Leseprobe Tilli und die tote Weinprinzessin | Ein charmanter Regiokrimi

Kapitel 1

Tilli lehnte an der Theke im roten Hirsch und sah zu, wie ihr Vater Manfred das Bier für die Bestellung des Stammtischs zapfte. „Pass doch auf, alter Schlamper!“, herrschte ihre Mutter ihn an, als der Schaum überlief. Von ihrem Platz an der Küchentür aus überwachte Magdalena Korniak, geborene Sauer, mit Argusaugen das Geschehen in ihrer Gastwirtschaft. Insbesondere die Missgeschicke ihrer Tochter Ottilie, von allen nur Tilli genannt, oder ihres Mannes entgingen ihr selten.

Ungerührt wischte Manfred das Glas ab und stellte es auf Tillis Tablett. Der Wirtstochter war es schleierhaft, wie der wortkarge Riese aus dem Osten vor achtundzwanzig Jahren das Herz ihrer Mutter gewinnen konnte. Allerdings verstand sie auch nicht, warum Manfred sich Magdas Launen immer stumm gefallen ließ. Sie selbst war aus anderem Holz geschnitzt, was zu ständigen Streitereien führte.

Tilli seufzte und trug das Tablett vorsichtig zu dem ovalen Tisch in der Ecke, der wie der Rest der Einrichtung aus dunklem Holz gefertigt war. Ein schmiedeeiserner Tischaufsteller, von dem ein Schild mit der verschnörkelten Inschrift „Stammtisch“ baumelte, stand in der Mitte – nicht, dass sich ein Auswärtiger versehentlich dorthin setzte. An diesem Sonntagvormittag im Februar waren die Einheimischen, die sich nach dem Kirchgang eingefunden hatten, noch unter sich.

Die Wirtstochter steuerte die Lücke zwischen Sebastian Klein und Matthias Römmelt an. Sie war praktisch im Hirsch aufgewachsen und wusste genau, welcher der Stammtischler seine Hand gern wie zufällig über ihren Hintern streifen ließ. Sebbi und Hias gehörten nicht zu den Gelegenheitsgrapschern. „Fünf große Schorli und zwei Bier“, verkündete sie. „Dangschön, Tilli“, antwortete ihr Sven Mehling, Sohn des größten Winzers in Erbach. In ihrem Heimatort kamen auf fünftausend Einwohner dreizehn Weingüter, die ihren Wein selbst vermarkteten, zusätzlich zu den zahlreichen Weinbautreibenden im Nebenerwerb. Damit genossen Sven und sein Vater, Hermann Mehling, ein hohes Ansehen im Ort. Tilli beugte sich tiefer über die Bierdeckel, die sie gerade abzeichnete, um ihr Erröten zu verstecken. Seit sie auf dem Gymnasium gemeinsam mit dem gleichaltrigen Sven die Nachmittagsbetreuung im benachbarten Volkach besucht hatte, schwärmte Tilli heimlich für ihn. Beide hatten unter den Hänseleien ihrer Mitschüler gelitten – die Wirtstochter wegen ihrer Pfunde, der Winzersohn, weil er ein blaues und ein grünes Auge hatte. Mit seinen blonden, immer leicht verwuschelten Haaren und einem Oberkörper, dem man die zahlreichen Stunden im Volkacher Fitnessstudio ansah, gehörten die Hänseleien für Sven inzwischen der Vergangenheit an.

Zurück an der Theke, war Magda nirgendwo mehr zu sehen. Tilli nutzte die Gelegenheit und holte rasch ihr Handy aus der hinteren Hosentasche. Sie öffnete zuerst die Tiktok App. Im Spessart hatte es geschneit, jedenfalls hatte eine ehemalige Mitschülerin aus dem Gymnasium Videos von ihrem Hund gepostet, wie er durch den Schnee tollte. Am Ende strahlte sie, ihr Freund und der schwarz-weiße Border Collie in die Kamera. Das bemützte Glück um elf Uhr am Vormittag war zu viel für jemanden, der mit fünfundzwanzig Jahren noch nie eine Beziehung gehabt hatte, entschied Tilli. Sie wechselte zu Instagram. Die ersten Einträge waren von großen überregionalen Tageszeitungen, die die aktuellen News in den für Instagram so typischen, mit Schlagzeilen garnierten Bildern präsentierten. Danach entdeckte sie, dass ihr ehemaliger Studienkollege Ruben ein Foto von einem Vertrag gepostet hatte, auf dem ein Glas Sekt stand. Tilli durchfuhr ein Stich. Hatte der Typ mit der größten Klappe und dem kleinsten Talent es wirklich geschafft, als Erster aus ihrem Studienjahrgang einen Roman zu schreiben und ihn auch noch zu veröffentlichen? Sie zoomte das Foto gerade heran, um zu erkennen, ob es einer der renommierten Verlage war, da hielt ihr Magda drei beschriftete Bocksbeutel vor die Nase, die sie als Reservierungsschilder verwendeten. „Handy weg, jetzt ist Arbeitszeit! Kümmere dich um die Reservierungen.“

Missmutig verteilte Tilli die Bocksbeutel auf den Tischen. Rubens Eintrag auf Instagram erinnerte sie schmerzlich daran, dass sie ihrem großen Traum, endlich einen Roman zu schreiben, keinen Zentimeter nähergekommen war. Stattdessen arbeitete sie seit dem Abschluss ihres Literaturstudiums im letzten September wie früher im Gasthaus ihrer Eltern. Resigniert schaute Tilli aus dem Sprossenfenster. Auf der Fensterbank hatte Magda neben der üblichen Dekoration aus Bocksbeuteln, Weinpressen und Holzfässern im Miniaturformat ein Meer von Luftschlangen drapiert. Der Marktplatz, auf den ein Graupelschauer niederging, war durch die Faschingsdekoration hindurch kaum zu erkennen. Um diese Jahreszeit waren nur wenige Touristen an der Mainschleife unterwegs. Tilli erwartete ein ruhiges Mittagsgeschäft. Noch mehr Zeit, um Trübsal zu blasen.

Die Schwingtür neben der Küche öffnete sich und ihre Tante Gerti trat schwungvoll ein. „Morgen!“, grüßte sie in die Runde, während sie sich den Bediengeldbeutel umschnallte. Magdas jüngere Schwester hatte dieselben grünen Augen wie Tilli und ihre Mutter, die in ihrem hageren, vom Rauchen faltigen Gesicht aber mehr zur Geltung kamen. Ihre blonden, von weißen Strähnen durchzogenen Haare hatte sie eingedreht und aufgesteckt. Schon vor Jahren hatte sie sich Magdas Dresscode gebeugt und trug ein grünes Dirndl mit rosa gemusterter Schürze. Das sei gut fürs Trinkgeld, hatte sie ihrer Nichte einmal erklärt. Kein Wunder, so ausgezeichnet, wie es ihr stand.

Gerti schnappte sich den Putzlappen aus der Spüle, um den blitzsauberen Tisch abzuwischen, auf den Tilli gerade den Bocksbeutel platzierte. Sie stupste ihre Nichte im Vorbeigehen mit der Schulter an und lächelte ihr zu. „Na, wie war das Gespräch mit dem obersten Häuptling der Schreiberlinge?“, fragte sie gut gelaunt. Tillis Freude, ihre Tante zu sehen, verschwand schlagartig.

Tilli hatte gleich ein ungutes Gefühl gehabt, als Hemmelmann sie vor zwei Tagen in die Redaktion bestellt hatte, um ihr Feedback zu ihrem letzten Zeitungsartikel über die Bürgerversammlung für die anstehende Kanalsanierung im Volkacher Altort zu geben. Feedback, dass sie nicht lachte.

„Meine Artikel sind zu verkopft, am Thema vorbei und langweilig. Ich bin als Journalistin ungeeignet und in Zukunft verzichtet er auf meine Mitarbeit“, fasste Tilli das Gespräch zusammen. Sie verzog das Gesicht. Im zerknitterten Anzug hatte der Chefredakteur des Kitzinger Tagblatts ihr gegenüber gesessen, mit schlaff herabhängenden Tränensäcken unter den geröteten Augen. Kein gutes Haar hatte er an ihrer Arbeit gelassen. Hemmelmann hatte bezweifelt, dass sie überhaupt mit den Leuten vor Ort gesprochen hatte, so blutleer erscheine ihm der Artikel. Tillis Schüchternheit hatte sie tatsächlich davon abgehalten, den Bürgermeister oder einen der aufgebrachten Anwohner um eine Stellungnahme zu bitten. Zugegebenermaßen hatte sie sich hinausgeschlichen, um nicht in die hitzigen Diskussionen unter den Gästen verwickelt zu werden. Aus ihrer Sicht sollte eine Berichterstattung neutral sein. Hemmelmann schrieb bevorzugt, wie es die Bürger im Landkreis Kitzingen sahen. Das seien schließlich die Tagblattleser und -käufer, wurde er nicht müde zu betonen. Wäre Tilli bei dieser blöden Bürgerversammlung doch nur über ihren Schatten gesprungen!

Dabei hatte alles so vielversprechend angefangen. Im letzten September hatte sie einen von der Lokalzeitung ausgelobten Wettbewerb für Kurzgeschichten über den Sommer an der Mainschleife gewonnen. Die Wirtstochter hatte das als Bestätigung gewertet, dass sie Talent hatte und eines Tages Schriftstellerin werden würde. Auf der Preisverleihung hatte sie all ihren Mut zusammengenommen und Hemmelmann gefragt, ob er noch eine freie Journalistin brauchen könne. Sie war vor Stolz fast geplatzt, als der Chefredakteur ihr wenige Tage später zugesagt hatte. Schnell hatte sie bemerkt, dass beim Tagblatt immer ein Mangel an Journalisten herrschte. Teil der Aufgabe war es, abend- oder wochenendfüllende Veranstaltungen zu besuchen, die oft alles andere als spannend waren. Mit Schaudern erinnerte sich Tilli an den Zuchtviehmarkt in Volkach, über den sie im letzten Herbst berichten musste. Trotzdem hatte die Tätigkeit es ihr erlaubt, dem Rat ihres Professors für Literatur zu folgen und zu „Schreiben, Schreiben, Schreiben, und wenn es nur Rezepte sind.“ Der Verdienst war mager, aber die Aufträge waren eine willkommene Gelegenheit, um ihrer Mutter und der Arbeit im roten Hirsch zu entkommen. Sie konnte noch gar nicht fassen, dass es damit vorbei sein sollte.

Mitfühlend strich Gerti ihr über den Arm. „Und dass du die Facebook-Königin bist, hat ihn nicht überzeugt?“

Tilli schüttelte den Kopf. Sie hatte versucht, Hemmelmann mit dem einzigen Ass umzustimmen, das sie im Ärmel hatte. Kurz nach dem Beginn ihrer Tätigkeit als Redakteurin hatte sie einen Lehrgang bei der Regierung von Unterfranken zum Thema Social Media besucht. Zielgruppe waren Winzer und Gastronomen, die ihre Angebote besser vermarkten sollten. Als Hemmelmann davon Wind bekommen hatte, teilte er sie dem Team zu, das sich um die Tagblatt-Seiten in den sozialen Medien kümmerte – unentgeltlich, versteht sich. „Ich habe ihm eine Auswertung mitgebracht, dass wir fast tausend neue Follower haben, und sich die Klicks auf Bezahlinhalte im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt haben, aber das war ihm egal“, berichtete Tilli niedergeschlagen. Sie wusste, dass sie ein Talent für Social Media hatte. Ihre Inhalte waren knackig aufbereitet, ihre Fotos ansprechend. Wahrscheinlich lag es daran, dass sie selbst ständig in den sozialen Netzwerken verfolgte, was für ein aufregendes und erfolgreiches Leben ihre Studienkollegen führten. Auf ihrem eigenen Profil herrschte dagegen gähnende Leere. Was hätte sie schon schreiben sollen? Etwa, dass sie mit ihrem Romanprojekt nach sieben Monaten über die Plot-Entwicklung nicht hinausgekommen war? Nichts gelang ihr, gar nichts!

„Der Hemmelmann ist ein Blödel“, versuchte Gerti sie zu trösten, als ein durchdringender Piepton die beiden Frauen hochschrecken ließ. In Sekundenbruchteilen kamen weitere Pieptöne dazu und steigerten sich zu einem ohrenbetäubenden Konzert. Draußen schrillte die Feuerwehrsirene los. Mit der Gemütlichkeit am Stammtisch war es vorbei. Hektisch griffen Sebbi, Hias und Walter Schäfer zu den kleinen Geräten an ihren Gürteln. Sebbi, der stellvertretende Feuerwehrkommandant, warf nur einen kurzen Blick auf seinen Pager. „Los, es pressiert, Männer! Ein Verkehrsunfall mit Personenschaden oben bei der Vogelsburg. Wir packens!“, rief er seinen beiden Kollegen zu, während er sich seine Jacke überwarf. Mit einem „Schreibs an, Magda!“ lief er zur Tür hinaus, dicht gefolgt von Hias und Walter.

Den übrigen Stammtischgästen war der Durst nach dem plötzlichen Aufbruch der Feuerwehrler vergangen. Es drängte sie, brühwarm daheim zu erzählen, was es mit dem Feueralarm auf sich hatte. Rasch kassierte Tilli die Stammtischbesucher ab. Sie ballte die Hände zu Fäusten. Wenn sie noch als freie Journalistin beim Tagblatt gearbeitet hätte, wäre sie jetzt zum Unfallort unterwegs gewesen. Die Vogelsburg, das ehemalige Kloster der Augustiner-Schwestern gleich hinter Volkach, war nur wenige Kilometer von Erbach entfernt. Hemmelmann hätte sich sicher in der Whatsapp-Gruppe der freien Tagblatt-Mitarbeiter gemeldet und ihr die Berichterstattung zugewiesen, sobald einer seiner Kontakte bei der örtlichen Feuerwehr, immer gut geschmiert durch die Freischoppen am Weinfest, ihn benachrichtigt hätte. Nach dem vernichtenden Gespräch am Freitag war es eine Frage der Zeit, bis er sie aus der Gruppe werfen würde. Was sollte sie den Erbachern sagen, warum sie nicht mehr beim Tagblatt arbeitete? Dass sie nicht einmal als Lokalreporterin zu gebrauchen war?

„Was ist los?“, fragte Gerti, die Tillis Anspannung bemerkt hatte. „Eigentlich wäre ich jetzt auch unterwegs“, presste ihre Nichte hervor.

„Ist deine Entlassung schon offiziell?“

Die Wirtstochter schüttelte den Kopf. Gerti wedelte mit der Hand, als ob sie eine Fliege verscheuchen wollte. „Worauf wartest du, ab mit dir.“ Auf Tillis zweifelnden Blick hin fügte sie hinzu: „Du bist doch angeblich zu schüchtern. Los, beweis ihm das Gegenteil. Wir haben den Laden hier im Griff“, ermunterte Gerti sie.

Ihre Tante hatte recht. Sie musste Hemmelmann aktiv davon überzeugen, dass sie die Initiative ergreifen konnte. Sie band die Schürze auf und griff nach dem Schlüssel ihrer Vespa aus ihrem Mitarbeiterfach. Auf die Frage ihrer Mutter, wo sie plötzlich hinwolle, reagierte sie gar nicht. Das musste Gerti für sie regeln. Während sie in den Hinterhof eilte, wo der Motorroller parkte, tippte sie eine Nachricht in die Whatsapp-Gruppe, dass es einen Unfall gegeben hatte und sie die Berichterstattung übernehmen würde.

***

Der eisige Wind pfiff ihr um die Ohren, als sie so schnell in Richtung Vogelsburg fuhr, wie die Vespa es hergab. Bei der letzten Reparatur hatte Ottmar Marquardt, seit dreißig Jahren Haus- und Hofmechaniker der Familie Korniak, auf Tillis Bitte hin so lange am Motor herumgeschraubt, bis der Motorroller sechzig statt der erlaubten fünfzig Stundenkilometer fuhr. Heute war es allerdings so kalt, dass Tilli überlegte, ob sie nicht freiwillig langsamer fahren sollte. Ihre Hände hatten sich trotz der dicken Motorradhandschuhe in Eiszapfen verwandelt. Hätte sie sich doch nur die Zeit genommen, ihre Winterstiefel anzuziehen.

An der Abzweigung in Richtung Volkach überlegte sie kurz. Sollte sie die Fähre über den Main nehmen, oder lieber die Brücke bei Sommerach benutzen? Die Fähre fuhr zwar langsam, aber wenn sie bereits am Erbacher Ufer lag, konnte sie im Vergleich zum Landweg einige Minuten sparen. Musste der Fährmann erst übersetzen, um sie zu holen, wäre der Zeitgewinn gering und das Fährgeld hätte sich nicht gelohnt. Das Geräusch von Rotorblättern riss sie aus ihren Überlegungen. Sie erkannte einen Rettungshubschrauber, der über sie hinwegflog. Geistesgegenwärtig streifte Tilli ihre Handschuhe ab und zog ihr Handy aus der Tasche. Mit geübter Hand gelang es ihr, mehrere Fotos zu schießen, als der Hubschrauber zum Sinkflug ansetzte, wo ungefähr die Vogelsburg sein musste.

Zufrieden mit ihren Aufnahmen verstaute Tilli das Handy wieder in ihrer Motorradjacke und fuhr mit Vollgas in Richtung Mainfähre. Sie durfte keine Sekunde mehr verlieren.

***

Tilli konnte die Zufahrt zur Vogelsburg schon sehen, als ihre Fahrt hinter der nächsten Kurve jäh gestoppt wurde. Quer auf der Straße stand ein Tanklastwagen der Feuerwehr mit blinkendem Blaulicht. Davor wedelte ein schlaksiger Feuerwehrmann mit einer Kelle auf und ab. Er musste zu einer der umliegenden Ortsteilwehren gehören. Aus Erbach war er jedenfalls nicht.

„Umdrehen! Hier ist gesperrt!“, rief der junge Mann ihr mit sich überschlagender Stimme zu. Tilli verfluchte sich, als sie bemerkte, dass sie in der Eile ihren Geldbeutel mit dem Presseausweis im Hirsch hatte liegen lassen. Würde der Feuerwehrler sie durchlassen, wenn sie ihm erklärte, dass sie Reporterin war und ihren Ausweis vergessen hatte? Sie bezweifelte es, so unerfahren, wie er aussah. Unverrichteter Dinge wieder umzukehren war allerdings keine Option, wo sie den anderen Reportern vom Tagblatt doch Bescheid gegeben hatte, dass sie die Berichterstattung über den Unfall übernehmen würde. Ihr Blick fiel auf die Zufahrt zur Vogelsburg. „Ist es möglich, das Restaurant anzufahren? Ich bin dort zum Mittagessen verabredet“, improvisierte Tilli und deutete auf die Abzweigung. Das Unbehagen war dem jungen Feuerwehrmann anzumerken, aber ihm fiel keine Begründung ein, um sie an der Weiterfahrt zu hindern. Unschlüssig spielte er mit den Knöpfen an seinem Funkgerät. Hoffentlich fragte er seine Kollegen nicht per Funk um Rat. „Also gut, bis zur Vogelsburg. Wehe Sie fahren hinten wieder raus. Die Staatsstraße Richtung Würzburg ist ab hier nämlich komplett gesperrt“, gab er schließlich nach und winkte die Vespa durch.

Tilli atmete erleichtert aus. Langsam fuhr sie um das Feuerwehrauto herum und bog in die Abzweigung zur Vogelsburg ein. Auch hier war wenig los an diesem Februartag. Nur vereinzelt parkten Autos vor dem Zugang zum Hotel und Restaurant, das dort vor einigen Jahren nach einer umfangreichen Renovierung neu eröffnet worden war. Tilli stellte ihre Vespa auf einem freien Parkplatz ab und überlegte. Sie musste zu Fuß weiter und sich möglichst nicht von der Feuerwehr erwischen lassen, um ein Foto von der Unfallstelle machen zu können. Damit allein war es jedoch nicht getan. Sie brauchte zusätzliche Informationen, am besten von den Rettungskräften vor Ort als Augenzeugen, um einen Bericht nach Hemmelmanns Geschmack zu schreiben. Dadurch ließ er sich vielleicht dazu bewegen, sie als freie Reporterin zu behalten.

Tilli ging in Richtung Ausfahrt, wobei sie ihre Umgebung unauffällig im Blick behielt. Als sie vor sich an der Abzweigung zuckendes Blaulicht bemerkte, schlug sie sich auf der linken Seite der Straße ins Gebüsch und lief gebückt weiter. Ihre bunten Chucks waren denkbar ungeeignet für diese Mission. Schon nach wenigen Metern waren sie durchweicht und über und über mit Schlamm verschmiert. Immer wieder rutschte sie aus. Dennoch schaffte sie es bis an den Rand der Staatsstraße, wo sie vorsichtig durch das Gebüsch lugte.

Tilli pfiff leise durch die Zähne. Der Rettungshubschrauber hatte sie bereits vermuten lassen, dass es sich um einen schweren Unfall handelte. Diese Einschätzung bestätigte sich, als sie die Szene auf der Straße überblickte. Neben zwei Feuerwehrfahrzeugen standen ein Polizeiauto und ein Notarztwagen. Der Krankenwagen parkte in kurzer Entfernung. Rettungskräfte und Polizisten liefen durcheinander. Die Mehrzahl der Feuerwehrleute war im gegenüberliegenden Straßengraben zugange. Sie schob sich etwas höher, um besser sehen zu können, als ihr der Atem stockte. Auf der anderen Straßenseite erkannte sie unter einer weißen Plane die Umrisse eines menschlichen Körpers. Zumindest für einen der Autoinsassen war der Rettungshubschrauber also zu spät gekommen. Ein Schauer lief Tillis Rücken hinunter. „Reiß dich zusammen“, sprach sie sich selbst Mut zu. Egal, was Hemmelmann wollte, ein Foto der abgedeckten Person würde sie nicht machen, das verbot ihr der Anstand. Aber sie brauchte ein Bild der Unfallstelle, und dafür war der Winkel aus ihrem Versteck heraus nicht geeignet. Suchend blickte sie sich um. Direkt am Straßenrand stand ein Baum, dessen Stamm sich etwa einen Meter oberhalb des Bodens teilte. Wenn sie sich auf die Verzweigung stellte, würde ihr der vordere Teil des Stamms Deckung geben, während sie fotografierte. Sie rappelte sich hoch. Der Ast, an dem sie sich festhielt, knackte beängstigend, aber nach einigen Versuchen gelang es ihr keuchend, sich auf den Baum zu hieven. Sie sollte mehr Sport treiben – oder überhaupt damit anfangen, dachte Tilli ironisch. Schwer atmend sah sie auf die Unfallstelle unter sich. Alle waren so beschäftigt, dass niemand den Aufstieg des ungebetenen Zaungasts bemerkt hatte.

Es gelang ihr, von ihrem Aussichtsposten mehrere Fotos vom Geschehen zu schießen, die einen guten Überblick zeigten, aber die aus ihrer Sicht nötige Distanz wahrten. Die Konzentration auf ihre Aufgabe half ihr, sich zu beruhigen, und das Zittern in ihren Händen ließ nach. Als sie die Aufnahmen zur Kontrolle heranzoomte, erkannte sie in einem der abgebildeten Polizisten ein bekanntes Gesicht. Sie blickte auf. Tatsächlich, da stand Kilian Braun! Der junge Polizeimeister aus Erbach war in der Grundschule zwei Jahrgangsstufen unter Tilli gewesen, sodass sie ihn vom Sehen her kannte. Sie war ihm im letzten halben Jahr immer wieder über den Weg gelaufen, wenn er als Außenposten der Kitzinger Polizeidirektion einige Male die Woche sein Büro im historischen Erbacher Rathaus aufsuchte, das dem roten Hirsch am Marktplatz gegenüberlag. Jedes Mal hatte er ihr freundlich zugenickt. Was er in dem prächtigen Fachwerkgebäude genau zu tun hatte, war Tilli schleierhaft, schließlich gab es in Erbach kaum Verbrechen. Heute hätte sie jedoch um keinen Preis mit ihm tauschen wollen.

Kilian unterhielt sich mit einer gut aussehenden Frau, ebenfalls in einer blauen Uniform, die Tilli auf Mitte vierzig schätzte. Er deutete immer wieder auf den gegenüberliegenden Abhang und gestikulierte dabei. Die Mittvierzigerin schüttelte knapp den Kopf, bevor sie ihr Handy hervorholte und telefonierte. Kilian ging um das Polizeiauto herum, ließ sich auf den Sitz sinken und schlug die Hände vors Gesicht. Seine Schultern zuckten. Weinte er etwa? In Tilli keimte ein Verdacht auf. Was, wenn es sich bei dem Unfallopfer nicht um einen Fremden handelte, sondern um jemanden aus Erbach? Aufgrund ihrer Schüchternheit hatte sie kaum Freunde, aber als Wirtstochter kannte sie die meisten Erbacher und viele der Bewohner aus den benachbarten Ortschaften. Ihr Magen verkrampfte sich. Sie musste wissen, wer dort lag!

Tilli schaute am Baum hinauf und verwarf den Gedanken sofort wieder. Weder dessen Stabilität noch ihre körperliche Fitness würden es zulassen, weiter hinaufzuklettern. Sie brauchte einen besseren Ausguck. Natürlich, die Aussichtsplattform terroir f oberhalb von Escherndorf war nur wenige Meter entfernt! Eigentlich sollte der Aussichtspunkt den Touristen als so genannter magischer Ort des Frankenweins einen malerischen Ausblick über Nordheim und die Mainschleife bieten. Auf der Rückseite blickte man aber genau auf die Staatsstraße und hoffentlich auch in den angrenzenden Straßengraben.

Tillis Hoffnung bewahrheitete sich, als sie die letzte Stufe der Aussichtsplattform erklommen hatte. Sie hatte von der Anhöhe aus nicht nur einen hervorragenden Blick in den Graben, sondern die mehr als mannshohen, mit Steinen gefüllten Drahtkörbe auf dem höchsten Punkt, an denen die Informationstafeln hingen, gaben ihr sogar Deckung. Sie erkannte jetzt, woran sich die Rettungskräfte im Straßengraben zu schaffen machten. Dort lag ein weißer Fiat 500 auf dem Dach, mit der Heckseite in Richtung Straße gewandt. Anscheinend war der Fahrer zu schnell gefahren und hatte nach der Kurve an der Vogelsburg die Kontrolle über den Fiat verloren. Tilli nickte. Diese Kurve war seit Jahren ein Unfallschwerpunkt, vor allem bei winterlichen Straßenverhältnissen. Außer dem Fahrer war wohl niemand im Auto gewesen, jedenfalls konnte die Wirtstochter keine weiteren verletzten oder – schlimmer noch – abgedeckte Personen entdecken.

Wie ferngesteuert holte Tilli wieder ihr Handy hervor und machte Bilder von dem Geschehen. Dabei bemerkte sie einen Aufdruck auf der Heckscheibe des Wagens. Sie zoomte näher heran und hielt den Atem an. Das war doch eine Krone! Darunter konnte sie einen Schriftzug ausmachen. Sie kniff die Augen zusammen. „Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen“, entzifferte sie.

Die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag in die Magengrube. „Katharina!“, rief sie keuchend. Sie schwankte und ließ sich am Drahtkorb entlang zu Boden rutschen. Dort saß sie und blickte fassungslos auf das Foto von der Heckscheibe des Fiats. „Katharina“, flüsterte sie erneut, während ihr Tränen in die Augen traten.

Sie konnte zwar nicht sicher sein, ob die Person unter der Plane Katharina Zang war, aber so stolz wie die Winzertochter auf ihren nagelneuen weißen Fiat gewesen war, hielt Tilli es für unwahrscheinlich, dass ihn jemand anderes gefahren hatte, als es zu dem Unfall kam. Nicht dass sie mit der vier Jahre Jüngeren befreundet gewesen wäre – wobei die Wirtstochter meinte, seit dem Lehrgang für Social Media im letzten September Anzeichen einer Freundschaft entdeckt zu haben. Nur auf Gertis Drängen hin hatte sie überhaupt an dem zweitägigen Workshop in Würzburg teilgenommen. Wenn sie schon die ganze Zeit am Handy hing, solle sie wenigstens etwas Sinnvolles damit anstellen, hatte ihr ihre Tante so lange in den Ohren gelegen, bis sie sich schließlich angemeldet hatte.

Überpünktlich hatte Tilli am ersten Morgen in dem nüchternen Konferenzraum der Regierung von Unterfranken gesessen, der Platz für mindestens zwanzig Personen bot. Nach und nach waren die übrigen Teilnehmer eingetrudelt, die alle vierzig Jahre aufwärts und gut miteinander bekannt waren, so angeregt, wie sie sich unterhalten hatten, ohne Tilli eines Blickes zu würdigen. Die Wirtstochter hatte angestrengt auf ihren Bildschirm gestarrt und so getan, als ob sie wichtige Updates installieren musste, um nicht nur blöd in diesem Haufen von Fremden herumzusitzen. Wie erleichtert war sie gewesen, als Katharina den Raum betreten hatte. Jemand aus Erbach in ihrem Alter! Überschwänglich hatte sie ihr bedeutet, sich doch zu ihr zu setzen – normalerweise hätte sie das nie gewagt. Katharina war sofort auf sie zugekommen und hatte sie voller Interesse ausgefragt, warum sie den Kurs besuchte. Tillis erneute Aufforderung, neben ihr Platz zu nehmen, hatte sie jedoch abgelehnt, schließlich war sie die Dozentin. Unter dem Gelächter der übrigen Teilnehmer, die sich anders als Tilli anscheinend über den Dozenten informiert hatten, war sie zum Tisch vor dem Whiteboard gegangen und hatte ihre Tasche ausgepackt. Wenn die Wirtstochter daran zurückdachte, schoss ihr wieder die Röte ins Gesicht.

Katharina hatte Tilli ihren Fauxpas nicht übel genommen, im Gegenteil. Die Wirtstochter war die einzige Teilnehmerin mit nennenswerter Social-Media Erfahrung, sodass sich die beiden jungen Frauen die Bälle zugespielt hatten, sobald Tilli ihre anfängliche Schüchternheit überwunden hatte. Nicht, dass Katharina ihr eine Wahl gelassen hätte, sie hatte sie immer wieder direkt nach ihrer Meinung gefragt, und Tilli hatte die Bewunderung der übrigen Teilnehmer insgeheim genossen. Katharina hatte es verstanden, die Theorie mit Beispielen aus ihrem Blog Kathas.Feine.Frankenweine und den dazugehörigen Instagram- und Facebook-Seiten zu würzen, sodass der Workshop nicht nur lehrreich, sondern auch unterhaltsam gewesen war.

Auch nach dem Lehrgang hatte Katharina Tilli immer gegrüßt, wenn sie sich über den Weg gelaufen waren, und hatte sich erkundigt, wie es mit ihren Social Media Aktivitäten lief. Gertenschlank, mit langen rotblonden Haaren, Sommersprossen und blauen Augen war die Winzertochter eines der hübschesten Mädchen in Erbach. Ihr Vater, Robert Zang, zählte zu den regelmäßigen Stammtischbesuchern am Dienstagabend und war ganz vernarrt in seine große Tochter. Vor der Stammtischrunde prahlte er gern damit, was seiner Katharina nun wieder gelungen war. Das Einser-Abitur, das Weinbau-Studium in Geisenheim seit Oktober und jetzt die bevorstehende Kandidatur bei der Wahl zur Erbacher Weinprinzessin – der Winzer sorgte dafür, dass jeder über seinen Augenstern informiert war, ob er es hören wollte oder nicht. Im Umgang mit anderen konnte Robert ein echter Stinkstiefel sein, aber seine Tochter war sein ein und alles. Es würde ihm das Herz brechen! Von Katharinas Mutter Agnes, und ihrer jüngeren Schwester Lea ganz zu schweigen.

„Sven!“, entfuhr es Tilli. Auch für ihn würde eine Welt zusammenbrechen. Er und Katharina waren vor zwei Jahren ein Paar geworden. Damals war die Wirtstochter insgeheim traurig und gekränkt gewesen, aber eigentlich war es doch nur logisch, dass die Dorfschönheit und der gut aussehende Sohn des größten Erbacher Winzers zusammenfanden. Dass sich der Prinz in das Aschenputtel verliebte, gab es eben nur im Märchen, hatte sie sich gesagt.

Ein Tumult auf der Staatsstraße ließ Tilli aufhorchen. Immer noch gut getarnt von dem Drahtkorb stand sie auf, um zu sehen, woher der Lärm kam. „Ihr Hundsgrübbel, ihr draggarten!“, ereiferte sich ein kleiner, dicker Mann in einem weißen Schutzoverall, der eben aus einem Polizeitransporter gesprungen war. „Hat ma euch neis Hirn gschissn oder was?! Wer ist hier der Verantwortliche?“ Die gut aussehende Polizistin trat dem Mann gegenüber und versuchte, ihn zu beruhigen. Also war sie die Chefin, sah Tilli ihre Vermutung bestätigt. Während drei weitere Personen, ebenfalls im Overall, aus dem Bus stiegen und silberne Koffer ausluden, rief die Frau Kilian herbei. Nach einer kurzen Anweisung sprintete der junge Polizist los, um etwas aus dem Streifenwagen zu holen. Tilli erkannte rot-weißes Absperrband. Kilian schrie den noch anwesenden Feuerwehrlern zu, sofort vom Auto zurückzutreten. Gleichzeitig suchte er hektisch nach einer Möglichkeit, das Band zu befestigen. Die Polizistin kam ihm zur Hilfe, und kurze Zeit später umschwärmten die Weißbeanzugten das weiträumig abgesperrte Autowrack.

Tilli beschlich ein seltsames Gefühl. War das das normale Vorgehen der Polizei bei einem Verkehrsunfall? Da stimmte doch etwas nicht! Die Szene auf der Straße vor ihr erinnerte sie eher an eine Folge aus dem Tatort am Sonntagabend, als an einen Unfall. Das würde ja bedeuten … aber das konnte nicht sein.

Während sich die ersten Feuerwehrautos zur Abfahrt bereitmachten, kamen weitere Polizisten an der Unfallstelle an. Die Polizistin und Kilian setzten sich ebenfalls in den Streifenwagen und fuhren in Richtung Erbach davon. Tilli überlegte. Sie konnte für die Zeitung einen knappen Unfallbericht verfassen und auf die offizielle Stellungnahme der Polizei warten, die nicht vor morgen kommen würde. Damit würde sie Hemmelmann aber bestätigen, dass ihr der nötige Biss als Reporterin fehlte. Sie brauchte unbedingt mehr Informationen, um sofort einen detaillierten Artikel schreiben zu können. Sie würde die Männer von der Erbacher Feuerwehr dazu bewegen, ihr ein paar Fragen zu beantworten. Ja, das sollten sie besser tun, wenn sie ihre Schorli im Hirsch haben wollten, bevor sie warm und abgestanden waren, dachte Tilli kämpferisch. Gebückt lief sie in Richtung ihrer Vespa davon.

***

Zitternd stand Tilli auf der Mainfähre und sah über den Schlagbaum hinweg, wie Erbach immer näherkam. Die Überfahrt kam ihr langsamer vor als sonst. Glücklicherweise waren keine Touristen an Bord, sodass sie nicht auch noch einen Fährwalzer erdulden musste. Es bereitete den Fährleuten inzwischen große Freude, die Fähre in der Mitte des Mains mehrmals um die eigene Achse rotieren zu lassen. Aus den kleinen, notdürftig installierten Lautsprechern schepperte dabei Walzermusik. Die Feriengäste brachen regelmäßig in Begeisterungsstürme aus, stellten ihre Fahrräder ab und tanzten selbst dazu. Unzählige Fotos und Videos mussten inzwischen mit dem Hashtag #Fährwalzer in den sozialen Netzwerken unterwegs sein. Die Einheimischen waren weniger angetan davon, da sich die Überfahrt auf dem Michl, wie die Fähre liebevoll genannt wurde, dadurch nochmals um einige Minuten verlängerte. Den Fährern war es damit aber gelungen, eine weitere Touristenattraktion zu etablieren – nicht, dass der Erbacher Gemeinderat noch auf die Idee käme, eine Brücke über den Main nach Volkach zu bauen, und die Fährleute mitsamt Michl auszumustern.

Inzwischen war es Nachmittag geworden. In Tillis Bauch grummelte es, dafür hatte sie kein Gefühl mehr in ihren Füßen. Sollte sie kurz im roten Hirsch für ein warmes Mittagessen vorbeifahren, bevor sie ihr Glück am Erbacher Feuerwehrhaus versuchte? Sehnsuchtsvoll dachte sie an die Bratkartoffeln, die niemand so resch zubereitete wie Antoni, der Küchenchef im Hirsch. Schnell verwarf sie den Gedanken wieder. Ihre Mutter würde mit ihren Vorwürfen dafür sorgen, dass ihr das Essen nicht schmeckte, und ob sie noch einmal loskäme, hielt Tilli für zweifelhaft. Sie musste jetzt halt die Zähne zusammenbeißen.

Das Bild der Leute in den weißen Schutzanzügen, die sich am Autowrack zu schaffen machten, ließ ihr keine Ruhe. In den Fernsehkrimis kam immer auch der Gerichtsmediziner und untersuchte die Leiche. Tilli hatte jedoch niemanden gesehen, der für sie wie ein Gerichtsmediziner ausgesehen hätte. Im Fernsehen hatten die ermittelnden Kommissare nach dem Leichenfund zuerst die traurige Pflicht, die Familie zu benachrichtigen. Die Wirtstochter überlegte kurz – war das das Ziel, zu dem Kilian und die Polizeichefin aufgebrochen waren? Zu wissen, wer das Opfer war, wäre ein echter Informationsvorsprung. Nachdem die Fähre endlich angelegt hatte und sich der Schlagbaum öffnete, gab sie entschlossen Gas.

***

Das Weingut der Zangs lag mitten im Erbacher Altort. Um in den Hof des großzügigen Anwesens aus Muschelkalk zu gelangen, musste man ein großes Hoftor passieren. Viele der einheimischen Winzer waren inzwischen so renommiert, dass sie es sich leisten konnten, am Sonntag zu schließen, um wenigstens einen freien Tag in der Woche zu haben. Anders bei den Zangs. Die beiden Flügel des Tors standen offen, um zu signalisieren, dass der Weinverkauf geöffnet war. Böse Zungen behaupteten, Robert Zang mache sein Geschäft über die Masse und den Preis. Er hoffte wohl, dass sich an diesem kalten Februarsonntag ein Tourist in sein Weingut verirrte.

Tilli stellte ihre Vespa vor dem Tor ab und versuchte, einen Blick in den Hof zu erhaschen. Da das offene Tor nur einen Teil des Hofes einsehen ließ, war von außen nicht zu erkennen, ob das Polizeiauto dort parkte. Es half nichts, sie musste hineingehen. Sollte sie jemand sehen, würde sie sich schon eine Ausrede einfallen lassen. Sie schlich sich an der Kelterhalle entlang, bis die Einfahrt den Blick in den gesamten Innenhof freigab. Nicht gerade unverdächtig, schalt sie sich selbst, als sie sich vorstellte, wie sie auf die Zangs wirken musste, falls sie entdeckt würde. Sie straffte die Schultern und trat auf den Hof. Dort stand tatsächlich der Streifenwagen von der Unfallstelle! In dem Moment öffnete sich die Tür des Wohnhauses und die Polizeichefin schritt die Treppe herunter, gefolgt von Kilian. Tilli blieb wie erstarrt stehen.

„Wer sind Sie und was machen Sie hier?“, herrschte sie Tilli an.

„Ich, ähm, ich bin, also ich wollte …“, stammelte die Wirtstochter.

Die Mittvierzigerin war attraktiver, als Tilli von Weitem geschätzt hatte. Ihre eisblauen Augen standen in eigentümlichen Kontrast zu ihrer gebräunten Haut und den dunklen, schulterlangen Haaren. Sie strahlte eine natürliche Autorität aus. Ihre Sprache verriet sie sofort als Norddeutsche. „Das ist Ottilie Korniak. Sie ist die Lokalreporterin in Erbach“, sprang Kilian ihr bei. Die Miene der Polizeichefin verschloss sich. „Verlassen Sie sofort das Grundstück, Sie haben hier nichts verloren“, zischte sie Tilli zu. Ihre Stimme war so scharf, dass die Wirtstochter zurückzuckte. Zu dem jungen Polizeimeister gewandt fuhr sie fort: „Die Aasgeier sind in den fränkischen Dörfern ja noch schneller als in der Großstadt. Halten Sie sie mir bloß vom Leib.“ Mit diesen Worten lief sie zum Polizeiwagen. Kilian hechtete auf den Beifahrersitz, als sie schon anfuhr. Auf Tillis Höhe ließ die Polizistin das Fenster herunter und rief: „Gehen Sie. Jetzt!“

Erst als Tilli sich umwandte und eilig in Richtung Hoftor lief, brauste sie an ihr vorbei.

Wie vor den Kopf gestoßen stand die Wirtstochter neben ihrer Vespa. So viel Feindseligkeit war ihr noch nie begegnet. Fast jeder Haushalt an der Mainschleife las das Kitzinger Tagblatt. Oft teilten sich zwei Generationen ein Abonnement. Die Zeitung zu bringen oder zu holen war eine willkommene Gelegenheit, bei den Jungen bzw. den Alten vorbeizuschauen. Um eine wohlwollende Berichterstattung zu garantieren, waren die Lokalreporter auf jeder Veranstaltung als Ehrengäste eingeladen. Natürlich gab es gelegentlich auch Kritik, insbesondere, wenn der hiesige Ortsverband einer politischen Partei mit dem Inhalt eines Artikels nicht einverstanden war. Eine derartige Verachtung hatte Tilli jedoch noch nie erlebt. Katharinas Tod, die Beleidigung der Polizeichefin, dazu war ihr kalt und inzwischen schon schlecht vor Hunger – es war alles einfach zu viel! Sie begann leise zu schluchzen, während sie sich den Helm überstreifte. Sie wollte nur noch heim!

***

Tilli öffnete das Tor zum Innenhof des roten Hirschs. Im Sommer diente der Hof als Außensitzbereich für ihre Gäste. Im Winter genoss sie es, ihre Vespa unter dem Vordach abzustellen und sie nicht jedes Mal umständlich in die Scheune am Ende des Hofs schieben zu müssen. In den beiden Fenstern im Obergeschoss der Scheune, wo Gerti und ihr Mann Hans ihr Wohnzimmer hatten, brannte Licht und leuchtete tröstlich zu ihr herab. Das kinderlose Paar hatte sich den alten Boden ausgebaut, als sie frisch verheiratet gewesen waren. Ihr Onkel war von Beruf Zimmermann und in seiner Freizeit leidenschaftlicher Angler. Die gemütliche kleine Wohnung mit ihren frei stehenden Holzbalken und dem offenen Kamin im Wohnraum war ein Meisterwerk. In so einer Wohnung am Feuer zu sitzen und an ihrem Roman zu schreiben, während ihr Mann in der Küche etwas für sie kochte, war Tillis Traum. Leider waren nicht nur die eigenen vier Wände und das Buch, sondern auch ein Freund bis jetzt reine Hirngespinste.

Am Hintereingang streifte sie ihre völlig durchweichten Schuhe und Socken von den Füßen und schlüpfte in ihre Lammfellhausschuhe. Was für eine Wohltat. Sie wischte sich über die Augen, um die letzten Tränenspuren zu beseitigen. Jetzt brauchte sie unbedingt etwas zum Essen. Hoffentlich war niemand mehr in der Küche der Gastwirtschaft, sodass sie sich nach Herzenslust bedienen konnte.

In dem Moment hörte Tilli aufgeregte Stimmen von dort, die ihre Hoffnung auf ein ungestörtes Mittagessen zunichtemachten. Sollte sie doch besser in ihrem Zimmer warten, um das Zusammentreffen und die Vorwürfe ihrer Mutter hinauszuschieben? Der Hunger überwog jedoch ihre Bedenken, sodass sie die Schwingtür zur Küche aufstieß.

Ihr neuer Küchenhelfer Anwar stand mit hängendem Kopf vor ihrer Mutter, die einen Teller in der Hand hielt, auf dem ein Kartoffelkloß in Tomatensoße schwamm. Der Küchenchef Antoni lehnte mit verschränkten Armen an der Spüle und beobachtete die Szene wortlos. Magdalena ließ sich durch Tillis Erscheinen nicht aus dem Konzept bringen, sondern redete weiter auf Anwar ein. „Ohne Essensgeld kein Essen – du verstehen?“ Der Küchenhelfer zog den Kopf ein, blieb aber stumm. Hilfesuchend wandte sich Magda an ihren Küchenchef. „Sag du doch auch mal was.“

Antoni nahm den Zahnstocher aus dem Mund und entgegnete gleichmütig: „Ich bin Pole, keine Syrer. Er mich auch nicht verstehen, auch nicht beim Schaffen. Wenn du solche Leute einstellen, du musst selber schauen, wie du zurecht kommst.“ Tilli staunte angesichts Antonis gereizter Antwort. Normalerweise kamen er und ihre sonst so streitsüchtige Mutter gut miteinander aus. Die Wirtin wusste genau, was sie an ihrem langjährigen Küchenchef hatte. Umgekehrt war Antoni Magda gegenüber zumindest höflich, selbst wenn die übrigen Angestellten, inklusive Tilli, regelmäßig unter seinen Wutausbrüchen zu leiden hatten. War viel los und der Druck entsprechend hoch im Hirsch, erlaubte man sich besser keinen Fehler bei der Essensbestellung.

„Was ist denn hier los?“, fragte Tilli.

„Ah, das Fräulein gibt sich auch wieder einmal die Ehre!“, giftete ihre Mutter sie an.

„Warum hackt ihr denn auf Anwar herum?“, ließ Tilli nicht locker.

Der Syrer tat ihr leid, wie er da vor ihnen stand. Angeblich war er achtzehn Jahre alt, aber für die Wirtstochter sah er keinen Tag älter aus als sechzehn. Magda hatte ihn über eine Annonce im Erbacher Stadtblatt gefunden, in der junge Männer mit guten Deutschkenntnissen als Aushilfen für Gastronomie und Landwirtschaft angepriesen wurden. Sechs Wochen war es her, dass ein Fahrer ihn vor ihrer Tür abgesetzt hatte, nur mit einer kleinen Reisetasche als Gepäck. Schnell stellte sich heraus, dass Anwar zwar jung war, aber fast kein Deutsch sprach. Dementsprechend oft kam es in der Küche zu Missverständnissen und Antoni ließ seine Unzufriedenheit darüber oft an dem Küchenhelfer aus. Zu Tillis Unmut tat ihre Mutter nichts, um dem Koch Einhalt zu gebieten.

„Anwar hat sich von den Klößen genommen, das ist los“, antwortete Magda endlich auf Tillis Frage.

„Und wo ist das Problem? Schließlich zahlt er jeden Monat Essensgeld, damit er hier essen kann“, entgegnete Tilli. „Genau das ist das Problem. Der feine Herr will kein Geld bezahlen“, schimpfte Magda. Die Festangestellten durften sich vor oder nach ihrer Schicht von den Speisen im roten Hirsch bedienen, wenn sie im Monat hundertfünfzig Euro Essensgeld dafür zahlten. Bei Anwars Gehalt als Küchenhilfe war das sicher nicht wenig. Da er aber meistens Teildienst hatte, also mittags und abends arbeitete, konnte er sich in der Gastwirtschaft fast vollständig verpflegen. Ob er das Konzept mit dem Essensgeld überhaupt verstanden hatte? Tilli äußerte ihre Bedenken gegenüber ihrer Mutter, doch diese riss Anwar den Teller aus der Hand. „Kein Essensgeld, kein Essen“, wiederholte sie und verzog angewidert das Gesicht. „Kloß mit Tomatensoße, ja pfui Teufel!“

Mit diesen Worten ließ sie den Tellerinhalt in den Biomüll gleiten.

„Die Zangs Katharina ist tot und du hast nichts Besseres zu tun, als deinen Küchenhelfer zu schikanieren“, explodierte Tilli.

Magda wirbelte herum. „Katharina Zang ist tot?“

Während Tilli einen neuen Kloß mit Tomatensoße übergoss und ihn in der Mikrowelle erwärmte, erzählte sie in knappen Worten von dem Verkehrsunfall. Damit hatte sie der Wirtin den Wind aus den Segeln genommen. Die Wirtstochter reichte Anwar den Teller. Als Magda protestieren wollte, sah ihre Tochter sie nur scharf an. „Er bekommt jetzt seinen Kloß und danach erkläre ich ihm das mit dem Essensgeld noch einmal“, sagte sie, während sie sich selbst eine großzügige Portion Bratkartoffeln auf einen Teller häufte, die Antoni bereits für das Abendgeschäft vorbereitet hatte. Sie drückte Anwar eine Gabel aus dem Besteckkorb in die Hand und gab ihm ein Zeichen, ihr in den Gastraum zu folgen. Gern hätte sie sich ein Pärchen Wildbratwürste dazu gebraten, aber das war wohl nicht der richtige Moment, musste sie sich eingestehen. Vielleicht gab es im Kühlschrank ja noch einen Gerupften, den sie mit dem dunklen Bauernbrot und ein paar Salzstängli zur Nachspeise essen konnte.

Im Gastraum setzte Tilli sich so, dass sie ihre kalten Füße gegen den Kachelofen lehnen konnte, der neben dem Stammtisch in die Wand eingelassen war. Das grün-weiß gekachelte Ungetüm verströmte im Winter Wärme und Behaglichkeit. Draußen dämmerte es schon, sodass der Gastraum durch die in die Jahre gekommene, dunkle Holzeinrichtung düster wirkte. Tilli schaltete die Hängelampe über dem Stammtisch ein, die durch ihren altmodischen Schirm ein sanftes Licht auf ihren Teller warf. So war es gleich viel gemütlicher.

Sie seufzte und schaufelte genießerisch die Bratkartoffeln in sich hinein. Anwar setzte sich neben sie und starrte auf den Tisch. „Iss“, forderte sie ihn auf.

„Ich kein Geld für das“, sagte er. Tilli sah ihn erstaunt an. Ein bisschen Deutsch sprach er also doch. „Geld ist für Familie“, fügte der Küchenhelfer hinzu und erwiderte unverwandt ihren Blick. Zwischen großen Bissen Bratkartoffeln erklärte die Wirtstochter mit einfachen Worten das Konzept des Essensgeldes im roten Hirsch. Als sie ihn fragte, ob er verstanden hatte, schüttelte der junge Syrer nur den Kopf und schob den Teller von sich. „Du nicht verstehen. Ich brauche Geld für Familie. Lieber kein Essen!“

Tilli seufzte. Anwars Entschlossenheit imponierte ihr. „Du isst das jetzt“, sagte sie bestimmt, „und für das Essensgeld finden wir auch eine Lösung!“

***

Unverwandt starrte Tilli auf den weißen Bildschirm, auf dem der Cursor blinkte. Nach ihrem verspäteten Mittagessen hatte sie sich umgezogen und ihren Laptop aus ihrem Zimmer im ersten Stock geholt, wo sich die Privatwohnung der Familie Korniak befand. So sehr sie die Heizung auch aufdrehte, richtig warm wurde es nie in dem fast hundertfünfzig Jahre alten Gebäude des roten Hirschs. Deshalb hatte Tilli sich entschieden, den Artikel zu dem Unfall in der Gaststube am Kachelofen zu entwerfen. Ihr blieb etwa eine Stunde an diesem Spätnachmittag, bevor ihre Mutter und Antoni das Abendgeschäft vorbereiten würden.

Tillis Gedanken wanderten zurück zur Begegnung mit der Polizeichefin. Durfte sie den Artikel überhaupt schreiben? Was konnte sie preisgeben? Ihr Chefredakteur würde so viele blutige Details wie möglich erwarten, am besten unter Benennung des Opfers. Ihr blieb keine andere Wahl, als seine Anforderungen zu erfüllen. Aber wäre sie damit nicht der Aasgeier, als den die Polizistin sie bezeichnet hatte? Sie durfte sich nicht auf Kosten eines toten Erbacher Mädchens profilieren!

Ein lautes Klopfen an der schweren Holztür der Gastwirtschaft riss Tilli aus ihren Überlegungen. Sie beschloss, die Störung zu ignorieren, schließlich öffneten sie erst später. Es klopfte erneut. Anscheinend hatte der ungebetene Besucher das Licht im Gastraum gesehen, jedenfalls ließ er nicht locker. Mit einem Seufzen entriegelte sie die Tür.

Draußen stand Kilian, mit seiner Polizeimütze in der Hand. Erstaunt sah die Wirtstochter ihn an, bevor sich ihre Miene verschloss. „Wir machen erst in einer Stunde auf“, sagte sie abweisend.

„Tilli, kann ich kurz reinkommen?“, entgegnete Kilian. „Es ist wichtig“, fuhr er fort, als er ihr Widerstreben bemerkte.

Tilli gab die Tür frei. Der junge Polizeimeister hängte seine blaue Uniformjacke auf den Stuhl und setzte sich ihr gegenüber an den Stammtisch.

Wie er sich verändert hatte, schoss es Tilli durch den Kopf. Als Sohn einer alleinerziehenden Mutter war Kilian im Hochhaus aufgewachsen, wie die Erbacher das einzige Mehrfamilienhaus in ihrem Ort etwas abfällig nannten. Er war der Anführer einer Bande von Buben aus der Gegend dort gewesen, die die Dorfbewohner mit mehr oder weniger harmlosen Streichen auf Trab gehalten hatte. Kaum hatten die Jungen das Teenageralter erreicht, waren Drogen ins Spiel gekommen, hatte Tilli am Stammtisch aufgeschnappt. Eines Tages war Kilian abgeholt worden, von seinem leiblichen Vater, wie es hieß. Als er die Stelle bei der Kitzinger Polizei angenommen hatte, war er zurück zu seiner Mutter nach Erbach gezogen. In Kilians Abwesenheit hatte Valentin Höhn seine Rolle als Chef der Clique übernommen, die immer noch regelmäßig für Ärger sorgte.

„Ich muss mich bei dir entschuldigen“, hob Kilian an. „Die Polizistin heute Nachmittag war unsere neue Dienststellenleiterin, Frau Polizei-Oberrätin Feddersen.“ Tilli verdrehte die Augen angesichts dieser förmlichen Bezeichnung. Kilian fuhr eilig fort: „Sie kommt aus Hamburg. Von Hamburg in den bayerischen Polizeidienst zu wechseln, ist ein richtiger Staatsakt. Ich weiß nichts Genaueres, aber irgendetwas ist da oben offenbar total in die Hose gegangen. Nach ihrem Verhalten dir gegenüber vermute ich stark, dass die Presse die Finger im Spiel hatte. Das Verhältnis der Polizei zur Presse ist bei uns ja auch nicht ganz unkompliziert.“

So leicht ließ sich Tilli nicht besänftigen. „Und warum hast du mich verraten?“, fragte sie.

„Verraten, so ein Schmarrn! Ein Polizist, der sich in seinem Bereich nicht auskennt, kann auch gleich daheim bleiben. Meine Kollegen und ich haben uns deshalb angewöhnt, Frau Feddersen vorab und ungefragt so viele Infos zu geben, wie nur möglich. Ich komme mir manchmal schon vor wie ein wandelndes Lexikon“, entgegnete Kilian und zuckte mit den Schultern, halb ärgerlich, halb hilflos. „Ich kann doch nicht ahnen, dass sie so an die Decke geht, nur weil ich dich mit Namen und Beruf vorstelle.“

„Und wieso sagt sie mir das nicht selbst, deine Frau Feddersen?“, hakte Tilli nach. Kilians Miene verschloss sich. „Mit Kathas Tod ist es gerade unmöglich, dass sie vorbeikommt. Bei uns ist die Hölle los. Aber es hatte auch sein Gutes, dass du heute beim Zangs Robert warst. Das hat uns nämlich daran erinnert, die Pressearbeit nicht zu vernachlässigen“, erklärte Kilian. „Ich konnte Frau Feddersen davon überzeugen, dass es Sinn macht, die örtliche Presse von Anfang an mit einzubeziehen … und die örtliche Presse, das bist in dem Fall du.“

Tilli sah ihn misstrauisch an. „Und was heißt das jetzt genau?“

„Natürlich wird der Pressesprecher weiterhin offizielle Statements abgeben. Aber unser erster Ansprechpartner bei der Presse, der diese Informationen erhält und dem wir außerdem Anfragen auf dem kurzen Dienstweg beantworten, das wirst du sein“, erklärte Kilian. „Du müsstest allerdings dafür sorgen, dass morgen früh ein Artikel zu dem Unfall veröffentlicht wird – wer weiß, was die Feuerwehrler schon überall in den Dörfern herumtratschen.“

Tilli lächelte und drehte ihren Computer so, dass der Polizist den Bildschirm sehen konnte. „Was glaubst du, was das hier gerade wird?“

In diesem Moment begann Kilians Handy zu läuten. Bevor er den Anruf beantwortete, konnte Tilli beobachten, wie er Haltung annahm. Es war also wohl dienstlich. Bisher war es ihr nie aufgefallen, aber mit seinem braunen Bürstenhaarschnitt und seinen dunkelbraunen Augen sah er auf eine jungenhafte Art und Weise hübsch aus, auch wenn sein Gesicht schmal war und seine Nase etwas zu spitz wirkte.

Während Kilian telefonierte, hatte sie Zeit, das eben Gehörte zu verarbeiten. Sie als erste Ansprechpartnerin der Polizei zum Unfallgeschehen! Damit würde Hemmelmann keine andere Wahl bleiben, als sie als Reporterin zu behalten. Und die Frage, ob sie den Artikel schreiben sollte, stellte sich jetzt auch nicht mehr. Dass dieser Tag noch etwas Gutes bringen würde, hätte sie nie erwartet.

Kilian beendete das Gespräch und Tilli blickte auf. Sie erschrak, als sie sah, dass er sich mit einer Hand über die Augen fuhr, als ob er Tränen unterdrücken wollte. Sie fühlte sich an die Unfallstelle zurückversetzt. Ein ungutes Gefühl beschlich sie. „Kilian, was ist los?“, fragte sie alarmiert. Der Polizist antwortete ihr nicht. Er atmete mehrmals tief ein und aus. „Jetzt red schon, was ist passiert?“, drängte Tilli ihn erneut.

„Ich kann dir das nicht sagen“, entgegnete Kilian mit brüchiger Stimme und wandte sich zur Tür.

Doch sie ließ nicht locker: „War das heute Mittag etwa gar kein Unfall?“

Der Polizeimeister schnellte herum. „Woher weißt du das?“, fragte er scharf. In Tillis Ohren begann es zu rauschen. Sie fühlte, wie eine Gänsehaut ihre Arme überzog. Es stimmte also: Katharina Zang, Bloggerin, Studentin und aussichtsreichste Kandidatin auf das Amt der Erbacher Weinprinzessin, war ermordet worden.