Leseprobe The Witchy Winter Charm

Ava - Das, in dem der Stress meines Lebens noch nicht begonnen hat

Eine Woche zuvor

„Du bist vielleicht die unfähigste Person auf dem gesamten Planeten.“ Meine Schwester flucht lautstark und wischt sich ein kleines Stückchen Torte von der Hand. Dass ich selbst von oben bis unten bekleckert bin, ist anscheinend egal. Florence wirkt aufgebracht und ich kann es ihr nicht mal verübeln. Schließlich hatte ich nur eine Aufgabe. Eine!

Kümmere dich um die Torte, Ava. Sie muss großartig werden.

Unter einer großartigen Geburtstagstorte für ein älteres Hexenratsmitglied habe ich mir etwas Magisches vorgestellt. Etwas Unvergleichbares. Nichts, bei dem ich mit einfacher Butterglasur punkten könnte. Dass sie aber genau in dem Moment explodiert, in dem Florence sie anschneiden wollte, hatte ich nicht erwartet. Genauso wenig, dass wir uns dabei inmitten der Festlichkeiten befinden und dementsprechend von allen angestarrt werden. Von all den anderen Hexen, die vermutlich alle dasselbe denken: Ava hat es wieder vermasselt. Nicht mal einen Kuchen kann sie beschaffen, ohne eine Katastrophe anzuzetteln.

Ja. Das ist tatsächlich typisch für mich. Ebenso, dass ich mich jetzt hektisch umschaue, als würde das etwas besser machen. Und als wäre ich nicht von Kopf bis Fuß mit Torte beschmiert. Kurz wage ich einen Blick an mir runter und erkenne nichts als weiße Teigmasse auf meiner blauen Hose. Das ist wirklich eine Katastrophe.

„Sagst du auch mal etwas oder schaust du dich nur um wie ein hilfloser Welpe?“, giftet meine Schwester. Die anderen Hexen lachen und ich erinnere mich plötzlich wieder, wo wir uns befinden: im großen Hexenversammlungsraum, zusammen mit etlichen anderen Hexen. Und ich hasse es mal wieder, wie unfähig ich bin. Dass man sich nicht auf mich verlassen kann, weil am Ende immer alles schiefgeht. Dass meine Magie verrücktspielt, während andere Hexen in meinem Alter solche Probleme längst nicht mehr haben. Ich bin fehlerhaft. Und das wissen auch alle, die mich jetzt gerade anstarren. Die an ihren Gläsern nippen und ihr Lachen dahinter verstecken.

Etwas zieht in meinem Magen.

„Ava!“, meckert Florence.

„Es …“ Endlich bringe ich ein Wort heraus, doch leider nicht mehr als das.

„Was? Willst du dich dafür entschuldigen, dass du wie so oft alles ruiniert hast? Es ist Olivias Geburtstag und schon wieder geht es nur um dich“, macht meine Schwester weiter.

Ich beiße mir auf die Unterlippe. Mein Blick wandert zu Olivia, die den Kopf schüttelt. Als könnte sie dieses Theater — und mich — nicht mehr ertragen.

„Du weißt um unser Magieproblem, Ava, und verschwendest deine eigene für so etwas?“ Sie schnaubt.

„Es tut mir wirklich leid. Das alles war sicher nicht meine Absicht. Ich wollte nur …“ Ja. Was wollte ich? Alle davon überzeugen, dass ich kein Desaster bin? Dass ich zumindest einen magischen Kuchen beisteuern kann?

Da hast du versagt, Ava.

Florence öffnet den Mund, um etwas zu erwidern, da tritt unsere Mutter an ihr vorbei. Ihre Augen funkeln in demselben Giftgrün wie ihr langes Kleid. Beschämt — und zugleich herablassend — betrachtet sie mich.

„Geh nach Hause, Ava. Du blamierst dich.“

Ich weiche einen Schritt zurück. Spüre ihre Worte wie einen Schlag ins Gesicht. Dann sehe ich mich um. Suche … was eigentlich? Zuspruch? Den werde ich von den anderen Hexen nicht bekommen. Einmal blicke ich kurz zu meiner Schwester, die sich den strengen Pferdeschwanz richtet.

„Verschwinde schon“, faucht sie. Und ich mache kehrt. Murmle noch ein paarmal „Tut mir leid“, auch wenn es sicher niemand hören wird. Dann begebe ich mich in den Flur. Raus aus dem großen Versammlungsraum des Hexengemeindehauses. Ich renne durch den langen Gang und wünsche mir, er wäre heute etwas kürzer. Dann aus der Tür, meine Füße werden nicht langsamer. Erst muss ich mindestens einen Kilometer zwischen mich und dieses Gemeindehaus bringen. Auf dem Weg verfluche ich jede zweite Kastanie, auf die ich trete. Dann den blauen Himmel und die warme Luft. Die Sonne strahlt herab und ich möchte am liebsten etwas nach ihr werfen. Natürlich hat unser aktuelles Wetterproblem nur dazu beigetragen, dass alle schlechte Laune haben. Da ist ein explodierender Kuchen gleich noch schlimmer, wenn der geliebte Winter nicht beginnt. Schnaubend klopfe ich mir über die Klamotten. Erinnere mich plötzlich, dass ich vermutlich bescheuert aussehe. Ein paar Hexen und Menschen drehen sich zu mir um, als ich an ihnen vorbeirenne. Jap. Ich laufe wirklich wie ein Schneemann herum. Sehe mit der weißen Tortenmasse auf mir völlig verrückt aus. Trotzdem bleibe ich nicht stehen, ehe ich meinen Laden erreicht habe. Erst dort beginne ich zu weinen und lasse mich auf den Boden sinken. Ich fühle mich mal wieder mickrig und schwach. Jung und unfähig. Nicht wie dreiundzwanzig. Nicht wie eine normal funktionierende Hexe. Einfach falsch.

„Soll ich dir jetzt sagen, wie hässlich du beim Weinen aussiehst, oder spare ich mir das für später?“, höre ich die Stimme meines Ladens.

Ich schnaube, während ich meinen Blick über die Regale schweifen lasse und plötzlich den stickigen Geruch bemerke.

„Wolltest du nicht lüften und ein bisschen aufräumen?“

Er lacht bitter auf. „Natürlich. Jetzt krieg ich die zickige Ava ab, obwohl du diese Energie lieber mal auf deiner Schwester abladen solltest.“

Ich blicke böse vor mich. Denn, verdammt, im Gegensatz zu einer Person, ist es nicht gerade leicht, einen gesamten Laden anzufunkeln.

„Ich hasse dich.“

Er lacht kehlig auf. „Ach was. Bei der miesen Haltung musst du dich nicht wundern, wenn du keine Kundschaft im Weihnachtsladen hast.“

Mein Blick wandert über die vielen Leckereien, den Schmuck und die Dekoartikel. Die Regale sind in der Tat noch relativ voll für Anfang Dezember. Man merkt, dass es mir an Bestellungen fehlt. Normalerweise laufen auch die Schneekugeln besser. Doch die, die dort auf dem braunen Schrank stehen, können eben auch nicht sprechen. Das war mein Marketingtool Nummer eins in den letzten Jahren. Magische Weihnachtsartikel. Ohne das wirkt mein Laden ganz schön trist und es wundert mich nicht, dass ihn kaum jemand besucht.

Doch mir fehlt die Magie, um alle Artikel zu verzaubern. Und selbst wenn ich mich auf ein paar Exemplare beschränken würde, könnte es passieren, dass ich dann nichts mehr für den Notfall übrighabe. Die schlimmste Vorstellung für eine Hexe. In der Not machtlos zu sein.

So viele Sorgen, die mich in letzter Zeit beschäftigen. Und dennoch ist das etwas, womit ich mich gerade nicht auch noch beschäftigen kann. Die Demütigung von eben reicht mir völlig, um mir den heutigen Tag zu vermiesen.

„Ava, guck nicht so zerrissen, sonst bekomme ich doch noch Mitleid“, meint der Laden.

Ich spüre die Tränen, die erneut in meinen Augen brennen. Vielleicht sollte ich wieder weinen. Genau. Ein paar Endorphine ausschütten und mich beruhigen.

„Es war furchtbar. Die Torte ist explodiert“, gestehe ich und wünsche mir, ich müsste ihm nicht dauernd von irgendetwas berichten, was ich verbockt habe. Von dem eigenen Erfolg zu erzählen, wäre doch mal eine nette Abwechslung. Lange schweigt er. Und ich erwarte schon, dass ein gemeiner Kommentar folgt. Dann höre ich ihn schnauben.

„Hat es sie wenigstens erwischt?“

„Wen?“, frage ich verwundert.

„Dieses Miststück von einer Schwester.“

Ich verdrehe die Augen. „Ja“, murmle ich. Und als er zu lachen beginnt, steige ich leise mit ein. Kann es nicht zurückhalten, diese unkontrollierten Geräusche. Vielleicht ist das noch besser als weinen.

***

Am nächsten Morgen beschließe ich, das Geschehene hinter mir zu lassen. Das Leben geht immerhin weiter. Nicht wahr? Ich wette, wenn ich mir das noch ein paar Tage einrede, glaube ich es mir sogar selbst.

Wie jeden Montag begebe ich mich erst zu Ellens Zukunftsvisionen, bevor ich meinen eigenen Laden öffne. Es ist ein verzweifelter Versuch, wieder Kontrolle über mein Leben zu gewinnen. Und die miese Prophezeiung, die ich seit Monaten bekomme, irgendwie zu verändern. Wie immer ist es Billie, die hinter der dunklen Kugel sitzt, während ich vor Angst zittere. Ellens Tochter, die die Ausbildung bei ihrer Mutter abgeschlossen hat und nun ebenfalls die Zukunft vorhersagen können soll. Ich weiß nicht, ob ich wirklich daran glaube. Ich meine … Ja, ich bin eine Hexe. Hexen können zaubern und den ganzen Kram, aber das? Die Zukunft vorher…

„Du träumst schon wieder“, meint Billie und streicht mit ihrer Hand über meine. Sie versucht, etwas darin zu lesen.

„Gar nicht. Ich warte nur die Weissagung ab.“

Doch Billie, die ungefähr in meinem Alter ist, wirft mir einen Verarsch-mich-nicht-Blick zu. Sie rückt mit einem Finger ihre große Brille zurecht, dann seufzt sie. Das Geräusch lässt mich zusammenzucken. Denn ich habe es schon zu oft gehört. Jeden Montag, um genau zu sein.

„Nein“, stöhne ich gequält.

Sie lässt meine Hand los. „Tut mir leid, Ava. Aber ich kann mich nur wiederholen.“ Sie blickt mir in die Augen. „Deine Zukunft sieht frostig aus.“

Frostig. Frostig? Ich meine WAS SOLL DAS ÜBERHAUPT BEDEUTEN? Ich sterbe in einem gigantischen Schneesturm? Alle wenden sich von mir ab und mein Leben wird kalt ohne ein Fünkchen Liebe? Mein Herz zieht sich zusammen und ich denke an meine Gedanken vor ein paar Sekunden. Ob ich wirklich an den Wahrsager-Kram glaube … Vielleicht ist es egal. Womöglich kann und will ich diese Prophezeiung einfach nur nicht so stehenlassen. Denn meine Zukunft kann meinetwegen alles sein. Lustig, seltsam, verrückt, spannend oder überraschend. Ich wandere nach Deutschland aus? Alles in Ordnung. Aber frostig? Auf keinen Fall!

„Wie ändere ich diese Prophezeiung?“, frage ich sie. Wie jeden Montag.

Billie knabbert an der Schokolade, die ich ihr mitgebracht habe. Wie immer. „Wir drehen uns doch im Kreis, Ava. Du bringst mir diese Süßigkeiten mit und denkst, es stimmt meine Prophezeiungsfähigkeiten lieb. Dann teile ich dir mit, dass sich deine Zukunft nicht geändert hat, und du ziehst traurig ab. Nur um am nächsten Montag wieder auf der Matte zu stehen.“

Ich zucke mit den Schultern. „Man kann es ja probieren.“

Sie winkt ab. „Genieß lieber dein Leben, bevor es so richtig beschissen wird. Frostig.“

Ich stöhne auf. „Na, vielen Dank, Billie.“

Sie lächelt, als hätte ihr das alles wirklich Vergnügen bereitet. Für sie ist es nicht mehr als eine dämliche Dienstleistung, die sie erfolgreich erbracht hat.

„Ich für meinen Teil hoffe, die Prophezeiung trifft schnell ein.“

Blinzelnd betrachte ich sie. „Wie bitte?“

Sie knabbert weiter an der Schokolade. „Na, du weißt ja, wie es läuft. Es ist Anfang Dezember und der Winter ist immer noch nicht da. Keine Ankündigung, dass er auf uns wartet. Kein Schnee. Kein Jack Frost.“

Natürlich weiß ich das. Die Wintermagie ist bisher nicht greifbar — für keine Hexe aus dem Zirkel. Und ohne Jack Frost verlieren wir alle unsere Kraft — jedenfalls so lange, bis der Frühling aufzieht. So funktioniert das eben mit der Jahreszeitenmagie. Die eine kommt, die andere geht. Und wenn eine ausbleibt, dann haben wir alle ein großes Problem.

„Er wird schon noch aufwachen und mit dem Winterwerk beginnen“, versuche ich, sie zu besänftigen. Wie ich es schon seit Wochen beim Hexenrat versuche. Doch an Entspannung ist nicht zu denken. Alle sind in allerhöchster Alarmbereitschaft.

„So viel Zeit hat er sich noch nie gelassen.“

Ich seufze. „Wir sollten die Hoffnung nicht aufgeben.“

Billie betrachtet mich auf seltsame Weise. „Oder aufhören, uns gegen das Schicksal zu wehren?“

Wovon spricht sie da? „Du redest wieder in deiner Wahrsagerinnensprache.“

Unschuldig kratzt sie sich am Kinn. „Ich fordere das Schicksal nicht gern heraus, indem ich ihm direkt in die Karten spiele.“

Was soll das jetzt wieder bedeuten? Ich verstehe überhaupt nichts.

„Auf Wiedersehen, Ava. Ich hoffe, deine nächsten Wochen werden frostig.“ Das letzte Wort sagt sie mit einer interessierten Miene und ich frage mich, was das zu bedeuten hat. Hat meine Zukunft etwas mit der Wintermagie zu tun? Doch mehr sagt sie nicht. Stattdessen schickt sie mich fort, weil bereits weitere Klienten im Vorzimmer auf sie warten. Ich laufe durch den mit blauen Tüchern geschmückten Raum, der komplett voll ist. Etliche Hexen warten auf eine Prophezeiung. Vielleicht benötigen sie in dieser düsteren Zeit ein wenig Hoffnung. Womöglich wollen sie aber auch nur irgendeinen Gutschein einlösen, bevor auch Ellen und Billie ihre Magie verlieren.

Ich trete aus der gläsernen Tür und fühle mich verwirrter denn je. Draußen werde ich von Sonnenstrahlen begrüßt. An Winter und Frost ist nicht mal zu denken.

Na schön, Schicksal. Mal schauen, wie das mit dir und mir weitergeht.

Jack

Etwas ist anders. In dem Moment, als ich die Augen öffne, weiß ich es. Es wird anders. Ich will mehr. Ganz egal, was ich tun muss, um es zu bekommen. Mehr. Weihnachten? Tut mir leid, aber du musst dieses Jahr wohl auf mich verzichten.

Ava - Das mit der Nostalgie

Heute

„Tja, jedenfalls habe ich dir den Hexen-Newsletter gemailt, damit du ihn noch ein letztes Mal auf Rechtschreibfehler prüfst, bevor er rausgeht. Arbeite besser sorgsam. Olivia schätzt es nicht, wenn du unaufmerksam bist“, höre ich Florence durch den Hörer sagen. Ich schreibe in meinem Notizbuch mit, während ich auf meinem weichen Bett liege. Über mir eine lilafarbene Nachttischlampe.

„Okay, ich gebe mir Mühe“, betone ich, damit sie weiß, dass es mir wichtig ist.

Sie seufzt. „Wenn das bei dir nur eine Garantie dafür wäre, dass du es nicht verbockst.“

Etwas zieht sich in mir zusammen und ich suche vergeblich nach einem Gefühl von Halt. Etwas, das mir sagt Hey, dein Leben ist gar nicht so schlimm. Doch meine Schwester hat wie gewohnt einen Riecher dafür, wie sie alles gleich noch schlimmer machen kann.

„Ich muss jetzt auflegen, Schwesterherz. Du weißt ja, der Hexenrat ruft und als Auszubildende habe ich Pflichten. Nicht, dass ich mich beklagen will. Ich liebe es.“

Tut sie das? Ich glaube nämlich, ihre Worte sagen vor allem eins aus: Ich liebe es, dass ich statt dir zur Auszubildenden ausgewählt wurde. Ich liebe es, dass ich dir jetzt immer wieder davon erzählen kann. Und ich liebe es, dir Drecksarbeit wie den Hexen-Newsletter zu überlassen, während ich zu den Karaoke-Abenden im Hexengemeindehaus eingeladen werde.

„Okay, Florence. Dann will ich dich nicht stören.“ Meine Stimme verrät vermutlich meine Laune.

„Sei doch nicht gleich so geknickt. Irgendwann darfst du dich bestimmt auch noch mal beim Rat beweisen. Aber bis es so weit ist, erzähle ich dir eben, was wir bei unseren Treffen so machen.“

Cool. Das ist praktisch so, als wäre ich dabei. Achtung: Sarkasmus.

„Das ist wirklich nett.“

„Nicht? Ich weiß ja, dass du nichts dafür kannst, dass du so ungeschickt bist. Und auch wenn ich dich hin und wieder anmaule, will ich nicht, dass wir ein angespanntes Verhältnis zueinander haben.“

Manchmal glaube ich, sie lässt ihre Texte von KI schreiben.

„Du hast Glück, ich habe noch zwei Minuten. Ich kann dir von unseren derzeitigen Hauptthemen berichten“, meint sie.

Oh, bitte. Kann mich bitte irgendjemand hier rausholen? Ich drehe mich auf den Rücken.

„Bestimmt geht es um Jack Frost, oder?“

Sie macht ein zustimmendes Geräusch. „Worum sollte es sonst gehen? Wenn der Typ nicht endlich mal aufwacht, haben wir ein großes Problem. Dann können wir alles vergessen, auch die magische Weihnachtsfeier.“

Bilder von einem fliegenden Schlitten — wenn auch nur für zehn Meter — schießen mir ins Gedächtnis. Kinder und Erwachsene, die Fotos machen. Ein winterlicher Abend voller Spaß und Magie. Es wäre wirklich schlimm, dieses Jahr darauf verzichten zu müssen. Mal abgesehen davon, dass ich die Wintermagie für mehrere Gegenstände in meinem Laden benötige. Ohne Zauberei sind sie so interessant wie Drogerieprodukte.

„Und es gibt keine Möglichkeit, irgendwie herauszufinden, ob er schon wach ist?“, hake ich nach.

„Ach, Ava, du Dummerchen. Wäre Frost wach, würden wir es spüren. Er würde die Wintermagie zum Leben erwecken. Aber wie du weißt, ist die Luft trockener denn je. Magielos.“

Ich schweige und lasse den Rest des Gespräches über mich ergehen. Florence plappert noch ein paar Minuten vor sich hin, ehe sie endlich auflegt. Erleichtert lege ich das Handy auf meinen weißen Nachttisch und seufze.

„Dummerchen“, murmle ich. Bin ich das wirklich? Ich meine, besteht nicht die Möglichkeit, dass etwas anderes passiert ist? Ich weiß ja nicht. Vielleicht wurde Jack Frost gekidnappt. Oder in die Hölle gesperrt. Vielleicht hat er sich selbst eingefroren. Oder …

Ich höre die Stimme in meinem Kopf. Du guckst zu viele Fantasy-Filme, Ava.

Okay, womöglich ist er nicht gekidnappt worden. Vielleicht schläft er in irgendeinem göttlichen Bett und hat sich den Wecker falsch gestellt. Was auch immer passiert ist, wir wissen es nicht. Aber wir können auch nicht viel länger auf ihn warten. Die Herbstmagie hat sich diesmal früher verabschiedet als sonst. Fast, als wäre sie aufgesaugt worden. Und nun? Wir warten gierig auf ein bisschen Frost-Magie, die normalerweise schon Mitte November beginnend spürbar ist.

„Was ist bloß los mit dir?“, frage ich an das Buch gewandt, das ich in der Bibliothek im Hexengemeindehaus ausgeliehen habe. Die Welt von Jack Frost. Keine lange Lektüre, eher eine Kurzgeschichte, weil wir Hexen nur wenig über ihn wissen. Ich kann den Text von vorne bis hinten beinahe auswendig aufsagen — wie bei einem Großteil der Geschichtsbücher über magische Celebrities.

„Ich muss irgendetwas übersehen haben“, murmle ich und blättere in dem hellblauen Büchlein herum.

Doch nein. Die Informationen über ihn sind wirklich begrenzt. Von wem der erste Jack Frost seine Macht bekam? Keine Ahnung. Wie er sterben kann? Wer weiß das schon. Bekannt sind wenig hilfreiche Dinge. Er hat eine menschliche Gestalt und seine Magie riecht wie freudige Erinnerungen. Sie umhüllt einen, lässt einen Nostalgie und Glückseligkeit empfinden. Das ist es, was Frost am meisten liebt. Er wird davon noch mehr angezogen als von lachenden Menschen. Wo Nostalgie lebt und Menschen lachen, spürt man die Macht von Frost. Dort ist er zu finden.

Jedenfalls metaphorisch.

Denn ob jemals eine Hexe Jack Frost tatsächlich getroffen hat, weiß ich nicht. Olivia meinte mal, dass es einer Hexe aus unserem Zirkel gelungen sei, ihn zu finden. Aber dass sie immer noch nicht wisse, ob sie ihr das wirklich glauben könne. Einer Hexe, der so etwas gelingt, sollte für immer Respekt entgegengebracht werden. Denn ihn aufzuspüren, ist keine leichte Aufgabe. Es braucht unerschöpfliches Talent, Gerissenheit, Intelligenz und …

„Was, wenn ich es einfach versuche?“, murmle ich vor mich hin. Als könnte der Laden unter meiner Wohnung so mit mir kommunizieren. Das braucht er nicht mal. Ich weiß auch so, was er sagen würde.

Du hast einen Knall, Ava. Du kannst nicht mal geradeaus laufen, ohne den Boden unter dir unabsichtlich in Brand zu stecken. Natürlich findest nicht ausgerechnet du Jack Frost.

„Aber was, wenn doch?“ Ich blättere weiter in dem Buch herum. Nostalgie. Lachende Menschen. Und ich weiß, wie man einen generellen Suchzauber spricht. Erst letzten Monat habe ich so mein verschwundenes Handy gefunden.

Zugegeben, es lag unter meinem Kopfkissen und nicht irgendwo auf dieser Welt. Und doch ist mir der Zauber gelungen und ich habe es geschafft. Warum sollte ich das hier also nicht auch hinbekommen?

„Okay, vielleicht bin ich doch ein bisschen …“

Ich halte beim Lesen inne. Es ist bekannt, dass Jack Frosts liebster Ort Großbritannien ist, weil sich dort laut Sagen die Quelle aller Magie befindet. Hier leben die meisten Hexen auf der Welt, weshalb es auf jeden Fall Sinn ergeben würde. Aber das ist das Problem mit überirdischem Kram. Ich habe keine Ahnung, ob Das ergibt Sinn wirklich ein Wahrheitskriterium dafür darstellt.

„Aber glückliche Zufälle kann es ja auch in der Magie geben“, meine ich. Ich habe zwar keine Ahnung, ob ich einen Suchzauber so flächendeckend sprechen kann, doch irgendwie beruhigt mich der Umstand, dass Frost sich höchstwahrscheinlich nicht auf einem anderen Kontinent befindet.

Das macht es einfacher, schätze ich.

Ohne dass ich wirklich weiß, was ich tue, strecke ich mich nach meinem Nachttisch und öffne die unterste Schublade. Die glatte schwarze Kugel rutscht mir fast aus den Händen, doch ich halte sie im letzten Moment gerade noch fest und lege sie auf meine verschränkten Beine.

Versuchen könnte ich es doch mal.

Ich lege die Finger auf die kalte Kugel und schließe die Augen. Dann lasse ich mein Selbst heraus, lasse Magie fließen und spüre … nichts.

„Ach, komm schon“, maule ich und schlage einmal auf die Hexenkugel. Als sie nicht reagiert, versuche ich es erneut.

„Nie wieder kaufe ich was im Sonderangebot.“

Viel zu günstige Hexenkugeln wären zu gut, um wahr zu sein. Das wusste ich bereits, als ich sie besorgt habe. Trotzdem hatte ich gehofft, mir keinen so ganz hoffnungslosen Fall angeschafft zu haben. Wieder versuche ich, meine Magie fließen zu lassen.

„Hilf mir zu finden, was verloren scheint“, beginne ich und konzentriere mich. Ich lasse meine Finger zucken und spüre den kleinen Wirbelsturm um meine Schultern. Endlich. Da passiert etwas.

„Ich suche Jack Frost.“ Jack Frost. Jack Frost. Ich werde ihn finden und aufwecken. Wenn er denn wirklich noch in seinem Schlaf gefangen ist.

„Wo ist Jack Frost?“, spreche ich die Worte und spüre einen Luftzug. Mein Zimmerfenster fliegt auf und kühle Luft umfließt meinen Körper. Erschrocken blicke ich mich um und starre in die dunkle Nacht. Das ist mir bei einem Suchzauber noch nie passiert. Irgendwie beunruhigend, wenn man mich fragt. Trotzdem gebe ich nicht auf. Ich kann das. Auch wenn ich völlig ungeschickt bin. Das hier bekomme ich hin. Ich muss einfach.

„Wo ist Jack Frost?“, frage ich meine Hexenkugel erneut. Die Luft um mich herum peitscht regelrecht auf meine Haut. Dann höre ich plötzlich eine leise bekannte Melodie in meinen Ohren. Sie ähnelt einem Schlaflied, das ich aus meiner Kindheit kenne. Das Glas wird heiß und ich spüre die Hitze unter meinen Fingerspitzen. Entsetzt lasse ich von der Kugel ab. Starre bloß mit zittrigem Atem vor mich. Was ist da gerade passiert?

Brrr. Brrr.

Mein Blick richtet sich auf das Handy auf meinem Nachttisch. Schau nach! Ich weiß nicht, warum mein Gehirn so drängt. Doch ich greife danach und entdecke eine Mail. Als ich sie öffne, stutze ich. Ein Event-Vorschlag? Schnell überfliege ich die Werbung und wundere mich, dass mir eine Veranstaltung in Dawson Hills angezeigt wird. Das sind mindestens acht Stunden von hier!

Sie zeigen morgen Abend im städtischen Kino eine Wiederholung von Star Wars Episode 4. Vielleicht ein lustiger Zufall, denn ich bin ein kleiner Nerd, wenn es um Filme geht. Star Wars gehört zu meinen liebsten Blockbustern und ich überlege tatsächlich hinzugehen. Wenn ich nur daran denke, werde ich bereits ganz nostalgisch …

Moment. Ich stehe abrupt auf. Sitzen ist keine Option mehr. Nostalgie? War da nicht was? Star Wars gehört zu den beliebtesten Filmen der Welt und würde bestimmt nicht nur mich nostalgisch stimmen. Wahrscheinlich erwartet mich dort ein komplett gefüllter Kinosaal voll lachender Menschen und großer Freude.

Wo Nostalgie lebt und Menschen lachen, spürt man die Macht von Frost. Dort ist er zu finden.

Kann das wirklich sein? Hat dieser lächerliche Zauber funktioniert? Unmöglich, oder? Ich fahre mir durch die Haare, die wegen dem Wind leicht flattern. Dann schließe ich mein Zimmerfenster. Sehe aber noch einen Moment nach draußen. Der Mond glitzert oben am Himmel und ich frage mich, ob das tatsächlich wahr sein kann. Es erscheint mir vollkommen absurd. Aber ich wäre eine Idiotin, wenn ich es nicht wenigstens versuche.