Prolog
Langsam hebt er den Degen. Die Kapelle hat aufgehört zu spielen. In der Arena herrscht gespannte Stille. Louis Castilles konzentriert sich nur auf die Augen des Stiers vor sich, keine zwei Meter trennen die beiden.
Castilles kennt diesen Blick. Er hat ihn schon tausendmal gesehen. Der schwarze Koloss, der noch vor zehn Minuten voller Elan in die Arena gestürmt ist, spürt seine Kräfte schwinden. Die Banderillos in seinem Rücken schmerzen, Blut strömt aus den Wunden, läuft über seinen mächtigen Körper nach unten. Und doch flackert in den großen dunklen Augen des Stiers ein letzter Funken Kampfeswille. Die Lust, den Gegner auf die Hörner zu nehmen.
Ein herrliches Tier, denkt Louis Castilles. Er weiß genau, er muss es zu Ende bringen.
Ein paar schöne Bewegungen sind ihm gelungen. Fast schien es so, als tanze er mit dem Stier. Das Publikum in der ausverkauften Arena hat ihm zugejubelt, dem berühmten Matador, einem der wenigen Franzosen, die es in den Stierkampfolymp geschafft haben. Das erfüllt ihn mit Stolz.
Louis Castilles schiebt sein linkes Knie nach vorn. Den Degen hält er hoch in der Rechten, die Spitze nach vorn ausgerichtet, die rote Muleta in der Linken, das untere Ende liegt auf dem Boden. Der Stier steht jetzt richtig. Die Vorderbeine parallel, nicht zu eng beieinander. Er muss genau treffen, eine handtellergroße Fläche zwischen den Schulterblättern. Wenn ihm noch ein glatter Todesstoß gelingt, steht seinem Triumph heute nichts mehr im Weg.
Castilles spannt seinen Körper an. Ganz vorsichtig zieht er die Muleta ein wenig zurück. Der Stier fixiert das Tuch, senkt den Kopf. Alles ist bereit. Ein kleiner Schrei. Der Matador versetzt der Muleta einen Ruck. Der Stier greift an.
Castilles bewegt sich nach vorn, weicht den mächtigen Hörnern aus, indem er sein Gewicht aufs linke Bein verlagert. Und sticht zu. Sein Degen dringt in den Körper des Stiers ein. Ein Glücksgefühl durchströmt den Matador. Fast bis zum Schaft stößt er den Degen nach unten, begleitet von einem erlösten Raunen aus dem Publikum. Wieder einmal hat er es geschafft. Keiner beherrscht den Todesstoß so wie er. Der Stier brüllt auf. Einige der Toreros locken das Tier mit Schreien und ihren Capas. Der Stier wirbelt herum. Ein verzweifelter Versuch, die vielen Gegner abzuschütteln. Dann bleibt er stehen.
Das ist der Moment, den Castilles am meisten schätzt. Langsam bewegt er sich auf das Tier zu. Er weiß, mit seinem Degen hat er die Aorta durchtrennt. Es kann sich nur noch um Sekunden handeln.
Mit seiner rechten Hand berührt Castilles den mächtigen Kopf des Tieres, als wolle er ihm den letzten Segen geben. Wie oft hat er diese Pose vor dem Spiegel geprobt.
Der Stier bricht zusammen. Castilles rührt sich nicht. Die rechte Hand nach vorn gestreckt, den Körper bis in die letzte Muskelfaser gespannt, steht er einfach nur da. Und er hört, wie Jubel aufbrandet, immer stärker wird. Ohrenbetäubend. Weiße Tücher werden geschwenkt.
Castilles schaut jetzt auf. Lächelt breit. Er lebt für Momente wie diesen.
1
Er spürte es schon, dieses Stechen in den Seiten – und er war noch nicht mal beim Hotel „Negresco“. Merde! Mit Mitte vierzig müsste es doch zu schaffen sein, einmal die Promenade des Anglais am Meer entlangzujoggen, ohne außer Atem zu kommen.
Commandant Stéphane Matazzi fluchte leise in sich hinein. Wofür hatte er eigentlich mit dem Rauchen aufgehört? Und dann die ein, zwei Gläser Rotwein am Tag, das dürfte doch nicht zu viel sein, oder etwa doch? Das Seitenstechen wurde stärker. Die rote Kuppel des Luxushotels kam näher. Leider erschreckend langsam. Wenn er das „Negresco“ erreicht hatte, das wusste er genau, waren es noch drei Kilometer.
Matazzi versuchte, die Schmerzen zu verdrängen. Ablenken, genau, eine gute Idee. Vielleicht den schlanken amerikanischen Joggerinnen in den eng anliegenden Trainingshosen hinterherschauen, die locker an ihm vorbeizogen. Nein, keine gute Idee. Frustrierend war das, von denen einfach so überholt zu werden. Lieber das Meer beobachten, die Wellen, deren Brandung gerade ungewöhnlich hoch war.
Wie so oft leuchtete das Meer in Nizza in den herrlichsten Farben. Matazzi liebte dieses Farbenspiel, von dunklem Azurblau draußen auf hoher See bis zum hellen Türkis am Strand. Und er liebte den unvergleichlichen Sound, den das Meerwasser erzeugte, wenn es sich über die dicken Kiesel hinweg wieder zurückzog, bevor die nächste Welle anbrandete. Ein steinernes, dunkles Klirren. Das hatte ihn schon als Kind fasziniert. Stundenlang hatte er damals auf einem der blauen Stühle an der Promenade gesessen, das Meer belauscht und beobachtet. Und er war glücklich dabei gewesen.
Die metallisch klingende Melodie von „Gente di mare“ und das Surren in der Hosentasche rissen ihn aus seinen Gedanken. Matazzi war ganz froh, dass ihm das Telefon einen Grund gab, in ein gemächliches Schritttempo zu wechseln. Der Blick aufs Display verriet ihm, dass es dringend sein musste. Es war Sébastien, sein Assistent. Einmal noch atmete Matazzi tief durch, dann nahm er das Gespräch an.
„Oui, allô?“
„Was machst du da gerade, Stéph, du atmest ja so schwer? Bist du allein?“
Der amüsierte Unterton seines Assistenten, Lieutenant Sébastien Dallio, ging Matazzi auf die Nerven. Er sah ihn förmlich vor sich, wie er mit ironisch geschürzten Lippen ins Telefon sprach.
„Sehr witzig, ich jogge!“ Seine Stimme klang immer noch atemlos.
„Wie? Seit wann joggst du denn?“ Sébastien konnte sich das Lachen kaum noch verkneifen. „Und das morgens kurz vor acht. Das glaub ich jetzt nicht.“
Matazzi unterdrückte den ersten Impuls, seinen jungen Kollegen anzublaffen.
„Was ist los, Sébastien?“, fragte er in betont ruhigem Tonfall.
„Wir haben eine Leiche gefunden, Chef, am Strand, am Opéra Plage. So was habe ich noch nicht gesehen. Dem steckt ein Degen im Rücken.“
Matazzi schluckte schwer. Er war schon über zwanzig Jahre im Polizeidienst, viele Jahre davon in seiner Heimatstadt, und Nizza war wahrlich kein ruhiges Pflaster, aber das hatte er noch nie gehört.
„Ich bin gleich da“, sagte er und setzte sich wieder in Trab. „Laufe gerade am ›Negresco‹ vorbei. Es dauert vielleicht noch fünf Minuten.“
***
Der Opéra Plage nahe der Altstadt, einer der exquisitesten Strandabschnitte in Nizza, war bereits abgesperrt. Oben auf der Promenade, von der eine weiße Treppe hinunter zum Strand führte, hatte sich schon eine Menschentraube gebildet. Viele Leute waren blass im Gesicht, einige schüttelten entsetzt den Kopf.
Matazzi bahnte sich einen Weg durch die Menge zur Treppe und sah schon von der Strandmauer aus den notdürftig abgedeckten Leichnam. Der Mann lag mitten zwischen den zusammengeklappten Liegestühlen, etwa fünfzehn Meter von der Strandmauer entfernt, bäuchlings auf dem Kiesstrand. Und in seinem Rücken steckte auf Schulterhöhe ein Degen.
Touché, dachte Matazzi, zeigte den sichernden Beamten seinen Dienstausweis und stieg die Treppe hinunter. Die Steine und Kiesel knirschten unter seinen Sportschuhen, als er sich zu der Gruppe von Polizisten bewegte, die um den Leichnam herumstanden.
Da waren sein Assistent Sébastien, einige Mitarbeiter der Spurensicherung und Docteur Maxime Michel, ein altgedienter Pathologe der Police nationale in Nizza. Der Mediziner beugte sich gerade über den Toten und schaute auf, als er Matazzi kommen hörte. Ein leichtes Grinsen huschte über sein Gesicht.
„Ah, Monsieur le Commandant, kommen wir seit Neuestem ganz leger in Jogginghosen zur Arbeit?“
Matazzi setzte sein unbefangenstes Lächeln auf. „Nur bei ganz außergewöhnlichen Morden. Also Maxime, Selbstmord können wir ja wohl ausschließen. Es sieht ganz nach einer Hinrichtung aus, oder?“
Bevor Docteur Michel antworten konnte, nutzte Sébastien die Pause. „Sagtest du nicht, dass du in fünf Minuten hier seist? Ich meine, es müsste fast eine Viertelstunde gewesen sein.“
Matazzi bedachte ihn mit einem betont nachsichtigen Blick. „Vielleicht stimmt etwas nicht mit deinem Zeitgefühl. Und jetzt an die Arbeit, messieurs!“
Matazzi betrachtete das Gesicht des Toten. Sein Kopf war auf die rechte Seite verdreht. Die dunklen Augen schauten ins Leere, wirkten fast ein wenig überrascht. Der Degen hatte eine massive Blutung ausgelöst, das weiße Hemd und der Kieselstrand unter der Leiche waren rot gefärbt. Die Arme hatte der Mann seitlich weit von sich gestreckt, als wolle er den Strand umarmen.
„Was wissen wir bislang über den Mord?“
Sébastien räusperte sich betont seriös. „Das Ding hat den Typen förmlich von hinten durchbohrt, am Brustbein vorn kommt die Spitze wieder raus. So einen Degen kenne ich nur aus alten Musketierfilmen. Ich wusste gar nicht, dass es so etwas noch gibt. Der Name des Opfers ist Louis Castilles. Er muss wohl ein berühmter Stierkämpfer sein. Ich kannte ihn nicht, aber ein Kollege von der Spurensicherung interessiert sich für diese Tierquälerei und schwärmte nur so von Castilles. Er soll in der Arena einmalig gewesen sein.“
Matazzi nickte kurz. „Lebte er denn hier in Nizza?“
„Ja, ganz nobel, Mont Boron. Dort ist er gemeldet. Offenbar kann man mit Tierquälerei eine Menge Geld verdienen.“
„Bleib bitte bei den Fakten. Todeszeitpunkt, Maxime?“
Der Pathologe wiegte bedächtig den Kopf hin und her, die schon ergrauten Locken fielen ihm ins Gesicht. Mit einer kurzen Handbewegung strich er sie zurück.
„Heute Nacht, vermutlich gegen eins oder zwei.“
Matazzi runzelte die Stirn. „Und es ist niemandem aufgefallen, wenn einem Mann am Strand ein Degen in den Rücken gerammt wird? Bei dem Betrieb hier nachts?“
Er wusste nur zu gut, dass es in den Sommermonaten am Strand immer wieder kleine spontane Partys gab. Auch schon Anfang Juni. Menschen, die um ein Lagerfeuer saßen, Musik hörten, flirteten, knutschten. Er hatte das immer genossen, aber es war schon viele Jahre her.
„Ist er hier getötet worden?“
Sébastien zog leicht die Mundwinkel nach unten. „Das wissen wir noch nicht. Ich bin auch erst seit einer halben Stunde hier. Kurz nach sechs Uhr ging bei der Gendarmerie eine Meldung ein, dass am Strand ein Toter liegt.“
Matazzi blickte kurz aufs Meer hinaus. So ein Azurblau gab es nur hier in Nizza. Auch dafür liebte er diese Stadt.
„Hat die Presse schon Wind davon bekommen?“
„Noch nicht. Aber das kann nicht mehr lange dauern. Vielleicht kommt ja bald deine Ex‑Frau vorbei.“
Matazzi rollte mit den Augen. „Wie oft soll ich dir das noch erklären? Wir sind nicht geschieden, nur getrennt. Vorübergehend. Und meine Frau arbeitet beim ›Nice Matin‹ in der Kulturredaktion, nicht als Polizeireporterin.“
Sébastien war klug genug, seinen Chef nicht weiter zu reizen. „Das war nur ein Witz. Entschuldige. Was machen wir jetzt?“
„„Weißt du was: Wir verständigen die Presse. Die sollen melden, dass wir Zeugen suchen. Vielleicht hat ja irgendjemand heute Nacht am Strand etwas bemerkt. Außerdem will ich alles wissen über diesen Castilles. Und wir müssen wohl seine Familie verständigen.“
2
Er sah den Menschenauflauf schon von Weitem. Er war zu spät. Die Chancen waren auch recht gering gewesen, dass der Tote noch nicht bemerkt worden war. Aber er hatte es einfach versuchen müssen.
Wie hatte ihm dieser Fehler nur unterlaufen können? Warum hatte er nicht gleich seine Hosentaschen kontrolliert?
Er arbeitete sich vor bis zur Absperrung der Polizei. Ein Gendarm fixierte ihn, er blieb stehen. Nur kein Aufsehen erregen. Er beobachtete die Truppe, die sich um Castilles versammelt hatte. Wenn die wüssten, dass der Mörder ganz nah war. Er lachte in sich hinein.
Der Typ in der Jogginghose musste wohl der Chef sein. Er stellte den anderen Fragen, wirkte souverän. Aber warum war er im Freizeitlook hierhergekommen?
Er scannte den Kiesbereich rund um den Toten, konnte auf die Entfernung aber nichts entdecken. Es schmerzte ihn, sein Kleinod nicht mehr bei sich zu haben.
Er beobachtete, wie der Chef mit einem jungen Mann Richtung Strandaufgang ging. Sie kamen in einigen Metern Entfernung an ihm vorbei. Aber um ihn herum standen so viele Menschen, dass sich niemand an sein Gesicht erinnern würde.
Er schaute den beiden Polizisten nach. Das also waren jetzt seine Gegner.
3
Aus den Lautsprechern des Dienstwagens, einer komfortablen Peugeot-Limousine mit getönten Scheiben, dudelte ein Chanson von Charles Aznavour: „Emmenez‑moi aux pays des merveilles …“
Matazzi mochte das Lied. Normalerweise hätte er den Refrain laut mitgesungen. Dabei war er nicht immer tonsicher, weshalb ihn seine kleine Tochter Carlotta gern neckte. Aber im Moment hatte Matazzi überhaupt keine Lust zu singen. Trotz seiner vielen Dienstjahre bereitete es ihm immer noch Unbehagen, wenn er Todesnachrichten überbringen musste. So ganz würde er sich wohl nie daran gewöhnen.
Er lenkte den Wagen die sich windenden Straßen des Mont Boron hinauf. Wer hier wohnte, hatte es geschafft. Von der Straße aus konnte man in gepflegte Parkanlangen blicken, in denen jetzt im Frühsommer Rhododendren und Bougainvilleen üppig blühten. Im Hintergrund standen prächtige Villen.
In der Avenue Germaine parkte er den Wagen vor Castilles’ Haus. Hinter dem bronzenen Eingangsportal führte ein von Pinien und Platanen gesäumter Kiesweg zum Hauptgebäude. Die Morgensonne tauchte das helle Anwesen in ein bezauberndes goldfarbenes Licht.
Sébastien war auf dem ganzen Weg erstaunlich still gewesen. Nun platzte es aus ihm heraus.
„Merde, eine nette Hütte ist das. Bezahlt mit Stierblut. Regt dich diese Barbarei denn gar nicht auf?“
Matazzi schnallte sich ab. „Hör mal, Kleiner. Ich bin seit fast zwanzig Jahren bei der Polizei, seit fünfzehn Jahren mit Mordfällen beschäftigt. Ich interessiere mich nicht für Stierkampf, weil ich in meinem Beruf schon genug Blut sehen muss. Aber ich respektiere Traditionen – und das ist eine hier bei uns im Süden.“
„Wieso denn das?“ Sébastien schaute ihn irritiert an. „Das ist doch eine spanische Tradition, oder etwa nicht?“
Matazzi hätte seinem heißspornigen Assistenten erklären können, dass im 18. Jahrhundert eben auch in Südfrankreich eine Tradition begründet wurde, Corridas zu veranstalten – seit Prinzessin Eugenie, eine Spanierin, dieses grausame Spiel im Midi eingeführt hatte. Aber er wollte keine Zeit mehr verlieren.
„Konzentrieren wir uns lieber auf unseren Fall. Lass uns klingeln.“
Leise murrend öffnete Sébastien die Wagentür. Am großen Portal drückte Matazzi den Klingelknopf, weit entfernt hörte er leise eine Glocke schlagen. Die Gegensprechanlage fing zu schnarren an, eine Frauenstimme ertönte.
„Bonnschourr, qui äh là?“
Matazzi genügten diese vier Worte, um den russischen Akzent zu erkennen. Er mochte ihn nicht so sehr, zu oft hörte man diesen Zungenschlag mittlerweile in Nizza.
„Excusez‑nous, Madame“, sprach er in den Lautsprecher, „wir sind von der Police nationale in Nizza. Mein Name ist Commandant Matazzi. Mein Kollege Lieutenant Dallio und ich würden gern mit Madame Castilles sprechen. Sind Sie das?“
Er hörte Überraschung in der Stimme. „Nein, ich bin die Hausangestellte. Haben Sie einen Ausweis?“
Matazzi zog sein Portemonnaie aus der Gesäßtasche und hielt seinen Dienstausweis vor das dunkle Kamerafroschauge. Kurz darauf surrte die Tür.
Als sie bei der großen Eingangstür angelangt waren, öffnete eine Frau Ende fünfzig. Sie war klein und drahtig, mit kunstvoll aufgetürmtem silbrig dunklem Haar.
„Madame Castilles erwartet Sie bereits.“
Die russische Hausdame führte die beiden Männer von der großzügigen Eingangshalle an einem breiten Treppenaufgang vorbei in den Salon. Matazzi fiel ein schwarzer Stierkopf ins Auge, der direkt über der Salontür angebracht war. Er schien den Besucher anzustarren. Matazzi wandte sich ab, und sie folgten der Hausdame in den weitläufigen Raum.
Auch hier fanden sich zahlreiche Stierkampfbilder, darunter die berühmte Lithografie von Picasso: ein Torero mit hochgereckten Armen und mit rosettenverzierten Spießen in den Händen, der sich einem Stier entgegenwirft. An den Wänden hingen auch viele großformatige Fotografien: Castilles in der Arena, Castilles mit zwei blutigen Stierohren in beiden Händen bei der Ehrenrunde in der Arena, Castilles auf den Schultern seines Teams. Matazzi warf einen Seitenblick auf Sébastien, der mit säuerlichem Gesicht neben ihm herlief.
Am anderen Ende des Salons erhob sich eine Frau aus einer cremefarbenen Sitzgruppe und kam ihnen entgegen. Es musste Madame Castilles sein. Matazzi schätzte sie auf Anfang dreißig. Sie trug ein rotes, eng anliegendes Kleid, das pechschwarze Haar hatte sie streng nach hinten geknotet. Ihre dunklen Augen waren mit Kajal umrandet, ein dezentes Rouge auf Wangen und Lippen rundete das Bild der mediterranen Schönheit ab. Sébastien neben ihm straffte sich merklich.
Eine Frau, die genau weiß, wie sie auf Männer wirkt, dachte Matazzi.
Madame Castilles eröffnete das Gespräch mit einem wohldosierten Lächeln.
„Bonjour, Isabella Castilles, was kann ich für Sie tun?“ Sie rollte hörbar das R. Matazzi tippte auf Italienerin. „Ist Louis wieder mal zu schnell gefahren? Ich sage ihm immer, Ferrari zu fahren heißt nicht, mit hundertachtzig über die Corniche zu rasen.“
Matazzi wehrte ab. „Nein, nein, Madame. Wir sind keine Verkehrspolizisten. Wir kümmern uns um andere Verbrechen. Ihr Mann Louis“, er atmete einmal tief durch und bemühte sich um einen angemessenen Gesichtsausdruck, „wurde heute Morgen tot aufgefunden, am Opéra Plage.“ Wie er solche Momente hasste.
Isabella Castilles’ dunkle Augen bohrten sich einen Moment lang in die von Matazzi. Dann weiteten sie sich, und Madame Castilles brach mit einem kurzen Aufschrei zusammen. Sofort waren Matazzi und Sébastien bei ihr, griffen ihr unter die Arme und richteten sie halbwegs auf.
Sie begann zu wimmern. „Ma perchè? Mein Louis? Wie ist das passiert?“
„Wir wissen es noch nicht“, sagte Sébastien. „Alles, was wir wissen, ist, dass ihm ein Degen …“
„… dass er mit einem Degen getötet wurde.“ Es schien Matazzi im Moment nicht angebracht, Isabella Castilles mit der ganzen grausamen Wahrheit zu konfrontieren. Die Gelegenheit dürfte sich auch später noch ergeben.
„Ein Degen? Madonna mia, warum ein Degen? Wer tut so etwas?“ Sie schluchzte in sich hinein.
„Noch haben wir keine Spur vom Täter. Aber glauben Sie mir, wir werden eine bekommen. Schon bald. Unsere Spurensicherung dreht jeden Stein am Tatort um. Außerdem bin ich sicher, dass sich Zeugen der Tat finden werden.“
Madame Castilles’ Augen blitzten. „Finden Sie das Schwein! Ich will, dass er seine verdiente Strafe bekommt.“
„Sicher, wir tun, was wir können. Sagen Sie, Madame, haben Sie womöglich eine Ahnung, wer das getan hat?“
Isabella Castilles’ zuckte kraftlos mit den Schultern. „Nein, aber vielleicht waren es ja diese verrückten Tierfreunde, diese Fanatiker von der Anti-Corrida-Bewegung. Vor ein paar Wochen standen sie vor unserem Haus, haben ›Corrida – Torture!‹ geschrien, fast eine Stunde lang. Und sie haben Parolen auf die Gartenmauer geschmiert. ›Castilles – coup de mort‹, Todesstoß.“ Sie stockte. „Damals haben wir das nicht ernst genommen. O dio mio, vielleicht war das ja eine Drohung! Louis hat die Polizei gerufen, und die hat dem Spuk ein Ende gemacht. Warten Sie, vor allem eine ältere Frau ist mir dabei aufgefallen, eine echte Sirene. Sie hat die Gruppe angeführt und schrie immer am lautesten.“
„Kennen Sie ihren Namen?“, fragte Sébastien.
„No, ich kann nicht mehr klar denken … aber Moment, die Gruppe nennt sich ›Alliance contre la Corrida‹.“
„Maman?“ Eine noch verschlafene Jungenstimme war zu hören. „Was wollen die Männer von uns?“
Matazzi drehte sich um. Im Türrahmen stand ein kleiner Junge von etwa fünf Jahren und schaute sie fragend an.
„Keine Sorge, mon petit“, antwortete Matazzi und versuchte, möglichst vertrauenswürdig zu klingen, „wir wollen nur mit deiner Mutter sprechen. Wir sind von der Polizei.“
„Und warum habt ihr keine Uniformen?“ Das verwuschelte schwarze Haar des Jungen war noch ungekämmt, offenbar war er gerade aufgestanden. Er kam auf die Gruppe zu.
„Nicht alle Polizisten tragen Uniform“, erwiderte Sébastien lächelnd.
Madame Castilles nahm ihren Jungen in den Arm. „Die Herren wollen nur mit mir reden, Luca. Geh ruhig nach oben, ich komme gleich nach.“
Matazzi räusperte sich. „Also, Madame Castilles, vielen Dank. Sie benötigen nun sicher Zeit für sich und Ihren Sohn. Aber bitte halten Sie sich zu unserer Verfügung, wir brauchen Sie für die Ermittlungen. Und wir müssen Sie bitten, Ihren Mann zu identifizieren.“
Madame Castilles nickte nur kurz. Sie wirkte schlagartig erschöpft. Matazzi beneidete sie nicht um das, was ihr bevorstand. Wenn er seiner Tochter Carlotta erklären müsste, dass Marie … Er verscheuchte den Gedanken schnell.
Sie ließen sich noch Castilles’ Laptop aushändigen und verabschiedeten sich.
Matazzi war froh, als die Hausdame die Tür hinter ihnen schloss. Schweigend gingen sie zum Auto.
„Was hältst du von ihr?“, fragte Sébastien neugierig.
„Sie ist sicher Italienerin, eine stolze Italienerin aus dem Süden, vermute ich. Sie wirkte schwer getroffen, aber hatte sich schnell wieder im Griff. Eine starke Frau.“
„Und eine heiße nana“, ergänzte Sébastien grinsend.
Matazzi musste lächeln. Manchmal merkte man seinem Assistenten doch an, dass er erst Anfang dreißig war. Ein Mann Mitte vierzig hätte es sicher anders formuliert.
Aber Sébastien hatte durchaus recht. Auch Matazzi fand die Witwe attraktiv, vielleicht weil sie so süditalienisch wirkte. Ein Teil seiner Familie kam nämlich aus Sizilien. Sein Großvater war nach dem Ersten Weltkrieg an die Côte d’Azur ausgewandert, hatte zunächst als Kellner und Koch gearbeitet, dann in Nizza sein eigenes Restaurant eröffnet und eine echte Niçoise geheiratet. Auch in ihm, Stéphane Matazzi, floss also ein bisschen sizilianisches Blut – und irgendwie gefiel ihm das.
„Sie hat uns jedenfalls auf eine erste Spur gebracht“, antwortete er schließlich. „„Lass uns der gleich nachgehen.“