Leseprobe The Killer you Desire | Eine Enemies to Lovers Mafia Romance

Kapitel Eins

Rafaelle

Eine äußerst geschickte Tötungsmaschine.

Das stand im Abschnitt ›Wissenswertes‹ meiner Militärakte. Die Akte, die ich eines Nachts, als ich mich zu Tode langweilte, aus dem Schreibtisch meines Vorgesetzten gestohlen habe, um sie heimlich anzuschauen.

Ich habe das nie jemandem erzählt, aber ich war verdammt stolz auf diese wenigen Worte. Stolz genug, um mich monatelang und jahrelang zum Grinsen zu bringen und weiterzumachen.

Verdammt, ich grinse in diesem Moment, während ich mich bäuchlings auf einen weiteren kalten Betonboden lege. Und warte.

Es dauert jedoch nicht länger als ein paar Sekunden, bis das Grinsen aus meinem Gesicht verschwindet. Bis die Wut sich durch die Heiterkeit frisst wie Batteriesäure durch Fleisch. Bis die Erinnerung Stücke aus meiner vorübergehenden Unbeschwertheit herausreißt. Das passiert jedes Mal. Sie schwebt wie ein verdammter dämonischer Vampir über allem und ist bereit, jedem Moment die Freude auszusaugen.

Heutzutage fühlt sich dieses Hin und Her wie ein Wettkampf an.

Ich kämpfe darum, in einer trostlosen Umgebung kleine Oasen des Glücks zu finden, nur damit die Dämonen vorbeikommen und reinscheißen.

Und in letzter Zeit … Fuck, es tut weh, das zuzugeben, aber in letzter Zeit scheine ich zu verlieren.

Seit mein älterer Bruder Cesare Salvatore, ehemaliger Formel-1-Rennfahrer, Unterboss der Salvatore-Organisation und Erbe unseres milliardenschweren Imperiums, seine Arme weit ausgebreitet und den Feind in sein Bett eingeladen hat.

In unser Leben.

Dieser Feind ist jetzt seine Frau. Meine Schwägerin.

Aber so sehr ich sie auch hassen möchte, Maddelena Mancinelli, jetzt Maddie Salvatore, ist ein guter Mensch. Sie verdient Anerkennung dafür, dass sie sich in einer Familie behauptet hat, die nicht gezögert hätte, ihr die Kehle durchzuschneiden und sie an die Piranhas in dem speziell dafür angelegten Teich zu verfüttern, den mein nonno vor drei Jahren als Weihnachtsgeschenk für sich selbst in Auftrag gegeben hatte. Dem, bei dem ihm bereits beim Gedanken daran, irgendeinen verräterischen Trottel in James-Bond-Manier zu töten, das Wasser im Mund zusammenläuft.

Es spielt keine Rolle, dass wir versucht haben, ihm zu erklären, dass Piranhas nicht so funktionieren. Dass sie nicht aus Jux und Tollerei auf Menschenfleisch herumkauen.

Wenn es darum geht, das zu bekommen, was er will, lässt sich Don Orazio Salvatore, Cosa Nostra durch und durch, von kaum etwas aufhalten.

Und aus Gründen, die mir immer noch unverständlich sind, entschied er, dass es richtig sei, Cesares und Maddies Romeo-und-Julia-Romanze seinen Segen zu geben. Um der Familie willen und weil es mir nicht gefiel, auf Nonnos Liste der unliebsamen Personen zu stehen, musste ich mich fügen.

Aber wie mein Kommandant bestätigen würde, gibt es die Art, sich anzupassen, wie es normale Arschlöcher tun, und dann gibt es die Art, wie ich, Rafaelle Fucking Salvatore, der Vollstrecker der Salvatore-Organisation, mich anpasse.

Gestehe ich mir in meinen stillen, geheimen Momenten den anderen Grund ein? Ja, klar. Die Sache ist die: Cesare wurde zuerst geboren, der Erbe, der seinen Platz und sein Schicksal kannte. Ich habe kein Problem damit. Aber da wir im Abstand von einigen Monaten geboren wurden und wir Zwillinge hätten sein können, standen wir uns nahe. So nah, dass ich sein Schatten wurde.

Aber das ist das Problem mit den Schatten.

Die Menschen vergessen oft, dass sie dort sind, bis sie sich bewegen.

Oder handeln.

Als sich also die Gelegenheit bot, aus den Schatten heraus einzugreifen, statt immer nur mitzulaufen, habe ich sie ergriffen. Um meine Familie vor unseren Feinden zu schützen, vor den hässlichen Seiten der Welt, über die niemand gerne spricht.

Ich wurde äußerst geschickt darin.

Daher meine Anwesenheit auf diesem Dach.

Denn ich werde mich verdammt noch mal nicht zurücklehnen und diesen ganzen verliebten Kumbaya-Quatsch mitmachen. Nicht, wenn die Person, die mir meine mama – die wichtigste Person in meinem Leben – genommen hat, noch auf dieser Erde wandelt und atmet.

Und die Ironie der verdammten Ironien ist, dass diese Person zufällig denselben Nachnamen trägt wie die schlimmsten Feinde meiner Familie.

Giada Mancinelli.

Ich hätte das ursprüngliche ›Auge um Auge‹ vorgezogen, aber die Mutter der Mancinelli-Gören ist von sehr geringer Bedeutung. An ihren besten Tagen ist Vittoria Mancinelli nur noch ein Schatten dessen, was sie einmal war. An ihren schlimmsten Tagen ist sie wie eine Figur aus The Walking Dead.

Was auch immer Bonafacio, das Oberhaupt der Familie Mancinelli, oder El Topo, wie er spöttisch genannt wird, und sein Sohn dieser Frau über die Jahre angetan haben, ich habe das Gefühl, dass sie – wenn überhaupt – nur sehr kurz betrauert und dann schnell vergessen werden würde. Selbst wenn ihr etwas zustieße, wie zum Beispiel ein Kopfschuss aus meinem Gewehr.

Und, zum Teufel, nein, das reicht nicht.

Ich brauche etwas, das wehtut.

Das brennt, quält und peinigt.

Ich will, dass es sich unauslöschlich in ihre Seelen einprägt, so wie Mamas Verlust sich in meine eingeprägt hat. Ich will, dass sie nie wieder atmen, ohne zu wissen, dass die Person, die sie lieben, nicht mehr dieselbe Luft atmet.

Und da Giada Mancinelli wie vom Erdboden verschluckt ist und Vittoria die Mühe nicht wert ist, bin ich hier und spiele ›Ene, mene, fucking-muh‹.

Die naheliegendste Wahl ist Matteo Mancinelli.

El Topos erstgeborener Sohn, Unterboss und Erbe.

Ich habe das Gefühl, dass ich allen einen Gefallen tue, wenn ich ihn ausschalte. Schließlich ist er auch ein Unterdrücker und Missbraucher von Frauen. Er hat tatenlos zugesehen, wie sein eigener Vater den Mordversuch an seiner Tochter bei deren Hochzeit genehmigt hat. Und das Wiesel hat seither keinerlei Anzeichen von Reue gezeigt.

Verdammt, er ist sogar in die Fußstapfen seines Vaters getreten, nachdem El Topo erkannt hatte, dass seine Pläne spektakulär gescheitert waren, als wir ihnen auf unserem Anwesen in Fallbrook, Upstate New York, in dieser Hochzeitsnacht vor einem Jahr ordentlich den Arsch versohlt haben.

Da ihm nun offiziell das FBI auf den Fersen war – ebenso wie die Russen, mit denen er sich törichterweise eingelassen hatte, weil er glaubte, uns übertrumpfen zu können – und wir Salvatores ihn heimlich jagten, hatte er sich wie die Ratte, die er ist, in sein Versteck zurückgezogen.

Egal. Ich habe Matteo. Seine verschiedenen Geschwister.

Oder die anderen Enkelkinder von El Topo.

Jacinta, seine dritte Enkelin. Den Anwalt, der sich ein Bein ausreißt, um all die Mancinelli-Arschlöcher immer wieder aus den Gefängniszellen zu holen, in denen sie regelmäßig landen.

Oder Narciso, Matteos jüngster Sohn und El Topos einziger Enkelsohn. Das Nesthäkchen der Familie und der Mistkerl, der letztes Jahr beim Formel-1-Grand-Prix in Las Vegas nicht nur Cesare, sondern auch meinen jüngeren Bruder Renzo umbringen wollte. Und es ist nicht so, als ob das sein einziger Versuch war. Bei jeder Gelegenheit haben die Mancinellis dreist und konsequent versucht, meiner Familie Schaden zuzufügen, im Namen einer Familienfehde, die je nach Erzähler entweder undurchsichtig oder stark ausgeschmückt ist.

Und zu guter Letzt – und ich weigere mich absolut, das Feuerwerk anzuerkennen, das unter meiner Haut knistert, wenn ich an sie denke – Sofiya Mancinelli.

Die zweite Enkelin der Mancinellis.

Diejenige, auf die ich laut Orazio ein Auge haben sollte, ohne dass er ahnte, dass ich sie schon seit fast fünf Jahren auf dem Schirm habe. Die Frau, die mein Großvater als ›seltsam‹ bezeichnet, weil sie nicht ganz in das Schema einer gehorsamen sizilianischen Nachfahrin einer Familie passt, die bis über beide Ohren in die Cosa Nostra verstrickt ist.

Die Frau, die – wie ich nur ungern zugebe – im letzten Jahr von einem bloßen Interesse zu einer fast krankhaften Obsession geworden ist.

Sie an die Spitze meiner Rache-Todesliste zu setzen, wird eine Menge Probleme lösen.

Zunächst einmal werde ich mich verdammt viel besser fühlen als in diesem höllischen Albtraum, den ich durchlebe, seit ich herausgefunden habe, dass die Umstände von Mamas Tod nicht so eindeutig waren, wie ich gedacht hatte. Scheiße, vielleicht kann ich sogar endlich mal länger als fünfundvierzig Minuten am Stück schlafen.

Zweitens würde ich meiner Familie einen Gefallen tun und den Mancinellis eine Schlüsselfigur aus ihrer – zugegebenermaßen lausigen – Sicherheitsstruktur nehmen. Damit wären sie noch verwundbarer und endlich reif für den Todesstoß, der sie schon vor Jahrzehnten hätte treffen sollen.

Wen kümmert es, dass sie mich über alle Maßen fasziniert? Dass die Gerüchte, die ich vor zwei Jahren gehört habe, die kleinen Fallen, die ich im Dark Web aufgestellt habe und in die sie direkt hineingetappt ist, und die endgültige Bestätigung in den letzten Monaten, was Sofiya Mancinelli wirklich ist, mich unter anderen Umständen zum Sabbern gebracht hätten?

Wenn sie nicht diesen verdammten Nachnamen hätte, den sie so stolz trägt.

Und das alles noch zusätzlich zu ihrem umwerfend heißen Körper, den sie gerne in Jumpsuits und Catsuits präsentiert, als würde sie jeden heißblütigen Mann herausfordern, stehen zu bleiben und ihren knackigen Hintern anzustarren, ohne dabei den Verstand zu verlieren.

Das spielt alles keine Rolle, stronzu!

Als derjenige, der für die Sicherheit und das Wohlergehen meiner Familie sorgt, sollte nichts davon eine Rolle spielen. Ich habe bereits einmal versagt, indem ich zugelassen habe, dass meine Mutter unseren Feinden zum Opfer fiel.

Das ist meine Chance, die Dinge in Ordnung zu bringen.

Ich atme aus.

Justiere das Zielfernrohr meines Scharfschützengewehrs mit der Leichtigkeit langer Übung, mein Finger streift fast zärtlich über den Abzug.

Das Objektiv wird scharf, und da sind sie. Narciso Mancinelli steigt aus seinem Ferrari F80 aus – meiner Meinung nach ein wenig zu offensichtlich aus der Kategorie ›Spielzeug für Jungs der Nullklasse‹. Neben ihm, Matteo.

Keiner von beiden bemerkt das Monster, das sie von einem Dach etwa vierhundert Meter entfernt beobachtet. Sie laufen um das Auto herum, versunken in ihrer Liebe zu schnellen, auffälligen Autos, und geben mir reichlich Zeit, über ihr Schicksal nachzudenken.

Beim Gedanken daran, jeden einzelnen Soldaten zu rächen, den wir letztes Jahr auf Cesares und Maddies Hochzeit verloren haben, als diese Wichser ihr feiges Massaker losgetreten haben, verziehen sich meine Lippen zu einem langsamen Grinsen. Als würde ich meinem inneren Dämon diesen kleinen Funken Freude direkt aus dem Maul reißen.

»Ene.« Ich neige den Lauf in Richtung Narciso – frech und großmäulig, unreif, aber mit dem Potenzial, ein unberechenbarer Störfaktor zu werden und mir auf Dauer auf die Nerven zu gehen. »Mene.« Ich wechsle zu Matteo, dem älteren, langsameren, weichgespülten Ja-Sager. »Muh …« Ich blicke zurück zu Narciso, der über irgendetwas lacht, verdammt großspurig in seinen lauten Designerklamotten. »Und raus bist du.«

Mein Puls schlägt nicht einmal schneller.

Eine seltsame Stille herrscht in mir – kalt und präzise, dunkel wie der Schatten, in den ich hineingeboren wurde. Dazu habe ich mich schließlich gemacht. Einem nützlichen Werkzeug, um Konsequenzen zu zeigen. Um die blutigen Bilanzen der famigghia auszugleichen.

Mein Bruder mag der Goldjunge sein, der im Rampenlicht steht. Ich hingegen gewinne im Verborgenen, ohne großen Applaus. Nur mit der beruhigenden Stille einer gut gemachten Arbeit.

Ich bin das perfekte Yang zu seinem Yin.

Ist es manchmal nervig, so schwarz dargestellt zu werden? Sicher; aber zu wissen, dass ich ihn und alle, die ich liebe, beschütze? Es gibt keine größere Ehre.

Also studiere ich ihre Gesichter, die Winkel ihrer Kinnpartie, die Art, wie Narciso seine Hände in die Taschen steckt und grinst, als ob die Welt ihm etwas schuldig wäre.

Matteo blickt einmal hinter sich, seine Hand ruht instinktiv auf dem Rücken seines Sohnes und führt ihn, als glaube er noch immer, ihn beschützen zu können.

Ich drehe meinen Hals und atme langsam aus. Ich könnte sie beide töten. Genau hier. Genau jetzt. Peng peng. Ein Atemzug.

Und doch … zögere ich.

Wird es sich anders anfühlen, wenn es erledigt ist? Wird der Schmerz in mir nachlassen, werden die letzten Schreie meiner Mutter verstummen? Oder werde ich nur ein weiterer Mann sein, der eine Leiche gegen eine andere eingetauscht hat?

Ich sollte Wut empfinden. Feuer. Sogar Triumph.

Aber alles, was ich spüre, ist die sanfte Brise auf meinem Gesicht und das leichte Stechen der Erinnerung hinter meinen Augen. Einen Mancinelli zu töten wird die Rechnung begleichen. Aber wird die Stille dadurch jemals weniger laut sein?

Verdammt noch mal. Wen interessiert schon die Totenstille?

Einatmen. Aus. Die stechenden Schmerzen hinter meinen Augen wegblinzeln.

Für dich, Mama. Ich hoffe, danach wirst du in Frieden ruhen.

Ich richte das Fadenkreuz auf Narciso, aber ich zögere wieder. Denke an den Sohn, der ich für meine Mutter war.

Von den fünf Kindern, die sie zur Welt gebracht hat, bin ich das einzige, dem sie ihre braunen Augen vererbt hat. Das einzige, mit dem sie ihre Kochkünste geteilt hat.

Also ja, ich bin verdammt besonders. Sie sagte es mir jeden Tag, und ich trug den Scheiß mit Stolz.

Also scheiß auf einen Schatz für einen Schatz.

Und wenn ein einziger Tod nicht ausreicht, werde ich mich durch den gesamten Clan morden und sie von der Erde tilgen.

Sie haben kostbares Blut vergossen. Sie haben meine Mutter genommen. Jetzt nehme ich das Nesthäkchen der Familie. Und eines der übrigen Geschwister? Warum zur Hölle nicht?

Ein Auge für zwei. Eine Zunge. Eine Hand. Ein Herz. Ich bin nicht wählerisch.

Maddelena gehört jetzt zu den Salvatores und ist daher tabu.

Es gibt eine unausgesprochene Regel über Alte, Frauen und Kinder. El Topo hat sie gebrochen, als er meine Mutter getötet hat.

Jedes Weihnachten starre ich auf den leeren Platz, den sie nie wieder einnehmen wird. In der Küche hallen noch immer ihr fröhliches Summen und ihr herzliches Lachen wider, als sie mein Lieblingsessen zubereitete und ich ihr schmutzige Witze erzählte.

Es war nicht weniger schmerzhaft, als wir im Unklaren darüber blieben, wer sie getötet hat.

Jetzt wissen wir es.

Ich bin der Vollstrecker, die notwendige Hand der Salvatoreschen Gerechtigkeit. Heute Nacht bringe ich Rache, die so unvermeidlich ist wie das Atmen.

Die Folgen müssen natürlich sorgfältig gehandhabt werden. Maddie wäre traurig. Doch Cesare würde sie trösten.

Aber besser um Vergebung bitten als um Erlaubnis, oder?

Und wer hat mich getröstet, als Mama starb? In einem Haus voller harter Männer war sie unser weiches Herz, ein Ort der Geborgenheit.

Eine herzliche Umarmung und eine warme Mahlzeit. Das übliche Geplänkel darüber, wann ich ihr Enkelkinder schenken würde. Mein feierliches Versprechen, dass ich aktiv daran arbeiten würde … nächste Woche. Wie sie die Augen mit den kleinen Fältchen zusammenkniff, bevor sie mich auf den Scheitel küsste und mir eine weitere Portion auftat. El Topo hat all das zerstört.

Ich habe nicht einmal ihre letzten Worte gehört. Und das ist es vielleicht am meisten, was mir das Herz zerreißt, wenn ich an ihren Verlust denke. Das ist es, was Giada Mancinelli, die Schwester, die ich nicht ausfindig machen konnte, vor mir verheimlicht. Diejenige, die das letzte Puzzleteil zum Tod meiner Mutter in der Hand hält. Einschließlich ihrer letzten Worte.

Als Maddie mir letztes Jahr erzählte, dass sie nicht wüsste, wo sich ihre drittjüngste Schwester aufhält, glaubte ich, dass sie ihre Familie schützen wollte, um Giada vor meinem gerechten Zorn zu bewahren. Das könnte sie immer noch.

Also egal, was heute Abend hier passiert, wen ich auch töte, meine Jagd nach ihr kann nicht aufhören. Wird nicht aufhören.

Mein Handy vibriert in meiner Tasche und ich verziehe das Gesicht. Ich hatte es auf Stumm, aber nicht ausgeschaltet.

Ein Anfängerfehler, der mir gar nicht ähnlich sieht. Ich lasse meine Hand in meine Tasche gleiten und korrigiere diesen Fehler. Ich weiß, wer es ist.

Cesare, der anruft, um sich nach mir zu erkundigen.

Nicht aus einem übertriebenen Beschützerinstinkt heraus, sondern wegen des blödsinnigen Versprechens, Frieden zu schließen, das er seiner neuen Frau gegeben hat.

Wir haben uns alle kaum davon erholt, dass er auf die dunkle Seite gewechselt ist. Verdammt, soll ich etwa ein Versprechen einhalten, das er gegeben hat, weil er bis über beide Ohren verliebt ist?

Er hat vergessen, dass auch ich ein Gelübde abgelegt habe. Als ich in Mamas schönes, lebloses Gesicht starrte.

Ich hatte geschworen, ihrem Mörder ein grausames Ende zu bereiten. Auf keinen Fall würde ich das zurücknehmen.

In dieser Absicht bestärkt, atme ich langsam aus. Ich habe mir lange genug den Kopf darüber zerbrochen, wen ich wählen sollte.

Beide, entscheide ich.

Eine Kugel in die Wirbelsäule des alten Mannes. Ihn am Leben halten, aber ihm seine Mobilität nehmen, sein joie de fucking vivre, lange genug, damit er zusehen kann, wie ich noch ein paar seiner Brut erledige, bevor ich ihm den Rest gebe.

Drei? Vier? Wie viele Kugeln wären nötig, um die klaffende Wunde in meiner Brust zu heilen? Unzählige, vermute ich. Aber das ist ein Anfang. Ein konkretes Ziel statt der pauschalen Vergeltung, die meine Brüder und ich vor sechs Jahren über die Stadt gebracht haben.

In fünf Minuten werde ich meine Zigarre anzünden und die kurze Wärme genießen. Es ist mein erstes Laster. Nun, vielleicht mein einziges. Sex ist nicht wirklich ein Laster, da er einem nicht die Lunge zerstört.

Er mag vielleicht andere Teile anderer Männer zerstören, aber ich bin wählerisch, wen ich zu mir ins Bett hole.

Ich nehme einen imaginären tiefen Zug und grinse in die Dunkelheit. Spüre, wie der Rauch in meinen Lungen wirbelt.

Gerade als der kalte Kolben eines Schalldämpfers die Stelle hinter meinem rechten Ohr küsst.

Okay.

Nun, Scheiße. Das hier ist gerade interessant geworden.

Kapitel Zwei

Rafaelle

Das ist kein leichter, freundlicher Kuss vom Kolben der Waffe. Sie presst sich wie ein aufdringlicher Zungenkuss gegen meinen Schädel – mit eindeutig schmutzigen, sehr ernsten Absichten.

Meine Hand bleibt am Abzug, mein Blick weiterhin auf Narciso Mancinelli gerichtet. »Könntest du mir wenigstens zuerst einen Drink spendieren?«, murmele ich und frage mich, warum mein Herzschlag immer noch nicht schneller geworden ist. Bin ich schon tot?

»Nope, du hast keinen Drink verdient. Ich hatte gehofft, dass du das etwas schwieriger gestalten würdest. Danke, dass du es mir so leicht gemacht hast.«

Ich atme mehr als nur imaginären Rauch aus. Ich atme eine ganze Schockwelle aus.

Weil es kein Mann ist, der hinter mir steht und sich mit mir unterhält, bevor er mir eine Kugel in den Hinterkopf schießt.

Es ist eine Frau. Mit einer verdammt sexy Stimme, die ich am liebsten in Endlosschleife abspielen würde.

Sie schnaubt leise. »Ich weiß, was du denkst. Du glaubst, dass sich deine Chancen verbessert haben, weil ich eine Frau bin.«

Da ich genau das gedacht habe, zucke ich mit den Schultern.

Ich brenne darauf, mich umzudrehen und sie anzusehen, nur um die absurde Hoffnung zu bestätigen, dass der atemberaubende Körper, den ich schon oft aus der Ferne gesehen habe, zu der sinnlichen, aufreizenden Stimme passt, die ich noch nie zuvor gehört habe … bis jetzt.

Denn wenn ich so mein Ende finde, dann lieber durch die Hand von jemandem, der so schön ist wie sie.

Meine Lippen verziehen sich bei dem Gedanken, was meine letzten Momente sein könnten. Ich habe ein interessantes Leben geführt, so weit entfernt von Mittelmäßigkeit, wie ich nur konnte. Und der größte Bonus von allen: Ich werde Mama wiedersehen.

»Denkst du an deine letzten Worte?«

Ich kichere. »Ja, aber ich frage mich, wozu das gut sein soll. Es gibt niemanden, den man mit ergreifender Prosa beeindrucken könnte. Ich bin viel mehr daran interessiert, wer der Engel ist, der mich ins Jenseits befördert.«

Der Kolben drückt sich fester gegen meinen Schädel.

Kluges Mädchen.

»Du denkst, ich bin ein Engel?« Ihre Stimme wird hart. Immer noch wahnsinnig sexy.

»Ups. Habe ich dich beleidigt?«

»Mach dir nichts vor«, wirft sie zurück, aber die Verärgerung ist immer noch da. »Aber ja, ich bin neugierig, warum du mich für auch nur annähernd engelsgleich hältst.«

Ich denke über meine Antworten nach und bleibe dann bei der Wahrheit. »Ich möchte nicht klischeehaft klingen, aber du hörst dich nicht wie meine Vorstellung vom Sensenmann an. Ich will damit nicht sagen, dass du nicht der Engel des Todes bist, aber ich stelle mir dich lieber als wahnsinnig schönen Engel vor anstatt einen mit einer Kapuze bedeckten Haufen Knochen.«

Ich nehme ein leises Schnaufen wahr, bevor ich noch stärker gedrängt werde. Ich werde es ihr nicht sagen – denn ich bin nicht so ein Idiot –, aber ihr schroffer Umgang lässt meinen Schwanz hart werden. Ich frage mich, ob sie lange genug zögern wird, damit ich noch ein letztes Mal kommen kann, bevor sie mich umbringt.

Ja, ich bin nicht normal. Ganz und gar nicht.

»Wen wolltest du heute Abend töten? Und denk nicht einmal daran, mich zu verarschen.«

Ah. Zurück zum Geschäftlichen. »Ich hatte mich noch nicht entschieden«, antworte ich wahrheitsgemäß. »Einen auf jeden Fall. Vielleicht beide.«

Ein scharfes Einatmen. Sie verrät sich selbst. Wenn sie die Person ist, für die ich sie langsam halte, aufgrund der Hinweise auf ihren Ruf, den sie sich in den dunklen Ecken des Internets aufgebaut hat, ist sie zu emotional. Aber sie ist ja auch noch ein Neuling, erinnere ich mich.

»Willst du wirklich so dringend sterben?«

»Im Gegenteil, ich atme sehr gerne. Und ich würde niemals einen Engel anlügen. Was ich gesagt habe, ist die Wahrheit.«

»Du willst mir weismachen, dass der berüchtigte Vollstrecker einfach so auftaucht und sich ein zufälliges Ziel aussucht?«

Die Überraschung lässt mich für eine Millisekunde den Atem anhalten.

»Ja«, sagt sie mit einem Anflug von Schadenfreude. »Ich weiß, wer du bist. So wie ich wusste, dass du hier sein würdest.«

Ich wurde nicht hintergangen, weil ich niemandem etwas von dieser Nebenmission verraten habe. Aber ich bin wirklich beeindruckt von ihren Kontakten und davon, wie sie vorausgesehen hat, dass ich heute Abend hier sein würde. Welche Überwachungsmaßnahmen sie auch immer getroffen hat, sie sind erstklassig.

Bemerkenswerterweise macht mich dieses Wissen noch härter. Das bringt mich meinem Ziel, mir vor meinem Abgang noch einen runterzuholen, einen Schritt näher. »In diesem Fall würdest du mir die Ehre erweisen, mir zu sagen, wer du bist, bevor du mir auf diesem Dach das Gehirn wegbläst?«

Stille. Die Waffe bleibt an meinem Hinterkopf, aber ich spüre, wie sie zögert.

»Der Wunsch eines Sterbenden«, sage ich und fordere mein Glück heraus.

»Nein«, lautet die entschlossene Antwort.

»Schön. Also … was nun?« Ich nehme meinen Finger vom Abzug und lasse mich weiter auf den kalten Boden sinken. »Du willst etwas, sonst hättest du mich schon längst umgebracht. Und stell mir nicht noch einmal dieselbe Frage. Meine Antwort wird sich nicht ändern.«

»Ich weiß, dass du der Vollstrecker bist. Und ich weiß, dass du immer einen Plan B hast. Sag mir, was du geplant hattest, falls du heute Abend keinen Erfolg gehabt hättest.«

Mein Kichern verwandelt sich in Gelächter. »Wenn ich der Vollstrecker bin, unter welchen Umständen glaubst du, würde ich das preisgeben?«

Wieder breitet sich Stille aus. »Weil ich dann vielleicht in Erwägung ziehe, dich noch nicht umzubringen?«

Okay, das ist … fast enttäuschend. Denn in der Sekunde, in der ich mich umdrehe, ist das Spiel für sie vorbei. »Hmm, und was hast du in der Zwischenzeit mit mir vor, Engel?«

»Ich habe andere Mittel, dich außer Gefecht zu setzen, ohne dich zu töten. Und nenn mich nicht so.«

»Dann sag mir deinen Namen. Oder lass mich wenigstens dein Gesicht sehen.«

»Du machst dir mehr Gedanken darüber, mein Gesicht zu sehen und meinen Namen zu erfahren, als über den Tod?«

»Wir alle sind dem Tod geweiht. Und in unserer Branche eher früher als später. Wenn du dich mit dieser Tatsache nicht abfinden kannst, dann bist du nicht so klug, wie ich denke, duci

Bei dem Kosenamen atmet sie scharf ein.

Es war kein Ausrutscher. Während sie das hinauszögert, von dem ich langsam glaube, dass es vielleicht nicht mein unvermeidlicher Untergang ist, trage ich jedes noch so kleine Detail über ihre Identität zusammen.

Ich bin sicher, dass ich weiß, wer meine potenzielle Mörderin ist.

»Du … du bist …«, stottert sie.

Ihre Reaktion bestätigt dies nur allzu deutlich.

»Ja. Bin ich. Sizilianer durch und durch«, sage ich. Genau wie du, Sofiya Mancinelli.

Mein Puls schlägt schneller, halb vor Freude, halb aus Resignation. Dazu kommt noch eine Prise gefährlicher Erregung.

Denn die Sache ist gerade exponentiell interessanter geworden.

»Dreh dich um«, schnappt sie. Ihre Stimme hat sich verändert, als ob auch sie spürt, dass der Einsatz höher ist als je zuvor.

Ich drehe mich langsam um und achte darauf, dass meine behandschuhten Finger gespreizt sind und sich weit entfernt von gefährlichen Gegenständen befinden, die ich zur Verteidigung benutzen könnte. Sie wird mich vielleicht noch erschießen, aber sie hat Fragen.

Und ich muss sie unter die Lupe nehmen.

Ich spüre ihre Überraschung, als sie mein maskiertes Gesicht sieht.

Ich lasse mir Zeit, meinen Blick zu ihrem zu heben. Und , es gibt so viele bezaubernde Dinge zu bewundern auf dem Weg zu ihrem suchenden Blick.

Diese Killerstiefel, die sie zum Beispiel trägt.

Ich will einen mörderischen Absatz gegen meine Eier gedrückt bekommen. Oder diese kilometerlangen Beine, die sich um meinen Kopf schlingen, während ich sie lecke, als wäre sie mein letztes Abendmahl.

Üppige Hüften, in die ich meine Finger versenken möchte. Eine schmale Taille, die ich leicht mit meinen bloßen Händen umschließen kann. Und … fuck, sie trägt einen Catsuit, schwarz wie die Nacht, tödlicher als das Scharfschützengewehr, das über meinem Kopf ruht.

Was ihre Titten angeht, nun, die sind einfach ein Kunstwerk.

Michaelangelo würde bei ihrem Anblick weinen. Ich möchte sie einfach nur schlagen und beißen und verehren und an ihnen saugen, bis mir der Kiefer abfällt.

»Ist das gerade dein Ernst?«, schnauzt sie.

»Ich bin noch nicht tot, Engel. Bitte mich nicht, ein lebendes Meisterwerk zu ignorieren, wenn es direkt vor mir steht. Fuck, du bist wunderschön«, hauche ich, als meine Reise auf ihrem Gesicht endet. Und jep. Engel.

Tödlich. Entschlossen. Göttlich. Aber dennoch engelsgleich.

Das seidige schwarze Haar umrahmt ihr Gesicht perfekt, als sie sich nach vorne beugt, die Waffe in ihren erfahrenen Händen nun direkt auf mein Herz gerichtet. Ich möchte ihr sagen, dass sie höher zielen soll. Aber ich halte den Mund.

»Nimm deine Maske ab«, befiehlt sie.

»Das geht nicht, Süße. Wenn du sie weg haben willst, komm her und mach es selbst.«

In ihren Augen brennt ein unheiliges Feuer. »Für wie dumm hältst du mich?«

Ich lächle. »Ich halte dich überhaupt nicht für dumm. Aber das hier ist nicht wie im Film. Ich werde weder niederknien noch betteln noch mein eigenes Grab schaufeln noch einen verdammten Finger rühren, um dir deine Arbeit zu erleichtern. Du wirst also diese besondere Neugierde befriedigen müssen, nachdem du mich getötet hast. Abgesehen davon, wenn du nur meine Identität bestätigen willst – meiner Meinung nach kennst du sie bereits. Also hör mit den verdammten Spielchen auf, Sofiya.« Ich sage ihren Namen leise. Mit der Ehrfurcht, die sie verdient, dieses eine Mal, weil sie mich überlistet hat.

Ihr Atem geht stoßweise. Aber ihr Finger bleibt ruhig und tödlich am Abzug, während meine Worte und meine Enthüllung auf sie wirken. »Du weißt, wer ich bin. Meine Frage ist also: Bist du wirklich hierhergekommen, um meine Familie zu töten?«

Es ist unehrenhaft, ausgerechnet in diesem Punkt zu lügen. Also tue ich es nicht. »Ja.«

Die Waffe zittert ein wenig mehr. Etwas blitzt in ihren Augen auf. »Dann kann ich dich nicht am Leben lassen.«

Ihre Lippen teilen sich. Sie atmet aus, um sich zu beruhigen.

Dann drückt sie den Abzug.