Leseprobe The Trouble with Cowboys | Eine Enemies to Lovers Small Town Romance

Wyatt

Der Morgen auf Wildflower Ridge kriecht leise über die Hügel, legt goldene Streifen auf das hohe Gras und lässt den Staub magisch in der Luft glühen. Eine wohltuende Stille, bevor die Welt wieder laut wird.

Den Cowboyhut tief ins Gesicht gezogen, lehne ich am Gatter der südlichen Koppel und lasse mir die frische Morgenluft um die Nase wehen. Noch vor ein paar Jahren hätte ich nicht gedacht, dass die Ranch einmal mein Lebensinhalt sein würde. Mit dem Background meines Studiums in Agrarwissenschaft wollte ich nur die Ranch modernisieren, als Agrarberater in einem großen Unternehmen wie John Deere arbeiten und mich dann in der Stadt niederlassen. Doch mit dem Tod meiner Eltern brach mein gesamtes Leben zusammen. Nur mit Ach und Krach habe ich das Studium beendet, damit ich wenigstens einen Beitrag zur Aufrechterhaltung der Ranch leisten konnte. Die Wildflower Ridge Ranch ist alles, was von meinen Eltern übriggeblieben ist. Sie hält meine Geschwister und mich zusammen und dieses Bündnis ist stärker als jeder Wunsch, den ich normalerweise hätte.

Ich beobachte, wie Dusty den Kopf hebt, als ich mich mit einem leisen Zungenschnalzen bemerkbar mache. Sein braunes Fell schimmert im warmen Licht und für einen Moment fühlt sich alles so einfach an, dass ich fast vergesse, wie kompliziert das Leben außerhalb dieser Weiden sein kann.

»Morgen, Kumpel«, murmele ich und schiebe meinen Stetson tiefer ins Gesicht, während ich das Tor öffne.

Der Hengst schnaubt leise, kommt auf mich zu, stupst meine Schulter an, als wollte er mir sagen, dass ich zu spät bin, und ich muss grinsen, obwohl ich genau weiß, dass ich seit Sonnenaufgang auf den Beinen bin.

Gelassenen Schrittes führe ich ihn von der Koppel zum Stall.

Der Duft nach Heu, Leder und Kaffee umhüllt mich – eine Mischung, die für andere nach Arbeit riecht, bedeutet für mich den Geruch von Zuhause.

Als kleines Morgenritual gebe ich Dusty einen Apfel und streiche ihm über den Hals. Ich spüre die Wärme unter meiner Hand und seine Ruhe, die jedes Mal auf mich übergeht.

»Wenn du ihm weiter so viele Leckerlis gibst, wird er bald denken, er sei der Boss«, höre ich meinen Kumpel und Rancharbeiter Cole hinter mir, drehe mich jedoch nicht um.

»Er ist der Boss.«

Cole lacht und kommt näher, die Kaffeetasse in der Hand, den Blick so wach, als hätte er nicht die halbe Nacht im Clubhaus verbracht. »Ryan sucht dich.«

Ein Stöhnen entweicht meinen Lippen und ich wende für einen Moment den Blick ab. »Mein großer Bruder sucht mich doch immer.«

»Vielleicht nicht ohne Grund?«

Verdrossen mustere ich Cole. Warum muss Ryan ihn immer vorschicken? »Pfff«, wehre ich ab, ziehe Dusty den Halfter über und bewege mich ruhig, weil Hektik Pferde nervös macht. Und wer nervöse Pferde hat, hat früher oder später Probleme. »Sag ihm, ich bin beschäftigt«, antworte ich, denn ich bin es leid, immer im Schatten meines großen Bruders zu stehen, der mir dazu auch noch Anweisungen gibt. Zwar leitet Ryan die Ranch seit dem Tod unserer Eltern und ist sozusagen mein Boss, aber er ist immer noch mein Bruder – und es fällt mir schwer, eine Grenze dazwischen zu ziehen.

Cole mustert mich neckisch und ich weiß, dass er mich besser kennt, als mir lieb ist. »Du bist immer beschäftigt, wenn du über irgendwas nicht nachdenken willst.«

Ich werfe ihm einen scheltenden Blick zu. »Du redest zu viel.«

»Normalerweise ist das doch dein Part.« Er zwinkert mir zu. »Keine Sorge, ich verrate niemandem, dass der Macho-Cowboy von Wildflower Ridge in Wirklichkeit so zart besaitet ist.«

»Idiot.« Ich grinse, führe Dusty aus dem Stall und hinaus ins Licht, das inzwischen stärker geworden ist. Er fragt sich bestimmt, warum es wieder nach draußen geht. Das ist einfach: Ich will Ryan aus dem Weg gehen. Gestern Abend sind wir ordentlich aneinandergerasselt – wie das bei Brüdern manchmal so ist. Ich weiß, dass es ihm leidtut, so wie mir auch, aber darin, Fehler zuzugeben, ist keiner von uns gut. Trotz aller Auseinandersetzungen liebe ich ihn nicht weniger als meine kleine Schwester. Die beiden bedeuten für mich die Welt.

Die Ranch erwacht um uns herum: Stimmen, Schritte, das Klappern von Werkzeug, das leise Wiehern anderer Pferde.

Auf der Koppel steige ich in den Sattel, spüre die Zügel in meinen Händen, und für einen Moment fühlt sich alles richtig an.

Dusty bewegt sich ruhig und gelassen.

Ich lasse ihn galoppieren, spüre den Wind im Gesicht, den Staub unter den Hufen, und denke nicht nach. Nicht über Rechnungen. Nicht über Verantwortung. Nicht über Dinge, die man nicht kontrollieren kann.

Dusty wird plötzlich langsamer, legt die Ohren an und den hebt Kopf. Ob er den Ärger in der Luft noch riechen kann?

»Alles gut, Kumpel«, murmele ich und klopfe seinen Hals.

Er beruhigt sich, aber irgendetwas bleibt in der Luft hängen.

Zurück am Stall wartet Ryan schon auf mich.

Oh, oh! Der Ranch-Sheriff ist da.

Er versperrt mir den Weg, die Arme vor der Brust verschränkt und so ernst dreinblickend, als hätte er die Verantwortung persönlich erfunden. »Es ist immer dasselbe – ich warte auf dich und du weichst mir aus, Bruderherz«, sagt er und sieht mich mit strenger Miene an.

Meine linke Augenbraue zuckt, bevor sie sich hebt. »Ich nenne das effiziente Kommunikation.«

Ryan verdreht die Augen und stöhnt auf. »Wir müssen über die Reparaturen sprechen.«

»Müssen wir das nicht jeden Tag? Ich kann mich erinnern, dass es erst gestern Abend eine hitzige Diskussion gegeben hat.« Ich lege die Hand an mein Kinn. »Wer war noch mal daran beteiligt?«

»Wyatt!«

»Was?« Ich sehe ihn an, halte den Blick und lächle dann schief. »Mensch Ryan, mach dich locker. Du weißt, dass ich immer da bin, wenn’s nötig ist. Aber lass mir auch mal Luft zum Atmen.«

Ryan mustert mich, aber ich gebe ihm keine Chance, hinter meine Mauern zu blicken. »Gut, da du jetzt ausreichend Luft geschnuppert hast, wirst du sicherlich kein Problem mit dem Auftrag haben, den ich für dich angenommen habe.«

»Was für einen Auftrag? Was ist es dieses Mal? Ausmisten? Irgendetwas reparieren?«

Ein schelmisches Grinsen liegt im Gesicht meines älteren Bruders, das meist mit Unannehmlichkeiten für mich verbunden ist.

»Ryan! Sag schon.«

Mein Bruder macht einen Schritt auf mich zu. Dabei mustert er mich amüsiert. »Ich habe mir gedacht, da du unser kleiner Frauenheld bist, wirst du einer Lady ein paar Wochen Intensivunterricht geben.«

»Frauenheld?«

»Ja, wie würdest du es sonst beschreiben?«

»So viele waren es nun auch nicht«, rechtfertige ich mich, was Ryan müde belächelt.

»Soll ich nur die von diesem Jahr aufzählen?« Er hebt die Finger. »Also, da hätten wir Ginger, Angela, Cathy, Miranda, Pam, Miley …«

»Moment mal.« Ich kneife die Augen zusammen. »Das klingt verdächtig nach Mambo No. 5.«

Ryan verdreht nur die Augen. »Keine Sorge, kleiner Bruder. Deine Liste ist viel länger. Daraus könnte man ein ganzes Album machen.«

Irritiert sehe ich meinen Bruder an. »Na und? Höre ich da Neid aus deiner Stimme?«

»Ganz bestimmt nicht. Jetzt lenk nicht ab.«

»Wenn du meinst. Ich komme halt gut mit Frauen klar, wenn es nicht von Dauer ist, denn dann wird’s anstrengend.« Mein Standardsatz, weil ich nicht zugeben will, dass ich denke, dass nichts von Dauer ist. Das beste Beispiel dafür ist das plötzliche Ableben meiner Eltern. Und übrig bleiben dann nur noch Schmerz und Frust. Also spare ich mir das.

»Ich wusste, du bist der richtige Mann für die Kundin, kleiner Lou Bega – auch wenn sie etwas schwierig im Umgang sein soll.«

»Für mich kein Problem. Dann coache ich sie eben. Wenn es nur das ist … Warum grinst du so? Ich habe schon Hunderte Coachings gegeben.«

»Ah, ah«, stoppt er mich mit erhobenem Finger. »Ich rede nicht von einem Coaching. Du wirst der Lady das Reiten von der Pike auf beibringen. Null Vorkenntnisse – einhundert Prozent Leistung. Sie soll für einen Westernfilm reiten, als hätte sie nie etwas anderes getan. Du hast ungefähr vier Wochen Zeit.«

Ungläubig muss ich auflachen. »Das ist ein Scherz, oder? Die Frau ist eine Schauspielerin? Die nicht reiten kann? Und sie soll es in gerade mal vier Wochen lernen?«

Ryans Grinsen wird breiter, während ich immer mehr ins Stocken gerate. »Du sollst aus ihr keinen Reitprofi machen, sie aber so coachen, dass sie nicht wie ein blutiger Anfänger im Sattel aussieht, wenn der Film gedreht wird. Und die berühmt-berüchtigten Starallüren von Sienna gibt es gratis dazu.«

»Sienna?«

»Kingsley«, gibt er kühl zurück, als sollte ich wissen, von wem er spricht.

»Kingsley … Schon mal gehört, aber keine Ahnung, wer das sein soll.«

»Sie ist Schauspielerin und hat bereits in diversen Hollywoodproduktionen mitgespielt, soweit ich informiert bin.« Ryan ist die Schadenfreude mehr als anzusehen. »Im Moment eher als Eskapaden-Sternchen in der Presse, aber du kriegst das schon hin.«

»Du willst mich doch verarschen, Bro?!«, hake ich mit hochgezogener Braue nach, doch mein Bruder schüttelt nur stumm mit dem Kopf, während er so fies grinst, dass ich ihm dafür am liebsten eine reinhauen möchte.

»Mir ist klar, dass Sienna nicht als einfache Person bekannt ist, aber ich habe vollstes Vertrauen in dich.« Wie sarkastisch dieser Satz nachhallt, merke ich erst, als ich ihn im Kopf wiederhole.

Ich schlucke. Hart. »Nee, Mann. Such dir ’nen Anderen – ich bin raus.«

»Bist du nicht!«

»Und ob! Für sowas hab ich keine Zeit und keine Nerven.«

»Glaubst du, ich habe Zeit und Nerven, mir zu überlegen, wie ich die Ranch aus den roten Zahlen bringen soll? Die Umbaumaßnahmen, die du angesetzt hast, haben uns Unsummen gekostet, die wir immer noch nicht ganz reingeholt haben. Versteh mich nicht falsch – das war nötig und ich bin froh, dass du dich mit deiner Expertise eingebracht hast, aber wir brauchen jeden Penny.«

Entwaffnet stöhne ich auf und spüre das schlechte Gewissen, das an mir nagt. Da ich nicht ganz unbeteiligt bin, kann ich mich diesem Auftrag wohl nicht entziehen.

»Ich habe mit Siennas Management einen großzügigen Deal ausgehandelt: zwanzigtausend Dollar.«

Die Summe lässt mich stocken, als ich fast einen erneuten Versuch starten will, mich aus der Nummer zu reden.

»Und wie du weißt, können wir das Geld wirklich gut gebrauchen.« Ryan gibt mir einen Klaps auf die Schulter. »Also, Bruderherz … Ich zähle auf dich.«

Zum ersten Mal seit Langem bin ich sprachlos.

»Na, was guckst du denn so? Setze einfach deinen Charme und dein Wissen ein. Dann wird das schon. Hat bei Miranda, Pam und Co. doch auch funktioniert.« Manchmal ist mein Bruder wirklich ein Sadist. Er grinst erneut, dreht sich um und geht. »Und … vielleicht tun ihr die paar Wochen Landleben ganz gut, um sich wieder zu erden. Eventuell ist sie gar nicht so eine schwierige Oberzicke, wie der Ruf es besagt, der ihr vorauseilt«, ruft er mir noch über seine Schulter hinweg zu und zwinkert.

Verdutzt bleibe ich stehen. »Was habe ich ihm getan, dass er mir das antut? Ich bin weder ein Babysitter noch ein Therapeut«, fluche ich und ahne schon, wie sehr diese Frau an meinen Nerven zerren könnte.