Prolog
Floris
Ich machte es mir auf einer der antiken Holzliegen bequem, die bestimmt schon mehr königliche Hinterteile gesehen hatten als der Thron. Die Abendsonne malte lange Schatten über den perfekt gepflegten Rasen von Het Oude Loo, dem Palast, in dem ich bereits von klein auf lebte, und über den dazugehörigen Garten. Vertraute Düfte – frisch gemähtes Gras, blühende Rosen und die feuchte Erde des Burggraben, die mich immer an Regen im Wald erinnert – umschlossen mich wie die extravaganteste Decke der Welt.
Noch besser war die Gesellschaft meiner drei besten Freunde, allesamt Prinzen wie ich. Wir kannten uns quasi von Geburt an und waren in aller Öffentlichkeit aufgewachsen, wenn auch in verschiedenen Ländern. Tore kam aus Norwegen, Nils aus Schweden, Greg vertrat Großbritannien und ich war stolzes Mitglied der niederländischen Königsfamilie. Na ja, größtenteils stolz zumindest.
Ich nahm einen großen Schluck Heineken und genoss mein vorerst womöglich letztes Bier. In den USA durfte man mit achtzehn Auto fahren, heiraten, Leute erschießen oder im Krieg sterben gehen, aber noch kein Bier trinken. Das musste mir mal wer erklären, als wäre ich ein Kindergartenkind, denn es erschloss sich mir nicht. Ich musste jedenfalls noch ein Jahr warten, bis ich dort Alkohol trinken durfte.
„Du gibst ernsthaft ein Jahr lang Bier auf?“ Gregs britischer Akzent triefte nur so vor Skepsis, während er sich neben mir auf seiner Liege räkelte. „Ich würde das als Verletzung der Menschenrechte betrachten.“
Ich lachte auf. „Mein verstorbener Großvater würde mich ziemlich sicher enteignen, wenn er noch am Leben wäre und davon wüsste. Auch wenn ich davon überzeugt bin, dass es trotz der Alternseinschränkung auf den Frat-Partys der Studentenverbindungen Bier geben wird, oder? So läuft es zumindest im Fernsehen immer. Aber hey, was kann schon passieren? Dass ich zum ersten nüchternen Prinzen der niederländischen Geschichte werde?“
„Da hätte die Presse ihren Spaß mit“, warf Tore ein, der sich auf dem Rasen ausgebreitet hatte. ‚“„Niederländischer Prinz gibt Nationalgetränk auf.‘ Das würden sie bestimmt als diplomatische Krise ansehen.“
Als er die Presse erwähnte, knirschte ich unweigerlich mit den Zähnen. Ich zwang mich dazu, mich zu entspannen, doch Greg warf mir bereits einen vielsagenden Blick zu. Er war schon immer der aufmerksamste unseres kleinen royalen Quartetts gewesen. Außerdem war es schließlich die britische Klatschpresse gewesen, die mich zerrissen hatte, ohne ihre Behauptungen je zu überprüfen.
„Apropos Presse“, schaltete sich Nils vorsichtig ein, „hast du schon einen Weg gefunden, in Vernon unentdeckt zu bleiben?“
„Ja.“ Ich setzte mich auf, aufgemuntert beim Gedanken an das Vorhaben, das ich bereits seit Monaten plante. „Der amerikanischen Presse geht der europäische Adel am Arsch vorbei, wenn wir nicht gerade heiraten oder spektakuläre Skandale verursachen. Und die meisten Amerikaner könnten mich bei bestem Willen nicht mal in einer Gegenüberstellung erkennen. Ich gehe als Floris van Oranje. Nassau lasse ich einfach weg.“
„Und was, wenn dich wer googelt?“ Greg zog eine Augenbraue hoch. „Dann taucht doch deine wahre Identität auf.“
„Damit komme ich dann schon klar. Aber ich werde es nicht an die große Glocke hängen. Ich will …“ Ich verstummte und suchte nach den richtigen Worten. „Ich will eine Weile lang ganz normal sein. Die Chance haben, etwas zu vermasseln, ohne gleich international in den Schlagzeilen zu landen.“
Die anderen schwiegen und mir war klar, dass sie alle an das Video dachten. Die bearbeiteten Aufnahmen, auf denen es aussah, als ob ich … Ich brach den Gedanken ab, bevor ich ihn vollenden konnte.
„Wir wissen, was wirklich passiert ist“, sprach Tore mir mit ruhiger Stimme zu. „Das ist das, was zählt.“
Ich brachte ein schwaches Lächeln hervor. „Ja. Aber manchmal frage ich mich bei all der Aufmerksamkeit, die ich bekomme, ob es sich gelohnt hat, mich als erster Prinz offen als schwul zu outen. Was ich auch mache, alle warten nur darauf, dass ich mir wieder einen Fehltritt leiste.“
„Deswegen kommt das Jahr in Massachusetts jetzt auch genau zum richtigen Zeitpunkt“, argumentierte Greg. „Du kannst ein ganz normales Studentenleben führen. Na ja, als sehr großer, niederländischer Student mit fragwürdigem Kleidungsstil, aber trotzdem.“
„An meinem Kleidungsstil gibt es nichts auszusetzen“, protestierte ich, doch ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. „Auch wenn er nicht ganz deinen abgehobenen britischen Standards entspricht. Aber ja, so sieht mein Plan aus. Wie läuft es bei dir mit der Vorbereitung, Tore?“
„In sechs Wochen bin ich Tore Haakon, Starspieler der Footballmannschaft Hawley Hawks am Hawley College in Ohio.“
Ich lachte auf. „Gewöhn dir am besten schon mal an, es Soccer zu nennen.“ Tore verdrehte die Augen. „Reine Semantik.“
„Nicht für die Amis“, widersprach Greg. „Die werden ziemlich verwirrt reagieren, wenn du behauptest, im Football ein Mittelfeldspieler zu sein, wenn es die Position im American Football gar nicht gibt.“
Ich musterte Tore. „Du würdest eigentlich einen guten Quarterback abgeben. Du hast den richtigen Körperbau.“
„Klar und wenn sie den Ball dann kicken, statt ihn zu werfen, habe ich vielleicht auch eine Chance.“ Tore riss die Hände in die Luft. „Warum zur Hölle nennen sie es bitte Football, wenn man den Ball nicht mal mit dem Fuß treten darf?“ Ich hatte nicht vor, mich auf die Diskussion mit ihm einzulassen, denn ich verstand die Logik dahinter auch nicht.
„Es ist doch nicht mal ein richtiger Ball, oder?“, hakte Greg nach. „Ihr Football. Es ist eher ein Oval als ein Ball.“
„Ein Ei“, meinte Nils. „Sie spielen mit einem Ei aus Leder.“
„Apropos Eier“, schaltete ich mich ein, „hat wer Hunger? Das Küchenteam hat deine Lieblingssandwiches gemacht, Greg.“
„Die mit Carpaccio und Trüffelmayo auf niederländischem Vollkornbrot?“ Greg spitzte die Ohren wie ein Erdmännchen, das etwas Interessantes entdeckt hat. „Warum hast du das nicht schon früher gesagt?“
Ich grinste. „Weil ich dir gern dabei zusehe, wie du zu vornehm bist, um sie dir zu wünschen.“
„Ich bin mir für nichts zu vornehm“, protestierte Greg, aber er stand bereits auf. „Ich habe lediglich einen exquisiten Geschmack.“
„Klar.“ Ich folgte ihm und dehnte mich, bis mein Rücken knackste. „Darum hat die Presse auch Bilder von dir, auf denen du in deinem Bentley McDonald's isst.“
„Das war ein temporärer Schwächeanfall.“ Greg schnaubte verächtlich auf. „Und die Fotos waren eindeutig bearbeitet.“
Bei der Erwähnung bearbeiteter Fotos zog sich mir der Magen zusammen, aber ich rang mir ein Lachen ab. Das gehörte für uns schließlich dazu. Witze reißen, locker bleiben und so tun, als ob die konstante Aufmerksamkeit nicht an uns nagte. „Immerhin hast du wirklich McDonald's gegessen. Und es war kein fabrizierter …“
„Floris.“ Nils Stimme unterbrach meinen zunehmend düsteren Gedankengang. „Massachusetts. Neuanfang. Schon vergessen?“
Ich holte tief Luft und atmete die Gartenluft ein. Er hatte recht. In ein paar Wochen würde ich ein ganz normaler Student sein. Ohne auf Schritt und Tritt von der Presse verfolgt zu werden. Ohne auf jedes Wort, jede Geste achten zu müssen. Niemand, der mich mit dem Handy filmte und darauf wartete, dass ich mir erneut einen Fehltritt leistete.
„Ja.“ Diesmal brachte ich ein aufrichtiges Lächeln hervor. „Auch wenn ich immer noch nicht glauben kann, dass wir das wirklich machen.“
„Ohne mich.“ Greg setzte sich langsam wieder, das Sandwich scheinbar in Vergessenheit geraten. „Der König erlaubt es mir nicht.“
Mit dem König war der König des Vereinigten Königreichs gemeint, Gregs Onkel.
„Vielleicht gibt er ja nach, wenn Floris und ich gute Erfahrungen machen“, warf Tore ein.
„Vielleicht.“ Greg klang nicht sonderlich überzeugt und ich konnte es ihm nicht verübeln. Er stand viel mehr im Rampenlicht als wir anderen, weil ihm die britische Presse hinterherjagte wie ein Pack Bluthunde. Die letzten Monate waren für mich, dank dem Skandal, nicht einfach gewesen, aber bis dahin hatte ich es relativ leicht gehabt. Die niederländische Presse war entspannt und hielt sich tendenziell an die Vereinbarung mit der Königsfamilie, die besagte, dass sie die Kinder – meinen älteren Bruder, meine Cousinen und mich – in Ruhe zu lassen hatten.
Größtenteils. Außer wir stellten beim Besuch des besten Freundes in Großbritannien etwas Dummes an … wie ich.
Verdammt, warum kam ich darüber nicht hinweg? Es lag mittlerweile bereits drei Monate zurück, aber es ging mir immer wieder durch den Kopf, tauchte in meinen Gedanken auf und kam zu ungünstigsten Zeitpunkten hoch. Laurens, mein Bruder, hatte mir immer wieder versichert, dass es einfach etwas Zeit brauchen würde. Er meinte es gut, aber er war im Auge der Presse der unfehlbare Goldjunge. Er hatte leicht reden, wenn er mir erklärte, dass ich damit abschließen sollte.
„Vielleicht hilft es, wenn du dir ein spezifisches Programm aussuchst, statt deine Bitte allgemein zu halten“, schlug Nils vor. „Du studierst doch internationale Beziehungen, oder?“
Greg nickte.
„Also such dir ein College, das darauf spezialisiert ist oder ein besonders renommiertes Programm zu dem Thema bietet. Vielleicht hilft das ja.“
Eigentlich keine schlechte Idee.
Greg schien es in Erwägung zu ziehen. „Das kann ich zumindest versuchen. Danke.“
„Zumindest weißt du, was aus dir werden soll“, kommentierte ich und trank mein Bier aus. „Die niederländische Presse wartet immer noch darauf, dass ich meine ‚Berufung‘ finde. Scheinbar reicht es nicht, Bauingenieur zu werden.“
„Hey, du bist Niederländer. Wassermanagement liegt dir quasi im Blut“, argumentierte Nils.
„Ich weiß, aber man erwartet von mir wahrscheinlich etwas … Prinzlicheres. Ihr wisst schon, internationale Diplomatie oder humanitäre Hilfe.“
„Wassermanagement ist humanitäre Hilfe“, wandte Tore ein. „Frag mal New Orleans oder, weiß nicht, Bangladesch.“
Ein angenehmes Schweigen legte sich über uns. Mittlerweile ging die Sonne unter und tauchte die alte Burgmauer in goldene und bernsteinfarbene Töne. In wenigen Wochen würde ich diesen vertrauten Anblick gegen ein Zimmer im Studentenwohnheim in Worcester, Massachusetts, eintauschen. Die Vorstellung war beängstigend und berauschend zugleich.
„Versprich mir eines“, bat Greg mich plötzlich in ernstem Tonfall. „Wenn dich die Presse doch findet, dann ruf uns an. Versuch nicht, im Alleingang damit umzugehen.“
Ich schluckte schwer und dachte an die elenden Wochen zurück, nachdem das Video aufgetaucht war. „Versprochen. Aber die finden mich nicht. Ich bin bald der ganz normale Student Floris, der sich sehr für Wassermanagement und grausames amerikanisches Bier begeistert.“
„Und vielleicht lernst du ja jemand besonderen kennen?“ Tore wackelte mit den Augenbrauen.
Ich warf meine leere Bierflasche in seine Richtung. „Es muss nicht jeder am College die Liebe seinen Lebens kennenlernen. Ich bin dort zum Studieren, nicht zum Sex haben.“
„Klar“, antworteten die anderen drei im Einklang und wir lachten.
„Und überhaupt“, ergänzte ich, „wer will schon wen daten, der ihm nicht mal legal einen Drink ausgeben kann?“
„Ah, stimmt, schließlich ist das auch die wichtigste Anforderung bei der Partnersuche.“ Gregs Stimme triefte nur so vor Sarkasmus. „Er muss Alkohol besorgen können.“
„Umso mehr Grund für mich, in Massachusetts nichts zu überreißen. Zu lernen. Normale Freunde zu finden. Vielleicht ein paar Gruppen beizutreten, deren skandalöseste Aktivität aus hitzigen Debatten zum Thema Bautechnik besteht.“
„Klingt spannend“, kommentierte Tore trocken. „Du wirst in aller Munde sein. ‚Student aus den Niederlanden großer Fan von Beton„.‘„
„Besser als ‚Königlicher Romeo ruiniert seinen Ruf„‘„, konterte ich und bereute es beim Anblick ihrer betrübten Mienen sofort.
Greg beugte sich mit ernster Miene vor. „Hey, Floris, du hast nichts falsch gemacht. Der Mistkerl hätte sich der Presse stellen und die Wahrheit sagen sollen.“
„Und seine Karriere riskieren? Seinen Ruf?“ Ich schüttelte den Kopf. „Nein, es war besser so. Sollen die Leute doch von mir denken, was sie wollen. Ich halte das schon aus.“
„Das solltest du nicht müssen“, erwiderte Nils sanft.
Ich stand auf, plötzlich unruhig. „Tja, das ist doch die Hauptaufgabe als Mitglied des Königshauses, oder? Es auszuhalten. Perfekt auszusehen. Sich nie zu beschweren.“ Ich rang mir ein Lächeln ab. „Aber hey, ein ganzes schönes Jahr lang darf ich Floris sein. Kein Titel, keine Erwartungen, keine Presse. Nur ich und meine seltsame Begeisterung für Wassermanagementsysteme.“
„Und grausames amerikanisches Bier“, ergänzte Tore hilfsbereit.
„Und grausames amerikanisches Bier“, stimmte ich ein, dankbar für den Schwenker zu fröhlicheren Themen. „Welches laut Film und Fernsehen auf berüchtigten Frat-Partys reichlich in roten Bechern ausgegeben wird.“
„Gute Einstellung“, sagte Tore. „Wer weiß? Vielleicht trittst du ja sogar selbst einer Studentenverbindung bei.“
Einer Studentenverbindung? Der Gedanke war mir noch gar nicht gekommen. Das ganze Greek life, wie es die Amerikaner nannten, war mir eher fremd. Klar gab es an niederländischen Universitäten auch Studentenverbindungen, aber in den Staaten schien das Ganze ein völlig anderes Ausmaß zu haben. Auch darüber wollte ich unbedingt mehr herausfinden.
Greg stand auf. „Wie sieht es denn jetzt mit den Sandwiches aus?“
Kapitel 1
Floris
Was ich nicht so alles tat, um zu beweisen, dass ich recht hatte.
Ich hatte mir von Massachusetts einen angenehmen Sommer erhofft, entsprechend der typischen idyllischen New England-Postkarten mit den perfekten weißen Kirchen umgeben von Herbstlaub. Doch in Wirklichkeit würde sich selbst der Teufel hier nach einer kalten Dusche sehnen.
Vernon Technical College sah vor Ort genauso beeindruckend aus wie auf den extravaganten Broschüren, die man mir zugeschickt hatte. Der Campus bot eine faszinierende Mischung an Gebäuden im gotischen Stil und modernen Glaskonstruktionen, verteilt über mehrere Hügel. Mein Studentenwohnheim Smelter Hall stand unter ihnen wie ein stolzer Wächter. Die gotischen Bögen und die verwitterte Steinfassade hätte bei einer unserer älteren Universitäten daheim, wie Leiden, unpassend gewirkt.
Doch der herrschaftliche Anschein trog. Das alte Gebäude stammte definitiv aus einer Zeit ohne Klimaanlagen und ging womöglich auch der Erfindung jeglichen sonstigen Komforts voraus. Vielleicht hielt man es in 1910 nicht für nötig, beim Lernen atmen zu können?
Ein starker Kontrast zu dem klassischen niederländischen Sommer, den ich zu Hause zurückgelassen hatte: Windig, nass und mit einer Temperatur von um die 18 Grad C, ein elendig kühler August. Ein angenehmer Mittelweg wäre schön gewesen. Apropos, ich musste herausbekommen, wie man die Temperatur in Fahrenheit umrechnet. In der Schule hatte ich dafür eine Formel gelernt, aber das war gefühlt bereits eine Ewigkeit her. 18 Grad C waren … irgendetwas Mitte sechzig vielleicht?
Der Schweiß rann mir am Rückgrat herunter, als ich meine zwei prall gefüllten Koffer noch einen Stock höher schleppte – scheinbar hatte ich nicht mit leichtem Gepäck verreisen können. Das Treppenhaus war eine einzige Sauna und schien von einer Person entworfen worden zu sein, die noch nie im Leben Freude erlebt hatte. Durch die großen, mehrfach verglasten Fenster erhaschte ich immer wieder einen Blick auf den makellosen Rasen des Campus, auf dem die Studenten unter Jahrhunderte alten Eichen faulenzten und sich dabei deutlich wohler zu fühlen schienen als ich mich gerade.
Mein Poloshirt, zu Beginn des Tages noch ein angemessenes Kleidungsstück, klebte mir jetzt am Rücken wie ein anhänglicher Ex, der den Wink mit dem Zaunpfahl nicht verstand. Als ich eine kurze Verschnaufpause einlegte, war das Treppengeländer unter meiner Handfläche heiß genug, um ein Spiegelei zu braten. Ich fragte mich, ob ich vielleicht auf den Rat meines Vaters hören und eine Umzugsfirma hätte beauftragen sollen. Aber nein, ich hatte ja unbedingt eine komplett authentische College-Erfahrung haben wollen, hm? Schließlich zog ich nicht gerade mit Möbeln oder anderen sperrigen Dingen ein. Lediglich mit zwei Koffern und einem große Rucksack.
Allmählich bereute ich meine dramatische Ansage à la „Ich mache alles selber wie jeder andere Student auch!“. Als ich das daheim in den Niederlanden verkündet hatte, hatte es sich nobel und demokratisch angefühlt. Bevor ich herausfand, dass mein Zimmer im dritten Stock lag. Bevor mir klar wurde, dass dieses architektonische Meisterwerk von jemandem entworfen worden war, der meinte, Aufzüge seien etwas für Schwächlinge. Bevor ich mit den höllischen Temperaturen vor Ort konfrontiert wurde.
„Oh, verdammt noch mal„, grummelte ich, als ich beinahe einen Koffer auf meinen Fuß fallen ließ. Mittlerweile erschien mir Totschlag durch mein Gepäck eine attraktive Alternative dazu zu sein, auch nur eine weitere Treppenstufe zu erklimmen.
Verdammter Mist. Zumindest war daheim alles flach.
Ich stolperte die letzten paar Stufen hinauf in den dritten Stock, obwohl meine Beine dabei brennend protestierten. Merke: Zwei viel zu schwere Koffer drei Stockwerke hochschleppen? Nicht meine weiseste Entscheidung. Sie haben ja Rollen, hatte ich mir noch eingeredet. Tja, das brachte mir beim Tragen herzlich wenig.
Der lange Korridor erstreckte sich vor mir wie ein Anblick aus Shining mit identischen Holztüren, die sich entlang beider Seiten reihten. Zimmer 314, mein Zuhause für das kommende Jahr, wartete auf halber Höhe auf mich. Nur noch ein paar Schritte.
Ich atmete tief durch, richtete meinen Rucksack und klopfte, bevor ich die Tür aufschloss. Sie schwang auf und vor mir erschien mein neues Königreich – mit seinen ganzen 20 Quadratmetern – samt meines Zimmergenossen, der bereits da war. Orson Ritchey aus New Orleans, laut den Informationen zu meiner Unterkunft. Vierundzwanzig Jahre alt und im ersten Jahr seines Masters in Bauingenieurwesen. Der College-Direktor hatte erwähnt, dass er mich gezielt einem älteren Studenten zugewiesen hatte. Womöglich war er besorgt, dass die Bachelorstudenten einen schlechten Einfluss auf mich gehabt hätten? Vielleicht hatte er Geschichten über mich gehört, den sogenannten Partyprinzen.
Orson stand am Fenster, groß und schlank mit wilder, brauner Lockenmähne, in der sich die Sonnenstrahlen fingen. Als er sich umdrehte, fielen mir seine scharfen Gesichtszüge und seine intelligenten braunen Augen hinter seiner Brille auf. Er musterte mich mit einer konzentrierten Intensität, die ich normalerweise bei komplexen mathematischen Gleichungen erwartet hätte. Ich verkniff es mir, nachzusehen, ob ich mein Polo falschherum an hatte oder plötzlich einen zweiten Kopf besaß. Vielleicht verurteilte er mich dafür, dass ich so verschwitzt und durcheinander aussah?
„Hi“, grüßte ich ihn, stellte meine Koffer ab und setzte mein charmantestes Lächeln auf. Dasselbe Lächeln, das bereits so einige Würdenträger verzaubert und mir unzählige Male den Arsch gerettet hatte. „Ich bin Floris. Dein neuer Zimmergenosse.“
Er durchquerte den Raum in drei Schritten. „Orson.“
Sein Handschlag war fest und präzise wie scheinbar auch alles andere an ihm. Das gab bei mir Pluspunkte. Ich hatte bei Festlichkeiten des Königshauses bereits mehr als genug schlaffe Händedrücke abbekommen. Die fühlten sich immer eher danach an, einen besonders unenthusiastischen nassen Fisch in der Hand zu halten.
Er deutete auf das freie Bett auf der rechten Zimmerseite. „Das gehört dir.“
Ich schleppte meine Koffer auf die zugewiesene Seite, dankbar, sie endlich abstellen zu können. Das Zimmer war kleiner als erwartet mit zwei schmalen Betten, zwei Schreibtischen und Einbauschränken. Orsons Seite war bereits akribisch aufgeräumt: Bücher reihten sich nach Größe geordnet auf seinem Schreibtisch, seine Stifte hatte er ordentlich aneinandergelegt und ein kleiner Ventilator stand perfekt positioniert am Fenster.
Ich verzog das Gesicht. Wenn er von mir dasselbe Niveau an Ordnung erwartete, konnte er sich auf etwas gefasst machen. Doch jetzt gerade hatte ich andere, dringendere Neuigkeiten für ihn. Ich hatte zwar nicht ansatzweise das Bedürfnis, dem ganzen Campus meine wahre Identität zu offenbaren, aber gegenüber meinem Zimmergenossen wollte ich ehrlich sein. Da wir zusammenwohnten, würde er es so oder so unweigerlich herausfinden, und mir war lieber, dass er es von mir erfuhr.
„Hör mal“, setzte ich an und wischte mir den Schweiß von der Stirn, „ich sollte dir wahrscheinlich noch etwas sagen, bevor wir alles auspacken. Dir wurde mitgeteilt, dass ich ein Austauschstudent aus den Niederlanden bin, aber in Wirklichkeit bin ich …“
„Ein Prinz.“ Er verschränkte die Arme. „Ich habe gestern einen Anruf von der Verwaltung bekommen und man hat mir erklärt, dass du nicht van Orange heißt, sondern …“
„Van Oranje Nassau“, ergänzte ich sanft, als er mit der Aussprache zu kämpfen schien. „Tut mir leid. Ich wusste nicht, dass sie dich anrufen, bevor ich es dir selbst erklären kann.“
„Ich habe mich schon gewundert, dass sie mir einen Erstsemesterstudenten zuteilen, aber als sie mir gesagt haben, wer du bist, hat das Sinn ergeben.“
„Ja, ich denke, sie erhoffen sich, dass ein Masterstudent wohl einen guten Einfluss auf mich haben wird?“
Er zog eine Augenbraue hoch. „Brauchst du das? Jemand mit gutem Einfluss, meine ich?“
Ich schüttelte entschieden den Kopf. „Nee, ich komme schon klar.“
„Aber wenn du ein Prinz bist, was zur Hölle machst du dann bitte hier?“
„Studieren, genau wie du. In den Niederlanden bin ich im fünften Semester und mein Aufenthalt in Vernon ist ein Auslandsjahr für meinen Bachelor in Bauingenieurwesen.“
„Und den Abschluss brauchst du für was?“
Ich seufzte. „Ich bin Fünfter in der Thronfolge, Orson. Ich werde nie König und glaub mir, ich bin froh darum. Aber man erwartet von mir, dass ich etwas mit meinem Leben anfange und einen Beitrag zur Gesellschaft leiste, also mache ich das.“
„Ich habe dich gegoogelt.“
Ich verzog das Gesicht. Es konnte nichts Gutes heißen, wenn er gesehen hatte, was die Presse über mich schrieb. Das wusste ich aus Erfahrung. „Das meiste ist gelogen.“
„Das hoffe ich auch, sonst haben wir ein Problem.“
Ich hob beschwichtigend die Hände hoch. „Ich mache keine Probleme, versprochen. Ich will lernen und mich bedeckt halten. Außer dir und dem Direktor weiß niemand, wer ich wirklich bin. Auf all meinen Dokumenten steht Floris van Oranje.“
Er musterte mich noch eine Weile, bevor er schließlich zögerlich nickte. „Solange du nicht erwartest, anders behandelt zu werden. Ich bin zum Studieren hier, nicht um Adlige zu babysitten.“
„Glaub mir, das ist das letzte, das ich will“, versicherte ich ihm und fuhr mir mit der Hand durch mein verschwitztes Haar. „Ich will hier lernen und eine mehr oder weniger normale College-Erfahrung machen. Kein Tamtam, keine Extrawurst. Meine Güte, mir wärs am liebsten, du vergisst die ganze Prinzensache komplett.“
Orson entspannte sich ein wenig, doch er fixierte mich weiterhin mit kritischem Blick. „Das ist … überraschend vernünftig.“
„Tja, ich erwarte aber schon, dass du einen Knicks machst, wenn ich ins Zimmer komme“, merkte ich grinsend an, weil ich es mir nicht verkneifen konnte, ihn ein wenig aufzuziehen. Als er schockiert die Augen aufriss, fügte ich schnell an: „War nur ein Scherz. Ernsthaft, ich hasse die ganzen Formalitäten. Auf Niederländisch gibt es den Spruch ‚verhalt dich normal, dann bist du verrückt genug‘. Die Niederländer tolerieren es nicht, wenn man sich für etwas Besseres hält. Selbst unser Ministerpräsident fährt mit dem Rad zur Arbeit.“
Orson blinzelte. „Das ist interessant.“
„Jedenfalls will ich damit sagen, dass ich keine Extrawurst will.“
„Gut, dafür habe ich nämlich keine Zeit.“ Für einen Moment sah ich den Anflug eines Lächelns. „Und erwarte bloß nicht, dass ich dich herumführe. Oder mit dir auf Partys gehe. Mein Lernplan ist streng durchgetaktet und ich habe nicht vor, davon abzuweichen.“
„Alles klar.“ Natürlich hätte er genauso gut eine rote Fahne vor einem Bullen schwenken können, denn jetzt wollte ich unbedingt seine disziplinierte Fassade durchbrechen. Mein ernster Zimmergenosse hatte etwas Faszinierendes an sich, etwas, das meine Neugier darauf weckte, einen Blick hinter seine bedachte Kontrolle zu werfen. Außerdem war er auf nerdige Weise extrem süß.
Sein Blick wanderte über mein Gesicht, bevor er zu meinen Koffern sah. „Die hast du selber hochgeschleppt?“ Er klang ein wenig überrascht, auch wenn sein Gesichtsausdruck neutral blieb.
„Ja, ich wollte eine authentische College-Erfahrung machen.“ Ich lachte keuchend, noch immer etwas außer Atem. „Auch wenn ich die Entscheidung gerade ernsthaft bereue. Ich habe nicht erwartet, dass die Treppen so …“
„Brutal sind?“ Sein rechter Mundwinkel hob sich einen Moment. „Willkommen in Smelter Hall, wo jeden Tag die Beinmuskeln trainiert werden.“
„Zumindest spar ich mir das Fitnessstudio.“ Ich ließ mich auf meine unbezogene Matratze fallen. Die Federn protestierten knarzend und ich verzog das Gesicht. „Sag jetzt bitte nicht, dass die Betten immer so laut sind.“
Das Knarzen war in mehrerlei Hinsicht problematisch. Sex wäre ein Albtraum, wenn die knarzenden Federn jede Bewegung ins ganze Stockwerk hinausposaunten. Es war zwar nicht meine erste Priorität, mir einen One-Night-Stand zu suchen, aber trotzdem. Irgendwann hätte ich durchaus gern Sex.
„Doch.“ Orson widmete sich wieder seiner Zimmerhälfte, in der er mit präzisen, systematischen Bewegungen seine Lehrbücher auf dem Schreibtisch aufräumte. „Ich habe einen Memory Foam Topper mitgebracht. Der hilft gegen das Geknarze und das mittelalterliche Folterinstrument, das sie hier als Matratze bezeichnen.“
Ich musste mir definitiv so einen Topper bestellen. „Liefert Amazon hierher?“
„Klar. Bestell aber nichts in den nächsten paar Tagen. Sie kommen hier in der Einzugswoche nicht hin.“ Er hielt inne und musterte mich erneut mit seinen intelligenten braunen Augen. „Du solltest dir vielleicht auch einen Ventilator zulegen. Es soll morgen bis zu hundert Grad heiß werden.“
Hundert Grad? Wie viel Grad Celsius war das? Oh, Moment, waren einhundert Grad Fahrenheit nicht Körpertemperatur? Das hieße also ungefähr 37 Grad C.
„Meine Güte.“ Ich setzte mich auf und betrachtete den Ventilator mit blankem Neid. „Und ich dachte schon, in den Niederlanden wäre es schlimm, wenn mal für eine Woche Sommer ist.“
Die Bemerkung erntete mir ein weiteres ansatzweises Lächeln, das so schnell wieder verschwunden war, dass ich es mir auch eingebildet haben könnte. „Du bist echt so gar nicht, wie ich es erwartet habe.“
„Lass mich raten, du hast dir einen verwöhnten Schnösel vorgestellt, der hier samt Gefolge aufkreuzt und einen roten Teppich verlangt?“ Als er mir nicht widersprach, lachte ich. „Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen. Allerdings habe ich immerhin einen exzellenten Kleidungsgeschmack, wenn das hilft, deine Vorstellung doch noch intakt zu halten.“
„Ich bin völlig aus dem Häuschen.“
Der Typ hatte einen staubtrockenen Humor. Doch seine kühle Ausdrucksweise hatte etwas seltsam Charmantes an sich.
Bei einem Blick auf mein verschwitztes Oberteil verzog ich das Gesicht und stand auf. „Ich glaube, ich gehe mich mal kurz duschen. Ich verspreche dir, dass ich normalerweise ansehnlicher aussehe, aber die Treppe hat mich echt gedemütigt.“
„Die Duschen sind am Ende vom Gang rechts.“ Er deutete vage in die richtige Richtung, ohne von seiner akkuraten Anordnung an Büchern aufzusehen. „Aber sei gewarnt, dass der Wasserdruck eher miserabel ist.“
„Stärkt den Charakter, hm? Das scheint hier eh das Motto zu sein. Dank den Treppen, der Matratze und jetzt auch noch dem miserablen Wasserdruck kann ich zum Jahresende mit meinem Charakter glänzen.“
„Na immerhin nimmst du es mit Humor.“ Orsons Tonfall war trocken, aber ich hörte auch etwas beinahe Anerkennendes heraus. Er bezog mittlerweile sein Bett mit einer militärischer Präzision, die jedem Ausbildungsoffizier imponieren würde.
Ich warf einen meiner Koffer auf das Bett und öffnete ihn. Ich musste ein wenig wühlen, bis ich schließlich mein Necessaire und ein paar Wechselklamotten fand. Gott sei Dank hatte ich ein paar kleine Fläschchen Shampoo und Duschgel mitgebracht, die mir reichen würden, bis ich einkaufen gehen konnte.
„Das Leben ist zu kurz, um nicht ab und an über sich selbst zu lachen.“ Ich ging auf die Tür zu und hielt dann kurz inne. „Hey, kurze Frage noch. Kriegt man hier irgendwo guten Kaffee? Ich brauche eine unfeierliche Menge, wenn ich das Auspacken überleben will.“
„Das Café auf dem Campus ist in Ordnung. Das liegt im Student Center.“ Er richtete seine Brille und schien kurz nachzudenken. „Aber wenn du richtig guten Kaffee willst, gibt es zehn Minuten entfernt ein Café namens Acoustic Java. Die haben eine eigene Rösterei.“
„Ein Kerl, der sich mit Kaffee auskennt. Wusste ichs doch, dass wir Gemeinsamkeiten finden.“ Ich warf ihm noch ein Grinsen zu, bevor ich ging.
Mit einem Lächeln auf den Lippen spazierte ich den Gang entlang. Ich freute mich unglaublich auf das Jahr und das trotz der mittelalterlichen Matratze und Satans Sauna, getarnt als Studentenwohnheim.
Auf meine Bitte hin hatten wir die niederländische Presse nicht über mein Auslandsstudium informiert, was hieß, dass ich hier relativ anonym leben konnte. Gut, die niederländischen Reporter waren nicht mit der britischen Klatschpresse zu vergleichen, aber sie konnten trotzdem lästig sein, vor allem, wenn man sich Privatsphäre wünschte.
In der Studienzeit sollte es darum gehen, sich selbst zu entdecken, zu experimentieren, Fehler zu machen und daraus zu lernen. Doch wenn jemand deine Fehler mit der ganzen Welt teilte, konnten im Handumdrehen aus kleinen Missgeschicken reißerische Schlagzeilen werden. Einmal hatte ich das bereits mitgemacht. Nie wieder.
Nein, ich würde jeden ruhigen Moment genießen, bis die Presse schließlich unweigerlich herausfand, wo ich war. Doch mein Vater hatte sich darauf eingelassen, niemandem unaufgefordert mitzuteilen, wo ich mich aufhielt, also würde das hoffentlich eine Weile dauern.
In der Zwischenzeit hatte ich vor, mein Leben als amerikanischer Collegestudent zu genießen, inklusive der Erfahrung, mir ein Zimmer zu teilen. Orson faszinierte mich – er war viel zu versteift und musste dringend mal locker lassen.
Herausforderung angenommen.
Kapitel 2
Orson
In der Mensa brummte eine chaotische Energie, die mir bis unter die Haut ging. Es war mein fünftes Jahr am VTC, doch ich hatte mich noch immer nicht an den ständigen Lärm, das Gedränge und den aufdringlichen Geruch von fettigem Essen gewöhnt. Auch in New Orleans war oft wahnsinnig viel los, aber die Atmosphäre fühlte sich irgendwie anders an und machte mir dort nichts aus. Auf meinem Laptop leuchtete die Matheaufgabe, an der ich hier arbeitete, seit ich zu Abend gegessen hatte, doch die Zahlen verschwammen vor meinen Augen. Irgendetwas stimmte nicht. Ich hatte die Gleichungen gelöst, aber irgendwie ging das Ganze nicht auf. Das Endergebnis entsprach so gar nicht meinen Erwartungen. Ich hatte meine Berechnung bereits noch mal überprüft, aber irgendetwas musste mir dabei eindeutig entgangen sein. Irgendetwas, das darüber entscheiden könnte, ob ein Gebäude stand oder einstürzte. Im richtigen Leben konnte das den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen. Genau wie ein falscher Schritt auf dem Dach während des Hurrikans Katrina …
Ich verdrängte den Gedanken, doch er klebte an mir wie die schwüle Luft an jenem Tag in New Orleans. Mittlerweile war es zwanzig Jahre her, doch alle, die behauptet hatten, dass Zeit alle Wunden heilt, hatten gelogen.
Ich vermisste ihn noch immer genauso wie damals als Kind, wenn auch vielleicht auf andere Weise.
Verdammt, ich musste mich auf die Aufgabe konzentrieren. Professor Gibbons wäre unbeeindruckt, wenn ich keine Glanzleistung hinlegte, und ich wollte, dass sie mir eine Referenz schrieb, damit ich nach meinem Abschluss eine Stelle in einer renommierten Ingenieursfirma ergattern konnte. Abgabe war erst in zwei Wochen, aber trotzdem.
„Du schaffst das“, redete ich mir gut zu, eine Angewohnheit, wegen der mich meine Mom immer aufzog. Doch ich musste das hier richtig machen. Mir ging es bei meinem Bauingenieursstudium nicht nur darum, Kurse zu bestehen, oder einen Abschluss zu machen. Mir ging es darum zu verhindern, dass ein anderer Vierjähriger seinen Vater in den Fluten verschwinden sehen musste. Mit jeder Gleichung, die ich löste, jedem Bau, den ich entwarf, arbeitete ich darauf hin.
Auch Dad war Ingenieur gewesen. Wäre er stolz auf mich, wenn er gerade sehen könnte, wie ich mich hier über meine Gleichungen beuge, während meine Kommilitonen ihre College-Zeit genossen? Oder würde er sich wünschen, dass ich lernte, auch mal ein bisschen zu leben, wie meine Mom es immer wieder behauptete? Ich rieb mir unter der Brille über die Augen. Es spielte keine Rolle. Ablenkung konnte ich mir nicht leisten. Nicht, wenn doch so viel auf dem Spiel stand.
Ich zwang mich gerade dazu, mich wieder meinem Bildschirm zu widmen, als ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm und aufsah. Floris hatte sich vor meinem Tisch aufgebaut, ein voll beladenes Tablett in der Hand und ein entspanntes Lächeln im Gesicht. Mittlerweile teilten wir uns seit zwei Wochen ein Zimmer und mir war aufgefallen, dass er dieses Lächeln trug wie eine Rüstung: es war charmant und einstudiert, erreichte aber kaum seine Augen.
Und doch ging eine magnetische Anziehung von Floris aus, von der ungezwungenen Eleganz, die er trotz seiner eindrücklichen Größe ausstrahlte, von seinen grünen Augen, die amüsiert funkelten, wenn er sich über die „mittelalterliche“ Unterkunft beschwerte, von seinem lockeren Charme, mit dem er alle sofort für sich gewann.
„Darf ich mich zu dir gesellen?“, fragte er und schnappte sich bereits einen Stuhl. „An jedem anderen Tisch sieht es nach Erstsemestern aus und ich bin zu alt dafür zu erklären, was eine Kassette ist.“
Ich lachte auf. „Setz dich ruhig, es ist ein freies Land.“
„Den Spruch höre ich nicht zum ersten Mal.“ Er stellte sein Tablett ab und inspizierte den Inhalt mit der Art enttäuschter Bestürzung, mit der man normalerweise auf saure Milch reagiert. „Ich kann noch immer nicht fassen, was man hier als ausgewogene Ernährung verkauft. In Europa würde man diese Mahlzeit als Hilfeschrei bezeichnen.“
Ich warf einen Blick auf sein Tablett und konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Er hatte scheinbar einen Mix aus allen Optionen zusammengestellt: ein Stück Pizza, einen Burger, ein paar Pommes, eine Portion Pasta und ein trauriges Häufchen Gemüse.
„Willkommen zur wahren College-Kulinarik“, kommentierte ich, amüsiert über seine verstörte Reaktion. „Du lernst bestimmt bald, mit dem Angebot zurechtzukommen, sonst wird dein Appetit sicher schnell kreativ.“
„Kreativ?“ Floris piekste seinen Burger mit der Gabel, als erwartete er, dass sein Essen ihn gleich zurück piekste. „In den Niederlanden essen wir bevorzugt Gemüse, das man nicht mit Waterboarding gefoltert hat. Das auf meinem Teller sieht aus, als hätte es bereits Taten gestanden, die es gar nicht begangen hat.“
Widerwillens musste ich lachen. Seine trockene Art kombiniert mit dem leichten niederländischen Akzent machte alles gleich zehn Mal lustiger. „Die Salate hier sind ganz in Ordnung, aber alles andere könntest du durch einen Strohhalm zu dir nehmen. Was soll ich sagen, die USA sind eben nicht gerade für ihre Landesküche bekannt.“
„Weißt du, was mir noch aufgefallen ist?“, fuhr Floris fort und ich klappte meinen Laptop zu. Seine Bemerkungen waren einfach zu unterhaltsam, um sie mir entgehen zu lassen, und meine Arbeit konnte warten.
„Was?“
„Eure Portionsgrößen. Sie sind gigantisch. Der Burger ist ungefähr so groß wie mein Kopf. Soll mir das für das ganze Semester reichen oder muss ich mir den mit meinen Kommilitonen teilen?“
„Das ist noch gar nichts. Warte mal ab, bis du siehst, was es für ein Festmahl zu Thanksgiving gibt. Wir essen quasi immer weiter, bis wir uns selbst hassen, dann folgt ein Nickerchen und danach wird weitergegessen.“
Floris riss die Augen auf. „Du meinst von dem Truthahn und dem …“, er gestikulierte vage mit der Hand, „dem orangenen Zeug?“
„Dem Süßkartoffelauflauf. Mit Marshmallows oben drauf. Und ja, aber das ist noch lange nicht alles. Meine Mom macht ein hammer Cornbread Dressing. Das ist ein Maisbrotauflauf, der dein Leben verändern wird.“ Beim Gedanken an das Essen bei meiner Mom wurde mir ein wenig das Herz schwer. „Wobei nichts ihr Gumbo übertrifft.“
„Gumbo? Das ist doch die legendäre Suppe aus New Orleans, oder?“
„Gumbo als Suppe zu bezeichnen ist, als würdest du den Rhein einen Bach nennen. Es ist eher …“ Ich suchte nach Worten, die dem Gumbo meiner Mom gerecht werden konnten. „Es ist ein Topf voller Geschichte. Jede Familie hat ein eigenes Rezept, das von Generation zu Generation weitergegeben wird. Mom hat ihres von meiner Oma, die es von ihrer Mutter hatte. Das Geheimnis ist die Mehlschwitze. Wenn man sie nicht fast anbrennen lässt, macht man es falsch.“
„Anbrennen?“ Floris wirkte jetzt aufrichtig interessiert und ließ von seinem Angriff auf den Burger ab. „Absichtlich?“
„Man lässt sie fast anbrennen“, verbesserte ich ihn. „Sie muss dunkelbraun werden, wie Schokolade. Das braucht ewig und man steht so lange am Herd und rührt Mehl und Öl um, bis einem fast der Arm abfällt. Aber das verleiht Gumbo die geschmackliche Tiefe.“
„Das klingt faszinierend.“
„Was hat denn die niederländische Küche so zu bieten?“
Floris rutschte auf seinem Stuhl hin und her. „Na ja, wir sind auch nicht gerade für Haute Cuisine bekannt. Die meisten gehobeneren Restaurants daheim bieten französische Küche, weil die typischen Gerichte bei uns größtenteils quasi Bauerngerichte sind. Stamppot zum Beispiel. Der Name bedeutet Eingestampftes und das Essen besteht aus Kartoffelpüree mit Gemüse. Meistens wird es mit Speckwürfeln und Räucherwurst serviert, manchmal auch mit Soße oder Butter.“
„Kartoffelpüree mit Gemüse? Was für welches?“
„Kommt ganz drauf an. Karotten, Sauerkraut oder auch Brokkoli. Ich mag es am liebsten mit Grünkohl.“ Er grinste, als er meine Reaktion sah. „Ich weiß, ich weiß. Für Amis ist Grünkohl ein ausgefallenes Superfood, aber in den Niederlanden ist es ein traditionelles Wintergemüse. Essen für die Armen eigentlich. Allerdings wird es jetzt irgendwie wieder beliebt, weil plötzlich alle entdecken, dass es gesund ist.“
Ich konnte kaum den Blick von Floris abwenden, so ansteckend war seine Begeisterung. Die Maske, die er sonst so gewissenhaft trug, war verrutscht und darunter war etwas Aufrichtiges zum Vorschein gekommen. Seine Augen strahlten, während er von seiner Heimat erzählte, und er gestikulierte bei seiner Beschreibung niederländischer Hausmannskost mit den Händen.
„Klingt ganz schön herzhaft“, bemerkte ich und versuchte mir das Essen vorzustellen. „Bei uns in New Orleans gibt es etwas Ähnliches: dirty rice. Wir würzen das Ganze aber noch kräftig.“
„Für ein bisschen Gewürz könnte ich gerade töten. Bisher hat hier alles komplett fad geschmeckt.“ Tapfer aß Floris etwas von seinem Gemüse. Sein Gesichtsausdruck zeigte eine Abfolge verschiedener Emotionen, bevor er schließlich einfach nur noch resigniert wirkte. „Tja“, sagte er, als er den Bissen geschluckt hatte, „hoffen wir mal, dass die Vitamine nicht komplett zu Tode gekocht worden sind.“
„So lobt sich das. Du musst deine Ansprüche einfach weit genug runterschrauben, dann ist alles genießbar.“
„Du bist ein grottig schlechter Vertreter für die amerikanische Landesküche. Das weißt du, oder?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Warte mal ab, bis du um 2 Uhr nachts bei Taco Bell bist. Da geht die wahre kulturelle Bildung erst los.“
Seine grünen Augen funkelten amüsiert. „Ist das eine Drohung oder ein Versprechen?“
„Kommt darauf an, wie dringend in den letzten Semesterwochen dein Bedürfnis nach Essen ist.“
Ich beobachtete, wie er ein weiteres Stück von seinem Burger abschnitt und es irgendwie schaffte, selbst das Mensaessen elegant erscheinen zu lassen. Seine Handbewegungen waren gewandt und einstudiert, wahrscheinlich dank Jahren an Staatsbanketten und öffentlichen Veranstaltungen. Selbst hier, umgeben von Kommilitonen, die ihr Essen verschlangen, hatte er die perfekte Körperhaltung und vornehme Tischmanieren. Ich fand es irgendwie faszinierend, dass selbst das hier bei ihm edel aussah.
Andererseits hatte ich online noch kein einziges schlechtes Bild von ihm gefunden. Und ja, ich hatte ihn noch mal ein wenig gegoogelt. Dieses Mal hatte ich die aufdringlichen Webseiten der Klatschpresse ignoriert, auf denen immer wieder das Video von ihm auftauchte, das ich kaum mit meinem bisherigem Eindruck von ihm vereinbaren konnte. Stattdessen hatte ich mich auf offizielle Aufnahmen von ihm konzentriert, auf denen er verdammt attraktiv aussah.
Nicht, dass ich darauf geachtet hätte. Klar, ich hatte meine sexuelle Orientierung bereits vor Jahren akzeptiert und hatte kein Problem damit, schwul zu sein, aber daten und Beziehungen waren eine Ablenkung, die ich mir nicht leisten konnte. Meine Ziele waren zu wichtig, um zu riskieren, dass ich mich ablenken ließ, weil ich jemanden anziehend fand, egal wie elegant der Kerl gerade das unappetitliche Mensaessen verspeiste.
„Du starrst mich an“, kommentierte Floris mit breitem Grinsen. Wenn er wirklich lächelte, zeigten sich kleine Fältchen in seinen Augenwinkeln. Nicht das einstudierte Prinzenlächeln, das er sonst aufsetzte, sondern etwas Aufrichtigeres.
Hitze stieg mir ins Gesicht. „Tut mir leid. Ich habe gerade bloß“, fieberhaft suchte ich nach einer Erklärung, die sich nicht komisch anhören würde, „darüber nachgedacht, wie sehr sich unsere Herkunft kulinarisch unterscheidet.“
„Gut gerettet.“ Seine Augen funkelten amüsiert. „Aber ich wette, wir könnten auch Gemeinsamkeiten finden. Zum Beispiel verbindet unsere Heimatländer eine Vorliebe für Frittiertes. Du solltest mal bitterballen probieren. Das sind kleine frittierte Bällchen mit Rindsragout.“
„Klingt besser als das hier, was auch immer es darstellen soll.“ Ich deutete auf das rätselhafte Fleisch auf meinem Tablett. „Auch wenn ich sicher bin, dass nichts über New Orleans Beignets geht.“
„Ich wette, dass meine stroopwafels sie in den Schatten stellen.“
„Deine was?“
„Stroopwafels. Zwei dünne Waffelkekse mit Karamelsirup dazwischen.“ Er erstrahlte. „Hey, ich habe welche in unserem Zimmer. Anscheinend gibt es sie bei Walmart, was mich sehr freut. Willst du später einen probieren?“
Das Angebot überrumpelte mich. Ich vermied es eigentlich, mich näher mit meinen Zimmergenossen anzufreunden. Es machte alles komplizierter und sorgte nur für Erwartungen, die ich nicht erfüllen konnte, weil ich mich auf mein Studium konzentrierte. Aber Floris hatte irgendetwas an sich und es fiel mir schwer, die übliche Distanz zu wahren.
„Klar“, hörte ich mich sagen. „Danke.“
Beim Anblick seines Lächelns, so anders als sein übliches, einstudiertes, spürte ich ein Kribbeln im Bauch. Hastig wandte ich mich wieder meinem Laptop zu und rief mir in Erinnerung, warum ich hier war. Bauingenieurwesen. Katastrophen verhindern. Dad stolz machen. Ablenkungen konnte ich mir nicht leisten, selbst in Form eines großen, charmanten Niederländers mit freundlichem Blick und faszinierendem Essen.
Aber ein Waffelkeks konnte kaum schaden, oder?
„Also was vermisst du sonst noch so?“, fragte ich. „An Essen meine ich.“
„Vernünftiges Brot.“ Er gab einen dramatischen Seufzer von sich. „Schweres, dunkles Brot, das nicht nach Zucker schmeckt.
Und hagelslag.“
Es klang, als verschluckte er sich an zwei harschen g-Lauten. „Wie bitte?“
„Schokostreusel. Aber nicht wie die, die es hier gibt. Unsere sind anders. Zum Frühstück essen wir die mit Brot.“
Ich starrte ihn an. „Ihr esst Schokostreusel. Zum Frühstück.“
„Auf Vollkornbrot mit Butter!“, verteidigte er sich, als ob die Vorstellung dadurch akzeptabler würde. „Verurteile mich erst, wenn du es probiert hast. Auch wenn es wohl ein bisschen absurd klingt, wenn ich es so beschreibe.“
„Und das kommt von dem Kerl, der unsere Portionsgrößen kritisiert und sich darüber beklagt, wie ungesund unser Essen ist“, zog ich ihn auf. „Immerhin essen wir keine Dessertkomponenten zum Frühstück.“
Floris Lachen klang überraschend warm und aufrichtig, ganz anders als sein übliches höfliches Schmunzeln.
„Guter Punkt. Aber ich bleibe dabei, dass euer Gemüse Kriegsverbrechen begangen hat. Außerdem esst ihr Donuts zum Frühstück. Das ist doch sicherlich ungesünder als hagelslag.“
Wir schwiegen eine Weile, während er weiter aß.
„Und“, setzte Floris schließlich an und schob sein Tablett von sich, „woran arbeitest du?“
Ich versteifte mich leicht. „Eine Abgabe für Advanced Structural Analysis. Professor Gibbson gibt uns immer gleich zu Semesterbeginn etwas zu tun.“
„Ah.“ Er nickte weise. „Das erklärt, warum du so aussiehst, als hätten dir die Zahlen etwas angetan.“
„Haben sie vielleicht auch.“ Ich betrachtete meinen Laptop mit finsterem Blick. „Eine Aufgabe gibt sich besonders stur. Wir müssen die Tragfähigkeit einer Brücke berechnen, aber das Ergebnis kommt mir falsch vor.“
„Soll ich mal einen Blick darauf werfen? Vielleicht kann ich dir eine frische Perspektive bieten?“ Als ich zögerte, fügte er an: „Kein Problem, wenn nicht. Ist nur ein Angebot.“
Ich musterte ihn einen Moment lang. Nicht viele sahen sich gern zum Spaß Ingenieursberechnungen an, aber andererseits hatte Floris mich bereits mehrmals überrascht. Gestern Abend zum Beispiel, als er sich eine Dokumentation zum Thema Klimawandel angesehen hatte. Das hätte ich nun wirklich nicht von ihm erwartet. „Partyprinz“ hatte ihn die europäische Klatschpresse genannt, aber bisher hatte ich ihn noch kaum feiern sehen.
„Okay. Wieso nicht?“
Ich klappte den Laptop auf und Floris rutschte mit dem Stuhl zu mir. Plötzlich kam er mir nah genug, dass ich sein Parfum riechen konnte: ein dezenter, teurer Duft, der mich an kühle Herbstmorgen erinnerte. Als er sich vorbeugte, um meinen Bildschirm zu betrachten, streifte er mich an der Schulter. Für ein, zwei Minuten schwieg er, während er sich die Aufgabe durchlas und sich die Werte ansah.
„Wo soll diese Brücke hin?“, fragte er.
Sobald er es ausgesprochen hatte, wurde mir schlagartig klar, was ich übersehen hatte. „Umweltfaktoren. Die habe ich nicht richtig mitberechnet. Die Brücke soll in der Nähe von San Francisco stehen.“
„Erdbeben.“ Er nickte. „Und Temperaturschwankungen vermutlich auch? Ich weiß nicht, wie kalt es da im Winter wird.“
„Wind spielt auch eine Rolle. Letztens gab es sogar eine Tornado-Warnung, das müsste ich also auch mit einbeziehen. Ich habe den Standardwert für Umweltfaktoren genutzt, aber unter den Umständen sollte das Ergebnis deutlich geringer ausfallen. Danke.“
„Du hast dir das selbst erarbeitet. Ich habe lediglich eine Frage gestellt.“ Er lächelte und aus der Nähe konnte ich sehen, dass blasse Sommersprossen seine Nase zierten. „Hättest du Lust, eine stroopwafel zu probieren? Jetzt, wo ich dich vor einer mathematischen Krise gerettet habe.“
Ich warf einen Blick auf meine Uhr und stellte überrascht fest, dass wir uns bereits seit beinahe einer Stunde unterhielten. Es war … schön. Unkompliziert, obwohl Gespräche für mich sonst selten waren. „Ich sollte das erst noch fertig machen.“
„Ah, ja klar.“ Seine Fassade kehrte wieder zurück, jedoch nicht komplett. Noch immer lag Wärme in seinem Blick, während er sein Tablett mit dem kaum angerührten Essen mitnahm. „Danke für den kulturellen Austausch. Auch wenn ihr eine echt bedenkliche Vorstellung von Landesküche habt.“
„Lass mir einen Waffelkeks übrig“, bat ich ihn hastig, weil mich beim Anblick seines enttäuschten Gesichtsausdrucks ein unwohles Gefühl beschlich.
Sein Lächeln kehrte zurück. „Mache ich. Bis gleich?“ Ich nickte.
Mit seinen langen Beinen durchquerte er den Raum in großen Schritten und mein Blick klebte ihm im Rücken. Hätte ich Ja sagen sollen? Doch dann hätte er mich in weitere Gespräche verstrickt und ich hätte Probleme gehabt, mein Projekt fertig zu bekommen.
Ich musste mich konzentrieren. Ich hatte Ziele. Wichtige Ziele. Nicht zu meinem Plan gehörte es, mich vom ansteckenden Lachen meines Zimmergenossen ablenken zu lassen und davon, wie er komplett erstrahlte, wenn er über ein Thema redete, das ihm am Herzen lag.
Auch wenn das blaue Henley-Shirt seine grünen Augen perfekt betonte und er darin unverschämt gut aussah. Auch wenn die enge Jeans seinen runden Hintern betonte.
Nein. Daran würde ich nicht denken.
Hinter meinem Zimmergenossen mochte mehr stecken als erwartet, aber ich konnte mir nicht leisten, es genauer herauszufinden.