Kapitel 1
Hannah Jackson betrachtete die Gruppe von Leuten, die den schlammigen Weg entlangliefen, und verzog das Gesicht.
»Wenn ich jemals das Bedürfnis verspüre, etwas Verrücktes wie einen Triathlon zu machen, dann bringt mich einfach um, denn dann bin ich wahrscheinlich durchgedreht«, verkündete sie.
Lily Wilson, eine von Hannahs besten Freundinnen, drehte sich zu ihr um und lächelte. »Ich bewege mich nur dann schneller, wenn meine Wimperntusche verläuft«, scherzte sie.
Ben Jackson, Hannahs älterer Bruder, schüttelte den Kopf über sie beide. »Könntet ihr versuchen, ein bisschen mehr Unterstützung zu zeigen?«, fragte er. »Das ist schließlich der erste Dragonfly Lake Triathlon.«
»Solange wir nicht daran teilnehmen müssen, bin ich glücklich«, sagte Hannah zu ihm. »Aber mir fallen bessere Dinge ein, die ich am Ostersonntag tun könnte.«
Zum Beispiel backen, fügte sie im Stillen hinzu. Die Hot Cross Buns, die sie bereits gebacken hatte, waren im Hotel der Renner gewesen, und die nächste Fuhre ging gerade noch in der Speisekammer auf.
Doch da ihr die Worte ihres Bruders noch immer in den Ohren klangen, versuchte sie, sich auf den Lauf zu konzentrieren. Sie hatte nicht gescherzt, als sie sagte, wie schwer es sei, an einem Triathlon teilzunehmen. Das Rennen hatte um zehn Uhr morgens mit einer anderthalb Kilometer langen Schwimmstrecke über den Dragonfly Lake begonnen, gefolgt von einer vierzig Kilometer langen Radstrecke über die Landstraßen der Cotswolds. Mittlerweile befanden sich die Teilnehmer auf der letzten Etappe, dem 10-km-Lauf, der aus fünf Runden um den See bestand.
Hannah fand, dass das unglaublich anstrengend klang, und selbst die Sonnenstrahlen, die nach dem starken Regen endlich über das Osterwochenende hervorkamen, konnten den Athleten, die sich erschöpft auf der Strecke abmühten, nicht helfen.
In der Nähe war ein dickes rotes Band als provisorische Ziellinie über den unbefestigten Weg gespannt worden, direkt vor ihrem familiengeführten Hotel. Da niemand wusste, was man von diesem ersten Triathlon der Maple Tree Lodge erwarten sollte, war die ganze Familie begeistert von der Resonanz: Es nahmen nicht nur zahlreiche lokale Teilnehmer teil, sondern es war auch eine große Zuschauermenge vor Ort.
Immerhin hatte das Hotel noch vor sechs Monaten kurz vor dem Bankrott gestanden. Dank Ben und Lily, die das Hotel zu einem gemütlichen Landhotel umgebaut hatten, ging es wieder bergauf, sodass an jedem Wochenende weiterhin zahlreiche Buchungen eingingen. Allerdings lief das Geschäft noch immer etwas schleppend, sodass das Hotel nicht so oft ausgelastet war, wie man es sich erhofft hatte.
Ben stieß seine Schwester mit dem Ellbogen an, als er Tom Addison von der Cranbridge Times in der Nähe bemerkte. »Lächle und tu so, als würde es dir Spaß machen, okay?«, murmelte er. »Die lokale Presse ist hier.«
Hannah unterdrückte ein Gähnen. »Ich bin schon allein dadurch eine Unterstützung, dass ich hier bin«, erklärte sie ihm. »Ich musste gestern Abend lange arbeiten, erinnerst du dich?«
»Wie spät wurde es denn eigentlich?«, fragte Ben mit gerunzelter Stirn. »Sogar ich bin vor dir ins Bett gegangen, und da war es schon nach Mitternacht.«
Hannah zuckte mit den Schultern. »Du weißt, wie die Samstagabende sind. Nach einer großen Betriebsfeier im Pub gab es jede Menge aufzuräumen«, antwortete sie. »Ich habe ewig gebraucht, um Ordnung zu schaffen, bevor ich gehen konnte.«
Hannah arbeitete im Rose and Crown in Aldwych, zehn Meilen von der Maple Tree Lodge entfernt, wo sie mit ihrer Familie lebte. Die Arbeit als Kellnerin war anstrengend und machte nicht besonders viel Spaß, was an einem anspruchsvollen Vorgesetzten lag, der dafür sorgte, dass die Fluktuation unter den Mitarbeitern hoch war. Dennoch war sie dankbar für diesen Job, weil er dazu beitrug, der Familie dringend benötigtes Geld einzubringen.
»Gab es sonst niemanden, der dir helfen konnte?«, wollte Lily wissen.
Hannah schüttelte den Kopf. »Alle anderen waren gegangen.«
»Abgesehen von dir, wie immer«, meinte ihr Bruder in einem spitzen Ton. »Die nutzen dich aus. Ich weiß nicht, warum du nicht einfach kündigst. Irgendwo da draußen muss es bessere Arbeitsplätze geben.«
Faye Jackson, die auf der anderen Seite ihres Sohnes und ihrer Tochter saß, sagte plötzlich in fröhlichem Ton: »Oh, schaut mal! Es sind nur noch zwei Runden um den See!«
Hannah warf ihrer Mutter einen dankbaren Blick zu, weil sie diese Ablenkung zu schätzen wusste, und fühlte sich wie immer beruhigt durch Fayes sanfte Art, Streitigkeiten im Keim zu ersticken.
Faye war ruhig und ausgeglichen, genau wie Hannah. Ben war temperamentvoller und kam ganz nach ihrem verstorbenen Vater und ihrem Grandpa Walter, der auf einem Campingstuhl in der Nähe saß und mit der Hand auf die Armlehne schlug. »Seht euch den Kerl an, der sich mit den Ellbogen durch die Menge drängt!«, rief Walter. »Das ist doch ganz klar Betrug!«
»Walter«, ermahnte Lily ihn und bedeutete ihm, still zu sein. »Denk bitte an die Gäste.«
Während die Athleten auf der anderen Seite des Dragonfly Lake den Weg entlangliefen, musste Hannah – obwohl sie sich nach ihrer kurzen Nacht müde fühlte – bei diesem Anblick, den sie über alles liebte, unwillkürlich lächeln.
Der See glitzerte im Frühlingssonnenschein, sanfte Wellen funkelten im sanften Wind, der über das Wasser strich. Hinter der Laufstrecke, die um den See herumführte, erstreckten sich Bäume und ausgedehnte Waldgebiete, die alle im Besitz der Familie Jackson waren.
Jenseits des Sees und des Waldes lagen die sanften grünen Hügel der Cotswolds, übersät mit flauschigen weißen Schafen und Wiesen voller gelber Narzissen. Es war die erste Aprilwoche, und die winzigen neuen Blätter an jedem Baum und jeder Hecke begannen sich nun Tag für Tag zu entfalten. Überall erwachte der Frühling zu neuem Leben.
Es war eine magische Kulisse. Kein Wunder, dass sich ihr Ururgroßvater in den Ort verliebt hatte, als er ihn 1918 zum ersten Mal entdeckte.
Nachdem er das Grundstück gekauft hatte, begann Henry Jackson, für sich und seine Braut, die er während des Krieges geheiratet hatte, ein Zuhause zu bauen, in dem sie ihre Familie gründen konnten. Seitdem hatte jede Generation der Familie Jackson die Lodge um weitere Räume und Flächen erweitert, wobei sie eine Mischung aus den für die Cotswolds typischen sandfarbenen Ziegeln und dem unerschöpflichen Vorrat an Holz verwendete, über den die Familie dank der umliegenden Wälder nun verfügte.
Hannahs Ururgroßvater hatte viele Bäume gefällt, um die ursprüngliche Hütte zu bauen, und die nachfolgenden Generationen waren seinem Beispiel gefolgt, sodass die Außenwände des Hotels aus Schichten riesiger Baumstämme bestanden, was dem Gebäude ein massives, aber gemütliches Aussehen verlieh. Mächtige Backsteinschornsteine schmiegten sich an die Außenwände bis hinauf zum Schieferdach, wo Rauchschwaden in den blauen Himmel aufstiegen.
Heutzutage war es ein zweistöckiges Gebäude mit langen Flügeln, die sich entlang des sandigen Ufers des Sees erstreckten. Das Gebäude war zu groß, als dass nur seine Eltern, seine Frau und seine beiden Kinder darin hätten wohnen können; daher hatte Hannahs Vater Tony Anfang der 1980er Jahre beschlossen, es als Hotel zu nutzen. Er hatte das oberste Stockwerk so umgebaut, dass dort zwanzig Gästezimmer mit eigenem Bad untergebracht werden konnten, während die Familie in den privaten Personalunterkünften am Ende des Westflügels schlief.
Was hätte ihr Vater wohl von ihrem jüngsten Erfolg gehalten, fragte sich Hannah und blickte zu dem nahe gelegenen Hotel hinauf. Sie hoffte, er würde sich darüber freuen, dass das Hotel so gut ausgelastet war wie nie zuvor. Schließlich war es viele Jahre lang ein ums Überleben kämpfendes Unternehmen gewesen, das erst erfolgreich wurde, als Ben nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters die Leitung übernommen hatte.
Sie wusste, dass Ben die Last des Erfolgs des familiengeführten Hotels auf seinen Schultern spürte. Eine Last, die er ihrem Grandpa unbedingt abnehmen wollte, als er vor einem Jahr, nachdem ihr Vater unerwartet verstorben war, wieder nach Hause gezogen war.
Dank einer umfassenden Renovierung ging es mit der Maple Tree Lodge definitiv bergauf, doch Hannah wusste, dass die unter der Woche oft unbesetzten Zimmer ihrem großen Bruder nach wie vor Sorgen bereiteten. Ben hatte das Hotel mit Hilfe von Lilys Talent für Innenarchitektur über den Winter hinweg zu einem florierenden Geschäft gemacht; an den meisten Wochenenden waren alle zwanzig Zimmer des Hotels mit Gästen belegt gewesen. Doch unter der Woche, wenn es im Hotel ruhiger wurde, machten sich alle Gedanken über den Mangel an regelmäßigen Einnahmen.
Aber trotz ihrer geschäftlichen Sorgen war es für Hannah und den Rest der Familie nicht nur ein Hotel. Die Maple Tree Lodge war auch ihr Zuhause.
»Los, Alex!«, rief Walter, als sich die Gruppe der Athleten ihrer vorletzten Runde um den See näherte.
»Wir sollten fair zu allen Teilnehmern sein«, erinnerte ihn Faye mit gedämpfter Stimme.
»Pfft«, machte Walter und zog die grauen Augenbrauen zusammen. »Es ist doch ein Wettkampf, oder nicht?«
Hannahs winzige Grandma, Dotty, stimmte ihrem Mann zu. »Oh, clever, Alex! Komm schon!«, schrie sie, bevor sie den Blick ihrer Schwiegertochter bemerkte. »Was?«, fragte sie Faye. »Warum können wir ihn nicht anfeuern?«
»Natürlich könnt ihr das«, erklärte Ben ihr mit leiser Stimme. »Er ist mein bester Freund und ich möchte, dass er gewinnt.«
»Ganz genau«, fügte Jake hinzu, Bens anderer bester Freund, der daneben stand. »Ich meine, es sind zwar noch nicht die Commonwealth Games. Aber alle sagen, dass er dort Gold holen wird – warum sollte er dann nicht auch dieses kleine Rennen gewinnen?«
»Kleines Rennen?« Lily lachte. »Wann warst du das letzte Mal bei einem Ausdauerwettkampf?«
»Letztes Wochenende, als ich dieses schreckliche Date hatte«, antwortete Jake und verzog das Gesicht. »Wenn du dir Annabels sinnloses Geschwätz hättest anhören müssen, wärst du auch auf der Flucht gewesen.«
Ben verdrehte die Augen. »Sag bloß, noch eine, die du zu dem Haufen verlassener Ex-Freundinnen hinzufügen kannst.«
»Zu Recht«, murmelte Jake mit einem Schaudern.
Hannah lächelte. Jakes mangelndes Interesse an einer langfristigen Beziehung war legendär.
»Los, Alex!«, rief Ben, als sein bester Freund an ihnen vorbeilief.
Lily stieß ihn wegen seiner mangelnden Diplomatie leicht in die Brust, lächelte dabei aber und klatschte zusammen mit dem Rest der Gruppe.
»Ich habe den Champagner schon bereitgestellt«, sagte Frankie, die beste Freundin ihrer Mutter, als sie zu ihnen kam. Frankie war vor einigen Jahren, nachdem sie Witwe geworden war, bei ihnen eingezogen. Mittlerweile leitete sie die Bar im Hotel, wo ihre Cocktail-Kenntnisse dafür sorgten, dass das Separee, wie die Familie es nannte, an den Wochenenden bei den Gästen sehr beliebt war. »Alex muss vorsichtig sein, wenn er die Flasche öffnet. Ich weiß nicht genau, wie lange sie schon im Keller lag.«
»Alex wird vielleicht gar nicht gewinnen«, erinnerte Lily sie flüsternd.
»Quatsch!«, antwortete Frankie, die nicht für ihre Diplomatie bekannt war. »Natürlich wird er gewinnen! Außerdem ist er Teil der Familie!«
Hannah nickte zustimmend. Das stimmte. Kaum hatte Ben seine besten Freunde Alex und Jake nach ihrem Abschluss von der Universität zu Besuch mitgebracht, hatten sich die beiden Männer auch schon mit der Familie Jackson angefreundet.
Da sie zwei Jahre älter waren als Hannah, war es, als hätte sie zwei zusätzliche ältere Brüder. Aber während Jake flirtete und für Spaß sorgte, war Alex der Ruhigere und Zuverlässigere. Von seinem Charakter her passte er perfekt zum geregelten Leben eines Buchhalters. Umso mehr war Hannah überrascht, als sie herausfand, dass er seine Freizeit damit verbrachte, an Triathlons teilzunehmen. Seitdem schien er neben der Arbeit stets mit seinem Vater zu trainieren, und nun strebte er an, in vier Monaten das höchste aller Ziele zu erreichen.
Hannah blickte über den See zu Alex, der ganz vorne allein rannte und noch immer den Neoprenanzug trug, der seine athletische Statur zur Geltung brachte. In der Menge standen viele bewundernde Frauen, und Hannah wusste, dass Alex mit seinem gut aussehenden Gesicht und seinem unglaublich athletischen Körper überall Frauen anzog, wo er auch hinging. Aber sie hatte immer versucht, nicht so über ihn zu denken. Er war einfach Alex, der liebenswerte, zuverlässige Alex, der immer so nett und großzügig zu ihr war.
Alle Männer in ihrer Familie hatten sie unterstützt, vor allem bei ihren Schwierigkeiten mit ihrer Legasthenie während ihrer Kindheit. Ben hatte versucht, sie vor Mobbing in der Schule zu bewahren, aber so wunderbar ihr großer Bruder auch war, er konnte sie nicht vor jedem beschützen.
Vor allem von Sean.
Er war Hannahs erste und einzige ernsthafte Beziehung gewesen. Sie hatte schon vor ihrem einundzwanzigsten Lebensjahr Dates gehabt, sich aber bis dahin noch nie in jemanden verliebt. Nie dieses Kribbeln im Bauch gespürt, bis sie eines Tages Sean bei der Arbeit kennenlernte.
Er war als stellvertretender Küchenchef in dem Londoner Restaurant angestellt worden, in dem sie als junge Konditorin arbeitete. Ihrer Meinung nach hatte Sean viel mehr Talent als sie, und so fühlte sie sich geschmeichelt, als er sie um ein Date bat, und war erstaunt, dass er sie überhaupt bemerkt hatte. Er war sowohl vom Aussehen als auch vom Charakter her ein düsterer Typ, was sich in seiner Art widerspiegelte, die Küche mit strenger Hand zu führen. Viele der anderen Mitarbeiter murrten über ihn, aber Hannah gefiel es, dass er im Vergleich zu anderen Männern seines Alters nicht allzu albern war.
Zu dieser Zeit wohnte sie mit Lily in einer Wohngemeinschaft – zusammen mit ihren beiden anderen besten Freundinnen, Beth und Ella. Doch als Sean sie fragte, ob sie bei ihm einziehen wolle, ergriff Hannah die Gelegenheit beim Schopf. Da sie zum ersten Mal in ihrem Leben verliebt war, hatte Hannah sich romantische Abendessen zu zweit, gemütliche Sonntagvormittage im Bett und gemeinsames Kichern vor dem Fernseher bei der neuesten Comedy-Serie vorgestellt.
Doch Sean kicherte nicht, wie ihr klar wurde, sobald sie bei ihm eingezogen war. Tatsächlich lächelte er kaum. Und wenn er es tat, machte es sie nervös. Als wolle er sie auf die Probe stellen, um herauszufinden, ob sie die Wahrheit sagte. Er provozierte absichtlich Streit und spitzte Auseinandersetzungen ohne Grund zu. Dann warf er ihr vor, sie würde ihn absichtlich zur Weißglut treiben. Immer und immer wieder – es war eine altbekannte Geschichte, die sich ständig wiederholte. Ehe sie sich versah, war Hannah in einer Spirale aus Angst, Furcht und Schrecken gefangen.
Auch sein mangelndes Vertrauen in sie zehrte an ihr. Immer wieder fragte er Hannah, wo sie gewesen sei, mit wem sie gesprochen habe. Es war anstrengend, kräftezehrend und brachte sie manchmal sogar dazu, an sich selbst zu zweifeln. Aber mit so wenig Dating-Erfahrung fragte sie sich, ob Sean nicht vielleicht recht hatte. Vielleicht war es ja ihre Schuld, dass er ihr nicht vertrauen konnte.
Im Lauf der Zeit begann Hannah zu grübeln, ob nicht vielleicht er derjenige war, der im Unrecht war, und nicht sie. Ihre Freunde und ihre Familie hakten vorsichtig bei ihr wegen ihres plötzlichen Gewichtsverlusts und ihres erschöpften Aussehens nach, aber sie sah sie nur sporadisch und konnte sie abwimmeln, indem sie log, dass ihre veränderte Erscheinung nur darauf zurückzuführen sei, dass sie im Restaurant zu hart arbeite.
Ein ganzes Jahr lang kämpfte sie sich durch, versuchte, ihr Unglück vor Freunden und Familie zu verbergen, und hoffte, die Zeit würde ihre Ängste lindern. Sie vergab ihm immer wieder, selbst als Sean ihr Geburtstagsessen mit einem weiteren Wutanfall ruinierte, es aber mit einem Ring wieder gutmachte, den er ihr an den Ringfinger steckte, obwohl er ihr keinen Heiratsantrag gemacht hatte. Er übernahm nie die Verantwortung, sah nie einen Fehler in seinem eigenen Verhalten, sondern nur in ihrem. Sie hatte sich noch nie so einsam gefühlt und begann, sich in sich selbst zurückzuziehen.
Irgendwann musste etwas passieren. Dies geschah erst, als er eines Abends wegen eines verschütteten Getränks ausrastete, sie umstieß und dabei versehentlich die Kette zerriss, die Hannah getragen hatte. Es war ihr Lieblingsschmuckstück, ein schlichter silberner Sternanhänger, den Beth ihren drei besten Freundinnen am Ende ihres zweijährigen Zusammenlebens in der Londoner Wohnung geschenkt hatte. Es war eine wunderschöne Halskette, doch noch wichtiger war das Versprechen, das bei der Übergabe des Geschenks gegeben worden war: dass die vier Freundinnen immer aufeinander achten würden, ganz gleich, wo auf der Welt sie sich gerade befänden.
Sean hatte die Halskette vom Boden aufgehoben und in den Küchenabfall geworfen, woraufhin Hannah zu weinen begann. Dann hatte er sie fest an sich gedrückt und ihr gesagt, dass es ihre Schuld sei, dass sie ihn verärgert habe, aber er ihr vergeben würde, wie immer.
Sein erbärmliches Verhalten hatte sich weiter verschlimmert; es war das erste Mal, dass er sie körperlich angegriffen hatte. In diesem Moment, als er sie fest an sich drückte, beschloss Hannah, dass es auch das letzte Mal sein würde. Sie hatte Angst davor, was Sean als nächstes tun könnte.
Letztendlich konnte sie nicht einschlafen, schlich sich nach unten und holte die Halskette aus dem Mülleimer. Sie weinte, während sie sie fest in der Hand hielt, und versuchte, die Liebe ihrer Freundinnen zu spüren, in dem Wissen, dass diese ihr in jeder Situation zur Seite stehen würden. Gestärkt durch die Kraft, die sie ihr stets gaben, versteckte sie die Halskette bis zum Morgen zur sicheren Aufbewahrung unter einem Kissen.
Nachdem Sean zur Arbeit gegangen war, holte sie die Kette mit dem Anhänger hervor, packte hastig ihre Sachen zusammen und floh zurück zur Maple Tree Lodge, wobei sie sowohl seinen Ring als auch die Beziehung weit hinter sich ließ. Seitdem lebte sie wieder zu Hause.
Sie hatte verzweifelte Anrufe und Nachrichten von Sean erhalten, als ihm klar wurde, dass Hannah sich endlich von ihm losgesagt hatte. Sie hatte zu viel Angst, mit ihm zu sprechen, aus Furcht, er könnte sie irgendwie zu einem Treffen überreden; schließlich hatte sie die Nummer blockiert und versucht, ihr Leben weiterzuleben.
Sie hatte ihrer Familie und ihren Freunden erzählt, dass die Beziehung im Guten zu Ende gegangen sei, obwohl diese wegen der Tränen, die sie in den ersten Tagen nicht zurückhalten konnte, besorgt waren. Doch Sean war mit seinen Manipulationen geschickt vorgegangen; all die Schikanen hatten sich hinter verschlossenen Türen abgespielt, niemals vor anderen. Sie log, als sie allen erzählte, sie sei nicht traurig, weil es für sie und Sean nur eine lockere Sache gewesen sei. Nicht die herzzerreißende Liebe, die sie für ihn empfunden zu haben glaubte.
Jetzt wusste sie natürlich, dass es keine wahre Liebe gewesen war. So grausam war die Liebe nicht. Die Liebe ängstigte oder missbrauchte nicht. Liebe war das, was sie mit ihrer Familie verband – Unterstützung, ein Rückzugsort fernab der Welt. Es war ihr peinlich, dass sie sich von ihm hatte einwickeln lassen, dass er sich als nichts anderes als ein weiterer Tyrann herausgestellt hatte. Da sie bei der Arbeit ohnehin schon mit einem herrischen Koch zu kämpfen hatte, hatte Sean versprochen, sie zu beschützen, doch stattdessen war er der größte Tyrann von allen gewesen.
Noch immer voller Schmerz zog sich Hannah aus der Welt zurück und zögerte in den ersten Monaten und Jahren sogar, hinauszugehen und Kontakte zu knüpfen. Sie nahm Gelegenheitsjobs an, zum Beispiel als Regalauffüller im örtlichen Supermarkt, wo viel los war und sie sich relativ sicher fühlte.
Die Familie hatte zusammen mit ihren besten Freundinnen Lily, Beth und Ella versucht, sie behutsam aus ihrem Zuhause herauszulocken und wieder in die Außenwelt zu bringen.
»Du bist eine so tolle Bäckerin«, sagten sie ihr oft. »Du solltest das beruflich machen.«
Aber Hannah glaubte ihnen nicht. Sie wusste, dass sie ganz gut war und dass ihre Kuchen durchaus genießbar waren. Aber war sie gut genug, um Vollzeitbäckerin zu sein? Natürlich nicht. Das war eine lächerliche Vorstellung.
Also machte sie – wenn auch widerwillig, nachdem man sie in den letzten Monaten dazu gedrängt hatte – weiter damit, Kuchen und Kekse für die Hotelgäste zu backen, und arbeitete weiterhin als Kellnerin, um etwas dazuzuverdienen. Da das Hotel nun jedoch Gewinne abwarf, hatte sich ihre Aufgabe geändert: Sie half nun beim Frühstück und bereitete sogar Desserts für das Abendessen zu, um ihrem Teilzeitkoch Jason zu helfen, der den Abenddienst am Wochenende von ihrer Mutter übernommen hatte.
In der Anfangszeit des Erfolgs des Hotels hatte Ben versucht, Hannah dazu zu bewegen, den Abenddienst zu übernehmen, anstatt einen externen Koch einzustellen. Doch Hannah lehnte seine Bitte immer wieder ab und erklärte ihm, sie sei nicht gut genug, um eine solche Verantwortung zu übernehmen.
»Los, Alex!«, drängte Ben wieder.
Hannah lächelte ihren älteren Bruder an. Im völligen Gegensatz zu ihr hatte es Ben nie an Selbstvertrauen gemangelt. In der Schule hatte er hervorragende Leistungen erbracht und gute Noten erzielt, bevor er ein begabter Architekt wurde. Er hatte all das aufgegeben, als ihr Vater verstorben war, und trotz der Anfänge, die mit viel Stress verbunden waren, lief nun auch das Hotel relativ gut. Auch in der Liebe war er nun glücklich, da er mit Lily zusammen war. Sie schienen in vollkommener Harmonie zu sein, während sie das Hotel gemeinsam führten.
Sie wusste, dass es für das Hotel in der schwierigen Gastronomiebranche nach wie vor nicht leicht war, aber Ben hatte schon immer das Zeug zum Erfolg gehabt, während Hannah so oft zu kämpfen hatte.
Nur die Küche war ihr Rückzugsort. Dort war ihre Mutter oft anzutreffen, wie sie das Frühstück für die Gäste zubereitete. Dort versammelte sich ihre Familie zu den Mahlzeiten. Sie gaben ihr Kraft, auch wenn in letzter Zeit ein Platz am Tisch leer blieb. Sie vermisste ihren Vater schrecklich, aber es fühlte sich dennoch so an, als wäre sie zu Hause mit ihm verbunden.
Backen war ihr liebstes Mittel gegen Stress. Sie liebte es. Die Aromen, das Gefühl des Kuchenteigs und des Gebäcks, das sie zubereitete. Es war der einzige Moment, in dem sie sich voller Selbstvertrauen fühlte.
»Mensch, ist das nicht aufregend?«, sagte eine vertraute Stimme.
Hannah wirbelte herum und sah, dass Frankies Patenkind Del zu ihnen gestoßen war. Del war der örtliche Coach und Taxifahrer, ein netter Kerl, der in den umliegenden Dörfern immer bemüht war, sich nützlich zu machen. Nur hatten ihm seine fragwürdigen Ideen, seinen Freunden und sich selbst zu helfen, schon vor langer Zeit den Spitznamen »Dodgy Del« eingebracht. Trotz seiner Großzügigkeit folgte Del der Ärger auf Schritt und Tritt.
Diesmal schien er jedoch Gesellschaft zu haben, und zwar in Form eines molligen schwarzen Welpen.
»Del!«, gurrte Hannah und streckte die Hand aus, um den jungen Hund zu streicheln, der neben ihm an der Leine zerrte. »Du hast einen Welpen!«
»Ist nicht meiner«, entgegnete er mit einer Grimasse. »Tiny gehört meiner alten Grandma.«
»Ist Gracie hier?«, fragte Faye, streichelte ebenfalls das weiche schwarze Fell und sah sich dann um.
»Nee. Sie ist total erschöpft, die Arme«, erklärte Del ihnen. »Ich habe ihr gesagt, dass ein Welpe zu viel für sie wäre. Ich weiß nicht, warum sie ihn überhaupt zu sich geholt hat. Hier kannst du ihn nehmen, wenn du willst. Mein Arm ist eingeschlafen. Er ist ziemlich stark.«
Gleich darauf legte er das Ende der Leine in Hannahs Hand. Sie versuchte, den Moment zu genießen, den Hund neben sich zu halten, doch Tiny schien andere Pläne zu haben und begann, sich zu winden, da er sich unbedingt die Beine vertreten wollte.
»Behalt ihn im Auge, ja?«, bat Del und warf einen Blick auf sein Telefon. »Ich muss diesen Anruf annehmen.«
Hannah blickte auf, als Alex um die Ecke kam; lächelnd und den Zuschauern zunickend, die ihm Beifall zollten, lief er weit vor allen anderen ins Ziel und sicherte sich den ersten Platz, während der Rest des Feldes einige Meter hinter ihm zurückblieb. Sie freute sich so sehr, dass er gewinnen würde. Wie wunderbar es doch wäre, im Leben so erfolgreich und glücklich zu sein, dachte sie sehnsüchtig. Obwohl er sich so sehr angestrengt hatte, ließ er es wie immer mühelos aussehen.
Alex fing ihren Blick für einen Moment ein, als er ihnen entgegenlief, und zwinkerte ihr zu.
Sein breites Lächeln lenkte sie so sehr ab, dass sie gar nicht bemerkte, wie ein paar Enten auf der anderen Seite des Weges im seichten Wasser des Sees landeten. Aber Tiny bemerkte es.
Plötzlich spürte sie einen Ruck an der Leine, und Tiny schoss wie eine Rakete los und rannte durch den Schlamm auf das Wasser zu.
Hannah versuchte verzweifelt, die Leine festzuhalten, und war erstaunt über die Kraft des Hundes, obwohl er noch so jung war. Da ihr nichts anderes übrig blieb, als ihm im Laufschritt hinterherzueilen, geriet sie Alex in die Quere, dessen Lauf ins Stocken geraten war, als er auf das Band zusteuerte, das als Ziellinie über die Strecke gespannt war.
Alex versuchte auszuweichen und bemühte sich verzweifelt, ihnen aus dem Weg zu gehen. Hannah glaubte schon, sie wäre gerade noch einmal davongekommen, als Tiny durch das Bellen eines anderen Hundes abgelenkt wurde und abrupt die Richtung änderte, sodass er beinah wieder umkehrte.
Hannah, die sich immer noch verzweifelt an der Leine festhielt, sah sich gezwungen, direkt auf Alex zuzulaufen, und diesmal gab es keine Möglichkeit, ihm auszuweichen.
Sie rammte ihn mit voller Wucht, und sie hörte ihn aufschreien, als sie beide zu Boden fielen und in einem Knäuel liegen blieben. In der Zwischenzeit war Tiny davongelaufen, die Leine hinter sich herziehend, und bellte vor Freude, während er im seichten Wasser des Sees sein Unwesen trieb.
Zu ihrem Entsetzen sah Hannah, wie eine kleine Gruppe von Sportlern an ihnen vorbeirannte, während sie ausgestreckt auf dem Boden lagen. Es schien, als seien Alex’ Hoffnungen auf einen Sieg beim ersten Dragonfly-Lake-Triathlon endgültig dahin.
Kapitel 2
Alex Grant lag neben Hannah auf dem Boden und war vor Schock wie gelähmt. Was war gerade passiert?
In einem Moment lag er noch entspannt beim Dragonfly Lake Triathlon in Führung, im nächsten lag er im Schlamm und hatte schreckliche Schmerzen im Fuß. Er setzte sich langsam auf, spürte, wie ein stechender Schmerz seinen Unterschenkel hinaufschoss, und wusste ohne den geringsten Zweifel, dass mindestens einer der Knochen in seinem Fuß gebrochen war.
Einer seiner besten Freunde, Ben, eilte zu ihnen. »Geht es euch beiden gut?«, fragte er, half seiner Schwester auf und sah dann zu Alex hinunter. »Kumpel, ich kann nicht glauben, dass du nicht gewonnen hast! Was für eine Katastrophe! Ich dachte, du hättest das in der Tasche.«
Trotz seiner eigenen Schmerzen sah Alex sofort zu Hannah hinüber, um sich zu vergewissern, dass sie unverletzt war. Eine Seite ihres Körpers war mit Schlamm verschmiert, aber zum Glück schien es ihr ansonsten gut zu gehen.
»Mir geht’s gut«, murmelte sie und stand langsam auf. »Aber das mit dem Rennen tut mir so leid, Alex.« Mit Tränen in den Augen sah sie zu ihm hinunter. »Der Welpe ist einfach weggelaufen und ich konnte ihn nicht festhalten!«
»Es ist nicht deine Schuld«, fauchte Ben. »Es ist dieser verdammte Dodgy Del. Echt jetzt!« Er drehte sich wieder um, sah zu Alex hinunter und verdrehte die Augen. »Zumindest kann man sicher sein, dass so etwas bei den Commonwealth Games nicht passiert!« Er streckte ihm die Hand entgegen. »Na komm. Hoch mit dir.«
Doch als Alex zu seinem besten Freund aufblickte, dämmerte ihm langsam die Realität. Die Commonwealth Games waren nur noch vier Monate entfernt. Er versuchte noch einmal, ein paar Zehen zu bewegen, und zuckte bei der Anstrengung zusammen. Der Schmerz löste eine Reaktion in seinem Gehirn aus. Ein Knochenbruch würde bedeuten, dass er sein intensives Training für mindestens zwei dieser Monate unterbrechen müsste, damit die Heilung ordnungsgemäß verlaufen konnte, was ihn völlig unvorbereitet und in schlechter körperlicher Verfassung zurücklassen würde.
In diesem Moment wusste er, dass sein Kampf um die Goldmedaille vorbei war. Alles, wofür er und sein Vater sein ganzes Erwachsenenleben lang gearbeitet und trainiert hatten, war nun vorbei. Er wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte.
Er wusste nur, dass er seinen Vater enttäuscht hatte und dass sie nun den größten Preis von allen nicht gewinnen würden. Denn solange er sich erinnern konnte, war Alex von seinem Vater unter Druck gesetzt worden; der unerbittliche Zwang, um jeden Preis zu gewinnen, war ihm schon in jungen Jahren eingeimpft worden.
Sein Vater war vor vielen Jahren selbst ein Gewinner gewesen. Er war Langstreckenläufer gewesen, und die Bronzemedaille, die er bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften gewonnen hatte, hing noch immer in seinem Arbeitszimmer neben seinem Schreibtisch. Aber er wollte mehr. Er wollte die Spitzenmedaille. Als sein eigener Körper nicht mehr in der Lage war, mit dem Druck fortzufahren, hatte er seine Goldmedaillenambitionen auf seinen Sohn projiziert.
Schon in jungen Jahren hatte Alex gewusst, dass der Sieg bei Schulsportwettbewerben erst der Anfang war. Das setzte sich auch während seines Studiums fort. Seinem Vater waren weder Alex’ schulische Laufbahn noch seine Buchhaltungsqualifikationen wichtig, auf die Alex ziemlich stolz war. Alex hatte bei einer großen Firma gearbeitet, obwohl sein Vater wollte, dass er sein eigenes Unternehmen gründete, um so noch mehr Freizeit für das Training zu haben. Doch den Druck, unter dem Alex privat stand, wollte er nicht auf seine berufliche Laufbahn übertragen; deshalb hatte er ausnahmsweise einmal Nein zu seinem Vater gesagt und begnügte sich damit, einfach nur zu erscheinen, gute Arbeit zu leisten und dann nach Hause zu gehen, um sich zu entspannen. Nicht, dass er jemals viel Zeit zum Entspannen gehabt hätte. Jede freie Minute, einschließlich der Urlaubszeit, war mit Wettkämpfen und Training ausgefüllt.
Abseits der Wettkämpfe hatte er stets den vernünftigen Weg eingeschlagen, was ihm ein gutes, regelmäßiges Einkommen sicherte, und diese Ersparnisse hatte er dann umsichtig investiert, wodurch er schließlich Eigentümer einiger Immobilien in London wurde. Das eine wurde vermietet, das andere diente Alex als Wohnsitz. Er verdiente immer noch gutes Geld mit seinem Job und seinen Investitionen und doch hatte er keine Zeit, es auszugeben. Er hatte das Gefühl, fast sein gesamtes Erwachsenenleben damit verbracht zu haben, um die Welt zu reisen – nicht, um sich zu entspannen oder die Sehenswürdigkeiten der vielen verschiedenen Länder zu genießen, sondern um immer wieder schwimmen, Rad fahren und laufen zu müssen. Verschiedene Flüsse und Meere, verschiedene Straßen und Rennstrecken. Im Laufe der Jahre waren sie alle miteinander verschmolzen, bis er sich von der Unerbittlichkeit des Ganzen zermürbt fühlte.
Jetzt, mit Anfang dreißig, wollte er seine eigenen Träume verfolgen, sein eigener Herr sein und sein Schicksal selbst in die Hand nehmen. Er wollte sich niederlassen, ein Zuhause haben, eine Familie, ein Leben abseits des Trainings und der Wettkämpfe.
Seine Eltern hatten jedoch viele Opfer für ihn gebracht und auf ihre Urlaubszeit verzichtet, um stattdessen das ständige Training zu ermöglichen, damit Alex in Topform sein würde. Und so hatte er trotz seiner wachsenden Zurückhaltung weiter versucht, diese schwer zu erreichende Goldmedaille zu erringen.
In den letzten Jahren hatte Alex jedoch insgeheim den Wunsch verspürt, aufzuhören. Er hatte geglaubt, dass die Goldmedaille bei den Commonwealth-Spielen den Ambitionen seines Vaters vielleicht endlich ein Ende bereiten würde. Doch angesichts der stechenden Schmerzen, die er in diesem Moment im Fuß verspürte, schien ihm selbst dieser Traum genommen worden zu sein.
Er stellte fest, dass Ben immer noch auf ihn herabblickte und ihm eine Hand reichte, um ihm aufzuhelfen.
»Ich kann nicht stehen«, sagte er zu seinem besten Freund und schüttelte den Kopf. »Ich bin verletzt.«
Ben sah entsetzt aus, bevor er zu ihrem anderen besten Freund Jake hinüberblickte, der sich neben sie gestellt hatte.
»Ich kann nicht behaupten, dass das nicht das Beste war, was ich je gesehen habe«, sagte Jake, dessen hübsches Gesicht wie immer von Humor gezeichnet war. »Das war so lustig. Ich hätte es aufnehmen sollen. Du könntest das nicht zufällig noch einmal machen, oder? Nur für mich?«
Überall um sich herum sah Alex, wie ihn einige Zuschauer mit ihren Handys fotografierten. Er war zu benommen, um sich dafür zu schämen. Zu verzweifelt, um die Demütigung zu spüren, so kurz vor der Ziellinie so öffentlich und lächerlich zu scheitern. Alles, was er wusste, war, dass er versagt hatte.
»Vielleicht nicht ganz so lustig«, erwiderte Ben mit gerunzelter Stirn. »Alex ist verletzt.«
Jakes breites Lächeln verschwand augenblicklich. »Was ist los?«, fragte er und ließ seinen Blick über Alex schweifen. »Wo tut es weh?«
»Mein Fuß«, antwortete Alex und warf einen Blick auf seinen schlammverschmierten Turnschuh, von dem der starke Schmerz ausging. »Ich glaube, er ist gebrochen.«
Seine besten Freunde warfen sich entsetzte Blicke zu, bevor sie herantraten und ihre Arme um seinen Oberkörper legten.
»Okay. Ganz langsam. Auf drei«, sagte Jake, bevor sie ihn langsam aufrichteten.
Alex versuchte, etwas Gewicht auf seinen Fuß zu verlagern, hob dann aber sofort sein Bein wieder an, um es über dem Boden zu halten. »Nein. Es ist zu schmerzhaft. Ich kann nicht einmal darauf stehen.«
Jake fluchte. »Sieht so aus, als müssten wir mit dem Feiern noch warten«, murmelte er.
Auch Bens Mutter Faye war herbeigeeilt und sah ihn besorgt an. »Bringt ihn rein«, befahl sie in gedämpftem Ton. »Wir müssen so schnell wie möglich etwas Eis darauflegen.«
Mit der Hilfe seiner beiden besten Freunde schleppte sich Alex auf einem Bein langsam in Richtung Maple Tree Lodge. Bei einer eigenen Wohnung hatte er nie das Bedürfnis verspürt, sie wohnlich zu gestalten – abgesehen von einem riesigen Fernseher und einem ordentlichen Sofa. Es war nur eine Basis für ihn, nicht sein Zuhause. Jedes Mal, wenn er bei seinen Eltern war, ging es um Wettbewerbe und Trainingseinheiten mit seinem Vater, sodass er sich dort nicht wirklich entspannen konnte.
Tatsächlich war der einzige Ort, den er jemals als wahres Zuhause angesehen hatte, die Maple Tree Lodge. Er hatte Ben an der Uni kennengelernt und sich sofort mit ihm und Jake in der Studentenbude angefreundet. Die drei waren schnell beste Freunde geworden und trafen sich, sobald sie alle die Universität verlassen hatten, so oft es ihre vollen Terminkalender zuließen.
Alle drei Männer hatten sich für ihre jeweilige Karriere in London niedergelassen. Ben war Architekt und Jake Koch. So genossen die drei jungen Männer an den meisten Wochenenden gemeinsam das pulsierende Nachtleben der Stadt.
Doch nur wenn sie sich in Bens Elternhaus in Cranley trafen, fühlte sich Alex plötzlich geborgen und zu Hause. Die Maple Tree Lodge war warm und einladend, im Gegensatz zu seiner eigenen leeren seelenlosen Wohnung.
Er sah sich in der vertrauten Eingangshalle um, während seine Freunde ihm hineinhalfen. Der Raum war zwei Stockwerke hoch, mit warmem Eichenholz ausgestattet und mit dekorativen Details versehen, die dafür sorgten, dass sich jeder Gast sofort wohlfühlte, wie zum Beispiel Duftkerzen und saisonale Dekoration. Auf der langen Empfangsstheke stand an jenem Wochenende ein kleiner weißer Baum, an dem pastellfarbene Ostereier hingen, und auf den Tischen in der Nähe standen einige dazu passende Blumenarrangements. Dank Lilys Talent war die Einrichtung des Hotels größtenteils neu, doch die friedliche Atmosphäre gab es schon immer. Es war ein krasser Gegensatz zu seinem eigenen Elternhaus, wo sein Dad ständig Druck auf ihn ausgeübt hatte. Hier in der Maple Tree Lodge konnte er sich entspannen. Hier konnte er den Wettkampf hinter sich lassen und einfach er selbst sein. Kein Sportler, einfach nur Alex.
Aber es war nicht nur die Ruhe, die die Maple Tree Lodge für Alex so reizvoll machte. Es war Hannah, Bens jüngere Schwester.
Als er nach seinem Universitätsabschluss zum ersten Mal die Maple Tree Lodge besucht hatte, war er von diesem Ort völlig fasziniert gewesen. Doch während die Magie der wunderschönen Kulisse seine Seele beruhigte, war es Hannah, die ihn sprachlos gemacht hatte.
Er konnte sich noch an das erste Mal erinnern, als er sie gesehen hatte. Als sie einander vorgestellt wurden, war sie gerade in der großen Familienküche und backte einen Kuchen für alle. Er konnte noch immer den Mehlfleck auf ihrer weichen, rosigen Wange sehen, und ihre blauen Augen strahlten umwerfend, als sie ihm zulächelte. Als sie auf ihn zuging, um ihn zu begrüßen, fiel ihr das blonde Haar in sanften Wellen über die Schultern. Eine Welle der Begierde hatte ihn so heftig getroffen, dass er beinahe auf die Knie gefallen wäre, um sie zu verehren.
An jenem Wochenende fiel es ihm schwer, mit Hannah zu sprechen, obwohl er zuvor nie Probleme gehabt hatte, mit Frauen ins Gespräch zu kommen. Er hatte an der Universität viele Dates gehabt, aber Hannah berührte etwas ganz anderes in ihm. Trotz ihrer Schüchternheit hatten sie ein kurzes Gespräch geführt, und er war mit der Hoffnung auf eine Zukunft gegangen, in der er den Mut aufbringen würde, sie um ein Date zu bitten.
Doch jemand anderes war ihm zuvorgekommen, wie er bei seinem nächsten Besuch in der Maple Tree Lodge ein paar Monate später herausfand. Faye, Hannahs Mutter, hatte munter davon erzählt, dass Hannah bei ihrem Freund Sean eingezogen war, und Alex musste sich mit Mühe davon abhalten, vor Schreck in einen Sessel zu sinken. Stattdessen hatte er gelächelt und genickt und Faye zugestimmt, wie schön das für ihre Tochter sei. Innerlich jedoch fühlte er, wie seine Hoffnungen und Träume zerplatzten.
Um über seine Enttäuschung wegen Hannah hinwegzukommen, hatte Alex zwar weiterhin Dates gehabt, aber in diesen Anfangsjahren nur eine einzige ernsthafte Beziehung geführt. Kaum war er von jenem schicksalhaften Wochenende im Hotel zurückgekehrt, hatte er seine Kollegin Claire um ein Date gebeten. Es hatte als reflexartige Reaktion darauf begonnen, dass Hannah bei Sean eingezogen war. Doch nach und nach hatte er Claire ins Herz geschlossen und begann vielleicht sogar, über seine Verliebtheit in Hannah hinwegzukommen. Er war jung gewesen, aber er hatte geglaubt, es könnte sich um echte Liebe handeln, und so hatte er ihr einen Heiratsantrag gemacht. Claire hatte jedoch nicht dasselbe empfunden, und wenige Wochen nach ihrer Verlobung hatte er herausgefunden, dass sie ihn betrogen hatte. Das Vertrauen war völlig zerstört, und Alex kehrte zu ungezwungenen Dates zurück, entschlossen, nie wieder jemandem zu vertrauen.
In der Zwischenzeit war Hannahs Beziehung zu Sean nach einem Jahr auseinandergebrochen, und sie war wieder nach Hause gezogen. Zunächst hatte Alex ihr Zeit gegeben, um ihre gescheiterte Beziehung zu betrauern, doch mit der Zeit schien sie sich in ihrem Single-Leben in der Maple Tree Lodge wohlzufühlen. Soweit Alex wusste, war sie seitdem nie mehr mit jemandem ausgegangen.
Seine Gefühle für sie wurden im Laufe der Zeit stärker. Wann immer sie zusammen waren, wollte er einfach nur in ihrer Nähe sein. Da er jedoch darauf bedacht war, seinen besten Freund nicht zu verärgern, traf er sich mit Hannah nur dann, wenn sie alle gemeinsam im Hotel waren. Doch mit einer so großen Familie um sie herum waren sie nie allein, und es ergab sich nie eine Gelegenheit, sie um ein Date zu bitten oder ihr seine Gefühle zu gestehen.
Selbst jetzt, als seine Freunde ihm in die Küche halfen, war seine Sorge um Hannah größer als um sich selbst. Sie stand weinend am Waschbecken, im Arm ihrer Grandma Dotty.
»Er wird schon wieder«, beruhigte Dotty sie, die aufblickte, als sie hereinkamen.
Auch Hannah hob den Kopf, ihre Wangen nass von Tränen, und ihre Augen füllten sich mit noch mehr Feuchtigkeit.
»Alex, es ist alles meine Schuld, dass du verletzt bist«, gestand sie ihm, wobei ihre Stimme vor Aufregung brach.
»Ist schon gut«, antwortete Alex schnell, um ihre Ängste zu zerstreuen. »Bitte sei nicht traurig.«
Aber Hannah schüttelte nur den Kopf und ihre Lippen zitterten weiter. Alex fand das noch schlimmer als die Schmerzen, unter denen er ohnehin schon litt.
Seine Freunde halfen ihm zu dem riesigen Eichentisch, an dem sich die Familie zu den Mahlzeiten versammelte, und er ließ sich dankbar auf den nächsten Stuhl sinken.
Faye hockte sich vor Alex hin und begann mit größter Sorgfalt, ihm langsam und vorsichtig den Turnschuh auszuziehen. Alex zuckte zusammen und versuchte, nicht aufzuschreien, als sein Fuß aus dem Schuh befreit wurde – so stark waren die Schmerzen, die er gerade empfand.
Faye betrachtete den Fuß, der bereits anschwoll und sich verfärbte. Sie schüttelte den Kopf. »Das ist nicht gut. Ich denke, du gehst besser ins Krankenhaus«, sagte sie leise. »Das muss sich ein Arzt ansehen.«
Alex nickte. Er hatte bereits gewusst, dass es ernst war und untersucht werden musste, um festzustellen, ob etwas gebrochen war.
»Ich bringe ihn hin«, bot Jake mit einem tiefen Seufzer an.
»Danke«, sagte Ben, ohne den Blick von Alex abzuwenden. »Tut mir leid, Kumpel. Ich muss hierbleiben, um mich um die Gäste zu kümmern.« Das Hotel war an diesem Wochenende aufgrund der vielen dort untergebrachten Sportler ausgebucht – einer der vielen Gründe, warum Alex so sehr darauf gebrannt hatte, am Triathlon teilzunehmen und dafür zu sorgen, dass der vorläufige Aufschwung des Hotels anhielt.
Während Alex vorsichtig aufstand und sein Gewicht nur auf ein Bein verlagerte, warf er noch einen Blick auf Hannah, die ihn immer noch mit aschfahlem Gesicht anstarrte und verzweifelt den Kopf schüttelte.
»Mach dir keine Sorgen«, sagte er leise zu ihr. Er hasste es, sie so verstört zu sehen.
»Ganz genau«, fügte Ben hinzu, der wie immer der unterstützende große Bruder war. »Es war nur ein Unfall.«
»Ja, er wird wie immer herumrennen und uns anderen noch vor Ende des Wochenendes wie Faulpelze aussehen lassen, schätze ich«, ergänzte Jake und zwinkerte ihr zu. Doch als er sich von Hannah abwandte, sah Alex, dass Jakes ernster Blick seinen fröhlichen Tonfall Lügen strafte.
Ben sah Alex an. »Na, Kumpel, es sieht so aus, als würdest du endlich den Urlaub bekommen, zu dem wir dir schon seit zehn Jahren raten.«
Als seine Freunde ihn erneut an den Schultern packten, um ihm zu Jakes Auto zu helfen, stellte Alex überrascht fest, dass ein winziger Teil von ihm trotz allem erleichtert war, als er an Bens Worte dachte. Ein Urlaub? Er war sich nicht einmal sicher, was das war. Er und sein Dad hatten schon oft betont, dass die Commonwealth Games das große Ziel seien. Und nun, da das vorbei war, war der Druck endlich weg. Der Schock darüber, dass er endlich nicht mehr antreten musste, überrollte ihn.
Und trotzdem spürte er, wie sich ein Gedanke in ihm ausbreitete: Endlich war es vorbei. Er hatte sogar vor einem Monat seinen Job als Buchhalter aufgegeben, um sich ganz auf die Commonwealth Games zu konzentrieren. Plötzlich hatte er weder Arbeit noch Triathlons in seinem Kalender.
Vielleicht könnte er jetzt ja endlich in Schwung kommen, dachte er bei sich. Ein normales Leben führen, was auch immer das war. Was auch immer von nun an geschehen würde, es war endlich seine eigene Zukunft. Dieser Traum von einem normalen Leben abseits der Wettkämpfe machte den Schmerz vielleicht ein kleines bisschen erträglicher, obwohl er genau wusste, welche Auswirkungen diese Entscheidung auf seinen Dad haben würde.
Finanziell war er inzwischen gut gestellt. Aber seine Seele? Die fühlte sich die meiste Zeit leer an. Abgesehen von den Zeiten, in denen er schwamm, Rad fuhr und lief, passierte in seinem Leben nicht viel. Zog man den Triathleten ab, war er sich nicht sicher, was an seiner Stelle übrig blieb.
Obwohl er auf dem Weg ins Krankenhaus war, wurde Alex klar, dass er nun, da er nichts als Zeit hatte, vielleicht doch eine Chance hatte, es herauszufinden. Er warf einen Blick zurück zu Hannah, bevor seine Freunde ihm aus dem Zimmer halfen.