Leseprobe The Devil's Chain

Kapitel 1

Dante

Der Gestank von Müll, Frittierfett und Abgasen bereitete Dante Kopfschmerzen. Vom Asphalt stieg eine Hitze auf, die ihn in seinem Anzug schwitzen ließ. Kein Lüftchen regte sich, nicht einmal eine sanfte Brise. Unbarmherzig erdrückte der Sommer New York in seiner heißen Umarmung. Das Jackett hätte ein anderer längst ausgezogen, doch dafür war Dante zu eitel. Lieber ertrug er das Wetter genauso erhobenen Hauptes wie den Kopfschmerz.

Das Meeting vorhin war lange gegangen. Er hatte zu wenig getrunken. Irgendwo musste er auf dem Weg an einem Kiosk halten und sich eine Wasserflasche besorgen.

Die braunen Häuser rechts und links von der heruntergekommenen Straße waren inzwischen ein vertrauter Anblick. Vergitterte Bodegas und Graffiti boten einen scharfen Kontrast zu den sauberen Hochhäusern aus Glas und Stahl am Central Park, die Dante unter anderen Umständen vorgezogen hätte.

Er ging an einem schlecht gezeichneten Schriftzug vorüber – Forte. Kraft. Im O des Wortes prangte etwas, das man als Wolfskopf erkennen könnte, wenn man wollte. Das Zeichen war ein eindeutiges Mahnmal an fremde Banden, dass der Forte-Clan hier regierte. Ein schwarzer Flügel unterstrich das Wort.

Wer auch immer das Kunstwerk gezeichnet hatte, war entweder noch sehr jung oder nicht besonders talentiert. Aber als Warnung genügte es.

Es hatte eine Weile gebraucht, bis sich Dante in dieses neue Arbeitsumfeld eingelebt hatte. Er war sonst mehr Stil und Reichtum gewohnt, aber das Privileg hatten nicht alle und er hütete sich, es nicht allzu laut einzufordern. Das wäre taktlos.

Stattdessen blendete er gedanklich den Lärm dieses Stadtteils aus, der vorrangig aus dem Schreien der Händler zwei Straßen weiter, dem Kreischen der U-Bahnen über rostigen Schienen, und der basslastigen Musik bestand, die aus einem nahestehenden Wagen dröhnte. New York schlief nie, vor allem nicht hier im Osten der Metropole.

Vor einem Kiosk mit vergitterten Fenstern, der billige Handytarife und Energydrinks anbot, saß ein alter Mann auf einem Klappstuhl. Er nickte Dante zu. Dieser nickte zurück.

Sie kannten einander nicht, aber er hatte schnell begriffen, dass in dem Teil der Stadt die Wände Augen und Ohren besaßen. Jeder beobachtete alles und Dante fragte sich in mancher schlaflosen Nacht, was sie von ihm wussten. Seine einstige Karriere, der brutale Fall und wer diesen Sturz herbeigeführt hatte … War ihnen das klar? Und zu was machte ihn das in ihren Augen? Zu einem unerwünschten Eindringling, einem juristischen Unterstützer für ihre Sache oder zu dem hirnlosen Spielzeug des Dons, als das einige aus dem Forte-Clan ihn ohne Zweifel sahen? Täglich bemühte er sich, dieses Vorurteil auszumerzen, aber der Gegenwind machte das Unterfangen zu einem Kampf gegen Windmühlen.

Zerknirscht zog er am Kiosk vorbei und straffte die Schultern.

Neben ihm hielt ein Wagen mit lädierter Fahrertür und abblätterndem Lack. Gerade hob Dante den Fuß über eine zerborstene Glasflasche auf dem Gehweg, damit er sich daran nicht die teuren Lederschuhe aufschnitt, als die Türen aufflogen und zwei Männer heraussprangen. Ihre Hektik ließ Dante aufblicken. Keine Sekunde zu früh. Mit hasserfüllter Miene traten die beiden auf ihn zu. Sie waren groß, bullig, in Lederjacken und einer von ihnen hatte Tattoos im Gesicht. Kriminelle, so viel stand fest. Und sie waren nicht auf einen Raubüberfall auf den geschniegelten Mann aus, der durch das heruntergekommene Viertel ging. So dumm war hier niemand.

»Schnapp ihn dir«, schnarrte der mit den Tattoos und das Messer in seiner Hand sprang auf. »Ich weide ihn aus.«

Sie sahen zum Fürchten aus, aber Dante hatte in den letzten Jahren viel Schlimmeres gesehen. Er wich nur deshalb zurück, um sich in eine bessere Ausgangslage zu bringen. Die beiden wirkten nicht gerade verhandlungsbereit.

»Wieso ladet ihr mich nicht erst einmal zum Essen ein?« Um Zeit zu schinden, fuhr sich Dante in gewohnt eleganter Geste durchs rote Haar und streifte sich dann scheinbar lasziv sein Jackett aus. Er ließ es zu Boden gleiten. So hatte er mehr Bewegungsfreiheit.

Seine Aufmerksamkeit huschte über die Aufmachung der Männer. Irgendwas musste ihre Clanzugehörigkeit verraten. Doch er erkannte nichts Verräterisches.

Der zweite Kerl schnaubte hämisch. »Fühlst dich sehr sicher, was? Bist es gewohnt, vom Todesengel beschützt zu werden, oder, Bitch?« Er tat einen gefährlich großen Schritt auf Dante zu. »Er wird deinen Arsch genauso wenig retten wie dein Getue.«

Bitch hatte ihn auch lange niemand mehr genannt – und nur bei einem duldete er es. Ihre Unverschämtheit versetzte ihm einen entrüsteten Stich.

Nun gut. Wenn sie lieber handgreiflich werden wollten … Sie wären nicht die Ersten.

Dante bückte sich nach dem Flaschenhals der geborstenen Flasche. Warnend hielt er ihnen die scharfe Glasscherbe entgegen und sagte kühl: »Ich übernehme keine Verantwortung, wenn euch eure eigene Dummheit zum Bluten bringt. Wenn ihr denkt, ich wäre ein leichtes Ziel, habt ihr euch geschnitten.«

»Blasierter Anwaltswichser.« Der Tätowierte machte einen großen Schritt auf ihn zu.

Dante schürzte die Lippen und wich zur Seite aus. »Ihr seid nicht sehr gut informiert. Ich wichse keine Anwälte.« Auffordernd nickte er den beiden zu. »Wer schickt euch?«

»Genug gelabert«, fauchte der andere. »Schneid der Hure den Schwanz ab und schick das Teil direkt zu ihm, wie geplant.«

Tattoogesicht nickte finster, ohne Dante aus den Augen zu lassen. »Mit Vergnügen.«

Wie geplant. Also war das hier tatsächlich ein Auftrag, kein Zufall. Wie primitiv.

Dante machte einen weiteren Ausfallschritt hin zum Bordsteinrand. Mit der freien Hand stützte er sich auf der Motorhaube ihres Wagens ab, die Straße im Rücken, die beiden vor sich. Den Flaschenhals noch immer erhoben, war er fast froh, dass sie nur mit Messern aufgetaucht waren. In Straßenkämpfen waren Klingen beliebter, weil sie weniger auffielen und schneller in unwilliges Fleisch gestochen werden konnten. Bei einer Schusswaffe hätte Dante mehr Respekt gehabt.

Sein Adrenalin sprang trotzdem nach oben, als sie aufholten und in dem Moment hinter ihm ein Linienbus vorbeifuhr, so nah, dass der Luftzug seine Haare aufstellte. Dante hatte auf die Freiheit der Straße gehofft, doch sie barg auch Gefahren.

Der mit den Tattoos stach zuerst zu. Ein schneller, grober Ausfall mit dem Messer, der auf die Brust zielte. Dante wirbelte zur Seite, die Klinge strich haarscharf an seiner Rippe vorbei und schnitt durch sein Hemd. Der Stoff klaffte auf, aber die Haut blieb heil.

»Glaubt ihr ernsthaft, dass ich mich nicht verteidigen kann?«, zischte Dante und nutzte die Schwungbewegung, um dem Angreifer mit der Scherbe die Lederjacke am Unterarm aufzuschlitzen. Er riss wohl auch ein gutes Stück Fleisch auf, denn sein Angriff wurde von einem halb überraschten, halb schmerzerfüllten Aufschrei belohnt.

Der zweite Kerl nutzte die Gelegenheit. Er rammte Dante die Schulter in den Rücken, als dieser noch im Ausweichen war, und schleuderte ihn gegen die Motorhaube des Wagens. Die Hand mit der Scherbe knallte auf die Haube. Die Flasche zerbrach endgültig, nur ein stumpfer Rest blieb in seiner Faust.

»Jetzt hast du nichts mehr, du Kackbratze«, knurrte Tattoogesicht und holte mit dem Messer aus.

Dante ließ sich fallen. Er rutschte an der Motorhaube entlang, bis er vor dem Auto in der Hocke landete. Die Klinge pfiff über seinem Kopf hinweg und kratzte über den Lack. Von unten rammte Dante seinen Ellbogen in die Kniekehle des zweiten Angreifers. Als dieser japsend ins Straucheln geriet, schlug er ihm mitleidlos in die Weichteile. Sein Treffer erzeugte ein Aufheulen. Der Kerl ließ das Messer fallen. Dante griff es und sprang wieder auf die Füße. Er war außer Atem, aber sein Geist war hellwach – und er ignorierte das Pulsieren des Kopfschmerzes hinter seinen Schläfen eisern.

»Man muss kämpfen lernen, wenn man mit dem Teufel ficken will«, sagte er und ging rückwärts um das Auto herum, ohne die beiden aus den Augen zu lassen. »Sonst zerreißt er einen dabei in der Luft.« Erst auf dem Bordstein atmete er wieder auf.

Die erste Warnung schien den beiden nicht zu reichen – und Dante fragte sich, wie viel Zeit es noch brauchen würde, bis die Nachbarschaft endlich begriff, was hier gerade geschah, und Hilfe holte.

Der Tattoogesichtige, dem Blut über die Hand lief und auf den Boden tropfte, stürmte mit einem wütenden Brüllen auf Dante zu – wuchtig wie ein Nashorn, aber unflexibel. Wild stach er zu, einmal, zweimal. Ein drittes Mal. Jeder Hieb war kraftvoll, doch unkoordiniert. Dante tänzelte zurück, sein Hemd kassierte noch einen Schnitt und flatterte ihm bald offen um den Oberkörper.

Mit konzentriertem Geist wartete er, bis er die Schwachstelle erkannte, wie Angelo es ihn gelehrt hatte. Dann griff er an, fing die heranschießende Klinge mit seiner eigenen ab und beim nächsten Hieb wappnete er sich, sie dem Mistkerl aus den Fingern zu schlagen. Doch Dante war eine Millisekunde zu langsam. Sie genügte, damit die Klinge seine Brust entlangfuhr. Heißkalter Schmerz folgte. Überrascht keuchte er auf, aber Zeit, sich die Wunde anzusehen, blieb nicht. Da raste das Messer erneut auf ihn zu und er musste zurückspringen.

Der zweite Angreifer kam mit erhobenen Fäusten wieder. Er war langsamer als sein Kumpel, aber breiter. Dante täuschte einen Ausfall nach rechts an, ließ den Mann ins Leere schlagen und wirbelte dann um seine eigene Achse. Sein Knie krachte in die Seite des Tätowierten, der gerade erneut zustechen wollte. Die Luft entwich dem Mann mit einem kehligen Laut.

Der Zweite schlug mit einem wilden Schwinger zu, der Dantes Schädel seitlich traf und seine Welt in die Schieflage stieß. Schmerz explodierte so heftig, dass es weiß vor seinen Augen wurde. Übelkeit schüttelte ihn, während er nur am Rande merkte, wie er auf dem Asphalt landete, halb abgefangen von seinen Händen.

Jemand packte ihn im Haar und riss seinen Kopf nach oben. »Endlich. Scheiß Schlampe.«

Heißes Blut lief aus Dantes Nase – vermutlich vom Aufprall.

Gleich darauf spürte er die Klinge an seiner Kehle. Als er schluckte, kitzelte sie unheilvoll seine Haut.

»Irgendwelche letzten Worte?« Sein Peiniger klang unerhört triumphierend.

Dante war schlecht. Der Kopfschmerz dröhnte ihm so sehr im Schädel, dass er den Mistkerl kaum verstand. Und doch hatte er eine letzte Warnung für sie übrig: »Ihr habt euer Todesurteil unterschrieben.«

Die beiden schwiegen verblüfft.

Dann lachten sie brüllend auf. Der Griff in sein Haar wurde fester.

Es wurde schwarz vor seinen Augen. Am Rande hörte er einen lauten Knall. War da gerade sein Lebensfaden gerissen?

Kapitel 2

Dante

Es war heiß, sein Kopf dröhnte und ein ekelerregend metallischer Geschmack lag auf seiner Zunge. Mit einem Würgen kommentierte sein leerer Magen, was er davon hielt.

»Scheiße, reiß dich zusammen.« Jemand drückte ihn fester an seine Seite. »Kotz mich bloß nicht an.«

Dante gab ein unwilliges Brummen von sich. Er fühlte sich dehydriert und seine Glieder waren so schwer, dass er sich wunderte, wie er aufrecht stehen konnte.

Es brauchte einen weiteren Moment, um zu begreifen, dass das nicht sein Verdienst war. Jemand hielt ihn oben. Nicht der, den er gerade am meisten gebraucht hätte. Natürlich nicht. Er war da, wenn er selbst etwas wollte, nicht andersherum.

Dante blinzelte gegen die erbarmungslose Sommerhitze an, die ihm von Fensterscheiben und Autos entgegenstrahlte. Er drehte den Kopf mit aller Kraft, die er noch aufbringen konnte. Fuck. Vielleicht wäre er doch lieber gestorben. Er fühlte sich schlimmer als je zuvor. Sein Arm lag über den Schultern des Mannes, der ihn mit sich schleifte.

Tony, erinnerte sich Dantes benebeltes Hirn matt. Zuletzt aufgestiegen zum Underboss, nachdem diese Stelle vor einigen Jahren auf sehr unschöne Weise freigeworden war. Davor jahrelang Capo in den Reihen des Forte-Clans. Loyal, bis das Gegenteil bewiesen wäre.

Der junge, italienischstämmige Amerikaner warf ihm einen Seitenblick zu. »Na, wieder ansprechbar?«

»Töte mich.«

Tony lachte leise. »Danke, aber ich hänge an meinem Leben.« Er nickte zu Dante hin. »Kam zu spät, tut mir leid. War zum Glück gerade in der Straße. Brauchst du was? Siehst übel aus.«

»Wasser.«

»Klar, Moment.« Behutsam setzte Tony Dante auf der Treppe in einem Hauseingang ab und schob die Hand in seinen Rücken. Von dort zog er eine kleine Wasserflasche hervor, die entweder in einer Arschtasche oder seinem Hosenbund gesteckt hatte.

Dante war immer noch schwindlig. Der Boden drehte sich, wenn er ihn zu lange anstarrte. Aber er griff die Flasche mit klammen Fingern, scheiterte am Versuch, sie aufzuschrauben, und reichte sie Tony zurück.

Der seufzte leise, nahm den Verschluss ab und hielt sie ihm wieder hin. »Kannst du weitergehen?«

Gute Frage. Dante trank vorsichtig einen Schluck – und dann kickte der Durst so heftig, dass er die ganze Flasche auf einmal leerte.

Das Wasser half. Es klärte seinen Kopf genug, um vollständige Sätze zu denken. Dafür spürte er den Kopfschmerz nun umso deutlicher. Dante schaute an sich hinab. Gute Güte, er sah schrecklich aus. Hätte er sich nicht einfach fügen können? Dann hätten sie ihn in einem schicken, tadellosen Anzug begraben können, anstatt dass er lebend in Fetzen durch die Straßen ging.

Die blutrote Linie, die sich über seine blasse Brust zog, war bereits getrocknet. Das würde jemandem gar nicht gefallen. Nun, er hatte diese Mistkerle ja gewarnt.

»Danke.« Dante sah zu Tony auf und reichte ihm die leere Flasche zurück. »Du hast mich da rausgeholt.«

Der Underboss zuckte mit den Schultern und steckte sich eine Zigarette an. »War gerade im Büro. Wollte eigentlich zu meinem Auto, als ich euch sah. Hab den einen abgeknallt, der dabei war, dich abzustechen. Den anderen schleift Figaro zum Gespräch

Figaro war einst ein unbedeutender Made Man gewesen, jetzt war er Capo. In den letzten Monaten hatten viele Beförderungen die Lücken aufgefüllt, die die jüngste Clangeschichte in die Forte-Famiglia gerissen hatte.

Dante war froh, dass er mit einem blauen Auge davongekommen war. Vielleicht hatte er sich besser geschlagen, als er das früher getan hätte. Aber ohne fremde Hilfe wäre er trotzdem draufgegangen. Das gefiel ihm nicht. Und es sorgte ihn auf mehreren Ebenen. Er hatte eine Ahnung, wer dahinterstecken könnte.

Während er Tony nachdenklich musterte, nickte dieser auffordernd. »Weiter?«

Dante kam matt auf die Füße. Er stolperte. Der Schwindel nahm zu. Wären da nicht Tonys Hände gewesen, wäre er erneut mit dem Gesicht voran auf heißem Stein, Zigarettenstummeln und breitgetretenem Kaugummi gelandet. Heute war ein neuer Tiefpunkt für seine Eitelkeit.

Glücklicherweise wurde er stattdessen von Tony aufgefangen und sank gegen dessen breite Brust, während es bedrohlich vor seinen Augen flimmerte. Verdammt. Er brauchte einen kühlen, dunklen Raum, mehr Wasser und Schlaf. Ruhe.

»Du klappst mir jetzt nicht wieder weg, oder?« Tony hielt ihn fester.

Dantes Geist verlor sich. Sein Herz schlug schwer in der Brust, als könne es der Belastung und Hitze nicht standhalten. Erschöpft schloss er die Augen.

Am Rande hörte er den Underboss fluchen. »Scheiße. Muss ich dich tragen?«

Hinter Dante räusperte sich eine andere Stimme vernehmlich. »Nein.« Das Wort war eher ein warnendes Grollen.

Tony zuckte spürbar zusammen. Sein Griff um Dantes Schultern wurde schwächer. »Boss …«

»Ich übernehme ab hier.« Eine vertraute Hand legte sich in Dantes Nacken. »Gib uns Rückendeckung für den Fall, dass diese Wahnsinnigen noch mehr Leute für ein Himmelfahrtskommando herschicken.«

»Natürlich.«

Benommen ließ sich Dante herumschieben, bis er einen geliebten Duft in der Nase hatte. Dann wurde er von den Füßen gefegt und landete in starken Armen. Mit einem unwilligen Brummen nahm er das zunehmende Pochen hinter den Schläfen wahr. Sein Kopf würde jeden Moment explodieren, dessen war er sich sicher.

»Was hat so lange gedauert?«, murrte er und drückte die Nasenspitze in Angelos Halsbeuge.

Der seufzte leise. »Du siehst beschissen aus.«

Dante lachte schwach auf. »Du solltest mal die anderen sehen.«

Angelo schwieg. Er trug ihn die Straße entlang. Dantes Wahrnehmung kam nicht mehr mit. Weil er nirgends so sicher war wie in den gefährlichen Pranken seines Todesengels, war es leicht, jegliche restliche Aufregung hinter sich zurückzulassen. Jetzt würde alles gut werden, wenigstens für heute.

Dante verlor das Gefühl für Raum und Zeit. Er hatte keine Ahnung, wo sie waren, oder wie lange sie gingen. Stattdessen driftete er immer wieder weg, nur um gleich darauf vom Zuschlagen einer Autotür oder einem lauten Ruf von fern geweckt zu werden. Es fiel ihm schwer, bei Bewusstsein zu bleiben.

Irgendwann gingen sie aus der brennenden Sonne in eine schattige Gasse, in der es so kühl war, dass Dante fröstelte. Er hörte dumpfes Gelächter, das lauter wurde, als sie sich dem Hintereingang des Hauses näherten.

Unwillig kniff Dante die Augen fester zusammen. »Müssen wir?«

Angelo ignorierte ihn. Stattdessen sagte er im Befehlston: »Tony, Tür.«

Tony öffnete die Hintertür und dann schob sich Angelo hinein. Mit einem schweren Seufzen zwang Dante seine Augen auf. Scham stieg in ihm auf. Er wollte hier nicht in diesem Zustand gesehen werden. Aber danach ging es nicht. Nach solchen Dingen ging es selten in den letzten Monaten.

Trotzdem war er heilfroh, dass sie auf dem Weg zu den Treppen niemandem begegneten.

»Ich kann selbst gehen«, murmelte er.

Angelo schnaubte nur. »Sicher«, antwortete er spöttisch. »Hast du ja vorhin bewiesen.«

»Inzwischen hatte ich genug Pause.«

»Das hast du nicht zu entscheiden.« Angelos Ton war dominant.

Dante biss sich auf die Zunge, damit er nichts Bissiges antwortete. Etwa, dass er nicht bevormundet werden wollte. Aber für diese Diskussion hatte er gerade keine Kraft und er wusste, dass ihre Ansichten zum Umgang miteinander auseinandergingen.

Also schwieg er, während Angelo ihn die Treppen hinauftrug. Zum Glück begegneten sie auch hier kaum jemandem. Das Haus würde erst am Abend voll werden.

Sobald sie im Dachgeschoss angekommen waren, stemmte sich Dante wieder gegen Angelos Griff. »Lass mich endlich runter.«

Er wurde auf die Füße gelassen und hielt den Kopf erhoben, selbst als das Pochen hinter seinen Schläfen kaum noch zu ertragen war. Stumm sah er zu, wie Angelo die kleine, schäbige Tür aufschloss.

»Der Arzt ist unterwegs.« Angelo schob die Tür auf und ging voran.

Dante folgte ihm in die Wohnung, mit der er nie wirklich warm geworden war. Sie war kein Vergleich zu seiner eigenen an der Upper East Side. Aber sie war im Herzen von Angelos Revier und deshalb in Momenten wie diesem viel wert – selbst wenn sich die Tapete von den Wänden löste und der muffige Geruch nie verschwand. Für Letzteres konnte natürlich auch das Bordell verantwortlich sein, das den Rest des Hauses einnahm. Dante vermied es nach Möglichkeit, hier zu übernachten. Er war viel zu hellhörig für eine Wohnung über einem Freudenhaus.

Nun war er nicht so wählerisch. Wortlos ging er durch den kleinen Eingangsbereich ins Schlafzimmer und ließ sich aufs Bett fallen.

Zufrieden nickte Angelo ihm zu. Sein Blick wanderte über Dantes Körper.

»Ich weiß.« Mit bebenden Fingern löste Dante seine Manschettenknöpfe und streifte sich das zerfetzte Hemd ab. »Ich habe wirklich schon besser ausgesehen.«

»Wer hat deine Brust aufgeschnitten?«

Dante zuckte mit den Schultern. »Spielt es eine Rolle?« Immerhin war er froh, dass es nicht tiefer gegangen war.

Aber er spürte Angelos finsteren Blick auf sich, der mit jeder Sekunde mörderischer wurde. »Ja.«

»Keine Ahnung. Der mit den Tattoos.«

»Also der, der noch lebt.« Um Angelos Mundwinkel zuckte es. Das Funkeln in seinen Augen war unheilvoll. »Gut.«

Mit einem schweren Seufzen ließ sich Dante zurücksinken und legte eine Hand an seine Stirn. »Wann kommt Stefano? Mein Kopf platzt gleich.«

»Ist jeden Moment hier. Ich lasse Tony bei dir.«

Dante schluckte schwer. Ihm wäre es lieber gewesen, Angelo wäre geblieben. Aber natürlich sortierte der Don seine Prioritäten anders. Für ihn war es jetzt das Wichtigste, sich um die Angreifer zu kümmern, die seinen Besitz angekratzt hatten. Das war ein Stich gegen sein Ego und sein Bild als unverwundbarer Todesengel, der nicht ungesühnt bleiben durfte.

Sobald Dante wieder fit wäre, würde er ihn dabei unterstützen.

Aber heute brauchte er Ruhe.

»Wann bist du zurück?«

Angelo straffte die Schultern. »Warte nicht auf mich.«

Mit zusammengepressten Lippen wandte Dante den Blick ab. Eindeutiger hätte eine Abfuhr sich nicht anhören können.

Er rührte sich nicht, als er Schritte hörte, die näherkamen. Und auch nicht, als ihm Angelo einen Kuss auf die Stirn hauchte. »Ruh dich aus.«

Dante brummte nur und versuchte, sich nicht zu sehr über die zärtliche Geste zu freuen. Sie würde ihn nur zu Hoffnungen verleiten, die Angelo wieder zerschlagen würde.

Weil seine Antwort ausblieb, wandte sich der Mafiaboss um. Gleich darauf klickte die Wohnungstür hinter ihm ins Schloss.

Dantes Augen brannten. Er wusste, dass es weder an der Dehydrierung noch an den Angreifern lag. Die hatten ihn wenigstens gesehen, hatten sich mit ihm befasst, hatten ihm einen Wert gegeben. Sie hatten nicht lockergelassen. Waren nicht einfach wieder gegangen …

Seine Gedanken waren verworren und irrational, bemerkte er, während er in den Schlaf driftete. So einen Unsinn zu denken, sah ihm gar nicht ähnlich.