Kapitel 1
Shane
Juli
Noch nie in seinem ganzen Leben hatte Shane etwas so sehr gewollt. Sein Ziel befand sich genau vor ihm, zum Greifen nah, und nichts würde ihn davon abhalten, es zu erreichen.
„Träum weiter, Hollander“, rief eine heisere Stimme von hinten.
Shanes Brustkorb fühlte sich an, als würde er gleich explodieren, aber er schnaubte nur, riss sich zusammen und weigerte sich, aufzugeben. Das Geräusch von Sneakern auf Erde und Shanes eigener Herzschlag übertönten fast das Lachen hinter ihm. Shane versuchte, alles um sich herum einfach zu ignorieren, während er sich auf den Weg vor sich und dessen Ende konzentrierte.
Plötzlich tauchte Ilya neben ihm auf. Er war vollkommen verschwitzt und hatte sein T-Shirt zu einem Ball in seiner Faust zerknüllt. Ilya zwinkerte ihm zu, bevor er an ihm vorbeizog wie eine Figur aus einem Zeichentrickfilm. Shane stöhnte frustriert und versuchte, ihn wieder einzuholen, aber Ilyas lange Beine und seine schier übernatürliche Ausdauer machten dieses Vorhaben unmöglich.
Ilya erreichte das Ende schließlich als Erster, riss die Arme siegreich in die Luft und ließ sich dann auf das Gras am Rand des kleinen Parkplatzes fallen.
Shane stolperte atemlos über ihn und fluchte. Er stützte seine Hände auf die Knie und wartete darauf, dass das Atmen nicht mehr wehtat.
„Fick“, keuchte er, „dich.“
Ilya rollte sich auf den Rücken und schüttelte sich vor Lachen, während er sich die Stirn mit dem feuchten T-Shirt abwischte, das er immer noch in der Hand hielt. „Ich hätte dich fast gewinnen lassen.“
„Lügner.“
„Die Aussicht war nicht schlecht. Von hinten. Fast gut genug, um dort zu bleiben.“
Shane hatte keine Ahnung, wie sein Freund in der Lage war, vollständige Sätze zu bilden. „Sei still.“
„Ich mag diese kleinen Shorts.“
Shane lachte daraufhin, aber es klang eher wie eine angestrengte Dampfmaschine. „Danke.“
Ilya stützte sich auf seine Ellbogen. Er schloss die Augen, legte seinen Kopf in den Nacken und ließ ihn langsam von einer Seite auf die andere rollen. Seine Haare waren klatschnass, einzelne Locken klebten an seinem Gesicht und in seinem Nacken, und seine Brust glänzte vor Schweiß. Das Kreuz, das er immer an einer Kette um den Hals trug, ruhte jetzt auf seiner Schulter.
Shane ließ sich neben ihm auf die Knie sinken. „Wie kannst du so viel schneller sein als ich? Das ergibt überhaupt keinen Sinn.“
Ilya öffnete ein Auge. „Vielleicht solltest du Kohlenhydrate essen.“
„Ich esse gesunde Kohlenhydrate.“
„Du isst Kaninchenfutter.“
„Du rauchst.“
„Fast nie.“
„Gestern Abend hast du geraucht.“
„Woher weißt du das?“
„Ich habe eine Nase.“
Ilya stupste Shane auf besagte Nase. „Eine sehr niedliche.“
Shane versuchte, ihn böse anzuschauen, scheiterte jedoch, als Ilya ihn auf diese besondere Art und Weise anlächelte. Stattdessen richtete er vorsichtig Ilyas Kette, sodass das Kreuz nun wieder in der Mitte seiner Brust lag.
„Du magst also die Shorts, hm?“ Sie waren kürzer als die Basketballshorts, in denen Shane sonst trainierte, weil er mal etwas Neues ausprobieren wollte. Außerdem waren seine Haare länger als jemals zuvor. Er hatte sie während der Playoffs wachsen lassen, und Ilya hatte protestiert, als Shane fand, dass es Zeit wäre, sie abzuschneiden. Allerdings hatte er zugestimmt, dass Shanes karger Versuch eines Playoff-Barts verschwinden durfte.
Ilya fuhr mit einem Finger den Saum der Shorts entlang, wo sie gegen Shanes Oberschenkel spannte. „Ich glaube, dein Schwanz würde den Stoff einfach zerreißen, wenn du jetzt hart wirst.“
Oh, wow. Gott. Shane sah sich schnell um. Sie waren zwar die Einzigen auf dem Parkplatz, der von allen Seiten von großen Bäumen umgeben war, aber dennoch befanden sie sich in der Öffentlichkeit. „Lass uns das nicht hier testen.“
Ohne jedwede Vorwarnung packte Ilya ihn und rollte sie beide herum, bis Shane auf dem Rücken und Ilya ausgestreckt auf ihm lag und er zu ihm heruntergrinste.
Shane drückte gegen Ilyas verschwitzte Brust. „Du bist widerlich.“
„Sind wir beide.“ Ilya neigte den Kopf und küsste Shane schnell.
„Das reicht“, sagte Shane und klang dabei nicht, als würde er es ernst meinen. „Wir sollten nach Hause gehen. Duschen.“
„Okay.“ Ilya sprang von Shane herunter und hielt ihm eine Hand hin, um ihm aufzuhelfen.
„Du hast zu viel Energie“, grummelte Shane, als er die Hand ergriff und sich hochhelfen ließ.
„Ich habe Ideen, wie ich die loswerden könnte“, erwiderte Ilya.
Gott, Shane wollte nichts lieber. „Wir haben gleich unseren Termin mit Farah.“ Er ging Richtung Auto.
Hinter ihm seufzte Ilya schwer. „Warum nochmal haben wir den Termin?“
„Weil sie unsere Agentin ist und es zu ihrem Job gehört, ab und an nach uns zu schauen.“
Ilya war letztes Jahr zu Shanes Agentin gewechselt, nachdem er sich von seinem russischen Agenten getrennt hatte, der ihn seit seinen Teenagertagen betreut hatte. Er wollte einen kanadischen Agenten und Shane konnte Farah Jalali nicht hoch genug loben. Mal abgesehen davon, dass sie eine großartige Agentin war, hatte sie Shane bedingungslos unterstützt, als er ihr vor zwei Jahren erzählt hatte, dass er schwul war.
„Wir könnten es ihr vielleicht sagen“, meinte Ilya.
„Ihr was sagen?“
„Das von uns.“
„Was? Heute? Jetzt?“ Trotz der sommerlichen Hitze und der Tatsache, dass sich sein Herzschlag vom Laufen immer noch nicht beruhigt hatte, wurde ihm plötzlich eiskalt.
Ilya zuckte leichthin die Schulter. „Wahrscheinlich weiß sie es schon.“
Die Panik, die in Shane wohnte, begann Alarm zu schlagen. „Warum sollte sie es wissen?“
„Wir sind zusammen in deinem Cottage. Du bist schwul. Ich bin heiß.“
„Es ist ein bisschen … zeitig. Wir sollten da mehr drüber reden. Uns Gedanken machen, wie wir es verpacken und …“
Ilya blickte ihn mit einer Mischung aus Zuneigung und Frust an. „Ist nicht so kompliziert. Und wenn sie nicht auf unserer Seite ist, sollte sie nicht unsere Agentin sein.“
Shane kaute auf seiner Unterlippe herum, während er über die nicht zu leugnende Wahrheit in Ilyas Worten nachdachte. „Sie wird auf unserer Seite sein.“
„Ich weiß. Also sagen wir es ihr.“
***
Das gemeinsame Duschen dauerte länger, als unbedingt nötig gewesen wäre, weswegen Shane sich immer noch in sein T-Shirt kämpfte, als Farahs FaceTime-Anfrage bereits auf seinem Telefon aufleuchtete. Ilya trug lediglich eine Unterhose.
„Soll ich rangehen?“, fragte Ilya und nahm Shanes Telefon von der Kommode.
„Nein! Zieh dich an!“ Shane schnappte sich sein Telefon und nahm Farahs Anruf an, woraufhin ihr wie immer elegant geschminktes Gesicht sofort den Bildschirm ausfüllte.
„Hi, ihr“, sagte sie fröhlich. „Oder zumindest: Hi, Shane.“
„Ilya ist auch hier. Er muss nur …“ Shane vergaß, was er sagen wollte, da er plötzlich von Ilyas tiefsitzender Shorts und seinem nackten Oberkörper abgelenkt war.
„Hi, Farah“, rief Ilya.
Farah lächelte, da sie vermutlich mittlerweile wusste, wie sie trotteligen Eishockeyspielern umzugehen hatte. Sie war nur etwa zehn Jahre älter als Ilya und Shane, schien aber doppelt so erwachsen, als sie beide je sein würden. „Hi, Ilya. Wie läuft euer Sommer?“
„Sehr gut“, antwortete Shane vielleicht ein wenig zu enthusiastisch. Er war nervös. Und außerdem hatte er gerade bemerkt, dass sie sich für diesen Videoanruf in seinem Schlafzimmer befanden, was vermutlich ein wenig merkwürdig war. Er setzte sich auf die Bettkante und hielt das Telefon auf Augenhöhe. „Und wie ist dein Sommer?“
„Ich hab viel zu tun.“
Ilya setzte sich neben Shane aufs Bett und war immer noch damit beschäftigt, sein T-Shirt zu richten. Farah blickte zwischen ihnen beiden hin und her und stellte dabei höchstwahrscheinlich fest, dass sie beide nasse Haare hatten.
Fuck. Das war doch lächerlich.
„Bevor wir über … andere Dinge reden“, begann Shane, „gibt es da etwas, das wir dir sagen wollen.“
„Ich bin ganz Ohr.“
Shane fing Ilyas Blick ein. Ilya legte seine Hand auf Shanes Knie und drückte es.
„Also“, sagte Shane langsam, „du weißt ja, dass ich schwul bin.“
„Natürlich. Das hast du mir erzählt.“
„Jaa, also die Sache ist die …“
„Ich bin bisexuell“, platzte es aus Ilya heraus.
Farahs Lippen bogen sich zu einem Lächeln. „Ich denke, ich kann mir vorstellen, worauf das hier hinausläuft“, sagte sie ruhig.
Nun wussten sie also, wie einfach es für jeden da draußen wäre, eins und eins zusammenzuzählen, wenn sie nur über Ilyas Sexualität Bescheid wüssten.
„Ja“, sagte Shane, „ich kann mir vorstellen, dass du das kannst.“
„Wir sind ein Paar“, sagte Ilya nur für den Fall, dass sie vielleicht doch danebenlag.
„Tut mir leid“, entschuldigte sich Shane. „Ich weiß, dass das keine leichte Aufgabe für dich wird.“
„Kein Grund, sich zu entschuldigen. Ich mag euch beide, und ich freue mich für euch.“ Sie lachte. „Aber ich kann nicht sagen, dass das auf meiner Bingokarte für heute stand. Darf ich fragen, wie lange ihr schon zusammen seid?“
Shane und Ilya lächelten einander an, bevor Ilya antwortete: „Lange. Viele Jahre.“
„Dann ist es also nicht ganz frisch“, meinte Farah mehr zu sich selbst als zu ihnen beiden, wie Shane annahm. „Auf die Gefahr hin, dass es eine blöde Frage ist, aber: Ist es was Ernstes?“
„Sehr ernst“, sagte Ilya. Shanes Herz schlug einen Salto, so wie jedes Mal, wenn Ilya deutlich machte, wie viel Shane ihm bedeutete.
„Wollt ihr es irgendwem erzählen?“, fragte Farah weiter.
„Nein“, sagte Shane in dem Moment, als Ilya „Noch nicht“ sagte.
„Wir wollten nur, dass du Bescheid weißt“, stellte Shane klar. „Nicht viele Menschen wissen davon, aber wir dachten, du solltest zu diesem Kreis gehören.“
Farah nickte. „Ich bin auf eurer Seite. Was immer ich für euch tun kann, werde ich tun. Wie ihr sicher wisst, gab es bisher in der NHL noch keine Rivalen, die eine Beziehung miteinander geführt haben, also bewegen wir uns auf vollkommen neuem Terrain. Was immer also passiert, es wird definitiv nicht langweilig werden!“
„Langweilig wäre für mich nicht schlimm“, murmelte Shane.
„Shane liebt langweilig“, pflichtete Ilya ihm bei.
Farah lachte erneut. „Nun denn, gut, denn ich habe eine ganze Liste an langweiligen Dingen, die wir zusammen durchgehen müssen.“
Sie sprachen über Sponsoringanfragen, über den Veröffentlichungstermin der Dokumentation, die ESPN über ihre Rivalität gedreht hatte, über Shanes Vertrag bei Montreal, der am Ende der kommenden Saison auslaufen würde, und über die Charity-Hockeycamps, die nächste Woche beginnen würden. Wenn man Shane fragte, war nichts von alledem langweilig.
„Ich freue mich auf die Doku“, sagte Farah. „Die über Scott Hunter war großartig.“
„Hab ich nicht gesehen“, erwiderte Ilya trocken.
„Ich nehme nur an, dass sie bei euch beiden nicht eure echte Geschichte eingefangen haben.“
Nein. Ilya und Shane waren beide sehr darauf bedacht gewesen, davon nicht auch nur das kleinste bisschen preiszugeben. Nicht, dass sie bei der Entstehung der Doku besonders viel involviert gewesen wären. Sie hatten getrennte Interviews gegeben, und am Ende der letzten Saison hatten sie es ertragen, dass ihnen eine Filmcrew für ein paar Tage folgte – allerdings auch wieder separat –, aber soweit Shane wusste, würde die Dokumentation zum Großteil aus bereits vorhandenem Filmmaterial von Spielen und Interviews mit anderen Menschen bestehen.
Kaum, dass ihr Anruf mit Farah zu Ende war, drückte Ilya Shane auf die Matratze, hielt seine Handgelenke fest und küsste ihn, bis ihm der Atem wegblieb.
„Das lief ganz gut“, gestand Shane zwischen zwei Küssen.
„Lief großartig. Wie ich gesagt hab.“
Shane liebte Ilya so sehr, dass es ihm an einigen Tagen körperliche Schmerzen bereitete, es für sich zu behalten. Er wollte keine schwule Ikone werden oder sich mit der Aufmerksamkeit auseinandersetzen müssen, die ihnen die Hockeywelt zuteilwerden lassen würde, wenn sie jemals mit ihrer Beziehung an die Öffentlichkeit gingen, ganz egal, ob diese Aufmerksamkeit positiv oder negativ ausfiele. Aber Shane wünschte, er könnte Ilya ganz offen lieben, ohne dass sich irgendjemand übermäßig dafür interessierte.
Eines Tages vielleicht. Nachdem sie beide ihre Karrieren beendet hätten. Shane kannte einige NHL-Stars, denen es gelungen war, nach ihrem Karriereende ohne Probleme von der öffentlichen Bildfläche zu verschwinden. Manchmal auch, ohne das wirklich zu wollen. Irgendwann hörte die Welt einfach auf, sich für sie zu interessieren.
Im Augenblick aber befanden sich Shane und Ilya mit neunundzwanzig Jahren auf dem Höhepunkt ihrer Karrieren. Shane hatte sein Team gerade erst zu ihrem dritten Stanley Cup-Sieg geführt, und während Ilya zwar Kapitän eines wesentlich schwächeren Teams war, zog er aufgrund seiner Bekanntheit dennoch ein paar Leute in die Arena von Ottawa. Beide waren sie Superstars, und beide hatten noch jede Menge Hockeyzeit vor sich. Shane hatte fest vor, noch mindestens zehn Jahre zu spielen, und er nahm an, dass es Ilya nicht anders ging.
Was bedeutete, dass sie sich vermutlich noch zehn weitere Jahre würden verstecken müssen. Aber Shane würde es tun. Für Ilya würde er alles tun. Shane hatte ihm einmal gesagt, dass er für ihre Beziehung bereit wäre, zu warten, und das meinte er auch so.
„Warum wirst du traurig?“, fragte Ilya.
Shane blinzelte ihn an. „Tut mir leid, es ist nichts.“ Er küsste ihn schnell. „Ich liebe dich.“
Ilya lächelte sein ganz besonderes schiefes, sexy Lächeln. „Natürlich. Warum solltest du auch nicht?“
Kapitel 2
Ilya
Ilya träumte von seiner Mutter.
Irgendwie wusste er, dass er träumte, aber dennoch verkrampfte sich sein Magen, als er über den ihm so vertrauten Rasen hinter Shanes Cottage lief, wo er einen bleichen Arm schlaff aus der Hängematte hängen sah. Genauso wie er damals von ihrem Bett heruntergehangen hatte, als Ilya zwölf Jahre alt gewesen war.
In seinem Traum aber bewegte sich der Arm. Ihr Handgelenk drehte sich und ihre Finger tanzten, als bewegten sie sich zu irgendeiner Musik. Ilya lächelte und ging schneller.
„Mom“, sagte er, als er bei ihr ankam – auf Englisch, obwohl er nicht wusste, warum. Irina Rozanova lächelte ihn aus ihrer Hängematte heraus an – aus genau der Hängematte, die Shane und er letzten Sommer gemeinsam aufgehangen hatten –, und sie sah jung und schön und so wunderbar entspannt aus. Sie sagte nichts, lächelte nur und nahm seine Hand.
„Shane ist im Haus“, erzählte Ilya ihr. „Ich will, dass du ihn kennenlernst.“
Sie lächelte noch mehr, aber schwieg weiterhin. Ilya sah zum Haus hinüber, wo er die Silhouette seines Partners im Küchenfenster erkennen konnte. Ilya winkte ihm zu, und Shane entfernte sich vom Fenster. Gut, dann würde er gleich hier sein.
Während Ilya wartete, sah er zu seiner Mutter und wusste, dass das hier nicht von Dauer war. Er würde aufwachen und sie würde verschwinden. Aber dennoch wollte er, dass sie Shane kennenlernte.
Nur ließ Shane sich verdammt viel Zeit. Er war nirgendwo zu sehen, als Ilya sich wieder zum Haus umdrehte, und Panik begann, von ihm Besitz zu ergreifen.
Irina streichelte seine Hand. Sie lächelte noch immer, aber es sah nun angestrengt aus und ihre Haut schimmerte gräulich.
„Nein“, sagte Ilya. „Warte. Er wird gleich hier sein.“
Irgendwo in der Nähe begann ein nerviger Vogel zu zwitschern und Ilya hielt die Hand seiner Mutter fester. „Bitte … warte. Geh nicht.“
Alles fiel in sich zusammen. Der Vogel verwandelte sich in Ilyas Wecker und Ilya fand sich in Shanes Bett in Montreal wieder.
Er knurrte sein Telefon an, während er den Wecker ausschaltete, dann kniff er die Augen zusammen und versuchte zurück in seinen Traum zu gelangen.
Vergeblich.
Ilya streckte eine Hand nach Shane aus, musste allerdings feststellen, dass dessen Bettseite leer war. Und kalt.
Gott, wie lange war Shane schon wach?
Es war der erste Tag der Charity-Hockeycamps für diesen Sommer, also würde es Ilya nicht wundern, wenn Shane bereits seit einiger Zeit auf den Beinen war. Wahrscheinlich sollte er auch aufstehen und ihn suchen.
Er drehte sich auf den Rücken und atmete geräuschvoll aus, womit er versuchte, den Strudel an Gefühlen zu bewältigen, den diese Träume jedes Mal in ihm verursachten. Die Freude, seine Mutter endlich wiederzusehen, der Kummer, wenn er feststellte, dass nichts davon Realität war, und der Frust, dass Shane nicht schnell genug war. Es ihm nicht wichtig genug war. Gerade dieses letzte Gefühl musste Ilya mehr als alle anderen loswerden, denn es war irrwitzig. Shane war es wichtig. Shane war es sogar so wichtig, dass er vorgeschlagen hatte, die Stiftung nach Ilyas Mutter zu benennen.
Er schlüpfte in eine Jogginghose und ging in Richtung Küche, wo er Shane am Tisch sitzend vorfand. Er trug bereits ein Poloshirt mit einem Aufdruck vom Camp und starrte durch die Gläser seiner Brille auf seinen Laptopbildschirm.
„Morgen“, sagte Ilya.
„Hey“, entgegnete Shane, ohne vom Bildschirm aufzublicken. „Ich schau mir gerade die medizinischen Infos der Kinder an. Da sind so viele verschiedene Sachen. Einige Kinder sind auf Eier allergisch.“
„Dann bewerfen wir sie diesmal nicht mit Eiern.“
„Ich mein’s ernst! Was ist, wenn was schiefläuft?“
„Ist letztes Jahr auch nicht passiert.“
„Ich weiß, aber es könnte trotzdem sein.“
Ilya durchquerte den Raum und stellte sich direkt hinter Shane. Er legte seine Hände auf Shanes Schultern und drückte diese sanft. „Wahrscheinlich passiert irgendwas. Jemand wird krank oder verletzt sich. Aber das ist okay. Ist Hockey. Mit Kindern.“
Er fuhr mit seinen Fingern durch die langen Haarsträhnen an Shanes Hinterkopf. Ilya mochte die Länge; er mochte, wie dieser Haarschnitt zu Shanes Verwandlung passte, wann immer nur sie beide zusammen im Cottage waren. Dann war Shane entspannt und sogar ein klein wenig albern.
Shane rieb sich unter den Brillengläsern die Augen. „Ich will nicht, dass diese Woche eine Katastrophe wird.“
„Du machst dir zu viele Gedanken.“
„Du hast leicht reden“, grummelte Shane. „Schließlich schickt dir deine Mutter nicht die ganze Woche über Nachrichten mit jedem noch so kleinen Detail dieses verdammten Camps.“
Ilyas Hände fielen von Shanes Schultern an seine Seiten. „Nein“, sagte er leise. „Das hat sie nicht.“
Es war früh am Morgen, Shane hatte vermutlich kaum geschlafen und war wahrscheinlich noch verkrampfter als sonst, also entschied Ilya, den unsensiblen Kommentar einfach zu vergessen. Er wusste, dass Shane es nicht so meinte. Genauso, wie er wusste, dass er nicht wütend auf Shane sein durfte, weil er in Ilyas immer wiederkehrenden Träumen nicht sofort nach draußen rannte, um Ilyas Mutter kennenzulernen.
Stattdessen machte Ilya Kaffee, denn wie es schien, hatte Shane das noch nicht getan.
„Wo ist Yuna?“, fragte Ilya, als ihm plötzlich auffiel, dass sie nicht in der Küche war. Während der Campwoche wohnte sie bei ihnen. Shanes Vater, David, war zu Hause in Ottawa, da er arbeiten musste.
Shane schnaubte. „Sie ist vor vierzig Minuten zur Eishalle gefahren.“
Nachdem Ilya Shanes Eltern besser kennengelernt hatte, musste er überrascht feststellen, dass Shane – der ehrgeizigste Overachiever, den Ilya je getroffen hatte – offenbar der Faulpelz der Familie war. „Und wie oft hat sie dir seitdem geschrieben?“
„Zu oft. Heute Nachmittag kommt ein Team der lokalen Presse, glaube ich. Das Ganze ist auf Französisch, also werde ich mit ihnen sprechen.“
„Okay.“
„Ich weiß, es ist nervig, dass sie ausgerechnet am ersten Tag kommen, aber …“
„Ist okay.“
Shane drehte sich auf seinem Stuhl um. „Glaubst du, wir sind gut vorbereitet?“
„Keine Ahnung“, erwiderte Ilya sanft. „Wir haben nur acht professionelle Hockeyspieler, die das Ding leiten. Glaubst du, das reicht, um ein paar Kindern beizubringen, wie man Hockey spielt?“
„Ich bin nur …“ Was auch immer Shane sagen wollte, ging in einem frustrierten Seufzer unter.
Ilya packte die Rückenlehne von Shanes Stuhl und zog ihn vom Tisch und seinem Laptop weg. Er hockte sich vor ihn hin und legte seine verschränkten Arme auf Shanes Knie. „Das bist einfach du.“
Ilya freute sich auf die Camps – letztes Jahr hatten sie eine Menge Spaß gemacht –, aber er mochte nicht, wie schnell Shane sich in sein übliches, verspanntes Selbst zurückgezogen hatte. Sie hätten diese Wochen genauso gut im Cottage verbringen können, während sie in der Küche zusammen lachten, sich im See gegenseitig untertauchten, und entspannten, ausgiebigen Sex an einem Ort hatten, an dem sie sicher und allein waren. Ilya könnte gerade jetzt auf dem Steg sitzen, während seine Füße im Wasser baumelten und Shanes Kopf auf seinem Schoß lag.
Aber diese Camps waren ihnen beiden wichtig. Sie würden Geld für Organisationen und Initiativen sammeln, die Menschen mit psychischen Erkrankungen halfen. Menschen, die damit kämpften, wie Ilyas Mutter damit gekämpft hatte.
Die Sorge verschwand zwar nicht aus Shanes Blick, aber seine Stimme war sanft, als er sagte: „Was, wenn jemand das mit uns herausfindet?“
„Wir sind sehr gut darin, es geheim zu halten“, erwiderte Ilya. „Wir machen das schließlich schon jahrelang. Und wir haben es letztes Jahr auch geschafft.“
„Naja! Ryan Price hat uns verdammt nochmal dabei erwischt, wie wir uns geküsst haben. Was, wenn das wieder passiert?“
Ilya grinste. „Kannst du mir so schwer widerstehen?“
Shane trat leicht gegen Ilyas Knöchel. „Als ob. Um dich mach ich mir Sorgen.“
„Ich werde versuchen, mich zurückzuhalten.“
Shane spielte mit einer von Ilyas Locken nahe seinem Ohr. „Keine Küsse“, sagte er streng. „Nicht einmal hinter verschlossenen Türen, okay? Nicht, bis wir zu Hause sind.“
„Ja, kein Problem. Ich kann dich eh kaum leiden.“ Ilya widersprach sich selbst, indem er seine Wange an Shanes Handfläche schmiegte.
„Außerdem mache ich mir Sorgen wegen Hayden“, gestand Shane.
„Dass er dich küssen könnte?“
„Nein! Dass er uns auffliegen lässt, meine ich.“
Ilya schnaubte. „Ist schon möglich. Er ist nicht clever.“
Hayden Pike war Shanes Mannschaftskamerad und aus Gründen, die Ilya nicht verstand, war er auch einer der wenigen Menschen auf diesem Planeten, die die Wahrheit über Shanes und Ilyas Beziehung kannten. Und er war Trainer in ihrem Camp, obwohl Ilya zu bedanken gegeben hatte, dass Hayden absolut ungeeignet war.
Shane zog fest an der Locke, die er bis dahin vorsichtig um seinen Finger gewickelt hatte. „Er ist mein bester Freund.“
„Ich dachte, ich wär dein bester Freund.“
„Hayden ist mein bester Freund, den ich nicht küsse“, stellte Shane klar.
„Schade für Hayden.“ Ilya richtete sich auf, verweilte kurz auf halber Strecke nach oben, um Shane einen Kuss zu geben, und ging dann zur Kaffeemaschine hinüber. Er goss zwei Tassen schwarzen Kaffee ein, stellte eine davon neben Shanes Laptop und verfeinerte seinen eigenen Kaffee dann mit Sahne und Zucker. Shane hielt sich strikt an irgendeine Diät zur Verbesserung seiner Leistungsfähigkeit, sodass sämtliche Milchprodukte im Haushalt für Ilya waren.
„Danke“, murmelte Shane etwa eine Minute, nachdem Ilya ihm seinen Kaffee hingestellt hatte. Jetzt blickte er auf sein Telefon.
„Schon wieder Yuna?“
„Ja.“
„Sollen wir los?“
„Nein. Ist schon okay. Genieß deinen Kaffee.“ Shane stand auf und wandte sich Ilya zu. „Wie hast du geschlafen?“
„Gut“, log Ilya. „Wahrscheinlich besser als du.“
„Wahrscheinlich.“ Shane setzte seine Brille ab und ließ seinen Blick dann über Ilyas Körper wandern. „Du bist so unfair attraktiv am Morgen, weißt du das?“
Ilya grinste. „Sag’s mir auf Russisch.“
Shanes Nase zog sich vor Konzentration kraus. „Ähm … ty ochen’ krasiv?“
Ilyas Herz machte einen kleinen Hüpfer, wie es das immer tat, wenn Shane versuchte, Russisch zu sprechen. „Fast.“
„Nein. Sag mir, wie ich es besser formulieren kann“, verlangte Shane.
Statt dieser Bitte nachzukommen, küsste Ilya ihn langsam und ausgiebig, während Shanes Hände über Ilyas nackte Brust glitten.
„Du musst dir was anziehen“, murmelte Shane. „Und was essen.“
„Ich hol mir auf dem Weg was bei McDonald’s.“
„Ekelhaft.“ Shane ging einen Schritt nach hinten und nahm sich seinen Kaffee. „Ich meine das ernst: Keine Küsse heute. Und sei nicht so … sexy.“
„Unmöglich.“
„Du weißt genau, was ich meine. Keine Anzüglichkeiten.“
„Anzü… was? Hat das was mit Sex zu tun?“
„Kein Geflirte. Und versuch auch nicht, mich irgendwie anzutörnen. Sei professionell.“
Ilya stellte sich dicht vor ihn hin. „Ich muss gar nicht versuchen, dich anzutörnen, moy lyubimyy.“
Shanes Lippen glitten auseinander und er kam Ilya etwas näher. Dann blinzelte er und sagte: „Das. Genau das. Wehe du machst heute irgendetwas in diese Richtung.“
Ilya ließ seinen Finger Shanes Wange hinunter wandern. „Warum? Bist du angetörnt?“
„Nein. Und sobald ich dich eins dieser ekligen Frühstückssandwiches essen sehe, werde ich dich eh nie wieder küssen wollen.“
Ilya lachte. „Dann esse ich besser zwei. Nur, um sicherzugehen.“
***
Shane
„Willkommen zu Camp Rozanov“, verkündete Ilya.
„Buuuuuh“, machte Wyatt Hayes, was die Kinder zum Lachen brachte.
„Heißt es nicht so?“, fragte Ilya unschuldig. „Ich dachte, darauf hätten wir uns geeinigt.“
Shane konnte nur seinen Kopf schütteln und seine Lippen fest aufeinanderpressen, um sein Grinsen in Schach zu halten.
„Es heißt Game Changers Hockey Camp!“, rief eins der Kinder.
„Ach. Ehrlich? Camp Rozanov klingt besser. Ich bin Ilya und das ist mein Kumpel Shane.“
„Hi“, sagte Shane.
„Jeder weiß, dass Shane und ich uns sehr mögen und wir immer gut miteinander auskommen“, fuhr Ilya fort, woraufhin die Kinder wieder lachten. Einige protestierten auch. „Aber für den Fall, dass wir uns … uneinig … sein sollten, haben wir noch mehr Freunde mitgebracht, um zu helfen. Der Trainer für die Goalies wird Wyatt Hayes sein, der mit mir in eurem Lieblingsteam, den Ottawa Centaurs spielt.“
Einige Kinder waren mutig und buhten.
„In dieser Woche sind wir alle im selben Team“, sagte Wyatt grinsend. „Spart euch das Buhen für den Winter auf.“
„Und dann haben wir noch Leah Campbell, die mehr Medaillen und Trophäen zu Hause hat als jeder andere hier, glaube ich.“
„Mehr als doppelt so viele“, sagte Leah fröhlich. „Nicht, dass ich zählen würde, oder so.“
Ilya schlug seinen Schläger applaudierend aufs Eis und die Kinder und Trainer folgten seinem Beispiel. „Für euch Abwehrspieler und -spielerinnen sind Ryan Price – das ist der große, attraktive Mann da drüben …“
„Ähm, hi“, sagte Ryan leise, während er nervös auf seine Skates schaute.
„… und J.J. Boizeau, der große und irgendwie auch attraktive Mann neben ihm, eure Trainer.“
„Pass bloß auf, Rozanov“, sagte J.J. und Shane wusste, dass die Worte nur halb im Scherz gemeint waren. J.J., einer von Shanes Vizekapitänen und engsten Freunden, war nicht besonders angetan gewesen, als er erfahren hatte, dass Shane und Ilya befreundet waren. Mittlerweile war er größtenteils darüber hinweg, allerdings hatte er sich, wie auch Hayden, nie für Ilya begeistern können. Und Shane war ganz sicher nicht bereit, J.J. zu erzählen, dass er und Ilya mehr als nur Freunde waren. Noch nicht.
Anders als Ilyas Stichelei suggerierte, war J.J. unbestreitbar attraktiv, jedoch hätten er und Ryan Price nicht unterschiedlicher sein oder aussehen können. Ryan hatte helle Haut, nervöse braune Augen, rote Haare und einen Bart, der im Moment so kurz getrimmt war, wie Shane ihn in der Vergangenheit nur selten gesehen hatte. Außerdem litt er unter einer Angststörung, was einer der Gründe war, warum er bereits mit dreiunddreißig Jahren seine Karriere beendet hatte. J.J. war mit einer Körpergröße von etwas über zwei Metern fast so groß wie Ryan und genauso breit gebaut, allerdings hatte er dunkle Haut, kurzes Haar, einen Quebecer Akzent mit einem Hauch vom Haitianischen Kreol seiner Eltern, und unendlich viel Selbstvertrauen.
Der andere große Unterschied zwischen den beiden bestand darin, dass Ryan Price Shanes und Ilyas Geheimnis kannte. Letztes Jahr, am Ende des ersten Camptages, hatte er die beiden bei einem Kuss überrascht. Shane wusste immer noch nicht viel über Ryan, weil es ihm zu peinlich war, ihm auch nur in die Augen zu sehen, aber Ryan war selbst schwul und redete nicht viel. Und soweit Shane das beurteilen konnte, hatte er ihr Geheimnis für sich behalten.
„Und was die Angriffsspieler und -spielerinnen betrifft“, fuhr Ilya fort, nachdem die Kinder aufgehört hatten, ihn zu tadeln, „gibt es noch mich und Shane und außerdem Max Riley, den ihr aus der kanadischen Nationalmannschaft kennt. Und, weil er Leahs Mann ist.“
Shane freute sich, dass Max genauso viel Hockeyschlägerapplaus bekam wie die anderen. Ilya hatte vorgeschlagen, ihn als Trainer einzuladen, und Shane hatte sofort zugestimmt. Max hatte in den letzten Jahren immer wieder im Medienfokus gestanden, nachdem er sich als Transmann geoutet hatte. Er hatte jahrelang mit seiner Frau für die kanadische Nationalmannschaft gespielt – unter anderem bei zwei Olympischen Spielen –, hatte aber seit seinem Coming-out kein Team mehr. Er war ein aktiver Fürsprecher für die Rechte von Transpersonen im Sport, und Shane freute sich, dass sowohl er als auch Leah Teil ihres Trainerstabes waren. Nicht nur, weil sie sich beide derart für die Community engagierten, sondern auch, weil sie beide unglaublich gut Hockey spielten.
„Und dann noch Hayden Pike“, sagte Ilya schnell. „Okay. Los geht’s!“
***
Ilya
Shane war, wie Ilya sich eingestehen musste, ein ziemlich mieser Trainer. Aber auf niedliche Art und Weise.
„Okay“, murmelte Shane in seinen nicht vorhandenen Bart vor einer Gruppe von vierzig jungen Hockeyspielern und -spielerinnen. „Also, ihr beginnt an der Torlinie und ihr erhaltet einen Pass, wenn ihr an der blauen Linie seid. Also, erst pfeife ich und dann dürft ihr los. Und der Puck kommt von der Person hinter euch. Nein. Stopp. Er kommt von der nächsten Person, aber aus der anderen Ecke. Ähm … es gibt zwei Gruppen. Eine in jeder Ecke, ähm …“
Ilya hatte das Gefühl, irgendwie in einem von Shanes Albträumen gelandet zu sein. Als wäre er gezwungen, einen Vortrag über etwas zu halten, von dem er keine Ahnung hatte.
Da J.J. wahrscheinlich ebenfalls die Verwirrung und Panik in den Gesichtern der Kinder erkannte, übernahm er Shanes Aufgabe. Während er die relativ einfache Übung mit seiner fröhlichen, raumgreifenden Stimme erklärte, zog sich Shane neben Ilya zurück.
„Sehr gut gemacht, Coach Shane“, stichelte Ilya.
„Ich bin richtig schlecht darin“, murrte Shane.
„Ja, aber wir anderen sind ziemlich gut, also kein Problem.“
Und das stimmte. Sogar Ryan Price, der einer der schüchternsten und auf sozialer Ebene kompliziertesten Menschen war, die Ilya je getroffen hatte, kam mit den Kindern erstaunlich gut zurecht.
„Aber ich habe hier die Verantwortung“, meinte Shane unglücklich.
„Du solltest auch die Verantwortung für dein Team haben, aber wir wissen alle, dass J.J. Montreals tatsächlicher Kapitän ist.“
Shane stieß ihm sanft den Griff seines Schlägers in die Rippen. „Ich bin ein großartiger Kapitän.“
„Ich weiß, Sweetheart.“
Wieder stieß Shane ihm den Schläger in die Rippen – nur diesmal härter. „Lass das.“
Die Übung begann und Ilya beobachtete, wie die Kinder Pässe annahmen und mit dem Puck um Pylone skateten. Jeder schien zu wissen, was zu tun war, also hatte J.J. einen guten Job gemacht. Ilya schaute auf die andere Seite des Eises, wo Wyatt Hayes und Leah Campbell mit sechs jungen Goalies arbeiteten. Max half ihnen, indem er vorsichtige Schüsse auf die Torhüter und Torhüterinnen abgab. Von diesem Ende des Eises war eine Menge Gejohle und Lachen zu hören.
„Das läuft doch gut“, befand Ilya.
„Meinst du?“
„Ja. Die Kinder haben Spaß. Die Trainer sind gut. Und ich glaube, Nummer 22 ist in mich verschossen.“ Er nickte in Richtung eines Mädchens, dessen Augen hinter seiner Maske groß wurden und sich dann schnell abwendeten.
Shane schnaubte. „Wer ist denn auch nicht in dich verschossen?“
„Hayden.“ Ilya hielt inne, als wäre er tief in Gedanken versunken. „Obwohl …“
„Eine Sekunde“, unterbrach Shane ihn. Dann skatete er zu einem Jungen, der gerade mit seiner Übung fertig war. Er beugte sich nach vorn, um mit dem Kind zu sprechen, und zeigte ihm dann irgendetwas, das mit dem Winkel seiner Kelle zu tun hatte. Eine Menge Gefühle überkamen Ilya, was einerseits der Tatsache geschuldet war, dass Shanes Trainingshose sich über seinen Oberschenkelmuskeln spannte, andererseits der Wärme, die sich jedes Mal in Ilyas Brust ausbreitete, wenn er Shane mit Kindern interagieren sah.
„Trainierst du hier eigentlich auch irgendwen oder bist du nur hier, um Shane anzuschmachten?“
Ilya blinzelte und wandte seinen Blick von seinem Partner ab, um auf Hayden Pike hinunterzuschauen. „Und bist du aus einem bestimmten Grund hier?“
Hayden tippte sich gegen den Schirm seines Stanley Cup Champion-Basecaps der Montreal Voyageurs. „Ich bin hier, um das Gewinnerteam zu vertreten, Kumpel.“
Na gut. Dagegen konnte Ilya nichts sagen, denn sein eigenes Team würde in nächster Zeit sicher keine Pokale gewinnen. Er nahm sich fest vor, morgen Shanes identisches Basecap zu tragen, da es Hayden sicher rasend machen würde, und entgegnete: „Du leitest die nächste Passübung. Du bist gut im Passen.“
Haydens Augen verengten sich, als würde er in Ilyas Worten nach einer Beleidung suchen. Schließlich sagte er vorsichtig: „Ich bin wirklich gut im Passen. Ich führe in Montreal bei den Assists.“
„Ich weiß. Deswegen hab ich’s gesagt.“
„Okay, gut.“
„Gut.“
Hayden starrte ihn noch einen Augenblick lang an, dann nickte er und skatete seiner Wege. Ilya hatte ja keine Ahnung gehabt, wie amüsant es war, Hayden mit Komplimenten zu verwirren. Das würde er öfter machen müssen.
***
Ilya kam nicht umhin, zu bemerken, dass der Pressetyp, mit dem Shane sprach, sehr … attraktiv war. Ilya versuchte, sich auf die Kinder zu konzentrieren, die er gerade trainierte, aber sein Blick wanderte immer wieder zu Shane, der hinter der Scheibe in einer der Ecken stand. Selbst von hier konnte Ilya sehen, wie der andere Mann Shane anlächelte, als flirtete er mit ihm.
Oder vielleicht lächelte er auch einfach höflich und Ilya benahm sich lächerlich.
„Mr Rozanov?“
Er riss seinen Blick von dem hübschen Fremden und seinem Partner los und lenkte seine Aufmerksamkeit auf das Mädchen vor ihm.
„Ilya“, berichtigte er sie freundlich. „Stimmt etwas nicht, Chloe?“
„Nein. Ich habe nur … ähm …“ Sie sah auf ihre Skates hinunter, auf denen sie nervös vor und zurück glitt.
Ilya hockte sich hin. „Ja?“
„Ich schaffe es einfach nicht, Rückhandpässe anzunehmen. Nicht nur in den Übungen, sondern irgendwie immer. Weißt du vielleicht, was ich falsch mache?“
Ilya lächelte. „Wir machen ein paar und dann sehen wir, was das Problem ist.“
In den nächsten fünfzehn Minuten spielte er wieder und wieder Pässe auf Chloe und korrigierte ihre Schlägerhaltung, wenn sie diese annahm. Am Ende strahlte sie vor Stolz, als sie nacheinander jeden Pass von ihm ohne Probleme annahm, und Ilya hatte in all der Zeit kaum zu Shane geblickt.
Als Chloe sich jedoch der Gruppe anschloss, die J.J. in der Spielfeldmitte versammelt hatte, schaute Ilya doch hinüber und sah, wie der attraktive Mann mit Shane über irgendetwas lachte. Und dann legte das Arschloch eine Hand auf Shanes Arm.
Es gab keinen guten Grund, warum Ilya mit einem Puck über das Eis skaten und diesen an die Scheibe neben Shanes Kopf feuern sollte, aber er tat es dennoch. Er hörte Shane schreien und lachte, als dieser sich wütend umdrehte.
„Arschloch!“, brüllte Shane.
Ilya deutete mit seinem Schläger in Richtung der Kinder auf dem Eis und schüttelte den Kopf. „Kinderohren, Hollander.“
Für den Rest des Tages war die Stimmung zwischen ihnen angespannt. Ilya konnte sich nicht einmal entschuldigen, weil Shane nicht mit ihm redete. Nicht, dass er sich entschuldigen wollte; er wollte einfach, dass Shane nicht mehr wütend auf ihn war.
Und Ilya wollte sich nicht länger dafür schämen, dass er getan hatte, was er getan hatte. Es war kindisch und unbedeutend und unprofessionell gewesen. Dennoch wollte er sich nicht entschuldigen.
Nachdem der Tag für die Kinder vorbei war, hatten sie in dem Raum, den sie als Büro nutzten, eine Art Abschlusstreffen mit Yuna und während der ganzen Unterhaltung sah Shane Ilya nicht einmal an. Als Yuna schließlich ging, wappnete Ilya sich für Shanes Wut.
Es ging los, als Shane ohne jeden ersichtlichen Grund lautstark Papierstapel von A nach B räumte. Dann verschränkte er die Arme, schnaubte und starrte an die Wand gegenüber von Ilya.
Ilya hielt es nicht mehr aus. Eher als das hier würde er ertragen, dass Shane einfach all seiner Wut freien Lauf ließ, damit sie die Sache hinter sich lassen könnten. Zum Glück war er Experte auf dem Gebiet, Shanes Wut zu entfesseln.
„Gibt es ein Problem?“, fragte Ilya.
Shane wirbelte zu Ilya herum, wobei seine Augen funkelten. „Ja, es gibt ein Problem. Nämlich, dass ich hier versuche, ein Trainingscamp zusammen mit einem verdammten Kleinkind zu leiten.“
„Hat das was mit dem Puck zu tun?“, fragte Ilya unschuldig.
„Es hat was damit zu tun, dass du mich immer wie einen Trottel aussehen lässt!“
„Ach, komm.“
„Warum hast du das gemacht? Weil Laurent gut aussieht?“
„Laurent.“ Ilya ging triumphierend einen Schritt auf Shane zu. „Also findest du ihn attraktiv, ja?“
„Was? Nein. Ich meine, ja. Er sieht schon gut aus, aber …“
„Und ich glaube, er fand, dass du auch gut aussiehst.“
Das ließ Shane innehalten und seine Wangen röteten sich auf die Art und Weise, die Ilya sonst immer sehr mochte. Jetzt gerade allerdings mochte er daran so gar nichts. „Als ob“, erwiderte Shane. „Du warst nicht mal dabei.“
„War nicht schwer zu erkennen.“
Sie beide trennten jetzt nur noch Zentimeter, sodass Shane gezwungen war, seinen Kopf in den Nacken zu legen, um Ilya trotz ihres Größenunterschieds böse anzuschauen. „Ich hab wegen deinem dämlichen Puck fast einen Herzinfarkt bekommen. Und warum? Weil du dachtest, ich flirte?“
Ilya schnaubte. „Du hast keine Ahnung, wie man flirtet.“
Shanes Augen verengten sich gefährlich. „Ilya.“
Ilya sah weg. „Vielleicht war ich eifersüchtig.“
„Und weiter.“
„Ich … Es war dumm, okay? Ich bin nicht stolz.“
Als er Shane wieder ansah, lächelte dieser ihn an – allerdings nicht besonders freundlich. „Ganz ehrlich: Was hast du denn erwartet?“
Ilya zuckte die Schultern. „Vielleicht findest du ihn ja nett. Sexy. Und er ist kein Hockeyrivale.“ Ilya hatte unglaubliche Angst, dass Shane irgendwann auf die Idee kam, dass er auch mit jemandem zusammen sein könnte, der kein dunkles Geheimnis sein musste. Dass es leicht sein konnte, jemanden zu lieben.
Shane atmete geräuschvoll aus, sodass an seiner Frustration kein Zweifel bestand. „Ich habe den ganzen Tag damit verbracht, nicht …“ Sein Blick huschte zur angelehnten Tür, als ihm vermutlich auffiel, wie laut er sprach. Fast schon flüsternd fuhr er fort: „… nicht allen zu zeigen, wie verdammt sehr ich dich liebe.“
„Shane …“
„Nein. Sei still. Wenn du wirklich nicht verstehst, dass ich dich nicht für den erstbesten niedlichen Typen, der mich anlächelt, verlasse, dann weiß ich nicht, was wir hier eigentlich tun, Ilya.“
„Es tut mir leid“, sagte Ilya, denn plötzlich tat es ihm wirklich leid. „War ein komischer Tag. Vielleicht war ich einfach …“ Er seufzte. „Es tut mir leid.“
Shane legte eine Hand auf Ilyas Brust. „Ich gehöre dir. Das weißt du.“
„Ich weiß.“ Ilya bemerkte, dass er auf dem Weg war, Shane zu küssen, und dabei vollkommen vergessen hatte, wo sie sich befanden. Einen Augenblick zu spät erinnerte er sich daran.
„Oh Gott“, kam eine Stimme aus Richtung der Tür. „Nicht schon wieder.“
Ryan Price füllte mit seiner massiven Statur den Türrahmen aus und blickte sie panisch an.
„Wir haben nicht …“, sagte Shane schnell. „Wir haben nur geredet.“
Ryan sah zwischen ihnen beiden hin und her, was nicht besonders schwer war, denn sie klebten praktisch aneinander. „Okay.“
Ilya ging einen Schritt zurück und sagte dann ganz ruhig: „Wie können wir dir helfen?“
„Die … ähm … Pressetypen packen zusammen und wollten mit euch reden. Ich bin ihnen auf dem Weg nach draußen über den Weg gelaufen.“
„Danke.“ Shane klang, als wollte er am liebsten im Erdboden versinken. „Wir sind sofort da.“
Ryan nickte. „Okay, gut. Bis morgen dann.“ Dann war er so schnell verschwunden, dass weder Shane noch Ilya mehr hätten sagen können.
„Ich mag den Typen“, sagte Ilya.
„Ich auch. Und ich mag es, dass er Geheimnisse bewahren kann.“
„Ja. Vielleicht können wir diese Woche mit ihm und seinem Fabian ausgehen?“
„Was? Wie auf ein Doppeldate, oder wie?“
„Genau. Warum nicht?“ Sie hatten schon einige Abende mit Hayden Pike und seiner Frau Jackie in Shanes Haus verbracht. Und sie waren auch schon einmal bei den Pikes zu Hause gewesen, was Spaß gemacht hatte, weil Ilya mit ihren vier großartigen Kindern gespielt hatte und Hayden ignorieren konnte. Aber sie hatten sich noch nie mit einem anderen queeren Pärchen getroffen. Vor allem keinem, das von ihrer Beziehung wusste. Ilya fand, das wäre vielleicht mal ganz … nett.
Shanes Nase zog sich auf diese niedliche Art zusammen und Ilya wusste, dass Shane versuchte, Gründe dagegen zu finden, aber am Ende lächelte er nur und sagte: „Wow. Das könnten wir wirklich, oder?“
Ilya lächelte ebenfalls. „Könnten wir.“
Shane atmete hörbar aus. „Okay. Ich gehe jetzt und rede mit Laurent.“
„Laden wir ihn auch auf unser Date ein? Brechen wir deine Keine-Dreier-Regel?“
Shane war schon halb zur Tür raus, als er Ilya hinter dem Rücken den Mittelfinger zeigte.
***
„Was ist Shanes Problem?“, fragte Yuna.
Ilya sah zum Küchentisch hinüber, wo Shane wie ein Häufchen Elend ins Nichts starrte und die untere Hälfte seines Gesichts mit den Händen bedeckte.
„Sieht für mich aus wie immer“, antwortete Ilya trocken. Er verteilte ein paar Blaubeeren über dem Salat, der zu dem Hähnchen passte, das Yuna zum Abendessen gemacht hatte.
„Shane, was ist los?“, fragte Yuna schließlich.
Shane atmete langsam aus, nahm seine Hände von seinem Mund und sagte: „Nichts. Ich gehe nur noch einmal den Tag durch. Ich kann nicht glauben, dass Ryan schon wieder einfach im Büro stand.“
Yuna sah von der Hähnchenbrust auf, die sie gerade inspizierte. „Ernsthaft, ihr zwei?“
„Wir haben nichts gemacht!“, stellte Shane klar.
„Shane war aber kurz davor“, warf Ilya ein.
„War ich nicht.“
„Du wolltest mich küssen.“
„Du wolltest mich küssen!“
„Okay. Das reicht“, ging Yuna dazwischen. „Das ist keine große Sache, richtig? Ryan ist selbst schwul, also …“ Sie gestikulierte mit einer Hand, als suchte sie nach Worten. „… sollte er kein Problem damit haben.“
„Er sah panisch aus“, erklärte Shane.
„Ist aber kein Problem“, sagte Ilya leichthin. „Er weiß es seit einem Jahr und hat es niemandem gesagt. Wo ist der Ziegenkäse?“
„Ich weiß, aber es ist mir peinlich. Weil es unprofessionell ist. Und wir haben dem armen Typen ein ganz schön großes Geheimnis aufgedrängt“, meinte Shane. „Lass den Käse bei meinem Salat weg, okay?“
„Weiß ich doch.“
„Ich mag Ryan“, sagte Yuna. „Er ist ein ganz Lieber.“
„Ja“, stimmte Ilya ihr zu. „Vielleicht fragen wir ihn nach einem Doppeldate mit ihm und seinem Partner.“
Yuna legte Ilya ihre Hände auf die Schultern und drückte einmal sanft zu. „Was für eine wunderbare Idee.“
Ilya biss sich auf die Unterlippe, um sein Lächeln zurückzuhalten. Er mochte Shanes Familie wirklich sehr.
„Glaubt ihr nicht, dass ihr auch dem Rest eures Trainerstabs von eurer Beziehung erzählen könnt?“, wollte Yuna wissen, während sie sich wieder dem Hähnchen widmete. Diese Frage hatte Ilya sich selbst schon häufiger gestellt. Jetzt aber konzentrierte er sich darauf, den Ziegenkäse aus dem Kühlschrank zu holen, und ließ Shane antworten.
„Noch nicht“, sagte dieser. „Bei Leah und Max würde ich mir, glaube ich, keine Gedanken machen. Aber wir kennen nicht alle so gut, also weiß ich nicht, warum wir es ihnen sagen sollten, weißt du?“
„Vielleicht könnten wir es Wyatt erzählen?“, schlug Ilya vor.
„Meinst du?“, fragte Shane. Dann schüttelte er den Kopf. „Ich will nicht, dass dein Goalie davon weiß. Zu gruselig.“
„Hayden weiß es“, meinte Yuna. „Warum sollte Ilyas Mannschaftskamerad es dann nicht auch wissen?“
„Hayden ist mein bester Freund und der einzige meiner Mannschaftskameraden, der davon weiß. J.J. sag ich es ganz sicher nicht.“
„Kann ich es ihm sagen?“, fragte Ilya.
„Mach nicht mal Witze darüber.“ Shane seufzte. „Ich mag J.J., und er war von Anfang an auf meiner Seite, als ich mich geoutet habe, aber er ist definitiv noch nicht bereit, zu erfahren, dass wir beide zusammen sind. Vertrau mir.“
„Das war ich auch nicht, aber ich hab’s überwunden“, warf Yuna ein.
„J.J. ist nicht meine Mom.“
„Nein“, bestätigte Yuna. „Deine Mom macht am Ende eines langen Tages Abendessen, während du auf deinem Hintern sitzt und Trübsal bläst. Hilf mal mit.“
„Ich helfe“, konnte sich Ilya einfach nicht verkneifen.
„Das weiß ich doch.“ Yuna tätschelte ihm die Wange. „Deswegen bist du auch mein Lieblingssohn.“
Ilya grinste Shane an, der versuchte, genervt dreinzublicken, daran aber scheiterte, da sein Blick ganz weich geworden war.
***
Später saßen sie gemeinsam am Tisch und stießen mit jeweils einem Glas Wasser auf einen erfolgreichen ersten Camptag an. Sie aßen ihr gesundes, von Shane abgesegnetes Abendessen und redeten über Hockey, die Stiftung, Dekoideen für Shanes Haus und ihre Pläne für den restlichen Sommer. Wie immer fühlte es sich für Ilya wunderbar und zugleich surreal an. Nie im Leben hätte er gedacht, dass er diese Art von Heimeligkeit irgendwann mit irgendwem erleben würde. Dass er irgendwann Teil einer Familie wäre und wieder Eltern hätte.
Er würde absolut alles tun, um das hier zu schützen, und er hatte immerzu unglaubliche Angst, dass, würde seine Familie auf dem Spiel stehen und er müsste für sie kämpfen, er nicht in der Lage dazu wäre. Denn ohne Zweifel würde dieser Tag irgendwann kommen.
Shane bot an, nach dem Abendessen aufzuräumen, da er ja bei der Vorbereitung nicht geholfen hatte. Yuna bestand darauf, ihm zu helfen, was wahrscheinlich bedeutete, dass sie mit Shane reden wollte, sodass Ilya hinaus auf die hintere Terrasse ging.
Er lehnte sich gegen das Geländer und blickte in den Himmel hinauf, wo die Sterne dank der Lichter der Stadt kaum zu sehen waren. Ganz anders als bei Shanes Cottage.
„Ich glaube, dir hätte gefallen, was wir heute getan haben“, sagte Ilya leise zum Himmel. „Ich hoffe, du bist stolz.“
Er redet immer nur mit einem Elternteil, obwohl nun beide tot waren. Der Tod seiner Mutter war plötzlich gekommen und für Ilya verheerend gewesen. Sein Vater war nach und nach an Alzheimer zugrunde gegangen, und Ilya war sich immer noch nicht seiner Gefühle einem Mann gegenüber im Klaren, der nie auch nur ein nettes Wort für ihn übriggehabt hatte. Oder für seine wundervolle Mutter.
Ilyas Freund Harris in Ottawa schwor, dass im Haus seiner Eltern ein Geist wohnte. Ein Großonkel oder so. Ilya glaubte nicht an Geister, aber er klammerte sich an den Gedanken, dass die Seele seiner Mutter ihn irgendwie begleitete. Alles andere durfte nicht sein.
„Hey“, sagte Shane leise hinter ihm. „Mom ist ins Bett gegangen.“
Ilya drehte sich zu ihm um. Als sie nach Hause gekommen waren, hatte Shane sich umgezogen, sodass er nun eine Sweatshorts und ein T-Shirt der Voyageurs trug. Er war barfuß und seine langen Haare sahen wüst aus. Ilya breitete sofort seine Arme aus und Shane fiel praktisch hinein, ließ seine Stirn an Ilyas Schulter ruhen und atmete tief aus.
„Ich bin fertig“, murmelte Shane. „Lass uns auch ins Bett gehen, okay?“
„Okay.“
Aber Shane rührte sich nicht vom Fleck. Er legte seine starken Arme um Ilyas Hüfte und hielt ihn fest, während er gleichmäßig gegen die nackte Haut an Ilyas Hals atmete. Ilya wiegte sie ein wenig hin und her, und genoss die Stille. Er schloss die Augen und konzentrierte sich ganz darauf, wie gut es sich anfühlte, Shane im Dunklen zu halten, und versuchte, sich nicht zu wünschen, dass es im Hellen auch so sein konnte.
Kapitel 3
Shane
Am nächsten Morgen hatte Shane Ryan gebeten, ihm dabei zu helfen, die Ausrüstung aus dem Geräteraum zu holen. Vollkommen verständlicherweise sah Ryan alles andere als entspannt dabei aus.
„Ich habe es niemandem gesagt“, sprudelte es aus Ryan heraus, kaum dass sie sich allein im Geräteraum befanden.
„Ich weiß. Darüber mache ich mir auch keine Sorgen“, versicherte ihm Shane.
„Oh.“ Ryans massive Schultern sackten vor sichtlicher Erleichterung herab. „Was brauchen wir denn an Ausrüstung?“
„Die kleinen Tore und ein paar von den Dingern für … ähm … für so Übungen zur Schlägerhaltung. Naja, die kleinen … Dinger.“
„Dinger“, wiederholte Ryan langsam und sah sich dabei in dem kleinen Raum um, als würden sich die Dinger vielleicht von selbst zu erkennen geben.
„Hör mal … ähm …“, begann Shane.
Ryans Aufmerksamkeit sprang sofort zurück zu Shane.
„Dein Partner ist mit dir hier, oder? Fabian?“
„Ja“, antwortete Ryan vorsichtig.
„Cool. Wir haben uns gedacht … also Ilya und ich haben uns gedacht … dass ihr zwei vielleicht heute Abend ausgehen wollt. Vielleicht zum Abendessen? Mit uns?“
Ryans Augenbrauen zogen sich zusammen. „Wie so ein Doppeldate?“
„Ja, wahrscheinlich. So ähnlich. Oder, naja, ja.“ Shane atmete bewusst aus und versuchte, sich zusammenzureißen. „Wir waren noch nie mit einem anderen Paar aus. Mit einem anderen schwulen Paar. Als Paar.“
„Ähm.“
Shane fühlte sich, als wäre damit ein Damm in ihm gebrochen, und überrollte den armen Ryan mit einer Tsunamiwelle an Gebrabbel. „Niemand weiß das mit uns, also, fast niemand, also wäre es cool, sich mal nicht verstecken zu müssen. Naja, wir müssten das Ganze natürlich trotzdem geheim halten, wenn wir in einem Restaurant oder so sind. Wir wären ja nicht offensichtlich zusa… wie auch immer, es wäre schön, mal einen Abend mit Menschen zu verbringen, die uns nicht verurteilen. Es sei denn, du verurteilst uns doch. Vielleicht denkst du ja, dass das, was wir tun, abgefuckt ist, denn irgendwie ist es ja auch abgefuckt, aber …“
„Andere Menschen wissen von euch?“, unterbrach ihn Ryan.
„Was?“
„Ich bin nicht der Einzige, der über euch Bescheid weiß. Andere Menschen wissen von euch?“
„Ja. Sicher. Aber nur wenige. Meine Eltern. Hayden und seine Frau. Meine Mannschaftskameraden wissen, dass ich schwul bin, aber sie haben keine Ahnung von Ilya. Außer Hayden. Aber das hab ich ja grad schon gesagt, also …“
Ryan schloss seine Augen und atmete geräuschvoll aus. „Danke, Gott! Ich dachte, ich wäre der Einzige, der das weiß.“
„Nein, du bist nicht der Einzige. Tut mir leid, wenn wir dich das glauben lassen haben.“
„Ist okay. Ich hätte es mir denken sollen.“ Er seufzte. „Fabian hat von einem Pizzarestaurant gesprochen, in das er heute Abend gehen wollte. Ihr zwei könntet ja mitkommen, wenn ihr wollt.“
Shanes aktueller Ernährungsplan verbot ihm quasi, irgendetwas in einem Pizzarestaurant zu essen, aber dennoch nickte er enthusiastisch. „Klingt toll. Machen wir.“
„Okay.“ Ryan betrachtete einen Haufen Ausrüstung, der sich an einer Wand türmte. „Können wir dann also das hier rausholen, was wir brauchen, und wieder verschwinden?“
In diesem Moment ging Shane auf, dass er Ryan in einem engen Raum in die Ecke gedrängt und eine Menge wilde Dinge erzählt hatte, was für jemanden mit diagnostizierten Angstzuständen wahrscheinlich nicht die ideale Situation war. „Ja. Tut mir leid. Scheiße, Ryan. Ich benehme mich total merkwürdig. Ich bin nur …“
„Nervös?“, mutmaßte Ryan.
„Ja. Aber auch aufgeregt.“ Shane lachte unsicher. „Irgendwie bin ich froh, dass du uns letztes Jahr erwischt hast.“
Ryans Miene verriet ihm, dass Ryan absolut nicht froh darüber war, dass er sie letztes Jahr erwischt hatte.
„Und ich freue mich wirklich darauf, deinen Partner kennenzulernen“, fügte Shane hinzu. „Letztes Jahr hatte ich keine Chance dazu.“
Das brachte Ryan schließlich zum Lächeln. „Er ist überhaupt nicht wie ich. Niemand glaubt uns, dass wir zusammen sind.“
„Das Gefühl kenne ich.“
***
Das Pizzarestaurant entpuppte sich eher als Bar, auf deren Speisekarte auch Pizza stand. Eine queere Bar, auf deren Speisekarte auch Pizza stand.
Shane zögerte, als sie sich dem Eingang näherten, und Ilya bemerkte es.
„Problem?“, fragte Ilya.
Shane versuchte, wie jemand auszusehen, der total gelassen und zu allem bereit war. „Nö.“ Dann betrat er selbstbewusst den Laden.
Er befand sich auf einem Date. Mit seinem Partner. In Montreal. Keine große Sache.
Sein Partner, der im Übrigen absolut sexy aussah. Ilya trug ein petrolfarbenes Tanktop mit verblasstem Blumenmuster, in dem seine muskulösen Arme zur Geltung kamen. Und das Tattoo des Eistauchers, von dem Shane immer noch nicht ganz glauben konnte, dass er es sich hatte stechen lassen. Ilya hatte Shane vor einigen Monaten damit überrascht und die Entscheidung darauf geschoben, dass ihm langweilig gewesen war, während Shane die Playoffs spielte, aber Shane wusste, dass es nichts mit Langeweile zu tun gehabt hatte. Das Tattoo bedeutete ihnen beiden etwas. Es stand für ihre gemeinsame Zeit in den Sommern, in ihrem Zuhause am See.
Außerdem trug Ilya lockere graue Shorts und schwarze Sneaker, was ihn so entspannt und sommerlich aussehen ließ, dass Shane am liebsten sofort mit ihm zum Cottage fahren und Sex auf der Wiese am Seeufer haben wollte.
„Da drüben“, sagte Ilya und zerstörte damit Shanes Fantasievorstellung. Er deutete auf einen Tisch an der Wand, wo Ryan neben einem wesentlich kleineren Mann saß.
Als sie den Tisch erreichten, übernahm Ilya sofort das Zepter. „Ich mag den Pullover, Price. Violett steht dir.“
„Oh … ähm … danke.“
„Und du bist Fabian, ja?“
„Der einzig Wahre.“
Shane hatte sich nicht die Mühe gemacht, sich Ryans Partner bildlich vorzustellen, aber hätte er es getan, hätte er sich nie ausgemalt, dass er so aussähe. Fabian Salah war schön. Er hatte warme, goldene Haut und seidige, schwarze Haare, die an den Seiten kurzgeschnitten, aber oben noch so lang waren, dass sie ihm in die dunklen Augen fielen. Dunkle Augen, die er geschminkt hatte. Er trug ein schwarzes Spitzentanktop, das sich an seinen schmalen Oberkörper schmiegte, und eine Kette mit einem herzförmigen Diamantanhänger, die um seinen eleganten Hals lag.
Er war auf eine so offensichtliche Art und Weise nicht heterosexuell, die Shane so nicht gewohnt war. Die Art Mann, bei der Shane, als er noch jünger gewesen und gerade dabei war, sich seiner eigenen Sexualität klarzuwerden, immer gedacht hatte: „Ich bin nicht wie er, also bin ich nicht schwul.“ Natürlich war es nicht gut, so über irgendetwas zu denken, aber selbst als schwuler Mann, der einen anderen Mann liebte, mit dem er schwulen Sex hatte, konnte Shane nicht umhin, sich in Fabians Anwesenheit fast schon reflexartig ein wenig unwohl zu fühlen.
Was einfach deutlich machte, dass Shane mehr Zeit mit anderen queeren Menschen verbringen musste. Vor allem queeren Menschen, die nicht Hockey spielten.
„Ich bin Ilya. Das ist mein … Shane.“
Shane versuchte zu ignorieren, wie niedlich diese Aussage war, denn sonst wäre Fabians erster Eindruck von ihm mit einem breiten, dämlichen Grinsen verbunden. „Hi, Fabian“, sagte Shane und schüttelte ihm die Hand, bevor er sich auf den Stuhl ihm gegenüber setzte. Fabians Fingernägel waren hellblau lackiert. „Schön, dich kennenzulernen.“
„Ebenso.“ Dieses eine Wort stellte merkwürdige Dinge mit Shanes Magengegend an. Fabian strahlte eine derart mühelose Sinnlichkeit aus, dass es Shane, gelinde gesagt, aus dem Konzept brachte.
„Ich mag deine Frisur.“ Mit diesem Satz wagte sich Shane eindeutig aus seiner Komfortzone, aber es stimmte. Fabians Frisur war cool.
Fabians Lippen bogen sich zu einem ebenso herzlichen wie neckenden Lächeln, das der Art und Weise wie Ilya manchmal lächelte, ähnelte. „Danke. Ich mag deine Brille.“
„Oh. Danke.“
„Er glaubt, dass er sich so besser tarnen kann“, stichelte Ilya. „Wie Superman.“
„Naja“, begann Shane zu protestieren. „Zumindest schadet sie nicht. Außerdem kann ich ohne sie die Speisekarte nicht lesen, also sei still.“
Unter dem Tisch stupste Ilya Shanes Knöchel sanft mit seinem Sneaker an, wodurch Shane erst bemerkte, dass er nervös mit seinem Bein gewippt hatte. Er hörte sofort damit auf, aber Ilyas Fuß drückte sich trotzdem weiterhin gegen Shanes.
„Ryan hat mir alles über eure Camps und die Stiftung erzählt“, sagte Fabian. „Das ist großartig. Ich spiele in Toronto, so oft ich kann, bei Spendenaktionen für Jugendunterkünfte und Initiativen, die sich für psychische Gesundheit engagieren.“
„Du bist Musiker, richtig?“, fragte Shane. „Tut mir leid, ich weiß so gut wie gar nichts über Musik.“
„Er ist fantastisch“, sagte Ryan ernst. „Ihr solltet ihn auf der Bühne sehen. Er spielt Freitagabend hier in der Stadt eine Show, wenn ihr … ähm. Also …“
„Ich kann euch auf die Gästeliste schreiben lassen“, warf Fabian ganz entspannt ein. „Und macht euch keine Gedanken, wenn ihr doch nicht kommen wollt.“
„Ich habe schon Tickets gekauft“, sagte Ilya. „Für uns beide.“
Was zur Hölle? „Hast du? Davon hast du gar nichts gesagt.“
„Überraschung.“
Shane wusste nicht, was er davon halten sollte. Er und Ilya gingen nie gemeinsam irgendwohin, und dieser Ausflug schien diesmal ganz besonders weit außerhalb von Shanes Komfortzone zu liegen.
„Wo ist die Show denn?“, wollte Shane so beiläufig wie möglich wissen. „In einem Club oder …“
„Er will wissen, ob sie in einem queeren Club ist“, stellte Ilya hilfreich klar.
Shane trat Ilya auf den Fuß. „Nein.“
„Es ist einfach eine Bar. Ein Club. Sowas eben“, sagte Fabian und untermalte die Aussage mit einer eleganten Bewegung seiner filigranen Hand. Dann beugte er sich über den Tisch und sagte mit einem verschmitzten Grinsen: „Aber wenn ich mit der Show fertig bin, wird er sowas von queer sein.“
Ilya lachte daraufhin laut, und Ryan schnaubte und schüttelte den Kopf, während er seinen Partner sehr verliebt anlächelte.
„Klingt gut“, sagte Shane und meinte es sogar fast. Er hatte Livemusik noch nie viel abgewinnen können, aber er war neugierig und wollte sehen, was Fabian so machte. Außerdem freute er sich darüber, dass Ilya eine Art Überraschungsdate für sie beide geplant hatte.
Sie redeten ein bisschen über Montreal, bis der Kellner kam und ihre Getränkebestellung aufnahm. Der junge Mann stellte sich als Leo vor und dann wurden seine Augen groß, als er erkannte, wer da an seinem Tisch saß. Shane machte sich für die Frage nach einem Selfie bereit, aber Leo überraschte ihn.
„Bist du Fabian Salah?“, fragte er flüsternd.
Fabian antwortete lediglich mit einem verschwörerischen Lächeln.
„Heilige Scheiße“, entfuhr es Leo. „Ich bin ein riesiger Fan von dir.“ Schnell presste er sich seine Hand vor den Mund und nahm sie ebenso schnell wieder weg. „Tut mir leid. Ich komm am Freitag zu deiner Show. Den Abend habe ich mir schon vor Wochen freigenommen.“
„Das ist toll“, entgegnete Fabian. „Danke. Ich gebe mir Mühe, dass es sich für dich lohnen wird.“
„Alles, was du tust, ist unglaublich. Ich habe dich einmal in Toronto spielen sehen und ich war einfach … wow. Tut mir leid. Mir geht’s gut. Was kann ich dir zu trinken bringen?“
Shane hörte Ilya neben sich kichern. Auf der anderen Seite des Tisches strahlte Ryan vor Stolz.
„Ich hätte sehr gern einen eurer Mojitos“, sagte Fabian. „Ich habe sie auf den anderen Tischen gesehen und ich bin neidisch.“
„Natürlich“, sagte Leo, der jetzt fast schon benommen lächelte, als hätte Fabian ihn verzaubert.
„Ich nehme das hier“, sagte Ilya und deutete auf einen Aufsteller auf ihrem Tisch, der Produkte von örtlichen Brauereien bewarb. „Das Pils.“
„Okay. Ja“, sagte Leo, als seine Aufmerksamkeit wieder im Hier und Jetzt landete. „Gute Wahl.“
„Nehm ich auch“, sagte Ryan schnell.
„Habt ihr ungesüßten Eistee?“, fragte Shane. Sofort sah er Panik in Leos Gesicht. „Ist egal. Ich nehme einfach ein Wasser mit Limette. Oder Zitrone. Was ihr habt.“
Leo bedachte Fabian mit einem letzten aufgedrehten Lächeln und huschte dann davon, um sich um ihre Getränke zu kümmern. Ilya stupste Ryans Unterarm an, der auf dem Tisch ruhte. „Leo ist in deinen Freund verliebt.“
Ryan lächelte. „Das bin ich schon gewöhnt. Ist trotzdem immer noch nett.“
„Ryan bekommt aber auch ganz schön viel Aufmerksamkeit“, warf Fabian ein. „Aber in den seltensten Fällen werden wir von denselben Personen erkannt.“
„Sehr unterschiedliche Fanbases“, stimmte Ryan zu.
„Mit Ausnahme der queeren Hockeyfans, die es großartig finden, dass wir ein Paar sind.“
„Ach, ja?“, hakte Shane nach, der sich plötzlich sehr für die Unterhaltung interessierte. „Was sagen die denn?“
„Sie freuen sich für uns“, antwortete Ryan schnell.
„Und sind bestimmt eifersüchtig auf mich“, ergänzte Fabian.
„Als ob“, schnaubte Ryan.
„Bekommt ihr auch die andere Seite zu spüren?“, wollte Shane wissen. „Von den Hockeyfans, meine ich?“
„Vielleicht“, antwortete Ryan. „Ich bin nicht viel online unterwegs und ich spiele nicht mehr Hockey, also schätze ich, dass ich es einfach nicht mitbekomme, wenn es diese Reaktionen geben sollte.“
Okay. Shane spielte immer noch Hockey und auch wenn er nicht besonders aktiv in den sozialen Medien war, nutzte er seinen Instagram-Account jetzt doch öfter, seit Ilya und er die Stiftung gegründet hatten. Außerdem führte er eine Beziehung mit … naja … seinem Erzrivalen. Und allein das war schon ein kleiner, aber sehr wichtiger Unterschied zu Ryans Situation.
Leo kam mit ihren Getränken zurück. Zuerst stellte er Fabian seinen Mojito hin, der eine Menge Minzblätter enthielt und wirklich erfrischend aussah.
„Du bist mein Lebensretter, Darling“, befand Fabian. „Genau das brauche ich jetzt.“
Leo lächelte breit, als er die restlichen Getränke verteilte. Vor Shane stellte er ein großes Glas Sprudelwasser, an dessen Rand sowohl Zitronen- als auch Limettenscheiben hingen. „Habt ihr schon entschieden, was ihr essen wollt?“
Shane hatte noch keinen Blick in die Speisekarte geworfen. Fabian bestellte eine extravagant klingende Pizza, um sie mit Ryan zu teilen, Ilya bestellte eine normale Pizza, um sie allein zu essen, und Shane überflog hektisch die Salatkarte.
„Ähm.“
„Hier“, sagte Ilya und deutete auf etwas, das weiter unten auf der Karte stand. Shane las schnell etwas von gegrilltem Lachs mit gedünstetem Gemüse und gebackenen Kartoffeln und hätte Ilya vor Erleichterung fast geküsst.
„Ich nehme den Lachs ohne Sauce, und kann ich das Gemüse ohne Butter haben? Falls nicht, geht vielleicht ein Beilagensalat statt Gemüse?“
„Ähm, sicher. Das sollte kein Problem sein.“ Leo klang jedoch eher unsicher, während er alles aufschrieb. „Welches Dressing hättest du gern zu dem Salat, wenn’s einer wird?“
„Nur ein bisschen Olivenöl und Rotweinessig, wenn es keine Umstände macht. Oder eine Zitronenspalte.“
„Es macht richtig viel Spaß, mit ihm in Restaurants zu gehen“, neckte Ilya. Alle außer Shane lachten; er stieß sein Knie gereizt gegen Ilyas.
„Ich folge einem strikten Ernährungsplan zur Leistungsverbesserung“, erklärte Shane, um sich zu verteidigen, als Leo wieder gegangen war. „Das ist für Profisportler ganz normal und sogar empfohlen.“ Das letzte Wort richtete er an Ilya, der die meiste Zeit wie ein Vierzehnjähriger aß.
„Shane glaubt, dass er alt wird“, sagte Ilya. „Er fürchtet den Tod.“
„Das stimmt überhaupt nicht! Ich fürchte, dass ich den Erwartungen der Montreal Voyageurs und unserer Fans nicht gerecht werde.“
„Wäre einfacher, den Tod auszutricksen“, begann Ilya, „als Montreals Hockeyerwartungen zu erfüllen.“
Damit hatte er nicht Unrecht.
„Spielt ihr beide für Montreal?“, wollte Fabian wissen.
„Nein. Nur ich. Ilya spielt für Ottawa.“
„Also ist es keine super große Fernbeziehung“, stellte Fabian fest.
Shane wand sich innerlich, denn damit hatte zum ersten Mal jemand an diesem Tisch ausgesprochen, dass Ilya und er ein Paar waren. „Es ist … ähm … nicht weit weg, aber …“
„Fühlt sich weiter an“, sagte Ilya. „Wir sind während der Saison so viel unterwegs. Bleibt wenig Zeit zusammen.“
„Das muss schwer sein. Und das …“ Fabian gestikulierte zwischen ihnen beiden hin und her. „… ist ein Geheimnis, richtig?“
„Ein großes“, mischte sich Ryan ein.
„Das macht es sicher nur noch schwerer“, meinte Fabian mitfühlend. Er beugte sich wieder vor, sodass er seine Stimme senken konnte. „Warum ist es ein Geheimnis? Ihr wärt nicht die einzigen schwulen Hockeyspieler. Oder queeren Hockeyspieler. Tut mir leid, ich sollte nicht so vorschnell sein.“
„Ich bin bisexuell“, sagte Ilya nickend. „Shane ist super schwul.“
„Ich bin normal schwul“, wehrte sich Shane. „Und nein, wir sind nicht die einzigen queeren NHL-Spieler, aber unsere Situation ist nicht einfach.“
„Weil ihr für unterschiedliche Teams spielt?“
„Vor allem das, ja. Aber da hängt noch eine Menge mehr dran.“
„Die Liga hat immer weiter diese riesige Rivalität zwischen den beiden aufgebaut“, erklärte Ryan. „Seit ihrer Rookie-Saison.“
„Sogar schon davor“, korrigierte Shane.
„Oh, wow. Das ist ja faszinierend“, meinte Fabian. „Aber offenbar wissen alle, dass ihr befreundet seid. Ihr habt gemeinsam diese Stiftung. Wo liegt dann noch der große Unterschied, ob ihr euch auch küsst?“
Shane setzte dazu an, den Unterschied zu erklären, aber ihm fehlten die Worte dafür. So, wie Fabian es formuliert hatte, klang der Unterschied vollkommen unerheblich. Es sollte gar keinen Unterschied machen. Und doch tat es das.
„Es würde alles sehr … schwer machen. Für uns“, sagte Ilya. „Würde ablenken.“
„Es wäre ein absolutes Desaster“, stimmte Shane zu. „Ich glaube, wir möchten uns beide momentan aufs Hockeyspielen konzentrieren.“
Fabian brummte und sagte dann: „Momentan. Wie lange seid ihr denn schon zusammen?“
Shane und Ilya sahen sich an, was Shane aus irgendwelchen Gründen zum Erröten brachte.
„Keine einfache Frage“, sagte Ilya.
„Auf jeden Fall über zehn Jahre“, stellte Shane klar. „Kommt aber auf deine Definition von zusammen an.“
„Das ist eine lange Zeit, um ein Geheimnis zu wahren“, meinte Fabian teilnahmsvoll. „Lenkt das nicht auch ab? Sich die ganze Zeit verstecken zu müssen?“
Shane wusste nicht, was er darauf sagen sollte, und Ilyas Miene verriet, dass es ihm genauso ging.
„Tut mir leid“, entschuldigte sich Fabian. „Ich bin super neugierig. Das Ganze geht mich gar nichts an.“
„Nein, alles gut“, sagte Shane. „Es gibt dabei nur viel zu bedenken.“
„Ja“, stimmte Ilya leise zu.
Ihr Essen kam und die Unterhaltung drehte sich nun um die besten Pizzen in verschiedenen Städten. Shane hätte alles für ein Stück von Ilyas fettigem, mit Wurst bedecktem Abendessen gegeben, aber er aß brav seinen Lachs und seinen Salat. Er hatte diese spezielle Diät im Februar begonnen und es interessierte ihn nicht, was Ilya sagte – Shane fühlte sich besser. Außerdem hatte er gerade den Stanley Cup und den Conn Smythe-Pokal gewonnen. Also.
Während er seinen Lachs zerkaute, dachte er über Fabians Frage nach. Er hatte sich immer vorgestellt, dass die Reaktion der Hockeywelt, sollten Ilya und er je auffliegen, der absolute Horror wäre, aber vielleicht war die größere Herausforderung ja tatsächlich ihr Versteckspiel. Vielleicht zehrte es ja tatsächlich viel mehr an ihm, seine Gefühle für Ilya geheim halten zu müssen, als mit den Konsequenzen der Öffentlichkeit zu leben.
Es war durchaus möglich, dass er noch ein wenig auf Wolke sieben schwebte, weil sie die letzten zwei Wochen gemeinsam im Cottage verbracht hatten, anschließend erfolgreich in die Camps gestartet waren und sich gerade auf ihrem ersten Doppeldate befanden. Es bestand also die Möglichkeit, dass er nicht ganz klar dachte.
Als sie alle fertig gegessen hatten, ging Ryan zur Toilette. Kaum, dass er außer Hörweite war, sagte Fabian: „Ich wollte euch danken, dass ihr Ryan als Trainer zu euren Camps eingeladen habt. Es bedeutet ihm sehr viel. Er liebt es, mit Kindern zu arbeiten, und ich glaube, es hat ihm geholfen, mit sich ins Reine zu kommen.“
„Ins Reine?“, hakte Shane nach.
Fabian nickte. „Sein Abgang aus der Hockeywelt war schlimm, wisst ihr? Ich glaube nicht, dass er sein Karriereende je bereut hat, aber er vermisst das gute Gefühl, das Hockey ihm mal gegeben hat. Zumindest bis Hockey dafür gesorgt hat, dass er sich nur noch schlecht gefühlt hat.“
„Oh.“ Shane konnte sich nicht vorstellen, dass Hockey jemals der Grund dafür sein könnte, dass er sich schlecht fühlte, aber Ryans Karriere war ganz anders verlaufen als Shanes. „Naja, dann freuen wir uns, dass wir ihm ein wenig Spaß am Hockey zurückgeben konnten.“
„Habt ihr.“ Fabian lächelte. „Und er ist so stolz, Teil eurer Initiative zu sein. Ich glaube aber, die anderen Trainer schüchtern ihn immer noch ein bisschen ein. Er meinte, sie wären alle Superstars und er würde sich fehl am Platz fühlen.“
„Nicht alle sind Superstars“, sagte Ilya. „Hayden ist auch da.“
Shane schnippte gegen Ilyas Oberschenkel. „Wir freuen uns, dass Ryan Teil unseres Teams ist. Und es ist großartig, dass er dieses Jahr beide Wochen Zeit hat.“
„Er ist ein großartiger Trainer“, pflichtete Ilya ihm bei. „Die Kinder lieben ihn.“
Fabian strahlte, was ihn jünger und auf weniger einschüchternde Weise sexy aussehen ließ. Als Ryan zurück an ihren Tisch kam, lächelte Fabian mit unverhohlener Zuneigung zu ihm hinauf.
„Was?“, fragte Ryan misstrauisch.
„Nichts, Darling. Wir haben uns nur über Eishockey unterhalten.“
Ryan schnaubte. „Wenn du das sagst.“
Fabian streckte sich ihm entgegen und küsste ihn kurz auf den Mund. Ryan grinste daraufhin, versuchte aber sofort, dieses Grinsen zu unterdrücken, als er aus dem Augenwinkel zu Shane und Ilya blickte. Aber es gelang ihm nicht.
***
„Fabian liebt ihn wirklich sehr, hm?“, meinte Shane später, als Ilya sie beide zurück nach Hause über die Champlain Bridge nach Brossard fuhr. Sie saßen in einem von Ilyas Sommerautos – einem orangefarbenen Porsche Irgendwas.
„Ja. Schade für dich.“
Shane drehte sich in seinem Sitz zu Ilya. „Was soll das denn heißen?“
Ilyas Mundwinkel hoben sich, aber sein Blick ruhte weiterhin auf der Straße. „Er hat dir gefallen, oder?“
„Hat er nicht!“
„Okay.“
„Und falls doch, lag das nur daran, dass ich noch nie jemanden gesehen habe, der so …“
„Schön ist?“
„Nein. Sei still.“
„Er ist schön“, sagte Ilya trocken. „Und irgendwie sexy. Ich denke, du weißt, was ich meine.“
„Vermutlich“, meinte Shane, als wüsste er nicht eigentlich ganz genau, wovon Ilya da sprach. „Aber wenn ich ihn tatsächlich angestarrt haben sollte, dann nur, weil ich mir nicht vorstellen kann, wie er und Ryan zusammen sein können.“
„Ryan ist nicht hässlich.“
„Nein“, stimmte Shane zu. „Besonders jetzt gerade, wo seine Haare und sein Bart ordentlich geschnitten sind. Aber ich hatte so viele Jahre wirklich Angst vor dem Typen, dass es mir immer noch schwerfällt, ihn attraktiv zu finden, weißt du?“
„Er hat das Herz am richtigen Fleck. Ich freue mich für ihn, dass Fabian ihn offenbar wirklich liebt.“
„Wie haben sie sich kennengelernt?“
„Ryan hat bei Fabians Familie gewohnt, als er noch Junioren-Eishockey gespielt hat.“
„Was? Fabians Familie hat Hockeyspieler bei sich beherbergt?“
„Ja. Hockey ist ein großes Ding in seiner Familie, glaube ich. Ryan hat mir erzählt, dass er und Fabian sich … ähm …“
„Wiedergetroffen haben?“
„Ja. In Toronto, als Ryan hier gespielt hat. Niedlich, oder?“
Es war in der Tat verdammt niedlich. „Wow. Also war das Ganze sowas wie Schicksal.“
„Vielleicht.“
Shane kam einfach nicht drüber hinweg, wie unterschiedlich Ryan und Fabian waren. Ryan war so riesig und schüchtern, oft in sich zusammengesunken, damit er kleiner wirkte. Fabian war sicher dreißig Zentimeter kleiner, dabei allerdings unmöglich zu übersehen, so schön, wie er war, und so kompromisslos er sich schminkte, in feminine Kleidung hüllte und glitzernden Schmuck trug. „Ich wette, ihr Sexleben ist wild.“
Ilya grinste. „Perversling.“
„Als hättest du nicht darüber nachgedacht.“ Shane wartete, bis Ilya die Ausfahrt genommen hatte, bevor er fragte: „Glaubst du, wir sahen für die beiden auch so aus?“
„Was? Sexy? Ich wahrscheinlich schon.“
„Nein … verliebt?“
Ilya schien über die Frage nachzudenken, bevor er antwortete. „Wir sind sehr gut darin, so zu tun, als wären wir nicht ineinander verliebt. Vielleicht sind wir deswegen schlecht darin, es zu zeigen, wenn wir es könnten.“
Ilyas Worte fühlten sich an wie Blei. Shane rutschte tiefer in seinen Sitz und starrte mit gerunzelter Stirn aus dem Fenster. Für den Rest der Fahrt sprach keiner von beiden.