Prolog
September 1987
Jason Kincaid, der Reporter vom Sheffield Star, kam an diesem schönen sonnigen Tag im September 1987 gemeinsam mit seinem Fotografen zu dem Haus in der Larkspur Close im Dörfchen Hackenthorpe, einem der ältesten Vororte der Stahlstadt. Jasons bester Freund hatte ihm von vier Familien erzählt, die in einer kleinen Straße mit nur dreizehn Häusern wohnten und allesamt in den letzten Monaten weiblichen Nachwuchs bekommen hatten. Dort gab es doch sicher etwas zu berichten?
Da sonst nicht viel los war, entschied der Reporter, dem einmal nachzugehen. Er hatte Suzanne Chatterton kontaktiert, die immer noch von der noch nicht lange zurückliegenden Geburt des vierten Babys der Gruppe berauscht war, und sie hatte zugestimmt und es für eine gute Idee gehalten. Sie würde die drei anderen Frauen anrufen und sie ins Haus der Roberts bestellen, sagte sie. Ja, sie seien alle gute Freunde, fuhr sie fort, die durch die Schwangerschaften zusammengefunden hätten, als er fragte, ob sie auch alle kommen würden.
Und so geschah es. Drei der Frauen warteten mit ihren Babys auf die vierte, Suzanne. Sie stillte gerade ihr Kind und das konnte nicht warten. Sie boten den beiden Männern Tee und Kekse an, aber beide lehnten ab. Jason fühlte sich in Gegenwart kleiner Kinder, die kein Fußball spielten, unwohl. Er wollte einfach nur die korrekten Informationen bekommen, ein paar Fotos machen und wieder gehen. Er begann mit den Namen.
„Ich bin die erste Mutter, Laura Roberts“, sagte eine sehr hübsche Frau mit irischem Akzent und lächelte. Jason mochte hübsche Frauen. Er schrieb schnell. „Und Ihr Baby?“
Das kleine Mädchen saß aufrecht auf den Knien seiner Mutter und starrte ihn aus sehr großen, wunderbar dunkelbraunen Augen an. Es war ein hübsches Kind.
„Chantelle. Und mein Mann ist …“
Jason hob eine Hand. „Keine Ehemänner. Sie haben die Arbeit nicht getan, nicht wahr? Das ist ein Artikel über Mütter, über Freundschaft, über eine enge Gemeinschaft. Nicht über Männer.“
Die drei Frauen schauten sich an und nickten nacheinander.
„In Ordnung“, sagte Laura.
„Und wann wurde Chantelle geboren?“
„Sie ist jetzt fast sechs Monate alt. Am 4. März 1987. Sie war das erste unserer vier Babys, das im Nether Edge Hospital zur Welt kam.“
Er kritzelte ihre Worte nieder und wandte sich Tracy Marsden zu, die neben Laura saß.
Tracy sprach leise in der Hoffnung, ihr Baby nicht aufzuwecken. „Melissa wurde in Jessop’s Maternity Hospital geboren, am 6. Juni, nur drei Monate nach Chantelle.“ Melissa war offensichtlich völlig desinteressiert. Tief und fest schlief sie in den Armen ihrer Mutter. Tracy war erleichtert, dass der Reporter die Namen ihrer Ehemänner nicht wissen wollte, denn sie hatte keinen. Nur wegen der weißblonden Haare und blauen Augen ihrer Tochter glaubte sie, Tony Smith könnte der Vater sein, doch an diesem langen Wochenende im September 1986 waren da noch ein paar mehr gewesen.
„Danke“, sagte Jason und versicherte sich, dass er alle Details genau niedergeschrieben hatte. Er wollte hiermit beeindrucken. Vielleicht bekam er es sogar auf die gesamte fünfte Seite. Er hörte, wie sich die Haustür öffnete. Als er sich umdrehte, sah er eine große Frau, die gerade den Raum betrat. Ihr langes dunkles Haar war zu einem hohen Pferdeschwanz gebunden.
„Entschuldigen Sie, dass ich zu spät bin“, sagte sie und streckte Jason die Hand hin. „Suzanne Chatterton, Ehefrau von Jake.“
Die anderen sagten im Chor, dass der Reporter die Namen der Ehemänner nicht wollte. Grinsend setzte sie sich und wiegte das winzige Baby in ihren Armen. „Das ist verständlich“, sagte sie.
„Wer ist die Nächste?“, fragte Jason mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Die übersprudelnde Suzanne gefiel ihm.
„Das sind dann wohl wir“, sagte eine ältere Frau. Ihr blondes Haar war von Grau durchzogen und auch sie hielt ein schlafendes Baby. „Das ist Jessica. Auch sie wurde im Jessop’s geboren. Am 23. April. Sankt Georgstag, Shakespeares Geburtstag und nun auch Jessicas. Ich bin ihre Großmutter Nora, und sie lebt bei meinem Mann Arthur und mir, weil ihre Mutter … na ja, sagen wir einfach, es war zu viel für sie, ein Kind zu bekommen.“
Jason hob den Kopf. Verbarg sich da noch eine Story? Er kreiste Jessicas Namen ein und wusste, er würde es recherchieren, sobald er wieder im Büro war. War 1987 vielleicht das Jahr, in dem er glänzen würde, nur weil er die Mütter vier winziger Babys interviewt hatte? Er spürte einen Anflug von Vorfreude. Dann wandte er sich an Suzanne. „Und diese Kleine ist die Winzigste?“
„Das ist sie. Das ist Erin, geboren am 21. August 1987, einen Monat, nachdem wir ins Nachbarhaus gezogen waren. Ich hatte eine Hausgeburt, weil der Rettungswagen nicht schnell genug hier war. Die Hebamme war zum Glück da. Diese Straße ist ein richtiger kleiner Brutkasten.“
„Darum soll es in dem Artikel gehen“, sagte Jason lachend. „Und darum, die Geburt dieser vier wunderschönen kleinen Mädchen zu feiern. Es ist eine Geschichte über Zusammenhalt und vielleicht mit ein bisschen Spekulation darüber, ob hier wohl etwas im Wasser ist, in dieser Straße. Es wird ein Wohlfühl-Artikel und sollte am Donnerstag erscheinen, also kaufen Sie die Zeitung.“
Der Fotograf erhob sich und erklärte, welche Fotos er gern machen würde, wobei er zwei Babys aufweckte. Doch zwanzig Minuten später verließen die beiden Männer das Haus und gingen zum nächsten Punkt auf ihrer Liste für den Tag über.
Die vier Frauen lehnten sich seufzend zurück. „Gott sei Dank ist das vorbei“, sagte Laura. „Es wird ein netter Artikel, den wir für die Mädchen aufheben können, aber es ist der Star, also gehe ich nicht davon aus, dass er sonderlich genau sein wird.“
Nora Wheeler stand auf. „Ich danke euch allen für eure Unterstützung. Ihr sollt wissen, dass seit gestern feststeht, dass wir die offiziellen Erziehungsberechtigten von Jessica sind, bis Anna zurückkehrt, aber bisher haben wir nichts von ihr gehört. Es ist jetzt schon Monate her, aber kein Wort. Arthur wird verrückt vor Sorge, aber ihr habt alle ihren Brief gelesen. Sie wollte das Kind nicht und wir können damit tun, was wir möchten. Als würden wir sie hergeben … Ich gehe jetzt nach Hause. Sie muss bald gefüttert werden. Aber das hier war schön. Etwas Abwechslung in meinem Leben.“
Sie verabschiedeten sich und Nora ging nach Hause, was nur drei Häuser weiter war.
„Sie ist eine Heldin, diese Frau“, sagte Laura ruhig. „Sie hat meine Unterstützung, wann auch immer sie sie braucht. Die verdammte Anna hat nie ein Wort darüber gesagt, dass sie das Baby nicht will, oder? Nur, dass sie sich mit dem Kindsvater überworfen hat und er nicht länger für sie da war. Diese vier Kleinen werden in dem Wissen aufwachsen, dass sie immer in jedes unserer Häuser kommen können, dass sie geliebt werden und wir uns um sie kümmern, ja?“
„Ja!“
„Können wir jetzt einen Kaffee trinken?“, fragte Suzanne. „Ich bin hundemüde und brauche Koffein.“
***
So war die Viererclique also auf die Welt gekommen, angekündigt in einem Zeitungsartikel, der von einer Atmosphäre der Fruchtbarkeit rund um die Larkspur Close erzählte, weil vier Mädchen innerhalb von sechs Monaten dort geboren worden waren. Chantelle, Jessica, Melissa und Erin waren für kurze Zeit berühmt, wenn auch nur für einen Tag, und ihre Eltern hoben mehrere Ausgaben des Star auf. Die Mädchen wuchsen zusammen auf, wurden gemeinsam eingeschult, wurden zu Schwestern, die nicht miteinander verwandt waren. Und sie liebten einander, gaben aufeinander acht, feierten Meilensteine in ihrem Leben und hatten eine kleine Sammlung von Brautjungfernkleidern, die sie bei Chantelles und Jessicas Hochzeit getragen hatten.
***
Im Jahr 2022 war eine Mutter von Zwillingen, eine war Anwaltsassistentin bei der größten Kanzlei der Stadt, eine war eine zurückhaltende Hausfrau, die gern zu Hause blieb, eine verkaufte Bücher in ihrem eigenen Geschäft – und mindestens eine von ihnen spielte eine bedeutende Rolle in einem Mordfall. In einem notwendigen Mordfall.
Larkspur Close war eine Gemeinschaft. Geheimnisse wurden gehütet, manchmal geteilt, waren aber immer da. Die Familien, die durch die Geburt der Mädchen verbunden waren, waren auch durch den Tod verbunden.
1
Sommer 2022
Jessica Armstrongs lange blonde Locken erschienen in der Küchentür im Haus ihrer Großeltern, bevor ihr Körper es tat. Sie versuchte, einen sechs Monate alten Welpen namens Mabel davon zu überzeugen, ihr ins Haus zu folgen, statt eine Katze durch den Garten zu jagen.
Jess’ Großmutter, Nora Wheeler, lächelte über ihre liebste Besucherin. Sie sah den Welpen an und sagte mit ernster, autoritärer Stimme: „Mabel, sitz!“
Mabel wedelte mit dem Schwanz und kam auf sie zu, um ihr die Hand zu lecken. „Dieser Hund weiß nicht, wer der Herr ist“, sagte Nora bestimmt.
„Ganz sicher nicht“, sagte Jess lachend, beugte sich vor und küsste ihre Großmutter auf die Wange. „Geht es Großvater gut?“
„Ja. Er ist gerade draußen im Gewächshaus. Ich habe gerade eine Kanne Tee gemacht, weil er mir geschrieben hat, dass er gern eine Tasse hätte. Diese Handys haben mich zu einer Sklavin dieses Mannes gemacht.“
„Du bist ohnehin eine Sklavin für uns beide, also gib den Handys nicht die Schuld“, scherzte Jess. „Soll ich irgendetwas machen, solange ich hier bin?“
Jess kam beinahe täglich unter irgendeinem Vorwand vorbei, weil die beiden so alt geworden waren und es nun Dinge gab, die für sie schwierig zu erledigen waren.
„Danke, Liebes“, antwortete Nora. „Nein, uns geht es gut, danke. Es sei denn …“
„Es sei denn was?“
„Na ja, ich habe heute Morgen das Bett abgezogen und noch keine neue Bettwäsche draufgetan. Dieser Bettbezug schafft mich einfach …“
Jess schnaubte. „Bettbezüge machen jeden fertig, Nan. Keine Sorge, ich gehe schnell hoch und mache es.“
Als Jess wieder in die Küche kam, hatte ihr Großvater seine Tasse Tee bekommen und für sie und Nora stand eine frische Kanne auf dem Tisch. „Fertig, Nan. Das ist ein sehr hübscher Bettbezug.“
„Er ist neu. Ich mag Mohnblumen.“
„Als wüssten wir das nicht.“ Jess lächelte und hob ihre Tasse. „Nun erzähl mir von Großvater. Geht es ihm gut?“
„Er wird einfach nur alt, Jess. Wir sind nun offiziell Ende siebzig und werden langsamer. Aber ich stelle sicher, dass er seine Tabletten nimmt. Obwohl er fast täglich eine Stunde schläft, geht es ihm gut. Mach dir keine Sorgen.“
Jess streckte ihre Hand aus und drückte die runzlige Hand ihrer Großmutter. „Du sagst es mir, wenn es ein Problem gibt?“
„Natürlich. Wir kommen ganz gut zurecht, abgesehen vom Bettenbeziehen.“
„Du musst nur anrufen, Nan.“
„Ich weiß. Wechseln wir das Thema, bevor wir noch alle rührselig werden. Wie geht es den anderen?“
Jess wusste, dass ihre Nan die anderen drei Mädchen meinte, und lächelte. Von Natur aus Schwestern, ohne verwandt zu sein, das waren die Vier.
„Es geht ihnen gut. Chantelle ist ein wenig erschöpft, seit sie die Zwillinge hat, aber sie ist jemand, der immer klarkommt, und zwar sehr gut. Mel und Erin geht es gut. Wir sehen uns immer noch so oft es geht und schreiben uns ständig. Letzte Woche haben wir uns drei Mal getroffen. Chantelle schafft es wegen der Kinder nicht immer, aber wir anderen drei schon. Eine starke Freundschaft, Nan, eine starke Freundschaft.“
„Und Mike?“
Es gab eine winzige Pause, doch Nora bemerkte sie.
„Es geht ihm gut. Seine Arbeit nimmt ihn nun mehr in Anspruch, aber an den Wochenenden ist er immer zu Hause, also sollte ich mich nicht beschweren.“
„Aber gerade bist du ein bisschen mürrisch, oder?“
Sie nickte und zog die Mundwinkel leicht nach unten. „Ein bisschen. Die Woche wäre nicht so lang, wenn er einwilligen würde, dass ich arbeiten gehe, doch aus irgendeinem Grund will er das nicht. Er sagt, ich brauche nicht zu arbeiten, und das stimmt auch, finanziell brauche ich es nicht. Aber mental sieht es anders aus.“
Nora stellte ihre Tasse mit Nachdruck ab. „Tu, was du willst, Jess. Er ist dein Mann, nicht dein Eigentümer.“
Jess grinste. „Gestern war ich im Secondhandladen, um zu sehen, ob sie ein paar alte Bücher reinbekommen haben. Wenn sie welche bekommen, heben sie sie immer für mich auf. Ich habe mit der Inhaberin einen Tee getrunken. Sie sagte, wenn ich Zeit übrighabe, würden sie sich freuen, mich im Team begrüßen zu können. Ich sagte, ich würde mich melden, aber ich glaube, das würde wirklich gut zu mir passen.“
„Dann mach es. Steh nicht länger unter Mikes Fuchtel. Und wenn du schon dabei bist, such dir einen anderen Mann, der dir das Baby schenkt, dass du so offensichtlich haben möchtest. Ich mische mich nicht gern in deine Ehe ein, Jess, aber ich sehe doch, wie unglücklich du bist. Es liegt an dir, etwas dagegen zu unternehmen.“
„Nan!“
„Leugne es nicht, junge Dame. Ich sehe, wie du dich verhältst, wenn die Zwillinge von Chantelle in der Nähe sind.“
„Aber die kann ich zurückgeben, ohne die harte Arbeit machen zu müssen.“
„Kinder sind keine harte Arbeit, Jess. Manchmal unmöglich, ja, aber schau dich an. Ein absoluter Segen für uns. Und du hast uns jung gehalten. Wenn du Mike nicht verlassen willst, ist es vielleicht an der Zeit, einfach versehentlich die Pille zu vergessen, Jess. Wenn du ein Kind möchtest, solltest du eines haben. Deine Mutter zu bekommen …“ Sie schwieg. Anna war immer präsent, immer abwesend, und nur die Erwähnung ihres Namens brachte Noras Herzschlag zum Stottern. Sie holte tief Luft. „Deine Mum zu bekommen, war der Zement, der mich und deinen Großvater eng zusammengeschweißt hat. Sie hat uns so viel Freude bereitet.“
„Aber sie hat euch verlassen.“ Jess sprach leise. Das hier war ein seltener, kostbarer Moment. Es wurde nicht oft von ihrer Mutter gesprochen.
„Und sie hat uns dich gegeben. Das war unser extra Trostpreis, der sich als Gewinn herausgestellt hat.“
Die Frauen lächelten einander an. „Bin ich wie sie?“, fragte Jess.
„Äußerlich definitiv. Sie hatte langes blondes Haar, trug ihres aber für gewöhnlich als Pferdeschwanz. Du bist ein wenig kultivierter. Mikes Einfluss, nehme ich an. Eure Figur ist sehr ähnlich, nicht zu groß, beide sehr hübsch. Ich würde sagen, du hast die Gene deiner Mutter, aber da wir nicht wissen, wer dein Vater ist, kann ich über ihn nichts sagen.“
Wieder drückte Jess die Hand ihrer Großmutter. „Mit euch beiden habe ich die besten Eltern der Welt.“
Nora stieß ein kleines ungläubiges Schnauben aus. „Ich würde nicht sagen, dass es einfach war, junge Dame. Wir waren bereits zu alt, um ein Kind in einer anderen Rolle als als Großeltern aufzunehmen, aber Anna hat uns keine Wahl gelassen. Wir haben dich seit dem Moment deiner Geburt geliebt, aber du hast dich verändert. Und wenn Mike dir nicht gibt, was du so offensichtlich möchtest, ein Baby, ist es an der Zeit, dein Leben zu überdenken, oder du endest als verschrobene alte Frau.“
Nach einem kurzen Zögern fuhr Nora fort. „Du weißt, Jess, dass es meiner Meinung nach auf dieser Welt für jeden jemanden gibt, einen speziellen Menschen, der dich bedingungslos liebt und den du ebenso liebst. Du musst ihn nur finden. Und wenn du das getan hast“, sie schaute auf ihre Hände hinab, die in ihrem Schoß ruhten, „darfst du ihn nicht wieder aufgeben. Für nichts.“
Jess spürte ein Schaudern. „Und Grandpa ist dein spezieller Mensch?“ Sie hatte plötzlich den Drang verspürt, diese Frage zu stellen.
Langsam hob Nora die Hand, als würde sie darüber nachdenken, wie viel sie preisgeben wollte. „Nein, und deswegen spreche ich so zu dir. Ich gehe nicht ins Detail und dieses Thema wird nie wieder aufkommen, aber ich wartete eigentlich nur darauf, dass Anna das Baby bekam und sich damit eingerichtet hatte. Dann wollte ich gehen und mit meinem speziellen Menschen leben. Doch Anna ging fort und ließ unser teures Enkelkind bei uns zurück. Ich blieb.“
Einen Augenblick lang war Jess sprachlos. Von allen Gesprächen, die sie hätten führen können, schockierte dieses sie am meisten. Ihre Großmutter! Mit einem anderen Mann! Sie wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte.
„Soll ich mich entschuldigen? Ich meine, weil ich dich von ihm ferngehalten habe?“
„Niemals. Das ist eine andere Sache, Jess. Tu niemals etwas, wofür du dich entschuldigen musst. Und sehen wir es mal so, niemand außer mir und meinem Liebsten wusste je von unseren Plänen. Oh, seine Frau hat etwas geahnt, aber sie hat nie gewusst, wie nahe wir uns bereits gekommen waren. Also muss niemandem etwas leidtun. Wir hatten einfach die richtige Liebe zur falschen Zeit. Ich habe die Entscheidung akzeptiert, die ich an dem Tag traf, als ich wieder eine Mutter wurde, statt eine Großmutter. Und ich habe es nie auch nur eine Minute bereut.“
„Aber ich bin groß geworden“, sagte Jess. „Du hättest gehen können, als ich zur Uni ging.“
Nora schüttelte den Kopf. „Nicht möglich. Der Moment war bereits mit dem Mann, den ich liebte, vergangen. Wir haben akzeptiert, dass es nicht sein sollte. Du warst bereits mit Mike zusammen und irgendwie wusste ich, dass wir eines Tages diese Unterhaltung führen würden. Nun, vielleicht nicht, dass ich dir von der Liebe meines Lebens erzählen würde, aber sicher, dass ich dir raten würde, dein Leben zu überdenken und zu entscheiden, was du wirklich willst.“ Sie streckte ihre Hand aus und legte sie auf Jess’ Finger. „Solltest du Zeit brauchen, um über die Dinge nachzudenken, steht dein Zimmer hier immer für dich bereit.“
„Auch mit Mabel?“, scherzte sie im Versuch, die Stimmung aufzuhellen.
„Lass mich raten, wo Mabel gerade ist. Bei deinem Großvater im Gewächshaus. Mabel ist hier willkommen, wie du sehr gut weißt. Es ist mir ernst, Jess. Du brauchst ein Leben, statt nur dieses perfekte Haus makellos zu halten. Was meinen die anderen?“
„Alle drei sagen genau dasselbe wie du. Doch in der letzten Zeit sagen sie es häufiger. Mel und Erin reden nicht so viel darüber, aber eines Sonntags kam Chantelle mit den Zwillingen vorbei und Mike war zu Hause. Sie hörte, wie er etwas sagte wie ‚Muss sie diese Rotzgören mitbringen?‘. Daraufhin hatte sie einen ziemlich heftigen Streit mit ihm, während ich versuchte, Frieden zu stiften.“
Sie trank aus und stand auf. „Ich gehe schnell raus und hole Mabel, dann fahre ich nach Hause. Ich denke über alles nach, Nan, ich verspreche es. Du … äh … möchtest mir nicht sagen, wer dieser andere Mann ist? Deine richtige Liebe zur falschen Zeit?“
Nora lachte. „Nein, das möchte ich nicht. Jetzt geh und gib Großvater einen Kuss und denk nie wieder hierüber nach. Bedenke einfach deine eigene Situation, mein liebes Mädchen, und sorge dafür, dass du selbst glücklich bist, nicht so wie jetzt.“
2
Lily und Daisy French starrten ihre Mutter an und warteten darauf, dass sie ihnen das Eis am Stiel gab, das sie in Händen hielt.
„Wer möchte rot und wer orange?“, fragte Chantelle.
Beide Zwillinge wollten rot, dann sagten sie beide orange. Ihre Mutter legte die Hände hinter den Rücken und forderte sie auf, eine Hand zu wählen. So bekam Daisy rot und Lily orange. Frieden kehrte ein, als sie beide an ihrem Eis lutschten.
„Also gut, meine kleinen Monster, hört zu. Tante Jess kommt nachher vorbei und passt auf euch auf, während ich einkaufen gehe. Ihr müsst brav zu ihr sein.“
Lily biss ein Stück von ihrem Eis an. „Süßigkeiten?“
„Vielleicht. Aber hauptsächlich kaufe ich Brot, Milch, Butter, ihr wisst schon, die üblichen Dinge, die Menschen eben so einkaufen. Was für Süßigkeiten möchtet ihr denn?“
„Gummibärchen“, sagte Lily.
„Smarties“, sagte Daisy.
Chantelle seufzte. Sie hatte immer gedacht, Zwillinge wären sich in allem einig, aber es schien, bei dem Paar, das sie abbekommen hatte, war nur das Äußere gleich.
„Ich werde sehen, was ich tun kann. Aber wenn Tante Jess sagt, dass ihr in irgendeiner Weise ungezogen wart, bekommt ihr nichts. Verstanden?“
Beide nickten mit einem feierlichen Ernst, der in ihr den Wunsch weckte, laut zu lachen, doch sie fand, das sei keine gute Idee. Ernste Momente mussten ernst bleiben.
Es klopfte kurz an der Tür, bevor sie aufging. Beide Mädchen kreischten: „Tante Jess!“ und rannten den Flur hinunter. Chantelle lächelte. Die Kavallerie war hier und sie würde ein paar Stunden der Freiheit genießen und sich zum krönenden Abschluss einen Starbucks-Kaffee gönnen.
***
Chantelle hatte den Kofferraum vollgeladen und fragte sich, wie um alles in der Welt sie es geschafft hatte, so viel Geld in so kurzer Zeit auszugeben. Vielleicht war es an der Zeit, ihre normalen Einkaufsgewohnheiten zu überdenken, denen zufolge sie einfach alles, was sie brauchte, in den Wagen warf, ohne auf den Preis zu achten, und stattdessen damit anfangen, sich zu merken, wie sehr der Preis anstieg.
Ein wenig frustriert schlug sie die Kofferraumklappe zu und glitt auf den Fahrersitz. Starbucks. Ihre Belohnung. Sie schaute auf ihr Handy und stellte fest, dass sie noch eine ganze Stunde hatte, in der sie sich wie eine Frau und nicht wie eine Mutter fühlen konnte, weil sie wusste, dass ihre Mädchen bei Jess gut aufgehoben waren. Sollte es irgendwelche Probleme geben, würde Jess sich melden.
Die Fahrt zum Drakehouse Einkaufszentrum dauerte nur knapp zwei Minuten. Sie parkte im Schatten und ging ins Kaffeehaus hinüber, wo sie sich zwischen einem einfachen Latte und etwas Exotischerem zu entscheiden versuchte. Wenn nur alle Entscheidungen in ihrem Leben so leicht wären, war der Gedanke, der ihr dabei kam.
Andrew. Die Entscheidung machte ihr so viel Angst, doch ihr war klar, dass die Dinge sich ändern mussten. Eine Änderung der Schlafgewohnheiten hatte nichts gebracht. Langsam, aber sicher hatte er all seine Kleidung ins Gästezimmer verfrachtet, sodass ihr klar war, dass er nicht vorhatte, ins eheliche Bett zurückzukehren. Auch nicht nach den sechs Wochen, auf die sie sich geeinigt hatten und die sie für wohltuend hielten.
Sie nahm ihr Getränk, einen Latte, und ging zu einem Tisch, von dem aus sie aus dem Fenster schauen konnte, wenn auch nur auf den Parkplatz. Sie bewunderte die Farbe eines Autos, das gerade auf den Parkplatz bog, ein blauer Mazda, dachte sie, obwohl sie nicht besonders gut war, wenn es darum ging, Automarken zu erkennen.
Ihr eigenes Auto, ein schwarzer Focus, den sie in der Nähe des Eingangs abgestellt hatte, sah im Vergleich zu dem blauen Wagen alt aus, und sie seufzte schwer. Den Focus würde sie noch lange fahren. Zwillinge zu haben, bedeutete Abstriche auf anderen Gebieten des Lebens. Ein neues Auto war definitiv nicht drin. Ihr stockte der Atem, als sie sah, dass es Andrew war, der an der Beifahrerseite ausstieg. Sie erhob sich halb und wollte ihm winken, doch dann setzte sie sich wieder, ohne ihre Hand zu heben. Die Fahrertür war aufgegangen.
Die Fahrerin war eine blonde Frau in Jeans und einem Top, das ihre perfekte Figur betonte. Chantelle kannte sie nicht. Hatte Andrew gesagt, dass er nicht im Büro sein würde? Sie zuckte die Achseln. Er richtete kaum je das Wort an sie, obwohl er für die Mädchen derselbe alte Andrew war. Sie sah zu, wie er hinter der Blonden im Currys, dem Elektrofachmarkt, verschwand. Eine Welle der Verärgerung spülte über Chantelle hinweg. Für sie sah es aus, als würde die Blondine etwas fürs Büro abholen und dazu irgendeinen Trottel brauchen, der die Sachen für sie trug. Andrew, der schwache, milde Andrew, der nie zu jemandem Nein sagte, außer zu ihr.
Sie nahm sich Zeit für ihren Latte und beobachtete die Tür zu Currys, wann immer sie sich öffnete. Ihr Handy hielt sie in ihrer Hand, die Kamera schon eingeschaltet. Sie würde ein Foto von ihm machen und es ihm heute Abend zeigen. Ein kleiner Scherz in einem ansonsten stressigen Zusammenleben.
Schließlich kamen ihr Ehemann und die Frau heraus. Keiner von beiden trug etwas, das Muskelkraft erfordert hätte. Andrews Muskeln waren damit beschäftigt, seinen rechten Arm um die Taille der Frau zu legen. Lachend gingen sie zum Auto. Er hielt sie einen Moment im Arm, bevor er sie auf den Mund küsste. Dann stiegen sie beide ein und verließen den Parkplatz. Chantelle hatte den Kuss fotografiert, wenn auch nur durch die Fensterscheibe von Starbucks. Sie überprüfte die Qualität des Fotos.
Gut genug, dachte sie, während sie darauf starrte. Instinktiv wusste sie, dass sie es ihm vorerst verheimlichen musste – zuerst musste sie es den anderen zeigen. Andrew konnte sich hier nicht herausreden. Aber warum war sie nicht wütend, dass sie offenbar mit einem betrügerischen, verlogenen Drecksack verheiratet war? Sollte sie nicht wenigsten den Tränen nahe oder zumindest verwirrt sein?
***
Lily und Daisy halfen ihrer Mutter aufgeregt, die vielen Taschen aus ihrem Auto hineinzutragen, begierig darauf, die zu finden, die die Süßigkeiten enthielt, die sie sich gewünscht hatten. Lachend verscheuchte Chantelle sie. „Lasst mich durch die Tür!“
„Man könnte meinen, sie hätten noch nie Gummibärchen gegessen“, kommentierte Jess und beobachtete das Chaos, das zwei Dreijährige in so kurzer Zeit anrichten konnten.
„So sind sie jeden Abend, wenn ich erwähne, dass es Zeit zum Baden ist“, sagte Chantelle. „Sie lieben es, im Bad zu spielen, doch der Fußboden steht jedes Mal danach unter Wasser. Sobald ich sie ins Bett gesteckt habe, senkt sich der Frieden wie Magie über mich. Sie wissen genau, dass sie nicht aufstehen dürfen, nachdem ich sie zu Bett gebracht habe.“
„Sie waren fantastisch, während du fort warst. Bei Tiddlywinks waren sie viel besser als ich, aber bei Schlangen und Leitern habe ich sie abgezogen.“
„Bleibst du zum Essen? Du hast sie nur bei Schlangen und Leitern geschlagen, weil sie das noch nie zuvor auch nur gehört haben, geschweige denn es gespielt“, sagte Chantelle und schob auf dem Kühlschrank ein paar Dinge umher, um Platz zu schaffen.
„Sehr gern, wenn es in Ordnung ist. Ich möchte sowieso mit dir sprechen.“
„Ach ja? Das ist ja seltsam. Ich habe auch etwas, worüber ich mit dir reden möchte. Aber können wir das tun, bevor Andrew nach Hause kommt?“
„Das können wir, aber ich dachte, er verschwindet sowieso immer nach dem Essen?“
„Das tut er, aber nur ins Gästezimmer. Ich möchte nicht, dass er hört, was ich dir erzählen möchte. Noch nicht, zumindest. Ich räume die Sachen weg, während du uns einen Kaffee machst. Ich würde ja Wein vorschlagen, aber ich weiß, dass du noch fahren musst.“
„Ein Gespräch, das Wein erfordert? Klingt ernst.“
Chantelle zuckte die Achseln. „Es scheint Ewigkeiten her zu sein, dass wir alle zusammensaßen und uns unterhalten haben. Gruppenchats auf dem Handy sind nicht dasselbe, oder?“
Sie begann, Bohnen in Dosen und Spaghetti in den Schrank zu räumen, während Jess Dinge in den Kühlschrank und ins Gefrierfach räumte, nachdem sie Wasser aufgesetzt hatte.
Lily brachte Jess eine kleine, pinkfarbene Teetasse aus Plastik. „Möchtest du einen Tee, Tante Jess?“, fragte sie.
Jess lächelte auf das winzige Mädchen hinab. „Sehr gern, danke, Lily. Gibt es auch Kuchen?“
Lily nickte. „Kuchen“, wiederholte sie und verschwand wieder im Wohnzimmer. Sie kehrte zurück, als Jess gerade die Tür des Gefrierschranks schloss, zufrieden, dass nicht einmal mehr ein Eiswürfel darin Platz finden würde. Diesmal trug Lily einen kleinen Plastikteller mit einem sehr kleinen Stück Plastikpizza darauf.
„Kuchen“, sagte sie und überreichte ihr feierlich den Teller. Dann kehrte sie zu Daisy zurück und half ihr, auf ihrem kleinen hölzernen Herd ein Ei zu kochen.
„Einfach göttlich“, sagte sie langsam und schaute zu, wie die Tür sich nach Lilys Abgang schloss.
„Ich weiß“, sagte Chantelle und wischte schnell über die Arbeitsfläche, nachdem alles verstaut war. „Und es ist nicht einmal ermüdend, sie aufzuziehen. Weißt du, was ich meine? Ich könnte mir nicht vorstellen, wieder arbeiten zu gehen, schon allein deshalb, weil niemand, der bei klarem Verstand ist, drei Jahre alte Zwillinge betreuen möchte, aber ich betrachte es als meine Aufgabe und mein Leben im Moment, sicherlich für die nächsten fünf Jahre. Jeden Tag scheint ihnen etwas Neues einzufallen. Sie sind eine wahre Freude. Ich würde nicht empfehlen, zwei auf einmal zu haben, aber zumindest erledigen sich so auch alle schwierigen Phasen sozusagen in einem Aufwasch. Jetzt komm, lass uns etwas Richtiges aus einer echten Tasse trinken, und nicht aus diesem Plastikbecher, und überlass die beiden ihrer Küche, während wir uns unterhalten. Ich werde mit Mel in ihrer Rolle als Anwaltsassistentin sprechen müssen, aber da du gerade hier bist, kann ich damit anfangen, meine Gedanken mit dir zusammen zu ordnen.“
Jess starrte sie an. „Du brauchst Mel in ihrer Rolle als Anwaltsassistentin? Hast du jemanden umgebracht?“
„Nichts so Einfaches. Ich habe gesehen, wie Andrew auf dem Parkplatz vom Einkaufszentrum eine andere Frau geküsst hat. Vor dem Currys, etwa vor einer Stunde.“