellte und auf das andere blies. »Waren es gute Nachrichten?«

»Nicht wirklich«, erwiderte Violet. »Eine Frau, die ich vor ein paar Monaten kennengelernt habe, ist gestorben.«

»O nein!« Molly verzog das Gesicht. »Das tut mir leid. Ist es jemand, den ich kenne?«

»Möglicherweise«, sagte Violet. »Ihr Name war Phyllis Gibson? Sie wohnte drüben in der Seniorenresidenz Maple Grange.«

Molly schüttelte den Kopf. »Der Name sagt mir nichts.«

In den zehn Monaten, in denen Violet ihr kleines Unternehmen geführt hatte, war sie an vielen interessanten Projekten beteiligt gewesen – doch der Film, an dem sie gemeinsam mit Phyllis gearbeitet hatte, hatte ihr bisher am meisten Spaß gemacht.

»Ich habe Phyllis im Oktober kennengelernt«, erzählte sie. »Eine Gruppe von Bewohnern von Maple Grange hatte mich gebeten, gemeinsam mit ihnen an einem Nostalgie-Projekt über die 1950er und 1960er Jahre zu arbeiten. Ich habe einen Kurzfilm über ihre Erinnerungen gedreht, und Phyllis war eine der Personen, die ich interviewt habe. Sie war eine reizende Dame. Wir verstanden uns prächtig. Ich kannte sie nicht gut, aber sie wirkte für ihr Alter sehr lebhaft. Ich kann nicht glauben, dass sie gestorben ist.«

»Wie alt war sie?«, fragte Molly.

»Achtundsiebzig und fit wie ein Turnschuh – zumindest dachte ich das.«

»Der äußere Eindruck täuscht manchmal«, sagte Molly. »Was ist passiert? Ich nehme an, sie ist plötzlich gestorben?«

»Ich schätze schon.« Violet zuckte mit den Schultern. »Vielleicht hatte sie einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt oder so etwas. Sie ist im November gestorben, also hat die Beerdigung bereits stattgefunden. Ich wäre hingegangen, wenn man mir Bescheid gegeben hätte, aber anscheinend hat sich Phyllis eine private Trauerfeier gewünscht … nur enge Freunde und Familie.«

»Und worüber wollte Dawn Pilcher dann mit dir sprechen?«

»Sie ist Leiterin der Bewohnerbetreuung bei Maple Grange und außerdem Testamentsvollstreckerin von Phyllis. Die Nachlassabwicklung wurde gerade genehmigt, und Dawn verteilt nun eine Reihe von Vermächtnissen, darunter auch eines an mich.« »Ernsthaft?« Mollys Mund klappte auf. »Sie hat dir etwas in ihrem Testament hinterlassen?«

»Ja. Um ehrlich zu sein, ist diese Nachricht ein noch größerer Schock, als dass Phyllis verstorben ist. Wie gesagt, ich kannte sie kaum. Sie und ich haben uns vielleicht drei, vier Mal getroffen. Wir haben uns auf jeden Fall gut verstanden – daran besteht kein Zweifel –, aber ich bin völlig ratlos, warum sie mich in ihrem Testament als Erbin eingesetzt hat.«

»Vielleicht hatte sie eine Schwäche für dich. Das klingt auf jeden Fall so, als ob ihr beide auf einer Wellenlänge wart. Was hat sie dir hinterlassen? Hat Dawn Pilcher das gesagt?«

»Eine Kiste«, sagte Violet. »Phyllis hatte sie in ihrem Wohnzimmer stehen, und ich habe sie bei einem meiner Besuche bei ihr bewundert. Sie muss sich daran erinnert haben.«

»Ach … Das war nett von ihr, an dich zu denken«, meinte Molly. »Vorausgesetzt natürlich, es handelt sich nicht um irgendeine schäbige alte Kiste oder ein Plastikmonstrum aus dem Billigladen.«

Violet lächelte. »Ganz im Gegenteil. Es ist eine hübsche viktorianische Schmuckschatulle. Eine Antiquität. Phyllis hat mir erzählt, dass sie aus Palisanderholz gefertigt ist, und wenn ich mich recht erinnere, sind in die Oberseite winzige Blumen aus Perlmutt eingelegt … wirklich hübsch.«

»Klingt ganz danach«, sagte Molly. »Vielleicht wollte sie, dass du es bekommst, wegen des Namens deines Unternehmens? Du führst The Memory Box, also hat Phyllis dich vielleicht als die perfekte Verwahrerin ihres Antikstücks angesehen.«

Violet nickte langsam. »Das hatte ich nicht bedacht. Was auch immer der Grund war, es war nett von ihr, an mich zu denken. Es ist ein sehr großzügiges Geschenk.«

»Warum bewahrst du sie nicht hier im Büro auf?«, schlug Molly vor. »Ich habe mir überlegt, dass wir mit dem Fenster etwas Kreativeres anstellen sollten. Wir sind das einzige Nicht-Einzelhandelsgeschäft im Shopping Village – ich denke, wir sollten den Passanten einen besseren Eindruck davon vermitteln, was wir hier eigentlich machen. Im Moment sieht unsere Ladenfront sehr trist und langweilig aus. Die Schatulle könnte das Herzstück eines neuen Schaufensters bilden.«

Violet freute sich, dass Molly kreativ dachte, und war erfreut, dass sie ›wir‹ gesagt hatte. Das zeigte, dass sie sich (selbst als neue Mitarbeiterin) bereits als Teil des ›Team Memory Box‹ betrachtete.

»Mir gefällt deine Idee, die Ladenfront zu verschönern«, sagte Violet. »Aber ich würde Phyllis’ Schatulle lieber zu Hause aufbewahren, damit ich sie gebührend in Ehren halten kann. Vielleicht könntest du das Schaufenster anders gestalten … ein paar Artikel ausstellen, die den Charakter unserer Arbeit widerspiegeln.«

»Wie zum Beispiel?«

»Vielleicht ein paar alte Fotos oder andere Ephemera.«

»Ephemera?«, fragte Molly. »Was genau heißt das?«

Violet lachte. »Papiere, Briefe, alte Programmhefte. Du weißt schon – vergängliche Dinge. Dinge, die eigentlich nur für kurze Zeit gedacht waren, aber trotzdem überlebt haben oder als Andenken aufbewahrt wurden.«

»Du meinst so etwas wie alte Konzertkarten?«, fragte Molly. »Oder Postkarten?«

»Ja, genau so etwas. Alte Zeitschriften. Comics. Fußball-Spielpläne. Dinge, die Erinnerungen auslösen.«

Erinnerungen waren das A und O von Violets Geschäft. Im Rahmen von The Memory Box arbeitete sie mit Gruppen und Einzelpersonen zusammen, um Familien- und persönliche Geschichten, Erinnerungen an die Gemeinschaft sowie Erzählungen zu den unterschiedlichsten Themen – von Unternehmen und Häusern bis hin zu Vereinen oder Dörfern – festzuhalten.

Molly neigte nachdenklich den Kopf. »Was ist das Budget für das Schaufenster?«

»Budget?« Violet warf ihr einen gespielten entsetzten Blick zu. »Du willst, dass ich Geld dafür ausgebe?«

Molly zog eine Augenbraue hoch. »Komm schon, Violet. Ich kann unglaublich kreativ sein, wenn ich mich darauf konzentriere, aber man muss mir schon etwas geben, womit ich arbeiten kann.«

Violet nippte an ihrem Tee. »In der Portokasse sind dreißig Pfund. Schau mal, was du damit auf die Beine stellen kannst.« Molly grinste. »Ich werde mein Bestes geben, aber erwarte keine Wunder.«

»Du wirst einen tollen Job machen«, sagte Violet. »Das weiß ich. Schau doch mal im The Antiques Emporium nebenan vorbei. Da gibt es alle möglichen Sachen.«

»Gute Idee«, sagte Molly und klang dabei begeistert, ihre Fähigkeiten als Schaufensterdekorateurin unter Beweis stellen zu können – auch wenn es nur um magere dreißig Pfund ging.

»Wenn du nett fragst, gibt Robert Dorman dir vielleicht einen Rabatt.«

»Darauf würde ich mich nicht verlassen«, meinte Molly. »Ich habe gehört, er sei so geizig wie nur irgend möglich.«

Robert war der Inhaber des Antiquitätenladens: ein großer, schlaksiger junger Mann, der für seine Ungeschicklichkeit bekannt war. Diese hatte in seinem Laden schon so manchen kostspieligen Schaden verursacht.

»Wann wird deine Schatulle denn überhaupt geliefert?«, fragte Molly und wechselte das Thema.

»Gar nicht«, erwiderte Violet. »Ich muss rüber zum Seniorenwohnheim fahren, um sie abzuholen.«

»Worauf wartest du dann noch?« Molly rieb sich die Hände. »Warum gehst du nicht jetzt gleich? Ich halte hier gern die Stellung.«

»Ich kann nicht einfach alles stehen und liegen lassen und nach Maple Grange fahren.« Violet nickte in Richtung ihres Computerbildschirms. »Ich muss das heute noch fertig machen.«

»Dann geh heute Abend. Nach der Arbeit.«

Violet lachte leise. »Ich glaube, dieses unerwartete Vermächtnis fasziniert dich mehr als mich, Molly. Zufälligerweise … habe ich heute Abend schon etwas vor, daher scheidet auch dieser Abend aus.«

»Machst du etwas Aufregendes?«

»Ich gehe zu Matthew. Er kocht für mich.«

»Ach ja?« Molly legte den Kopf schief. »Das zwischen euch scheint wohl ernst zu werden, wenn er für euch beide so ein üppiges Mahl zusammenzaubert.«

Violet grinste. »Wie ich Matthew kenne, wird es eher ein hastig zusammengestelltes als ein üppiges Mahl sein. Er ist zwar nicht der beste Koch, aber er macht eine verdammt gute Spaghetti Bolognese und ein ganz passables Chili – und egal, was er kocht, er serviert es immer mit einer guten Flasche Wein, also beschwere ich mich nicht.«

»Das hoffe ich doch«, sagte Molly. »Ich wünschte, ich hätte jemanden, der für mich kocht. Mein Abendessen wird heute wahrscheinlich aus Fischstäbchen, einem Fertiggericht oder etwas auf Toast bestehen. Du hast Glück, jemanden wie Matthew zu haben, mit dem du Zeit verbringen kannst.«

»Ich weiß«, sagte Violet. »Und glaub mir, das ist nichts, was ich als selbstverständlich betrachte.«

Kapitel 2

»Danke, dass du mich begleitest«, sagte Violet, als sie und Matthew am nächsten Mittag auf das Gelände der Seniorenresidenz Maple Grange fuhren. »Das wäre nicht nötig gewesen.«

»Ich weiß«, antwortete Matthew. »Aber dieser Ort fasziniert mich. Ich bin schon oft daran vorbeigefahren und habe mir immer einen Grund gewünscht, mal hineinzugehen.«

»Mach dich auf etwas Besonderes gefasst«, sagte Violet, als sie ihr Auto die Auffahrt entlanglenkte, zwischen einer Allee winterkarger Ahornbäume hindurch. »Es ist wirklich großartig, und die Einrichtungen sind sehr beeindruckend.«

Während ihrer Arbeit an dem Filmprojekt in Maple Grange im vergangenen Herbst hatte Violet sich umfassend mit der Seniorenresidenz vertraut gemacht, einschließlich ihrer Geschichte und ihrer Entstehung. Nur wenige Meilen von Bakewell entfernt, lag es inmitten von vierzehn Hektar üppiger Gärten und Waldflächen. Das zentrale Hauptgebäude war in den 1870er Jahren als Privathaus errichtet worden. Im Jahr 1890 wurde das Haus erweitert und zu einem palastartigen Kurort umgebaut – und 1905, als die Beliebtheit von Kurorten nachzulassen begann, wurde das Gebäude verkauft und in ein privates Internat umgewandelt, das bis 2012 in Betrieb war.

Das Grundstück wurde anschließend von einem Bauträger erworben, der eine vollständige Sanierung und Umgestaltung durchführte, wodurch die Anlage ihre heutige Form erhielt: die Seniorenwohnanlage Maple Grange. Im Hauptgebäude befanden sich nun ein Schwimmbad und ein Wellnessbereich, ein Friseur- und Kosmetiksalon, ein Fitnesscenter, eine Bibliothek und ein Café sowie das Restaurant The Maple Tree, das auch für Nicht-Anwohner geöffnet war.

Neben dem ursprünglichen Hauptgebäude befand sich ein neu errichteter, aber architektonisch harmonierender Wohnblock mit sechzig Wohnungen. Auf dem landschaftlich gestalteten Gelände standen zudem zwanzig einstöckige Häuschen, die dem gesamten Areal den Charme eines kleinen Weilers verliehen. Die Bewohner waren über fünfundfünfzig Jahre alt; die meisten von ihnen waren in die Seniorenwohnanlage gezogen, um dort ihre letzten Jahrzehnte in einer luxuriösen, aber geselligen Gemeinschaft zu verbringen.

»Mum und Dad haben darüber gesprochen, hier eine Wohnung zu kaufen«, erzählte Matthew, als Violet rückwärts in eine Parklücke einparkte. »Das ist einer der Gründe, warum ich es mir ansehen wollte.«

»Du machst Witze«, sagte sie. »Sie lieben ihr Haus. Warum sollten sie hierherziehen wollen?«

Matthews Eltern, Brian und Joyce, wohnten im Well View Cottage – einem wunderschönen, aus Stein erbauten Anwesen aus dem 18. Jahrhundert im Herzen des Dorfes Merrywell.

»Ich glaube nicht, dass sie schon so weit sind … aber vielleicht in ein oder zwei Jahren.« Matthew zuckte mit den Schultern. »Ich nehme an, sie denken schon an die Zukunft, an die Zeit, wenn sie älter und weniger fit sind. Dad liebt seinen Garten über alles, aber manchmal empfindet er ihn als Belastung, vor allem, wenn seine Arthritis wieder zuschlägt. Wenn sie hierher ziehen würden, hätten sie das Beste aus beiden Welten. Sie hätten immer noch ihr eigenes Grundstück, aber es würde alles für sie in Schuss gehalten werden.«

»Es wäre aber nicht so schön wie Well View Cottage«, gab Violet zu bedenken. »Obwohl ich mir vorstellen kann, dass man hier ein stressfreies Leben führen könnte. Das Problem ist nur, dass die Gärten hier gemeinschaftlich genutzt werden, sodass dein Dad keinen eigenen Platz hätte, um etwas anzubauen.«

»Stimmt, aber anscheinend haben die meisten Wohnungen einen Balkon«, sagte Matthew. »Er könnte ein paar eigene Töpfe und Pflanzkübel behalten, und er und Mum könnten die Gemeinschaftsgärten genießen, ohne sich darum kümmern zu müssen.«

»All das hat seinen Preis, weißt du«, sagte Violet. »Die Wohnungseigentümer müssen eine hohe monatliche Verwaltungsgebühr bezahlen. Maple Grange ist definitiv keine günstige Option für den Ruhestand.«

»Vielleicht nicht, aber es wäre ein Preis, den es sich lohnen würde zu zahlen, wenn es ihnen Seelenfrieden verschaffen würde. Und wenn die Zeit vergeht und Mum und Dad älter werden, hätten sie die Gewissheit, dass sie weiterhin in ihrem eigenen Zuhause leben könnten, unterstützt durch zusätzliche Hilfe und Betreuung, falls sie diese benötigen sollten – obwohl ich vermute, dass die Pflegepakete noch teurer wären als die monatliche Verwaltungsgebühr.«

»Aber das ist es wert, wenn sie es am Ende brauchen.«

»Ja.« Matthew nickte. »Und wenn sie das Well View Cottage verkaufen würden, würden sie einen guten Preis dafür bekommen – mehr als genug, um in Maple Grange weiterhin ein Leben im Luxus zu führen.«

»Hier ist es ziemlich schick, und ich glaube auf jeden Fall, dass sie gut hierherpassen würden.« Violet nickte, während sie den Motor abstellte. »Bist du bereit, einen Blick darauf zu werfen? Und herauszufinden, ob es wirklich so gut ist, wie man sagt?«

»Geh vor. Wir könnten danach im Café etwas essen. Das Essen probieren und uns einen Eindruck davon verschaffen, wie das Ganze so läuft? Hast du Zeit?«

Violet lächelte. »Normalerweise finde ich Zeit fürs Mittagessen – aber warten wir’s mal ab. Ich muss zuerst die Schatulle abholen. Dafür bin ich schließlich hier.«

***

Das Hauptgebäude von Maple Grange wurde aus Sandstein im viktorianisch-gotischen Stil erbaut und von zwei riesigen Libanon-Zedern flankiert. Als sie sich dem Haus näherten, konnte Violet sich nicht entscheiden, ob es prächtig und imposant oder geradezu unheimlich aussah.

Sie und Matthew betraten das Haus durch eine Seitentür und gelangten in einen breiten, mit Teppich ausgelegten Flur, von dem aus eine geschnitzte Holztreppe in die oberen Stockwerke führte. Auf einem runden Tisch in der Mitte des Raumes stand ein riesiger Blumenstrauß aus zarten cremefarbenen Rosen und duftenden Stockrosen.

»Dawn Pilcher hat mich gebeten, mich in der Hauptverwaltung zu melden«, sagte Violet.

»Willst du, dass ich mitkomme?«

»Das musst du entscheiden. Du kannst hier warten, wenn du möchtest.«

»Eigentlich hätte ich nichts dagegen, mich ein bisschen umzusehen«, meinte Matthew. »Ich würde mir gerne einige der Einrichtungen ansehen.«

»In Ordnung, aber geh nicht zu weit. Wenn du einen richtigen Eindruck gewinnen möchtest, musst du eine Führung buchen. Ich glaube nicht, dass man das auf eigene Faust erkunden soll.«

Matthew zwinkerte. »Woher sollte ich das wissen? Wenn sie mich erwischen, spiele ich den Unwissenden. Wie wäre es, wenn wir uns in etwa … zehn oder fünfzehn Minuten im Café treffen?«

»Okay.« Sie lächelte, obwohl sie Bedenken wegen seiner unerlaubten Besichtigung des Gebäudes hatte. »Pass einfach auf, dass du keinen Ärger bekommst. Wir wollen hier nicht rausgeworfen werden.«

Matthew ging durch eine Tür auf der rechten Seite in den Raum, von dem Violet wusste, dass es die Bibliothek war. Sie wandte sich in die entgegengesetzte Richtung und folgte einem unauffälligen Pfeil mit der Aufschrift: ›Hauptverwaltung hier entlang‹.

Nachdem sie sich bei der Rezeption gemeldet hatte, wurde Violet gebeten, in die Haupthalle zurückzukehren und dort auf Dawn Pilcher zu warten.

Nachdem sie ihren Weg zurückgegangen war, stellte sie sich am Fuße der geschwungenen Treppe auf. Von dort aus konnte sie die Ornamente und die prächtige Ausstattung der Halle, den funkelnden Kronleuchter und die eleganten Aquarelle an den Wänden bewundern. Es war offensichtlich, dass keine Kosten gescheut worden waren, um Maple Grange in einem Stil einzurichten, der zugleich opulent und stilvoll war.

Violet musste nicht lange warten. Als Dawn Pilcher die Halle durchquerte, begrüßte sie Violet mit einem Lächeln.

»Violet Brewster? Ich bin Dawn Pilcher. Wir haben telefoniert.«

»Freut mich, Sie kennenzulernen«, sagte Violet und schüttelte die ausgestreckte Hand der Frau. »Eigentlich wundere ich mich, dass wir uns noch nie begegnet sind. Ich habe hier im Herbst mehrere Tage verbracht, um einer Gruppe von Bewohnern bei ihrem Nostalgie-Projekt zu helfen.«

»Ich weiß. Ich habe den Film gesehen.« Dawn nickte anerkennend. »Sie haben hervorragende Arbeit geleistet, und ich weiß, dass die Beteiligten die Erfahrung genossen haben. Ich habe Sie tatsächlich ein paar Mal gesehen. Ich hätte mich wohl erst einmal vorstellen sollen, aber ich versuche, mich nicht in Dinge einzumischen, es sei denn, es ist unbedingt notwendig. Meiner Erfahrung nach ziehen es die Bewohner von Maple Grange vor, ihr Leben unbehelligt weiterzuleben. Wenn sie ein Problem haben, wissen sie, wo sie mich finden können – aber meistens halte ich mich im Hintergrund und versuche, mich nicht einzumischen.« Violet fand Dawns Strategie äußerst vernünftig.

Die Bewohner, die sie im Rahmen des Nostalgie-Projekts kennengelernt hatte, waren alle äußerst unabhängig gewesen und durchaus in der Lage, für sich selbst zu sorgen.

»Also«, sagte Dawn und verschränkte die Hände ineinander. »Die Schatulle ist auf meinem Schreibtisch. Folgen Sie mir, ich führe Sie in mein Büro.«

Sie betraten einen hinteren Flur und bogen auf halber Strecke nach rechts in einen geräumigen, palastartig eingerichteten Raum ein. Neben dem Fenster befand sich ein riesiger Mahagonischreibtisch. Darauf stand das antike Schmuckkästchen, an das sich Violet aus Phyllis Gibsons Wohnzimmer erinnerte.

»Da ist sie ja.« Dawn deutete mit einer anmutigen Handbewegung in Richtung der Schatulle. »Phyllis hat mir erzählt, dass Sie sie bewundert haben, und sie meinte, Sie wären die richtige Person, an die man sie weitergeben könnte. Sie sagte, sie vertraue darauf, dass Sie gut darauf aufpassen werden.«

Violet strich mit den Fingerspitzen über die Perlmuttblumen, die den Deckel der Schatulle zierten.

»Sie ist wunderschön.« Plötzlich verspürte sie eine Welle der Traurigkeit, als sie an Phyllis dachte. »Ich bin gerührt. Phyllis und ich haben uns nur ein paar Mal getroffen, aber ich fand sie sehr nett und rücksichtsvoll. Als ich sie das letzte Mal sah, war sie bei bemerkenswert guter Gesundheit … Ich war schockiert, als ich hörte, dass sie gestorben war.«

»Ich glaube, das waren alle«, sagte Dawn. »Anscheinend war es ihr Herz. Eine Erkrankung, die erst vor kurzem bekannt geworden war. Ihr Zustand verschlechterte sich sehr schnell, aber zumindest ist sie friedlich gestorben.«

»Ich bin froh, dass sie nicht gelitten hat.«

Violet legte ihre Hände auf beide Seiten der Schatulle und versuchte, den Deckel anzuheben, doch er gab keinen Millimeter nach.

»Oh«, machte sie verblüfft. »Sie ist verschlossen. Gibt es einen Schlüssel?«

Dawn Pilcher zog eine Schublade auf und holte einen an Violet adressierten Umschlag heraus. »Ich glaube, er ist hier drin«, sagte sie, als sie ihn auf die Schatulle legte.

»Danke.« Violet schob ihren Daumen unter den Rand des versiegelten Umschlags. Neben dem Schlüssel befand sich darin ein gefalteter Brief, der auf beiden Seiten eines einzigen Blattes dickem, cremefarbenem Papier beschrieben war.

Sie öffnete ihn. Das Datum in der oberen rechten Ecke war Montag, der 17. Oktober.

Liebe Violet,

Als du mich kürzlich besucht hast, hast du mein Schmuckkästchen bewundert, deshalb habe ich beschlossen, es dir in meinem Testament zu vermachen. Meine Großmutter mütterlicherseits hat es mir zu meinem dreizehnten Geburtstag geschenkt, und seitdem hege ich es wie einen Schatz. Es ist gut zu wissen, dass ich es an jemanden weitergeben kann, der es zu schätzen weiß. Ich hoffe, du wirst noch viele Jahre Freude daran haben.

Es war wunderbar, dich kennenzulernen, Violet, und es ist mir eine Freude, dass du bei der Produktion unseres Films mitgewirkt hast. Vielen Dank, dass du so viel Fachwissen und Leidenschaft in das Nostalgie-Projekt eingebracht hast, das bei uns allen, die daran beteiligt waren, so viele schöne Erinnerungen geweckt hat. Du hast unsere wirren Gedanken auf hervorragende Weise zu etwas geordnet, das nicht nur schlüssig, sondern auch interessant (darf ich es sagen: faszinierend?) ist. Für mich persönlich war es eine große Freude, mit dir zusammenzusitzen, in Erinnerungen zu schwelgen und die aufregenden Tage meiner Jugend noch einmal zu erleben. Das waren glückliche Zeiten: Ich war jung, voller Energie und Begeisterung, und ich hatte so viel, worauf ich mich freuen konnte. Damals lagen die guten Zeiten noch vor mir, während sie heute fest in der Vergangenheit liegen – aber ich beschwere mich nicht! Ich habe ein wunderbares Leben geführt: eine herrliche Ehe, treue Freunde und viel Liebe und Lachen. Was könnte man sich mehr wünschen?

Ich wünsche dir dasselbe für die kommenden Jahre. Nochmals danke.

Phyllis

Violet schluckte den Kloß hinunter, der sich in ihrer Kehle gebildet hatte, faltete den Brief zusammen, steckte ihn zurück in den Umschlag und nahm dann den Schlüssel in die Hand, bevor sie ihn ins Schloss steckte. Beim Drehen war ein Klicken zu hören, und als sie den Deckel anhob, offenbarte sich das atemberaubende Innere der Schatulle in seiner ganzen Pracht. Sie war mit weinroter Seide und Samt ausgekleidet, was zur Zeit ihrer Herstellung wohl der Inbegriff von Luxus gewesen sein musste. Auf der Innenseite des Deckels befand sich ein gestepptes, gepolstertes Kissen, das vielleicht einst dazu diente, Broschen festzustecken oder Hutnadeln aufzubewahren. Der längliche Sockel war mit einer herausnehmbaren Ablage ausgestattet, die eine Reihe von Aufbewahrungsfächern mit Deckel sowie einen mittleren Bereich mit Schlitzen für Ringe enthielt. Violet hob das obere Fach an und gab den Blick auf einen weiteren tiefen Stauraum darunter frei.

»Es ist atemberaubend«, sagte sie und schnappte vor Freude nach Luft. »Einfach wunderschön.«

»Danke, dass Sie es abgeholt haben«, antwortete Dawn. »Wie ich Ihnen bereits am Telefon gesagt habe, bin ich die Testamentsvollstreckerin von Phyllis; daher bin ich dafür verantwortlich, den Nachlass zu verwalten und sicherzustellen, dass ihre schriftlichen Wünsche befolgt werden. Das Testament wurde erst wenige Wochen vor Phyllis’ Tod geändert, und damals hat sie die Zuwendung an Sie hinzugefügt. Darauf hat sie großen Wert gelegt.«

Der Gedanke, dass Phyllis solche Vorkehrungen traf, erfüllte Violet mit einer unbeschreiblichen Traurigkeit und Wehmut.

»Glauben Sie, sie hat gespürt, dass sie sterben würde?«

Dawn zuckte die Achseln. »Es ist ein Schicksal, das uns alle erwartet, nicht wahr? Die einzige Gewissheit im Leben.«

»Natürlich«, sagte Violet. »Aber was ich meinte, war … Glauben Sie, dass Phyllis sich bewusst war, dass ihr Tod unmittelbar bevorstand? Glauben Sie, dass sie deshalb ihr Testament geändert hat?«

Dawn neigte den Kopf hin und her, während sie über ihre Antwort nachdachte. »Es würde mich nicht überraschen. Schließlich hatte sie Herzprobleme. Aber wenn Sie fragen, ob sie eine Vorahnung bezüglich ihres Todes hatte, kann ich dazu wirklich nichts sagen. Falls ja, hat sie mir davon nichts erzählt. Andererseits war Phyllis schon immer eine Stoikerin, daher hätte sie nicht unbedingt etwas gesagt, selbst wenn sie sich unwohl gefühlt hätte. Als sie mir erzählte, dass sie ihr Testament aktualisieren wolle, ging ich einfach davon aus, dass sie vernünftig handelte und sicherstellen wollte, dass es ihre Wünsche genau widerspiegelte.« Dawn zog den Stuhl hinter ihrem Schreibtisch heran und setzte sich. »Es tut mir leid, dass Sie die Schatulle persönlich abholen mussten, aber ich habe Phyllis versprochen, sie Ihnen persönlich zu übergeben.«

»Es macht mir wirklich nichts aus«, beteuerte Violet. »Es ist ja nicht so, als hätte ich einen weiten Weg zurücklegen müssen, um hierherzukommen. Außerdem ist die Schatulle viel zu empfindlich und wertvoll, als dass man das Risiko eingehen könnte, sie per Post zu verschicken. Nochmals vielen Dank, Dawn, und bitte richten Sie Phyllis’ Familie mein Beileid aus.«

»Phyllis hatte nicht gerade viel Familie«, erklärte Dawn, während sie sich nach vorne beugte und die Arme auf den Schreibtisch stützte. »Nur einen Neffen, Ian Coghill. Ich werde ihm Ihr Beileid ausrichten.«

»Die beiden müssen sich sehr nahegestanden haben«, sagte Violet. »Wenn er ihr einziger Verwandter war.«

Dawn wog den Kopf hin und her. »Er hat sie mindestens einmal im Monat besucht. Er wohnt drüben in Leek, stand aber immer zur Verfügung, wenn Phyllis Hilfe oder Rat brauchte. Er war nett zu ihr, und rücksichtsvoll … aber sie waren sehr unterschiedliche Charaktere, weshalb sie sich nicht besonders nahe standen. Phyllis’ liebste Vertraute war ihre Freundin Maureen. Sie wohnt ebenfalls hier in Maple Grange.«

»Maureen? Maureen Bond?«, hakte Violet nach. »Sie war eine der Personen, die ich für das Nostalgie-Projekt interviewt habe. Mir war gar nicht bewusst, dass sie und Phyllis so gute Freundinnen waren.«

Dawn nickte. »Sie kennen sich schon ewig. Ich glaube, sie sind zusammen zur Schule gegangen. Phyllis hatte hier natürlich auch andere Freunde, aber niemand war so wie Maureen.«

»Es muss schwer für sie gewesen sein, eine so enge Freundin zu verlieren.«

»Ja, ich glaube, es fällt ihr schwer, sich mit Phyllis’ Tod abzufinden.«

»Glauben Sie, ich sollte ihr einen Besuch abstatten, um ihr mein Beileid auszusprechen?«, fragte Violet.

Dawn nickte kurz. »Das ist eine schöne Idee. Ich bin sicher, Maureen würde das zu schätzen wissen.«

»Sie lebt in einer der Penthouse-Wohnungen, nicht wahr?«

»Das stimmt«, antwortete Dawn, »aber um diese Zeit findet man sie in der Bibliothek. Maureen ist Mitglied von Maple Granges Buchclub. Die Gruppe trifft sich alle zwei Wochen etwa um diese Zeit. Heute ist einer dieser Termine.«

»Dann schaue ich auf dem Weg nach draußen noch kurz in der Bibliothek vorbei. Danke, Dawn. Und nochmals vielen Dank, dass Sie mir Phyllis’ Geschenk gegeben haben. Ich werde es immer in Ehren halten.«